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Full text of "Allgemeine musikalische Zeitung"

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THIS BOOK IS FOR USE 
WITHIN THE LIBRARY ONLY 




HARVARD COLLEGE 
LIBRARY 




THE BEQÜEST OF 
EVERT JANSEN WENDELL 

(CLASS OF 1«82) 
OF NEW YORK 



1918 



MUSIC LIBRARY 




Leipziger Allgemeine 



Musikalische Zeitung. 



Redigirt von Selmar Bagge. 



In principiellem EinYorständniss mit nnd unter Mitwirkung von; 

Dr. E. F. Baumgart in Breslau, Ch. Beauquier in Paris, C. van Bruyck in Wien, Dr. H. Deiters in Bonn, 
A. V. Dommer in Hamburg, F. Espague in Berlin, Dr. B. Franz in Halle, M. Fürstenau in Dresden, 
Dr. B. Gugler in Stuttgart, A. Hahn in Bielefeld, Dr. Ed. Hanslick in Wien, Dr. M. Hauptmann in Leipzig, 
Dr. J.G. Herzog in Erlangen, F. Hinrichs in Halle, Fr. Hüffer in Berlin, Prof. 0. Jahn in Bonn, F.W. Jahns 
in Berlin, H. v. Kreissie in Wien, Dr. E. Krüger in Göltingen, Dr. P. Marquard in Berlin, L. Meinardus in 
Dresden, R. Neher in Zweibrücken, G. Nottebohm in Wien, W. Oppel in Frankfurt a. M. , Prof. Chr. 
Palmer in Tübingen, F. Pohl in Wien, C. Reinthaler in Bremen, J. Rosenhain in Paris, J. Rühlmann in 
Dresden, A. Saran in Königsberg, H. M. Schletterer in Augsburg, Dr. J. Schlüter in Münster, Dr. E. Schneider 
in Dresden, Dr. A. Schöne in Leipzig, F. Sieber in Berlin, A. W. Thayer in Triest, G. Frhr. v. Tucher 

in München, R. Wüerst in Berlin u, a. 



L Jahrgang. 



Verlag von J. Rieter-Biedermann 

in Leipzig: und Winterthnr. 

1866. 



|S/\ajuo\'I 4^ 



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iDhalteverzeicIiDiss. 



Leitartikel^ historische, ästhetische und andere 
Anfsfttse. 

Vorwort. Von S. Bagge. Seite 1. 

Palestrina's Motetteo. Von Prof. C. Palmer. 2 ff. 

Eine französische Stimme über den Inhalt der Musik (•Philosophie de 

laMusique* von Ch. Beauquier). Von S. Bagge. 21 ff. 
Zwei eingewurzelte Druckfehler. Von Dr. B. Gugler. 29. 
(Fr. Schubert's Nachlass :) Grosse Messe in Es. Von C. v. Bruyck. 37 ff. 
Zweifelhafte Stellen im Manuscript der Don Juan-Partitur. Von Dr. 

B. Gugler. 61 ff. 
Die moderne agrosse« Oper und die Musik im Concert. Meyer beer, 

Wagner und Brahms. Von E. R. 62. 
Die Afrikanerin von Meyerbeer. Von S. Bagge. 85 ff. 
Ueber Herrn Appunn's Vorlesungen in Leipzig. Von S. Bagge. 117. 
Kunstlerconcerte in früherer Zeit. Von Dr. E. Hanslick. 125 ff. 
Zwei Cantaten von S. Bach : »Trauer-Ode« und »Der Streit zwischen 

Phöbus und Pan«. Von S. Bagge. 149 ff. , 
Heclor Beriioz als SchrifisteUer. Von A. Hahn. 165 ff. 
(Üeber Liedercyklen.) C. Reinecke's »Novelle in Liedern«. 181. 
A. B. Marx. Nekrolog von S. Bagge. 197 ff. 
Die Musik auf den Universitäten. Von Prof Chr. Palmer. 213 ff. 
Anmerkungen zur Ausgabe von Seb. Bach's Werken durch die Bach- 
Gesellschaft. Von Dr. Baumgart. 261 ff. 
Schumann und die Schumannianer. Von E. R. 285. 
Aus dem Manuscript der Don Juan-Partitur. Von Dr. B. Gugler. 301. 
(Ueber das Neu-Inslrumentiren S. Bach'scher Chor- und Orchesler- 

werke.) Job. Seb. Bach's Trauer-Ode, bearbeitet von Rob. Franz. 

I, ü. Von S. Bagge. 325 ff. 
Der Culturhistoriker und der Kritiker. Eine Ansicht über W. H. Rieh! 

und seine »Charakterköpfe«. Von E. R. 341. 
Zur Temperatur-Frage. Von Dr. Ed. KrUger. 357 ff. 
Nochmals zur Temperaturfrage. Von einem Physiker. 409. 
Ueber den ersten Eindruck eines Musikstücks. Ein Brief an Prof. B. 

in L. Von E. R. 413. 



Verschiedenes. 

S. Bach und die Bach- Ausgabe (Englische Suiten) betreffend. 
Eine Ansicht über Schumann's »Der Rose Pilgerfahrt«. 138. 
Proske aus und über Italien. 160 ff. 

Urtheil eines schweizerischen .Musikers über Johannes Brahms. 
Aphorismen über Kunst und Kritik von S. Bagge. 243 ff. 
Ueber eine zweifelhafte Stelle in Mozart's Quartett Nr. 6 C-dur. 
Aphorismen von A. Hahn. 297. 
Schiller-Musik. 338. 



129. 



208. 



272. 



Becensionen. 
Schriftei Ik^r Isiit 

Beauquier, Ch., »Philosophie de la Musiquem. Von S. Bagge. 21 ff. 

Beriioz, H., Schriften, deutsch von R. Pohl. (H. Beriioz als Schrift- 
steller.) Von A. Hahn. 165 ff. 

Döring, G., Choralkunde. Von Prof. Chr. Palmer. 288. 

Jahn, 0., Gesammelte Aufsätze über Musik. I, II. Von Dr. A. 
Schöne. 309 ff. 

Krüger, Dr. E., System d^r Musik (siehe unter Zeituogsschau). 

Lorenz, Dr. Fr., Haydn, Mozart, Beethov^n's Kirchenmusik und 
ihre katholischen und protestantischen Gegner. Von Prof. C. Pal- 
mer. 189. 

Mühlbrecht, 0., Beethoven und seine Werke. Von Dr. H. 
Deiters. 318 ff. 

Nohl, Dr. L., Musikalisches Skizzenbuch. Von Dr. H. Deiters. 318. 

Schiet terer, H. M. , Uebersichtliche Darstellung der Geschichte 
der kirchlichen Dichtung \ind geistliehen Musik. Von Prof. Chr. 
Palmer. 288. 

iKlkilbdie tkgnvUei. 

Thayer, A. W., L. v. Beethoven's Leben. Von S. Bagge. 373 ff. 



Aeltere TMwerke fai ersten «der ilech neien Aisgakei, 

Aeltere Claviermusik von G. Muffat, Phil. Em. Bach, Coupe- 
rin, Reichardt, Galuppi, Paradisi, G. B. Martini, 
Frescobaldi. N. Porpora, J. C. von Kerl, J. J. Froh- 
berger, Job. Kuhnau, Job. Matheson, L. Krebs, F. W. 
Marp.urg, J. Ph. Kirnberger, H. Dumont, J. Ch. de 
Chambonniöres. Von C. van Bruyck. 206, 214. 

Bach, S., Zwei Cantoten : Trauer-Ode, Der Streit zwischen Phöbus 
und Pan. I, IL Von S. Bagge. 149 ff. 

(Vergl. hierzu Seite 250 und 325.) 

Bach, Friedemann, Sonate für 9 Claviere. 336. 

Bach, Ph. Em., Sonaten für Ciavier und Violine. *336 ff. 

Classische Claviercompositionen aus ttlterer Zeit von J. Ph. Ra- 
meau, Fr. Durante, D. Scarlatti. 245. 

J o me 1 1 i , N., Requic^m. 253. 

Mozart, W. A., Musik zu dem Drama »Thamos«. 239. 

Palestrina, Motetten. Von Prof. Chr. PaUner. 2 ff. 

Scarlatti, D., Sonaten. 229 ff. 

Schubert, Fr., Grosse Messe in Es, bespr. von C. v. Bruyck. 37 ff. 

Ossian-Gesänge. 349. 



tpen* 

Abert,.J. J., Astorga. Von S. Bagge. 381 ff. 
Meyerbeer, G., Die Afrikanerin. I, IL Von S. Bagge. 85 ff. 



t.-.-. 



IV 



Inhalfsverzeichnise. 



Weibe flr Chifr ni irckeste^ Mtmeninik. 

Bargiel, W., Symphonie. Op. 30. 103. 
Bern er, F. B., Hymnus. 304. 
Brahmsi Joh.j Clavier-Qointett. Op.'34. i:i4ir. 
Bürgel, C. Clavienionate. Op. 5. 270 fT. 
Esser, H., Suite für Orchester. Op. 70. 70 fr. 
Fink, Chr., Der 95. Psalm^ Op. 28. 19S. 
fiernsheim. F., Wächterlied. Op. 7. 255. 
Grieg, H,, Violin-Spnate. Op. 8. 359. 
Grimm, J. 0., Suite in Canonform. Op. 10. 70 fT. 

An die Musik, Cantate. Op. 12. 223. 

Hol, R., Missa. Op. 28. 199. 

Hol ten, C. v., Sonate für Ciavier und Violine. Op. 5. 329. 
Kiel, Fr., Stabat mater. Op. 25. 303. 

Clavlertrio. Op. 88. 270. 

Krause, A., Sanctus und Benedictus. Op 16«. 304. 

Kyrie. Op. 16»». 305. 

Lachner, Fr., III. Suite für Orchester. Öp. 122. 70. 

Meumann, E., Sonate für Ciatier und Violine. Op. 16. 312. 

Reiter, E., Ostermorgen. Op. 15. 304. 

Roothaan, Tb. J., Afd^n^fcoi. 305. 

Rudorff, E., Streichsextett. Op. 5. 405. 

Stiehl, H., Claviortrio. Op. 50. 29C. 

Volkmann, R., Fest-Ouvertüre. Op. 50. 321. . 

Wüliner, Fr., Salve Regina. Op. 14. Der 98. Psalm. Op. 17. 174. 



Weltliche Cherges&nge. 

Ehiert, L*, 5 Lieder. Op. 28. 111. 

WüUner, Fr., Drei Chorlieder für weiW. Stimmen. Op. 16. 377. 



Ueder und Ve8&iif;e ulf Cla?ierbegleiiing. 

Asantschewsky; M. v.. Zehn Lieder. Op. 7. 111. 
j Deprosse, A., Volksthümliche Lieder. Op. 12. 111. 
Gernshcim. Op. 8. 14. 

Hager, Joh., Drei ^ITaden. Op. 24. Ürei Balladen. Op. 38. 263. 
Herzogenberg, H. v. Op. 1 und 2. 14. 
Meinardus,L. Op. 20. 14. 
Papperitz, R. Op. 8. 14. 

Reinecke, C, Eine Novelle in Liedern. Op. "^t. 151. 
Wolff, L., Vier Lieder. Op. 1. Sechs Lieder. Op. 2. 159. 



C«Mp#iki«Bei Ar irgel* 

Brosig, M., Drei Präludien und Fugen. Op. 1. Phantasien. Op. 6. 

Drei Präludien und zwei Volkslieder. Op. 11. 11^. 
Herzog, J. G., Verschiedene Werke. Op. 37, »8, 39, 40. 399' 

Thiele, L., Thema mit Variationen ; Concerlsülzt; in C-mol! und 
Es-molL 119 ff. 



tearHeitagen. 

Franz, R ob., J. S. Bach's Trauer-Ode. 



325 ff. 



C«aptsitlMeii ffrr dUffter. 

Brah ms, Joh., Vierhändige Walzer. Op. 39. '293. 
Bürge 1, C, Clavier-Sonate. Op. 5. 279 ff. 

Suite. Op. 6. 367. 

Grieg, E., Clavier-Sonate. Op. 7. 279. 

Humoresken. Op, 6. 361. 

Rudorff, E., Variationen füf- iwel' Pianoforte, Sechs vierhändige 
ClavierstUcke. Op. 4. 405. 



XJebersicht neu erschienener MoBikwerke» 
Arrangements und Schriffeen aber Musik. 

Abel, L., Violin-Üebungen. 368. 

Abert, J. J., Trauermarsch. 353. 

(Aeltere Orgelcompositionen in neuer Ausgabe. 345.) 

Asantschewsky, M. v., Concert-Ouveriüre. 345. 

Attinger, L., Drei vierstimmige Lieder. 177. 

Bagge, S., Vierhändiges Arrangement von Beethoven's fünf Cello- 
Sonaten. 128. 

Bai s ch, 0., Sechs Lieder. 201. 

Bauingariner, W., Lieder. 200. 

B argi 6 1, W., Symphonie in C. 47. 

— =- Ciavierstücke. 57. 

Bart hei» F. W. , Zweihändiges Arrangement von Schumann's D- 
moll-Symphonie. 153. 

Becker, J., Violinstücke. 368. 

Beethoven, Cadenzen. 56. 

Behr, Franz, Lieder. !tl 

Behr, Friedrich, Lieder. 200. 

Bendel, F. , Cla vierstücke. 3 1 4. 

Benoit, G. v., Lied. 216. 

Bergner, W., Vlerhäodiger Marsche 418. 

Berthold, U., Geistliches Choriied und Weihnachtsgesang. 168. 

B o n e w i tz , J. H., Clavierconcert. 400. 

B r a h m 8 , J. , Ciavierquintett. 48. 

Variationen. 56. 

*— Geistliche Chöre für FrauensUmmen. 177. 

Vierhändige Walzer. 265. 

Streicbsextett. 323. 

Cello-Sonate. 323. 

Brambach, C. J., Nacht am Meere. 330. 

B rassin, L., Scherzo für Ciavier. 80. ' 

Bree, H. J. van, Tedeum. 168. 

B rissler, F., Glavierauszug mit Text von Beethoven'ft Aninen vou 
Athen. 129. 

Arrangement von Gade's 7. Symphonie. 154. 

Broekhuijzen, J. H., Drei Lieder. 217. 
Brunner, C. T., Leichte Sonatinen. 417. 
B U c h 1 e r , F. , 24 Studien für Violoticefl. 322. 
Bü rgel , C, Clavier-Suite. 80. 

Balladen. 191. 

Sonate für Ciavier, 23L 

Drei Phantasiestücke. 363. 

Cornell, J. H., Lieder. 200. 
Couperin, F., Glavieraldidce. 401. 
Deprdsse, A., Zweistimnfige Lieder. 191. 

Ciavierstück für zwei Pianoforte. 418. 

Dietrich, A^ Uadar. 191. 
Dreszer, A. W., Symphonien. 47. 

Lieder. ^216. 

Eschmann, J. C, Albumblätter für Cla vier. 232. 
E s s e r , H. , Suite für Orchester. 47. 
Eyken, G. J. van. Fünf Lieder. 217. 

Acht vierhöndige Glavierstöoke. 286. 

Fischer, G. E., Lieder. 200. 

F 1 ü g e 1 , E. , Ciavierstücke. 80. 

Franke, H., Improvisation. S^2. 

Friese, E., Schottische Volkslieder. 217. 

Gernsheim,F., Wächterlied. . U%. 

Gleich auf, Vierhändiges Arrangement von Beethoven's StreJch- 

Irios. 128. . , , 

Goldmark, C, Drei vierhändige Stücke. 366. ' 

Ouvertüre zu Sakuntala. 345. 

Gottwald, H., Sechs Lieder. 216. 



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Inhaltsverzeichniss. 



y 



Grenzebach, E., ClaTierstttek«. 232. 

- tStttden und Toecata für Ciavier. 306. 
Sdeha vlovhtbidlg» BUtsohe. 418. 

G ri e g , E d. , Violin-SoDate. 48. 

Glavierslücke. 80. 

Sonate für Ciavier. 231. 

Grimm, J. 0., Canonische Saite für Streichmusik. 47. 

»An die Musik«. 16S. 

Sechs Lieder für Mfinnerchor. 177. 

Lieder. 191. 

G u r I i 1 1 , G. , Die Jahreszeiten fü r Mtfnnerchor. 1 77. 

Tonslücke für Clavter. 231 . 

H tt n d e I , F. G. , Glavierstück. 401 . 
Härter, B., Sechs Clavierstückc. 80. 
Hager, Joh., Drei Balladen. 191. 

H a i n e , C!., Ciavierstücke. 80. 

Heise, P., Lied. 217. 

Heise-Rothenburg, M. v., Lieder. 192. 

Henkel, H., Der erste Ciavierunterricht. '306. 

Herz, A., Drei Lieder. 217. 

Herzogenberg. U. v., »Acht Verttndeningen« für Ciavier. 232. 

Phantasiestücke. 353. 

Herzogenrath, E. [fälschlich Herzogenberg] , Lieder. 192. 
Hill er. F., HiUer-Album. 306. 

Cla vierstücke. 353. 

Holten, C. v., Yiolin-Sonate. 48. 
Hopffer, B., Fünf Lieder. 200. 

Hörn, A. , Vierhändiges und achtbändiges Arrangement von Schu- 
mann's Manfred-Musik. 153; vonGade'schenViolin-Sonalen. 154. 

Lied. 200. 

Israel, C, Lieder. 192. 
Jadassohn,S., Serenade fiir Ctavier. SO. 
Jensen, A., Brautlied. 168. 

95 Clavier-Eltldeii. 306. 

K i e 1 , Fr., Ciaviertrio Cis-moU. 48. 

K 1 a u e r , F. G. , Instructive Claviersttieke. 306. 

K lef f el, A., Seohs Lieder. 216. 

Vier händige Cla vierstücke. 418. 

K 1 6 n ge 1 , J. » Sechs Kitiderstücke für Ciavier. 306. 
K u r th , H., Meeresstille und glückliche Fahrt. 330. 
Lachner, Fr., Sniie HI fiir Ordiester. 47. 
Lacombe, P., Fünf CHarakierstscke für Ciavier. 232. 
Lampe, Dr. Ph. , Arrangements verschfiedener Seh umami' scher 

Werke. 153. 
Leonhard,fi., »Johannes der Täufer«, Oratorium . 1 08 . 
Liebe, L., Lieder im Volkston, zwei Conoertlieder. 216. 
Liszt, Fr., Arrangement von Beethoven's Symphonien für Ciavier. 

128. 
Lorenz, F., »Haydn, Mozart, Beethoven's Kirchenmusik«. 105. 
Meerts, L. J., Sonatinen für 2 Violinen. 368. 
Meinardus, L., »König Salomo«, Oratorium. 468. 
Mer z , C.« Vier Balladen für Ciavier. 232. 
Meumann, E., Violin-Sonate. 48. 
Meyroos, H. A., Drei Lieder. 217. 
Möhring, F., Sechs Motetten. 177. 
Mohr, E.,. Ciavierstücke. 314. 
M u c k , J. , Drei Gesänge fiir Chor. 330. 
Naumann, E., Fünf ^händige Impromptus. 266. 
Navratil, C, Variationen. 80. 
Neumann, G. F. E., Sechs Lieder. 201. 
Neumann, F., Instrwctive Glavierslücke. 41 7. 
N i c k , W. , Glavierslücke. 232. 
N i e 9 1 , F r ., Sechs Clavierstiicke. 232. 

Pachter, Dr. F., Beethoven und Marie Pachler-Koscfairk. 113. 
Prohaska, V., Lieder. 200. 



Promberger, J. » Arrangement von Beothoven's Cmoil-Concert 

für 2 Cla viere. 129. 
Raff, J., Ciavierslücke. 232. 

Ciaviertrio. 323. 

Rapp, C. A., Mazourka-Fantaisie für Cla vier. ' 401. 
R e b 1 i n g , G., Vloloncell-Sonate. 48. 
Rees, C. F. van, Ciavierstucke. 314. 
R e i c h e 1 , F r., Zwei Festgesänge. 108. 
Rei necke, C, Cadenzen. 56. 

Ciavierauszug mit Text von Beethoven's König Stephan. 129. 

Arrangement von Schufoert's C-Symphonle. 154. 

Vierhtindige Musik zu Nussknacker und MausekOnig. 265. 

Reissmann, A., Lehrbuch der Compo«itkMi. 113. 

R he inb erger, J., Ciavierstücke. 57. 

Richter, C, Glavierslücke.* 80. 

Rietz, J., Te deum laudamus. 168. 

Ritter, A. G., Siona. 330. 

R i t le r , F. L., Hafis, ein Liederkreis. 217. 

Glavierslücke. 232. 

Rechlich, G., Fromme Lieder. 216. 

Röhr, L., Arrangement von Beethx>ven'sGratulatiotigmeRiie4t. 128. 
Röntgen, E., Vierhändiges Arrangement von Beethoven's 0«ar- 

tetten. 128. 
R o 1 1 e , J. H. , Motetten in neuer Auflage. ^29. 
S a v e n a u , C. M. V., Pbantasiestüeke. 80. 
Scarlatti, D., Sonaten. 56. 
(Sammlungen: Perles musicales. 56.) 
Schauseil, W.,Concert* Variationen. 80. 
Schletterer, H. M., Uebersichtliche Darstellung der Geschichte 

der kirchlichen Dichtung und geistKchen Musik. 113. 

Sammlung da ssischer Cla viercom)[)ositk)neti. 231. 

Schlösser, A., Clavier-Quartett. 322. 

Schmidt, J. P., Vierhändiges ArrattdemeiEt von Be^hroven's C- 

Quinlett. 128. 

Schmitt, U., Hochzeitstänze für Ciavier. 232. 

Schnabel, J., Morgengesang für Männerchor. (Neue Auflage.) 177. 

Scholz, B., Im Freien, Ouvertüre. 345. 

Schondorf, J., Glavierslücke. 353, 401. 

Seeling, H., Glavierslücke. 401. 

Seitz, J. H., Vierhändige Glavierslücke. 417. 

Sieber, Fr., Lieder. 200. 

Vocalisen für Gesang. 314. 

S ieb man n , Fr., Lieder. 191. 

Glavierslücke. 232. 

SIawitzky,B., Clavieratiicke. 3ö4. 

S p i 1 1 a , P h.. Vierstimmige Lieder. 177. 

Lieder. 192. 

SleibeIt,D., Etüden. 401. 
Stiehl, H., Ciaviertrio. 48. 

Kiuderstücke. 401. 

Stockhausen, E. v., Lieder. 192. 
Tauwitz, E., Chor. 177. 
Thalmann, A., Violin-Duo. 368. 

T i r o n , A. , •Etudes sur la mutigue grecquet etc. 1 05. 
Tottmann, A., »Die stille Wasserrose«. 168. 
Tschirch , W., Devlscbes Siegeglied. 16S. 
(Ungenannt. Die Zanberflöte, Textläuterungen. 105.) 
ürbao, F. J., Gesänge. 216. 
Viardot-Garcia, P., Lieder. 200. 
V i e r 1 i n g , G. , Ouvertüre zur Hermannsschlacht. 345. 
Weidner, J., Allegro für Ciavier. 232. 
Weiss, G., Achthändige Polonaise. 418. 
Weyermann, M., Zehn Gesänge. 216. 

Charakterstücke für Ciavier. 232. 

Wich mann, H., Streichquartett. 48. 



A 



VI 



iQhaUsverzeichniss» 



Wilhelm, C, Mazurka. 401. 

Witte, C. G., Wälzer für aavier. 80. 

Witte, G. H., Walzer für Ciavier. 232. 

— Vier Impromptus für Ciavier. 314. 

Wölflo, Chr., Religiöse Gesünge. 192. 
Wolff, B., Ciavierstücke. »0. 
Zimmer mann, Agnes, Clavieff<9tÜcke. 232. 

Z o pf f , W., »Mohammed«, Oper. 168. 



Briefe und Berichte. 

Aus: 

Berlin. 6, 65, 97, 130, 169, 361. 410, 418. 

Bonn. 185 IT. 

Bremen. 88, 170, 418. 

Coblenz. 162, 209. 

Cöln (»Vom Rhein«). 24. 

Dresden. 73,130,210,401. 

Frankfurt a. M. 17, 26. 

Frankfurt a. 0. 392. 

Hamburg. 49. 

Holland. 113. 

Leipzig : 

Abonnement-Concerte. 18, 35, 42, 50, 74, 90, 98, 106, 346, 
354, 361, 369, 379, 394, 402, 411. 

Kammermusik im Gewandhause. 26, 90, 91, 106, 362, 395, 
403, 419. 

Armen-Concert. 58. 

Stadttheater. 7, 18. 

Riedel'scher Verein. 90, 162, 386, 419. 

Eulerpe-Concerte. 41, 42, 58, 90, 98, 369, 386, 394, 410. 

Singacademie. 90, 202, 402. 

Pauliner-Concert. 66. 

Passionsaufführung. 114. 

Concerte von Herrn und Frau Marchesi. 82. 

Die Leipziger Concertsaison 1865/66. 137 fr. 
München. 57. 
Münster. 48, 202. 
Oldenburg. 249. 
Paris. 40, 96, 12Q, 161, 192. 
Stettin. 257 ff. 
Stuttgart. 34, 89, 177, 273, 
Wien. 5, 49, 88, 105, 154. 233, 379, 393. 
Winterthur. 368. 
Zürich. 201. 



35, 



Neue oder wichtigere Werke in Berichten 
besprochen. 

Abert, »Astorga«, in Stuttgart. 273; in Leipzig 381 ff. 

»Columbus«, in Berlin. 169 ; in Wien. 235. 

Aeltero Werke (z. Th. in »historischen Concerten<r) , in Leipzig. 

42, 50, 74, 82, 90, 361. 
Bach, S., Matthäus-Passion, in Leipzig. 114. 

Pnssacaglia, instrumentirt von Esser, in Leipzig. 369. 

Beethoven, »König Stephan«, in Wien. 5, 234. 

Grosse Messe, in Leipzig. 90, 386. 

Brahms, Verschiedene Werke, in Cöln. 24; Trio mit Hörn, in 

Leipzig. 419. 
Brambach, J., »Veledav, in Leipzig. 66. 
Bruch, M., »Loreley«, in Leipzig. 7 ff. 

Violinconcert, in Coblenz. 162. 

C h e r u b i n i , Symphonie in D, in Wien. 5. 
Di ttersdorf, Streichquartett, in Leipzig. 39$. 
Gsser, Orchestersuite, in Wien. 105, 235. 



Händel, Messias, in Düsseldorf. 226; in Uainburg. 240^; Coocerlo 

grosso, in Dresden. 402. 
Hager, J., Streichqutntett, in Wien. 49i 
Herbeck, Messö, in Wien. 243. 
Hiller, F., »Pfingsten«, in Leipzig. 48; in Duasetdorf.. 226. 

Verschiedene Werke, in Leipzig. 26; in Paris. 161. 

J e n s e n , A., «Jephta's Tochter«, in Berlin. 98. 
Lachner, Fr., Vierte Orchestersuite, in Wien. 10^, 234. 
L a n g e r t , Des S&ngers Fluch, in Wien . 6 . 

Lisz t, Granei; Messe, in Paris. 120. 

Orpheus, In Berlin. 130. 

»Der heilige Franciscus«, in Paris. 162. 

Meyerbeer, »Die Afrikanerin«, in Leipzig. 85; in Wien. 106. 
Mozart, »Don Juan«, in Paris. 192. , . 

Palestrina, Improperien, in Leipzig. 162. 
Raff, Quartett, in Paris. 161 ; Orchester-Suite, in Wien. 393. 
Rossini, Chöre zum Mozart-Monument-Concert, in Wien. .154. 
Rubinstein, »Faust«, in Bremen. 170; Ocean-^ymphonie , in 

Leipzig. 394. 
Schubert, Symphonie -Fragmente, in Frankfurt a. M.. 17; in 

Wien. 235; in Leipzig. 411. 

Es-Messe, in Berlin. 130 ; in Leipzig, 202. 

Tausch, J., Ouvertüre, in Düsseldorf. 226. 

Vierling, G., Ouvertüre zur Hermannsschlacht, in Leipzig. 3u. 

»Im Herbst«, in Leipzig. 66. 

Volkmann, R., Fest-Ouvertüre, in Leipzig. 354. 
Wagner, R., Vorspiel zu Tristan und Isolde, in Stuttgart. 34; in 
Berlin. 130 ; zu Lohengrin, in Paris. 96. 



Harmonie und Dishar- 



FeuiUeton. 

1) Mificellen. 

Historische Notiz über Albrechtsberger. 8. 
Hehnhoitz über Wechselbeziehungen von 

monie. 19. 
Anekdote von Heinichen. 19. 
Scherer über Zigeunermusik. 27. 
Reinthaler über de Witt. 43. 
Palestrina, Vorreden zu seinen Motetten. 59. 
Mendelssohn-Paralipomenon. 123. 
A. Trendelenburg über das Ebenmaass in der Kunst. 132. 
Text zur Trauerode von S. Bach. Omdichtuwg von Franz Iliiffer. 250. 
Autographisches von C. Gollmick. 258. 
Anekdote über Quanz und Friedrich d. Gr. 259. 
Th. Vischer über das Symbolisiren in der Kunst. 
Biographische Skizzen : 

I. Frau Julienne Flinsch-Orwil. 
II. Joseph Derffel. 298. 
111. Amalie Joachim. 370. 
Erinnerungen an Ems. 290. 
Prof. Scholl über Fr. Schuberik. 307. 
A. Dumas über Meyerbeer. 314. 
Kastner's Par^miologie. 314. 
Prof. Friedifinder über die antike Kunst 
Dr. Ed. Hanslick, Parallele zwischen Liszt und Abb6 Vogler. 
Eine Feuilleton-Kritik von Dr. Ed. Hanslick. 346 ff. 
Ungedruckte Briefe Roh. Schumann's. 347. 
Aus Briefen von Dr. M. Hauptmann. I. 362, II. 386. 



275. 



282. 



330. 



339 



^) Nacliriclilen. 

i) Originalnotizen 
aus: 

Basel. 58, 155. 

Berlin. 122, 146, 243, 379. 

Bonn. 387, 411. 



Inhaltsverzeichniss. 



VII 



Braimschvveig. 363, 371. 

Bremen. 43, 51. 

Breslau. 339. 

Carisruhe. 27, 123, 203. 

Cassel. 155, 379. 

Coblenz. 51 . 

Coburg. 27, 283, 

Cöln. 19, 27. 

Dresden. 83, 91. 

Düsseldorf. 179, 187. 

Elberfeld. 19. 

Eisenach. 59, 115, 211, 403. 

Esslingen; 187,283,411. 

Frankfurt a. M. 83, 107, 163, 355, 379. 

Güstrow. 27, 203, 219. 

dem Haag. 7, 99. 

Hamburg. 7, 18,36, 58, 67, 83, (99), 115, 131, 146, 323, 371, 387. 

Hannover. 179, 283, 348, 363. 

Leipzig. (Am Ende fast jeder Nummer.) 

London. 27, 43. 66, 74, 82, 91, 106, 123, 171, 17^, 187, 211, 

219, 227, 251, 259, 291, 387. 
Minden. 163. 
München. 75, 122, 139. 
Münster. 51, 83, 171, 307, 371. 
OfTenbach. 99. 
Osnabrück. 307. 

Paris. 7, 27, l5, 59, 67, 74, 107, 114, 131, 146, 195. 
Petersburg. 36. 
Reval. 19, 244. 
Rostock. 195, 227, 363, 379. 
Rotterdam. 43. 
Stuttgart. 83, 139, 187. 
Wien. 42, 75, 91, 99, 115, 275, 355. 
Wiutertbur. 363. 
Zweibrücken. 195. 

2] Ueber Personen und Sachen; 
J. Brahms. 355, 363, 395. 

J. Joachim. 7, 139, 179, 347, 355, 363, 379, 411. 
Cb. Beauquier. 7. 
J. Wasielewsky. 7, 395. 
Opernrepertoire und Concertprogramme. 8. 
Frftul. A. Götze. 8. 
Frau Claus Szarvady. 8. 
C. Reinthaler's »Jephtba«. 8, 403. 
Briefe des Prinzen Louis Ferdinand. 8. 
Beethoven und Marie Pachler-Koscbak. 8. 
Melnardus* Oratorium König Salomo. 19. 
Beethoven und die Unger-Sabatier. 19. 
Schuberts Nachlass. 19, 42, 356. 
Ein Cölner Banquier. 19. 
Patti-Concerte. 19. 
G. Satter. 43, 99, 107. 
Clara Schumann. 51, 75, 99, 123. 146. 
Mendelssohn und eine Orgel in München. 51. 
Deutsche Volkslieder von Dr. Arnold. 67. 
Die »Afrikanerin« als Drama. 83. 
Liszt's »Hellige Elisabeth« und die Augsb. A. Ztg. 91. 
Herr Appunn in Leipzig. 92. 
Curioses Programm eines Kirchenconcerts. 99. 
Beethoven's Contrabassrecitative in der »Neunten« in Hamburg. 99. 
Beethoven's Portraits. 99, 179. 
Liszt's Graner Messe in Paris. 107. 
Gantaten von Stradella. 107. 
Neue Ausgabe von Haydn's Quartetten. 115. 
Sulzer-Schwindel und Rückertfeier in Wien. 115. 



Unglaubliches über den Zustand der Kritik. 115/ 

Schubert-Monument in Wien. 123. 

Münchner Conservatorium. 123. 

Pariser Charfreitagsfeier. 131. 

A. V. Dommer über die »Afrikanenn«. 139. 

Leipziger Conservatoriums-Prufunean. 139,141, 155, 163, 171, 179. 

Curiosum über eine Anthologie historischer Tonwerke von L. A. 

Zellner. 147, 
G. A. Bargheer. 163, 307. 

Schwind und das neue Uofoperothcatcr in Wi^en. 163. 
Abert's »Astorga« in Stuttgart. 187, 211. 
Eine Messe von J. Herbeck. 187. 
J. Derffel in Leipzig. 139, 155, 187. 
H. V. Bülow. 203, 228, 299, 323, 355. 
Gluck's Opern in Paris. 227, 355. 
Coussemaker's Schriften. 228. 
Literarisches Curiosum. 228. 

Leipziger Stadttheater. 244, 251, 268, 348, 356, 363, 371. 
Aloys Schmitt f. 259, 283. 
Viva Verdi! 259. 

Der Kritiker Escudier über »Xo Th^rdsisme«. 267. 
Wohlthatigkeits-Concert des Riederschon Vereins in Leipzig. 268, 

276. 
Conservatoriums-Prüfungen in Wien. 275. 
Cherubini's Sstimmiges Credo. 276. 
Hoftheater in Hannover. 283, 291, 299, 323. 
Conservatorium für Gesang in Coburg, 283. 
Rossini und der Papst. 283. • 

Ungedruckte Compositionen von Rossini. 284. 
Flotow's Oper »Zilda«. 291 . 
Das Journal des Dehats über F. Uiller. *l^%. 
N. W. Gade's »Kreuzfahrer«. 299. 
Das Pariser Conservatorium. 315. 
Bilse in Leipzig. 315. 
F. Uauser's Gesanglehre. 323. 
Tausig's Musikinstitut in Berlin. 330. 
Bernhard Scholz über die Hoftheater. 330. 
Ein blinder Negerknabe als Virtuose. 331. 
Der Don Juan in Breslau. 339. 
Der Musikunterricht auf den Gymnasien. 347. 
Prof. BischofTund'die neue Beethoven- Ausgabe. 347, 371. 
Neu erschienene Compositionen von S. Bach. 348. 
Hauptmannfeier in Leipzig. 339, 348. 
Ein Concert in Mexiko. 355. 
Rückert hört in Leipzig seine Lieder singen. 355. 
Zwei Torsos von Schumann. 356. 
Palestrina in einem kleinen prolestantisoheo Dorfo. 363. 
Bach-Ausgaben. 363. 
Wagner's Lohengrin in Paris. 379. 
Mignon als Oper. 387. 

Verzeichniss seltener verk&uflichor Werke. 387. 
Langert's Oper »Die FabieiM. 395. 
Eine Programm-Symphonie von Rheinborger. 395. 
Gumprecht über das Berliner Opernropertoiro. 395. 
Servals +. 395. 
0. Kraushaar f. 395. 
Briefe Beethoven's. 395. 
Historisehe Aufsätze von Furstenau. 395. 
Musikzustände in Triest. 403. 
Liszt imd Papst Pius. 403. 
300. Aufführung der »Zauberflöte« in Berlin. 411. 
J. Strauss, L. Kellermann, J. W. KaUiwoda f. 412 (420). 
»Mignon«, Oper von Thomas, in Paris. 420. 
Lohengrin in Pestb. 420. 



> 



VIII 



InhaU$verzeichiiiB8. 



Kittheflungeii ans anderen Journalen, 
Zeitongsflchau. 

Die Niederrh. II. -Ztg. über die Afrikanerin. 67. 

Dieselbe gegenüber Bralims. 92. 

Die »Neue Zeitschrift für Masik« benutzt die Leipziger Allg. Musikal. 
Zeitung. 99. 

A. V. Dommer über die Contrabass-Recitative in der Neunten Sym- 
phonie. 99. 

Der »Hannoversche Couriei"« über G. Satter. 107. 

Die «Grenzbotcn« über Nohl's »Briefe Beethoven's«. 116, 147. 

A. V. Dommer über das Orchestriren von Liedern. 116. 

J. Scfaubring im »Daheim« über Mendelssohn. 131. 

Bcrnh. Scholz über Program mmusik. 155. 

Die Cdlnische Zeitung über Abert's Oper »Astorga«. 217. 

Das 43. Niederrheinische Musikfest (aus dem »Westp bauschen Mer- 
kur»). 225 ff. 

Musikfest in Hamburg (aus dem »Hamburger Gorrespondentena) von 
A. von Dommer. 240 ff. 

Die Neue Berliner Musikzeitung und ihre Journalschau. 259. 

Die Niederrh. M. Ztg. über Prager Musikzustände. 259. 



Die eltpreussische Monatscbrift über die Musik am Hofe FrUdrich's 
d. Gr. 299. 

Le Mänöstrel Über A. Stradella. 299. 

Die »Deutsche Schaubühne« über die erste Aufführung \om Orphouti 
und Euridice. 299. 

Neue Zeitungen : »Aesthetische Rundschau« von A. v. Czeke. 3äl ; 
»Neue Allgemeine Zeitschrift fUr Theater und Musik« von Y. v. Ar- 
nold. 339. 
N Die Protestantische Kirchenzeitung über »Kirche und Tonkuoat«. ^7. 

Die Musik in Bonn im vorigen Jahrhundert und Beethoven's Jugend 
(aus der Bonner Zeitung). 375 ff. 

Dr. Ed. Krüger's System der Tonkunst (Selbstawzetge aus den Göt- 
tinger gelehrten Anzeigen) . 41 5. 



Berichtigungen. 

36, 59, 74, 83, 124, 147, 403. Femer ist in der Recension über Ru- 
dorff (Nr. 54) zu lesen — S. 406, Sp. S, Z. 44 v. u. : hastige 
thematische; S. 407, Sp. S, Z. 45 v. u. : nun statt nur; im letz- 
ten Notenbeispiel S. 408 müssen die zwei ersten Noten (a) gebun- 
den sein. 



/■" 



Di« Lcipii^er Allgemeine Mntlka- 

lisehe Zeiton; erscheint regelmftasi|r an 

jedem Mittwoch und ist durch alle 

Poettoter ood BuohhaxuUuAgen 

zu beziehen. 



Leipziger Allgemeine 



Freie: Jährlich 5 Thlr. 10 Ngr. 

VierteUthrliche Pr&nom. 1 Thlr. 10 Ngr. 

Anzeigen : Die gespaltene Petitieile oder 

deren Raum 2 Ngr. Briefe und Gelder 

werden francQ erbeten. 



Musikalische Zeitung 



Verantwortlicher Redacteur : Selmar Bagge. 



Leipzig, 3. Januar 1866. 



Nr. 1. 



I. Jahrgang. 



Inhalt: Vorwort. — Palestrioa's Motetten. — Berichte aus Wien, Berlin und Leipzig. — Nachrichten. — Miscellen (Historische Notiz). — ' 
Zur Nac hri cht für die Herren Verleger und Componisten. — Anzeiger. _____ 

V o r w o r t. 

Die vorliegende Musikzeitung ist nach Tendenz , Art des Inhalts und Form als eine Fortsetzung der 
»Allgemeinen Musikalischen Zeitung« zu betrachten; namentlich auch insofern, als Redacteur und Mitarbeiter 
dieselben bleiben. Die Zahl der letzteren durch neue tüchtige Kräfte zu vermehren, sind wir mit Erfolg be- 
müht gewesen und fortwSihrend beschäftigt; wir werden trachten, dieselben zum Yortheil der Sache und 
zur Befriedigung der Kenner , wie auch eines grösseren Leserpublicums. zu beschäftigen. Indem der Unter- 
zeichnet« sich erlaubt auf seine nunmehr sechsjährige redactionelle Thätigkeit (in der » Deutschen Musik- 
zeitung « und »Allgemeinen Musikalischen Zeitung «j, hinzuweisen, glaubt er sich heute auf folgende kurze 
Bemerkungen einschränken zu dürfen. 

Gegenstand unserer Zeitung ist die gesammte Tonkunst in ihren Hervorbringungen von Pale- 
strina bis zur Neuzeit. Unsere Hauptabsicht dabei bleibt: richtige Anschauungen über Werth und Verdienst 
der einzelnen Meister zu verbreiten, d. h. ebensowohl ihre Grösse auf speciellen Gebieten anschaulich zu 
machen, wie auch den Verwirrungen entgegenzuarbeiten , welche durch verkehrte Auffassung ihrer Leistuu- • 
gen, und ihrer Stellung zum Ganzen der Kunst, bei den Musikern und im Publicum entstehen. 

Innerhalb jener gesammten Tonkunst bilden dann natürlich auch die Bestrebungen der Gegen* 
wart, namentlich der schaffenden Künstler von wirklichem Talent, das stetige Object unserer sorgfältigsten 
Beobachtungen. Wenn auch nicht geläugnet werden kann, dass unsere jetzige Production an Kraft und 
reicher Fülle der Gedanken gegen die Kunst der Vorfahren zurücksteht, so ist doch nicht zu verkennen, dass 
in unserer Zeit viel Feines, Interessantes, ja selbst im Einzelnen Schönes geschaffen wird. In voller Thä- 
tigkeit der Production befindet sich eine nicht geringe Zahl namentlich deutscher Künstler; wer in den letzten 
Jahrgängen der Allgemeinen Musikalischen Zeitung blättert, wird manche werlhvolle Composition darin 
besprochen finden*). Diesen Talenten folgen wir mit besonderer Aufmerksamkeit, um die Art ihrer Be- 
gabung zu ergründen und das Urtheil der Leser zu schärfen. 

Wir beabsichtigen demnach möglichst positiv und aufbauend zu verfahren. Nur wo es nöthig scheint, 
wo das Nichtige uqd Falsche sich aufdringlich als etwas Bedeutendes geltend zu machen sucht, werden wir 
die Gehaltlosigkeit oder den Irrthum ohne Rückhalt aufdecken. Ueber Richtungen, die von den Gebildeten, 
allenthalben abgelehnt worden sind, die auch schon seit Jahr und Tag allzuviel discutirt wurden, wollen wir 
nicht viel Worte verlieren. Die Berechtigung verschiedener Richtungen und Individualitäten erkennen wir 
jedoch an, so lange sie sich innerhalb des Künstlerischen und streng Musikalischen bewegen. Wer von einer 
neuen bedeutenden Kunst träumt, mag sich mit Geduld waffnen. Eine Auseinandersetzung darüber, was zu 
einer solchen neuen Kunst gehört, würde hier zu weit führen. 

Unsere Aufmerksamkeit bleibt ferner zugewendet den Arbeiten der Forscher, Biographen, Musik- 
historiker U.S.W. Es ist unsere Hauptaufgabe, bei den neu erscheinenden Büchern dieser Art zuzusehen, ob 
sie die Kunstwissenschaft wirklich bereichem, das Publicum zu fördern geeignet sind. 

In den Berichten und Nachrichten, deren Abfassung so einzurichten ist, dass sie überall mit 
gleichem Interesse gelesen werden können , soll ein Bild des gesiimmten , namentlich deutschen Musiklebens 
gegeben, hauptsächlich aber über das Neue oder seltener Gehörte Mittheilung gegeben werden. 

*) Wir erinnern an verschiedene Werke von J. Abort, W. Bargiel, J. Brahms, M. Bruch, A. Dietrich, H. Esser, H. Franz, Fr. 
Gernsheim, X Grimm, J. Hager, M. Hauptmann, F. Hinrichs, A.Holländer, Fr. v. Holstein, F. HiJler, A. Jensen, Fr. Kiel, Fr. Lacbner, L. 
Meinardus, C. Naumann, G. Nottebohm, J. HafT, C. Reinecke, C. Reinthaler, F. v. Roda, G. Schmidt, B.Scbofz, W. Taubert, G. Vierling, * 
R. Volkmann, A. Walter, R. Wüerst, Fr. Wüllner u. s. w. — Wenn es uns begegnet sein sollte, dass die Werke irgend eines begabten 
Musikers unbesprochen geblieben wären, so sind wir gerne bereit, das Versäumte nachsuholen. 

I. 4 



2 Nr. 1. 

Es liegt in unserer Absicht, den Wünschen eines grösseren Leserkreises durch Vermehrung und 
Bereicherung des Feuilletons nachzukommen. Wir können in dieser Beziehung zwar nicht mit Blättern 
concurriren wollen, welche diesen Zweig geradezu in den Vordergrund stellen, aber wir haben Vorkehrungen 
getroffen, durch welche auch jener Theil unserer Leser befriedigt werden soll , welcher neben den ernsteren 
Verhandlungen der Leitartikel und Recensionen auch leichteren Unterhallungsstoff zu eihalten wünscht. 

Zu den obigen Zwecken haben sich mit uns eine Anzahl gründlicher und federgewandter Kenner 
und Musiker verbunden, von welchen die meisten durch musikalische Specialforschungen oder ästhetisch- 
kritische Leistungen , oder als gebildete , tüchtige Musiker und in Künsten erfahrene Gelehrte wohlbekannt 
sind. Wir machen folgende derselben namhaft: G. van Bruyck in Wien, Dr. H. Deiters in Bonn, A. von 
Dommer in Hamburg, Fr. Espagne in Berlin, Dr. R. Franz in Halle, M. Fürstenau in Dresden, 
A. Hahn in Bielefeld, Dr. E. Hanslick in Wien, Dr. M. Hauptmann in Leipzig, J. G. Herzog in Er- 
langen, F.Hinrichs in Halle, Prof. 0. Jahn in Bonn, J. Kreissie von Hellborn in Wien, Dr. E.Krüger 
in Göttingen, L. Meinardus in Dresden, C. von Noorden in Bonn, G. Nottebohm in Wien, W. Oppel 
in Frankfurt a M., Prof.Dr.C. Palmer in Tübingen, F. Pohl in London, J. Rosenhain in Paris^ J. Rühl- 
mann in Dresden, A. Saran in Königsberg, H. M. Schletterer in Augsburg, Dr. A. Schöne in Leipzig. 
Dr/J. Schlüter in Coblenz, A. W. Thayer in Triest, R. Wüerst in Berlin. 

Somit empfehlen wir diese Blätter der thatkräftigen Unterstützung, der nachsichtigen Beurtheilung 
der künstlerisch (Gesinnten — Allen, die es mit der Kunst und dem Publicum redlich meinen. Wir bedürfen 
jener Unterstützung in einer Zeit, wo bedenkliches, geschmackverderbliches Treiben ailenF Edlen und Echten 
entgegentritt, und jede ernste, nur der Wahrheit dienen wollende Unternehmung mit tausend Schwierig«^ 
keiten zu kämpfen hat. 

Leipzig, im December 1865. S. Bagge. 



Palestrina's Motetten. 

Motetten von l^ierluigi da Palestrina, in Partitur ge- 
setzt und redigirt von Theodor de Witt. Drei Bände Folio. 
Druck und Verlag von Breitkopf und Hürtel in Leipzig. Sub- 
scriptionspreis jedes Bandes 5 Thlr. 

C. P. Diese Motetten sind zwar schon vor längerer Zeit 
erschienen; Referent ist jedoch erst neuerlich von der 
verehrl. Redaction eingeladen worden, Bericht über die- 
selben zu erstatten, und er hat diesen Auftrag um so be- 
reitwilliger übernommen, je mehr auch ihn dieses Werk 
mit Bewunderung des alten , herrlichen Meisters und mit 
Dank gegen die Männer erfüllt hat, die diesen reichen 
Schatz aus der früheren Verborgenheit ans Licht geför- 
dert und zum Geroeingut gemacht haben. Ist es ihm doch 
beim ersten Blick in dieses Prachtwerk schier ergangen, 
wie Set. Peter, dem Apostel, der den reichen Fischzug 
that; man erschriokt zuerst Über solchen Segen, den man 
nicht gekannt noch geahnt hatte. Die Vorworte sind unter- 
zeichnet von J. N. Rauch, während auf dem Titel als Re- 
dacteur Th. de Witt genannt ist, jener gelehrte Musiker, 
dessen Tod vor einigen Jahren die Augsburger Allg. Zei- 
tung anzeigte, nebst einem Nekrolog, der uns damals schon 
bedauern Hess , dass während seines Lebens nicht mehr 
von ihm zur allgemeinen Kenntntss gelangt war. Für einige 
nähere Notizen über ihn im Vorwort waren wir recht 
dankbar gewesen. — Der erste Band enthält 33 fünf-, 
sechs- und siebenstimmfge , der zweite 29 fünf-, sechs- 
und achtstimmige, der dritte wieder 33 fünf-, sechs- und 
achtstimmige Motetten, also das ganze Werk deren 95, 
welche bis jetzt nur hi Stimmen vorhanden waren, und 
hier nun zum erstenmal in correcter Partitur, auf milch- 



weissem starkem Papier überaus sehdn gedruckt und für 
den Gebrauch auch dadurch bequem gemacht vorliegen, 
dass de Witt mit gründlicher Sachkenntniss die fehlenden 
Veränderungszeichen ergänzt, auch die vOHig ausser 
Uebung gekommenen Schlüssel mit uns geläufigeren ver- 
tauscht hat, übrigens so, dass die Gestalt des Qriginals 
immer kennbar bleibt. Von nicht geringerem Werthe sind 
in unseren Augen auch die lateinischen Vorreden, in denen 
Palestrina selbst (dessen Familiennamen Santo wir hier 
zum erstenmal erfahren, s. das Vorvvort zum zweiten Bande 
S. Vni) diese Motetten verschiedenen hohen Gönnern zu- 
eignet; ganz besonders schön ist die Zuschrift im 4 .Bande 
an den Cardinal Hippolyt von Este , wo er sich darüber 
ausspricht, dass er schon als Jüngling ein Grauen davor 
gehabt habe, dass irgend Etwas von ihm ausgehen könnte, 
das einen schlechten Einfluss auf irgend einen Menschen 
ausübe; es sei doch ein heilloser Missbrauch der edlen 
Gottesgabe, der Musik, wenn sie zum Leichtsinne, zu Pos- 
sen verwendet werde, man also dadurch die Menschen 
noch zum Schlechten anreize, als ob diese nicht schon ge- 
nug suapte sponte in mala omnia proclwes essent. Den 
Schluss dieser Dedication müssen wir noch hersetzen: 
ecc (fuibus intelligas , beneficia, quae in me quotidie confers, 
apud hominem , si nulla aHa re insignem , certe qttidem non 
segnem neque ineiü otio deditum coUocari. Nein wahrlich, 
du edler Geist! ein Faullenzer bist du zeitlebens nicht 
gewesen; dieses sowohl, als dass du auch ausser deinem 
Fleisse nonnuUa alia re insignis gewesen bist, das würden, 
wenn wir es nicht schon wüssten, diese drei Bände allein 
schon beweisen. 

Damit ist eigentlich Alles gesagt, was zu einer Anzeige 



Nn 1. 



obigen Werkes gebort; denn die einzelnen Motetten auf- 
zuführen mit Hinzufttgung von ein paar ledernen Prädica- 
ten , wie es Baini in seinem Buch ttber Palestrina gethan, 
wäre Zeit- und Papierverschwendung. Dagegen scheint 
es dem Referenten doch noch zur Aufgabe solch eines Ar- 
tikels gehörig, wenigstens einige Wahrnehmungen über 
Palestrina^s Art und Methode, wie sich ihm dieselben bei 
der Betrachtung dieser Gesänge aufgedrungen haben, hier 
mitzutheilen. Solch ein Beitrag zur Charakteristik des 
wunderbaren Mannes ist, so bescheiden er sein mag, viel- 
leicht doch nicht ganz werthlos , weil , so viel wir auch in 
Baini's biographischem Werk , in Thibaut's »Reinheit der 
Tonkunst«, in UlibischeflPs Mozart, bei Winterfeld , Bren- 
del u. A. ttber Palestrina lesen , sich doch Alles, wenn es 
auch nicht pure Lobrede ist, so im Allgemeinen hält, dass 
es mit wenigen Variationen ebenso auf manchen ganz 
anders gearteten Musiker passen könnte. 

4. Wenn von Palestrina's Kirchenstil die Rede ist, so 
denken wir zunächst an diejenige Schreibart, mit welcher 
er zuerst in den Improperien aufgetreten ist. Es sind jene 
Dreiklänge, die, verschiedenen Tonarten angehörig, unver- 
mittelt aufeinander folgen. Diese Gompositiousart hat aber 
Palestrina weislich nur für liturgisch hochbedeutsame Mo- 
mente in Anwendung gebracht; sie auch ist es, die am 
meisten den katholischen Tonsetzer charakterisirt , denn 
der protestantische Choral kann diese Form nicht anneh- 
men, weil für ihn die volksthtimliche Melodie das Erste 
und Wichtigste ist; der Chorgesang aber hat im protestan- 
tischen Cultus nirgends solche Mysterien zu begleiten und 
zu feiern, deren musikalisches Symbol jene Sätze sind. 
(Das lutherische Abendmahlsdogma kai^n nicht hiegegen 
citirt werden, da weder Dogma noch Ritus etwas von einer 
Wandlung wissen.} Aber aus demselben Grunde hat auch 
Palestrina selbst jene Satzweise nur für solche Höhepunkte 
der Feier bestimmt, daher sie in diesen Motetten kaum an 
einigen Stellen (I. Bd. Nr. 30. S. 137 zu den Worten: 
O magnum mysteriim; HI. Bd. Nr. 30. S. 4 43 zu den 
Worten: Veni sancte Spiritus, ebd. S. 49. S. 70 zweites 
System] sich erkennen lässt. Die Motette hat ja nicht die 
Bestimmung des Messgesanges, sondern dient freierem 
und mannigfaltigerem Gebrauche , daher Palestrina seine 
Texte hiezu auch aus sehr verschiedenen Quellen, aus der 
Bibel [Vutgata) , aus der Liturgie, aus Legenden und Kir- 
chenschriftstellem genommen hat. (In Bd. III. S. 9 setzt 
er z. B. die trockne Notiz aus Surius* Vüae Sanctorum in 
Musik , wonach die S. Cäcilia cantantibus organis singend 
das GeHlbde der Jungfräulichkeit Gott dargebracht habe, 
eine Legende, worauf bekanntlich die Verehrung der Cä- 
cilia als Paironin der Musik und insbesondere der Orgel 
beruht.) Wir kommen auf die Texte noch zurtlck. 

2. Begegnen wir also hier jenen auszeichnendsten 
Merkmalen des Stiles alla Palestrina nur wenig , so tritt 
uns desto mehr Gleichmässiges von anderer Art in allen 
diesen Motetten entgegen. Ueberall herrscht die kunst- 
reichste Polyphonie, jede Stimme hat, ohne dass doch je- 



mals eine Dissonanz entstünde , die das italienische Ohr 
nicht ertrüge, ihre selbstständige Geltung, aber nirgends 
findet sich eine ausgeführte Fuge ; jeder Canon wird nur 
in massigem Umfange fortgeführt, dann treten neue Figu- 
ren ein, die wieder jn ähnlicher Weise behandelt werden. 
Meist wird das Stück sogleich mit canonischer Arbeit be- 
gonnen ; verhäitnissmässig selten treten volle Accorde gleich 
zum Anfang ein (wie n. Bd. Nr. 4 Canite tuba in Sion; 
Nr. 24 l\ies Petrus; III.Bd. Nr. 48 pars secunda; Nr. 22 
Haec dies quam facit; und besonders das wunderschöne 
O'boneJesUy III. Nr. 26, welches eine andere Composition 
ist, als das sonst bekannte , kürzere Stück , das dieselben 
Anfangsworte zum Texte hat). Nie findet sich im Verlauf 
eines Stückes ein Einschnitt oder Absatz , ein Ruhepunkt, 
wenn auch hie und da (wie Bd. HI. S. 20) alle Stimmen 
momentan in einen gehaltenen Accord einmünden; jenes 
ununterbrochene Fortarbeiten der Stimmen ist übrigens 
bekanntlich eine Eigenschaft der Motette überhaupt. Die 
erwähnten Merkmale sind nun aber allen diesen Gesang- 
stücken so gleichmässig eigen , dass , wer etwa die Man- 
nigfaltigkeit der musikalischen Formen in Erinnerung hat, 
die auch nur in-einer einzigen Bach'schen Cantate, vollends 
in einem Händerschen Oratorium, von neueren Musik- 
w^erken ganz zu schweigen, zu finden ist, in Vergleich 
hiermit sich des anfänglichen Eindrucks der Einförmigkeil 
nicht leicht erwehren wird. Von den Ton- und Taktarten 
noch ganz abgesehen, ist die Melodiebildung, die melis- 
matische Bewegung und Belebung (letztere meist in Gän- 
gen durch die Scala oder einen Theil derselben bestehend) 
sich überall ähnlich; Texte wie Bd. I. S. 87 Hie estdisci- 
pulus nie, qui iestimmium perhibet de Ais, oder S. 98 Unt/s 
ex duobits erat. Andreas y oder Bd. III. S. 400 Susanna ab 
improbis senibus obsessam se videns — werden ganz in der- 
selben feierlichen Weise behandelt , wie Psalmtexte oder 
Aussprüche Christi ; von irgend einem Unterschiede zwi- 
schen Epischem und Lyrischem scheint jede Spur zu feh- 
len. — Nun , wenn man zum erstenmal eine fremde Ge- 
gend und einen noch nicht gesehenen Volksstamm besucht, 
so glaubt man anfangs auch, die Gesichter sehen alle ein- 
ander gleich ; hat man aber nur erst acht Tage unter den 
Leuten gelebt, dann merkt man schon, dass doch auch 
von ihnen jeder seine eigene Physiognomie trägt. So ver- 
hält sichs auch hier. Immerhin haben die alten Meister, 
hat die alte Zeit überhaupt sich gar nicht darauf gelegt, 
eine grosse Mannigfaltigkeit musikalischer Formen zu 
schafften, wie ja auch in Deutschland geistliches Lied, welt- 
liches Lied, Tanzmelodie — alles Einen und denselben 
Zuschnitt hatte ; bei Palestrina hing diese Gleichförmigkeit 
ohnehin aufs Engste damit zusammen , dass er nur für 
kirchlichen Chorgesang zu schreiben hatte , dass überdies 
alle Instrumentalmusik ihm fertie lag. Aber sobald wir 
uns in ihn' einzuleben anfangen, so wird uns mehr und 
mehr deutlich, dass er auch innerhalb dieses beschränkten 
Gebietes über einen Reichthuni musikalischerDarstellungs- 
mittei gebietet, die uns gerade wegen jener extensiven 



Nr. 1. 



Beschrankung nur am so mehr zur Bewunderung des Genius 
binreissen. Es sei hierüber Folgendes bemerkt. 

3. Man hat öfters die Musik Palestrina's mit einem 
Meere verglichen, wenn es unter blauem Himmel ruhig und 
doch kraftvoll seine vollen Wogen dem Lande zusendet. 
Da heben und senken sich wohl in nie rastender Bewegung 
die Wellen, aber keine derselben löst sich ab von der ge- 
waltigen Masse. In der That, während in modemer Musik 
sich das melodische Element mehr oder weniger in ein- 
«zolnen, von einer Stimme, von einem Instrument darge- 
stellten Tonbildern darstellt, wozu sich alle tlbrigen Stim- 
men nur als untergeordnete, zurtlcktretende Begleiter ver- 
halten, die die harmonische Grundlage oft nur andeuten: 
so kennt Palestrina solche Ablösung, solch ein selbststan- 
diges Hervortreten melodischer Figuren aus der Tonmasse 
nicht. Aber nichtsdestoweniger glänzt doch bald da bald 
dort eine Melodie von eigenthtlmlicher Schönheit aus dem 
wogenden Ganzen hervor; grade desto schöner, je an- 
spruchsloser sie sich diesem anschliesst und einftlgt. Man 
höre z. B. folgende Stellen : 

Bd. li. S. 4tt. 

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non prae-va ~ le - bunt ad - ver-stu e 



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Bd. II. S. 100. 



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sal-va -bo te et li 
Bd. I. S. B7. 



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bo " te. 



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San - de Pau - le a ^ po - sto - le. 
Bd. 11. S. 4S und S. 4 7. 



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ex - pressa sig 

Bd. U. S. 47. 

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ti - ta - tis. 



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a ' pe - ri ' a - für ter - ra. 

Alle solche Motive werden sofort von den übrigen 
Stimmen aufgenommen und contrapunktisch verarbeitet. 
Diesem melodischen Element gehören femer die nicht sel- 
tenen Stellen an, wo zwei Stimmen einen melodischen 
Satz in reinen Terzen ausführen, z. B. : 

Bd. m. S. 80. 





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et — a - bo - mi - nat-08 re " spi ' ce. 

Bd. II. S. 87. 
E - go 



S-goro^ga-bopa - - - trem. 



Derselben Kategorie der zugleich populären Schönheit 
haben wir die ungemein häufigen, kraftvollen Sextaccord— 
gäoge beizuzählen, z. B. : 



Bd. II. s. %9. 



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zzz: 



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4. Wenn wir oben sagten, Palestrina behandle die 
allerverschiedensten Texte, bedeutende und bedeutungs- 
lose (letzteres Prädicat ist ohnehin nur relativ zu verste- 
hen , für Palestrina's frommen Sinn war nichts von bibli- 
schen oder liturgischen Worten, nichts von kirchlicher 
Tradition bedeutungslos), in derselben Weise: so würde 
dies streng genommen alles dasjenige ausschliessen , was 
wir musikalischen Ausdruck nennen , und wozu die mo- 
derne Musik eine Menge von Mitteln anwendet, die unse- 
rem alten Meister nicht zur Hand waren. Allein eine ge- 
nauere Beobachtung lehrt uns auch in dieser Hinsicht ein 
Anderes. Schon durch den einfachen Gegensatz des ge- 
raden und des Tripeltakts weiss Palestrina einen dein Text 
entsprechenden musikalischen Ausdmck zu gewinnen ; gar 
oft, wenn ein Aileluja kommt, wie Bd. U. S. 36. 38, 
III. 22. 27, oder wenn überhaupt Freude ertönen soll, 
wie Bd. 111. S.107 (wo Jubel ist über Susanna's Rettung), 
S. iii und sonst, geht er vom geraden in den ungeraden 
Takt' über und lüsst in diesem die Stimmen homophon 
ausklingen. Ueberhaupt ferner weiss er am rechten Orte 
die vorher ungleich fortschreitenden Stimmen zu einer 
gleichmässig vorrückenden oder auch ii^ Gruppen sich ab- 
lösenden Masse zu vorbinden, so Bd. II. S. 435 zu den 
Worten haurietis aquas ingaudioeicA h S. 34 Crucem sanc-^ 
tarn etc.; S. 84 Domine Jesu; S. 405 hie Jesus; S. 435 
dicenles Amen; S. 439 collaudantes dominium; II. S. 4 4 m 
capite ejus coronam ; lll. S. 4 40 borte pastor, pants vere etc. 
Welx^he Innigkeit der Anbetung weiss er in die einfachen 
melodischen Tonfolgen wie in die vollen Accorde zu legen, 
wenn er Worte wie: beata trinitas, bone Jesu, Confi-- 
tebor tibi ilomine u. dgl. zu componiren hat! Welch ein 
Jubel ertönt IL S. 464 zu den Worten (Syst. 2) Jn gcmdio 
cum vuUu tuo, II. S. 42. 43 zum AUehtja, ebenso I. S. 4 00 ! 
Ja, dass Palestrina, trotz dem in der Schreibart seiner Zeit 
begründeten Verziehen der Wörter und Silben, einen feinen 
Sinn selbst für declamatorische Wahrheit des Ausdrucks 
besass , er also auch hierin Über das Princip des grego- 
rianischen Gesanges hinausgeschritten ist, davon heben 
wir folgende Beweise heraus : 



Nr. i. 



Bd. III. 8. 86. 



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V* €,t 



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E - te-va 6ra-cA«-tim tu ^ wn su - per gen - tes. 
Bd. III. S. »0. 



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Bd. II. S. 464. 



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Lau - da 
Bd II. S. 459. 



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e - tim. 



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Jfa - flrna e#< gfio - ri - o e - - - jus. 
Besonders ist in obiger Beziehung noch aufmerksam zu 
machen auf die Pfingstmotette Bd. I. S. 414 ff., wo offen- 
bar beabsichtigt ist, nach den gehaltenen Accorden, die 
das einmUtbige Zusammensein der Jünger bezeichnen sol- 
len, und die in ein bewegteres Allelujah übergehen, in ge- 
waltigen Stössen das Kommen des Geistes im Sturm an- 
zudeuten ; mächtig wirkt dort S. 446 auch das gemeinsame 
Auffahren des Soprans und Basses in Terzen aus der untern 
in die obere Octave zu den Worten : de coelo venu super 
eos. In derselben Hinsicht sind noch die beiden Ostermo- 
tetten Bd. 11. S.33 und Bd. III. S. 24 zu erwähnen; aber 
auch sonst stOsst man, je genauer man diese Werke ken- 
nen lernt, um so häufiger auf Stelleq, die das bestätigen, 
was die Geschichte der Musik unsrem Meister nachrühmt, 
dass er der Erste gewesen, dem die Aufgabe vollkommen 
klair geworden sei und der sie gelost habe , mit der einem 
ganz andern Princip folgenden Kunst des vielstimmigen 
Satzes die Kunst des musikalischen Ausdrucks für den im 
Text ausgesprochenen Gedanken zu verbinden. Nur liegt 
es in der Natur der Sache (und diesen Unterschied haben 
diejenigen, die über Palestrina's Stil geschrieben, nicht 
scharf genug ins Auge gefasst) , dass dieses Moment bei 
Palestrina nicht in demjenigen l^egt , was die allie Schule 
ihn gelehrt, im kunstreichen, canonischen Satze, sondern, 
wie wir zusammenfassend wiederholen : 4) in jenem freien, 
ja genialen Gebrauche der reinen Dreiklange, die am rech- 
ten Orte zwischen diejenigen Sätze eintreten, worin sich die 
verschiedenen Stimmen selbstständig um einander und 
durch einander bewegen und verlaufen; 2) im Wechsel 
zwischen geradem und ungeradem Takte , und 3) endlich 
und hauptsächlich in der Erfindung ausdrucksvoller me- 
lodischer Tonreihen, die, meist kurz, sich klar herausheben 
und sofort selbst wieder als Themen für canönische Ver- 
arbeitung dienen. — Ein Zeitmaass schreibt bekanntlich 
Palestrina nirgends vor; jeder Sachkundige weiss aber, 
dass diese Noten nicht im üblichen Tempo unsrer prote- 
stantischen Choralnoten gesungen werden, sondern dass 
sich das Tempo immer nach dem musikalischen Gehalte 
jedes Stücks bestimmt; grade in solch ausdrucksvollen 
Stellen, wie die oben citirten, liegt das Gesetz für die Be- | 



Stimmung des Zeitmaasses in der richtigen Declamation 
der Textworte. 

(Schlags folgt.) 



Berichte, 

Wien. X Sie wissen, geehrter Herr, so gut wie ich , dass 
in Wien die verschiedenartigsten Bestrebungen und Richtungen 
sich beständig durchkreuzen, unser Publicum, nicht wie an- 
derwärts sich blos in Gebildete , Halh-und ungebildete schei- 
dend, sondern überdies ein Gemenge von Nationalitäten dar- 
stellend, in welchem zwar das deutsche Element sich als das 
vorzüglichste erweist, doch nicht so, dass es im Stande wäre, 
Gegenströmungen niederzuhalten oder unschädlich zu machen, 
legt ebenso gut für die classische, wahrhaft bedeutende Musik 
ein nicht zu verkennendes Interesse dar, so zwar, dass es oft als 
ein wahrer Areopag mit unbeugsamer ' Strenge urtheilt — wie 
es bei andern Gelegenheilen für Erscheinungen schwärmt, die 
der vorher bezeichneten Richtung schnurgerade widerspre- 
chen. Wäre das Publicum als eine Person zu betrachten, es 
würde in dieser Welse oft mit sich selbst im grössten Wider- 
spruch stehen. So darif man aber die Sache nicht ansehen, 
sondern man muss annehmen, dass der kleinere Kreis gediegener 
Musikfreunde sich selbst consequent bleibt, das grössere Pu- 
blicum aber, in der Haltlosigkeit seines ürtheils, bald dahin 
bald dorthin schwankt, und namentlich leicht für Erscheinun- 
gen zu gewinnen ist, die nach irgend einer Seite etwas Impo- 
nirendes haben, und von der Reclame zu etwas Besonderem 
gestempelt werden. Aus diesem Gesichtspunkte bitte Ich Sie 
und Ihre Leser meine vorwiegend objectiv gehaltenen Be- 
richte aufzufassen. — Ich habe Ihnen heute über sehr ent- 
gegengesetzte Erscheinungen zu berichten , die bei uns das 
musikalische Tagesgespräch beherrschten. 

Das zweite Gesellschafts concert brachte als Novi- 
tät die Symphonie in D-dur von Cherub ini, deren Manu- 
scrlpt sich im Besitz der philharmonischen Gesellschaft in Lon- 
don befindet. Diese hatte es der »Museums-Gesellschafta in 
Frankfurt übergeben, und letztere es dem Wiener Husikvereine 
behufs der Aufführung überlassen. Die Symphonie wurde 
<84 5 in London aufgeführt, und taucht zum grossen Theil 
wieder in dem Cherubinischen C-dor-Streichquartett auf. Das 
symphonische Werk des grossen Operncomponisten — wohl 
das einzige, das er geschrieben — vermochte nicht die Zuhörer 
zu erwärmen, und errang kaum mehr als einen Ehrenerfolg. 
Die Symphonie , in ihren vier Sätzen bedeutend genug, um 
einer Aufführung im Concertsaal würdig zu sein, ist in ernstem, 
etwas trockenem und vorwiegend an Haydn sich anlehnendem 
Stil gehauen, welchen man sich bei diesem , ob seiner natür- 
lichen Frische und seines schalkhaften Humors, gerne gefallen 
lässt, den man aber, wenn diese Reize , namentlich die Spon- 
taneität des SchaflFens, fehlen, bereits für überwunden hält. 
Einzelne interessante Stellen darin fesseln immerhin die Auf- 
merksamkeit des Zuhörers und als Symphonie italienischer 
Herkunft, mithin als eine Art von Unicum, lohnte die Auffüh- ' 
rung jedenfalls die darauf verwendete Mühe. — Die Schluss- 
nummer des Concertes bildete Beethoven's Musik zu »König 
Stephan«, hier zum ersten Mal vollständig aufgeführt. Die Com- 
position dieses Gelegenheitsstückes steht uniäugbar hinter jener 
des damit zusammenhängenden. Festspieles »die Ruinen von 
Athena zurück, aber die Löwentatze sieht doch allenthalben 
heraus, und der Siegesmarsch, der wundervolle Chor der 
Frauen, sowie der czardasartige Schlusschor verfehlten nicht 
ihre Wirkung. — 

Im nächsten, dritten Gesellschaft sconcerte gelan- 
gen als Novitäten eine Ouvertüre (in C-moIl) von Anselm 
Hüttenbrenner, und die in dessen Besitz befindlichen 



6 



Nr. 1, 



zwei SStze der (anvollendeten) Symphonie in H-moIl von Fr a n z 
Schubert zur Aufführung.*) Die Schubertsche Fundgrube 
scheint nachgerade unerschöpflich, denn im ersten Concert des 
Männergesangvereins saug dieser einen Chor mit Or- 
chesterbegieitung , von welchem sich herausstellte, dass er 
der von Schubert skizzirten zweiactigen Operette : »Der Graf 
von Gleichen« (Text von Bauernfeid) entnommen sei. Der Chor, 
unter dem Titel oMorgepgesang im Waldea aufgeführt, zählt 
zu den duftigsten Biüthen Schubertscher Romantik. In eben 
diesem Concert producirte sich der junge Violinspieler Lotto, 
dessen technische Fertigkeit allgemeines Erstaunen erregte. 
W a s er spielte, reihte sich allerdings nur der Gattung schaler 
Virtuosenstücke nn. 

Di ePhil harmoniker setzen ihren Concertcyklus unter 
lebendigster Theilnahme des Publicums fort. In ihrem dritten 
Concerte producirten sie als Novität das musikalische Secge- 
mälde vOolumbusa von Abert, das sich eines anständigen 
Erfolges erfreute. Um durchgreifend zu wirken, dazu fehlte 
es dem Tonwerk vor Allem an Originalität, dennMendelssohn's 
»Hebriden« und »Meeresstille und glückliche Fahrt a bestreiten 
einen grossen Theil des vom Componisten gemachten Auf- 
wandes. Haydn's Symphonie mit dem Paukenschlag, 
die Egmont-Ouverlure (auf stürmisches Verlangen wiederholt) 
und eine Arie aus Ezio von Gluck, gesungen von Frl. Bettel- 
beim, bildeten den übrigen Theil des Programms. 

In Laub's dritter Quartettproductiou spielte Herr 
Smietansky den Ciavierpart in einer Sonate (für Pianoforte 
und Violine) von Rubin stein, deren Vortrag ihm verdienten 
Beifall eintrug; ein neues Ciavierquartett desselben Compo- 
nisten, welches Hellmesberger in seiner 4 50. Quartett- 
production vorführte, gefiel nur in den ersten zwei, in der 
That bedeutenden Sätzen; was darauf folgte, fiel gegen das 
Vorhergegangene zu sehr ab, als dass es hätte Antheil erregen 
können.**) — 

Die Patti-Concerte, deren bis heute sieben gegeben 
worden, füllen noch immer den Dianabadsaal bis in die ent- 
ferntesten Winkel mit Zuhörern aller Art. Thatsache ist, dass 
das Interesse an den Virtuosen-Gruppen-Productionen unge- 
schwächt fortdauert , und durch das EiiUreten Roger's , Ron- 
conrs und mehrerer namhafter Wiener Künstler in den ur- 
sprünglichkleinen Kreis foitan neue Nahrung erhält. Aus dem 
Dianasaal gedenkt man demnächst in das Theater an der Wien 
zu ziehen, wo vielleicht auch ein Orchester mitwirken soll. 
Die Patti-Cbncerte haben dem hiesigen Concertwesen eine ge- 
fährliche Concurrenz bereitet und den Musik verein beispiels- 
weise genötbigt, seine beiden ausserordentlichen Concerte 
auf bessere leiten hinauszuschieben, d. h. auf jene Zeit , in 
welcher Ullmann sich mit seiner Gesellschaft von hier verab- 
schiedet haben wird. (!) — 

Die Oper »Des Sängers Fluch« von Langert, die einzige 
Novität der diesjährigen Saison, ist nach zweimaliger Auf- 
führung dahin gelegt worden, wo Lö^ye's »Concino Concini« 
und andere neue Opern schlafen. Die beiden Opern haben 



*) Da dieses Concert bereits (am 1 7. Dec } stattgefuDden hat, so 
ergänzen wir Obiges sogleich dahin , dass nach Bericht des Herrn 
Dr. E. Hanslick in der «Neuen freien Presse« die Schaberl'schen 
Fragmente bei dem Wiener Publicum grosse Sensation erregten. 
Uanslick zählt sie »zu Schubert's schönsten und reifsten Instrumen- 
tal werken«. D. Red. 

**) Ebenfalls am 17. Dec. fand eine weitere Quartettproduction 
statt, in welcher ein neues Streichquintett von J. Hager vorgeführt 
wurde. Laut Hanslick's Bericht wäre das Scherzo der beste Satz, 
»perlensprühend, wie moussirender Champagner«. Der nächst beste 
Satz sei das Adagio. Die beiden äusseren Sätze vergleicht Hanslick 
feinen Bleistiftzeichnungen und meint schliesslich : »Wäre Hager so 
originell und energisch im Ganzen , wie geistreich im Detail , seine 
Erfolge würden vollständig sein«. D. Red. 



untereinander darin eine grosse Aehnlichkeit, dass sie vor- 
wiegend aus fremdem Materiale verschiedenster Galtung zu- 
sammengesetzt sind. In den zwei ersten Acten der Langert- 
schen Oper finden sich übrigens ein Paar hübsche , warmem- 
pfundene Musikslücke vor, so namentlich ein Frauenduett im 
ersten, und Elfried's Lied (No. 1 9) im zweiten Aqt, wie denn 
überhaupt die Partitur allenthalben die Spuren anerkennens- 
werther Bildung und mühevoller Arbeit an sich trägt; die Lange- 
weile des dritten Actes führte endlich den Fall der Oper unab- 
weisbar herbei, au welchem die Darstellung (durch ^'rau Dust- 
mann, Fräul. Kraus, die Herren Bignio, Ferenczy und Schmid) 
k eine Schuld trug. 

Berlin. R. \V, Während in der Oper die letzten Wochen 
hindurch die Afrikanerin ausschliesslich das Interesse oder 
besser gesagt die Neugierde in Anspruch nahm , ist das Con- 
certleben, nicht allein der Zahl der veranstalteten Productio- 
nen, sondern auch dem Inhalte derselben nach , ein ziemlich 
reiches gewesen. Neben mehrfachen Kammermusikconcerten, 
in denen fast ausnahmelos gute Musik zu Gehör kam, eröffnete 
auch der Domchor seine Soireen und brachte gleich in der 
ersten ein hier noch nicht gehörtes Seb. Bach*sches Prachtstück 
zur Aufführung. Es' ist dies der 142. Psalm »Singet dem Herrn 
ein neues Lied«. Das herrliche zweichörige Werk ist von 
ausserordentlicher Schwierigkeit und muthet namentlich den 
Knabenstimmen durch hohe Führung und lange Dauer fast zu 
viel zu. Ich gebe übrigens den beiden ersten Sätzen desPsalmes 
entschieden den Vorzug vor den beiden folgenden ; besonders 
ist der Wechselchor ebenso sublim in der Idee , als meister- 
haft in der Ausarbeitung. Die merkwürdige Kunst Seb. Bach's, 
nicht allein polyphon zu schreiben, wie kein Anderer, sondern 
durch die Polyphonie fein zu charakterisireu, um die wunder- 
samsten Wirkungen hervorzurufen , zeigt sich einmal wieder 
recht klar in diesem W^rke. — Auch durch den Bachverein 
unter Rust's Leitung kam eine für Berlin neue Bach'sche 
Composition, die Cantate »Es ist dir gesagt, Mensch a und 
zwar mit Orchester und Orgel zur Aufführung. Auch dieses 
Werk ist ein neuer Beweis für die unerschöpfliche Kraft des 
Meisters, und dem ersten Chore muss selbst unter den Bach- 
schen Compositionen eine besondere Bedeutung zuerkannt 
werden. Ein drittes Werk desselben Meisters, die grosse H- 
moll-Messe, kam in den letzten Tagen durch die Singacademie 
zur Aufführung. — Unter den concertirenden Gästen stan- 
den natürlich* Joach im und Clara Schumann obenan. 
Die bedeutsamste Leistung Joachims war meiner Meinung nach 
der Vortrag seines ungarischen Concertes. So manches auch 
wohl gegen das Stück einzuwenden wäre , so ist es doch, na- 
mentlich im ersten und letzten Satze, geistvoll concipirt und 
mit ächter Künstlerschaft in Behandlung des Orchesters, wie 
der Prinzipalstimme ausgeführt. Jedenfalls gewährt es dem 
grossen Geiger Gelegenheit, sich in ganzer Figur zu präsen- 
tiren. Die Aufnahme des Künstlerpaares von Seiten unseres 
Publicums war eine enthusiastische. In Herrn Tausig, den 
ich als Knaben gehört hatte, lernte ich jetzt einen Spieler 
kenneu, für den technische Schwierigkeiten nicht e:xistiren und 
dessen Ausdauer wie herkulische Kraft Alles übertreffen, was 
mir bisher vorgekommen. Leider fehlt nur Tausigs Spiele der 
rechte Reiz, und einen wirklichen Genuss konnte es mir, trotz 
des musikalischen Verständnisses, welches daraus spricht, 
nicht gewähren. Ich habe dabei das Gefühl , als befände ich 
mich einer vollkommenen Ciavierspielmaschine gegenüber , der 
jede Nuance, vom säuselnden pianissimo bis zum rohsten 
forHssimOy zu Gebote steht, aber Eines fehlt : die menschliche 
empfindungvolle Seqle. Ruhe der äus&erren Haltung ist gewiss 
lobenswerth für' einen Virtuosen. Aber Herr Tausig übertreibt 
sie fast und spielt, als ob es ihn gar nichts anginge, wenn der 



Nr. I . 



lausig concertirt. So ist auch der Ausdruck seiner Vorträge. 
»Kühl bis ans Herz hinana, fast fremd der Sache , wild aber 
Dicht feurig, nüancirt aber nicht empfunden, betäubend aber 
nicht überwältigend. Vielleicht erwärmen die kommenden iahre 
dasGemüth des Virtuosen in dem Maasse, wie die vergangenen 
seine Technik gezeitigt haben ; geschähe dies, so wäre in Herrn 
Taus ig das Ideal eines Ciavierspielers erstanden. 



Leipzig. X. Am 49. Dec. hatte die erste Aufführung der Oper 
»Loreley«, (Text von £. Geibel, Musik von M. Bruch) trotz der 
Nähe der Weihnachtsfeiertage und der erhöhten Preise ein zahl- 
reiches Publicum in das Theater gelockt. Das Werk erfreute sich 
einer warmen Aufnahme, die in mehrfachen Hervorrufen der 
Hauptdarsteller ihren Ausdruck fand. Mögen immerhin die schö- 
nen Decoralionen der Grund sein, der die Menge bei weiteren 
Aufführungen der Oper iu's Thealer lockt; — derComponist hat 
dabei den Vortlieil, dass seine Musik Öfter gehört, und, wir zwei- 
feln nicht daran, dem Publicum immer sympathischer wird. Fasst 
man die Geschmacksrichtung unseres heutigen Theaterpublicums 
iu*s Auge, so darf man wohl behaupten, dass es nicht das Beste 
und Edelste in der Kunst ist, was beim ersten Erscheinen einer 
durchschlagenden Wirkung sicher sein darf. Den Kenner oder 
ernsten Musikfreund wird Bruch's Musik von Anfang bis zu 
Ende lebhaft iuteressiren. Uinreissend , enthusiasmirend zu 
wirken, das liegt nicht in ihrem Wesen, das gestatten ihr weder 
ihre Vorzöge, noch — wir dürfen es nicht verschweigen — ihre 
Mängel. Zu den Vorzügen zählen wir die durchaus ernst- 
künslUrische Haltung des Werkes, das Vermeiden aller bana- 
len Eflecle, die meisterhafte Sicherheit in der Beherrschung 
aller Ausdrucksmittel, ferner das Streben nach gesanglicher 
Haltung bei correcter Declamation. Will es uns auch manch- 
mal sc)ieinen, als habe derComponist hier und da einmal mehr 
die poetische als die dramatische Bedeutsamkeit einer Situation 
empfunden, wozu ihn leicht das Gedicht verleiten konnte, so 
kann man seiner Musik im Ganzen doch keineswegs dramatische 
Schlagferligkeit, prägnanten und charakteristischen Ausdruck 
absprechen. Doch erscheinen oft die Situationen mehr durch 
die interessante Behandlung des Orchesters, als durch Motive 
von genügender Prägnanz charakterisirt. Ohne dass wir den 
Motiven der Oper desshalb noble und selbst charakteristische 
Hallung absprechen wollten, fehltihuen doch meistens etwas von 
jener überzeugenden Unmittelbarkeit des Ausdrucks, welche 
dem Hörer augenblicklich die Illusion erweckt, als wäre durch 
sie die Bedeutung der Situation nicht nur erschÖpTend, sondern 
auch auf die einzig mögliche Weise ausgesprochen. Indem 
jedoch in der Oper die Mehrzahl der Motive immer gesanglicher 
Natur sein wird, so folgt daraus wieder, dass der Gesang nicht 
immer zur vollen Geltung kommt, nicht selten durch das com- 
plicirte, wenn auch immerhin charakteristische Wesen der Be- 
gleitung gedrückt erscheint. Wirksame sogenannte »Abgänge« 
sind dem Sänger nirgend zuTheil geworden, selten vereinigen 
in den Ensemble-Sätzen sich die Stimmen zu vollem und brei- 
tem Zusammenklang, und damit geht den Situationen zugleich 
das verloren , was der Dramatiker als »Höhepunkt« zu bezeich- 
nen pflegt. Dass die Handlung nicht sehr lebhaft fortschreitet, 
bat den Componisten vielleicht ganz instinctiv veranlasst , ihr 
möglichst schnell zu folgen, nicht durch das SchafTen lyrischer 
Rubepunkte retardirende Momente zu veranlassen. Au solchen 
Ruhepunkten, nicht ausserhalb sondern mitinnen der Handlung, 
sowie an breit angelegten Ensemble-Säls^en (Duetts, Terzetts etc.) 
ist in der»Loreley« offenbar Mangel. Die Musik hat etwas Hasti- 
ges an sich, als habe dem Componisten derMuth gefehlt, einmal 
mit Faust zu sprechen : »Verweile doch , du bist so schön«. 
Dass nicht wenige dieser Mängel auf den Dichter zurückzu- 
führen sind, leuchtet ein. Eine Besprechung im Einzelnen ver- 
bietet uns der geringe Raum, den ein Opern-Referat in einer 



musikalischen Fach-Zeilung beanspruchen darf. Wir verwei- 
sen desshalb auf eine ausführliche Besprechung des > Ciavier- 
auszugs der Oper, mit deren Ansichten wir im Wesentlichen 
übereinstimmen, und die sich in Nr. 39, 40 und 44 des zweiten 
Jahrgangs der Allgemeinen Musikalischen Zeitung (Neue Folge) 
vorfindet. (Schluss folgt.) 

Nachrichten. 

PariserNachrichten Das Grand Thäätre Parisien machte 
mit D u p r e z' »Jeanne d'Arcn das glänzendste Fiasco. Gleich die erste 
Vorstellung konnte wegen Stimmverlust der Primadonna nicht zu 
Ende gespielt werden, und auch die zweite Aufführung machte kei- 
nen Eindruck. Die Oper wird kurz als ein mühsam durch fünf Acte 
gezogenes, mit allem Möglichen und ünmöglichea gefülltes Melo- 
drama charakterisirt, ohne allen poetischen Halt und Schwung, eine 
nJeanne d*Arc en famillefi. Hervorgehoben werden noch im »Prolog« 
Johanna's Legende von der heil, Genoveva : »// fiU atUrefois une humble 
bergere*i und im 5. A. derMödchenchomDoua; printempsn. -r- Die Op^ra 
Comique bereitet eine als melodienreich und auch in der Handlung 
interessant gerühmte OperA. Adam 's vor »le demier 6a/«. Als 
bedeutende Erscheinung wird die in der italienischen Oper als Azu- 
cena (Trovatore) aufgetretene Sängerin Gross! bezeichnet, sie er- 
innere an die früheren berühmten Gesangsgrössen, eine Alboni, 
Frezzolini, Cruvelli. Als besonders im Spiel durch italienische Be- 
weglichkeit und groteske Mimik ausgezeichnet wird der liuffo Zuc- 
chini gefeiert, der Lablache der Jüngeren Coraponisten-Generation : 
Pedretti, Gebrüder Ricci, Ferraris, Cagnoni, Chiarmonte. Früher in 
tragischen Fächern verwendet, schlug er sich 4849 m Lissabon, um 
seinem Director aus der Verlegenheit zu helfen, zur komischen Par- 
tie, wo er in »Crispinoa, ^La Comare« und »Don Bucefalon seine Glanz- 
rollen hat. 

Frankreich hat seinen H a n s I i c k gefunden ! Bei Germer 
Bai liiere in Paris iHue de VEcolede Mddecine, 17) Ist soeben ein 
Buch erschienen : »Philosophie de la Musique«» von CharlesBeau- 
quier, welches so ziemlich dieselben Argumente und Resultate 
vorbringt wieHanslick's bekannte und viel besprochene Schrift »Vom 
Musikalisch Schönen«, obwohl der französische Autor dasselbe nicht 
zu kennen scheint. Sehr geistreich , klar und eindringend geschrie- 
ben, wird es in Frankreich grosse SensaUon hervorrufen , denn bis 
jetzt ist, so viel wir wissen, eine solche Ansicht daselbst nicht so 
ausführlich dargelegt worden. Wir empfehlen dieselbe auch unsern 
deutschen Lesern und kommen selbstverständlich eingehend darauf 
zurück. 5. B, 

Aus dem Haag wird nns gieschrieben: »Joachim trat hier im 
Lande mit riesenhaftem Erfolg auf. Bei uns spielte er auch , ohne 
Honorar zu nehmen, in demConcert der «Gesellschaft der Tonkunst«, 
welche alten oder erkrankten Musikern ein Jahreseinkommen , oder 
den Wittwen und Waisen derselben eine Pension sichert. Er spielte 
Spohr'sGesangscene, Tartini's »Trille du diable«, ein Bach'sohes 
Präludium und Schumann's Abendlied, von ihm wunderschön iu- 
strumenlirt. Aus Dankbarkeit überreichten ihm die Mitglieder das 
Diplom als Ehrenmitglied, welches er unter Tusch des Orchesters 
annahm. Die Orchesterstücke dieses Concerts waren Gade's neueste 
(7) Symphonie, eine Ouvertüre von J. G. Lübeck und die Ruy-Blas- 
Ouvertüre von Mendelssohn. Im nächsten Conc^rt kommt Bargiel's 
Prometheus-Ouvertüre zur Aufführung.« 

In Prag hat der geschätzte Violinspieler Herr v.Wasielewski 
nach langer Zurückgozogenheit vom öffentlichen Auftreten wieder in 
einem Concert der Sophieoakademie mit grossem Beifall 
concertirt. Die »bohemia« schreibt darüber : In Herrn v. Wasielewski, 
der als Gast den ersten Salz aus Viotii's A-moll-Concert und das An- 
dante und Rondo aus Moznrt's, neu von David in Leipzig herausge- 
gebenem D-dur-Concert spielte, lernten wir einen tüchtigen Geiger 
solider Schule kennen. Der bekannte Biograph R. Schumann's i^t 
zwar kein blendender Virtuose im neuesten Sinne des Wortes,,seino 
Vorträge zeugten aber von künstlerischer Gesinnung, ernstem Streben 
und tüchtiger Bildung ; tiefe« Verständniss und liebevolles Erfassen 
kamen überall klar zum Vorschein. 

In Hamburg haben in letzter Zeit wieder einige bedeutende 
Aufführungen stattgefunden. Der unter der Leitung des Herrn C. 
Voigt Steheode Cäcilien-Vorein brachte Händel's »Jephta«, lei- 
der noch in der Moserseben Bearbeitung, da es noch keine deutsche 
Originalpartitur und Ihr enLsprechende Stimmen giebt. Die Soli 
wurden von Frl. Garthe aus Hannover, Frl. Hausen aus Berlin, 
Herrn Schild aus Leipzig und Herrn Schulze gesungen. — Der 
Verein des Hrn. Deppe brachte Händel's Judas Maccabaus, worüber 
Näheres in der folgenden Nummer. — li^i ersten Philharmonischen 
Concert bildeten die Rdur-Symphonie von Gade, Schumann's Ouver-^ 



8 



Nr. \. 



türe , Scherzo und Finale, dann Claviervortrflge der Fraa Schumann 
(Beethoven'a Gdur-Conoert, Novellette in D vod Schamann, Varia- 
tionen aus Op. U Ton Brahma) and Flötensoli des Herrn de Vroye 
den Inhalt des Programms. — Die erste Quartett -Unterhaltung des 
Herrn Böie brachte ein Quartett von Haydn in D, Beetboven's Quar- 
tett in B Op. 430, Scbubert's Quartett in D-moll. 

Dr. Ed. Hanslick machte neulich in einem Goncertreferat der 
Wiener »Neuen freien Presse« eine allgemeine Bemerkung, der wir 
die grOsste Verbreitung wünschen und die wir den Gonoertdirectionen 
zur Beherzigung empfehlen. Er sagt: »Goncert- Novitäten haben 
ein ungleich härteres Loos, als die dramatischen. Erringt eine Oper 
ihren anstlindigen Erfolg, so darf sie auf mehrere rasch aufeinander- 
folgende Reprisen zählen, deren jede den Hörern einige neue, früher 
übersehene Vorzüge entdecken hilft, und im ungünstigsten Falle we- 
nigstens als gerechte Appellation von einem unvorbereiteten zu einem 
»besser informirten« Publicum auftritt. Fallen aber die Würfel gleich 
auf den ersten Wurf günstig, so siedelt sich eine Novität, wie Gou- 
nod's »Faust« u. dgl., vollständig im Repertoire fest und ist binnen 
Jahresfrist den Hörern Note Tür Note geläufig. Was geschieht hin- 
gegen mit einer neuen Symphonie , Ouvertüre oder Kammermusik ? 
Sie wird applaudirt und — ist nun für 40 oder 45 Jahre, vielleicht 
für immer, todt. Es fallen uns zur Noth ein bis zwei lebende Gom- 
ponisten ein, von denen grössere Goncertslücke mehr als einmal 
aufgeführt sind. Manche Novität wird drei- und viermal probirt, 
ehe sie von den Spielern ganz gefasst , anerkannt , ja liebgewonnen 
wird. Und das grosse Publicum, welches nicht das feine Ohr, nicht 
die musikalische Erfahrung dieser Herren besitzt, sollte das Stück 
aufs erste Hören gleich so vollständig aufgenommen und ausgekostet 
haben, dass eine zweite Aufführung Thorheit wäre ? Könnte man 
doch nur mit der zweiten AufTührung anfangen ! hörten wir einmal 
einen jungen Gomponisten ausrufen, und er hatte Recht, Dasiu« 
gladii des Publicums fechten wir nicht an , wohl aber die Uebung, 
eine wohlaufgenommene Novität blos desshalb , weil sie nun keine 
»Novität« mehr ist , zu den Todten zu legen. Unsere Goncertpro- 
gramme bestehen fast ausschliesslich aus zwei Glassen von Gompo- 
sitionen: classische, welche fortwährend, und neue, die niemals 
wiederholt werden. Wir möchten eine dritte Kategorie hinzufügen : 
Wiederholung moderner Musikstücke , die nicht an die classischen 
Ahnherren reichen und vielleicht auch nicht auf die Nachwelt, deren 
einseitige, epigone Vorzüge aber auf die Gegenwart Immerhin ihren 
Reiz und ihre Bedeutung haben. 

Die Altistin Frl. Aug. Götze, deren In einer Notiz aus Thüringen 
im vorigen Sommer gedacht wurde, hat am 45. Deoember in Dres- 
den gesungen^ G. Banck spricht sich im Dresdner Journal sehr 
günstig über sie aus. 

In Gotha haben vier jüngere Mitglieder der Weimar'schen Hof- 
kapelle, die Herren Wehrle, Freyberg, Bärmann und Friedrichs, eine 
Kammermusik production veranstaltet , wobei Mozart's D-moll- und 
Mendelssohn's Es-dur-Quartett Op. 4 2 zu Gehör kamen. 

Frau Glaus-Szarvady hat ihre Kunstreise bereits wieder 
aufgenommen und im Museuros -Goncert zu Frankfurt a. M. 
Beetboven's G-dur-Goncert unter lebhaftem Beifall gespielt. 

Im fünften Abonnement -Goncert in B raunsohw ei g wurde 
Reinthaler's Oratorium »Jephta und seine Tochteni unter allgemeinem 
Beifall zu Gehör gebracht. 



In Prag soll man an Stelle des verstorbenen Prof. Mildner 
Herrn Goncertmeister R. Dreyschock zu bringen gewünscht haben. 
Wie verlautet, hat derselbe aber abgelehnt. 

Zu Berlin soll die demnäcbstige 800. Vorstellung der Zau- 
berflöte eine Festaufführung werden, wie dies auch mit Don Juan 
und Freischütz — den einzigen Opern , die eine solche dritte Säcu- 
larfeier erlebten — der Fall war. 

Adeline Patti hat zu Florenz mit ihrer Hauptrolle Ami na 
(Somnambula) Furore erregt; die Blätter sind überfliegenden 
Lobe« voll. 

Herausgegeben von Alex. Büchner erschienen bei Brockhaus 
Briefe des geistreichen, musikliebenden Prinzen Louis Ferdinand 
von Preussen an seine-Geliebte , Pauline Wiesel, nebst Briefen von 
Gentz, Varnhagen, A. v. Humboldt, Rahel, Marie v. M6ris. 

Dr. Faust- Pachler in Wien bringt in der »Neuen Berliner 
Moslkzeitung« authentische Aofschlünse über das Verbal tniss, in wel- 
chem seine Mutter Marie Pachler-Koschak zu Beethoven stand. 



Miscellen. 

(lliUrische N«tii.) 
In Starke's Wiener Pianoforte-Schule (um d. J. |880 erschie- 
nen] finden wir eine Mittheilung über Albrechtsberger , welche in 
Bezug auf Haydn und Mozart nicht ohne Interesse ist. F. Starke 
(ein geborner Sachse, welcher um 4 780 bis 4 820 und später in Wien 
lebte) schreibt u. A. — : »G. Albrechtsberger war einer der 
vorzüglichsten Generalbass- und Goropositions-Lehrer — ; Eybier, 
Weigl, Hummel, Mayseder, Fuss, Leidesdorf, Gänsbacber, Graf Gal- 
lenberg, Mozart Sohn u. a. haben unter seiner Leitung ihre herr- 
lichen Talente entwickelt, selbst der hochgefeierte L. van Beethoven 
befliss sich seiner Lehre des doppelten Gontrapunktes. ~ Als Al- 
brechtsberger und Mozart einst bei einem hiesigen Grosshändler 
Herrn von Buchberg zusammen trafen, wurden beide aufgefordert, 
über ein Thema zu fugiren, welche so äusserst schwere Aufgabe 
von beiden lange und glücklich durchgeführt wurde. — Der grosse 
J. Haydn liebte und schätzte ihn so hoch, dass er ihm das Endstück 
der ersten Abtheiiung des Meisterwerkes die Schöpfung, zur Ein- 
sicht überreichte. Ueberhaupt schätzte Haydn Albrech tsbergers 
Verdienste ungemein hoch. Als beide vor Schwäche nicht mehr aus- 
gehen konnten, schrieb Haydn zu Albrechtsberger's Namensfest das 
bekannte Visit-Billet (aber nicht Ganon) »Alt und schwach bin ich.« 
Albrechtsberger schrieb ihm dafür zu seinem Namensfeste 4 806 zwei 
vierstimmige Ganons und einen Hymnus — mit den unterlegten 
Worten : »SokUium miseris socios habuiste dolorum Pieridum Frater 
qui dudum noster Apollo Dicesis Hunc Canonem fecU amore Ttti, Dedi- 
cot quem Tibi vetuset Sincerus amicus G. Albr.n 



Zur Nachricht für die Herren Verleger und 
Componisten. 

Die der Redaction der »Allg. Mus. Ztg.« zur Recension eingesen- 
deten Musikalien u. s. w. finden, wofern sie nicht remittirt werden, 
ihre Besprechung in der »Leipziger Allg. Mus. Ztg.a — 



ANZEIGEB. 




[4] Von diesen wegen ihres vortrefflichen Arrangements, ihrer 

Gorrectheit und Billigkeit beliebten Ausgaben in 8^ sind bis jetzt 
folgende 40 (ä i Thlr. — 4 Thir.) erschienen : 
Bach: Matthäus-Passion, Jqhannes- Passion, Weihnachts-Oratorium, 

H-moil-Messe, Magnificat, Gottes Zeit, Ach wie flüchtig, Ich hatte 

viel Bekümmerniss. 
OlierabiRl: Demophon, Messe 4, S, 8, Requiem 4, 3, Gredo. 
(iliek: Orpheus, Iphigenie in Aulis und in Tauris, AIceste, Armide, 

Paris. 
Ulldel: Messias, Judas, Samson, Josua, Israel, Alexanderfest. 
Bayda: Schöpfung, Jahreszeiten. 
J«lielU: Requiem. 
Moxart: Don Juan, Figaro, Zauberflöte, König Thamos, Messe 4, 

2, Vespet, Requiem. 
RdffiRi: Barbier von Sevilla. 
Spohr: Jessonda. 





[%] In meinem Verlage erschien soeben : 

Leichte Lieder und Tänze 

fttr das Pianoforle componirl 

und 

der musikalischen Jugend gewidmet 

von 

Ferdinand Hiller. 

Op.4 4 7. Pr. 81 Thlr. 

J. Rleter-Bledermann 

in Leipzig und Winterthur. 



Nr. 1. 



®fafrtfrf)e (äompö(tft0ttett 

als Duos für PiAnoforte und Yloline bearbeitet 

im Verlage der Bach- und Musikalien-HandluDg F. S. C. Iieuokart 
in Breslau. 



Joseph Haydn, »ymphonfenfürPianofdrteundVioline 
arrangirt von Qeorg Vierling. Nr. i—i%.ki Thlr. 4 Ngr. 



Joseph Haydn'S Vlolln-Qaartette für Fianoforte und 
Violine bearbeitet von Oeorg Vierling. Nr. 4— 6 ä 4 ThJr.^ 

W. A. Mozart, Quintette für 2 Violinen, 2 Bratschen 
und Violoncello für Piaj;Loforte^und Violine bearbeitet von 
Oeorg Vierling. 
Bisher erschienen: Nr. 4 in C-moll i% Tblr. Nr. 2 in C sy«, Thlr. 
Nr. d in G-moll 2 Thlr. 



W. A. Mozart, Symphonien für Fianof orte und Violine 
bearbeitet von Heinrich Qottwald. Nr. i—i%h\% Thlr. 
Bei dem anerkannten Mangel an gediegenen , nicht zu schwer 
ausführbaren Compositionen für Pianoforte und Violine hat es die 
Verlagshandlung unternommen, obige Meisterwerke von llaydn 
und Moaart als Duos Tür die genannten Instrumente bearbeiten zu 
lassen. Qeorg Vierling und Heiorich Gottwald haben diese 
schwierige Aufgabe in acht künstlerischer Weise aufgefasst und es 
ist ihnen trefflich gelungen, treue, dabei höchst wirkungsvolle Wie- 
dergaben der classischen Originale in fliessender, der Technik der 
beiden Instrumente entsprechender Weise zu liefern, die den besten 
Original-Corapositionen dieser Gattung an die Seite gestellt werden 
können. Keine Art des Arrangements dürfte geeigneter sein, die 
schönsten und erhabensten Schöpfungen unserer Classiker in klei- 
neren musikalischen Kreisen als so recht eigentliche •Hausmusik« 
einzubürgern, wie die Zasammenwirkung von Pianoforte und Violine. 
Der Ciavierpart und die Violinstimme sind für auf mittlerer Stufe 
stehende Spieler ausfuhrbar. 



Clavler-Concerte, -Quartette und -Quintett 
für Pianoforte zu vier Händen 

bearbeitet von 

XIii.g*o XJliricli. 

Erste vollstÄndige, nenerdings revidirte Ansgabe. 

Zum ersten Male liegt eine vollständige Ausgabe derjenigen 
Werke vor, die den eigentlichen Maassstab für die Würdigung Mo- 
sarfe als Clavler-Componlsten bieten nnd In denen der 

Schwerpunkt Mozart'scher Clavier-Musik liegt. Vor allem durch 
ihren musikalischen Gehalt bedeutsam , bieten sie eine Fülle des 
Schönsten, was die musikalische Kunst überhaupt aufzuweisen hat. 
An die Concerle reiben sich die beiden Clavier-Quartette und -Quin- 
tett würdig an. 

Die vierhändige Bearbeitung, welche diese wundervollen Schlitze 
dem clavierspielenden Publicum erst recht zugänglich macht, ist 
anerkannt vorzüglich. 

[4] Soeben erschien im Verlag von J. Rleter-Biedermaan in L e i p- 
zig und Winterthur: 

Orosse Messe (in Es) 

für Chor und Orchester. 

Partitur 7*/, Thlr. Clavier-AuszugSThlr. Orchesterstimmen ey^Thlr. 
GhoFStimmen S Thlr. 



Yerlag Ton Praeger & Heier in Bremen. 

[5] Innerhalb vierzehn Tagen erscheint : 

Abt, Fr., Op. 306. t Lieder für Sopran (erscheinen auch fUr Alt). 

71— 10 Ngr. 
Blomentbal, J., Kleine Potpourris für Piano und Violine. Stradella. 

Trovatore. Teil. ä 15 Ngr. 

Casorti, A., Op. 88. Sme Air varid für Violine und Pfte. 
Doppler, Deutsche Perlen für Piano (Wiegenlied von Taubert, Rös- 

lein im Walde von Fischer). 
Hofftnann , F., Die Liebe kauft man nicht. Lied für eine Singstimme 

arrangirt. %. Auflage. . 5 Ngr. 

Jaason, F., op. 6. Sechs dreistimmige Lieder. 
Krag, D., Op. t18. Drei Idyllische Tonbilder für Pfle. 40— lii Ngr. 

(Im Tannenwald. Goldene Abend Wölkchen. Blümleins Traum.) 
Lammers, J., Op. 4 r 5 Lieder für eine Singstimme. Neue Ausgabe. 

5—40 Ngr. 

Op. 4 6. Neues Leben. Lied mit Pfte. Ausgabe für Tenor oder 

Sopran. 42i Ngr. 

Raff, Joach. , op. 4 36. 8 Cla vierstücke. Menuet, Romanze und Ca- 
priccio. 4 «1^—4 5 Ngr. 

Ritter, K. A., Romanze für Cello und Pfte. 

Schubert, F. L. , Op. 64. Erholnngs-Stunden für Piano. Heft 8. 4. 

ä 45 Ngr. 

Dor kleine Beethovenspieler. Sammlung der beliebtesten Thema 

aus Beethoven's Werken, für kleine Hände mit Fingersatz; in 
4 Heften h ca. 42i Ngr. 

Aus demselben einzeln »Adelaide«. 

Musikalischer Hausschatz. Potpourris beliebter Opern. Afri- 

kanerin. Tannhäuser. Don Juan. ä 45 Ngr. 

Taabert, W., Op. 154. Zur Erinnerungsfeier. Feierlicher Marsch für 
Piano zu zwei Händen. 80 Ngr. 

Weidt, B., Op. 79. Vier Lieder für dine Bassstimme. Der Jude, ich 
lobe mir den rauhen Kittel. Kein Tröpflein mehr im Becher. 
Hackelberger's Jagd. ca. 45 Ngr. 

Op. 88. Drei Duette lür Baryten und Bass. Die Verdriess- 

lichen. Liebe und Wein. Die Trinkbrüder. 



[6] Verlag von Rob. Porberg in Leipzig. 

Bendel, Franz, Op. 98. Drei Melodien f. d. Pianoforte 
No. 4. Entsagung. (Desdur.) — 40 

- 3. Gedenke mein! (Bsdur.) — 40 

- 8. Elegie. (asmoU.) — 4S% 

Op. 99. üne Sc^ne de Ballet. Morc. de Salon p. Piano. — 47% 

' Fantaisie sur des Motifs de l'Opöra : L ' A f r i c a I n e de G. 

Meyerbeer pour Piano. , — SO 

Berens, H., Pens6e fugitive p. Piano. — 7y. 

Henselt, Adolphe, Six Th^mes avec Variations de Nie. Paganini 
recueillis de ses Concerts pour Piano. Nouvelle Edi- 
tion. — SO 
Hiller, Ferd., Ständchen für Pianoforte. — 40 
Köhler, LonU, Op. 4S8. Ermunterung zum Fleisse. 80 leichte 
Uebungsstttcke für den Klavier-Unterricht mit Fingersatz in pro- 
gressiver Folge. Heft 4— 8. ä — 45 

Op. 4S4. Leichte vierhttndige Stücke, d. Prima -Partbie im 

Umfange von fünf Tönen f. den Klavier-Unterricht. Heft 4—8. h 
45 Ngr. Heft 4. -^ SO 

Op. 484. Drei leichte melodische Q. instructive Sonatinen für 

das Pianoforte zu vier Händen. 

No. 4. 45 Ngr. No. S. 8. ä — 4Sy, 

Raff, Joaeblm, Op. 4 48. Ungarische Rhapsodie f. d. Pfte. 4. — 

Op. 14 4. Zwölf zweistimmige Gesänge mit Begleitung des 

Pianoforte. Heft 4—3. ä S7% Ngr. — 4 Thlr. 

Op. 4 45. Deux Morceaux lyriques pour Piano. — SO 

Op. 446. Vali^e-Caprice pour Piano. — SO 

Terschak, A., Op. 78. Le Murmure du Ruisseau. Piöee caract^- 
rlstique p. Piano — SO 

Op. 74. L' Attaque. Elude pour Piano. — SS*/, 

Veit, H. W., Op. 54. Frühlingsklänge. Impromptu f. Pfte. — 40 
Abt, Franz, Op 206. Vier Lieder f. Sopran mit Begl. des Piano- 
forte. Neue Ausgabe. > ' 
No. 4. Warum? Gedicht von Th. Meurer. — 7% 

- S. Frühlings Ankunft. Gedicht von E. Kreuzhage. — 4 

- 8. Fahr wohl! Gedicht v. Adele Gräfin v. Bredow-Göroe. — 7 % 

- 4. Ich liebe Dich ! Gedicht von Tb. Meurer. — 77, 
Idem f. Alt oder Bass. No. 4. 8. 4. ä 7*/, Ngr. No. S. — 40 

Jensen , Adolph , Op. 4 O. Dolorosa. Sechs Gesänge nach Dich- 
tungen von A. V. Chamisso f. eine Singstimme mit Begleitung des 
Pianoforte. 4. 7% 



10 



Nr. i. 



[7] Verlag von Breitkopf und HSrtel in Leipzig. 

Palestriiia% Motetten 

in PartiLur gcselel und redii^irt von Th. de Witt. 

Drei Bande. 
Erster Band: Fünf-, sechs- und siebetistimniige Motetten. 
)^wRLler Dnndr Fünf-, sechs- und acbtstimmige Motetten. 
Drittfjr Band: Fünf-, sechs- und at-htstimuiige Motetten. 
Freia jades Bandes 5Thlr. netto. 

i^l Kciie Huäikalieü im Verlage von Fr. Ilofmeisler in Leipzig. 

ttolck, O., üp. S. n Cbaracter»Lücke f. Pfte. Heft 4. 22% Ngr. 

Heft *. — 25 

Dellli^r^ J., i Morceaun de Salon p. Violon et Pfle. Op. 7. Elegie 

romanliHiie. Op, S. Reverie rniiinunne. Op. 9. Airvarl^. 
Dy verno^ t J* ß-* *^P' ^^^- ^^^ Führer durch die Elemente des 

Klnviorspids. Eme praütische Piauoforteschule in 452 kleinen 

Studien mit erli»ulerndem Texte. netto 1.48 

llaydii, Ji, CoLlecUon de Quätuors, arr. ä 4 Mains p. Gleichauf. 

No. 55 ' 57. fOp. 9. No. 4 — 0.) Ii — 2d 

McsHjer, J. C\, Op. 7k A6verJe (Au soir) et Impromptu p. 

Pfle. — 4 7% 

Kuatze^ f£., Op, M«. 4 Lieder f. viorstimm. Männorchor. Part. 

U. Sl. • — 20 

Ly«1ier^, l'll. ß., Op. 4 06. fjn sojr ä Venise. Elegie-BarcaroUe p. 

Pfte. — 4 7 V, 

Op. 4 07, Ln Chas!»e p, Pfte. - 4 7% 

Op. 4 OH. Le Chsnt du ßouet p. Pfte. — 4 5 

Bichards. Br,, Op. &. Klinget wieder schöne Glocken. Transcnp- 

Ijon f. Pfte. — 42V, 

Qp. 4«. Ciyufianimam, aus H ossini's Stabat Mater. Tran- 

Bcnplion f. Pfte. — 4 5 

^ Up. 73. Floreoce. Nocturne T Pfte. — 4 5 

op. Si. Ale^tandra. Noclume f. PUe. — 4 2V, 

Op. £i. Der ppcn Traumi^ehikle. Transcriplion f. Pfle. — 4 5 

— — Op. 84. Leah. Transcriplion T Pfte. — 4iVf 
^ Op. 85. Clartbella's Lied: Nicht singen kann ich mehr die 

allen Lieder. Transcriplion f. Pfie. — 4 5 

Op. »8, L'Africaine, dn Meverbeer. 2 Transcriptions p. 

Pfle. No. 4. Melodie symphomque. 4 Ngr. No. 2. Marche in- 
dienrie. — 42V2 

Op. 89, Die gefangene Gnei^hin, f. Pfle. — 45 

Op 90. Burnoy O'Hea. Lityrl. TranscriptioD f. Pfte, — 42V, 

^^^ Op, 91. Der Sleuermaan. Nelsoa's Liebliogslied. Transcrip- 
tion f Pfle. — 4 5 

Op 9i. SJnj?, Vö^iein, sing! Transcriplion f. Pfte. — 4 2% 

Op* 9Ä. Käihcben Arooii. Lied von Abi. Transcriplion für 

Pflü. - 4 2% 

Op. 9i. Lieh* was mag der Grund wohl sein. Lied. Trans- 
criplion r. Pfte, — 4 7% 

Op. S5. Ich wolll, ich war ein VÖgelein. Transcriplion f. 

Pße. — 4 5 

Op. 96. Haanchen aus der Mühle. Transcription. — 4 5 

Op. 97. Auf düslern .Mci^i'L'ä wogen. Ballade a. d. Oper: Die 

Praule von Venedii;. Tranige raption f. Pfte. — 4 2 Vi 

Thomu«., ti. A. , Qp 4 7. Kosen und Necken. 6 Charactorstücke 

f. Pfte. 
Op. 18. 4 i kleine Tonhildür als Vorlragssludien im Umfange 

von 5 Tönen f. Pfle. zu t litinden. Heft 4. 47%Ngr. Heft 2. — 20 
Tofif^K l>onJF, Op ^5. Ronifince sans Parolus p. Pfte. 

Op 3», Morche irioniphiilM f. Pfle. 

ftp. 17. Grande Vjitsc p. I'fie. 

Tttttmaiiti^^., ftp 6* Dornröschen, gine .Märchendichlung f. Chor, 

Soh u. Otch. \1il DecfMinuli^rn VoM^L Klavierauszug. 
Tuchircli. W. ^ Op. 7. VU Dai^xige Biene. Characterslück f. 

Pfle. ♦ — 40 

Op. «. l^on Humeur Morceau de Salon f. Pfte. — 4 2% 

Volckmar. W., *^ Volkslieder in leichter Bearbeitung L Pfle. 

Op 4.5S. Ht^imalhsklänge. & Volksheder. Op. «58. Volksklänge. 

fi Valksitüch^r. Op. 4 5 4. GJockeniüne. 6 Volkslieder. k — 29 

^ Alfred Dörif'd in Leipzig 

pmpfiphlL hierdurch st?inp «Lcihanstall für musikalische Literatur«, 
nn JnHlitut, welches ausser den meiiilpn Büchern und Schriftwerken 
iilü^r .MuRVk eine sehr rei( hh;ilUge Sammlung von Vocal- und InstrU- 
ni^rntalwerki^n m Parlilur und Orehe^^lerstimmen enlhttll. Künstlern 
und Kunütfreunden ^ nAmenlUeh Dirigenten von Concertinstitulen, 
dürfte die Benutzung der Anstalt grosse Vortheile darbieten. 



[^^] Verlag von F. E. C. Leuckart in Breslau. 

Johann Sebafiitian Bach, 

Cantaten 

von 

Robert Franz. 

Neue billige Ausgabe. 

Nr. 4. Es ist dir gesagt, Mensch, was gut iit. 4 Vi Thlr. 

- 2. Gott führet auf mit Jauchzen. 4 

- 3. Ich hatte viel Bekümmerniss. ^ 

- 4. Wer sich selbst erhöhet. ^ 

- 5. ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe. 4 

- 6. Lobet Gott in seinen Reichen. 4 Vi - 

- 7. Wer da glaubet und gelaun wird, 4 

- 8. Ach wie flüchtig, ach .wie nichUg. 4 

- 9. Freue dich, erlöste Schaar. ^^'t " 

- 4 0. Gottes Zeil ist die allerbeste Zell (Actus tragicut). 4 

(Die Charsümmen lu diesen Cantaten sind In demselben Y^lag« erseUenen nnd 
in Jeder beliebigen Aniahl lu beliehen.) 

Actus tragicus. 
„(&ottf0 Bett i|l l>ie alietbtfle 3nt** 

von 

Johann Sebastian Bach. 

Bearbeitet von 

Bobert Franz. 

Porlilur 2 Thlr. Orcheslerstimmen 2 Thlr. Chorslimmen 4 Sgr. 

Ciavierauszug (vergl. oben) 4 Thlr. 

Magnificat in D 

von 
Joliann ^obastian IBaoli« 

Bearbeitet von 

Robert Franz. 

Vollstdndijie Partitur 3 Thlr. 20 Ngr. 

Oi-chesterslimnien 8 - 20 - 

Orgdstimino — - 20 - 

Chorstimmen ~ - 48J - 

Clavicr-Auszug (i^rosse Ausgabe) . . 2 - 45 - 
Clavier-Auszug (Handausgabe) in 8* . — - 45 - 

'''' Yerlagsbericht 

dor Mii.sikaiienbandlung von C.F.W. Siegel in Leipzij: 
vom Jahre 1865. 

I. Musik tat Orchester. 

Hamm, J. V., ßinzug der Sänger. Feslmarsch zum ersten deut- 
schen Bundesgesangfeste in Dresden. — 22*/^ 
Keler-Ilela, Op. 68. Souvenir de Wieshadc. Polka. — 22*/^ 

Op. 70. Sängerfjruss. Feslmarsch zum ersten deutschen Bun- 

desuesan!.:feste in Drestlen. — 25 

liacbiier,V., Op. 33. No.2 Marschzu Sc hillers »Turandot.« 4.- 
Derselbe in Partitur. , — 4 5 

Op. 44. Ouvertüre zu Schillers »Demetrius.« 2. 22*/« 

Dieselbe in Partitur. 4. 4 5 

n. Musik für Pianoforte. 

a) r&r Piaoaferte Mit BegleiUag. 

Bockmühl, R. E., Op. 68. Vier neu -griechische Nationallieder 

• lür VIoloncell und Piano. ä — 42%— 46 

liisibt. Fr., Todtentanz (Danse macabre). Paraphrase über »Dies 

iraf« für Piano mit Orchester. Partitur. 3. — 

Fantasie über Motive aus Beethovens »Ruinen von Athen ,« für 

Piano mit Orchester. Partitur. 2. 4 5 

Rosenhaiii, Jacques, Op. 73. Concerto p. Piano avec Accompagn. 
d'Orcbeslre. ^* S5 

Le möme avec Accomp. d'un second Piano. 2. 4 5 



Nr. 4. 



11 



k) iHsIluticke für Pfaneferte in ^ier lindei, 

Braaer, Fr., Op. il. Zehn melodische Uebun^sstücke. (Die Primo- 

Parthiegrösstentheils im Umfang von fünf Stufen.) Heft 4 — 8 ä — «5 

Egg|iar4. J^Im ^P- ^^^- Marche de I« Garde impöriaie, arr. >- i4» 

Op. io9. Les Pierrots! Polka brillante, arr. — 46 

Op. 14 4. Air de Danse. Morceau, arr. — 4 4 

Op. S4 8. Le Yoltigeur. Galop brillant, arr. — 4 7*/, 

Lachner, V., Op. 88. No. 2. Marsch zu Schillers »Turandot,« 

arr. — 42% 
Op, 44. Oavertare z« Schillers »Demetrivs,« arr. voinCora- 

ponifiton. — 20 

Lisyt. Fr. , TodtentajQz (Dapse macabre). Paraphrase Über »Dies 

irao.<f arrang. für zwei Pianos vom Componisten, 3. 45 

l-anlasic über Motive aus Beethovens »Rainen von Athen,« 

ariang. für «wei Piaoos vom Componisten. 2. 25 

Rosenhain, Jacqaes^ Op. 78. Concerto. Arrang. für zwei Pianos 

vom Componisieo. 2. 4& 

Spindler, Fr., Op. 75. Im Wald. Sechs Stücke, arr. No.2— 5. ä— 45 

c) Ittsikstttcke far Ptaaeforte aHein. 

Bs^darzewska , Thecla , La Pri^re exauc6e. R^ponse ä la Fri6ro 
d'une Vierge. Morceau brillant. — 42*/, 

Baumfelder, Friedrich, Op. 4 40. Wandrers Sehnsucht. Nacht- 
gesang. — 42*4 

Op. 4 43. Valse-Etude. — 20 

Op. 4 44. Silberglöckcben. Melodie. — 4 2% 

Op. 4 46. La Pri^re d'une Möre. Nocturne. — 4 

Op. 450. Neueste Schule der Gelöufigkeit. Zehn Etüden für 

mittlere Spieler, mit Hinweglassung aller Octaven und beson- 
derer Berücksichtigung des vierten und fünften Pingers. Heft 
4—2. ä — 47% 

Op. 454. Heimweh. Melodie. — 42*/, 

ChwataI,F.X.,Op. 204. La belle Tyrolienne. Morceau 6!6g. - 4ty, 
Cramer, fl., Op. 462. L'Africalne, de G. Meyerbeer. Illustra- 

tions roölodiques. — 4 7*/, 

Daase, Rndoiph, Op. 24 8. Bremer Schützen-Gruss I Festmarsch 

(mit Vignette). — 5 

Op. 227. Blonüin-Polka (mit Vignette). ~ 5 

Egghard, Jiil., Op. 495. Esprit volage. Morceau. — 4 6 

Op. 4 96. La plus Belle! Impromptu-Mazourka. — 4 8 

Op. 497. »La Flora.« Sc^ne de Danse espagnole. — 4 6 

Op. 4 98. Les deux Pigeons. Morceau 6l6gant. — 20 

Op. 49». Vers le Ciel! M6lodie. — 4 4 

Op. 200. Marche de la Garde imperiale. — 20 

Op. 204. LeRuband'or. M^lodie-Btude. — 4 4 

Op. 202. Premier Aveul Nocturne. — 4 6 

Op. 208. Le Gereon voyageur (Handwerksburscheo-Wander- 

lied). Transcription. — 45 

— — Op. 208. Chanson de la Fiancöe. Morceau. — 4 4 
Op. 209. Les Pierrots 1 Polka brillanle. — 4 7*/, 

Op. 240. LeSongel Röverie. -— 42*/, 

Op. 24 4. Air de Danse. Morceau. — 4 4 

Op. 24 2. M^lancolle. Morceau. — 4 2% 

Op. 248. Le Voltigeur. Galop brillant. 4 5 

Op. 244. La Carillon. Morceau imitatif. — 46 

Op. 24 5. Oh, raa chäre Styrie! (Des Steyrers Heimweh.) M6- 

lodle. . — 45 

Hamm, J. V., Einzug der Sänger. Festmarsoh zum ersten deut- 
schen Bundesgesangfest in Dresden (mit Vignette). — 5 

0önteB, Fr., Op. 223. Fanlaisie sur »l'Africaine ,« de G. Meyer- 
beer. — 20 

JadasBohn, S., Op. 38. Knabenspiele. Characterstück. — 45 

Jangmann, Alhert, Op. 206. Chant de Sylphes. Morceau carac- 
t^ristique. — 4 7*/, 

Op. 207. Irene. Nocturne. — 4 5 

Op. 208. Scheidegrüsse. Romauze. — 4 4 

Op. 243. Wellenspiel. Öarcarole. — 48 

Op. 24 4. La Friere du Barde (Das Gebet des Barden). Mor- 
ceau. — 4 7Vt 

Keler-Beia, Op. 68. Souvenir de Wiesbade. Polka (avec Vig- 
nette). — 7*/, 

Op. 70. Sängergniss. Festmarsch zum ersten deutschen Bun- 

desgesangfest in Dresden (mit Vignette). — 7*/, 

Kahe, W., Op. 4 07. Deux Fantaisies sur »l'Africaine,« de G. Mey- 
erbeer. No. 4—2. ä — 20 

LIsEt, Fr., Todtentanz (Danse macabre). Paraphrase ttber »Dies 
irae,« arr. vom Gomponisten. 4. 4 5 

— ^ Fantasie über Motive aus Beethovens »Ruinen von Athen,« 
arr. vom Componisien. 4 . — 

Pilgerebor aas R. Wagners »Tannbäuser.« Paraphrase. — 20 

Zwei Transcriptionen (»Confutatis et Lacrymosa«) aus Mo- 
zarts »Requiem.« — 4 6 



Oliver, €h. 91. E., Op. 424. la CbMia am Papillons. Mor- 
ceau. — 20 

Op. 425. Clara- Walzer. — 45 

Op. 4 30. Heimweh. Salon-MaKUiia. — 4 7*/, 

Op. 4 34. Kobold-Spiel. Impromptu. — 22*/, 

Paaer, E., Op. 64. Serenade. — 45 

Op. 62. Galop milUaire. -^ 47*/, 

Raff, Joach., Op. 4 85. No. 4. Gavotte« -^ 4f*A 

- 2. Berceuse. — 42% 

- 3. L'Gspiägle. Valse-Impromptu. — 4ß 
Rosenhaiu, Jacqnes, Op. 73. Concerto. 4. 25 
SIenold, Ch., Op. 22. 2n»c Valse brillante (As). — 4 7*/, 
Spindicr, Frita, Op. 444. Zehn technische sSludien mit besonde- 
rer Rücksicht auf Ausbildung des vierten Fingert, cpl. 4. 20 

Op. 4 57. Zehn Sonatinen. No. 4—4 0. ä — 4 0—20 

Op. 4 59. Rosenblätter. Zwei. Stücke. No. 4—2. ä — 47% 

Op. 459. Mondscheinbilder. VierStücke. No. 4 — 4. ä — 40— 45 

Op. 4 60. Maienblülhen. Melodische umX brtiiaote Stücke. 

No. 4 — 42. ä — 7*/, 

-^ — Op. 464. Mühle im Thai. TonslUck. — 46 

Op. 462. Deux Improvisalions sur des th^mes de rOp6ra : 

»rAfricaine,« de G. Meyerbeer. No. 4—$. ä — 22% 

Wehle, Charles, Op. 72. Berceuse javanaise. — 4 6 

m. Eircheninnsik. 

Händel, Q. F., Halleluja aus dem »Messias,«! einK^nchlet für vier- 
stimmigen Mtinnercbor mit Begleitung von * Hörnern, 2 Tromjjft- 
ten, S Posaunen und Pauken. Partitur mit uiitergeJegleaiKlavJLn*- 
auszug. ^— t5 

Singstimmen. — io 

IV. Mehrstimmige Gesänge mit und olme 
Begleitung. ^ 

Abt, Franz, Op. 288. Zwei Gesänge für vier Männerstimmen. 
Partitur und Stimmen. No. 4-2. ä — 46 

Op. 2<j4. Zwei Gesänge für vier Männerstimme^. ParÜ^UJ? ^^^ 

Stimuien. — 4 7*/, 

Op. 288. Vier Gesänge für Sopran, AU, Tenor und Bass. Par- 
titur und Stimmen. No. 4—4. ä — 40 — 42*/, 

Op. 291. Fünf Gesönge für Sopran, Alt, Tenor und Bass. Jfar- 

tiiur und Stimmen. Hea 4—2. A — 4 8— 42*/, 

Op. 297. Sechs Solo-Quartetten für vier Männerstimmen. Par- 
titur und Stimmen. Heft 4—2. ä — 4 7*/, 

tienee, Richard, Op. 4 43. Herein 1 Humoristisches Lied füfvier 
Männorstimmen. Text vom Gomponisten. Partitur und Stim- 
men. — 34 

Op. 4 44. Komische Fest-Cantate für vierstimmigen Männer- 
chor mit Begleitung von 2 Violmen und Kinderinstrumenten. Par- 
titur und Stimmen. 4. 4 

Op. 4 47. Die gestohlene Gans. Komisches I>uett für Tenor und 

Bass mit Pfte. Text vom Gomponisten. — 25 

Op. 450. Reeller Heirathsantrag. Humoristischer Chor für vier 

Männerstimmen. Text vom Gomponisten. Part. u. Stimmen. — 24 

Op. 4 54. Das Gespenst. Eine schaurige Ballade (Worte von 

Franz Graf) für vierstimmigen Männerch. Part. u. Stimm. —47*/, 

Op. 4 5f. Der Patient und die Aertte, oder Allopath, Homöo- 
path und Hydropath. Komische Scenefür vier Solo -Stimmen 
(2 Tenöre und 2 Bässe) m. Pfle. Text vom Gomponisten. 4. 42*/, 

Op. 4 54. Ebbe und Fluth. Komische Bier-Cantate für vier- 
stimmigen Männerchor. Partitur und Stimmen. 4. 2*/, 

Kantze, C, Op. 4 4 4. Nehmt keine Frau. Komisches Männer- 
quartett. Partitur und Stimmen. 4 . — 

V. Oesänge für eine Singstimme mit Beglei- 
tung des Fianoforte. 

Abt, Frans, Op. 287. Drei Lieder Air Tenor oder Sopran. 

No. 4—8. ä — 7*/, 

Dieselben für Alt oder Bass. No. 4—8. ä — 7% 

Genee, Richar«!, Op. 458. Drei Humoresken f. Bass od. Bariton. 

No. 4. Ehemann's Schlummerlied. — 40 

- 2. Die gute Schwiegermama. — 4 

- 8. Der geplagte Ehemann. — 4 
Heiser, Wilhelm, Op. 68. Zwei Lieder. — 45 

Op. 66. Zwei Lieder. — 47*/, 

Proch, Helnr., Das Lied vom Menschenleben , von M. G. Saphir 

für Declamation mit Pfte. — 45 



42 

m 



Nr. 1. 



Soeben, erschien: 



Sechs 

Sniteh für die Violine solo 



von 



JOH. SEB. BACH 



zum 



Oebraach am Conservatorium der Musik zu 
Leipzig 

bearbeitet 



von 




Preis 1 llilr. 15 Ngr. 

(Verlag von Gustay Heinze inLeipzig.) 

" " t I ■ ' II III III 

[48] Im Verlage von J u I i u s Hainauer Id Breslau sind er- 
schienen und in allen Musikhandlungen vorräthig : 

Julius Negwer's 

Oompositionoii f üir Piano. 

Op. 4 7. I m B i r k e n h a i n. Ciavierstück. 4 %i Ngr. 

- 48. Galop-Etudebrillanfce pour Piano. 4ii - 

- 49. R^verie-Etude de concertpour Piano. • 4ti - 

- 94. Elegie pour Piano. 45 

- 2t. LaJoyeuse. Fantaisie-Polka pour Piano. 42i - 

- 28. TroiS'amusements ^Ugants pour Piano. 

Nr. 4. Galop-Etude. 40 

- 2. Nocturne. 40 

- 8. Valse-Etude. 4Si - 

- 24. Jugendfreuden. 6 leichte kleine Tonbilder für Piano. 

Nr. 4. Waldlust. 7i Ngr. 

- 2. Wallfahrt zur Kapelle. H - 

- 8. Bärentanz. 7i - 

- 4. Der Trompeter. 7i - 

- 5. Alpenröschen. H - 

- 6. Kuckuck. 7i - 
Basselbe complet in 4 Hefte. 4 Thlr. 

- 26. L'Ouragan. Galop de bravoure pour Piano. 4 ti Ngr. 

- 26. LaRomanesque. Morceau sentimental pour Piano. 

4 Ngr. 

- 27. Fleurette. Mazourka de salon pour Piano. 40 

- 28. Nocturne pour Piano. 42i - 

- t9. Rübezahl' s Zaubermärchen. Walzer-Capricc. 

4 7iNgr. 

- 80. Im Schlesierthal. Melodienkranz. 40 

- 84. La Sympathie. Fantaisie. 42i' - 

- 82. Apotheose. Gr. marche solenelle. 42i - 

- 88. L'EUga nee. Polka mälodique. 421 > 

- 84. Fest-Polonaise. 42i - 

- 85. La Violette. Fantaisie-Tyrol. 40 - 

Unter der Presse sind: 
" 86. DreiRoroanzen. 

- 87. Zwei Rondinos. 

- 88. Drei kleine Sonaten. Nr. 4 in G, Nr. 2 in C, Nr. 8 in F. 



NoYiiaten im Verlage von Fr. ElBtner in Leipzig. 

[^^itri^r- Für Concert-Insütute. 



Burgmüller, Norbert, Op. 2. SilfOllie (No. 4 CmoU} für Orche- 
ster. Partitur 5 Thlr. 40 Ngr. Stimmen 7 Thlr. 20 Ngr. Für Pia- 
noforle zu 4 Händen 8 Thlr. 

Op. 5. OVTertWa rar Orchester. Partitur 2 Thlr. Stimmen 

8 Thlr. 20 Ngr. Für Pianoforte zu 4 Händen 4 Thlr. 40 Ngr. 

-^ — Op. 44. Slnfonia (No. 2 Ddor in 8 Sätzen) (Ür Orchester. Par- 
titur 4 Thlr. 45 Ngr. Stimmen 6 Thlr. Für Pianoforte zu 4 Hän- 
den 8 Thlr. 

Op. 47. Vier Sltr' Actes f. Orchester. Partitur 2 Thlr. Stim- 
men 2 Thlr. 5 Ngr. 

KiickeD, Fr., Op. 79. „Waldlebea.'i ConcertOttTertire für gros- 
ses Orchester. Partitur 8 Thlr. Stimmen 4 Thlr. 20 Ngr. Für 
Pianoforte zu 4 Händen. 

Raff, Joachim, Op. H7. Fest-OuTartnre für grosses Orche$ter. 
Partitur 2 Thlr. 20 Ngr. Stimmen 4 Thlr. Für Pianoforte zu 4 
Händea4 Thlr. 45 Ngr. 



Für Oesangyereine. 



Brambacb, C. Jos., Op. 4 0. Trost in TSnea aus dem Englischen 

V. J. G. v. Herder, für gemischten Chor mit Orchesterbegleitung. 

Partitur 20 Ngr. Orchesterstimmen 4 5 Ngr. Chorstimmen 4 Ngr. 

Ciavierauszug 45 Ngr. 
fliller, Ferd., Op. 4 49. Pfingsten. (Gedicht von Immergrün) für 

Chor und Orchester. Partitur 2 Thlr. Orchesterstimmen' 3 Thlr. 

Cborstimmen 20 Ngr. (ä 5 Ngr.) Ciavierauszug 4 Thlr. 40 Ngr. 



Für MEnnerchor. 



Franiie, Hermann, Op. 6. 6 Gesänge. Part, und Stimmen. 

Nr. 4. Minnelied von Preller. 4 Ngr. 

- 2. Friihlingslied vonFr.BodensiedtfMirzaSchaffy). 7i - 

- 8. An's Vaterland, von lloifmann v. Fallersleben. 7i - 

- 4. Morgens, von 0. Roquette. 4 - 

- 5. Schön ist das Fest des Lenzes, von Fr.Rückert. 4 7i - 

- 6. Herbstlied, von N. Lenau. 4 5 - 

Op. 7. 4 Lieder. »Frühling«, vonFr.Dannemann. —»Abschied«, 

»Betrogen« und »Liebeszeichen« von E. Geibel. Partitur und Stim- 
men. 4 Thlr. 

Graben-Hofibiann, Op. 75. Vier Trinklieder für eine Bassatimme 
mit Begleitung des Pianoforte, oder für eine Bass-Solostimme in 
Verbindung mit vierstimmigem Männerchor und Pianofortebeglei- 
tung ad Hb. 
Nr. 4. Mein Kehl ist wie der Ocean, von W. Dunker. 4 Ngr. 

- 2. Zechgründe nach Mirza Schaffy von Graben -Hoffmann. 

4 Ngr. 

- 8. Resignation von E. Geibel. 49i - 

- 4. Der Cölnische Zecher, von C. O.Sternau. 4 
lIorn,Aag*, Op. 48. Vier Männerchöre. Nr. 4. Tafellied. »Das Glas 

zur Hand«. Partitur und Stimmen. 4 Ngr. 

Op. 4 g. Nr. 2. Reiterlied. »Und reiten wir ins Gefild«. Partitur 

und Stimmen. 45 Ngr. 

Op. 4 8. Nr. 3. In der Kneipe zum stillen Vergnügen. »Wer 

rühmt nicht das Wirthshaus«. Partitur und Stimmen. 4 5 Ngr. 

Op. 4 8. Nr. 4. Vom Gebirge. »Die grauen Wolken streifen«. 

Partitur und Stimmen. 7i Ngr. 

Op. 20. »Dem Vaterland«. Partitur und Stimmen. 7i • 

ülendelHSohn-Barthoidy, F., Drei Duette. 4) Ich wollt' meine 

Lieb' ergösse sich etc. 2) Volkslied. sah ich auf der Halde dort 
etc. 8) Gruss : Wohin ich geh und schaue etc. für vierstimmigen 
Männerchor arrangirt von Wilhelm Tschirch. 
Nr. 4 . Partitur und Stimmen. 4 5 N^r. 

. 2. do. 40 - 

. 3. do. 45 - 

JMethfeasel , A., Op. 4 80b. Makrobiotik (Epigramm von Le3sing). 
Partitur und Stimmen. 4 7^ Ngr. 

(Bearbeitung letzter Hand vom Jahre 4 865.) 

Op. 456. Wann, o wann? Dichtung von Geibel für 4stimmigen 

Männergesang (Solo und Chor). Partitur nnd Stimmen. 4 7i Ngr. 



Verlag von J. Rioter- Biedermann in Leipzig und Winterthur. — Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. 



Die hdpdgw Allgemeine Miuika- 

Iwehe Zeitong erscheint regelm&ssig: an 

Jedem lllttwoeh und ist durch alle 

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Leipziger Allgemeine 



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Anieigen : DiMgcspaltene Pctitsoile oder 

deren Baum Mgr. Briefe und Gelder 

werden franco erbeten. 



Musikalische Zeitung. 

Verantwortlicher Redacteur : Selmar Bagge. 



Leipzig, 10. Jannar 1866. 



Nr. 2. 



I. Jahrgang. 



Inhal t: Palestrina's Motetten (Schluss). — Neue Lieder. — Berichte 
Anzeiger. 



aus Frankfurt a. M. und Leipzig. — Nachrichten. — Misoellen. — 



Palestrina's Motetten. 

Motetten von Pierluigi da Palestrina, in Partitur ge- 
setzt und redigirt von Theodor de Witt. Drei Bände Folio. 
Druck u^d Verlag von Breitkopf und Härlel in Leipzig. Sub- 
scriptionspreis jedes Bandes 5 Thlr. 
(Schluss.) 
5. Vom gregorianischen Gesauge, sagten wir, habe sich 
Paleslrina emancipirt , weil nämlich jener weder Melodie 
noch musikalischen Rhythmus, und damit auch nicht die 
Kunst musikalischen Ausdrucks kennt, wenn es auch im- 
merhin gregorianische Gesänge giebt, die von diesen für 
sie eigentlich verbotenen Früchten sich etwas angeeignet 
haben. Das Verhalten Palestrina's zu diesem gregoriani- 
schen Gesang ist aber nun noch von einer andern Seite zu 
beleuchten, nämlich in Bezug auf die Kircbentonarlen. Die 
Musikschriftsteller (namentlich nach Thibauts Vorgang] 
behaupten alle, Palestrina habe in den alten Kirchenton- 
arten geschrieben (der Ausdruck : »er sei aufs tiefste in 
dieselben eingedrungena kann doch wohl nur diesen Sinn 
haben, denn dass er dieser Tonarten vollkommen kundig 
war, versteht sich ja von selbst). Und da er, wie figura 
ausweist, seinen Stücken entweder gar keine Vorzeich- 
nung giebt oder nur ein b setzt, welche beide Arten der 
Vorzeichnung auch im gregorianischen Gesänge die einzigen 
sind, die das Gesetz zulässt, da er auch zwischenein die 
zufälligen jjf und i^ zwar öfter setzt, als es die Regel eigent- 
lich erlaubte, aber doch weil nicht überall, wo diese Zeichen 
hingehören , wo darum auch der Redacteur sie beigefügt 
hat : so hat jene Behauptung in so weit alle Wahrschein- 
lichkeit für sich. Wir gestehen aber, dass wir, seit man 
sogar Sebastian Bach zu einem Repräsentanten der alten 
Kirchentonarten hat machen wollen, gegen derlei Behaup- 
tungen, so lange nicht die klaren Beweise schwarz auf 
weiss daneben stehen, misstrauisch geworden sind. Wir 
haben darum die vorliegenden Motetten insbesondere auch 
darauf angesehen , wie sichs darin mit den Kirchenton- 
arten verhalte, und sind auf folgendes Ergebniss gekom- 
men. Wenn Jemand den Palestrina darum preisen wollte, 
dass er als getreuer Sohn der römischen Kirche auch nur 

in den Kirchentonarten Musik gedichtet habe, so mUssten 
1. 



wir dieses Lob für unbegründet erklären. Wir haben eine 
Anzahlstücke gefunden, die ganz unzweifelhaft dem mo- 
dernen Dur und Moll angehören; so steht in Bd. 1. No. 26. 
S, 1 H {Dum complei^entur] in F-dur, dessgleichen in Bd. III. 
No. 22. S. 114 {Hoc dies,.quam fecit), No. 31. S. 450 (Ave 
regina). Will man das jonisch nennen mit Versetzung um 
eine Quart höher, so wie auch alle die Nummern, die 
nach unsrem Ohr in reinem G-dur klingen, als jonischbe- 
zeichnen, so mag man es thun ; den von Gregor I. selbst 
autorisirten Tonarten hat aber diese nicht angehört. Nicht 
weniger klar tönt uns in Bd.I. No. 7. S. 34 [Crucem sanc- 
tarn), in Bd. III. No. 24. S. 120 [Judica me Dem) unser 
heutiges G-moll entgegen. Diesen Stücken finden wir 
allerdings eine Anzahl anderer gegenüberstehen, welche 
ebenso deutlich die Merkmale einer der alten Kirchenton- 
arten an sich tragen. So ist gleich die erste Nummer in 
Bd. 1 (0 admirabile commercium) mixolydisch ; ebenso in 
Bd. m. No. 8. S. 39 [Fuit homo), No. 9. S. 45 (0 lux et 
decus IIispaniae)j No. 29. S. 128 (Lauda Sion Salvatorem), 
wie überhaupt die Zeichen dieser Tonart uns verhältniss- 
mässig häu6g begegnen. In Bd.III ist No. 12. S. 62 (Sanc- 
tißcavit dominus) dorisch, in Bd. II. No. 17. S. 77 [Domi- 
nus Jesus in qua nocte) phrygisch. Von der grossen Mehr- 
zahl aber dürfte es schwer sein, eine der alten Tonarten 
als die herrschende anzugeben, an deren Gesetz sich der 
Meister gebunden hätte; wir glauben nicht, dass die Lehrer 
des gregorianischen Gesanges über diesen Punkt unter sich 
einig würden, so wünschenswerth es wäre, dass diesel- 
ben die Theorie dieses Gesanges , statt mit abgerissenen 
Sätzchen aus dem Messbuch, einmal an solchen grossen 
Werken erläutern würden. Uns scheint die Sache so zu 
liegen: Palestrina hat die Tonarten mit ihren Regeln und 
diejenigen Musikformen, Modulationen, Schlüsse u. s. w., 
die sich an und aus jenen Tonarten im Laufe des ganzen 
Mittelalters entwickelt hatten, genau gekannt und mit 
Meisterschaft zu handhaben ge^usst. Musste doch einem 
Musiker, der in der römischen Kirche, in Rom selbst unter 
Priestern und Sängern aufgewachsen w^ar, diese ganze Ton- 
welt so zur Natur geworden, in ihm so in Saft und Blut 
übergegangen sein, dass er schon ursprünglich in diesen 



14 



Nr. 2. 



Formen dachte, v^hrend wir uns aus einer ganz andern 
musikalischen Atmosphäre in diese uns fremde erst hin- 
einversetzen müssen. Aber wie schon vorher die fortge- 
schrittene Kunst des mehrstimmigen Satzes dieMusikdich- 
ter in vielfache, ja unaufhörliche Collision mit der Kirchen- 
regel gebracht hatte (woher ja die schlaue Auskunft sich 
datirt. dass die Kirche zwar erlauben musste, da und dort 
ein gis oder fis zu singen, weil die Harmonie es zurNatur- 
nothwendigkeit machte , aber dass man in den geschrie- 
benen Stimmen das ^ oder \^ nicht beisetzen durfte, damit 
wenigstens der Schein gerettet wurde, als werde die Re- 
gel beobachtet, die solche von der Scala abweichende 
Töne verbot — s. zum Belege Oberhoffer, der grego- 
rianische Choral, S. 13) : so führte unsern Meister sowohl 
seine vielstimmige Setzart, als auch und noch mehr sein 
reiner musikalischer Sinn, sein auf wirkliche Schönheit 
und auf Wahrheit des Ausdrucks bedachter Geist auf einen 
Standpunkt, von welchem aus ihm das System der Kirchen- 
töne nicht mehr ein bindendes, hemmendes und drücken- 
des Gesetz, wohl aber, was es auch in der That ist, eine 
eigenthümliche, charakteristische Form oder Gattung von 
Musik war, die er frei , seiner künstlerischen Inspiration 
folgend, handhabte und verwerthete. Er wird, wie man 
weiss, als Reformator der Kirchenmusik gefeiert, sofern 
er durch seine Schreibart an die Stelle der alten, sinnlos 
gewordenen Künsteleien, um deren willen das tridentiner 
Concil nahe daran war, alle Musik in der Kirche zu ver- 
bieten, eine klare, würdige und ausdrucksvolle Musik 
setzte, die von Päpsten und Cardinälen als*üchte Kirchen- 
musik mit Freuden anerkannt wurde. Aber er ward solch 
ein Reformator noch in einem ganz andern Sinn, eben in- 
dem er die Fessel, die die alte Kirche der Tonkunst an- 
gelegt hatte, sprengte, nicht indem er Unkirchliches, 
Weltliches aufnahm, sondern im Gegentheil, indem er ein 
höher Kirchliches schuf, das nicht mehr im Buchstaben, 
sondern im Geiste, nicht mehr in der beschränkten Zahl 
der Tonarten, im Verbot von ^ und ^, von gis und fis, von 
eis und dis, sonQern im musikalischen Gehalt der Töne 
und Tonreihen selber lag. Dass er selbst noch von den 
alten T<Jnen und Modulationen mehr beibehielt, als seine 
Nachfolger (z. B. Allegri), das begreift sich aus seiner 
Stellung auf der Schwelle der neuen Kunstepoche, deren 
Anfänger er selbst war. (Hat doch auch Luther in Lehre 
und Ritus noch Manches beibehalten, was der spätere 
Protestantismus wenigstens als Sache freier Discussion 
betrachtet.) Aus dieser seiner Stellung glauben wir es 
erklären zu sollen, dass uns in diesen Motetten alle Augen- 
blicke wieder Gänge und Modulationen begegnen, die wir 
als dorisch, phrygisch u. s. w. leicht erkennen, aber dass 
so selten eine dieser Tonarten durch ein ganzes Stück 
festgehalten ist. Das aber können auch diejenigen, die in 
den alten Tonarten den wahren character indelebilis der 
ächten Kirchenmusik zu sehen glauben, schlechterdings 
nicht leugnen , dass grade Palestrina's weihevollste Ge- 
sänge, jene Improperien, Miserere u. s. w., ihre Schön- 



heit keiner jener Tonarten, verdanken , ausser in der mit- 
telbaren Weise, dass , im Gegensatze zu den modernen 
Halbtönen, die einen Accord in einen andern überführen, 
Palestrina's Ohr durch die alten Tonarten schon gewöhnt 
war, was uns nun fremder geworden ist, z. B. einem D- 
moll-Accord ohne alle Vermittelung den C-dur-Accord 
(dorisch) , einem G-dur-Accord ebenso den F-dur-Accord 
(mixolydisch), einem F-dur-Accord den G-dur-Accord 
(lydisch) folgen zu lassen. 

Wenn in Italien oder Griechenland oder sonstwo neue 
Reste eines untergegangenen, üppigen Volkslebens aus dem 
tausendjährigen Schutte zu Tage gefördert werden, so 
freuen wir uns jedes solchen Fundes, weil dadurch unsre 
Kenntniss der alten Welt erweitert oder berichtigt wird. 
Wenn uns aber solcherlei Denkmale einer grossen Zeit vor 
Augen gestellt werden, wie die vorliegenden Musik werke: 
da lernen wir nicht nur diese grosse Zeit wieder besser 
kennen und würdigeq, sondern unser eigenes Leben hat da- 
ran einen Gewinn von nicht zu bemessendem Werthe. Diese 
Tempel und Altäre , diese Vasen und Bildwerke, die der 
Musiker in Pal estrina's Partituren vor sich sieht, die bieten 
sich zum unmittelbaren Gebrauche dar; mögen sie eine 
recht vielfache, dankbare und würdige Verwendung finden I 



Neue Lieder. 

— ff— Wohl könnte es Einem Schwindel erregen, w^enn 
man auf die schier unübersehbare Menge von Liederheften 
jeder Galtung den Blick richtet, welche eine im Gebiete 
der musikalischen Lyrik fast allzuüppige Productions- 
kraft aller Orten an's Licht treibt. Wohl möchte man ver- 
sucht sein, den Liedercomponisten zuzurufen : »Verzettelt 
eure Kraft nicht in dergleichen anrauthigen Kleinigkeiten, 
die euch den Sinn rauben für breitere, straffere Formen! 
Schreibt Oratorien, schreibt Opern, wenn eure Phantasie 
dem süssen Bann des Gesanges doch einmal verfallen ist, 
wenn ihr euch nicht in jene Schranken wagt, wo in edler 
Resignation das Streichquartett mit den Waffen der Con- 
trapunktik kämpft, oder wo die Symphonie mit allen Streit- 
kräften des modernen Orchesters im Bunde den Sieg der 
absoluten Musik feiert« I — Dennoch wäre dieses ungerecht. 
Das Lied ist uns längst keine anmuthige Kleinigkeit mehr, 
seit unsere grossen Meister seine feinen Formen mit neuem 
und gewichtigem Inhalt erfüllt haben. Es ist das Organ 
geworden, in dem unser innerstes subjectives Empfinden 
sich gewissermaassen vertraulich ausspricht, im Gegen- 
satz zu jenen grösseren Werken, in denen wir den Puls- 
schlag einer ganzen Zeit fühlen, aus denen wir den Chorus 
einer idealen Menge heraushören wollen. 

Man würde daher der Mehrzahl unserer Lieder Unrecht 
thun, wollte man sie mit den Erzeugnissen jener soge- 
nannten Goldschnitt-Lyrik in eine Reihe stellen, die in der 
Literatur in nicht weniger massenhafter Weise den Markt 
tiberschwemmen. Die Kritik hat in der That wohl ein 
Recht, unsere jungen lyrischen Dichter auf ernstere Ziele 



Nr. 2. 



15 



htnzuweiseni welche Vorsludieo, welche mit einem Worte 
das bedinizen, was man Arbeit nennt. Denn die Spuren 
solcher sucht man verj^ebens in jenen zierlichen Octav- 
bändcben, in welche sich die moderne Lyrik zu kleiden 
liebt. Man findet darin meistens nur, was bei diesem 
oder jenem Anlass zu empfinden üblich ist; mit einigen 
mehr oder weniger neuen Wendungen , in mehr oder 
weniger glatten und wohlklingenden Versen ausgespro- 
chen, welche unsere Sprache zum grössten Theil ftlr 
den Dichter gedichtet hat. — Der Gomponist hingegen 
muss frei über die Technik seiner Kunst gebieten, muss 
ausser der allgemeinen auch eine specifisch musikalische 
Bildung mitbringen, ehe er wagen darf mit seinen Liedern 
an die Oeffentlichkeit zu treten. Es gehört heutzutage 
schon ein nicht gewöhnliches dichterisches Talent dazu, 
um über erste Liebe, Fiilhling, Wein und Scheiden etwas 
Neues, Fesselndes sagen zu können, und auch das Aus- 
kunftsmittel, durch einen Anhang von Liedern in der Weise 
fremder Nationalitäiten, etwa der Serben, Neuseeländer, 
Botokuden oder Samojeden, dem Büchlein eine neue und 
frappante FSirbung zu geben, fängt bereits an, sich zu 
überleben. Woraus will man es erklaren, dass der Inhalt 
zweier aufs Geradewohl gewühlter Bändchen lyrischer 
Gedichte von gleicher relativer Bedeutung sich viel mehr 
gleicht, als zwei Hefte mit Lieder-Compositionen, in denen 
doch eben auch nur Frühlings-, Liebes- und Äbschieds- 
Lieder zu finden sind? Woraus femer will man es erklä- 
ren, dass die lyrische Poesie sich an jenen alten und doch 
ewig neuen Stofien zu erschöpfen beginnt, indess die Mu- 
sik selbst oft gesungene Gedichte in immer wieder neue 
und anziehende Weisen zu kleiden vermag? 

Um diese Fragen wenigstens annähernd beantworten 
zu können, müssen wir die Art des Schafiens sowohl des 
Dichters wie des Tonkünstlers in Betrachtung ziehen. Der 
Dichter fasst, was ihn bewegt, in concrete Gedanken zu- 
sammen, zu deren directem oder bildlichem Ausdruck das 
Wort sich ihm leiht. Der Tondichter aber, wenn er wirk- 
lich in Tönen zu dichten versteht, schöpft aus jener 
Seelenliefe, in welcher die Gedanken noch embryonisch 
weben und leben, in welcher die Empfindungen noch wie 
die Farben des Regenbogens in einander verschwimmen. 
Wenn wir nun oben bereits andeuteten , dass die compli- 
cirte Theorie seiner Kunst den Tondichter zu strengerer 
künstlerischer Arbeit nöthige, als unsere gefügige Sprache 
vom Dichter sie heischt, so bieten jene Seelenstimmungen, 
die nur in Tönen sich auszusprechen vermögen , seinem 
Schaffensdrange wieder eine weit grössere Fülle von Mög- 
lichkeiten, als den) Dichter zu Gebote stehen. Wir berüh- 
ren mit dieser Erklärung nun aber eine bedeutsame Frage, 
mit der sich seit einiger Zeit die Aesthetik mehrfach be- 
schäftigt hat und wohl noch länger beschäftigen wird. Wir 
meinen die Frage nach den Grenzen der Poesie und Musik. 
Müssen wir auch die positive Bestimmung dieser Grenzen 
dem Aesthetiker von Fach überlassen, so wird jeder 
denkende und einigermaassen feinfühlende Künstler es doch 



sicher augenblicklich empfinden, wo dieselben nach der 
einen oder andern Seite hin überschritten sind. Die Vor- 
gängerin dieser Zeitung ist mehrfach in der Lage gewesen, 
den Ausschreitungen jener neuen musikalischen Richtung 
entgegentreten zu müssen, deren tendenziöses Bemühen 
es ist, die Ausdrucksfähigkeit der Musik zu steigern und 
auf ein Gebiet hinüber zu leiten, auf dem zu herrschen 
unsere Kunst nun einmal nicht bestimmt ist. — Sei es uns 
denn auch gestattet, ^dererseits auf eine analoge Er- 
scheinung in der Liteoatur, auf die sogenannte »roman- 
tische Schule«, hinzuweisen, deren Bestreben, die Ge- 
danken in musikalische Stimmungen aufzulösen, zwar 
heutzutage ziemlich allgemein perhorrescirt wird, deren 
Einfluss auf die moderne Lyrik aber dennoch grös^^r ist, 
als man zugeben möchte. Wie oft ist noch jetzt de* nelo- 
dische Klang der Verse nur die lächelnde Maske , aus 
deren leeren Augenhöhlen uns 'die Gedankenlosigkeit an- 
starrt! Derartige Gedichte aber hört man häufig als be- 
sonders zur musikalischen Gomposition geeignet anprei- 
sen. Unserer Meinung nach sehr mit Unrecht. Ein Gedicht 
muss die Musik herausfordern, muss ihrer bedürfen, nicht 
aber selber Musik vorstellen wollen , um componirbar zu 
sein. Ein schlagendes Beispiel dafür ergicbt sich , wenn 
wir im Hinblick auf die zahlreichen Gedichte Tieck*s, 
Brentano's, Arnim*s, der Schlegel und Anderer, in Erwä- 
gung ziehen, wie wenige derselben componirt oder über- 
haupt componirbar sind. *) 

Gehen wir nun von einem mehr praktischen Gesichts- 
punkte aus und fragen die neuesten lyrischen Erzeugnisse 
in Poesie und Musik nach der Berechtigung ihrer Existenz, 
so fällt auch hier die Antwort zu Gunsten der letzteren 
aus. Unsere Zeit wird immer rationalistischer, jedem sen- 
timentalen Zuge immer abgeneigter. Unsere Jugend ent- 
wächst immer schneller jener Traum- und Schwärm- 
periode, in der sonst die aufblühende Jungfrau und der 
des Bartes harrende Jüngling sich im einsamen Kämmer- 
lein am süssen Duft einer frischen lyrischen Blüthe zu be- 
rauschen liebten. Noch vor etwa einem halben Menschen- 
aller kam es nicht selten vor, dass eine Vereinigung von 
Freunden, und wohl noch mehr von Freundinnen der schö- 
nen Literatur sich gegenseitig am Vorlesen lyrischer Ge- 
dichte erbaute. Heutzutage möchte man solche Kreise in 
unserm Vaterlande vergeblich suchen. 

Die Abnahme des Interesses für Literatur und die an 
manchen Orten fa§t zur Manie gewordene Musikliebe be-- 
dingen sich gegenseitig. Das Lied hat alle Ursache, sich ! 
dieser Wandlung zu freuen, es ist längst ein lieber Gast 
fast in jedem Hause, es ist fast zum musikalischen Le- | 
bensbedUrfniss geworden. Immer ist es willkommen, mag 
es nun als Trost- Einsamkeit den Musikf^eund in stil- 
len Stunden an^s Ciavier locken, mag es im häuslichen 
Kreise als holdeste Zierde traulicher Geselligkeit gefeiert 



*) Wir nehmen natürlich die Gedichte aus, in denen sich die 
Weise älterer Volkslieder, und meistens mit feinem Takt, nach- 
geahmt findet. 



1 



46 



Nr. 2. 



werden, oder mag es endlich, die Gasflammen des Gonceri- 
Saales nicht scheuend, einer beliebten Sängerin den Bei- 
fallsjubel eines begeisterten Publicums eintragen. 

Versuchen uir nun, die massenhafte Production auf 
diesem Felde tu überblicken und richtig zu würdigen, so 
gelangen wir im Ganzen zu erfreulichen Resultaten. Jene 
flaue Bänkelsängerei, die sich so breit machen durfte, als 
ob ein Franz Schubert nie gelebt habe, wird in immer 
engere Kreise eingeschränkt, und verspricht bald ganz zu 
verschwinden. Nicht gar lange brauchen wir zurück zu 
denken, da war eine Zeit, in der das ganze singende 
Deutschland von den Liedern eines Kücken, I^roch, Preyer, 
späterhin Gumbert's und Anderer geradezu überfluthet 
war. Jedes singende Fräulein hatte die beliebtesten jener 
Lieder wenigstens abgeschrieben in ihrem Notenbuche, ja 
selbst in die Concert-Programme wusslen jene sich mit- 
unter einzuschleichen. Beethoven's und Schubert's Ge- 
sänge waren von der Menge fast vergessen, Hauptmannes 
Lieder in grösseren Kreisen wenig beachtet. Da katpen 
Mendelssohn und Schumann. Des Ersteren nAuf Flügeln 
des Gesangesa und »Es ist bestimmt«, sowie Schumann's 
»Du meine Seele, du mein Herz« (trotz der »schweren« 
Begleitung) brachen Bresche, und die übrigen zogen, wenn 
auch langsamer, nach. Da wurde die Luft rein, und es 
erschallte rings ein neuer frischer Klang. Jetzt sind Men- 
delssohn's Lieder längst Gemeingut geworden, Schumann 
und Franz eroberten sich nach und nach mehr Terrain, 
und selbst der spröde Norden, wie der leichtlebige Süden 
unseres Vaterlands heissen sie bereits in ihren Grenzen 
willkommen. Was diese Meister gesäet haben, ist reichlich 
aufgegangen. Eine Anzahl jugendlicher Kräfte eifert ihnen 
nach und strebt mit mehr oder weniger Glück nach einem 
Platz an ihrer Seite. Es scheint uns ein Zeichen der Zeit^ 
dass die jüngeren Lieder— Componisten sich jetzt mehr 
und mehr in jene Gefühlswelt zu versenken lieben, aus 
der Schumann's innigste Lieder uns erklangen. So ist 
auch die Mehrzahl der uns voriiegenden Lieder unter Schu- 
mann's Einfluss entstanden. Wir wenden uns nach diesen 
vorbereitenden Worten, die uns als Einleitung einer Rei- 
henfolge von Besprechungen neuer Liedercompositionen 
wohl am Platze schienen, nun jenen Liedern selbst zu. 

Heinr. V. Herzogenberg, Sechs Lieder für eine Sing- 
stimme mit Begleitung des Pianoforte. Op. 1 . Leipzig 
und Winterthur, J. Rieter-Biedermann. 20 Ngr. 

Der verirrte Jäger, Ballade von Eichendorff, für eine 

tiefe Stimme mit Begleitung des Pianoforte. Op. 2. 
Derselbe Verlag. 77« Ngr. . 

Robert Papperitz, Sieben Lieder von Adolar Gerhard 
für eine .Singstimme mit Pianoforte. Op. 8. Leipzig, 
Gustav Heinze. 2 Hefte ä 15 Ngr. 

Ludwig Meinardus, Vier Gesänge für eine tiefe Stimme. 
Op. 20. Bremen, Cranz. 20 Ngr. 

Friedrich Gernsheim, Sechs Lieder für eine Sing- 
stimme mit Begleitung des Pianoforte. Op. 3. Leipzig, 
Breitkopf und Härtel. 20 Ngr. 



Da man eitler neuen Bekanntschaft, zumal wenn sie 
eine erfreuliche zu werden vei'spricht, gern mit Zuvor- 
kommenheit zu begegnen püegt, stellten wir das Opus 4 
und 2 des Hm. v. Herzogenberg obenan, aus denen ein 
frisches Talent zu uns spricht. Sämmtlichen Liedern ist 
viel Charakter und grosse Sicherheit in der Factur nach- 
zurühmen. Gewisse harmonische Kühnheiten verrathen, 
dass der Componist noch inmitten der Sturm- und Drang- 
periode steht. Indess es ist so viel Eigenes in diesen Lie- 
dern, es ist so klar, dass wir uns hier keiner schwäch- 
lichen Treibhauspflanze gegenüber befinden, dass wir 
dergleichen, zumal in einem Erstlingswerke, dem Gompo- 
nisten nicht zu hoch anrechnen. Alles zeigt an, dass wir 
es mit einem jungen Talent zu thun haben, das aus dem 
Vollen schöpft, sich aber seiner Ziele noch nicht in ganzer 
Klarheit bewusst ist, und vorläufig mehr nach dem Inter- 
essanten, als nach dem Schönen strebt. Das Aechte tind 
Schöne ist aber immer das im höchsten Smne Einfache. 
Herzogenberg lässt sein Talent noch gar zu üppig wuchern 
und in's Kraut schiessen. Wir empfehlen ihm dringend bei 
seinen künfticen Werkensich selbst nicht zu schonen, und 
herzhaft die Scheere der Selbstkritik anzulegen. Mit be- 
sonderer Vorliebe ist der Componist auf interessante Har- 
monik bedacht gew^esen, welche an manchen Stellen so- 
gar die Melodieführnng bestimmt, ja beeinti'ächtigt zu 
haben scheint. So ist denn in diesen Liedern an frappan- 
ten Modulationen kein Mangel. Wenn'durch sie der Com- 
ponist hier und da zu schönen und bedeutsamen Wirkun- 
gen gelangt, so läuft dafür auch manches Unschöne und 
Verletzende mit unter. Nr. 1 (»Die stille Wasserrose« etc.) 
ist jedoch von diesem Vorwurf durchaus frei. Sehr poetisch 
ist der zweistimmige Anhang in H-moll, wo die Sing- 
. stimme in tiefer Lage so einsam und träumerisch über der 
geschickt geführten Begleitung anhebt. Später zu den 
Worten : »Da giesst der Monda blüht eine lieblich-einfache 
Melodie in D-dur auf, von ruhigen Accorden des Claviers 
in tiefer Lage begleitet. Der Schluss kann uns in rhyth- 
mischer .Hinsicht nicht befriedigen. Dör Componist scheint 
dieses gefühlt zu haben, indem er über den die Schluss- 
cadenz bildenden Takt »Zurückhaltend« schrieb, ünserm 
Gefühl nach genügt das nicht , und hätten wir statt des 
einen lieber zwei Takte, welche dann direct in das vom 
Ciavier aufgenommene Arifangsmotiv überleiten müssten, 
was allerdings nur durch eine veränderte Melodieführung 
zu erreichen wäre. — Die Melodie von Nr. 8 (»0 lüge nicht« 
von Heine) ist auf einer harmonischen Sequenz gebaut 
und will nicht rechl in FIuss kommen. In den ersten Tak- 
ten trotz der Seplimenschritte nicht unsangbar, verliert 
sie sich späterhin in chromatischen Fortschreitungen. Der 
Refrain »0 lüge nicht« erklingt ausdrucksvoll auf dem J- 
Accord von Es-dur, worauf die Begleitung in die Grund- 
tonart As zurückführt. Das Lied ist eigentlich, wie das 
erste des Heftes, ein ausgeschriebenes Strophenlied mit 
angehängter Coda. Die vorwärts treibende und der 
Tenipobezeichnung »Ruhig« sich nicht recht fügen wollende 



Nr. 2. 



17 



Begleitung scheint uns mit dem Inhalt des Gedichts im 
Widerspruch zu stehen , was jedoch beim zweiten Verse 
sich weniger fühlbar macht.. — Nr. 3 (»Der verzweifelte 
Liebhabera von Eichendorff}, ebenfalls ein Strophenlied 
(F-moU %), ist aus einem Guss trefflich gerathen und von 
köstlichem Humor, wohingegen das vierte Lied »Stumme 
Liebe« von Lenau gar zu sehr an träge auf- und abschlei- 
chender Chromatik und gesuchten Harraoniefolgen krankt, 
als dass wir ihm rechten Geschmack abgewinnen könnten. 
Vom Componisten ursprünglich gewiss fein und eigenartig 
empfunden, scheint das von ihm Gewollte darin nicht 
voll und klar zum Ausdruck gelangt zu seio. — Nr. 5 (»Die 
blauen Augen« von Heine) ist innig gesungen und wohl- 
Ihuend durch einfachere Haltung. Nur in der Mitte ist der 
Giesang wieder einer an sich nicht verwerflichen Harmo- 
niefolge (von B-dur zuerst nach Ges-, dann von B- nach 
D-dur) geopfert. Das letzte Lied des Heftes (»Im Grünen« 
von Geibel) klingt frisch und fröhlich. Die Modulation, alle 
Molltonarten bei Seite lassend, entschädigt dafür durch 
eine nicht geringe Anzahl von Durtonarten, die sie im 
raschen Wechsel nacheinander einführt. Manurtheile selbst» 
Schon der zweite Takt des in D-dur stehenden Liedes 
bringt den durch keine Septime getrübten hellen Hdur- 
Accord, welcher sich als Dominante von E-dur darstellt, 
in welcher Tonart im dritten und vierten Takt die An- 
fangstakte, also um eine Tonstufe erhöhl, wiederholt wer- 
den, wodurch wir im vierten Takte uns in Cis-dur befin- 
den, wobei der Sequenz zu Liebe eine recht gezwungene 
Declamation nicht gescheut wird. Ein kurzer Auftakt- 
schlag des Dominant-Septaccords von D-dur ftlhrt in den 
Grundton zurück, jedoch nur um uns zugleich durch H-moU 
auf den Quartsextaccord vxyn A-dur zu führen, in welcher 
Tonart diese sechstaktige Periode schliesst. Nachdem der 
Schlusstakt derselben durch das Ciavier wiederholt wor- 
den, tritt der Gesang in F-dur wieder auf, in welcher 
Tonart, nachdem die Nebenlonarlon B-dur und D-moll 
berührt worden, derselbe während der Staktigen Periode 
bleibt, worauf ohne jede Ueberleitung die zweite Strophe in 
D-dur wieder beginnt, und auf dieselbe Weise verläuft. Der 
Componist hat je zwei Strophen des Gedichts zu einer mu- 
sikalischen zusammengefasst. Die fünfte Gedichtstrophe 
bringt den Anfang noch einmal und führt ihn zum Schlüsse 
in D-dur. Die in den Dreivierteltakt des Liedes einge- 
streuten y4-Takte fügen sich ungesucht und natürlich dem 
Ganzen ein. 

Op. 2 ist die Composition einer EichendorlFschen Bal- 
lade: »Der verirrte Jäger«. — Ein eigener romantischer 
Hauch weht uns gleich aus den Anfangstakten der Ballade 
an, wo der Gesang (in E-dur %) sich natürlich und reiz- 
voll über den Homklängen der Begleitung erhebt. Die 
kecke Modulation bei den Worten »Frisch auf, ihr Wald- 
gesellen mein« von Gis-dur nach C-dur ist ganz an ihrem 
Platze, und von freundlichster Wirkung ist dann nach der 
Fermate der Wiedereintritt des E-dur mit dem Anfangs- 
motiv. Weniger behagt uns der bewegte Mittelsatz von fast 



recitativischer Haltung, der den Jäger in^s Innere des Wal- 
des geleitet , und uns diesen vielleicht dornenvollen Weg 
durch verschiedene peinliche Modulationen versinnlicht. 
Der in das Anfangsmotiv wieder einlenkende Schluss wirkt 
dafür UHU so erfreulicher. 

Wir haben an diesem Op. 4 und i Manches auszusetzen 
gefunden. Möge der Componist es uns nicht verargen.' 
Haben wir doch durch ein ausführliches Eingehen in seine 
Erstlingswerke ihm ein Zeichen der Achtung gegeben, die 
wir vor seinem Talent haben. Mag der Strom seiner Er- 
findung auch noch z^weilen etwas wild dahinbrausen, wie 
andere Ströme wird er allniälig in ein ebenes Bett ein- 
lenken. So scheiden wir denn von dem Componisten mit 
schönen HoSnungen für die Zukunft. Möge er £>ie in rei- 
chem Maasse erfüllen ! 

(Schluss folgt.) 



Berichte, 

Frankfurt a. M. DL. Da ich wohl annehmen darf , dass 
die Mehrzahl der Leser dieser 3>Leipziger Allgemeinen« Stamm- 
gäste der bisherigen »Allgemeinen« sind , so kann ich meinen 
heutigen Bericht getrost als eine Fortsetzung des letzten, in 
Nr. 16 abgedruckten, betrachten. Aussergewöhnliche Kürze 
ist mir dabei nicht nur durch den Wunsch der Redactiou, son- 
dern auch durch grosse Masse des vorliegenden Stoffes gebo- 
ten. — Beginnen wir mit den bedeutendsten Goncerten einzel- 
ner Künstler, so steht obenan dasjenige, welches am 3 1 . Oct. 
Frau Schumann mit Herrn Joachim gab. Das Programm 
hestand^^aus der sogenannten Kreutzer-Sonate von Beethoven, 
einer Sonate von Haydn für Glavier und VioKne, Glavlerstäcken 
von Brahms und Schumann, Yiolin-Solostücken von Bach, Hiller 
und Spohr, und den Variationen von Schumann für zwei Gla- 
viere. In letzteren erwarb sich Fräul. Elise Schumann bei 
uns ihre ersten Lorbeem ; sie gedenkt sich hier bleibend nie- 
derzulassen. — Unter dem Mannigfaltigen, welches das erste 
Goncert des Hrn. Musikdirector Eliason aufwies, interessirte 
namentlich das Claviertrio eines hiesigen Künstlers, Wilhelm 
Hill, welches bei guten Gedanken und entschieden ernstem 
Streben nur die völlige Abklärung vermissen liess : es zeigte 
noch manches Phrasenhafte und Unmotivirte. — Auch Frau 
Szarvady-Glauss erfreute uns mit einem Goncerle, worin 
sie, unterstützt von Hm. Heerman, Beethoven^s Sonate in G- 
moll für Pianoforte und Violine , nebst einer reichen Auswahl 
von Solostücken von Scarlatti, Mendelssohn, Ghopin u. A. 
vortrug. 

Unter den periodischen Goncerten erwähne ich zunächst 
dasjenige des philharmonischen Vereins; es wurde mit der 
Symphonie in D-dur von Haydn (erster und letzter Satz alla 
hreve) eröffnet und schloss mit Lachner's Ouvertüre zu Gatha- 
rina Cornaro. Den Gesang hatte Fräul. Hentz aus Mannheim 
übernommen, das Ciavier Herr Julius Sachs von hier, welcher 
sich namenüich in Mozart's Goncert in C-dur sehr wacker zeigte.* 

Das Museum eröffnete seinen dritten Abend mit uns bis- 
her unbekannten Fragmenten Schubert*scher Symphonien. Der 
erste und zweite Satz waren einer tragischen Symphonie in 
G-moIl entnommen, componirt 18H; sie wirkten wohlthuend, 
klangen jedoch vieKach bekannt. Das Scherzo, aus einer an- 
dern Symphonie, in G-dur, componirt \S\S, erschien weit be- 
deutender. Das Finale, 18 4 5 geschrieben und in D-dur, inter- 
essirte mehr durch Arbelt, als durch die Gedanken. Die Zu- 
sammenstellung kann man insofern gut heissen , als sie eine 
Entwicklung vom Tragischen zum Heitern darstellt ; die fremde 



i8 



Nr. 2. 



Tonart des letzten Satzes blieb jedoch störend, und ein Nach- 
weis, warum gerade diese Zusammenstellung gewählt wor- 
den, wäre willkommen gewesen. Herr Hauser aus Karlsruhe 
errang sich Beifall mit einer Arie aus Hans Heiting und mehre- 
ren Liedern, Frau Schumann mit Beethoven's Esdur-Con- 
certy Den Schluss bildete die Ouvertüre zu Cantemire von 
Feska. — Der vierte Abend brachte an Orcliesterstücken Beet- 
hoven's Adur-Symphonie mit Mendelssohn's Hebridcn-Ouver- 
türe. Frl. v. Edelsberg aus München hatte die Gesangsvor- 
träge 'und Herr Gossmann das Yioloncellspiel übernommen. 
Er trug Schubert's Ave Maria vortrefflich vor. Seine Taran- 
tella war wenigstens nicht schlechter als manche andere. Aufs 
Entschiedenste muss ich aber gegen das Violoncell-Concert 
von Rubinstein protestiren. Der Name hatte ein günstiges Yor- 
urtheil erregt, man erwartete, wenn auch kein vollendetes 
Kunstwerk, doch anständige Musik ; das Stück wird aber an 
Zerfahrenheit und Langweiligkeit nur von dem im vorigen Jahre 
gehörten Cello-Concerte von C. Schuberlh übertrofTeii ; dabei 
ist es nicht einmal dankbar für den Spieler. Steht es denn gar 
nicht in der Macht der Direcloren und Vorstände, uns mit der- 
gleichen zu verschonen? Da Ist doch wahrhaftig Bernhard 
Romberg trotz seiner veralteten Melodien tausendmal vor- 
zuziehen. (Schluss folgt.) 



Leipzig. (Aufführung der Oper »Loreley«. Schluss.) 
Dass in einer Musik, die bei aller Wahrung selbständiger und 
künstlerisch gegliederter Form eher bestrebt ist, die Handlung 
zu treiben, als sie zurück zu halten, jede Kürzung doppelt em- 
pfindlich sein muss, wird kaum bestritten werden. Jede Aus- 
lassung eines ganzen Stücks ist uns in den meisten Fällen noch 
immer lieber als die Zerstückelung vieler, wodurch Gegensätz- 
liches oft ohne Vermittlung zu nahe an einander gerückt, die 
ruhige formale Entwicklung gestört wird. Trotzdem müssen wir 
gestehen, dass wir das schönempfundene Ensemblestück im 
ersten Act (welches nach dem Zusammenbrechen Leonorens 
beim Anblick des Pfalzgrafen beginnt) schmerzlich vermisst 
haben. Im Anfang des dritten Acts fiel der Duettsatz des hohen 
Paares aus , welcher mit der sich daran schUessenden Wieder- 
holung des Eingangchors die Scene erst musikalisch wie dra- 
matisch zum künstlerischen Ganzen gliedert. Auch der Winzer- 
chor und die Tenor-Arie des letzten Acts waren bis auf ein 
Minimum beschnitten. Durch das Verlegen der Arie Bertha's 
in den Anfang des vierten Acts halle mau die beiden durch 
dieselbe getrennten breitangelegten Chor -Scenen zusammen- 
gezogen, und so einen Mangel der ursprünglichen Anlage 
beseitigt, auch dadurch den Act auf die gebührende Länge re- 
ducirt. Dennoch wollte uns scheinen , dass es hier mit einer 
einfachen Kürzung nicht gethan sei , dass hier eine theilweise 
Umarbeitung eintreten müsse, die wir dem Componisten drin- 
gend empfehlen möchten. Die Verürtheilung und Lossprechung 
Leonorens durch den Erzbischof erscheint doch so gar zu ge- 
legentlich, und er selbst zu inconsequent , wenn beide Mo- 
mente so kurz aufeinander folgen. Die Scene müsste doch im- 
mer den Eindruck des Gerichts machen , und dieser würde 
wohl eher erzielt werden, wenn man von dem jetzt Gestri- 
chenen einige Seiten mehr beibehielte , etvv^a vom Gesang der 
Mönche an. 

Was die Darstellenden betrifil, so ist mit Dank anzuerken- 
nen, dass sie sämmtlich mit Eifer und Liebe ari ihre Aufgabe 
gingen, wenn sie sich derselben auch nicht immer ganz ge- 
wachsenzeigten. Die Loreley ist die Partie einer ersten Sängerin, 
über welche unsere Oper bei manchen so schätzbaren Kräften 
jetzt nicht verfügt. Frau Dectz hatte gelungene Momente, 
doch fehlten ihrem Organ wie ihrem Spiel das ächte Pathos, die 
zündende Macht des Ausdrucks. Herr Gross war gut bei 
Stimme, jedoch in Gesang und Spiel noch etwas ungelenk. 



Den kurzen Ensemblesatz des ersten Duetts sangen Beide in 
jener outrirten Weise , die nur in einer Verdi'schen Oper am 
Platze ist. Musik wie die unserer Oper legt den Sängern nun 
einmal eine gewisse Resignation auf. Wollen diese sich dafür 
an der einen oder andern Stelle schadlos halten, so schaden sie 
dem Gesammteindruck, ohne sich selbst zu nützen . Frl. K r o p p 
sang die wenig erfreuliche Partie der Bertha mit gewohntem 
Fleiss, und der edle Vortrag ihrer nicht einmal sehr dankbaren 
Arie trug ihr einen wohlverdienten Hervorruf ein. Sehr hübsch 
sang Herr Hertzsch das Lied (mit Chor) im letzten Act, nur 
wäre ihm eine ruhigere, Herrn Becker als Erzbischof eine 
würdevollere Haltung zu wünschen. Das Cdur-Lied , das Frl. 
Pögner mit hübscher Stimme sang, würde durch Jeichteren 
und fliessenderen Vortrag gewinnen. Die Chöre waren gut 
einstudirt, wenn auch nicht von genügender Klangkraft dem 
Orchester gegenüber. Gewiss werden die Darsteller sich mehr 
und mehr in ihre Aufgabe hineinleben und dadurch das ihrige 
beitragen, ein so würdiges, edel intentionirtes Werk dem Pu- 
blicum immer näher zu bringen. 

— Elftes Abonnement-Concert im Gewandhause 
am \. Januar 1866. (Erster Tb eil; Symphonie in B von 
Beethoven. »Pfingsten«, Chor mit Orchester von F. Hiller [zum 
ersten Mal]. Zweiter Theil: R. Schumann's Musik zu »Man- 
fred«, mit verbindenden Worten von Rieh. Pohl [die Soli ge- 
sungen von Frl. Scbeuerlein, Frau PÖgner und Herrn Scharfe 
aus Dresden. Die verbindenden Worte gesprochen von Herrn 
Otto Devrient.) 

S. B, Es ist ein altes Herkommen in Leipzig, das I \ . Abon- 
nement-Concert , 'also den Beginn des zweiten Cyklus, ausser 
der Reihe von Donnerstagen auf den Neujahrstag zu verlegen. 
Zugleich ist man gewohnt, dem Programm dieses Concerts 
einen besonders ernsten , ja religiösen Charakter gegeben zu 
sehen. Dieser Gewohnheit entsprach das obige Programm nur 
theilweise : die Beethoven*sche SymphorMe mit ihren theils 
ahnungsvollen, theils kräftig frischen Klängen natürlich am 
meisten, die Matifred-Musik, des wohl ernsten aber eher be- 
drückenden als erhebenden Gegenstandes oder Textes wegen, 
am wenigsten. Das religiöse Moment fehlte gänzlich, denn der 
neue Chor von Hiller giebt textlich eine Schilderung der Pfingst- 
Jahreszeit, nicht des Pfingstfestes, obgleich darin auch 
nebenbei von »Gottes Ehre und Gottes Preisa die Rede ist. Wir 
fügen sogleich bei, dass das neue Stück Hiller's wegen seiner 
freundlichen, klaren und hübschen Gestaltungen Beifall fand ; 
der etwas in die Länge gezogene Schluss schien uns der 
Wirkung des Ganzen eher hinderlich als förderlich. Eine 
spätere Recension wird darauf zurückkommen. — In Be- 
treff der schönen Manfred-Musik wollen wir hier nur bemer- 
ken, dass in musikalischen Kreisen der Wunsch immer ent- 
schiedener und lebhafter wird , solche Werke (wohin auch die 
Egmont-Musik gehört) möchten in Zukunft ganz ohne verbin- 
denden Text aufgeführt werden. Man kann ja jetzt von jedem 
Gebildeten erwarten , dass ihm der Stoff geläufig sei. Wozu 
also das Bleigewicht von Declamation, das den Genuss eher be- 
einträchtigt als vermehrt? — Die Ausführung sämmllicher Stücke 
entsprach billigen Forderungen und erhob sich theilweise zur 
ausgezeichneten Leistung. 



Nachrichten. 

Am 7. Decbr. v. J. führte Herr Deppe in Hamburg in der 
grossen Michaeliskirche Handelns »Judas Maccabäus« auf, und ist 
diese Aufführung nach Berichten, die uns von dort zugekommen 
sind, als eine sehr gelungene zu bezeichnen. Die Chöre waren 
trefflich einstudirt und die Sänger lösten ihre Aufgabe höchst lobens- 
werlh. Die Wirkung der grossen Orgel, zwar nur an wenigen Stellen 
anjjewandt, war, wenn sie einsetzte, von ergreifender Wirkung. Die 
Solopartien wurden ausgefiihrt von Frl. Tietjens, Frl. Schreck, die 



Nr. 2. 



19 



der Erstem würdig jur Seite slaud, unrt den tlerron Qlto und Schulze. 
Uie grosso Kirche war bis auf den Jetztea Vt&lz von Zuliürern besetzt. 

L. Meinard Qs' •■ Diurna tischen Orutonu in a « König Sülamon 
wurde kürxJEch in Elberfeld Huf^efuhrl. Dii^ IsIbcrfeJdt^r Zeitung 
schreibt darüber ü, A. Fölä^endes ; Wilhrend Handel in seinem 
wSalomo« nur die Weisheit und Herrlichliütt SaJomo'ü zum Get-^tsn- 
.Stande niacht, hat Meinarduä es verstandoEt, seinem Helden eine 
ine n s< ■ h ti eh p s y c h oJ o|^i sehe Seile a bzuge w i n nc n , \v od u rc h d e rs u f he 
einen Fast FaustQrtigen Charakter, wenn auch ohne tnt^i>ichenSchIu(^s, 
erhalt. So sehen wir Salomo zuerst hei der Tempel weihe in seiner 
Wöbren Fröinmiskeit, wie er ferner durch seine Hetrath mit (1er 
Tochli^r lies Königs %'on Llgypte»zum MnlocJi^dienst verfiihrl wird 
und uiif die Ankündii^iung der güttlid»<^n Straf^^e richte (worüber er 
den Moloch Iiefra;,'tj dessen Altar aber durch Feuer vom Jhnmicl 
zerstört wird) zur Busse und Rückkehr kommt, 'Welche auch die Ver- 
rdtirerin ergreift, die jetzt ebenfalls Gott die lühre giebt^ so dass er 
schliessMch die Furcht dos Hcrra als die höchste Weisheit predigt 
und das Work einen sittlich versöhnenden Äbschiuss erhäU. Be- 
trachten wir jetzt die musikalische Seite dieses Werkes, so erfrent 
man sich zunächst an der Gesund l/lit und Un|t;esti€htUeH der Gedan- 
ken , die ^ ohne als völlig neu gelten zu können, sich dennoch vom 
Anlehnen an schon Da^^ewesenes fernhalten. DieCliöre sind meistens 
wohlklingend und die Stirn mfiihntng ist Hiessemr. die Instrumen- 
tirung Ist glänzend j wo sie es sein soll , zart und discret in den 
Sologesängen und enthält einige sehüne Züge und überraschende 
Klangwirkungen. Unter den Arien zeichnet sich namentlich der 
Schluss des grossen Monologs, die Duette zwischen Saloino und Su- 
lamith durch Frische und fast orientalische Giuth au!^, und glauben 
wir daher, dass dieser Componist auf dem Gebiete der Oper viel- 
leicht sein eigentliches Fehl finden dürfte i wenn es ihm namentlich 
gelänj;e, seinen Arien mehr Melodientluss zu geben, denn gerade 
hierin liegt die schwache Seite seines Werkes. Wiewohl Alles vor- 
trefflich declamirt ist und der jedesmaligen Stimmung vollkommen 
angemessen, fehlt doch der breilo Strom der Melodie, wie wir dies 
in den W^erken Bcethoven's , Schubert^s , Mendelssohn's und in den 
ersten W^Tken Schumanu's finden. Statt dessen linden^wir kuiTc 
abgerissene Sützchen , die häufig nur durch Imitationen und ge- 
wählte Harmonien geniesshar werden. Auch die Fugenmotive sind 
nicht immer gewöldt zu nennen, wie z. B, in Chor Nr. 5 bei den 
Worten: »Die loben dlcli immerdarw, wobei wir an eine Heminiscenz 
aus nFigaro's Hochzeit« noch nicht einmal erinnern wollen. Die Auf- 
Rihrung unter Leitung des Herrn Schornstein war, abgesehen von 
einigen Kleinigkeiten, eine ganz vorzügliche. Der Chor sang mit 
wahrer Begeisterung und die Soli waren durch die Damen Idu 
Dannemann von hier, Sulamith, Frl, Assmann üus Barmen, 
Zeruja, Herrn Denner aus Cassel , Salomo, und Carl Hill aus 
Frankfurt a. M,, Nathan, würdig vertreten. Dennoch war die Hal- 
tung des Publieums im ersten Theil eme höchst reservirte, was aber 
nur seinen Grund in der Gedehntheit mehrerer Arien haben bann. 
Jedenfalls würde das Werk durch bedeutende Kürzungen, nament- 
lich bei der Stimme uus der Wolke No. 10 und dem Levitenmarscb 
Nr. ß, nur gewinnen können. Irn zweiten Theil schien sich das Pu- 
blicum mehr hineiogelebt zu haben, deun mehrere Nummern wur- 
den rauschend applaudirt, der anwesende Componist durch 1 ler vor- 
ruf, Tusch, sowie Ueberreichung eines Lorbeerkranzes ausgezeichnet, 
was demselben auch gebührte, denn trotz unserer bescheidenen Be- 
merkungen wird sich dieses Werk überall Anerkennung erwerben 
und steht dem Verfasser bei strenger Selbstkritik gewiss eine schöne 
Zukunft bevor. 

Die vor kurzem im Vertag von J. Rieter-ßiedermann in Leipzig 
und Winterthur erschienene Grosse Messe (in Es] für Chor und 
Orchester von Franz Schubert wird demnächst in Berlin durch 
den Ü t e r n'schon Verein und in Cöln durch den Concert- Verein 
zur Aufführung gelangen. 

Göln. Beethoven 's Geburlstag f17, Doc,} feierten die Musik aL 
und die Philharmonische Gesellschaft durch Aufführung Beethoven'- 
scher Werke: Eroica, G-dur-ftomaiize für Violine (v. Komgslöw), 
Ouvertüre, Op. *Si; wieder Eroica , Septett, zweite Leonoren- 
Ouvertüre. Das Stadttheater gab zur Vorfeier von C. M. v, Webers 
Geburtstag [18. Doc.) den Oberen* — Von joh. ßrahmSj dessen 
Orchester-Serenade nicht durchweg gefallen wollte, haben ebenda , in 
einerSoir^e für Kammermusik, die Varialionenä 4 m.über ein Thema 
von Schumann und das Clavier-Quartett in G-moU gi-as£en Beifall 
gefunden. 

Der Oratorien- Verein zu Esslingen {Dir. Herr Fink] brachte 
nm 10. Dec. v. J. Handels Aleianderfest zur Aufführung. 

Aus R e V B l wird uns Folgendes über ein projectirtes bcmerkens- 
werthea Musikfest gemeldet: Im Sommer des Jahres 4^66 werden 
sich die Männergesangvereine Russlands, insonderheit der Ostsee- 
Provinzen, im esthländisehen Reval zu einem Süngerfeste vereinigen. 



Die musikalischen Aufführungen werden sich auf drei Tajie erstrek- 
ken, für w^ eiche das Programm in folgender Weisse festgestellt ist; 
EVa ter Tag 1 Kirchenconcort. Erster theil ; Choral nach Hnrmoni- 
sirung von Löwe (ehcmo Scilla uge], irEhre sei Gollq von Haui^tmann, 
»jSalve Regiuatf von Franz Schubert (kleiner Chor; , Ji-Vere langnores* 
von Lotti, der ä3. Psalm von Löwe, Zweiter Theif: »Die Himmel 
rübmen dos Ewijä^n Ehre« von Beethoven (arr*) , Hymne an den heiL 
Geist von Franz Schubert, der 98. Psalm von Franz Wüllner. — 
Zweiter Tag; Weltliches Concert. Erster Theil : Ossian von Be- 
schuitt^ der frohe Wandersmann von Mendelssohn, das Dicbter^rab 
am Rhein von Mührin^, Morgen Wanderung und »Vorwürts« von J, O. 
Grimm, In der Ferne und «Wohin mit der Freud« vonSitcher, Sturmes- 
m^lhe von Fr, f^achiier. Zweiter Theil : llacchusehor aus der Anti- 
gcuie von Mendelssohn^ Barbarossa und Burschenlust von Silcherj 
SchilTerlied von Eckert, Heinrich Frauenlob vonN-Gado, Abschieds- 
tafel von Mendelssohn^ Ade von Abt, Rärnischor Triumphgesang von 
Ma\ Bruch. — ^Am dritten Tage soll ein InstrumentBl-Gnncort ver- 
anstaltet werden, dessen Programm noch nicht endgültig festge- 
stellt ist. 

Der städtische Musik verein in Bozen gab am 14. Dec, v. J. sein 
drittes Concert unter der Leitung des Hrn. Nagiller, worin eine 
neue Ouvertüre des eben Genannten, dann Mendelssohn' s Concert- 
arie und G^ide's ^^ErlkünigsTocbterit aufi^efiihrl wurden. Das Personal 
bestand aus etwa 140 Sänj^ern und Instrumentatisten. 

Dr. Leop, V. Sonnleitbner bezeichnet in einem Artikel der Wiener 
uReconsioneuA (lää5 Nr. 5i) die von Allfeid in seiner bekannten Bro- 
schüi-o Ijber R. Wa-^ner luitgetheüte Anekdote, nach welcher die 
berühmte Sängerin Ungbcr-Sabatier bei der Hauptprobe derfl. Sym- 
phonie Beethoven die Noten vor die Füsse geworfen und weinend 

erklärt habe, eine solche v musik« künne man nicht singen^ 

als eine Lüge, 

Der ßConcert-Verein für wohl thiilige Zwecke* in Berlin führt 
in einem seiner nächsten Concerle R. Schumunn/s Noujahrs- 
lied (Verlag von J. Rieler-Biedermann) auf. 

Von dem in Stralsund lebenden Toakünstler und Componisteu 
Ernst Streben ist ein Händchen Gedichte »Lebensklaugcu betitelt 
in Leipzig bei Otto Wigand erschienen. 



Hiscellen. 

Der durch seine uLehre von den Tonempfindungenti bekannte 
Prijf. llelmholtz io Heidelberg hat seine dort gehaltenen popu- 
lären n Q ti ir w i SSO nse ha fl liehen Vortrage herausgegeben, deren dritter 
nUeber die physiologischen Ursachen der musikalischen Harmonie«. 
Nachdem Hchnholtz sein Thema von der physikalischen Seite ab- 
gehandelt, schliesst er mit den folgenden W^ orten über die Ijcdeut- 
snme Wechselbeziehung von Harmonie und Disharmonie in der Mu- 
sik: * So troiben und beruhigen beide abwechselnd den Fluss 

der Töne, in dessen unkörperlicher Bewegung das Gemiith ein Bild 
seiner Vorsteltungen und Stimmungen anschaut. Aohnlich wie an 
der wogenden See fesselt uns hier die rhythmisch sich wiederholende 
und doch immer wechselnde Weiiio der Bewegung und tragt uns mit 
sich fort. Aber Wfihrend dort nur mechanische Naturkratle blind 
walten und in der Stimmun^z, der Angchaucndon deshalb schltesslicb 
doch der Eindruck des W^ü^len überwiegt, folgt in dem musikab- 
sehen Kunstwerk die Bewegung den Strömungen der erregten Seele 
des Künstlers, Bald sanft dahin Biessend, bald anmutbig hüpfend, 
bald heftig aufgeregt, von den Naturlauten der Leidenschaft durch- 
zuckt oder gewaltig arbeitend, überträgt der Fluss der Tone in ur- 
sprünglicher Lebendigkeit ungeahnte Stimmungen, die der Künstler 
seiner Seele abgelauscht hat, in die Seele des Hörers, um ihn end- 
lieb in den Frieden ewiger Schönheit emporzutragen, zu dessen Ver- 
kundüin unter den Menschen die Gottheit nur wenige ihrer erwühl- 
ten Lieblinge geweiht haUn 



Anekdote. 

Mao enijblt von dem ehemaligen berühmten Capeümeister Hei- 
ni eben in Dr<!sden, dass er über Alles, was man Gutes oder Böses 
von ihm gesprochen, und ihm wieder zu Ohren gekommen, ein Denk- 
regisl er geführt und solches sein schwarzes Register genannt 
habe. Ei nslmals erfuhr er , dass ein gewisser Musiker zwar seine 
Composiliouen sehr gelobt, atjer hinzugefügt biHte, dass sie alle mit 
de r Terz aa fingen. Er säumte keinen Augenblick, dieses Urtheil in 
sein schwarzes Regiftter einzutragen, fügte aber in Ansehung dos 
Anfangs mit den Teilen iuflzu . »Es ist wirklich wahr. Man mns.s 
sich hierin be!f;sern und es künftig nicht mehr thmuft 
(Legende einiger Musik heiligen — von Simon Metaphrastes^ 1786.} 



20 



Nr. 2. 



ANZEIGER. 



[<5] 



Freis-Ausschreiben. 



Der schlesische Sängerbund wünscht für sein zweites 
allgemeines Bundesfest, welches im Sommer dieses Jahres 
zu R atibor gefeiert werden wird, ein neues Werk, mit 
Begleitung von Blasinstrumenten, zu haben, welches ge- 
eignet als eine wahrhafte Bereicherung der Literatur des 
deutschen Männergesanges angesehen zu werden. Wir 
setzen zu diesem Behufe einen Preis von 

a.cljLtzig' rFbalei^ix 
aus, für diejenige der eingehenden Compositionen, welche 
die Herren Ereisrichter allen Anforderungen eiu^s preis— 
würdigen Werkes für entsprechend erachten. Als Preis- 
richter werden fungiren : • die königlichen Musikdirectoren 
J. Schaff er, Director der Singacademie in Breslau, B. 
Kothe in Oppeln und J. H. Stuckenschmidt in Bran- 
denburg a. H. Letzterer bleibt, trotz seiner erfolgten 
Uebersiedelung, einstweilen Vorsitzender unseres Bundes. 

Bedingungen : 

Die Composition soll, für Massengesang geeignet, nicht 
allzugrosse Schwierigkeiten bieten und bei der Aufführung 
die Dauer von 15 bis 20 Minuten nicht überschreiten. — 
Mendelssohn^s »Festgesang an die Künstler« hat uns als 
Muster vorgeschwebt. — Der Bund behält sich die Ver- 
fügung über das preisgekrönte Werk, bis zu seiner ersten 
Aufführung in Ratibor ausdrücklich vor; nach diesem 
Zeitpunkt wird dasselbe wieder freies Eigenthum des 
Componisten. — Die Herren Coraponisten wollen ihre 
Werke bis spätestens 15. März c. dem Schatzmeister des 
Bundes, Magistratssecretair Vogel zu Neisse , einsenden. 
Die Composition ist, in üblicher Weise, mit einem Motto 
zu versehen, welches sich auch auf dem versiegelten, und 
den Namen des Componisten enthaltenden, Couvert be- 
finden muss. 

Neisse, den 1. Januar 1866. 

Der Anssohnas des sohlesisohen BängerbnndeB. 

[^ö] Nachdem auf das in amtlicher Verwahrung befindliche 
TfolMcell« ein Gebot von 

300 fl. südd. Währung 
gelegt worden ist, so wird solches andurch mit dem Be- 
merken bekannt gemacht, dass Mehrgebote bis zum 
31. d. M. anher abzugeben sind. 
Coburg, den 3. Januar 1866. 

Herzog!. S. Justiz-Amt I. 
Hoffmann. ? 

Nene empfehlenswertlie Musikalien 

^''^ für das Pianoforte. 

llaaiiirelcler,F., Op. 79. Souvenir de Hertford. Polka ^1^. — 4 

Op. 82. La rose des.alpes. Melodie. — li 

Op. 84. L'ösp^rance. Melodie. — 4 5 

Czereki, A., Op. U. Auf dem See. Salonstück Dach dem Lieder 

Sehifflein trag mich leise etc. von W. T s c h i r c h. — 1 2i 

Op. 45. Aus dem Feentempel. Salonstück. — 4 5 

■ Op. 30. Ein goldner Traum. Styrienne. — 4 2i 

Egghardy J., Op. 249. Mon paysl Poäsie sentimentale — 42i 
Op. 220. Salut d'amour. Morceau. — 42i 

Op. 224. La tristesse. Morceau tnälancolique. — 42^ 

Kafka, Joh., Op. 4 48. Ninetta. Nocturne. — 42i 

Op. 4 4 9. Am Teiche. Die lieben Augen. 2 Stücke. — 42i 

Oesteu, Tb., Op. 225. In der Blumengrotte. Melod. Stück. — 45 
Op. 233. Lämmerwölkcben. Eleg. Stück. — 46 

Op. 234. Im lieblichen Mai. Salonstück. — 45 

Op. 236. Diavolina. Bravour-Galopp. — 4 5 



Oesten, Th., Op. 237. Philomelens Liebesklage. Idylle. — 45 

Op.'249. L'^toile d'amour. Valse de Salon. —45 

Op. 250. Madeion. Styrienne Originale. — 45 

Op. 269. Röverie mdodlque. Bluette. — 45 

Op. 260. Goldfischchen. Capriccio. — 45 

Op. 268. Grande Yalse brill. de l'op^ra Faust de Gounod. — 47i 

Op. 295. Sörönade du Gondelier. — 45 

Op. 296. 2 Bluetten : Nachtgruss. Alpengruss. — 20 

Op. 297. An Lina. Ein Tonguiss. — 42i 

Op. 298. Die Rosenkönigin. Tonstück. — 42t 

Tschirch, H. J., Op. 40. Impromptu über das Gedicht : »Abschied 

von den Blumen«, von Agnes Franz. — 40 

Op. 48. Sehnsucht nach den Bergen und der frohe Wanders- 

mann. Zwei Charakterslücke. — 4 

' Op. 50. Dem Muthigen gehört die Welt. Impromptu. —40 

Op. 54. Stilles Glück. Lied ohne Worte. — 40 

Waguer, Rob., Impromptu liber das Lied: »0 bitf euch liebe 

Vügelein«. — 40 

Zerrenner, G., Op. 42. Fantasiestück. — 4 5 

Op. 46. Klänge aus dem Süden. — 40 

Op. 48. Mai-Lüfte. Tyrolienne. — 4 

Op. 50. Lebenslust. Salonstück. — 40 

Zumpe, Edm., Op. 27. Treue Liebe. Lied ohne Worte. — 40 
Verlag von Edm* Stell in Leipzig. 

Beethoven's Werke, 

W Breitkopf und HSrtel'sche Ausgabe. 

Unsere Ausgabe von BeethoTen's Werken ist nun- 
•mehr in Partitur und Stimmen vollendet ; nur einiges Un- 
gedruckte, sowie ein Bericht über die geübte Kritik soll 
später nachfolgen. 

Das Ganze der Fartitor-Aiuigabey 24 Serien in 38 Bän- 
den, kostet brochirt 499 Thlr. 24 Ngr., elegant gebunden 
223 Thlr. 2 Ngr. 

Von der Partitur -Ausgabe haben wir \0 Exemplare 
auf grösserem und stärkerem Papier, im Format der Pu- 
blicationen der Bach- und Händel- Gesellschaft, drucken 
lassen. Von dieser Prachtaasgabe sind noch 5 Exemplare 
zur Verfügung übrig. Der Preis eines solchen Exemplars 
ist 300 Thlr. 

In der gewöhnlichen Ausgabe wird jede einzelne Serie 
und Jedes einzelne Werk zu den in dem Prospect ange- 
gebenen Preisen (3 Ngr. pro Bogen) abgegeben. Dieser 
Prospect ist durch alle Buch- und Musikalienhandlungen 
unentgeltlich zu erbalten. 

Leipzig, Januar i 866. Breltkopf Und HärtoL 
[4 9] lo meinem Verlage erschieoen soeben : 

jiMHSi mmm 

Op. 84. Quintelt f. Pfte., Ä Violinen, Viola q. Violoncello. 5 Thlr. 

- 35. Studien für Pianoforte. Variationen über ein Thema von 

Paganini. HefH. 8 h i Thlr. 

- 37. 3 geistliche Chöre für Frauenstimmen ohne Begleitung. Par- 

titur und Stimmen. 2Si Ngr. 
J* Bieter-Biedermann in Leipzig u. WinterUiur. 
[20] Im Verlage von Heinrich Matthes in L ei p z i g erschienen : 

Peter Lohmann, 

Frithjof. Musikdrama in 8 Aufzügen. 4 Ngr. 

Valmoda. — — — 48 Ngr. 

Irene. — in 4 Aufeuge. 4 Ngr. 

Schletterer in seiner R«icbardt*Biographie sagt: »P. Lofamann 
hat im Verlaufe der letzten Jahre unsere Literatur mit einigen dra- 
matischen Gedichten bereichert, die unstreitig , was Sprache, Dar- 
stellung und dramatische Folgerichtigkeit anlangt, zu dem Besten 
gehören, was in dieser Beziehung bisher geboten wurde.« 

Die obengenannten musikalischen Dramen werden hiermit den 
Componisten zur Beachtung empfohlen. 



Verlag von J. Rieter-Biedermann in Leipzig und Wintcrthur. — Druck von Breitkopf und Httrtel in Leipzig. 



Die Leipiiger Allgemeine Mueika- 
ÜMhe Zeltang encheint regelmkMigr an 

^ Jedem Mittwoch und Ut durch alle 
Poetämterund Buchhandlungen 

I la beliehen. 



Leipziger Allgemeine 



Preie: Jährlich 5 Thlr. iO Ngr. 

Vierteljährliche Fränum. IThlr.lONgr. 

Anseigpn : Die gespaltene PetiUeile oder 

deren &aam 2 Ngr. Briefe und Gelder 

werden franco erbeten. 



Musikalische Zeitimg, 



Verantwortlicher ßedacteur: Selmar Bagge. 



Leipzig, 17. Januar 1866. 



Nr. 3. 



L Jahrgang. 



Inhalt: Eine französische Stimme über den Inhalt der Musik. — Neue Lieder (Schi uss). — Berichte: Vom Rhein, aus Frankfurt a. M. 
(Schluss) und Leipzig. •— Nachrichten. — Miscellen. — Anzeiger. 



Eine französiBche Stimme über den Inhalt 
der Musik. 

{»Philosophie de la Musiquea par Charles ßeauquier. Paris, 
G. Bailliere «866. Oclav, 204 Seiten.) 

S,B. Unvorgreiflich einer oder mehrerer von verschie- 
denen Mitarbeitern zu bringenden Recensionen, die etwa 
auf den Inhalt des obigen Buches nUher eingehen wollten, 
beeilen wir uns heute, ihn einfach zur Kenntniss unserer 
Leser zu bringen. Für Deutschland kommt das Buch frei- 
lich um einige Jahre zu spät : Hanslick^ dann auch, wenn- 
gleich von anderer Seite ausgehend , Hauptmann , Heim- 
boUz u. A. haben denselben Slofif fUr uns beireHs manoigfaeh 
erläutert, und der Franzose konute*uns darüber nicht viel 
Neues sagen. Doch gewinnt die Sache dadurch eine ge- 
wisse Wichtigkeit, dass ein geistreicher Mann des Aus- 
landes, wie es scheint durch sich selbst, auf ganz ähnliche 
Betrachtungen und Schlussfolgerungen kommt wie die, 
durch welche namentlich Uanslick eine so grosse Um- 
wälzung in der deutschen musikalischen Kritik hervorge- 
bracht hat. In Frankreich selbst, wir sehen es voraus, 
wird das Buch Beauquier^s keine' geringe Sensation 
erregen , da der Gegenstand , so viel wir wissen , in sol- 
cher Ausführlichkeit, mit solcher Schärfe des Gedankens 
und nach dieser Richtung, daselbst noch nicht behandelt 
worden ist. 

Wir geben im Folgenden den Inhalt kurz an und wol- 
len einige besonders charakteristische Partien in deutscher 
üebersetzung oder im Original hervorheben. 

Der Verfasser bekennt in der Einleitung, er wolle we- 
der eine Abhandlung über die musikalische Theorie, noch 
ein Buch über Akustik, noch eine jener deutschen Aesthe- 
tiken schreiben, welche bei Gelegenheit musikalischer 
Erörterungen ein vollständiges System über die Natur, 
über den Menschen und Gott einschliessen, wo das Sein 
und Werden, Object und Subject sich im tiefsten Hand- 
gemenge aneinander reiben und bekämpfen. Er sei viel- 
mehr einfach ein philosophischer Flankier, der das Wort 
»Aesthetik« nie ohne ein gewisses Schaudern aussprechen, 



der sich aber doch nicht enthalten konnte, sich einige Fra- 
gen über den Inhalt der Musik, über das, was darin die 
Kunst und das Schöne ist, vorzulegen und deren Beant- 
wortung zu versuchen. 

Im ersten Theil geht der Verfasser in fünf Gapiteln auf 
die Natur der Elemente des Musikwerks ein : auf den Klang 
[le son)^ den er in Bezug auf Höhe, Intensität und Farbe 
[timbre) unterscheidet und erklärt, dann auf das Wesen 
des Rhythmus, den er in zwei Momenten : Takt und Be- 
wegung, zu erläutern suciU; dann auf die Tonaütät (herr- 
schende Tonart), auf das Wesen der Melodie und der Har- 
monie. Er erklärt diese Dinge an einem seinen Lesern sehr 
geläufigen Tonstttc^, dem i^Au claxr de la lunem von LulU. 

Nachdem der Verfasser somit die Einzelmomente er- 
läutert hat, die in der Musik das Wirkende bilden, geht 
er im zweiten Theile auf das über, worauf die Kunst, iu 
ihren Elementen zusammengefasst, wirkt: auf den Men- 
schen, denselben als fühlendes und denkendes Wesen 
betrachtend. Im ersten (6.) Capitel daselbst bespricht er 
das Verhällniss'der Musik zur physischeu Empfänglichkeit 
[la sensibilüe pkysique) . Dies geschieht in sectis Paragra- 
phen, welche die Wirkung der Aetherschwingungen auf 
die Ohr-Nerven bei Menschen verschiedener Bildung, ver- 
schiedenen Alters und Geschlechts, dann selbst bei Thie- 
ren, endlich in Betracht verschiedener Gattungen der Mu- 
sik (Adagio, Menuett und wirkliche Tanzmusik) behandeln. 
Er schliesst, indem er eine Wirkung auf das Nervensystem 
als- unläugbar zugiebt, fügt aber hinzu, man könne aus der 
blossen Aufregung [Sensation] nichts hinlänglich Festes ab- 
leiten, um das Musikalisch -Schöne daran zu messen. 
Dasselbe Individuum würde heute schön finden , was es 
morgen nicht für schön erklären könne, Greise würden 
weniger empfänglich für das Schöne sein als andere Men- 
schen. Das Alles widerspreche den Thatsachen, man müsse 
zur moralischen Empfindsamkeit oder Empfönglichkeit, 
zum Gefühl weiterschreiten und sehen, wie sich die Mu- 
sik hierzu verhält. Das sechste Capitel behandelt also die 
Frage, ob die Musik Gefühlen Aufdruck gebe,^und kommt 
zum Schluss: die Musik wirke weder Gefühle, noch 



22 



Nr. 3. 



k 



I.. 



£=1 






drücke sie solche, indem sie dieselben charaklerisirt, aus ; 
sie versetze einfach den Körper in eine gewisse Lage oder 
Stimmung [Situation], welche eine allgemeine Seelen- 
Richtung im Gefolg führe. Das 6ei Viel, aber auch Alles. 
Im achten Capiiel führt uns der Verfasser in längerer 
gründlicher Auseiuandersetzung zu der Frage über das 
Verhaltuiss der Musik zum Verstand {rintelligence) , als dem 
sich Bewusstwerden bestimmter Gefühle. In drei 
Paragraphen werden die Fragen behandelt, ob die Musik 
eine Sprache des Gefühls heissen könne, ob si^ aus der 
menschlichen Sprache hervorgegangen sei, ob sie end- 
lich als symbolische Sprache gelten dUrf^. Das Re- 
sum6 dieser Untersuchungen lautet: Die Musik ist wed^r 
eine natürliche, noch eine convenlionelle, noch eine sym- 
bolische Sprache. 

Im folgenden neunten Gapitel i>Mu5ique vocal&t geht der 
Verfasser entschieden von der Ueberzeugung aus, dass 
der Gesang der Instrumentalmusik untergeordnet, nur ein 
Compromiss sei, welchen die Musik mit der Poesie ein- 
gehe. Die Vocalmusik sei allerdings historisch das Erste, 
einfach, weil der Mensch, vorher von seiner Stimme habe 
Gebrauch machen müssen, bevor irgend ein Instrument 
erfunden worden konnte. Zuerst habe sie sich dem Wort 
so eng angeschlossen , dass man kaum eins vom andern 
unterscheiden konnte ; in diesem Stadium sei der Gesang 
nur ein vervollkommneter Grad der materiellen Elemente 
der Poesie gewesen. Nur langsam habe er sich dann vom 
Recitativ und der Melopöie zur Melodie erhoben, um spä- 
ter als unzertrennlicher Begleiter der lyrischen Poesie sich 
^ auch mit der dramatischen Action zu verbinden. Der Ver- 
fasser kommt hier natürlich auf die Oper zu sprechen. 
Dieselbe sei eine mehr oder minder glückliche Verbin- 
dung zwei verschiedener Künste, aber vom musikalischen 
Standpunkte doch nur eine zusammengesetzte bastardhafte 
Form. Er nimmt hier eirtschieden Partei gegen die 
Gluckisten und entschuldigt die Werke d'ieser Richtung 
nur insofern, als er das Talent anerkennt, welches sich 
dabei glücklicher Weise bethätigt habe: »Man begreift, 
was für ein Talent Gluck und seinen Nachahmern nöthig 
war; um, von einem so falschen Standpunkte ausgehend, 
nicht ganz unannehmbare Werke hervorzubringen, und. 
welche musikalischen Caricaturen die fanalischen Schüler 
hervorbringen müssen, welche die Fehler des Meisters 
noch überbieten.« Und solche »inconsequente Theoretiker« 
hatten noch ihre Ideen dadurch rechtfertigen wollen, dass 
sie behaupteten, sie ständen der Wahrheit viel näher als 
Andere. Wie es sich von selbst versteht, verlaugt der Ver- 
fasser demnach vom Texte einer Oper, »wie sie sein sollte«, 
blos, dass er ein Band des Zusammenhalts, das Gerüste 
eines so bizarren Werkes sei. 

Hierauf folgt ein (4 O.j Gapitel unter der Aufschrift »Von 
der sogenannten religiösen Musika. Da der Verfasser nicht 
zugiebt, dass es eine »dramatische Musika im eigentlichen 
Sinne giebt,^ vielmehr blps eine Musik, welche die Worte 
eines Dramas begleitet, weil die musikalische Kunst, an 



sich betrachtet, dem Intellect nicht mit Bestimmtheit das 
ausdrucken könne, was die Worte ausdrücken, und somit 
auch nicht vermöge, dem Hörer die Ideen wiederzugeben, 
welche eine dramatische Handlung enthält, so nieint er, 
es verhalte sich ähnlich mit der »sogenannten religiösen 
Musika. Kr beschreibt das Wesen des religiösen Gefühls, 
das er »sehr zusammengesetzt« nennt. Von den verschie- 
denen Elementen, welche dasselbe bilden, könne die Mu- 
sik nur einige herstellen ifournir], das wichtigste dersel- 
ben sei das Erhabene. Die Töne hätten die Macht, uns die 
Vorstellung eines besonderen Erhabenen zu geben: die 
der Kraft. *) Ferner aber auch die Idee der Unend- 
lichkeit des Stofl'lichen [Pinfini de quantHS). Das Er- 
habene genüge jedoch nicht, um das religiöse Gefühl 
in seiner ganzen Ausdehnung zu vertreten. Altes, was die 
Musik thun könne, sei, die Seele in jene melancholische 
oder aufgeregte Stimmung zu versetzen, welche die bei- 
•den Hauplmomente der religiösen Erregung bilde. Das 
Uebrige gehöre dem Intellect an., auf welchen die ge- 
sungenen Worte oder der Ort der Aufführung wirken. Es 
gebe also keine besondere religiöse Musik. Der Verfasser 
beruft sich hierbei auch (wie uns scheint mit Unrecht) auf 
die Musik, welche in Italien in der Kirche geniacht wird. 
Ein religiöser Charakter, den man einer Musik beilege, sei 
schliesslich nichts als eine moderne Errungenschaft des 
Romanticismus. Der Choral {plaint-chant) sei ebenfalls nicht 
religiöser als andere Musik, ebensowenig die Orgelmusik. 
Das 1 i . Capitel behandelt die Frage, ob die Musik auf 
die Sitten Einfluss ausübe. Der Verfasser kommt dabei 
auf die alten Griechen, dann unter Anderm auf ein Decret 
Napoleon's I. zu sprechen, verwirft die betreffenden Doc- 
triuen und meint schliesslich, das einzige Mittel, welches 
der Musik zur Disposition stehe, wenn sie moralisch wir- 
ken wolle, sei, den Dichtern die Unterstützung ihrer rhyth- 
mischen und taktmässig abgemessenen (cadenc^e) Form zu 
leihen, dadurch aber in das Gedächtniss der Hörer Gesänge 
tiefer einzuprägen, deren Worte moralische und er- 
hebende sind. (Scblass folgt.} 

Neue Lieder. 

Heinr. v. Herzogenberg, Sechs Lieder für eine Sing- 
stimme mit Begleitung des Pianoforte. Op. t. Leipzig 
und Winterlhur, J. Rieter-Biedermann. 20 Ngr. 

Der verirrte Jager , Ballade von Eichendorff , für eine 

tiefe Stimme mit Begleitung des 'Pianoforle. Op. 2- 
Derselbe Verlag. 77i Ngr. 



*) Wie sich der Verfasser das Erhabene in der Musik vorstellt, 
aA welche Mittel er dabei denkt , darüber lassen wir ihn hier am 
besten in seiner eigenen Sprache sprechen : tDes sons myst^rieux, le 
timbre ^touffö des cors, les bntissements interrompus de l'orchestre, le 
silence succ^ant ä quelques phrases d'un rhythme peu marquiy des ac- 
cords qui semblent se perdre dam Vair sans se r^soudre, excUeronl 
fortement l'imagiruUion sp6ciale de l'ouXe. Et si apres un silence de toutes 
les voix de Vorchesire , Ofi apres un crescendo habHement m^nagi w^ 
tu tu forrmdable Helote, nous pourroris 6prouver le sentim^ du su- 
bltme.91 — In der-Tbat tfcht französisch 1 Es erklärt sich aus dieser 
Anschauungsweise unter Anderm auch, wenn der Verfasser später 
meint, fast alle Stücke für Bass oder Contr'alt in den Opern, alle 
langsamen Arien [romances] für Tenor »könnten in der Kirche 
gesungen werden«) 



Nr. 3. 



23 



Robert Papperitz, Sieben Lieder von Adolar Gerbard 
für eine Slngstimme mit Pianoforte. Op. 8. Leipzig, 
Gustav lleinze. 2 Hefte ä 15 Ngr. 

LudwigMeiuardus, Vier Gesänge für eine tiefe Stimme. 
Op. 26. Bremen, Cranz. 20 Ngr. 

Friedrieb Gernsheim, Secbs Lieder für eine Sing- 
stimme mit Begleitung des Pianoforte. Op. 3. Leipzig, 
Breitkopf und HSrteL 20 Ngr. 

(Scblvss.) 
Iro näcbsten der oben angeführten Liederhefte treffen 
wir auf einen Dichter, der uns noch gänzlich fremd ist, 
und auf einen Componisten, dessen Name uns frUher, wenn 
%vir nicht irren, einigemale in den Programmen der Dom- 
chor-Concerte begegnete, was von vornherein ein günsti- 
ges Vorurtheil erwecken muss. Was die Gedichte von 
Adolar Gerhard betriSt, so zeichnen sie sich weniger durcji 
Neuheit des Ifihalts und scharf ausgeprägten Charakter, 
als durch anmuthige Verse, durch einen gewissen frischen 
lyrischen Klang aus, wodurch sie zur musikalischen Behand- 
lung ganz geeignet sind. Aus den Compositionen spricht 
zu uns ein Tondichter von edler Begabung. In der ganzen 
Auffassung macht sich eine grosse Reife, ein männlicher 
Ernst bemerkbar, durch den sie augenblicklich für sich 
einnehmen. Der Componist dieser Lieder hat es sich jeden- 
falls nicht leicht gemacht. Er hat mit seinem Denken und 
Fühlen sich lange in die Dichtungen versenkt, ehe er sich 
gestaltete, sie musikalisch zu gestalten. Jeder einzelne Zug 
der Gedichte, jeder noch so leise Stimmungswechsel der- 
selben ist aufs Feinste vom Gompbnislen nachempfun- 
den, und immer innig und warm , oft wirkungsvoll zum 
Ausdruck gebracht. Vielleicht gerade in Folge davon las- 
sen diese Lieder hier und da jene Unmittelbarkeit der Er- 
findung, jene Unbefangenheit des Ausdrucks vermissen, 
die zuweilen auch Werken von geringerem Gehalt eine 
erfreuliche Wirkung sichern. Sie gleichen insofern der 
Unterhaltung jener bedeutenden ü^enschen, welche in 
jedem Augenblick darauf bedacht sind, ihr Bestes zu 
geben; solche, wenn auch immerhin vortreffliche Absicht 
stört jedoch häufig die Frische des Eindrucks. Im Bestre- 
ben, jede Einzelheit des Gedichts auch musikalisch mög- 
lichst bedeutend zur Geltung zu bringen, unterbricht der 
Componist zuweilen den natürlichen Fluss der Erfindung 
gerade wenn man mit rechtem Behagen sich ihm hingeben 
möchte. Auch geschieht es ihm nicht selten, dass dadurch 
Manches oine unmolivirte Wichtigkeit erhält, was sich 
füglich dem Ganzen bescheidener unterordnen sollte. Die 
äusserst gewählte, in harmonischer Hinsicht fast zu sub- 
tile Behandlung der Clavierbegleitung, die sich gar zu 
gern in ausdrucksvollen Mittelslimmen ergeht, hindert 
zuweilen den Gesang, sich frei zu entfalten, und macht den 
Eindruck einer ge^wissen Unruhe. Da dieselbe Behand- 
lungsweise sich bei den meisten Liedern wiederholt, so 
wird dadurch eine Gleichartigkeit derselben untereinander 
hervorgebracht, welche die vom Componisten jedenfalls 
beabsichtigten Contraste in der Stimmung nicht wirkungs- 



voll hervortreten lässt, was sieh namentlich fühlbar macht, 
wenn man die beiden Hefte nacheinander durchspielt. Die 
Frage, ob durch eine solche Verfahrungsweise dem \h)II- 
ständig Genüge geschehe , was das Lied vom Tondichter 
heischt, wird unser Componist bei der allem Anschein 
nach nicht nur musikalisch feinen Bildung, die aus seinen 
Liedern spricht, sich gewiss am Besten selbst beantwor- 
ten können. 

Wir möchten, was wir jetzt ausgesprochen , gern als 
die Erkf^nntniss einer Eigenthümlichkeit des Componisten, 
die in seiner ganzen uns wahrhaft interessirenden In- 
dividualität begründet scheint, und nicht schlechtweg als 
einen Ausspruch des Tadels aufgefasst wissen. Wollte 
man aber auch nur einen solchen aus unsern Worten her- 
auslesen, so würde er durch die freudige Anerkennung so 
vieles Anmuthigen und Bedeutenden in diesen Liedern ge- 
wiss reichlich aufgewogen werden. Wenn auch nicht im- 
mer leicht, sind sie doch mit voller Kenntniss des Ge- 
sanglich-Wirksamen geschrieben, und ein Sänger, der 
sich recht hineingelebt und gelernt hat, das vom Compo- 
nisten Gewollte mit künstlerischer Freiheit wieder zu 
geben, wird selbst eben so viele Freude daran haben, als 
seine Zuhörer. Den Ton des Sanft-Wehmüthigen, Still- 
Betracblenden, Innerlich-Erregten schlägt der Componist 
mit Vorliebe an und gebietet darin über einen grossen 
Nüancenreichlhum. Auch die frischen, feurigen Lieder 
(loGefunden« und oGenesunga) sind im Ganzen glücklich 
erfunden und äusserlich wirkungsvoll, obwohl den ernster 
und stiller gehaltenen an Bedeutung nicht völlig ebenbür- 
tig. Auch lenkt der Componist mit Vorliebe, wo der Dich- 
ter es irgend gestattet, in eine mildere, wir möchten sagen 
resignirte Stimmung wieder ein. So gewinnen »Frühlings- 
klageaund »Wohin?« beimEintreteq der Molltonart augen-^ 
blicklich ein erhöhtes Interesse. Im Liede »Weihnacbta ist 
die Grundstimmung glücl^Iich getroffen, wenn auch (wie 
an andern Stellen, wo der Componist in eine schlichtere 
Ausdrucksweise einlenkt) die Erfindung sich nicht grade 
durch Neuheit auszeichnet. Dem Esdur-Liede aber wird 
wohl Jeder den Preis ertheilen. Schon in den vier Takten 
des Ciavier -Vorspiels liegt bei grossem Klangreiz eine 
solche Tiefe der Empfindung, dass sie fori und fort im Ge- 
raUth nachklingen. Wie rührend, fast wie ein leiser Vor- | 
wurf, tritt dann die Siugslimme ein mit der Frage : »Ob i 
ich noch treu gedenke Dein ?« ! Wie wohlthuend wirkt nach | 
der Steigerung des Mittelsatzes der beruhigende Eintritt i 
de? Es-dur mit seinem schön empfundenen Gesang , nach 1 
dessen gemächlichem Verklingen vom Ciavier das Motiv 
des Vorspiels wieder aufgenommen wird! 

Wenn in obigen Liederheften uns zumeist nur ver- 
schiedene Nuancen derselben Grundstimmung begeg- 
neten, so frappiren die vier Lieder für eine tiefe Stimme 
von Meinardus (Gedichte von Fr. Beischlag) zunächst 
durch die Mannigfaltigkeit ihres Inhalts , sowie durch die 
Bestimmtheit, mit der der Charaktereines jeden* klar her- 

8* 



n 



Nr. 3. 



vortritt. Meinardus beherrscht alle Mittel des Ausdrucks 
in meisterhafter Weise. Die Behandlung des Rhythmus, 
der Harmonie, der Klangfarben des Claviers ist so mannig- 
faltig, dass jedes Lied ein mit den andern contrastirendes 
Charakterbild piebt, ohne dass sich irgend eine Absicht- 
lichkeit unangenehm dabei fühlbar machte. Wie eindring- 
lich ist die elementare Leidenschaftlichkeit des ersten 
Liedes (»Windsbraut et, auch bei weitem das bedeutendste 
Gedicht) durch kräftige, oft herbe Harmonien , durch die 
von scharf markirten Rhythmen unterbrochenen rasseln- 
den Accorde des Claviers gemalt! — Wie contraslirt da- 
mit die mehr innerliche Leidenschaftlichkeit des zweiten 
Liedes, wenn in ihm auch die Erfindung nicht von gleicher 
Bedeutung wie im vorhergehenden ist. Nr. 3 (»Wieder 
geht durch meine Seele«) ist ein innig-ernstes Frühlings— 
lied. Der schlichte und doch so ausdrucksvolle Gesang er- 
hebt sich, von der Parallelbewegung des Basses unter- 
stützt, über dem B der Tenorlage, das in Achtelschlägen 
während der ganzen ersten Strophe leise fortkJopft, was 
demLiede einen eigenthümlichen träimerischenReizgiebt. 
Weniger sind wir mit der Mittelstrophe einverstanden. 
Der Componist hat derselben durch die scharf-accentuir- 
ten Moll-Accorde der Begleitung einen gar zu herben Cha- 
rakter verliehen, wozu ihn wohl ein vom Dichter (frei nach 
Rückert) gebrauchtes Bild verleitet hat. Für die Worte 
»Seit mein Herz ein Grab geworden, bergend einen süssen 
Namen« u. s. w. wäre wohl eher der Ausdruck weh- 
müthiger Schwärmerei am Platze gewesen, als dieser 
pathetische Ernst in C-mo)l. Doch er stört uns nicht lange. 
Der liebenswürdige Gesang des Anfangs ertönt von Neuem, 
getragen von der in ruhige Sechszehntheile aufgelösten 
Harmonie. Das letzte Lied des Heftes ist ein warmempfun- 
dener Nachtgesang, vielleicht etwas zu lang für die ru- 
hige Bewegung, aber von herrlichstem Ausdruck und voll 
der feinsten Züge im Einzelnen. Ist die melodische Er- 
findung dieser Lieder nicht immer gerade blühend zu 
nennen, so sind sie dafür immer höchst sangbar, von feiner 
Zeichnung und belebt vom Pulsschlag wahrer, inniger 
Empfindung. Man hört oft den Mangel an guten Ge- 
sängen für tiefere Stimmen beklagen. Das Liederheft von 
Meinardus wird daher doppelt willkommen sein. 

Wir wandten uns dem Op. 3 Gemsheim's umsomehr 
mit Spannung zu , als tlie unlängst veröffentlichten Cla- 
Viercompositionen des strebsamen und begabten Ton- 
dichters uns mit aufrichtigem Interesse für ihn erfüllt hat- 
ten. Was wir von seinen Liedern erwarten durften, wurde 
auch namentlich durch die beiden ersten des vorliegenden 
Heftes (Gedichte von Bodenstedt nach Mirza Schaffy) voll- 
ständig erfüllt. Sie sind durchaus, was man »gewachsen« 
nennt. Melodie und Harmonie, einander bedingend und 
tragend, sind im engsten Verein der Seele des Compo- 
nisten entströmt. Die Clavierbegleitiing, bei aller Einfach- 
heit anziehend und charakteristisch , zeigt nirgend etwas 
Getifteltes,' später Hinzugefügtes , sie muss eben so sein, 



Berichte. 



VomEhein. Ü Johannes Brahms in CÖln. Im fünf- 
ten diesjährigen Concerte im Cölner Gürzenich (\t. Dec. \ 865}, 
in welcnem unter And erm auch Weber*s Oberonouvertüre, 
Mendels sohn's A dur-Symphonie, die Arie Ah perfido von 
Beethoven und ein neuer Chor »Pfingsten« von Hill er zur 
Aurfübrcing kam, spielte Johannes Brahms das Esdur-Con- 
cert von Beethoven und leitete dann die Aufführung seiner Se- 
renade in D-dur. — Einen Künstler, dem seine productive 
Anlage und seine technische Durchbildung einen so hohen Rang 
unter den Lebenden gewähren, in der doppelten Eigenschaft als 
Componist und darstellender Künstler auftreten zu sehen, 
musste jedem, der die Entwicklung der neueren Tonkunst mit 
Theilnahme und Verständniss verfolgt, ein Ereignlss sein. 



wie $ie ist. Man könnte in diesen Liedern keine Note weg- 
lassen, ohne in's Fleisch zu schneiden, weil keine Note 
daran^zu viel ist. Sehr sangbar und wohlklingend, wirken 
sie besonders annmthig durch den warmen poetischen Reiz 
ihrer Erfindung. Alle übrigen Lieder stehen diesen ersten 
beiden an Bedeutung nach. Nr. 3 (»In einem kfJhlen Grunde«) 
erstrebt einen schlichten volksthUmlicfaen Ton, und durch 
Fortfuhrung der rhythmisch bewegten Begleitungsfigur 
gelingt es dem Compouisten auch, die einzelnen Züge des 
Gedichts musikalisch hervorzuheben, ohne die Einheit 
des Ganzen zu gefährden. Die Composition von Heine's 
»Allnächtlich im Traume seh' ich dicha ist hübsch em- 
pfunden, aber nicht neu und eigenthümlich genug, um 
neben den bekannten Gompositionen Mendelssohn's und 
Schumann's Anspruch auf Beachtung machen zu können, 
zumal man durch nicht wenige specifisch Schumann'- 
sehe Wendungen häufig an diesen Meister erinnert wird. 
Die Lieder »Dein gedenk ich« von Scheffel und Uh1and\s 
»Heimkehr« gleichen rasch hingeworfenen Improvisationen, 
die auf grössere Bedeutung keinen Anspruch machen. Das 
erstere hat einen hübsch 'malenden Anfang und ist über- 
haupt gesanglich dankbar. Bei dem letzteren ist der Com- 
ponist wie schon mancher vor ihm an der Kürze des Uh- 
land'schen. Gedichts gescheitert. Der musikalische Inhalt 
seines Liedes ist nicht von genügender Bedeutsamkeit, um 
für diese Kürze entschädigen und den Eindruck von etwas 
Ganzem und Fertigem hervorbringen zu können.*) Der 
Totaleindruck, den Gernsheim's Liederheft auf uns machte, 
halt sich daher mit dem, welchen wir von seinen beiden 
Sonaten und seinen Präludien erhielten, nicht ganz auf 
gleicher Höhe. | 

Unser kritisches ürtheil über sämmtliche im Vorher- ' 
gehenden besprochene Werke können wir dahin zusam- 
menfassen, dass wir in den Liedern Herzogenberg's die 
ursprünglichste Begabung, in denen von Papperitz die 
grösste Innerlichkeit , in dem Liederhefte von Meinardus 
und den beiden ersten Gernsheim'schen Liedern die grösste 
Meisterschnft zu erkennen glauben. 



*) Die Brahms*8che Composition dieses Gedichts muss als bei 
weitem eigenthümlicber bezeichnet werden, wenn wir auch dem 
Verfahren, der Kiirze des Liedes durch ein unverhältnissmässig langes 
Nachspiel zu Hülfe zu kommen, nicht das Wort reden wollen. 



Nr. 3. 



25 



Für jeden, der Brahms früher spielen gebort hat, wird es 
nicht' vieler Worte bedürfen, um ihn zu überzeugen, dass er 
das Beethoven'sche Werk nach Technik und geistigem Gehalt 
vollkommen beherrschte, und dass er es, wie wir von den 
besten Künstlern gewohnt sind und verlangen, nicht als etwas 
Fremdes und Angelerntes, sondern als Eigenthum, als ein in 
sich Aufgenommenes und Durchempfundenes wiedergab. Woll- 
ten wir ihn mit Andern vergleichen, und das Unterscheidende 
bezeichnen, so werden wir vielleicht nicht missverstanden, 
wenn wir sagen : Brahms gab uns mehr ein kräftig entwor- 
fenes, die Umrisse markirendes Gesammtbild des Werkes und 
seiner Elemente, als dass er uns auch in allen Einzelnheiten 
den vollen , ruhigen und gleichmSssigen Genuss des Klanges 
gewährt hätte. Wir können uns denken, dass ein so tiefempßn- 
dender Künstler wie Brahms in ein Werk so versenkt ist, dass 
er mehr an dieses , als an das hörende Publicum denkt , und 
auch dass er das minutiöse Ausfeilen des Vortrags wohl einmal 
solchen überlässl , die nichts weiter können als dieses ; doch 
darf die nach Wahrheit strebende Kritik nicht verschweigen, 
was neben dem schon vorhandenen YortrefHichen auch noch zu 
wünschen bleibt, wenn sie es nur mit derjenigen Achtung thut, 
welche bereits erprobte Tüchtigkeit verdient und erwarten darf. 

Die Serenad e in D-dur ist, wie bekannt, kein neues 
Werk von Brahms, sondern schon vor mehr als 6 Jahren ge- 
schrieben, auch verschiedentlich aufgeführt und besprochen. 
Sie gehört einer Periode seines Schaffens an, in welcher er von 
defh ungeregelten Drange seiner frühesten Werke völlig zu- 
rückgekommen war und thcils durch innere Entwicklung und 
Ueberzeugung, theils unter dem Einflüsse strenger Studien sich 
einer Einfachheit befleissigte, die in ihrer formellen Klarheit 
und Sicherheit einen wesentlichen Fortschritt bezeichnete , als 
voller Ausdruck seiner künstlerischen Individualität jedoch auch 
wohl noch nicht gelten konnte ; diese scheint in seinen letzten 
Werken in immer erfreulicherer Weise sich auszusprechen. 
Dem an sich leichten und gefälligen Charakter der Serenade 
war jene schlichte und anmuthige Weise durchaus angemessen 
und wirkt^um so schöner, wenn sich mit derselben|ein so 
grosser Melodienreichthum verbindet wie bei Brahms. Man 
gehe Satz für Satz durch, ungesucht und oft. unerwartet treten 
sie einem allenthalben entgegen. Wir heben namentlich das 
erste Scherzo (D-moU) hervor, welches drei völlig ausgeprägte 
und durch ihre klare Gegensätzlichkeit noch wirksamere The- 
mata bringt und überhaupt an Klang und Ausdruck ein wahres 
Juwel' ist; auch das träumerische Adagio entschädigt, bei viel- 
leicht etwas zu grosser Ausdehnung, durch melodischen Zau- 
ber und Wohllaut ; und so macht das ganze Werk den Eindruck 
(wenn nicht beim ersten Hören, doch jedenfalls beim Studium 
der Partitur oder des Ciavierauszugs), dass der Componist nicht 
nach Motiven und Melodien sucht, sondern sie aus seinem 
Ueberflusse giebt, und sie deutlich ufM^ungezwungen, unver- 
deckt durch Instrumentation und Verarbeitung giebt , so dass 
sie für jeden erkennbar sich zeigen, der 5ie hören will. Wir 
geben zu, dass dieselben ihrem Ausdrucke und Gehalte nach 
nirgendwo gross genannt werden können und dass sie in den 
Rahmen einer grossen Symphonie nicht passen würden , und 
ebenso, dass das ganze Werk für grosse Instrumentalmassen 
und für einen grossen Concertsaal sich nicht eignet. Wird aber 
ein derartiges Werk zur Darstellung gebracht, so ist es ein be- 
rechtigtes Verlangen, dass man in seinen Erwartungen den 
Charakter desselben berücksichtige ; namentlich wird der mu- 
sikalisch Gebildete, der mit kritischem Ohre die Auffuhrung 
verfolgt, zunächst nach der Absicht des Componisten fragen 
müssen, und ob er dieselbe erreicht habe. Für ihn boten dies- 
mal auch die Vorzüge meisterhafter und feiner Instrumentation 
und klarer Rundung der Form ein Object bewundernder An- 
erkennung dar. 



Das Publicum zollte Brahms nach dem Es dar-Concerte rei- 
chen und lauten Beifall, während es bei der Serenade nur ein 
kühles Interesse zu erkennen gab ; hier waren es die ausfüh- 
renden Musiker, die nach der sorgsamen und präcisen Auffüh- 
rung des Werkes dem Componisten ihre Freude laut und warm 
zu erkennen gaben. Wir sehen nicht ein, warum wir dies als 
für den Componisten gleichgültig ansehen sollen, da doch Nie- 
mand die Musiker zu ihrem Beifall zwingt, und da sie durch 
die Proben das Werk schon genauer kannten, wahrend Neues 
beim grossen Publicum jederzeit sich langsamer Bahn bricht. 
Mit Recht durfle aber die vornehm absprechende Weise auf- 
fallen, mit welcher Professor Bischoff in der.Cöln. Zeitung 
vom 17.December 4 865 über Brahms sich auslasst, und einen 
Künstler, der so vielfach bereits die grössle Liebe und Aner- 
kennung gefunden, den die Zeitung des Herrn Bischoff mehr- 
fach ehrenvoll genannt hat, einfach bei Seite schiebt wie einen, 
über den kaum der Mühe werth ist zu reden. Nachdem er 
Brahms' Ciavierspiel mit einem kalten »befriedigenda abgefer- 
tigt, kommt er auf die Serenade zu sprechen und tritt dersel- 
ben wie einem fremden, nie gehörten Werke gegenüber. Dass 
. dieselbe bereits viele Jahre existirt, dass sie in der Niederrhei- 
nischen Musikzeitung mehrfach erwähnt ist, wircf den Lesern 
verschwiegen. Professor Bischoff hält sich zunächst darüber 
auf, dass nach eitler kürzlich gehörten Esser* sehen Suite 
schon wieder eine Form des vorigen Jahrhunderts auftrete, 
»die sich aus derselben Zeit in unsern Gürzenich etwas zu früh 
vor dem Carneval verirrt hat«. Er vergisst dabei hinzuzufügen, 
dass die Form der Serenade in dieses Jahrhundert herüber- 
reicht, dass Beethoven zwei Serenaden für drei Instrumente 
geschrieben hat, dass der Name sich auch bei Mendelssohn 
findet, und dass Hill er eine Serenade für Ciavier, Violine und 
Violoncell (Niederrh. Musikzeitung t859, November) und eine 
Serenade für Ciavier und Violoncell (Niederrh. Musikztg. 1864 
S. 79) gesehrieben hat, sowie eine Morgenmusik für Orchester, 
welche nach Bischoff (Niederrh. Musikztg. 1863 S. 383) mit 
einer jener Serenaden zu vergleichen ist. Und wäre das auch 
nicht der Fall, so versteht es sich doch für einen Musiker von 
selbst, dass es bei der B^urtheilung nicht so wohl auf den Na- 
men, als auf Geist und Inhalt der Sätze ankommt. Auf Be- 
urtheilung einzelner Sätze bat Professor Bischoff sich aber gar 
nicht eingelassen, und findet, nachdem er nur vom Anfang des 
ersten Theils und vom zweiten Scherzo einen günstigen Ein- 
druck empfangen hat, alles Uebrige nicht einmal interessant, 
sondern einfach langweilig. Da er nun offenbar weder vor, noch 
nach dem Concerte sich die Mühe genommen hat, sich mit der 
Partitur des Werkes etwas näher bekannt zu machen, und nur 
nach dem einmaligen Hören urtheilt, so bietet er zu eigent- 
licher Widerlegung keine Handhabe. Interessant bleibt nur 
noch, wie er sich schliesslich gleichsam hinter das Publicum 
flüchtet, welches auch die Serenade langweilig finden, und 
überhaupt gegen solche ihm aufgedrungene Compositionsstile 
selbst mit »carnevalistischen Demonstrationen« sich zur Wehr 
setzen würde. Das scheint eine Hindeutung auf gewisse bald 
nach dem Concerte im Beiblatt der Cölner Zeitung erschienene 
Inserate zu sein, von denen eines sich naiv genug »das kunst- 
verständige Publicum« unterzeichnete. Wir wären begierig, 
das kunstverständige Publicum Cöhis kennen zu lernen, dessen 
Existenz in Zweifel zu ziehen wir weit entfernt sind ; nur dass 
dasselbe die Gürzenichconcerte besuche, das möchten wir nach 
bisherigen, nicht blos bei Brahms gemachten Erfahrungen 
einstweilen bestreiten. Die Langeweile des Publicums der Gür- 
zenichconcerte wird Brahms, hoffen wir, überleben. 

Ein Theü des Cölner Publicums machte 8 Tage später wie- 
der gut, was das »kunstverständige« Publicum verfehlt hatte. 
In der Soiröe für Kammermusik, welche am 19. Dec. im Hotel 
Disch stattfand, wirkte Brahms mit, und spielte mit Hiller 



26 



Nr. 3. 



seine vierhäDdigen Variationen über ein SchiimaDn*8ches Tbema, 
und mit deu Uerreii Japba, v. Königslöw und Schaiil sein Cla- 
vierqunrtott in G-niolL Das nicbl grosse Publicum folgte beiden 
Werken mit grosser Aurmerksamkeit und sicbtlichem Interesse, 
und schien iiamonttieh in dem Quartette eine Ahnung zu be- 
kommen, dass tiicr ein selbständiger, origineller Geist zu ihm 
sprf^^cUc. Bei der mar^chartigen Stelle im Andante merkte man, 
wie Aües verwundert aufhorchte, und nach dem Rondo alla 
^ingareae brach ein Sturm des Beifalls aus, ein unmittelbarer 
Ausdruck der grossen Wirkung, die dieser Satz und das ganze 
Werk ausgeübt halte. Man konnte erkennen, dass achtes Ta- 
lent und reiche Erfn^duiigskraft den wirklich Kunstverstän- 
digen nicht dauernd v^Tborgen bleiben können. Wir wollen 
demnach diejenigen wolche es nicht über sich gewinnen kön- 
nen, jüngeren Talenten und einem neuen Leben in der Kunst 
niil Interesse und W^ruie entgegenzukommen, gerne ihrem 
Sctilendriau überlassen und uns indessen freuen, dass noch 
Künstler leben, die mit ächter und unerborgter Schaffenskraft 
dte Tradition der hinKe^angenen Meister festzuhalten und fort- 
zusetzen mit Eifer und Hrfolg sich bestreben. 



Frankfort a.H, (Schluss.) Im fünften Museumsabende 
orrang sicli die frische Symphonie in B-dur von Schumann 
lebhaften Beifüll. Die Ouvertüre zu »Waldmeisters Brautfabrt« 
^on G. GoUermann dagt'gen suchte vergeblich dem Mangel an 
Ged unken inhalt durch Aufwendung gewaltiger instrumentaler 
Mittel abzuhelfen. Tniu Szarvady, welche Beethoven's poesie- 
reiches Conceri in G vortrug, war diesmal aussergewöhnlich 
unruhig in Haltung und Vortrag, was sicher von ihrem bereits 
länger andauernden Unwohlsein herrührte. Herr Bachmann 
aus Cassel sang mit schöner Stimme, doch etwas kalt zwei 
Arien, aus ffJosephtf von Mehul, iind aus viphigenie auf Tauris« 
von Gluck. — Das sechste Concert des Museums, das letzte im 
alten Jahre, braclile als interessante Novität die Suite von Esser. 
Ich kann dieselbe, nacli erstem Hören, den Lacbner'schen nicht 
^'leichslollen. Weder erscheinen mir die Themen gleich präg- 
nant, noch die Arbeit ühorall so klar wie dort ; namentlich klang 
das Allegrello etwa^ verworren, während das Andante vor- 
Lretflich wirkle. PrLiuL Eggeling sang Mendelssohn's Concert- 
Arie und einige Lieder; gegen Abt's »Schmetterling« und das 
utich zuge^eheije Kinderlied vom »Klaus mit dem dicken Prü- 
geU möchte ich auch Verwahrung einlegen; Scherze dieser 
Art passen nicht in ein solches Concert. Herr Grün aus Pesth 
bewahrte sich als IrelHicher Geiger in einem reizenden Con- 
cerCe in D-nmll von Spuhr; für Laub's unbedeutende Polonaise 
fehlte seinem Vorlrage die Wucht und Schlagferligkeit, mit der 
sie Laub selbst ^ur Geltung bringt. Den Schluss bildete Beet- 
hovens Ouverliire zu Coriolan. 

Der Pariser Quartettverein des Herrn Maurin und 
Genossen brachte in ifiwei Soireen folgende Quartette Beetho- 
ven'« zu Gehnr: in Es Op. 74, in C und in F Op. 59, in B 
Op. UO. in A-moll Op. 132 und von dem Cismoll-Quartetle 
die zweite lUilftc. Natürlich hatte ich letzteres lieber ganz ge- 
hört. Der Vortrag der Herren war ausgezeichnet, in's Feinste 
ausgearbeitet, nirgi^nd:^ in französische Zierlichkeit verfallend; 
der Ton gross, ja mUunter etwas zu dick, so dass eine orche- 
slermä!?sige Derhlieil entstand, was wohl die einzige Schatten- 
seile gewesen suln juft^. 

Die Soireen unserer einheimischen Quarteltisten Herren 
Ilocrman, Becker und Welcker haben gleichfalls be- 
gonnen; da der Violoncellist Brinkmann erkrankte, so wurde 
Herr Valentin Müller aus Paris engagirt ; als Pianist wirkte 
Herr VV a 1 1 e [i s t e i n mit. Die beiden ersten Abende brachten 
Streichquarletle von Haydn (Op. 76, B-dur), von Mozart (D- 
dur)^ Beethoven (Op. t8 D-dur und Op. 59 E-moll), ferner 



Schubert's Claviertrio in B und Mendels8ohn*s Cello-Sonate in 
B. Da Herr Müller nicht länger aus Paris abwesend sein kann 
und Herr Brinkmann noch nicht genesen ist, so trat nun leider 
eine Unterbrechung ein. 

Unsere grossen Gesangvereine gaben gleichfalls im abge- 
laufenen Jahre noch ihre ersten Concerte. Dasjenige des RühT- 
sehen Vereins brachte das Requiem von Scholz als Novität. 
Das Werk erfreute durch den darin waltenden Ernst und durch 
manche schöne Einzelheit, machte aber doch keinen durch- 
greifenden Eindruck. NamentUch verwunderte es, dass das 
Fugirte fast gänzlich fehlte, es müsste denn in den aus unbe- 
kannten Gründen weggelassenen Nummern enthalten sein. 
Man kann nun einmal kein Requiem hören, ohne an Cherubini 
und Mozart zu denken ; dem Scholz'schen Werke fehlt aber vor 
Allem der Fluss , das Treibende , Fortreissende jener Meister- 
stücke. Ueber die zweite Nummer des Concerts, Mendelssobn's 
Athalia, habe ich mich in Nr. 1 9 der Allgemeinen Musikalischen 
Zeitung 1865, ausgesprochen; für eine so baldige Wieder- 
holung dieses Werkes sehe ich keinen Grund. — Das erste 
Concert des Cäcilien- Vereins enthielt als erste Nummer 
Mendelssohn's H 4. Psalm, hier noch nicht mit Orchester auf- 
geführt. Das Werk bat manches Frische, ohne eben im Ganzen 
bedeutend zu sein. Bach's herrliche Motette: »Jesu, meine 
Freude« wurde vom Verein a capella gesungen. Der Chor hielt 
sich vortreQlich ; er sank nur wenig, was, in Anbetracht der 
Länge des Stücks und der mannigfachen Modulationen, hoch 
anzurechnen ist. Cherubini's Requiem bildete den Schluss/» 



Leipzig. S. B. Die erste Abendunterhaltung für 
Kammermusik (2.Cyklus) war besonders interessant durch die 
Mitwirkung F. Hiller's, des berühmten Dirigenten der Cöinischeu 
Concerte und Musikfeste. Und zwar hatte man das in Leipzig 
seltene Vergnügen, Hiller in seiner Doppeleigenschafl als Pianist 
und Componist zu hören, da er selbst einige neuere Compo- 
sitionen von sich vortrug; eine »Concert- Sonate« für Piano- 
forte und Violine in D-dur (mit Herrn David), zum Schluss 
mehrere Sätze für Ciavier Allein (Gavotte, Sarabande, Cor- 
rente), Alles noch Manuscript. Am besten geGelen uns die geist- 
reiche Gavotte und die interessant variirte Sarabande. Die Cor- 
rente schien uns zu viel von der neueren Etüde angenommen 
zu haben. Am wenigsten glücklich war Herr Hiller mit der 
»Concert- Sonate«, die bei unserm PubUcum wenig Anklang 
fand und gegen welche sich wohl Viel und Triftiges einwenden 
lassen würde. Die Form an sich enthält schon eine seltsame 
Vermengung von Gegensätzen. Die »Sonate« schliesst eigent- 
lich das virluosenhafte soloartige Element aus, in ihr herrscht 
durchaus der ungeschmückle musikalische Gedanke, der durch 
die Mittel des Contrapunkts bereichert und in seiner Bedeutung 
gesteigert wird. Eine Concert-Sonate sollte also höchstens 
einen glänzenderen Teilhaben, ohne das Wesen der Sonate zu 
verleugnen. Herrn Hillcr's Werk lässt aber jegHchen irgend 
bedeutenden Gedankenkern vermissen. — Das Hauptstück des 
Abends war wohl Mozart's hier zum ersten Mai aufgeführtes 
B i\\XT' Divertimento für Streichinstrumente und 2 Hörner [coni- 
ponirt n77, also \m i\. Lebensjahre des Meisters, Köchel 
Nr. 287). Wenn dieses Stück auch die Merkmale der eigent- 
lichen Kammermusik nicht durchaus an sich trägt, insofern die 
erste Violine eine stark bevorzugte Rolle darin spielt, so ist doch 
Alles so reizend anzuhören, dass uns der allseitige Jubel, mit 
dem das Divertimento aufgenommen ward , ganz erklärlich ist, 
umsomebr, als Herr David diesen Abend ganz besonders 
animirt war. Den Anfang des Abends bildete ein Haydn'sches 
Quartett in G-dur. 

(üeber das i2. Abonnement-Concert folgt der Bericht ia der 
nächsten Nummer. D. Red.) 



Nr. 3. 



21 



Nachrichten. 

Die Londoner NatiovuU Choral Society brachte den »Eliasa und 
die »Schöpfung* zum Vortrage, die Sacred Harmonie Society Mendels- 
sobn's Lobgesang und Mozart's Requiem, welche beiden Werke die- 
selbe in einer zweiten Aufführung wiederholte. In Halle's Concert zu 
Manchester wurde Gosta's Oratorium »Naaman« unter Leitung des 
Organisten mit vielem Erfolge gegeben. — In öer Royal Englisk Opera 
wollten Gounod's »Mock Doctor« und Leslie's »Ida« , vordem Cassen- 
stücke, nach der »Afrikanerin« nicht mehr ziehen. Man ging darauf 
zu »Alladins Wunderlampe« und Auber's »Le Domino noir«, — 
Balfe soll eine hinterlassene Oper von Wallace vollenden. — Arditi 
veranstaltet m Her Mc^esty's Theatre unter stärkstem Andrang eine 
Reihe »grosser Vocal- und InstrumentalconcertOR mit classischem 
Anstrich, im ersten Concerle, darin er seine Schwester £miUa mit 
einem Violinconcerte seiner Composition debutiren liess, brachte er 
Mozart's Gmolt- Symphonie und die Lindpaintner's Ouvertüre zu 
Faust, Boieldieu's »Xe chaperon rougen und Mehul's ^Üne chasse du 
jeuneHenri«, dazu dann Tanzstücke vom englischen Strauss Godefrey. 
In einem folgenden Concerte machte er die Engländer durch ein 
Tannhäuser-Potpourri nach nöherer Kenntniss der »musio of the fu- 
turea neugierig. 

Paris. In den Bouffes Parisiens hat Offenbach's »Les Ber- 
ger» sofort einen entscheidenden Erfolg gewonnen ; er ist darin mit 
Glück zu der einfacheren Art seiner früheren Operetten zurückge- 
kehrt. Das im Grundton idyllische Stück, dessen zweiter Act durch 
Dacapo-Rufe ausgezeichnet wurde, bietet in drei Acten Tableaux aus 
ciem Schäferleben: nach der theokritischen Antike , im Geschmack 
der süssen Zeit Ludwigs XV., und die natürliche Gegenwart. Haupt- 
personen: zwei Liebende ü la Pyramus und Thisbe, 'die sich nach 
Amors WiJleu im S.Act zu den porzellanenen Figuren des 48. Jahr- 
himderts, schliesslich zu simplen Hirten der Normandie metamor- 
phosiren. Dazu als Tritagonisten des betreffenden Actes Amor, Mar- 
guis, Landmadehen. 

Die beiden ersten Concerte des Carlsruher CäciUen- Vereins 
(4 3. Nov. und 4 4. Dec.) brachten Mozart's Serenade für Blasinstru- 
mente, Beethovcn's Opferlied für Sopran und Chor, Schubert's »Des 
Tages Weihe« Hymne für Tenorsolo und Chor ; Mozart's Laudate Do- 
minum für Sopran und Chor; Mendelssohns JLatMfa Sion; Spohr's 
Oratorium »Die letzten Dinge«. — Ebendaselbst fand am S5. Dec. ein 
erstes Abonnement-Concert der grossh. Hofkirohenmusik statt (beide 
Institute stehen unter der Leitung des Hrn. Giehne), in welchem 
Orgelcompositionen von Seb. Bach und Mendelssohn, dann Chöre, 
Soli u. s.w. von Bortniansky, Perti, Schubert, M. Haydn, Pergolese, 
Fesca, Marcetlo, Händel, Eccard , Job. Chr. Bach und Mendelssohn 
vorgetragen wurden. 

Güstrow. Die am 4. Januar d. J. stattgehabte zweite Winter- 
aufführung des Schillervereins brachte : Quartett Op. 4 6 in Es für 
Pianoforte, Violine, Viola und Violoncell von Beethoven ; »Der Herr 
ist der starke Held«, Duett für 2 Bässe aus Händel's »Israel in Egyp- 
ten«; gemischte Chöre: »Der wandernde Mosikant« von Mendelssohn 
und »Zigeunerleben« von R. Schumann ; »Träume und Lieder« (Idylle, 
Gnomentanz, Dahin, Victoria) für Pianoforte (Op. 8) von Johannes 
Schondorf; Arie des Pylades aus Gluck's »Iphigenia auf Tauris«; 
»Neujahrslied« von Fr. Rückert, für Solostimmen und gemischten 
Chor von R. Schumann. — Die Tage des in Güstrow stattfindenden 
IV. Mecklenburgischen Musikfestes sind durch Beschluss 
des Centralcomitäs nunmehr definitiv auf den 3., 4. und 5. Juni d. J. 
festgesetzt worden. Das Programm ist nachstehendes : ErsterTag: 
«Paulus« von F. Mendelssohn. Zweiter Tag: Symphonie Nr. 4 in 
B von R. Schumann ; »Die NaohUr, Hymne von Moritz Hartmann für 
Solo, Chor und Orchester von F. Hilier; Ouvertüre Nr. 8 in C zu 
»Leonore« von Beethoven; Haydn's Schöpfung (dritter Theil). Drit- 
te r T a g : Künstlerconcert. 

Das erste der zo Brüssel im Circus-Theater von Professor 
A. Samuel am Conservatorium eingerichteten Volksconcerte gab 
Beethoven's E moll-Symphonie und die Ouvertüren zu Oberen und 
Za aberflöte. 

In Coburg wurde kürzlich Schubert's C- Symphonie zum 
ersten Mal aufgeführt. Ausserdem hörte man daselbst Herrn Mortier 
de Fontaine in zwei historischen Concerten. Derselbe Künstler hat 
später auch in W e i m a r concertirt. 

Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien gelangte kürzlich 
durch den Tod des Hofraths Spauo in den Besitz einer reichen 
Sammlung Schubert'scber Werke; es sollen viele noch ganz unbe- 
kannte Compositionen Schubert's, namentlich Lieder, darunter sein. 

Zu Co In hat der Banquier Abr. Oppenheim unter der einzigen 
Bedingung, dass das Gehajt des städtischen Capellmeisters nicht im 
Budget der Stadt reducirt w«rde — ein Capital von 40,000 Thlrn. 



geschenkt, dessen Zinsen, 450 Thaler, dem bisherigen Gehalte des 
Capellmeisters «Is Zulage bestimmt sind. 

Mozart's sämmtliche Opern werden In einer neuen, nach 
den Original-Manuscripten genau revidirten Ausgabe, unter Redac- 
tion von Dr. Jul. Rietz, bei Breitkopf und Härtel erscheinen. 
» Petersburger Blätter rühmen die neue Oper eines russischen 
Componisten Ss^roff »Rogunda« und stellen sie Glinka's bestem 
Werke »Das Leben für den Czaren« zur Seite. 

Geber die beiden Hauptmitarbeiter an den Patti-Concerten, den 
Cellisten Piatti und Vieuxtemps, schreibt man der Augsb. Allg. Ztg. 
u. A. : »Piatti elektrisirte das Publicum zumeist durch seine nAirs 
Baskirs«, eine wahrhaft barbarische Composition, die einem Musiker 
von feinem Geschmack Krämpfe verursachen kann, aber durch ihre 
barocke Originalität verblüfft. Die begeisterte Aufnahme gerade die- 
ser Nummer bewies, dass die grosse Masse der Concertbesuoher 
selbst im musikalischen Wien aus wahren Baschkiren besteht. An 
Vieuxtemps' Acusserem ist die Zeit spurlos vorübergegangen, aber 
sein Arm scheint etwas schwächer. Im elegischen, zarten Vortrag 
ist er bedeutend, in brillanten Effecten, technischer Virtuosität steht 
er hinter Laub zurück. In Beethoven'schen Sonaten oder dem grossen 
Allegro appassionato eigener Composition sieht man dem feinen, 
schmächtigen Mann die physische Anstrengung so deutlich an, dass 
man seine Ermattung fürchtet. Er lässt sich von seiner Frau am 
Flügel begleiten und verschmäht den officiellen »Accompagnateunt.« 

In Hamburg gedenkt man, nach Unterbringung von 400Actien 
ä 4 000 Mark Banco, eine grosse Musikballe zu erbauen. 



Bibliogrraphle. 

E 1 1 e r 1 e i n , E. V. , Beethoven's Clavier-Sonaten. Für Freunde der 
Tonkunst erläutert. Dritte, umgearb. u. vermehrte Aufl. Leipzig, 
Matthes. 8. SO Ngr. 

Mettenleiter, Dr. Dom., Aus der musikal. Vergangenheit bay- 
rischer Städte. 4. Bd. : Musikgeschichte der Stadt Regensburg (aus 
Archivalien und sonstigen Quellen bearbeitet) . Regensburg, Bös- 
senecker. gr. 8. 2 Thlr. 

Reissmann, Aug., Lehrbuch der musikal. Composition. 4. Bd. : 
Die Elementarformen Berlin, Guttentag, gr. 8. 3 Thlr. 

Saniner, Carl, Handbuch der Tonsetzkunst. Kurzgefasster Unter- 
richt im Generalbass u. s. w. Leipzig, Schäfer, gr. 8. 4 Thlr. 

Schäublin, J. J. , Ueber die Bildung des Volkes für Musik und 
durch Musik. S. Ausg, Basel, Bahnmaier. 8. 9 Ngr. 

Schneider, Dr. K. E., Das musikalische Lied in geschichtlicher 
EntWickelung, übersichtlich und gemeinfasslich dargestellt. Dritte 
Periode: das strophische Stimmungslied. Leipzig, Breitkopf und 
Härtel. gr. 8. J Thlr. 45 Ngr. 

Schubert, F. L., Katechismus der Gesanglehre, als Leitfaden beim 
Gesangunterrichte in seinem ganzen Umfange, nach den besten 
Quellen. Leipzig, Merseburger. 

Die Violine. Ihr Wesen, ihre Bedeutung und Behandlung als 

Solo- und Orchesterinstrument. Ebendas. 

Engel, Carl, The Music of the most ancient Nations particularly of 
the Assyrians, Egyplians and Hebrews. London, J. Murray. 

Beauquier, Charles, Philosophie de la musique. Paris, BaiÜi^re. 



DGscellen. 

In seinen der Cöln. Zeitung geschriebenen »Ungarischen Briefen« 
erzählt H. Sc hör er mit der Begeisterung des dichterischen Oe- 
müths von der nationalen Zigeunermusik, die ihn in ihrem origina- 
len Naturalismus oft mehr hingerissen habe als künstlerische Vir- 
tuosität. »Kein Vieuxtemps etc. kann so gänzlich aufgehen in seinem 
Instrumente, wie solch ein Zigeunerblut; seine ganze Seele schlum- 
mert in seinem Geigenkasten, und er weckt sie auf zu wunderbar 
ergreifenden Gefühlen und Leidenschaften. Ohne Noten zu kennen, 
spielt er Alles nach dem Gehör und immer mit neuen Phantasien 
und Variationen. Der Rakoczy-Marsch ist das Leiblied, dann kommen 
wilde Czardas und elegische Gesänge. Man muss sie hören, wenn sie 
frisch aus dem Innern von Debreczin und Szegedin kommen und 
noch nicht beleckt sind von der Cultur der grossen Städte, wo sie 
des Gewinnes halber anfangen, kunst- und regelrecht zu spielen. 
Ein speculatives Genie wie Herr Ulimann führt sie auch wohl auf 
Reisen imd kleidet sie theatralisch an. Wer es nicht besser kennt, 
hört sie als eine Curiosität an, mir ist es stets als widerliche Profa- 
nirung erschienen. Man kann gewisse Eigenheiten nicht aus ihrem 
Boden verpflanzen, ohne sie zu zerstören. Das Gleiche gilt vom Czar- 
das, man muss ihn in der Schenke gesehen haben, um ihm in unsern 
Ballets aus dem Wege zu gehen.« 



28 



Nr. 3. 



ANZEIGER 



[24] Eine echte Amatl-Geige^ im voilkommen ßuten 
Zustande, ist bei Herrn llofinstrumentenmacber Lotz i» 
Gotha zu verkaufen. 

[2«] ■ Für 

Qttatmergefang-^Jereine von großer ^StcQfigßetf! 

Itamentlich für solche, denen es um die Hebung des 
deutschen M^lnnergesanges zu tbun ist. 

Bei dem Unterzeichneten erscheint demnächst mit Eigenthums- 
recht: 

Eschmann^ J« Carl, Op. 45. Sechs Gesani^e für MAnner- 
chor. (Dem Universitätsgesangvereine zu St. Pauli in Leipzig ge- 
widmet.) Inhalt: Die Waldlcapelle (0. Roquette), Nachtlied (Lud w. 
PfauJ , Wanderlied (Jul. Hammer) , Lebenslied (?) , Liebesboten 
(Pfau), Was klingt am besten? (A. Corrodi). 
Op. 46. Zehn deutsche Vblksmelodicn für den vierstim- 
migen Männerchor bearbeitet. (Der Liedertafel in Donaueschingen 
gewidmet.) Inhalt: Sonntags am Rhein (R. Reinick), Lass' ruhn 
die Todten (Chamisso) , Wenn alle Brünnlein fliessen (Volkslied, 
Originaltext), Mondscheinlied (Altdeutsche Volksmelodie, Original- 
text) , Treue Liebe (Volkslied a. d. Gegend von Uildburghausen, 
Originaltext), Bergmannsiied (Originaltext), Die junge Schnur und 
die alte Schwieger (Originaltext) , Lied der Guggisberger (Volks- 
melodie aus dem Canton Bern, Originaltext), Petrus und Pilatus 
(Trinklied), Parole (von Eichendorff , nach der Voiksmelodie : »Es 
sollt' sich ein Goldschmied schmieden«). 
Um die Anschaffung dieser Quartette allen Vereinen zu erleich- 
tern, habe ich mich entschlossen, dieselben auf Subscriptlon heraus- 
zugeben und den Preis so zu stellen, dass derselbe für Partitur und 
Stimmen (ZinnsUch von C. G. Röder in Leipzig) weit billiger zu ste- 
hen kommen wird, als wenn dieselben durch Abschreiben verviel- 
fältigt werden würden. 

Bestellungen erbitle ich mir baldigst durch die betreffende 
Buch- oder Musikalienhandlung (mit Privaten kann ich selbstredend 
nicht in Verbindung treten), damit ich danach die Auflage bestimmen 
kann und auf diese Weise in den Stand gesetzt werde, den Preis so 
billig als nur irgend möglich zu stellen. — Die Bestellungen werden 
sämmtlich zu gleicher Zeit, jedoch nur gegen sofortige Baarzahlung 
effectuirt. — Nach Beendigung des Druckes tritt der Ladenpreis ein 
und bemerke ich nur noch fiür die Handlungen, dass der erniedrigte 
Preis auf dem Titel nicht bezeichnet werden wird. 

Die Vereine dürfen mit Bestimmtheit etwas Ausgezeichnetes er- 
warten, indem nicht allein der Name des Componisten dafür bürgt, 
sondern auch, mehrere der bedeutendsten Autoritäten sich bereits in 
der anerkennendsten Weise übet diese Compositioneu ausgesprochen 
haben. Namentlich werden die Volkslieder ihres zumTheil acht hu- 
moristischen Inhalts wegen der grössten Verbreitung fähig sein. 
Düsseldorf, 6. Januar 1866. Wilh. Bayrhoffer. 

^''^ Johannes Brahms' Werke 

aus dem Verlage von 
J. Bieter -Biedermann in Leipzig und Winterlhur. 
Op. 12- Ave Maria für weiblichen Chor mit Orchester- oder Orgel- 
Begleitung. Partitur u. Stimmen 4 Thlr. !tO Ngr. Clavier-Auszug 
'IS Ngr. Chorstimmen einzeln ä i% Ngr. Orgelstimme 5 Ngr. 
Op. 13. Begrttbnissgesang: »Nun lasst uns den Leib begraben« 
für Chor u. Blasinstrumente. Partitur u. Stimmen 4 Thlr. 45 Ngr. 
Clavier-Auszug 22*/, Ngr. Chorstimmen einzeln ä i% Ngr. 
Op. 14. Lieder and Romauzen für eine Singstimme mit Beglei- 
tung des Pianoforte 4 Thlr. 
Nr. 4 . Vor dem Fenster : «Soll sich der Mond nicht heiler schei- 
nen« , Volkslied. Nr. 2. Vom verwundeten Knaben : »Es 
wollt' ein Mädchen früh aufstehn«, Volkslied. Nr. 3. Murray's 
Ermordung : »0 Hochland und o Südland 1« Schottisch ; aus 
Herder's Stimmen der Völker. Nr. 4. Ein Sonett: »Ach könnt' 
ich, könnte vergessen sie« aus dem 43. Jahrh. Nr. 5. Tren- 
nung: »Wach auf, du junger Gesell«, Volkslied. Nr. 6. Gang 
zur Liebsten : »Des Abends kann ich nicht schlafen geh'n«, 
Volkslied. Nr. 7. Ständchen : »Gut' Nacht, mein liebster 
Schatz», Volkslied. Nr. 8. Sehnsucht: »Mein Schatz ist nicht 
da«, Volkslied. 



Op. 15. Concert (D-moll) für das Pianoforte mit Begleitung des 
Orchesters 7 Thlr. Für Pianoforte allein 2 Thlr. 40 Ngr. Für Piano- 
forte zu vier Händen arrangirt S Thlr. 
Op. 29. Harieaüeder für gemischten Chor. Partitur u. Stimmen. 
Heft l. U. ä i2y. Ngr. Stimmen einzeln ä 3% Ngr. 
Heft I. Nr. 4. Der englische Gruss : »Gegrüsset Maria, du Mutter 
der Gnaden«! Nr. 2. Maria's Kirchgang : »Maria wollt' zur 
Kirche geh'n«. Nr. 3. Maria's Wallfahrt: »Maria ging aus 
wandern«. Heft H. Nr. 4. Der Jäger: »Es wollt' gut Jäger 
jagen«. Nr. 2. Ruf zur Maria : »Dieb Mutter Gottes, ruf wir 
an«. Nr. 3. Magdalena : »An dem österlichen Tag«. Nr. 4. Ma- 
ria's Lob : »Maria wahre Himmelsfreud'«. 
Op. 23. Variationen über ein Thema von Robert Schumann für 
Pianoforte zu vier Händen (Fräulein Julie Schumann f^ewidmei) . 
4 Thlr. 5 Ngr. 
Op. 32. Lieder und Gesänge von Aug. v. Platen u. G. F. Dau- 
mer, in Musik gesetzt f. eine Singstimme mit Begleitung des Piano- 
forte. Heft 1. IL ä 22V, Ngr. 

Heft i, Nr. 4. »Wie raflft ich mich auf in der Nacht«. Nr. 2. »Nicht 
mehr zu dir zu gehen«. Nr. 3. »Ich schleich umher betrübt 
und stumm«. Nr. 4. »Der Strom, der neben mir verrauschte«. 
Heft H. Nr. 5. »Wehe, so willst du mich wieder«. Nr. 6. »Du 
sprichst, dass ich mich täuschte«. Nr. 7. »Bitteres zu sagen 
denkst du«. Nr. 8. »So stehn wir, ich und meine Weide«. 
Nr. 9. »Wie bist du, meine Königin«. 
Op. 33. Rotnanzen aus L. Tieck's Magelone für eine Singstimme 
mit Pianoforte. [Julius Stockhausen gewidmet.) Heft I. II. ä 4 Thlr. 
Heft I. Nr. 4. »Keinem hat es noch gereut«. Nr. 2. »Traun! Bo- 
gen und Pfeil sind gut für den Feind«. Nr. 3. »Sind es Schmer- 
zen, sind es Freuden«. Heft II. Nr. 4. »Liebe kam aus fernen 
Landen«. Nr. 5. »So willst du des Armen dich gnädig erbar- 
men ?« Nr. 6. »Wie soll ich die Freude, die Wonne denn tragen ?« 
Op. 34. Quintett für Pianoforte, zwei Violinen, Viola und Violon- 

cell. Partitur und Stimmen 5 Thlr. 
Op. 35. Studien für Pianoforte. Variationen (iber ein Thema von 

Paganini. Heft 4. 2. ä 4 Thlr. 
Op. 37. Drei geistliche Chöre für Frauenstimmen ohne Beglei- 
tung. Partitur und Stimmen 22'/, Ngr. 
Deutsche Vollcslieder für vierstimmigen Chor. (Der Wiener Sing- 
acadetnie gewidmet.) Heft I. II. ä 4 Thlr. 5 Ngr. Stimmen einzeln 
ä 5 Ngr. 

Heft I. Nr. 4. »Von edler Art, auch rein u. zart«. Nr. 2. »Mit Lust 
thätich ausreiten«. Nr. 8. »Bei nächtlicher Weil«. Nr. 4. Vom 
heiligen Märtyrer Emmerano, Bischoffen zu Regensburg: 
»Komm Mainz, komm Bayrn«. Nr. 5. Täublein weiss : »Es 
flog ein Täublein weisse«. Nr. 6. »Ach lieber Herre Jesu 
ChrisU. Nr. 7. Sankt Raphael : »Trost' die Bedrängten«. 
Heft H. Nr. 4. »In stiller Nacht, zur ersten WachU. Nr. 2. Ab- 
schiedslied: »Ich fahr* dahin, wenn es muss sein«. Nr. 8. Der 
todte Knabe: »Es pochet ein Knabe sachte«. Nr. 4. »Die Wol- 
lust in den Mayen«. Nr. 5. Morgengesang: »Wach auf, mein 
Kind«. Nr. 6. Schnitter Tod : »Es ist ein Schnitter, heisst der 
Tod«. Nr. 7. Der englische Jäger : »Es wollt gut Jäger jagen«. 

Etudes Symphoniques 

en forme de variations 

pour le Piano. 
Op. 11 

Arrangement fttr 2 Pianoforte solo. 

Preis 2 Thaler. 

(Verlag von Onstay Heinze in Leipzig.) 



Verlag von J. Rieter-Biedermann in Leipzig und Winterthur. — Druck von Breitkopf und Härte! in Leipzig. 



Dto Leipiifw Allgemeiiie Motika* 

Uiqlio Zeitnnf «rscheint regelmlaiig an 

Jetf«m Mittwoch and irt doreh alle 

FMtlQltBraiid Bocbhandlnnfvn 

ni belieben. 



Leipziger Allgemeine 



Freie: Jihrlich » Thir. 10 Kcr. 

YiertelJftbrUcbePrtaam. 1 Thlr.lO Nfr. 

Anieifen : Die ffeepaltene PietitieUe <ätor 

deren Aaum 2 Vn, Briefe und Gelder 

werden nraneo erbeten. 



Musikalische Zeitung, 



Verantwortlicher Bedacteur: Selmar Bagge. 



Leipzig, 24. Januar 1866, 



Nr. 4. 



L Jahrgang. 



Inhalt: Zwei eingewurzelte Druckfehler. — Eine französische Stimme über den Inhalt der Musik (Schluss). — Berichte aus Stuttgifft uod 
Leipzig. — Nachrichten. — Berichtigung. — Anzeiger. 



Zwei eingewurzelte Bmckfehler. 

B. G. Dass die abschrifilichen oder aoch gedruckten Par- 
tituren älterer Werke nicht in allen Einzelheilen correct und 
veriässig sind, ist bekannt genug. Auffallen muss aber, 
dass manche Fehler, welche von jedem Musiker sofort als 
solche erkannt werden sollten, in allgemein bekannten 
Werken sich förmlich einbürgern konnten und bei den 
Aufführungen immer wiederkehren. Es verlohnt sich viel- 
leicht der Mühe, ein paar solcher Fehler zu besprechen. 
Der eine wirft auL Gluck, der andere auf Mozart den Schat- 
ten einer Geschmacklosigkeit oder Ungeschicklichkeit. 

I. 

Der Chor der Priesterinnen (nContemplezui etc.), mit 
welchem In »Iphigenie in Taurisa der zweite Act 
schliesst (oder — richtiger gesagt — die theilweise von 
Gesang begleitete Orchestermusik zu den Ceremonien des 
Todtenopfers), ist aus nur zwei musikalischen Phrasen auf- 
gebaut. Die erste, aus 8 Takten bestehende Phrase (her- 
übergenommen aus der »Iphigenie in Aulis«) , bildet mit 
ihrer Nachbildung in Moll und der den Abschluss herbei- 
führenden ümbiegung den Hauptsalz der Musik ; die zweite 
Phrase (fünftaktig, repelirt) stellt einen Zwischensatz dar, 
welcher die öfteren Wiederholungen des Hauptsatzes aus- 
einanderhält. Nachdem bei der ersten Wiederholung (C- 
dur und C-moli, wie ursprünglich) die Priesterinnen ein- 
gestimmt haben, nimmt das Orchester (diesmal ohne den 
Zwischensalz) den Hauptsatz in veränderter Tonart (Es- 
dur und Es-moll) auf und bringt in der entsprechenden 
Transposition auch den Zwischensatz nach. Die Grenze 
zwischen beiden ist nun hierin allen Ciavierauszügen (den 
neuesten bei Peters nicht ausgenommen] durch einen wun- 
derlichen Trugschluss bezeichnet , indem der Hauptsatz 
nicht mit dem erwarteten Es-raoll schliesst, sondern den 
Ces dur-Accord substituirt, ohne den regelrechten 
Abschlüss des musikalischen Gedankens nach- 
zuholen; vielmehr folgt unmittelbar der Zwischensatz. 
Sdch ein zielloser Schein-Eflfect, der gegen die Regeln 

des guten Satzes schroflf verstössl, wäre zu GIuck*s Zeiten 
I. 



unerhört gewesen und dürfte am allerwenigsten bei Gluck 
selbst gesucht werden.*) Jener Trugschluss, den man 
auch von Bühnenorcbestern anhören muss, ist aus falscher 
Correctur eines Druckfehlers entsprungen. In der gestoche- 
nen Partitur, welche zu Paris bald nach der ersten Auf- 
führung der Oper (1 779) erschien, sieht die Stelle so : 



vv 

Alto. 
Ob. 

B. 



m 



^ JJjJl^ . j k J 



m 



^•~T -"Tr^ m. 



m 



fe 



^^ 



Das Ces im Basse ist also freilich da, aber darüber 
haben die Oboen den Ton 6. Eine dieser beiden Noten 



*) Sollte dieses Urtheil nicht Überali sogleich verständlich sein, 
so diene Folgendes zur Orientirung. Obwohl das Ohr schon zweimal 
den Hauptsatz mit einfachem Abschluss vernommen hat, also beim 
dritten Mal einen Trugschluss nicht vermuthen kann, würde dieser 
an sich noch nicht verletzen ; aber er lässt mit Sicherheit erwar- 
ten, Gluck wolle diesmal, 9be er in den Zwischensatz einbiegt, eine 
Verlängerung des Hauptsatzes bringen, etwa in folgender Art : 



i 



m 



Aj^ 



-#«- 



m 



M 



^^m 



n 



statt dessen hört man nun : ^ 



m^^J^^fß f ^ 



^ ^jjC LJic^^rT^TrrTn 



d. h. man macht nach zwei Takten plötzlich die Bntdeokupg, da^ 
man sich bereits im Zwischensatz befinde , der Hauptsatz also ni 
gar keinem Ruh^unkt geführt werden soll, und diese Enttäuachiu^ 
trifft das Ohr mit der Crewalt eines plumpen Stosses , während der 
TmgBoliluss selbst zuerst bios Überrascht hat. 

4 



30 



Nr. 4. 



muss falsch sein. Als vor Jahren der Verfasser dieses Auf- 
satzes im Theater zum ersten Mal von dem Ges dur-Accord 
erschreckt worden war, den er einzig in unkritischen 
Clavierauszttgen heimisch glaubte, nahm er Veranlas- 
sung, die von der betreffenden Bühne benutzte geschrie- 
bene Partitur einzusehen, und fand dort die Oboenstimme 
so geführt, wie sonst Bässe fortzuschreiten pflegen, nämlich : 




Es kann aber wohl keinem Zweifel 



unterliegen, dass in der gestochenen Partitur die Oboe 
richtig, dagegen der Bass falsch ist. 

Da die Pariser Partitur blos den französischen Text 
enthält, scheinen in Deutschland die meisten Bühnen Ab- 
schriften von derjenigen Partitur vorgezogen zu haben, 
welche zuerst mit deutschem Text versehen worden ist. 
Bei Herstellung dieser Partitur hat wahrscheinlich der 
Copist, dem die gestochene als Original vorlag, sich 
durch das der falschen Note [Ces) ausdrücklich vorgesetzte 
Erniedrigungszeichen irre machen lassen. Aber schon die- 
ses Zeichen kann durch eine irrthümliche Correctur bei 
Revision der Platten hinzugekommen sein. Hatte der Ste- 
cher die Note, ohne das Erniedrigungszeichen, um ein 
Spatium zu tief gesetzt, so konnte der Corrector durch das 
sogleich nachfolgende wirkliche Ce5 verführt werden, in dem 
falschen C ein Ces zu vermuthen. (Dass Gluck selbst eine 
Revision des Stichs nicht vorgenommen hat und dass der 
Corrector bei seiner Aufgabe das Original-Manuscript nicht 
gewissenhaft genug verglich, geht aus den äusserst zahl- 
reiclien Druckfehlern jener gestochenen Partitur unzwei- 
deutig hervor.) 

n. 

Wenn im Finale des zweiten Acts von Cos\ fan tutte 

Despina in der Maske eines Notars eintritt, singt sie zuerst 

die Worte : 

Aitgurandovi ogni bene 
U Notqjo Beccavivi 
coli' usata a voi sen viene 
nolariale dignitä. 

Von da an steht in der gestochenen Partitur (S. 243) Fol- 
gendes (wobei nur die zweite Violine und die Fagotte 
weggelassen sind, was keinen der Accorde beeinträchtigt): 

fr 








cresc. 



IT J I- 

Jf, — 1©* 



ife^fc^^ 



L 



i(») 



=et 



S-^ 



1> 



Ä 



(«) 



E2i 



# 







I 



!-J ^ 



=c=x 



^ 



MZZß 



i LjLIj^ 



^^ 



trat-to sti-pu - la - to 



■z:^' 




Ein offenbarer Druckfehler ist im Obigen bereits cor- 
rigirt, nämlich bei (3) , wo die Partitur der ersten Violine 
h (statt eis) giebt. Es muss aber auch noch Anderes falsch 
sein. Der Gang der Violine bei (4) hätte nichts Auffallen- 
des, wenn der über dem Basse Pis liegende Septimen- 
Accord ein Dominant-Septaccord (also mit grosser Terz) 
w^äre; dass aber Mozart die Violine die Septime e an- 
schlagen und von da nach der kleinen Terz a springen 
lassen sollte, ist undenkbar; man wird eine solche lau- 
nenhafte Härte weder bei ihm, noch hei irgend einem an- 
dern guten Tousetzer finden. Ferner muss zwei Takte 
später der Accord über dem Basse H in einer Mozart^- 
schen Composition starken Verdacht erregen. 

Alles rückt in beste Ordnung, sobald man annimmt, 
der Bass sei vom p an falsch «gestochen und müsse heissen : 






cresc. / f 

Dabei würde allerdings die Singstimme mit dem Bass 
gehen, was man bei einer Sopranstimme befremdlich 
ßndim könnte. Allein dieser Umstand wird eher für als 
gegen die Hypothese sprechen, wenn man beachtet, dass 
hier ein Mädchen sich als Mann giebt. Es hat etwas Ko- 
misches, den Pseudo-Notar seine Stimme so führen zu 
hören, wie es sonst nur bei einer männlichen Bassstimme 
vorkommt, und diesen komischen Effect scheint Mozart 
beabsichtigt zu haben. 



Nr. 4. 



34 



Die Hypothese liegt so nah, dass der Verfasser dieses 
Aufsatzes überrascht war, sie bei gelegentlicher Mitthei- 
lung (schon '1860) von einem als musikalische Notabilität 
hochgeachteten Capelldirector abgewiesen und die Lesart 
der gestochenen Partitur für unbedenklich erklärt zu sehen ; 
und fast noch grösser war seine Ueberrascbung, als etwas 
später die durch Herrn Andr6's Gefälligkeit ihm ermög- 
lichte Einsichtnahme des Original-Manuscripts nicht ganz 
das mit Sicherheit erwartete Resultat ergab. Die Erinne- 
rung an jenen in Anbetracht seiner Quelle gewichtigen 
Widersprueh ist jetzt Veranlassung geworden, die Frage 
einem grossem Kreise zur Beurtheilung vorzulegen. 

In Mozart's Manuscript war der Bass ursprünglich so 
geschrieben : 



^m 



* 



ag^FZE 



¥=F=^. 



g >« ^ > gf ■ 'p^ ' -y** ^ 



2^ 



cresc. / P 

Die beiden Noten A , welche den drilteu und vierten Takt 
ausfüllen, sind aber durchstrichen und durch Fi& (wie im 
Stich) ersetzt. Hiemach läsät sich die anstössige Stelle der 
gestochenen Partitur nicht eigentlich auf einen Druckfehler 
zurückführen, vielleicht aber auf einen Schreibfehler. 
Mozart, der nach bekanntem Brauche immer zuerst pur den 
Bass und die Singstimme niederschrieb, hat anfänglich, 
wie der erste Eintrag zeigt, einen auf Fis ruhenden Accord 
gar nicht im Sinne gehabt; er wollte die durch das cres- 
cendo eingeleitete Stelle einfach in A-dur ausklingen las- 
sen und dann sogleich mittels des Dominant-Accords über 
H nach £-dur einlenken. Erst beim Ausfüllen der In- 
strumentation scheint ihm eine Modification beigefallen zu 
sein. Da aber die Orcbesterstimmen im drtlten und vier- 
ten Takt ganz unverkennbar noch der Tonart A-dur an- 
gepasst sind , so ist die grösste Wahrscheinlichkeit vor- 
handen, dass die Modification erst mit dem fünften Takt 
eintreten sollte. Mozart hätte dann , während er die dem 
neuen Gedanken entsprechende Instrumentation einschrieb, 
versäumt, den ursprünglichen Bass zu ändern, und bei 
einem späteren Nachholen dieser Aenderung wäre das 
Versehen vorgekommen, dass die beiden neuen Noten [Fis) 
zwei Takle zu früh^gesetzt wurden. Die Vermuthung, die 
Bassnole Fis sei den) fünften und sechsten Takt zugedacht 
gewesen, kann noch durch folgenden Umstand bestärkt 
werden. Die gestochene Partitur bat in der Violastimme 
an der im obigen Auszug mit (2) bezeichneten Stelle einen 
wirklichen Druckfehler; die Noten sollen nämlich im fünf- 
ten und sechsten Takt eine Terz tieferstehen. Schreibt 
man nun die Viola so, wie das Manuscript es verlaugt, den 
Bass aber im Sinne der oben angegebenen Hypothese, s o 
schliesst sich die Viola dem Basse an, nämlich: 




Will man annehmen, Mozart selbst habe die zuerst ver- 
gessene Correctur des Basses späterbin vorgenommen, so 
würde das untergelaufene Versehen eine bei ihm sonst 



seltene Uebereilung voraussetzen. Es ist aber sehr mög- 
lich, dass er das Vergessen der Aenderung erst etwa in 
der Probe bemerkt und dann mündlichen Auftrag zum 
Nachtragen -der Nolen in Partitur und Stimmen gegeben 
habe. In der That haben diese beiden Noten eine etwas 
fremdartige Gestalt und sind namentlich merklich grösser 
als Mozart sonst zu schreiben pflegt. (Gerade zwischen den 
beiden neuen Noten ist im Manuscript das Blatt umzu- 
schlagen; die erste schliesst eine Seite, die andere eröff- 
net eine Rückseite.) 

Immerhin bleibt es räthselhaft, wie ein missverständ- 
ficher Eintrag sich forterhalten konnte. Vielleicht hatte 
Mozart sich begnügt, während der ersten Probe nur die 
Stimmen corrigiren zu lassen, und dann wäre es wohl 
denkbar, dass der Eintrag in die Partitur immer wieder 
in Vergessenheit gerathen, selbst bis zur letzten Auffüh- 
rung unter Mozart (August 1 790) sich verschleppen konnte, 
nach welcher zu weiterer Gontrole kein äusserer Aulass 
mehr gegeben war. Gedanken solcher Art können das 
Räthsel nicht lösen, höchstens auf die Möglichkeit einer 
Lösung hinzeigen. Die Hauptfrage selbst lässt sich nur 
nach inneren Gründen entscheiden. Es muss jedem Mo- 
zartkenner überlassen bleiben, was er für das Wahrschein- 
lichere halten will, ob ein uoberichtigt gebliebenes Ver- 
sehen, oder eine bei Mozart unerhörte, baroke Schreib- 
weise, welche zumal an jenem Orte doppelt unbegreif- 
lichsein würde. Stösst man in der Musik einer Mozart^scben 
Oper irgendwo auf etwas Ungewöhnliches, Spannendes, 
so darf man sicher sein, ein bestimmtes Motiv dafür in 
der betreffenden Textstelle oder in der dramatischen Si- 
tuation aufzufinden. Dort aber, wo der angebliche Notar 
sich einführt, wäre keine Spur eines Motivs zu entdecken. 
Die Stelle könnte sogar noch dann befremden , wenn die 
oben mit (4) bezeichnete Führung der Violine (welche man 
über dem Fis keinem Schüler der Gomposißonslehre 
hingehen lassen würde) nicht da wäre. Mit dem Worte 
idignitd» ist ein Sprechsatz vollendet, und mit dem ur- 
sprünglichen Mozart^scheu Bass würde auch musika- 
lisch der Satz sich abschliessen. Bei dem plötzlichen Ab- 
brechen des natürlichen Schlusses und dem überraschen- 
den Heruntergleiten des Basses vom Cis aut Fis erwartet 
der Hörer, es werde ihm nun im Text etwas Bedeutendes 
eröffnet werden ; der Notar sagt aber nichts weiter, als 
der Contract sei in gebräuchlicher Form Rechtens ausge- 
fertigt (Ä il cmiraüo stipulato coUe regele ordvnarie neUe 
forme giudiziarie) . Und wollte man den zwei Takte lang 
anhaltenden Accord über H bei (2) wie einen Vorhalt be- 
trachten, so wäre eine solche fast Bach'sche Harmoniefüh— 
rung nicht entfernt mehr im Einklang mit der übrigen 
Haltung des ganzen Edur- Abschnitts, welcher (sobald 
man die verdächtigen vier Takte von der vermutbeten 
Verwirrung befreit denkt) von Anfang bis zu Ende (S.242 
bis 245) entschieden den leichten Stil der Opera buffa 
aufweist. 



4» 



32 



Nr. 4. 



Eine firanzösiBche Stimme über den Inhalt 
der Musik. 

{»Philosophie de la Musiqueii par Charles Beauquier. Paris, 
G. Bailliere 4 866. Octav, 204 Seiten.) 

(Schiuss.) 
Wenn sieb unser Autor bis bieher vielfach negirend 
verhalten hat, so kommt er vom 42. Gapitel an, wel- 
ches voii der Instrumentalmusik handelt, auf positives 
Gebiet. Indem er nochmals hervorhebt , dass der Gesang 
gebundene, wegen des Anschlusses an das Wort unfreie 
und ungenügende Musik sei, behauptet er, nur die reine 
Musik, die Instrumentalmusik vermöge die Schwingen der 
Tonkunst frei zu entfalten. Unserer Zeit sei es vorbehalten 
gewesen, <Jie Tonkunst aus ihren Windeln und Gangel- 
banden zu befreien, ihr ihr reines Wesen zurückzugeben, 
und zwar eben in der Instrumentalmusik. Mit der Land- 
schaftsmalerei sei es ganz ahnlich zugegangen. Beide 
seien, in dieser Art betrachtet, die wesentlich roman- 
tischen Künste und von ganz modemer Erfindung. Die 
Instrumentalmusik für sich betrachtet, welche zu ihrer 
vorzüglichsten Ausdrucksform die Symphonie habe, sei 
die zuletzt gekommene künstlerische Schöpfung, und in 
dem ungeheuren Fortschrittscyklus, welchen alle mensch- 
lichen Dinge durchlaufen, werde sie die letzte Kunstform 
^ sein. »Die Symphonie ist eine architektonische Verbindung 
von Tönen, avec des formes en mouvement (tönend bewegte 
Formen!) und bedeute absolut nichts weiter im wiSsent- 
schaftlichen Sinne. Der Verfasser parirt die Ausfälle, die 
ihm mit Haydn und Beethoven gemacht werden könnten, 
damit, dass er sagt : ein Programm , sei es auch noch so 
weit und unbestimmt« sei doch immer noch viel zu be- 
stimmt für die Musik ; am ehesten könne noch die Geberde 
neben sie gestellt Werden, weil sie eine Manifestation des 
Rhythmus sei. Der Verfasser geht in seiner Gonsequenz so 
weit, in Hinsicht auf die rein musikalische Kunst das Ballet 
über die Oper zu stellen. Er leugnet dann, dass die Sym- 
phonie eine »stumme Oper« sei, und nennt es nur eine hüb- 
sche Metapher, wenn man sage : ein Trio, ein Quartett etc. 
stelle ein kleines Drama vor, wo jedes Instrument eine 
Person bedeute. Auch die Form der Symphonie oder des 
Quartetts in ihren verschiedenen Sätzen sei nur ein Ge- 
rüst, ein Rahmen für die in der Musik wesentlich noth- 
wendigen Gontraste ; die Natur der Dinge erfordere eine 
solche Einthetlung, namentlich dass man einem noch nicht 
ermüdeten Hörer die langsamen, pomplicirten, gearbeite- 
ten Stücke zuerst zu hören gebe und dann seine Aufmerk- 
samkeit durch ein schnelles Finale, durch ein ungestü- 
mes Scherxo erwecke. — Nachdem der Verfasser einige 
Beschreibungen Beetboven^scher Werke von Lenz ge-- 
geisselt, wendet er sich in drei Paragraphen noch zu ver- 
schiedenen Erscheinungsformen der Instrumental- 
musik (als Musik zum Tanze , als Begleitung des Liedes, 
als wesentlicher malender Factor in der Operu. s. w.), 
dann zu den Instrumenten, deren Eintheilung in 



Schlag- , Blas- und Saiteninstrumente l>egrttndend und 
ihre Wirkung danach festsetzend; endlich zu den Spie- 
lern selbst, deren Aufgabe er erklärt. Gegen den Schiuss 
des dritten Paragraphen bringt er einige äusserst schla- 
gende Bemerkungen über das Virtnosenthum, dessen arme 
ganz von ihrer Aufgabe abgekommene Opfer er beklagt. 

Im letzten (43.) Capitel endlich geht der Verfasser auf 
eine positive Beantwortung der Frage ein : was der Inhalt 
der Musik sei. Doch mag er nicht eine Definition aufstel- 
len, wovon er kein Liebhaber sei. Er will vermeiden, 
dem Gedanken mit Gewalt spanische Stiefel anzuziehen, 
und zieht es vor, seine Idee zu entwickeln, statt sie 
durch Einzwängen in einige Worte zu verstümmeln. Nach- 
dem er noch verschiedene Aussprüche berühmter Männer 
über Musik (darunter Goethe] citirt und als unlogisch und 
unbegründet verworfen hat, folgen seine Postulate. Viel- 
leicht genügt es für heute, wenn wir hier ihn selbst spre- 
chen lassen. 

»Also, wie wir gleich anfangs bemerkt haben, die Mu- 
sik hat, wie alle andern Künste, eine sinnlich reizende 
{sensible), eine materielle, eine physiologische und eine ver- 
standesmässige Seite. Der musikalische Ton gefäillt an sich 
selbst wie ein guter Geruch oder Geschmack , und ge- 
wisse Tonverbindungen, vorausgesetzt, dass sie den die 
Schwingungen regelnden mathematischen Gesetzen ent- 
sprechen, verschaffen der Empfindung eine angenehme 
Aufregung [Sensation deplaisir). Inder That. da die ner- 
vöse Substanz genau die Schwingungen des Köip'ers wie- 
dergiebt, ist es natürlich, dass sie denselben Gesetzen 
unterworfen ist, welche diese Schwingungen regeln, und 
dass in Folge davon die daraus entspringende Aufregung 
eine angenehme ist, wenn die Schwingungen voll und 
leicht sind und sich nach regelrechten Verhaltnissen 
zusammensetzen ; im entgegengesetzten Fall unange- 
nehm. Man muss auch nicht aus den Augen verlieren, 
dass das Ohr ein Sensorium (Empfindungssitz) ist, ein 
nervöser Mittelpunkt, welcher besondere Fähigkeiten be- 
sitzt, eine Stätte für besondere Vergnügungen, welche 
in der menschlichen Sprache keinen Namen haben und 
Niemand verstandlich gemacht werden können , der sie 
nicht selbst erfahren. An diese besondere Fähigkeit rieh- | 
ten sich die Tonverbindungen, die tiefsinnigen [savants), 
neuen, auserlesenen, in der Wirkung durch Dissonanzen 
erhöhten Accorde, dieser ganze höchst wichtige Theil der 
Kunst, welchen man die musikalische Küche nennen 
könnte und welcher zur Domaine der Harmonie gehört; 
eine Anordnung von Erregungen und Vergnügungen ähn- 
lich denen, welche dem Auge die Vertheilung von Licht 
und Schatten, der Reichthum von Farben, ihre harmo- 
nische Verbindung , ihre lebhaften Gontraste , ^ das Halb- 
dunkel u. s. w. bereiten — alles Elemente, welche der Ma- 
lerei wesentlich sind und in ihr das vorzüglich Charakte- 
ristische bilden, genauso wie die Elemente, von denen 
wir sprechen, den fundamentalen Charakter der Musik 
bilden und daraus eine Kunst entstehen lassen, welche 



Nr. 4. 



33 



sich in emem sehr bestimrai begrenzten Gebiet bewegt. — 
Der Emdmek der Musik, physisch betrachtet, ist ein an- 
genehmer, ouf Grund der allgemeinen TbHtigkeit, in welche 
das Nervensystem durch die Schwingung versetzt wird. 
Ks ist dies sozusagen ein Lebenszuwachs, welchen der 
Körper durch die Erschütterung erhält, und die Aufregung 
ist desto befriedigender, je regelmässiger die Bewegung. 
So also ist das, was in der Musik in erster Reihe sich be- 
merklich macht, ein physiologischer, wesentlich vom Or- 
gan, dem Ohre, abhängender Theil.« 

Weiter giebt der Verfasser eine Beschreibung der be- 
kannten Erscheinung der durch eine Handvoll Steine her- 
vorgebrachten Wasserringe, welche den vielfachen Luft- 
wellen analog sind, die durch Musik erzeugt werden. 
»Alle diese Linien, welche sich mit Ordnung und Regel- 
mässigkeit kreuzen, wenn sie auch auf das Auge nur einen 
sehr unbestimmten Eindruck machen, bilden eine Zeich- 
nung,' welche, von einem andern Organ, dem Ohr, aufge- 
fangen, die schönste Melodie, den glücklichsten Zusam- 
menklang bewirken kann. Und da die Musik nichts aus- 
d rücken kann, so folgt daraus, dass die Gombinaiionen 
von Tönen und Bewegungen beinahe gleichbedeutend sind 
mit dem, was für das Auge die reine Kunst der Verzie- 
rung, der Ornamentik, der capriciösen Arabesken u. s. w.« 
Man dürfe in der Musik nicht viel mehr philosophische, 
Gefühls-, Nachehmungs-Ideen suchen wollen, als in dem 
Dessin eines reichen Stoffes von Damast oder Brocat, oder 
in den decorativen Malereien der alten Dome. Auch diese 
wollten nichts ausdrücken, nichts nachahmen. Eine Sym- 
phonie sei für das Ohr nichts Anderes, als ein weites 
verziertes Tableau, welches man uns nach und nach enl- 
httllt. Absurd sei es, eine Symphonie erzählen zu wol- 
len, nicht weniger absurd, als einen indischen Shawl, 
einen reichverzierten Einband u. s. w. erzählen zu wollen. 

»Aber wir müssen auf weitere Details eingehen, auf das, 
was man unter musikalischen Formen verstehen soll. Da 
der Ton an sich selbst nichts ist, als eine vorübergehende 
Umbildung {modtfication) des Stoffes, ein schnelles ver- 
schwindendes Phänomen, wovon nur die Erinnerung übrig 
bleibt, so können die musikalischen Formen betrachtet 
werden wie die idealen Punkte und Linien der geometri- 
schen Figuren, als Abstractionen , sozusagen Gedanken- 
formeb, welche wir gleichwohl begreifen und fassen, 
welche wir ersinnen [imaginons) , welche wir klar in un- 
serm Verstände sehen, obgleich sie keine factische Gegen- 
ständlichkeit haben. — Obgleich sich die musikalische 
Linie nicht im Raum, sondern in der Zeit entfaltet, giebt 
sie. nichtsdestoweniger die Idee einer Form, weil diese 
wesentlich aus der Vergleichung und dem Verbal tniss her- 
vorgeht, und weil diese Vergleichung sich ebensowohl für 
die Dauer als für den Raum bemerklich machen kann, 
welches beides analoge Begriffe sind. — Ebenso wie man 
nicht irgend einen Punkt im Stofflichen fassen kann, ohne 
ihn mit einem andern Punkt zu vergleichen und ohne folg- 
lich die Idee der Form zu erhalten, so kann man auch 



nicht irgend einen Zeitmoment fassen, ohne ihn mit einem 
andern zu vergleichen . . . Hauptsächlich in der Melodie 
findet sich die musikalische Form. Hier ist es thatsächlich, 
wo die verschiedene Zeitdauer der Schwingungen die 
deutlichsten Zwischenräume bildet, und hier ist es auch, 
wo diese verschiedenen Zeitmomente der Noten auf das 
Beste durch den Rhythmus betont sind. Die Einheit 
von Ton und Bewegung, diese Symmetrie, diese Verhält- 
nissmässigkeit , welche sich in der Melodie begegnen, 
geben diesem unbestimmten Gebiet der Schwingungen, 
welches sich in's Unendliche ausdehnt, eine bestimmte 
Form. Der Rhythmus ist es, diese sich in der Zeit bewe- 
gende und sie abgrenzende Linie, also die Form, durch 
welche die Melodie Werth erhält (Herrn Allfeld in Mün- 
chen zu geneigter Berücksichtigung! S. B,), Hier, in der 
Melodie, siiM die Linien einfach , rein , leicht zu verglei- 
chen , während im blos harmonischen Satz , wo der 
Rhythmus auf ein Minimum der Bemerklichkeit herabsinken 
kann, ausserhalb jener unbewussten Vergleichung, welche 
uns die verschiedenen Noten unter sich unterscheiden 
lässt, nichts für den Verstand da ist : es giebt hier keine 
Formen. Auch richtet sich die Harmonie (ich spreche blos 
von AcGorden) sozusagen nur an die körperliche Seite 
(au cötd materiel) , auf die sinnliche Empfänglichkeit, auf 
welche sie wirkt wie die Farbe eines Gemäldes auf das 
Auge : sie bewirkt ein Gefühl der Lustigkeit oder Traurig- 
keit je nach dem Maasse der nervösen Erschütterung, und 
verlässt das Gebiet der sinnlichen Empfänglichkeit nf|cht, 
während die Melodie als die Zeichnung, als die Form, sich 
lieber an das Verständnissvermögen wendet. — Man wird 
jetzt verstehen, was wir sagen wollten, wenn wir von 
musikalischen Formen, von der Zeichnung der Melodie 
und der Farbe der Harmonie sprachen.« 

dEs bleibt uns nur noch übrig, das Gesagte in einigen 
Worten zusammenzufassen. V^ir haben in der vorsehen- 
den langen Analyse das eigentliche Gebiet der Tonkunst 
genau abzugrenzen versucht, ein Gebiet, welches ihr ganz 
zu eigen ist und ihr durch keine andere Kunst streitig ge- 
macht oder verkürzt w^erden kann. Wir sind bei der 
Schlussfolgerung angelangt^ dass die Instrumentalmusik, 
welche zur Poesie, zum Ausdruck von Ideen oder Ge- 
fühlen, keine Beziehung hat, die reine Musik darstellt, den 
Inhalt der Kunst selbst. Viele werden finden, das heisse 
die Tonkunst herabsetzen, sie ersticken und in eine 
zu enge Sphäre bannen, sie bei Seite setzen und ihr 
nicht gestatten, der natürliche Bundesgenosse der Poesie 
zu sein, wo sie den Ausdruck der Ideen und Gefühle zu 
verstärken vermöge. Wir glauben aber nicht , dass Ziel 
und Verdienstlichkeit der Kunst genau in das Gebiet der 
Nützlichkeit fallen, nicht, dass ihre Ueberlegenheit 
sich an der Aehnlichkeit mit der Poesie bemessen lasse, 
welche speciell den Ausdruck von Gefühlen Und bestimmten 
Ideen zum Zweck hat. Der menschliche Organismus ist 
reich genug, um allen Künsten eine breite Entfaltung in sich 
selbst zu gestatten , ohne dass sie aus ihrem eigentlichen 



34 



Nr. 4. 



Gebiet herausgehen mttssteD. Da wir ja für einen gewis- 
sen Kreis von Gemüthsb6wegungen die Literatur und die 
Poesie haben, so wollen wir doch der Musik lieber das 
lassen , was sie allein uns geben kann : ganz specielle 
Ideen*, musikalische Ideen. Jedes Organ ist wie ein 
vollständig ausgebildeter Mittelpunkt (un centre complet), 
der in einem gewissen Maasse seine Verstandesseite, 
seine sinnliche Empfänglichkeit, seinen Gedankenkreis 
(ünagmation) hat : nun, das leibliche und geistige Ohr ist 
die Sphäre y auf welche die Tonkunst sich einschränken 
sollte. Dem Künstler anzurathen : diesem Gebiet treu zu 
bleiben, dem Publicum : diesen speciellen Sinn zu pfle- 
gen, halten wir für Alle nützlicher, als wenn wir die 
Tonkunst nach anderweitigen Bundesgenossen ausgehen 
und sich abmühen lassen wollten , Wirkungen hervorzu- 
bringen, welche andere Künste ohne sie una besser als 
sie leisten können.« 



Berichte. 

Stattgart. = Unsere musikalische Saison, die mit Beginn 
des Octobers ihren Anfang, mit Anfang April gewöhnlich ihr 
Ende nimmt, hat auch dieses Jahr ons manches Schöne und 
Interessante gebracht. Die Oper gab hier zum ersten Male den 
»Fliegenden Holländer« und nach der fünfmaligen Wiederholung 
mit entschiedenem Erfolg. Die Besetzung dieser Oper war mit 
Sorgfalt ausgewählt : Holländer Herr Schütky, Senta FrSulein 
Klettner, Erik Herr A. Jäger, der Vater der Senta Herr Wallen- 
reiter. Die Direction unseres geistvollen Gapellmeisters, des 
Herrn Carl Eckert , war , wie immer , sehr energisch und be- 
lebend. Die Opern unserer grossen Meister, wie Beethoven, 
Mozart, Weber u. A., stehen fortwährend auf dem Repertoire. 
»Fideiio« kann seit Eckert*8 Anwesenheit mit Recht eine wahre 
Mnstervorstellung genannt werden,* und Eckert war es, der die 
grosse Leonoren- Ouvertüre zu einer Liebiingsouvertüre des 
hiesigen Publicums gemacht hat, ein Werk, welches wegen 
seiner »Unverstand iichkeit«, die das Resultat einer ungenügen- 
den Auffassung war, früher hier sehr unbeliebt, ja bei der 
ersten Aufführung so zu sagen durchgefallen war. 

In den Abonnement-Concerten, deren bis jetzt 
vier stattgefunden haben, dünkte uns vor Allem gelungen : die 
Schubert'scbe C-dur, eine gar liebenswürdige und hier noch 
gänzlich unbekannte in C-dur von Haydn , die sogenannte ita- 
lienische in A-dur von Mendelssohn , die der gleichen Tonart 
von Beethoven und endlich die neunte Symphonie desselben 
Meisters. Herr Concertmeister Ed. Singer, eine Zierde unserer 
Capelle, spielte im Christtagsconcert das Molique'sche Dmoll- 
Concert mit bekannter Meisterschaft und mit warmer Hingabe 
an den ernsten Geist dieser Composition. Das vorzüglichste 
Interesse des Auditoriums nahm aber an diesem Abende die 
erstmalige Aufführung des Vorspiels zu »Tristan und Isolde« in 
Anspruch. Hier in Stuttgart ist Wagnerische Musik etwas Neues ; 
uns ist aus. vergangenen Jahren nichts als einige mangelhafte 
Aufführungen des »Tannhäusera von diesem Componisten be^ 
kannt gewesen. Nun sind mit Recht Musiker und Musikfreunde 
erstaunt ob dieser überraschenden, glänzenden Erscheinungen 
am Kunsthimmel, die in ihren abenteuerlichen Bahnen etwas 
Kometenartiges haben. So mögen wohl die guten Bürger Stnttr- 
gartsim Jahre 4 456 den Hailey'schen Kometen betrachtet haben. 
Er nahm, wie gegenwärtig Wagner, das gesammte Interesse in 
Anspruch, man beachtete nimmer Sonne, noch Mond und 
Sterne — Menschen, die sich niemals um die Erscheinungen 



am Himmel bekümmert hatten, blickten allabeudlich nach ihm 
hinauf. Aber bald verschwand er, nur die Sonne war nach wie 
vor die Quelle des Lichtes, der Heerd der Wärme. So wird es 
auch mit den Werken eine^ Mozart, Beethoven u. A. sein; 
sie können durch solche frappante Erscheinungen auf Zeiten 
vergessen werden, aber die hohe Wahrheit, die aus ihren Wer- 
ken spricht, die Reinheit ihrer Intention wird immer wieder 
durchbrechen und von ihren keuschen Strahlen wird sich jedes 
ächte, gesunde Menschenherz zu jeder Zeit erwärmt und be- 
geistert fühlen. So lange das Wort des Aristoteles Recht be- 
hält (und wir hoffen mit Lessing noch sehr lange), dass ein 
wahres Kunstwerk die Seele von den Leidenschaften reinigen 
müsse, so lange wird ein solches Werk, wie das oben ange- 
führte, das im Oegentheil die Leidenschaften erregt und den 
Zuhörer in einen förmUchen Sinnentaumel versetzt, nicht von 
durchgreifender Wirkung sein. Die Wirkung auf das besetzte 
Haus war eine grosse, die Ausführung vortrefflich.*) — Von dem 
gesanglichen Tbeil der Concerte heben wir eine Arie aas »Ezio« 
von Händel hervor, in welcher Herr Wallenreiter aufs Neue 
seine gediegene Schule (und wir sind arm an solchen Säugern) 
bekundete ; ausserdem begeisterte Herr Schütky das Publicum 
durch den Vortrag einiger nur leider zu oft gehörten Schubert*- 
schen Lieder (»Am Meere« und »Der Wanderer«). — Einen 
neuen Aufschwung nahmen die Quartettsoir^en und Kammer- 
musikabende (deren Gründer die Herren Pruckner,. Singer, 
Goltermann und Speidel waren), welche bisher neben einander 
bestanden, sich aber nun durch Zuziehung einiger weitern 
Kräfte zu gemeinschaftlichem Wirken als »Soireen für Kammer- 
musik« vereinigt haben. Aus den vier Soireen, die nun vor- 
über sind, führen wir an: das Schubert'scbe Trio in B-dur, 
ein Doppeiquartett von Spohr, das Menddssohn'sche Dmoll- 
Trio und das Mozarl'sche Gmoll- Quintett (die Herren Singer, 
Pruckner, Speidel und Goltermann). Das bekannte Esdar-Trio 
(Op. 70) von Beethoven, ein Quartett von Haydn in F-dur 
Op. 77, das Esdur-Trio von Schubert Op. 4 00 (die Herren 
Bennewitz, Krumbholz, Goltermaian und Speidel) . Von Sonaten 
und Solovorträgen waren uns vergönnt: Emoll-Sonate von Raff 
(Pruckner und Speidel) , die Gesangsscene von Spohr (Benne- 
witz und Pruckner), welche wir, so sorgfältig und elegant sie 
auch ausgeführt wurde, doch lieber in einem Abonnementcon- 
certe mit Orchesterbegleitung gehört hätten ; ähnlicher Tadel trifft 
auch den Vortrag einer Liszt'schen Rhapsodie durch Hrn. Pruck- 
ner. Wer kennt nicht die eminente Technik dieses liebenswür- 
digen Künstlers? aber er möge doch in Zukunft bedenken, dass 
eine Soiree für Kammermusik nicht der Platz ist für diese Seite 
der Kunst. Herr Goltermann, welcher längere ^eit bedeutend 
erkrankt war, erfreute uns mit dem herrlichen, edlen Ton sei- 
nes Violoncells in einer Bach'schen Sarabande und einer schö- 
nen Arie desPergolese. Eine Novität war die Sonate von Beetho- 
ven für Pianoforte und Violoncell Op. 102 Nr. % in D-dur; so 
vortrefflich sie auch von Herrn Speidel und Krumbholz aus- 
geführt ward, so können wir doch dieser Composition durch- 
aus keinen Geschmack abgewinnen. Diese, sowie die Sonate 
Op. 4 0) Nr. 4 in C-dur sind Compositionen »unerquicklich 
wieder Nebelwind, der herbstlich durch die dürren Blätter säu- 
selta. **) Herr Speidel spielte die C moU-Phantasie von Mozart 
und die Polonaise von Chopin in Es-dur mit wahrer Meister- 
hand. Ergreifende Wirkung erregte Herr Singer mit der alten 
sogenannten Teufelssonate von Tartini, welche er mit Volk- 
mann's vortrefflicher Ciavierbegleitung in edlem, einfachem 



*) Yergl. Bericht der«AIig. Musikal. Ztg. über das Eoterpe-Con- 
cert 4865 Nr. 48. D. Red. 

**) Wir können diesem ürlhell unseres geehrten Corresponden- 
ten nicht unbedingt beipflichten. Höchstens in Betreff der Fuge der 
D dur-Sonate vermöchten wir zuzustimmen. Vergl. übrigens Ailg. 
Musikal. Ztg. 1865 Nr. 83. D. Red. 



Nr. i. 



35 



Geiste wiedergab. — Im Verein für classisclie Kirchenmusil^ 
wird Handelns »Samson« vorbereitet. 



, Leipng. Zwölftes Abonnement-Concerl. (Erster 

I Theil: Militär-Symphonie von Haydn. Andante und Allegro für 
■ das Yiolodcell von Molique [Herr de Swert aus Düsseldorf]. 
I Ouvertüre zu Kleist's Hermannschlacht von G. Vierling [neu, 
Manuscript, unter Direction desGoroponislen]. Lied ohne Worte 
und Mazurka fantastique [Herr de Swert]. Zweiter Theii : 
Symphonie in B von Schumann.) 

X. In diesem Concert) welches wegen Unwohlseins des Hrn. 
Reinecke unter Direction des Herrn David stattfand, entzückte 
uns besonders die Symphonie von Haydn durch ihren liebens- 
würdigen Humor, bei grosser Frische der Wiedergabe von Seite 
unseres Orchesters. — Dem Spiel des Violoncellisten Herrn 
de Swert sind guter Ton und eine anständige Fertigkeit nach- 
zurühmen, es Hess dagegen Wärme und lebensvolle Auffassung 
vermissen. So machte denn sein Vortrag der Concertsätze von 
Molique , welche bei sonst respectabeln Eigenschaften an sich 
schon an zu grosser Ausdehnung und einiger Monotonie letden, 
den Bindruck der blühendsten Langeweile, die sich gegen Ende 
des Allegro im Publicum ziemlich unverhohlen kundgab. Unter 
solchen Umständen und bei unserm gegen Novitäten ohnehin 
schon sich spröde verhaltenden Publicum hatte die Ouvertüre von 
G. Vierling einen schweren Stand ; sie konnte es eben nur zu 
einem succes destime bringen. Dieses in ernster Haltung und 
edlem Stile sich entwickelnde Orchesterwerk zeigte ausser 
einem ernsten Wollen auch ein nicht gering anzuschlagendes 
Können. Die durchweg pathetische Haltung bei der Breite der 
formellen Behandlung , das zeitweilige plötzliche Abbrechen 
der musikalischen Gedanken, sowie der etwas gedehnte und 
nicht zum vollen frischen Siegesjubel sich aufschwingende 
SchlusSy ichienen uns die Wirkung des sonst achtbaren Wer- 
kes zu beeinträchtigen. Es Hess überhaupt blühende Frische 
in den Gedanken wie im ganzen Rlangwesen vermissen. 
Wie wenig unser Publicum die geistige Arbeit , von der ein 
solches Werk immerhin Zeogniss giebt, zu schätzen weiss, wie 
leicht es sich von jeder Leistung düpiren lässt, die nach dem 
luiut-goüt der Virtuosität schmeckt, bewies der unmotivirte 
Beifall, der Herrn de Swert für den mit etwas Salon-Sentimen- 
ialität und einigen übrigens hübsch ausgeführten Runslstück- 
chen ausgestatteten Vortrag zweier höchst trivialer Stücke eigener 
Composition zu Theil wurde.*) Schumann^s B dur-Symphonie 
mit ihrer Farbenpracht und ihrem frisch pulsirenden rhythmi- 
schen Leben brachte uns wieder in die richtige musikalische 
Stimmung. 

— Dreizehntes Abonnemen t-Concert. (Erster 
Theil: Cdntate »Nun ist das Heil« von S.Bach. ConcertfürClavier 
von Händel (Herr Pauer aus London). Arie aus »Semele« von 
Händel (Frau Rudersdorff aus London). Sonate in G-moU für 
Violine von Tartini (Herr David). Ein Weihnachtslledlein, Chor 
a capella von L. Schröter. Zweiter Theil : Symphonie in D von 
PU. Em. Bach. ^Lavinia a Tumoa Cantate für Sopran von Graun 
(Frau Rudersdorff)* Fuge von J. L. Krebs und Sonate von Ga- 
luppi für Ciavier (Herr E. Pauer). Plagen-Chöre und erster 
Chor des zweiten Theils von »Israel in Egyptena von Händel.) 

S. B. Dieses Concert wurde dem Auditorium des Gewand- 
hauses als das erste einer Reihe historischer Concerte an- 
gekündigt, deren Zahl nicht bestimmt ist. Alte Bekannte (auch 
aus den verschiedenen Concerten der Leipziger Concertinstitute) 



*} Leipzig ist nachgerade die einzige grössere Stadt in Deutsch- 
land, die in ihren grossen Concerten noch diesen Virtuosen -Unfug 
.4aldet. In Wien, Berlin, Frankfurt, Cöin, Hamburg u. s. w. ist Der- 
gleichen langst nicht mehr möglich. D. Red. . 



waren uns im obigen Programm die Turttni'sche Sonate, das 
Weihnachtslied, die Ph. Em. Bach*sche Symphonie, und die 
Händerschen Chöre ; diese Stücke fordern daher von unserer 
Seite keine Besprechung, höchstens wollen wir erwähnen, dass 
es uns besonders wichtig und interessant war, die Plagen- 
Chöre endlich einmal im Zusammenhang, nicht getrennt durch 
Recilatlve, zu hpren ; wir können versichern, dass dabei jedes 
Stück erheblich gewann, nämlich durch die unmittelbare Ge- 
gensätzlichkeit. Man hätte es bei dieser Reihe der Plagen- 
ChÖre bewenden lassen können ; wenn man dennoch auch den 
ersten Chor des zweiten Theils darauf folgen Hess , so beweist 
dies wenigstens, dass die alte Ausrede wegen Ermüdung des 
Chors nicht stichhaltig Ist : unser Gewandhauschor, obwohl im 
Sopran und AU nicht stark genug, sang das Ganze mit voller 
Frische. — Von den weniger bekannten Werken ist S. Bach's 
doppelchörige , einsätzige Cantate ein kraftvolles Tonstück, 
welches nur zu seiner Wirkung eines Raumes bedarf, wo der 
Schall sich gehörig ausbreiten kann, und wo die Arabesken 
der Instrumente von den wuchtigen Hauptumrissen des Chors 
genügend in den Hintergrund gedrängt werden. Herr Pauer 
erntete durch den vollendeten Vortrag der prächtigen Stücke 
von Händel , Krebs und Galuppi grossen und verdienten Bei- 
fall. Seine Bearbeitung derselben, zu deren Wiedergabe er 
die modernen Mittel des Octaven- und vollen Accordspiels 
zweckmässig heranzieht, ist sehr zu loben. Frau Ruders- 
dorff, welche, wie wir hören, als Mädchen schon unter Men- 
delssohn im Gewandhause gesungen , deren Stimme aber seit- 
dem trotz der zunehmenden Jahre an Volumen sehr gewonnen 
haben soll, ist eine Sängerin treffpcher italienischer Schule. 
Der Timbre ihrer Mittellage bis etwa 7 hat zwar mitunter etwas 
Scharfes, dagegen gebietet sie über diese Region hinaus über 
ein sehr voll- und weicbklingendes Organ. Ihr Voi^trag ist 
äusserst lebhaft, leidenschaftlich, wie der einer ächten Prima 
Donna, das Recitativ sehr ausdrucksvoll, das Piano treQlich, 
der Athemgebrauch von seltener Oekonomie. Die Händersche 
Schlaf-Arie gab sie, wenn wir von einigen Coquetterlen mit 
Trillern u. dergl. absehen, vortrefflich. In der Graun'schen, 
ganz italienischen Cantate (oder Scene, wie man sie auch nen- 
nen könnte) schien sie nur mitunter ihre Stimme mehr zu for- 
ciren als gut und schön war. Sie fand aussergewöhnlichen 
Beifall. — Das ganze Concert kann als ein sehr interessantes 
bezeichnet werden. 

(Der Bericht über das 6. und 7. Euterpe- Concert folgt in der 
nächsten Nummer.) 



Kachrichten. 

Paris. Die Op^a comiqw gab, mit Mad. Cabel in der Rolle der 
Henriette, Auber's ^l'Ambassadricev. Die genannte Bühne scheint all- 
mälig von grösseren Prätentionen (Nordstern, Dinorab) zu dem 
eigensten nationalen Genre zurückkehren zu wollen, das Rossini bei 
seiner ersten Anwesenheit in Paris als solches allem Andern dort 
vorzuziehen erklärte. Einen deutlichen Misserfolg hatte das TMätre 
Italien mit »Maria di Rohan«, einem nüchst der »Linda di X)hamouniif 
ärmsten Werke Donizetti's, das schpn 4848 trotz Ronconi und der 
Grisi nicht ziehen wollte. Die italienische Oper scheint sonach bald 
ihre besten Tage in Paris gehabt zu haben, zumal ihr die eigent- 
lichen Effectopem unvermerkt an die französische Bühne abgingen, 
wie letzter Zeit wieder »Luden und »Le TrouvSrett an die Grosse Oper, 
RigoleUo und Traviata {»Violetta*) ans TMätre lyrique. Letztere 
Bühne giebt jetzt auch zu Mozart's »Figaro« u. A. Flotow's »Martha«. 
— Viel Redens von sich machte der jnnge König Dom Luis von Por- 
tugal als Mosikliebbaber und Sänger. Derselbe war zweimal zu 
Passy bei Rossini, wo ihm zu Ehren musicirt wurde. S. Maj. selber 
spielte auf dem Violoncell ein Thema aus ȟn baUo in mascherau und 
sang die Romanze aus derselben Oper, sowie ein Stück aus dem 
Trovatore; Ma 6s tro Verdi begleitete auf dem Flügel. Der Violon- 
cellist Braga spielte eine Elegie von Rossini »DieTbräne«, ebenfalls 
von dem Componisten begleitet. Das zweite Mal waren auch Auber 
und Fiotow anwesend. Einen andern Abend hatte Dom Luis zu sich 
geladen, wo ihn auch Rossini zum Gesänge begleitete. — In der 



36 



Nr. 4. 



Mastratiom erschien kürzlich eine Novelle »Dom. Ctmarosa*, nach 
uoserer Elise Polko. 

Man schreibt uns aus Hamburg : Ich habe die Freude, Ihnen 
von einer wahren Musterleisiung unseres Hamburger Streichqaartelts 
der Herren Boie, Lee, Hohuroth und Schmahl zu berichten. In der 
Quartett-Unterhallung am 5. Januar trugen die Künstler Mozart's 
A dur-Quartett, Beethoven's Ddur-(Trio] Serenade und das Quartett 
in Es von Cherubini vor. — Am 9. Jan. gab der Verein des Dr. Gar- 
vens 'sein diesjähriges Concor t. Zum Vortrag waren gewählt : Scenen 
aus Glock's »Iphigenia in Tauris«, »Am Tage aller Seelen« 4stimmig 
von Franz Schubert, » Meeresslille und glückliche Fahrt« für Män- 
nerstimmen mit Orchester von Hofcapellmeister Fischer in Han- 
nover und »Der Kose Pilgerfahrt« von Schumann. Sömmtiiche Lei- 
stungen liessen zu wünschen übrig : die Solistin Frl. Santer aus Berlin 
war weder als Iphigenie, noch als Rose genügend ; Hr. Denner eban^ 
falls nicht. Chor und Orchester ergingen sich in fortwährenden Un- 
correctheiten. — Ein'Yolksconcert, unter Mitwirkung einheimischer 
Künstler, wurde von Herrn Stockhausen am 42. Januar im neuen 
Sagebiel'schen Concertsaal gegeben. Der Eintrittspreis betrug 1 8 Schil- 
linge. Ausser verschiedenen Soli gelangte Mozart's O nK)ll-SYmpho- 
nie und Beethoveu's Egmont-Ouvertüre zur Aufführung. — Am 46. 
und iS, Januar veranstalteten die Herren Joachim, Gebrüder Eyertt 
und Lindner Quartett-Soir6en. — Moyerbeer's »Afrikanerina geht in 
diesen Tagen hier in Scene. 

Aus St. Petersburg wird uns über die von Hrn. Stiehl ver- 
anstalteten Concerte gemeldet : Es fanden dieselben Sonntags Mit- 
tags statt. Die Preise waren sehr massig, 5 Rubel für numerirte 
Plätze und 4 Rubel für nicht numerirte für alle 4 Concerte. Hier 
muss sich das Publicum aber erst an derartige Unternehmungen 
gewöhnen, die Concerte müssen erst in die Mode kommen. An Sym- 
phonien kamen zur Aufführung: Beethoven Nr. 2 D-dur, Mozart 
G-moll, Haydn D-dur und Schumann B-dur; an Ouvertüren: 
Wasserträger von Cherubini, Fidelio von Beethoven, Euryanthe von 
Weber und Ruy Blas von Mendelssohn. — An Solisten traten auf: 



Dreyscbock, Oercke, Wieniawsky und DavidolT. Sie spielten in der- 
selben Reihenfolge: Concert von Dreyscbock, Chopin (Nr. 4), Men- 
delssohn und Davidoff. Herr Konewka nebst Frau traten im ersten 
Concerte auf, im zweiten eine Junge sehr talentvolle Dame, Fräulein 
E. Eschenbach aus Dresden, welche mit einer sehr schönen Stimme 
begabt ist. Im dritten Concert kam die »Elfenkönigin<( von Stiehl zur 
Aufführung und musste wiederholt .weinten; 16 junge Damen der 
Singacademie sangen das Slück mit vieler Grazie und Sicherheit. 
Das Solo, sowie einige Lieder sang Mad. Engel. — Im vierten Con- 
certe trug Fr. Sokoloff einige Lieder vor. Die Concerte erfreuten sich 
sämmtlich des lebhaftesten Beifalls des Publicnms. — Diesen Con- 
certen ging eine Aufführung des Müzart'schen Requiems voran, die 
zum Besten der schwedischen Kirche durch die Singacademie ver- 
anstaltet wurde unter Mitwirkung der Solisten Mad. Engel, Mad. 
Abaza, Herrn Balzolori und Angelini. Das Concert nebst General- 
probe brachte eine Einnahme von 4400 Rubeln. 

Dresdner Blätter berichten von einem Auftreten der bekannten 
Pianistin Frau SaraMagnus-Heinze aus Leipzig, welche oMt 
Chopin's F moll-Concert und einigen Solonummern sich ^vssen Bei- 
fall errungen habe. 

In Barmen gelaugte am 80. Doc. vor. J., unter der Leitung des 
Musikdirectors Hrn. Krause, Schumann's »Paradies und Perl« zur 
Aufführung. 

Beauquier's »Philosophie de la Musiguev wird In deutscher Ueber- 
Setzung von E. Bernsdorf erscheinen. 

Leipzig. Der Männergesang*- Verein »Arioii« feierte am tO. Jan. 
sein 17. Stiftungsfest durch Concert, Tatet und Ball. 



Berichtigang. 

In der Notiz aus Brüssel In voriger Nummer ist statt Emoll- 
Symphonie von Beethoven, C-moll zu lesen. 



[i5] 



A NZEIG ER 

Robert Schumann's Werke 

aus dem Verlage von J. Xliotoi:* - !BiodLo]:*iiia]Ui in Leipzig mnd Winterthur. 

Nr. 9. Duett: »Blaue Augen hat das afädchen«, für Tenor und 
Bass lONgr. 

- 40. Quartett: »Dunkler Lichtglanz, blinder Blick«, für So- 
pran, Alt, Tenor und Bass 4ii Ngr. 

Op. 140. Vom Pagen und der Königstoebter. Vier Balladen 

von E. Geibel für Solostimmen , Chor und Orchester. [Nr. 5 der 

nachgelassenen Werke.] Partitur 6 Thlr Clavier-Auszug 8 Thlr. 

Orchesterstimmen 5 Thlr. Singst. 2 Thlr. Chorst. einzeln ä 5 N^. 

Op. 1413. Vier Clesänge für eine Singstimme mit Begleitung des 

Pianoforte. [Nr. 7 der nachgelassenen Werke.] (Frau JJvia Fr^ge 

gewidmet.) 22i Ngr. 

Nr. 4. Trost im Gesang: »Der Wandrer, dem verschwunden so 

Sonn' als Mondenlicht« von JusUntu Kemer. 7i Ngr. 

- 2. »Lehn' deine Wang' an meine W&ng\\. H.Heine. 5 Ngr. 
> 8. Mädchenschwermuth : »Kleine Tropfen, seid ihr Thrä- 

nen«? Unbekannterpichter. 5 Ngr. 

- 4. »Mein Wagen rollet langsam« von H. Heine. 7i Ngr. 
Op. 148.. Das Gloek von Edenhall. Ballade von L. Uhland, be- 
arbeitet von R. Hasenclever, für Mönnerstimmen, Soli und Chor, 
mit Begleitung des Orchesters. [Nr. 8 der nachgelassenen Werke.] 
Partitur 3 Thlr. 45 Ngr. Clavier-Auszug 4 Thlr. 20 Ngr. Orche- 
sterstimmen 4 Thlr. 4 Ngr. Singstimmen 25 Ngr. Chorslimmen 
einzeln k 5 Ngr. 

Op. 144. BieiOalirslied von Friedr. Bückert für Chor mit Beglei- 
tung des Orchesters. [Nr. 9 der nachgelassenen Werke.) Parti- 
tur 4 Thlr. 40 Ngr. Clavier-Auszug 2 Thlr. 20 Ngr. Orchester- 
stimmen 3 Thlr. 20 Ngr. Chorsttnunen ä 40 Ngr. 

Op. 147. Messe für 4stimmigen Chor mit Begleitung des Orche- 
sters. [Nr. 4 der nachgelassenen Werke.] Partitur 5 Tblr. 4 Ngr. 
Clavier-Aus?ug 8 Thlr. 25 Ngr. Orcheslerstiramen 6 Thlr. Chor- 
stimmen ä 42iNgr. 

Op. 148. Reqaiem für Chor und Orchester. [Nr. 4 4 der nachge- 
lassenen Werke.] Partitur 5 Thlr. 4 Ngr. Glavier-Ausz. 3 Thlr. 
45 Ngr. Orchesterstimmen 4 Thlr. Chorstimmen einzeln h 45 Ngr. 
Clavier-Ausz. zu vier Händen von F. L. Schubert. 4 Thlr. 25 Ngr. 



Op. 29. Zigeunerleiien, Gedicht von E. Geibel, für kleinen Chor 
mit Begleitung des Pianoforte. Für kleines Orchester instrumen- 
tirt von Carl G. P. GrUdener. Partitur 4 Thlr. 5 Ngr. Orchester- 
slimmen 4 Thlr. 4 Ngr. 

0|^. 1S6. Oovertnre zu Goethe's Hennanii and Dorotlieji, 
für Orchester. [Nr. 4 der nachgelassenen Werke.] (Seiner lieben 
Clara gewidmet.) Partitur in8vo i Thlr. 4 5 Ngr. Orchesterstimmen 
3 Thlr. Clavier-Ausz. zu vier Händen, vom Componisten. 4 Thlr. 
Clavier-Auszug zu zwei Hönden, vom Componisten. 25 Ngr. 

Op.l37. Jagdlieder. Fünf Gesänge aus H. Laube's Jagdbrevier für 
vierstimmigen Männerchor (mit vier Hörnern ad libitum) . [Nr. 2 
der nachgelassenen Werke.] Partitur und Stimmen 2 Thlr. 5 Ngr. 
Singstimmen einzeln ä 7i Ngr. Hornstimmen einzeln ä 5 Ngr. 
Nr. 4. Zur hohen Jagd : »Frisch auf zum fröhlichen Jagen«. 

- 2. »Habet Acht!« 

- 3. Jagdmorgen : »0 frischer Morgen, frischer Muth«. 

- 4. Frühe : »Früh steht der Jäger auf«. 

- 5. Bei der Flasche : »Wo giebt es wohl noch Jägerei«. 
Op.l38. Spanische Liebeslieder. Ein Cyklus von Gesängen aus 

dem Spanischen von E. Geibel für eine und mehrere Stimmen 
(Sopran, Alt, Tenor und Bass), mit Begleitung des Pianoforte zu 
vier Hunden. [Nr. 3 der nachgelassenen Werke.] 3 Thlr. 
*-— Dasselbe mit Begleitung des Pianoforte zu 2 Händen 2 Thlr. 
Abtheilung I. 
Nr. 4. Vorspiel. (Im Bolerotempo.) 5 Ngr, 

- 2. Lied: »Tief im Herzen trag ich Peioa, für Sopran 5 Ngr. 

- 8. Lied : »0 wie lieblich ist das Mädchen«, für Tenor 5 Ngr. 

- 4. Duett: »Bedeckt mich mit Blumen«, f. Sopr. u. Alt 4 Ngr. 

- 5. Romanze: »Fluthenreicber Ebro«, für Bariton 4 Ngr. 

- 5*»i« Dieselbe für Bass 40 Ngr. 

Abtheilung IL 

- 6.- Intermezzo. (National tanz.) 5 Ngr. 

- 7. Lied: »Weh, wie zornig ist dasMädcheno, f. Tenors Ngr. 

- 8. Lied : »Hoch, hoch sind die Berge«, für Alt 7i Ngr. 

- 8M« Dasselbe für Sopran 7i Ngr. 



Verlag von J. Kieter-Biedermänn in Leipzig und Winterthur. ~ Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. 



Di* Ldpdger AUgvmelne Mndka- 

ISmIm ZMtang orMheint rqrelmisii« an 

je<lMn Mittwooh und irt durch aUe 

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Leipziger Allgemeine 



Preis: JIhrUeh 6 Thlr. 10 Ngr. 

YierteUfthrUehePrinnm. 1 Thlr. 10 Ngr. 

Anieigeii : Die geipeltene Petittette oder 

deren JEUdm 2 Ngr. Briefe und Gelder 

werden franeo erbeten. 



Musikalische Zeitung, 



Verantwortlicher Redacteur: Selmar Bagge. 



Leipzig, 31. Januar 1866. 



Nr, 5. 



L Jahrgang. 



Inhalt: Franz Schubert. Grosse Messe in Es. — Pariser Briefe. — Berichte aas Leipzig. — Nachrichten. — Miscellen. — Briefkasten. 
Anzeiger. 



Franz Schubert. 
Grosse Messe lu Es. 

Verlag von J. Rieter-Biedermann in Leipzig und Winterthur. 

Partitur 7*/, ThU*. Clavier-Auszug 5 Thlr. Orchesterstimmen 

6Vs Thlr. Ghorstimmen 2 Thh*. 

Besprochen von Carl van Bruyck. 

Wer von uns, der den Genius Schubert^s, des grossen 
Liedersängers, der für die musikalische Lyrik das gewor- 
den ist, was Bach lUr die grossen contrapunktischen^ 
Beethoven für die grossen symphonischen, Mozart fUr die 
musikalisch-dramatischen Formen : wer also, der diesen 
Genius kennt, liebt und ehrt, wie etwa wir selbst, würde 
nicht mit dem höchsten, gespanntesten Interesse die Kunde 
vernehmen, dass wieder eine neue, bisher noch unbekannt 
gebliebene Schöpfung des Unerschöpflichen i>ausgegra- 
ben« und an's Tageslicht gebracht worden sei? Ganz kürz-* 
lieh erst ist der Ruf einer solchen » Ausgrabung a durch 
Herrn Herbeck in Wien zur musikalischen Welt gedrun- 
gen und der Ruf fügte weiter noch bei , dass diese Aus- 
grabung eine sehr werthvolle sei. Und nun abermals legt 
uns der verdienstvolle Verleger Herr Rieter— Biedermann 
ein Product Schubert^schen Fleisses und Schöpfungs- 
dranges in Gestalt einer grossen Messe von breitesten 
Dimensionen vor. *) 

In der Tbat, wer erstaunt nicht, wer sollte es auch 
nur für physisch möglich halten, dass dieser ausserordent- 
liche Mann in der so kurzen Frist, die ihm auf unserm 
Planeten zu wandeln gegönnt war, eine so unübersehbare 
Fülle von Tongebiiden gleichsam hervorzuzaubern und 
mit jenen mystischen Zeichen , Noten genannt, deren sei- 
ner Feder wohl mehrere Millionen entflossen sein müs- 
sen, zu fixiren vermochte, unter denen sich freilich , wir 
vnssen es, eine grosse Zahl von etwas gebrechlicher, ver- 
gänglicher Constitution , aber auch eine mindestens eben 
so grosse Zahl solcher Werke befindet, welche in ihrer 
Art zu dem Herrlichsten gehören , was die Kunst hervor- 
gebracht hat. Zwar, wer das Wesen der künstlerischen 



*) Sie fallt in der Partitur 479 Seiten. 
I. 



Productivität überhaupt und der musikalischen insbeson- 
dere erst einigermaassen erforscht hat , wird gleichwohl 
auch wieder über diese und jede ihr verwandte Erschei- 
nung nicht allzusehr erstaunen, wenigstens nicht mehr, 
wie über den unendlichen, unerschöpflichen Bildungstrieb, 
durch welchen wir die »Natura selbst das unbegrenzte Ali 
erfüllen uud durchdrtogen sehen. Das Räthselhafte be- 
steht hier, wie überall, vornehmlich nur in dem ersten 
Anstoss. Ist dieser gegeben, dann entwickelt sich eigent- 
lich alles Folgende nach einer schon in^dem Keime selbst 
liegenden inneren Nothwendigkeit. Die Geschichte zeigt 
uns Künstler und Dichter, welche, indem sie das höchste 
Greisenalter erreichten, bis in ihre letzten Tage in dem 
Dienste der Musen nicht erkalteten : wir erinnern nur an 
Michel Angelo und Goethe ; sie zeigt uns andere, die, auch 
mit nicht ganz geringen, wenn freilich auch nicht so unver- 
gleichlich hohen Gaben ausgestattet, schon in einem Alter 
ermatteten, welches man als den Höbepunkt der Producti- 
vität anzusehen pflegt : es sei erlaubt, hier aus dem musika- 
lischen Gebiet Rossini, aus dem poetischen Uhland zu 
nennen. Und sogar kommen Fälle vor, dass der produc- 
tive, der bildnerische oder poetische Schöpfungstrieb erst 
in ^väteren reifsten, ja überreifen Jahren erwacht oder ge- 
weckt wird: der bedeutendste italienische Dramatiker 
Alfieri , der persische Dichter Hafis , einer der berühm- 
testen französischen Maler und noch ganz kürzlich ein in 
den Vereinigten Staaten von Nordamerika erstandener 
Bildhauer, dem man Bedeutendes nachrühmt, liefern auch 
hiefür bekannte Beispiele. 

Was nun »unsern« geliebten Schubert betrifll, so hatte 
ihm zunächst die Natur in ganz vorzüglichem Maasse jene 
Organisation verliehen (deren Bedingungen wir freilich 
noch weit entfernt sind genau zu kennen), welche dem 
musikalischen Gedanken- und Empfindungsleben beson- 
ders förderlich ist; die äusseren Verhältnisse, unter denen 
er aufwuchs, führten ihn sogleich in diesen ihm angemes- 
sensten Kreis hinein, die Einflüsse der Zeit und der Lo- 
calität, welchen er angehörte , waren ebenfalls der Ent- 
wicklung seines speciellen Talents besonders günstig : so 



38 



Nr. 5. 



geschah es denn mit ihm , wie mifr HA9eter Mutter Erde 
selbst) voa welcher man — ob es gleich zuweilen bestrit- 
ten wird — annimmt, dass sie sich einst, in unvordenk- 
licher Zeit, von dem grossen SanntskOrper als ein Splitter 
losgelöst haha: die Schwung- oder Fliehkraft hatte jener 
Splitter noch f <m dem Multerkörper her in sich und nun 
umkreist er cfcnn^ zu eihem selbständigen Ball ausgebil- 
det, diese seine Sonne, von der er nach der allgemeinen 
Annahme Wurme und Leben empfängt, in rastlos uner- 
müdlichem Schwünge auf nie stockender Bahn. 

Eine wie bedeutende Anzahl von Compositionen dieses 
Heisters haben wir nicht noch in den letzten Jahren, da 
seitiie irdisobe Hülle nun bald vier Decennien lang im 
Grabe ruht , aus allerlei Schränken und Repositorien, wo 
sie bis dahin vergraben lagen, erstehen sehen? Und nicht 
nur ihre Anzahl war bedeutend, sondern nicht minder 
auch ihr Gehalt: Vor Allem ist hier jenes herrliche C dur- 
Qnintetl (für Streichinstrumente) zu nennen, welches wir 
beinahe (nur von dem letzten Satz einigermaassen abge- 
sehen) für die schönste Production überhaupt erklären 
möchten, mit denen uns die Schubert'scbe Muse auf dem 
Gebiete der Instrumentalmusik beschenkt hat.*) Dann die, 
trotfc des ein wenig philisterhaften Textes, köstliche 
Operette »Der häusliche Krieg« und das Oratorium-Frag- 
ment »Lazarus«, welches manche in ihrer Art ganz praoht- 
valle Stück« enthält. Von einzelnen neu entdeckten Chö- 
ren, Liettern, Gesäugen und kleineren Instrumentalwerken 
schweigen wir und gedenken nur noch jenes Symphonie- 
Fragmentes, welches ebenfalls neulich erst in Wien durch 
Herrn Hofcapellmeister Herbeck zur ersten öffentlichen 
Auffühining kam und welches Kenner*^) ebenfalls den lieb- 
lichsten Blüüien Sehubert'scher Tondhchtung beigezählt 
wissen wollen. (Vei^l. unten »Nachrichten«. D. Red,) 

' Nun, wir wissen ja selbst, welch eine Masse von Manu- 
scripten noch in der musikalischen Hinterlassenschaft die- 
ses an Fruchtbarkeit mit den spanischen Dramatikern, 
einem Lopez de Vega und Ca Ideron, wetteifernden Ton- 
dichters zu finden siad, welche bisher nur von wenigen 
Händen noch berührt wurden, and über die man sich ^ch 
aus dem Buche unterrichten kann, welches Hr. v. Kreissie 
den Manen Schubert^s widmete. Wir haben diese Manu- 
soripte selbst ziemlich vollständig durchzusehen Gele- 
genheit gehabt, da sie sich noch in dem Besilze zweier 
Männer befanden, die seither aus dem Leben geschieden 
sind, nämlich eines älteren Bruders des Tondichters, 



«) Mit voller BesUmmtheit wenigslcns wissen wir, dass dieses 
Werk bis zur Zeit seiner ersten OffenUichen AufTührung durch 
Hellmesberger'8 Künsttergesellschaft in Wien und bis zum Erschei- 
oan des (von Spina keraasgegebenen) vierhtfndigen Clavierauszugs 
in weitem Kreisen so gut wie unbekannt war, und — um es offen 
zu gestehen — dem Schreiber dieser Zeilen ebenfalls. Ob es aber 
durchaus in c^r keinerlei Form (z. B. in Einzelstimmen — denn eine 
Partiturausgabe des Werks existirt unseres Wissens auch heuteaoeh 
nicht — ) vorher noch öffentliche Existenz hatte, können wir min- 
destens nicht mit Voller Zuversicht behaupten. 

*«) Schreiber dieser Zeilen war zur Zeit der gedachten Auftüh- 
rttttg jenef Composition von Wien abwesend und glaubt dies bemer- 
ken Btt mttflsen. 



Ferdinand 9cbid)ert, und des Hofratlis von Wiilecxet, 
denen wir nun neuerlich auch Hofrath Spaun zugesellen 
müssen. 

Wir möeht^B* nun zwar iMineswegs bahai»|^n, dass 
alle jene Manuscripte, welche wir damals WAIlrn lernten, 
von solcher Beschaffenheit wären, dass sie durchaus auch 
gedruckt und gestochen worden mllssten, vielmehr wür- 
den wir es für eine völlig missverständliche Pietät hallen, 
wmm lernend dies enipfehlen , für eine Vergeudung von 
Zeit, Kräften und Geld, wenn es Jemand unternehmen 
wollte, denn im Ganzen überwiegt doch das Schwache, 
Unreife, den höheren, gebildeten künstlerischen Sinn nicht 
Befriedigende in diesen naehgelassenet FroductioneD, vol- 
lends in den dramatisch-musikalischen Versuchen, mit 
welchen die Ueberschwemmung der Literatur noch höher 
anzuschwellen wir nicht rathen möchten. Aber ein Ande- 
res wäre es, unter diesen tttmuscripten v^it- kundiger, ver- 
trauenswerther Hand eise Auswahl treffen zu lassen und 
das Erhaltungswürdige durdi die entsprechenden Mittel 
vor dem Untergänge zu sichern. Dies würde immer noob 
eine wahre Bereicherung der Literatur und zugleich un- 
sere, der Nachkomraeuy Pflicht und Schuldigkeit gegen — 
uknsere Nachkommen sein. So hat Schubert bekiumrlich 
ausser der berühmten grossen, von Schumann ausge- 
grabenen Symphonie in C~dur , und abgesehen von dem 
neu entdeckten vorgedachten Symphonie-Fragmente (wel- 
ches unter jenen, die wir in Händen hatten, nicht ent^ 
halten war] noch acht Symphonien- yon kleinerer Struotur 
geschrieben. Wir kennen dieselben, und was uns die Er- 
innerung davon sagt, wäre dahin zu fossen, dass es z^war 
keine grossen, bedeutenden, von acht sympbonisdlem 
Geiste, gleich etwa den Beethoven'schen oder auoh den 
hervorragenden Mozaf tischen Schöpfungen, durcbdrungen« 
Werke sind, dass sie aber durchaus in sich enthalten^ wa^ 
man hübsche Musik -«- in weiterer oder engerer Ausdeh- 
nung des BegriflTs — zu nennen pflegt, voll Liebliehkeity 
Grazie, Feinheit und Lieben8wUrdigkeit , welche ihren 
Autor, wenn sie ihn auch gewiss nicht dem Schicksal der 
Vergessenheit entzogen hätte, doch in einigen seiner besten 
Züge erkennen lässt, also seinen Stempel trägt^. also er- 
haltenswerth erscheint. Ob wir nun aber z. B. einem Ver- 
leger, der sich der Sache annehmen wollte, rathen soll- 
ten, die Partituren dieser Manuscripte im Stiche heraus^ 
zugeben, möchten wir uns gleichwohl viell€ficht noch in 
Anbetracht der Kostspieligkeit einer solchen Unterneb*- 
mungunddes, so im Grossen versucht, proMema^ 
tischen Erfolges derselben noch überlegen. Dagegen habeti' 
wir gleich damals, als uns jene Manuscripte dumh die 
Güte der vorgedachten Herren (von denen bekanntlioh die 
Herren Hofräihe Witteczek und Spaun zu Schubert in 
freundschaftlichen Beziehungen standen, als sie noch keine 
Hofräthe waren) mitgetheilt wurden^ an betreffendem Oft 
und entsprechender Stelle angeratben^ von dfeifteüi Sym- 
phonien vierhändige Glavierauszüge anfertigen zu lassen 
und einstweilen diese dem Publicum zu ttbergaben. Es 



Nr. 8. 



»9 



«diien uns, class dieser UnterneiimuDg, auch voro ge- 
schäftlichen Standpunkte aus, der Erfolg gar nicht fehlen 
köQne : denn der Name Schubert erfreut sich doch in 
deutschen Landen einer ausserordentlichen BelieUheit, 
«iner Beliebtheit, die nicht etwa blos auf Süddeutsohland 
oder Oesterreich eingeschränkt ist. Wir bildeten uns ein, 
dass der grössere Therl der musikalischen Welt begierig 
nach diesen Heften greifen würde, in welchen sie in dem 
AntUtz ihres d geliebten a Schubert vielleicht neue Züge 
oder doeb die alten wohlbekannten in veränderten For- 
men wiederzufinden ^offen dürfte, pnd vielleicht hatten wir 
zu dieser Einbildung doch einigen Grund. Wir unterliessen 
nicht, an geeigneter (nächstliegender) Stelle Vorstellun- 
gen in die^^m SkinjC zu nwicben, allein eine gewisse In- 
dolenz^ von welcher man behaupten will, dass sie ein 
österreichisches Familien-Erbtheil ausmache, Hess unsere 
Vorstellungen erfolglos verhallen. Wir möchten nun bei 
dieser sich uns darbietenden Gelegenheit an dieser Stelle 
jene, damals ganz in der Stille und privatim gemachten 
Voratellungen mit etwas lauterer Stimme öffentlich wie- 
derholen : vielleicht findet sich doch in deutschen Landen 
irgendwo ein Mann von geeigneten Qualitäten, der von 
denselben Noli? nehmen mag. Wir glauben immerhin, 
dass er sich den Dank des Publicums und der Kunstfreunde 
verdienen würde. Wir sagen beileibe nicht, dass wir 
es geradezu für einen unersetzlichen Verlust hielten, den 
die Menschheit etwa erlitte , wenn ihr jene in gewissem 
Betracht allerdings ziemlich harmlosen Kunstgebilde auch 
ganz entzogen blieben — wie wir dies von den grossen, 
monumentalen Kunstschöpfungen in gleichem Falle aller- 
dings behaupten würden — denn wir sind nicht der An- 
sicht, dass in jenen Productionen dem Baume der Kunst ein 
Zweig entblUht sei, wie er, mitFrüchten von ziemlich gleich- 
artigem Geschmack, nicht auch an anderer Stelle zu fin- 
den wäre, und wr wenn Zweige, weiche solche Früchte 
getragen haben, absterben, betrachten wir dies als einen 
unersetzlichen und empfindlichen, jedenfalls beklagens- 
werthen Verlust flir den Garten der Kunst. Aber man ist 
ja sonst nicht so gar schwierig und wir haben hier schon 
einen höheren Gesichtspunkt aufgestellt, als derjenige ist, 
unter welche») diese Dinge gemeiniglich angesehen zu wer- 
den pflegen. Also warum nicht »unserm« Schubert eine 
Rücksicht angedeihen lassen, deren sich sp viele ihm so 
unendlich untergeordnete Geister tagtägliph zu erfreuen 
haben? 

Und nun endlich kommen wir zu jenem Gbjecte, wel- 
ches uns den nächsten Anlass gab , alle jene obigen Be- 
trachtungen anzustellepj zu der kürzlich von Hrn. Rieter- 
BiederuKinn herausgegebenen Messe in Es-dur, deren 
Gomposition in die allerletzte Lebenszeit des Componisten, 
indes Jahr 1827, fällt. 

Dass der Schwerpunkt, die Spitze von Schubert's künst- 
lerischer Thätigkeit nicht etwa in seinen kirchlichen 
Productionen zu suchen sein werde , deren er uns gleich- 
Wphl 9ucb eine ^icht unbeträchtliche Zahl hinterlassen 



hat, "^j werden einsichtige Kenner und solche, die nur 
einigermaassen an gewissen Principien und Normen fest- 
halten, welche in den verschiedenen Kunstgattungen zum 
Ausdruck kommen sollen, von vornherein nicht anders 
erwarten. Wer wissen und erfahren will, was eine Fuge, 
dem innersten Begrifi* und Wesen , der Idee , dem Geist 
dieser Kunstform nach sei, der wird nicht etwa Mendels- 
sohn's oder Schumann^s, sondern die betrefi*f nden Produc- 
tionen Bach's zur Hand zu nehmen haben, in welchen 
gleichsam der Genius der Tonkunst selbst das vollendete 
Ideal dieser Kunstform, als eine Art Kanon für alle Folge- 
zeit, aus sich dargestellt hat. Und weiter, wer wissen will, 
was eine »Masseiu, d. i. ein musikalisch-religiöser Hymnus, 
eigentlich sei , der wird dies am besten aus den Werken 
der alten Italiener, vor Allem vielleicht Paiestrina's, er- 
fahren, denn nur, oder doch ganz vorzugsweise in ihnen 
wird er jene Einfachheit und Strenge, jene gemessene 
Würde und jenen tiefen Ernst, in den vorzüglichsten, 
hervorragendsten Werken auch schim mit einem hobefi 
Grade rein musikalischer Sch<j^heit (und , wie sich von 
selbst verstellt, technischer Kunstgewandtheil) fimden, 
welche dieser Kunstgattung ziemen und, so gu sagen, 
ihre eigentliche Seele ausmachen. Hein musikalisch be- 
trachtet ragen freilich die Hymnen Bach's' (seine Canta- 
ten) weit über alle jeuo Werke hinaus, aber den Typus der 
Gfittung, welchem eine gewisse strenge Gebundenheit das 
Stiles, ein völliges Zurücktreten der schaffenden Indivi- 
dualität durchaus wc^sentllcti ist, prägen sie doch nicht 
mehr in seiner Reinheit aus, ^beo so, wie etws^ 4ia Sym- 
phopien Haydn^s und Mozart's bei aiiem Zauber und be- 
wunderungswürdigster KunstvolLendqng , durch weiche 
eine nicht geringe Zahl derselben erfreuen, doch nicht an 
das Prototyp dieser Kunstform hinanreichen, weites erst 
Beethoven nach ihnen geschaffen. Von den Messen Haydn's 
und Mozart's hat die Kunstgeschichte nur wenig Notiz ge- 
nommen und der Letztere soll selbst von einigen dieser 
Kinder seiner Muse gelegeotlich mit ironischem Spott ge- 
sprochen haben: er wird wohl gewusst haben, weshalb. 

Das Vorwallen gesteigerter subjectiv individueller 
Empfindung und unruhiger Bewegtheit ist es, was aner- 
kanntermaassen und auch hinlänglich offenkundiger Weise 
die neuere Kunst (und wir haben hier nur die Periode bis 
zu Beethoven's und Schuberl*s Tode im Auge) von der 
älteren unterscheidet. Wie wir dasjmmerwährende Zu- 
nehmen dieser Bewegung und Unruhe die ganze Kunst- 
geschichte hindurch verfolgen können, aber doch nicht 
nur in Haydn und Mozart (mit denen sich ja überhaupt die 
Kunst von einem neuen, von der älteren Tradition nur 
wenig berührten Punkt aus gleichsam eine neue Bahn und 
Basis schuf), sondern auch in Beethoven noch in dem vvcil- 



*) In dem Buche des Herrn von Kreissla findet man allein 
sieben vollständige Messen verzeichnet, von weichen wir uns insbe- 
sondere derjenigen in As, nebst der hier edirten , als einer in ihrer 
Art reichen, schönen Arbeit zu erinnern glauben, während Herr 
v. Kreissie vor Allem die in G hervorhebt, die erstcomponirtn von 
slleo, ein Jugeodwerk, welches Schubert il Jahre ßlt gesctirteh^n. 

5* 



40 



Nr. 5. 



aus grösseren Theil seiner Werke mit einem hohen Grade 
von Maass verbunden sehen , so ist es gerade djese un- 
ruhige Bewegtheit, welche die Muse Schubert's ganz be- 
sonders charnkicrisirt. Sie drückt sich am meisten und 
auffnllendstcn in seiner Hinneigung zu übertneben aus- 
gedehnten Fnnnen, die auch in seinen grösseren Arbeiten 
häufig die tf^s\e FUgung vermissen lassen, und in seiner 
bekannten oben so grossen Neigung zum Umherschweifen 
in allen Tonarien aus. Diese Eigenschaften des Schubert'- 
schen N^lureüs verleugnet denn auch die vorliegende 
Messe nicht im Geringsten und sie machen also dieses Werk 
gewiss nicht geeignet, mit den Idealen dieser Kunstgat- 
tung, wie sie sich historisch ausgebildet haben und die 
wir als solche anerkennen, verglichen zu werden, ohne 
bei solchem Vergleich an Kunstwerth beträchtlich einzu- 
husscuf ja, wenn man sich principieller Strenge befleissi- 
gen wollte, in durchaus problematischem Lichte zu er- 
scheinen. Sieht man aber von diesem principiellen — 
ohnedies vielfach bestrittenen, von uns jedoch in gewis- 
sem Sinne festgehaltenen — Standpunkte ab und fasst 
das Werk lediglich als ein musikalisches Kunstwerk auf, 
50 wird man dasselbe nicht anders als ein höchst inter- 
essantes bezeichnen können und es der Verlagshandlung 
durchaus Dank wissen, dass sie dasselbe an's Tageslicht 
gefördert bat^ denn es zeigt uns neben jenen bedenklichen 
auch wieder einige der allzeit bewunderungswerthesten 
Eigenschaften des Schub,ert'schen Genius: seine reiche 
Erfindungsgabe, sein bltlhendes (nur hier vielleicht , wir 
räumen es ein, am unrechten Orte verwendetes, aber mit 
der Art Schubert'scher Gestaltungs weise unlösbar ver- 
bundenes) Colorit, die Innigkeit, Schönheit und Macht des 
Ausdrucks, zum Theil in einer Eigenthümlichkeit, wie man 
ihr in anderen Compositionen unseres Tondichters nicht 
so leicht begegnet. (Fortsetzung folgt.) 



Pariser Briefe. 

C. B. Erst S6tt einigen Tagen ist in unserer Residenz das 
musikalische Leben zu neuer Th'ätigkeit erwacht. Das Conser- 
valorlum hat das Zeichen gegeben, indem es seine ausgezeich- 
neten, vom Pariser, ja, man darf sagen, vom europäischen 
Publicum bewunderten und ersehnten Goncerte eröffnete. 
Sein Saül, wahrend des Sommers ganz neu eingerichtet, bot 
sich zum ersten Male der strengen Kritik eines Puhlicums 
dar, das, aus DileUanten der widerspenstigsten Art zusammen- 
gDscl/.t, bei der geringsten vorgeschlagenen Aenderung ein 
wahres Wuthgeschrei erhebt. An den Saal des Conservatoriums 
die üand le^cn, an dieses Meisterwerk der Akustik, an diese 
Mauern, diese Getäfel, die voiAem Tone der Instrumente sym- 
pathisch widerhallen fast wie der Resonanzboden einer Geige, 
hiess bei ihnen sich an der heiligen Arche des Bundes vergrei- 
Ten. Äts die Abonnenten erfuhren, dass trotz all ihrer Recla- 
mationen die Gesellschaft der Goncerte sich von diesem Ent- 
schlu.<^se nicht abbringen liess, waren sie auf dem Punkte, zum 
grosslen Theile zurückzutreten. Ihre Erbitterung war um so 
grösser, als die Umänderung des Saales ihnen 4 20 Plätze nahm, 
Plätze r die man sich, wie Sie wissen, im Testamente ver- 
schreibt. Das Comit^ bedurfte einer seltenen Energie, um in 



seinem Entschlüsse zu verharren. Auch musste es darauf Be- 
dacht nehmen, den Abonnenten, welche durch die neue Ord- 
nung ihre Sitze verloren hatten, eine hinreichende Entschädi- 
gung zu bieten. Schliesslich verfiel man auf folgende Idee: 
es sollte aussar den gewöhnlichen Gesellschafts-Concerten noch 
eine Serie von zwölf andern Concerten veranstaltet werden, in 
denen den benachtheiligten Abonnenten reservirte Plätze zu- 
gesichert werden sollten und für welche im Uebrigen kein 
Abonnement zugelassen wurde. Das grosse Publicum hat na- 
türlich den Vortheil von dieser Umgestaltung , und die Gesell- 
schaft der Goncerte geht in Folge dieser kleinen inneren Re- 
volution zum grössten Vortheil für die Verbreitung der Kunst 
von der aristokratischen zur demokratischen Verfassung über. 
Fast fürchte ich, dass ihr Ruf unter diesem Systemwechsel lei- 
den wird. Der menschliche Geist liebt einmal das Seltene und 
schwer Zugängliche und ohne irgendwie dem Orchester des 
Gonservatorlums zu nahe treten zu wollen, bin ich überzeugt, 
dass es einen guten Theil seiner Berühmtheit der Schwierig- 
keit zu danken hatte, es überhaupt nur zu hören. Die Theil- 
nehmer, die Abonnenten nahmen eine Miene an, als wären sie 
mindestens in die Mysterien der Isis eingeweiht und strichen 
upasomehr die Unübertrefflichkeit der Goncerte heraus, als sie 
dadurch den Neid des nprofanum vulgus<ii stachelten. Aher man 
muss sich seiner Zeit fügen : Heutzutage verschliessen sich die 
Könige nicht mehr in ihren Schlössern, um durch ihre Unsicht- 
barkeit ^en Schimmer der Majestät in den Augen des Volks zu 
vermehren. 

Da die Gesellschaft sich also von dem Geiste der Neuzeit 
durchdringen lässt, hätte sie auch wohl dem entsprechend 
einige Aenderungen in Ihren Programmen vornehmen können. 
Ohne der löblichen Verehrung der drei herrlichen Meister 
Haydn, Mozart und Beethoven irgend etwas zu vergeben, könnte 
sie doch wohl von dem reichen Schatze der Werke dieser 
Gomponisten eine grössere Auswahl bieten und vielleicht auch 
zuweilen zu anderen Meistern greifen. Allerdings musste sie 
dabei eines doppelten Widerstandes gewärtig sein, einmal von 
Seiten der ausübenden Musiker, die, zufrieden mit dem Erfolg, 
den ihnen ihre altgewohnten Vorträge bringen, sich nicht 
gern etwaigen Missgriffen in der Wahl der Musikstücke aus- 
setzen möchten, und von Seiten der Abonnenten, die fanatisch 
gegen alles Neue eingenommen sind. Aber dem neuen Publi- 
cum, das jetzt durch die Revolution Zutritt erhalten, könnte 
man, dünkt mich, schon etwas Neues vorführen, welches dann 
im Falle des Erfolgs definitiv in das Repertoire aufgenommen 
würde. Der Versuch, den man mit einem neuen Chor von 
Meyerbeer : »V adieu des fianceesm gemacht hat, musste zur Ver- 
folgung dieses Weges ermuthigen. Das Pariser Publicum hatte 
dieses Werk, welches der Autor der Hugenotten für die Hoch- 
zeitsfeier irgend eines deutschen Prinzen geschrieben, noch 
nie gehört. Der Erfolg war vollständig. Das Werk ist ein Dop- 
pelchor ohne Begleitung im y^-Takt von sanftem und lieblichem 
Charakter. — Aber es ist Vocalmusik und nur bei dieser war 
eine solche Neuerung gestattet, «in der Instrumentalmusik 
würde der alte Schlendrian niemals etwas Derartiges geduldet 
haben. Der Gesang wird nämlich in diesen Aufführungen als 
etwas durchaus Nebensächliches behandelt und es besteht so- 
gar eine traurige Rivalität zwischen Chor und Orchester. 

Um Ihnen diese Thatsachen verständlich zu machen, muss 
ich einige Details über die Organisation des Conservatoriums 
hinzufügen. 

Zunächst muss man wohl unterscheiden zwischen dem 
Conservatorium, einef Staatsschule für die Musik , deren Pro- 
fessoren und Director (Auber) vom Staate angestellt und besol- 
det sind, und der Gesellschaft der Goncerte (Societe des con- 
certs)f die aus Professoren und ehemaligen preisgekrönten 
Zöglingen des Conservatoriums besteht. Das Conservatorium 



Nr. 5. 



41 



steht mit der Goncertgesellschaft nur durch die Gemeinschalt- 
liebkeit eines Theils des Orchesters und durch den Saal, worin 
beide spielen, in Verbindung. Indessen während die Instru* 
aientisten sämmtiich zeitige oder ehemalige Mitglieder und Pro- 
fessoren des Gonservatoriüms sind, besteht nur ein Drittel des 
Chors aus Mitgliedern desselben, die Uebrigen sind aus den 
Sängern verschiedener Theater ausgew^lt. In dem Comite 
von 9 Mitgliedern, welches die Executive der Goncertgesell- 
schaft ausübt, ist der Gesang nur durch eine Person, Herrn 
Vautrot, Director des Gesanges bei der Oper, vertreten. 

Sie können sich jetzt ungefähr die Gegensätze vorsteilen, 
die unter dem Orchester, dessen Direction in den Händen von 
Georg Hainl ist, und dem Chor obwalten. Das Orchester sucht 
immer den Chor so viel wie möglich in den Hintergrund zu 
drängen, beneidet seine Erfolge und zeigt sich bei jeder Ge- 
legenheit als sein erbitterter Gegner, Alles natürlich zum Scha- 
den der einen und für Alles solidarisch verantwortlichen Con- 
certgeseltschaft. 

Die Yolksconcelrie (concerts populaires) im Circus unter der 
Direction von Pasdeloup sind ganz anders organisirt und zwar 
viel einfacher. Es herrscht das System der unbedingten Auto- 
kratie. Pasdeloup besoldet seine Musiker nach Goncerten und 
ist ihr unbeschränkter Herr und Meister. Alles hängt von ihm, 
als dem Chef des Orchesters, ab, und er hat dafür auch alle 
Verantwortung zu tragen. Anfangs stand es bei diesem Orche- 
ster, sich ebenfalls als Gesellschaft zu organisiren, aber es 
wollte nicht, da es kein Vertrauen in die ganze Unternehmung 
hatte. Pasdeloup dirigirte zuerst die «Gesellschaft junger Künstr- 
lera, welche grösstentheils aus denselben Musikern bestand, 
die noch jetzt sein Orchester bilden. Er gab zehn Concerte in 
der Saison im Saal Herz. Aber das Publicum hatte noch kei- 
nen Geschmack an Symphonien, und der Gewinn, der am 
Schlüsse unter die Mitglieder vertheilt wurde, war mehr als 
unbedeutend. Die Gesellschaft hatte sich durch einige Jahre 
mühsam hindurchgeschleppt, als Pasdeloup die Idee von grossen 
Volksconcerten im Saale des Circus fasste. Er theilte sie sei- 
nem Orchester mit und machte ihm den Vorschlag, das Unter- 
nehmen auf gemeinschaflliche Kosten zu beginnen. Alle ver- 
weigerten diese Verbindung, und Pasdeloup fing dann die Sache 
auf eigene Gefahr an und bezahlt den Musikern ein festes Ho- 
norar, welche jetzt, bei den brillanten Erfolgen der nconcerts po- 
pulairesu gern ihre - übertriebene Vorsicht rückgängig machen 
möchten. 

Man kann Pasdeloup nicht denselben Vorwurf machen, wie 
dem Comite des Gonservatoriüms. Sein Programm ist sehr 
mannigfaltig, und während der vier Jahre, die seine Unterneh- 
mung jetzt währt , hat er dem Publicum einen nicht geringen 
Theil des unendlich ausgedehnten Reiches alter und moderner 
Instrumentalmusik erschlossen. Noch gestern verschafile er uns 
den ausserordentlichen Genuss , jenes Meisterstück aller Cla- 
viermusik, das grosse Gdur-Concert von Beethoven, von der 
ausgezeichneten Pianistin Frau Szarvady (Wilhelmine Glauss) 
vortragen zu hören. Die Verehrer ihres reichen Talents hatten 
zwar gefürchtet, dass ihr fein nüancirtes Spiel in dem unge- , 
heuren Saal, der sich überhaupt für die rasch verklingenden 
Töne des Flügels sehr wenig eignet, an Wirkung verlieren 
würde. Ihre Befürchtungen wurden jedoch durch den glän- 
zendsten Erfolg Lügen gestraft. 

Das was Sie den Strike des Orchesters der grossen Oper 
nennen würden, ist denn nun auch glücklich beendigt. Die 
Instrumente haben ihre gewohnte Tonfülle wieder gewonnen, 
jedoch war zu diesem Erfolg die persönüche Einmischung des 
Ministers der schönen Künste, des Marschall Vaillant, erforder- 
lich. Die Herren von den ersten Kulten wurden zum Minister 
gerufen, der sich ziemlich lebhaft über den augenscheinlich 
bösen Willen des Orchesters beklagte. Einer der Herren er- 



widerte ihm, er selbst, ^der Minister, habe das Orchester per- 
sönlich beleidigt. (Der Marschall hatte dem Director Georg 
Hainl nach einer Vorstellung, wo das Orchester fortwährend 
das schwächste piano gespielt hatte, ärgerlich zugerufen: 
»Was fehlt denen denn heute? Haben sie den Schnupfen«?) Um 
die Sache gütlich beizulegen , erklärte der Minister jetzt, dass 
er nur einen Scherz habe machen wollen und dass er übrigens 
Alles zurücknehme. Schliesslich besänftigte er die erregten Ge- 
müther denn auch durch seine Freundlichkeit und versprach, 
wenn die Musiker ungesäumt zu ihrer Pflicht zurückkehrten, 
so würde die Verwaltung ihrerseits Alles thun , um ihren For- 
derungen gerecht zu werden, jedoch könne er ihnen vor der 
Hand noch nicht eine bestimmte Zulage zusichern, und einem 
ungesetzlichen Drucke, wie sie ihn auszuüben versuchten, 
werde er niemals weichen. »Bedenken Sie,« sagte er zum Ab- 
schiede, »dass, wenn Sie nicht nachgeben, wir genöthigt sein 
werden, der Oper jede Subvention zu entziehen, und wie Sie 
wissen, kann sich nicht einmal unser erstes lyrisches Theater 
ohne ungeheure Zuschüsse halten.« Die Musiker werden dem- 
gemäss ihre Opposition einstellen, jedoch, wenn nach Ablauf 
eines Monats nichts für sie geschehen ist, sind sie entschlos- 
sen, wieder von vom anzufangen. Wie gewöhnlich ist das Pu- 
blicum das Opfer dieser Wirren. 

Da ich gerade von der Oper spreche, so will ich Ihnen zu- 

» gleich mittheilen , dass man fortwährend »Gott und Bajadere« 
giebt, eine alte Auber'sche Oper, von der eigentlich nur 
die Ouvertüre noch bekannt war. Es ist ein kleines Stück, 
welches als Vorspiel zu den Ballets den unvermeidlichen Comte 

' Ory ersetzen soll, von dem man nachgerade denn doch genug 
hat. Die Oper giebt gegenwärtig das Meisterwerk Mozart's, den 
»Don Juan«, mit folgender Besetzung der Hauptrollen : Ottavio : 
Naudin, Don Juan : Faure, Leporello : Obin, nebst den Damen 
Saxe und Gueymard. Die Italiener wollen ebenfalls den »Don 
Giovanni« noch im Laufe der Saison geben und auch das 
Thedtre lyrique hatte denselben Vorsatz. Es ist jedoch zu be- 
fürchten, dass letzteres wegen der Concurrenz der grossen Oper 
davon abstehen wird. Verdi war, wie ich aus sicherer Quelle 
erfahre, nach Paris gekommen, um seine ganz neu bearbeitete 
Oper i>Forza del destinon aufführen zu lassen, hat jedoch die- 
sen Plan aufgegeben, weil ihm das jetzige Personal der Oper 
nicht geeignet schien, demselben das Werk anzuvertrauen. 



Berichte. 

Leipzig. Sechstes Goncert der Euterpe. (Erster 
Theil: Concert Nr. 5 D-moll für Streichorchester und zwei 
Oboen von Händel. Adagio für Flöte von Mozart [Herr 
de Vroye aus Paris]. Concert für Violoncell von Goltermann 
[Herr Lübeck]. Phantasie über ein Originalthema für Flöte von 
Demerssemann [Herr de Vroye]. Zwei Stücke für Violoncell 
»Chanson Villageoise« und »Romaneskaa [Herr Lübeck]. Zwei- 
ter Theil: Symphonie in D-moil von Rob. Volkmann.) 

S. B. Anfang und Ende gut, Mitte schlecht! Anfang gut, 
insofern es immerhin interessant ist, ein bisher wenig bekann- 
tes Concert von Händel zu hören , wenn man auch eigentlich 
in diesem Stück des grossen Oratorien-Meisters Geniales nicht 
wird nachweisen können, das Ganze vielmehr nur als eine 
gute Capellmeister-Musik des vorigen Jahrhunderts gelten muss. 
Ende gut, insofern die Volkmann*sche Symphonie es wohl 
verdient, dem Publicum in Leipzig öfters vorgeführt zu werden 
(bekanntlich wurde sie im Gewandhause einmal gespielt — 
vergl. übrigens unsere ausführliche Recension Allg. Musikal. 
Zeitung 1863 Nr. 48). Mitte schlecht, insofern es wirk- 
lich unerhört ist, in einem Orchester -Concert fünf Solo- 
stücke, überdies hintereinander aufführen zu lassen, und dar- 
unter Sachen von so unermesslicher Langweiligkeit, wie die 



^8 



Hr. 6. 



I 



fraozösischen. — Das Publicum dieses Instituts nahm übrigen^ 
alles G.el>otene- init .rii]u*ei|der Dankbarkeit auf , namentiicb die 
Virtupsen-Leistungep ! 

S^et^enies Co^icert (für Kammermusik) der Euterpe. 
(Quartett f^r Fl,$te, Violinp, Bratsche MOd Vialoncell von Mo- 
zart. Mäbrcbene^-^blungen Nr. 4 und 3 fü|r Piauororte, (IIa- 
riaett^ und Bratsche von Schumann. jSarabaqde und SiciUepoe 
% Flöile und PiaooCoirte von S. Bach. Trio in G-rooH für Piano- 
forte; FIö^ jund Yioloncell yon G. M. v. Weber. Septett von 
ß/BfBtbnvep.) 

J^ipe böcbst idyUjsche AufCührung , bei welcher man unter 
dßn s/eligep Gei^terp zu wandeln meinte. Nur höchst selten 
sphrecktß ein verminderter Septimonaccord oder derg}. den 
Hörer auf und mahnte ihn an die romantis<)hß Zeit I Doch 
seien yy\r auch nicht undankbar. Es hat uns wirklich inter- 
/Bssjrt, d^s Flöten-Quartett von Mozart (Köchel Nr. 298) upd 
Ms Webßr'sche Trio (componirt i 84 9) einmal zu hören. *) Ist 
^ucb das erstere so anspruchslos wie möglich , und erfüllt das 
zweite die Bedingungen der Kammermusik nur io geringem 
Maasse, sq ist eß doch immer schöne und erlreulicbe Musik, 
und die Eu^rpe hat nacl^ dieser Seite so viel gut zu machen! 
— Unter den Mitwirkenden ist in erster Lipie der treffliche 
Pariser Flötist de Vroye zu nennen, dessen vorzügliches 
Spiel es «Hein jnQg)ich machte, so viel Flötennsusik an einem 
Abend m ertragen. Das Clavjer war in den Händen des Herrn 
M^sikdirector v. Berputh, der eine anerkennenswerthe Ger 
wandtheit darfegte, nur hie und da zu viel Pedal gebrauchte, 
und in den Schumann 'sehen Stücken, die übrigens in kein 
oConcert« gehören, das Ciavier etwas zu sehr hervortreten Hess. 
Pas Cello wurde von dem Veteranen der Leipziger Musik Hrn. 
Grab au mit vieler Grazie gespielt. Die übrigen Mitwirkenden 
vvaren die Herren Bollandt l u. ü (Violine und Viola), Landgraf 
(CUriaette), Weissenborn (Fagott), Gumpert (Hörn) und Back- 
baus (Contrabass) . 

— Vierzehntes Abon nemen t-Concert im Ge- 
wapdbause. Zweites der historischen Serie. (Erster T heil; 
Ballo aus »Helena und Paris« von Gluck [Aria dei Atleti, Ciaconna 
et Gavotta]^ Cantate für Sopran-Solo mit Orchester [Nel, chiuso 
centro] von Pergolese [Frau Rudersdorfl]. Capriccio von Friede- 
mapn Bach und Sonate von Job. Christian Bach für Ciavier 
[Herr B^inecke]. Arie [iConfusa, abbandonatan] für Sopran von 
Job. Christian Bach [Frau Rudersdorff]. Ouvertüre zu »Tigra- 
nesa von V. Righini[n56— 1812]. Zweiter Theil: Ouver- 
türe zu »Samori« von Abt Vogler. Arictle aus einer Cantate von 
G. A. Ifasse ; »Stets barg sie ihre Liebe« von J. Haydn ; Pasto- 
relle von Haydn — für Sopran mit Ciavierbegleitung [Frau Ru- 
dersdorß]. Abschiedssymphonie [Fis-moll] von J. Haydn.) 

Wir müssen darauf verzichten , der Fülle von Eindrücken 
verschiedener Art, welche dieses Concert bot, so gerecht zu 
werden, wie wir es wohl möchten, und sind wegen beschränk- 
ten Ra.umes genöthigt, uns sehr kurz zu fassen. Im Ganzen 
stand diese Aufführupg insofern hinter der ersten zurück, als 
erstens die Chorwerke fehlten, und als zweitens die vorgeführ- 
ten Compositionen zwar sehr interessant, aber nicht grossartig 
genannt werden können. Die Gluck' sehe Balletmusik zwar, 
deren erstes Stück sich besonders durch freien Schwung aus- 
zeichnet, kann als solche in der That noch »gross« genannt 
werden ; sie zeigte abermals , dass Gluck auch als Musiker 
höchst bedeutend ist, wo er sich durch sein Opernprincip nicht 
allzuweit von den Bedingungen der Alusik abführen liess. Die 
in unsern Tagen sehr selten gehörte Ouvertüre von Righini 
reizte zur Wiederanknüpfung näherer Bekanntschaft mit die- 
sem Cotnponisten ; sie ist gedankenreich und von durchaus 



ernstem Wesen. D\ß Vogler'sch« Ottverlür;^ err^gle^urch ihre 
Mischung von Geist und Geachmaqklo&^lceit mehr De^rkeii 
als musiialisches Vergnügen. Die Symphonie von H aydo mit 
dem guten Witz des Schlusses (wo zuletzt das Orchester bis auf 
zwei ganz melancholische Sologeigen zusammeps^haiilzt) trägt 
übrigens das Gepräge schneller Arbeit an sich und steht an 
Werth hinter den meisten andern zurück. Pr^cbMg wirkte von 
dien durch Hrji. Rejnecke in au3gezeichneter Weise vorge- 
tragenen Stücken besonders das geistvolle Capriccio Fr lede- 
rn ann's, neben welchem Christian Bacb*8 Sonate sieb 
sehr zahm und kindlich ausnahm. *) —^ Yon den Gesaogslücken 
erregte das Pergol ese'sche durch grosse Binfacbbelt uqd Ab- 
wesenheit aller Schnörkel und Kehlengymnastik Innigen An- 
theil, während der jüngste Sohn Sebastian^s siph h>^r auf sehr 
bedenklichen welschen £xcursiooen begriffen zeigt. Reizend 
waren von den Liedern am Ciavier besop<)ers die uns unbe- 
kannt gebliebenen Jos. Haydn'scbea doreh ihre Einfalt und 
herzlichen Ausdruck. Frau Rudersdorff, obwohl ihre hoch 
ausgebildete Kunst abermals darlegend, übertrieb in diesem 
Concert ihre italienische Manier und konnte dem dßulscbe^ 
Geschmack deshalb nicht überj^iU zusagei^; die Coloraturen 
klangen eckig und unschön ; bei den Liedern fehlte die Ein- 
fachheit. Dass sie n^h erhaltenem Beifall noch ein schottisches 
oder dergleichen Volkslied hinzufügte, erschien gegenüber dem 
Ernst eines »historischen Concertsa als eine Gescboacklosig- 
keit. T- Was die Ausführung der Orchesterwerke beiriOl, so 
war die der Righini'schen Ouvertüre am besten, die der Haydn - 
sehen Symphonie am wenigsten gelungen. 



*) Die Bach'sohen Stücke sind, wenn wir nicht sehr irren, von 
Herrn de Vroye schon einmal im Gewandhause gespielt \vorden. 



N^chricliten, 

Unser Wiener Correspondeot schreibt uns über die zwei Stttze 
der H moH-Symphonie von Franz Schubert, welche, nachdem sie 
seit dem Jahre 4 822 wohlverwahrt in einer Kiste des Schuberl- 
freundes, Anselm Htittenbrenner, in Graz gelegen hatten, endlich zur 
Aufführung gebracht worden waren : Der erste Satz {AÜegro mod. %] 
zahlt zu dem Schönsten und GrC^ssten, was Schubert je gescbaffen 
hat. Das mystische Halbdunkjel, in welches die Tondichtung gleich 
im Beginn eingehüllt erscheint, durchbricht sofort wie glänzender 
Sonnenschein eine in G-dur dahinfliessende Liedweise, von einem 
Zauber, wie dieser eben nur Schubert eigen ist. Bei der Wieder- 
holung bricht der Gesang plötzlich ab ; eine gewisse UBrube und 
leidenschaAliche )Srregthei(, die sich in Tönen der Kiagß und des 
Unmuthes auf erschütternde Weise ausspricht, tritt an die Stelle der 
eben verklungenen sanften Weise, die sich aber schliesslich ihr 
Recht nicht bestreiten lässt und den ersten Theil der Symphonie in 
herrlicher Weise zu Ende fuhrt. Nach diesem erste« Sats , der mit 
unbescbreiblicbem iubel aufgenommen wurde , hatte di|s AndwUe 
(E-dur y«) einen etwas harten Stand ; aber auch dieser, wie aus 
Zaubernden gewobene, wenn auch (nach Schubert'scher Weise} et- 
was breit gesponnene Satz ist von hoher Schönheit, und wird bei 
wiederholter Vorführung in eben dem Maasse, wie der, allerdings 
reicher ausgestattete, erste Satz gewürdigt werden. Wie schade, dass 
Schubert diese Symphonie nicht vollendet hat. Von d^m dritten Satz 
(Menuetto) finden sich in der äusserst sauber geschriebenen Original- 
partitur noch neun Takte ausgeschrieben, und wer die äussere Art 
und Weise kennt, an welche sich Schubert bei dem Niederschreiben 
grösserer Compositionen stets zu halten pflegte , dem kann es nach 
Einsicht des Manuscripts nicht mehr zweifelhaft sein, dass die Sym- 
' phonie leider ein Fragment geblieben ist. Sie trägt diß Jahreszahl 
4 822, und da Anselm Hüttenbrenner damals seinen Freund Schubert 
in Wien besuchte, scheint ihm dieser das unvollendete Juwel, wie 
es eben in den beiden Stücken fertig dalag, zur weiteren Verfügung 
übergeben zu haben, ohne sich mehr darum zu bekümmern. — Die 
neuesten Auffindungen Schuberl'scher Manuscripte, darunter der 
erste Act der Oper »Adrast«, die Skizze der Operette : »Der Graf von 
Gleichen«, Lieder, Quartette u. s. w. werden eben von Herbeck ge- 
sichtet und in ein zu veröfiTenUicbendes Venseichniss zusammen- 
gestellt. — Im vierten Philharmonischen Concert fand Reinecke's 
Adur-Symphonie eine freundliche Aufnahme. — Ein von Laub zu 
Gehör gebrachtes Quartett von Richter fand wenig Anklang. — 



*) Es war dieselbe Sonate, aus welcher wir das Andante in der 
»Deutschen Musikzeitung« 4860 als ßeilage mitgetheijt habe^i. 



Nr. ö. 



lä 



Der Vorstand der Vorstadt-Gemeinde Wieden hat Hössini um eine 
Composition ersucht, deren Ertrag für ein Mozart-Bloiiument ver- 
wendet werden soll. Rossini hat diesem Ersuchen willfahrt und zwei 
neue Compositionen eingesendet. 

London. Arditi hat seine Populär-Concerle in Her Majesly's 
Theatre am iB, December beschlossen. Öer Erfofg war fast beispiel- 
los. Das letzte Concert brachte an Instrumentalsachen : den Marsch 
aus dem Propheten , Scherzo aus Mendelssohn's Sommernachts- 
traum, Andante aus desselben itfelsiers itaReflischer Symphonie, 
Weber's Concertstück, gespielt von G. Hall6 und — »the grand Se- 
lecUon from Wagner's Tannhthuer^, an Gesangsstücken die Canzone 
aus Gounod's Mireille »La stagione arrivot, Trinklied aus Lucrezia {»11 
segretopei" tfsser' feücett) und Duett aus den »Krondiamanien« (Schwe- 
stern Georgi). 

Magdeburg. Im ersten SyiYiphonieconcerte zum Bestendes 
Orchesterpensionsfonds kam Aobi Sehumann's Musik zu »Manfred« 
mit R. Pohl's verbindendem Gedichte und die Symphonie eroica von 
Beethoven unter beHvttgdes hönigl. Musiktürebtors G. Rebling zur 
Aufführung. 

Ans Bremen wird uns geschrieben': Die Ouvertüre zu Alladin 
von Carl Reinecke, über welche sich das PuMicum mir lau äusserte, 
und eine Symphonie von Louis Pape, welche nur theilweise das In- 
teresse des Zuhörers zu fesseln vermag, waren das einzige Ausser- 
gewöhnliche von Orchestersachen in den letetea Privatconcerten. 
Ausserdem kamen nur Musikstücke vor, die so ziemlich in jedem 
Jahre auf dem Programm zu erscheinen pflegen. Von den Solovor- 
Irägen waren am hervorragendsten die von Fräulein Desir^e Art6t, 
welche dieZnMirer in diö höchste Aufregung zu Versetzen wusste. Man 
kann sich auch nicht leicht etwas Vollendeteres von Gesangskunst 
denkeii. Mit' ehier au daft Fabelhafte gfenzendeti Technik verbindet 
Frl. Art^t eine Noblesse und Grazie des Vortrags, die Alles bezau- 
bern müasen. 

Aus Rotterdam erfahren wir, dass das Concert , in welchem 
eine Bach'sche Orchestersuite und Hfindel's Alexanderfest aufgeführt 
wurden, ganz glücklich von Statten gegangen sei. Mitwirkende 
waren 200. Das Alexanddrfest habe^ den frischesten Eindruck ge- 
macht und Manchem eine ganz andere als die bisherige Meinung von 
Händel beigebracht. — Inder letzten Sotr^ für Kammermusik kamen 
ein Ciavierquartett von Brahms, das Ciaviertrio in F von Bargiel, 
Beethoven's Cello-Sonate in A nebst kleineren Stückeu von Schu- 
mann, Kiel und Chopin zur Aufführung. Die ComposiUoneU von 
Bargiel und Brahms fanden freundlichste Aufnahme. 

Der bekannte Pianist und Improvisator Herr G. Satter soll in 
Hannover den Titel eines kgl. Capellmeisters erhalten haben; es 
verlautet sogar, man wolle daselbst ein Conservatorium gründen 
ürtd selAö^ UeHung übergeben. Wasf doch in einer Residenz alles 
möglich ist 1 

In Moskau sind Volksconcerte nach dem Muster der Pasde- 
loup'schen in Paris eingerichtet worden. Dieselben finden in einem 
Local statt, welches SOITO Mensdien fasst und sollen stark besucht 
sein. Der Eintritt kostet 20 Kopeken (6Ngr. ungefähr); das Or- 
chester soll trelTlich sein, der Choi' zählt 500 Stimmen. 

Zu Dresden hat Armin Früh eine von ihm nach Balzac*s Ro- 
man in Toxi und Musik gebrachte vieractige grosse Oper »Clotilde 
von Lusignan« mit Streichquartett- und Clavierbegleitung zum Vor- 
trag gebrächt. Das Werk soll von der Meyerbeer - Wagnerischen 
grossen Opernweise auf den Mozart*schen Stil zurückgreifen und 
vielfach angesprochen' haben. — im Uoftheater wurde Boieldieu'sf 
»Rotbküppchen« [le Chaperon rouge) gegeben und gewann durch sei- 
nen einfach lieblichen Romanzen ton reichen Beifall. 

Wir werden soeben benachrichtiget, dass Ch. Bcauquier's 
'iPhilosophie de la MusiqiietK von Leipicig aus (z. B. durch die Buch- 
handlung von Fleiseber) fükr 45 Ngr. bezogen Werden kann. 

Guid^ von Aresrzo soll auf Anregung Aossfni's ein Monu- 
ment gesetzt werden. An der Subscription betheiligten sich Ella 
von London, Mad. Sponthil und andere Notabilitäten. 

Leipzig. Wir theilen mit einiger Genugthuung mit, dass die 
Gesellschaft des Herrn Uilmann in Leipzig diesmal kein Concert zu 
Stande gebracht bat. 

— Das Stadttheater feierte am 27. Jatf. Mozart's Geburts- 
tag durch eine Auffikbrutig der Zaaberflöte. 



MLseellen. 

Ich lese in Ihrem Artikel über Palestriila den Wunsch , einiges 
Historische über De Witt zu erfahren, und gebe in Kürze einige No- 
tizen, da ich mit De Witt in Rom über 2 Jahre zusammen war und 
längere Zeit mit ihm zusammenwohnte. 



De Witt war aus Niederwesel ; seine hervorragende musikalische 
Begabung hatte Prof. BischofT, damals Gymnasialdirector in Wesel, 
angeregt, der ihn dann unterrichtete ; der heranwachsende, zartge- 
bildete junge Mann ging nach Berlin , um bei Dehn seine musika- 
lischen Studien zu vollenden. Er wurde ein Liebtingsschüler Dehn^s, 
und theilte auch dessen Talent und Neigung zu historischen Studien, 
obwohl er selbst — ein ganz vortrefflicher Clavierspieler und begab- 
ter Componist — keineswegs die Absicht hatte, nur ein gelehrter 
Musiker zu werden. Leider untergrub sein eiserner Fleiss eine 
schwache Constitution, er bekam Bluistürze, und schien ein au%e- 
fi»bener Mensch. Auf Dehn's Empfehlung schickte ihn' der vorige 
Bönig von Prenssen nach Italien, nach Rom, obwohl wenig HoiTTiung 
zu seiner Wiederherstellung vorhanden war. Dort fand ich ihn Ostern 
4 851, ein halbes Jahr nach seiner Ankunft, bettlägerig und unföhig 
zu jeder Arbeit. Der aufopfernden Bemühung des Dr. Braun zu Rom, 
eines kunstsinnigen und gelehrten Arztes und Alterthumskenners, ge- 
lang es, sein Leben zu fristen ; er nahm ihn zu sich in sein Haus, der 
»Ckisa tarpejau aul dem Capitol. Auf dem Capitoi wohnte auch der 
damalige preussische Gesandte Graf v. Usedom, ein in classischer 
Musik wohlbewanderter und thätiger Kunstfreund, der, so weit es in 
seiner Macht stand, die Wege bahnte, um zu den musikalischen 
Schätzen' Roms zu gelangen. De Witt, obwohl fast jeden Ta^ zur 
Hälfte bettlägerig, erstarkte doch so weit, dass er den Vatikan be- 
suchen und mit den päpstlichen Sängern und namentlich dem Abbate 
Santini in Verbindung bleiben konnte. Der alte n^untere Herr be- 
suchte uns sehr häufig und stellte uns seine Bibliothek zur Verfü- 
gung, copirte auch selbst hocH, was^ niaii vdn ihm wünschen mochte, 
und er hatte in einem langen Leben, bei einer wahren Sammler- 
wuth, und der Leichtigkeit, mit der ihm, dem römischen Priester, 
das Innere der Klöster und alle Bibliotheken zur Verfügung standen, 
eine sehr grosse Sammlung zusammengebracht, wenn auch nicht 
Alles in correcter, sondern oft sehr flüchtiger Handschrift. Auf dem 
Capitol war damals ein reges musikalisches Treiben, De Witt sam- 
fnelte und unterrichtete den damals heranwachsenden Rauch , es 
wurden mit Hülfe des Violinspielers Raimaciotti u. A. Soireen für 
Kammermusik veranstaltet, ieh bt^ohte einen deutschen Gesang- 
verein zusammen*), es ward fleissig studirt und componirt. Auch 
die päpstlichen Sänger kamen dorthin , namentlich ein älterer fein- 
gebildeter Musiker Don Paolo, durch den wir, was von HafnrscMei^ 
und älterer Gesangstradition vorhanden war, uns aneignen konnten. 
De Witt fasste damals den Plan , den ganzen Palestrtna heraoszu- 
geben; leider verschlechterte sich sein Zustand, er sah wohl ein, 
dass er im besten Falle nur noch wenige Jahre 2u leben habe. Den 
Sommer brachte er zum Theil auf dem Lande irti Albaner-Gebirge 
zu. Als ieh dort Hilier's ftk'ief bekam , der mich nach Gühi an das 
Conservatorium rief, war er gerade bei mir; er brach In TbALnen 
aus, dass er nicht wieder nach Deutschland zurückkönne, »Sie sind 
glücklich«, sagte er, »Sie gehen in die Heimath, in das Land der Mu- 
sik zurück«. — So schieden wir. Bald darauf, irre ich nicht, i 854 
oder 56, starb, er; er ist höchstens 80 Jahr alt geworden, jedenfalls 
hat in ihm die Kunst einen höchst begabten und feinsinnigen Kunst- , 
ier verloren ; sein Clavierspiel war noch in den letzten Jahren von 
höchster Eleganz und Vollendung des Ausdrucks, seine Com^- 
sitionen fein empfimden, klar und edel geformt; er hatte einen durch- 
dringenden Verstand, einen geläuterten Geschmack, und jenen Adel 
des ganzen Wesens, der die Naturen auszeichnet, die im fortwäh- 
renden Kampf mit jener heimtückischen Krankheit ihr Leben täglich 
derselben abringen. Möchten dipse Zeilen sein Andenken bei man- 
chen Freunden auffUschen, er verdieiit es, nicht vergessen zu 
werden. C. Rein thaler. 



Briefkasten der Bedaction, 

L. in 0. Wenden Sie Sich an die Antiquariatshandlung List und 
Franke in Leip/zig. Doch können wir das Werk nicht besonders 
empfehlen ; es würde doch manches andere den Vorzug verdienen. — 
r^ in B. Wir bitten um Ihre genaue Adresse. — x »n iV^. und r\j 
in B. Wegen grosser Anhäufung von Berichten mussten wir das 
Wesentliche unter den »Nachrichten« bringen. — D. in B. Sollen wir 
Ihnen das Qu. von B. zuschicken? -- P, in T. Beaten Dank und 
herzliches Bedauern. — S. in C. Wir bitten um Fortsetzung. — 
DL. in F. Wir wünschten wegen Mangel an Raum öftere k ürzere 

Nachrichten statt »Berichte«. e kk H. , g in M, y ^ in St, 

Desgleichen. — P. in L, Wir haben bis jetzt nichts erhalten. — R. in 
B. Besten Dank I 



*) Es lebten damals auch in Kunst ausgezeichnete Frauen in Rom, 
u. A. Frau Livia Frege und Frau Sartoris, geb. A. Kempel. 



44 



[««] 



Nr. 5. 

ANZEIGER 

Soeben erschien: 

Sechs 



Saiten flir die Violine solo 



von 



JOH. SEB. BACH 



zum 



Gtobranch am Conservatorium der Musik zu 
Leipzig 

bearbeitet 
von 

Preis 1 TUr. 15 Ngr. 

(Verlag von Gnstay Heinze in Leipzig.) 

[*'>]', Soeben erschien im Verlage des Unterzeichneten : 

Ans dem Schenkenbnche 

von Kmanvel Seibel. 
I>rei Lieder 

für eine tiefe Stimme mit Begleitung des Piano- 
forte von 

W. BAUMGARTNER. 

Op. 25. Preis 15 Ngr. 

Früher erschienen von Demselben : 

Op. 7. Variationen über ein Tyroler Volkslied für Pianoforte. 
17% Ngr. 

Op. 9. Walser-Capxice für Pianoforte. 1 77, Ngr. 

Op. 14. Salon-Walzer und Galopp für Pianoforte. Nr. i Walzer 
15 Ngr. Nr. 2 Galopp 42*/, Ngr. 

Op. 20. Zehn Iiieder für eine Singstimme mit Begleitung des 
Pianoforte. Hefl 1. 2 ä 22% Ngr. 

Abendlied von N. Lenau für gemischten Chor. Partitur und Stim- 
men. 10 Ngr. 

Kaohtlied von Goethe für gemischten Chor. Partitur und Stimmen 
10 Ngr. 

JT. X{leto]:*-]BiodLei*ma;]ui 

in Leipzig und Winterthur. 



[28] Soeben erschien im Verlage von J. Rleter-Bledermaiiii in 
Leipzig und Winterthur: 



in Canonform 

für zwei Violinen, Viola, Violoncell und Conlrabass 

(Orchester) 

componirt von 

Julius O. Grinun. 

Partitur 22i Ngr. Stimmen 1 Thlr. 10 Ngr. Vierhttndiger Ciavier- 
Auszug vom Componisten 1 Thlr. ft Ngr. 

[99] Von ilphonB Dflrr in L e i p z i g ist zu beziehen : 

Treatise OD Harmony 

Translated and adapted from the German of 

Ernst Friedrich Richter 

by 

Franklin Taylor. 

Preis 3 rriialeir. 

[30] In meinem Verlag erschien soeben : 

Zweites grosses Trio 

für Pianoforte, Violine und Violoncell 

componirt von 

Joacblm JEtaffi 

Op. 112. Fr. 4 Thlr. 

Früher erschienen von demselben Componisten : 

Op. 86. Zwei Fantaslestücke für Pianoforte und Violoncell. 

Nr. 1 Begegnung. Nr. 2 Erinnerung ä 25 Ngr. 
Op. 87. Introduetion et Allegro schersoso p. le Piano. 20 Ngr. 
Öp. 88. Am Gleasbacb. Etüde für da^ Pianoforte. 20 Ngr. 
Op. 89. Vlllanella pour le Piano. 20 Ngr. 
Op, 108. Saltarello pour le Piano. 20 Ngr. 
Op. 109. R^verie-Noctarne pour le Piano. 20 Ngr. 
Op. 110. LaGitana. Danse espagnoie. Capricep.ie Piano. 20 Ngr. 

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[31] 



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Anteilen : Die gespaltene PetitieUe oder 

deren Baum 2 Ngr. Briefe und Qelde/ 

werden franeo ertieten. 



Musikalische Zeitung, 



Verantwortlicher Kedacteur: Selmar Bagge. 



Leipzig, 7. Februar 1866. 



Nr. 6. 



I. Jahrgang. 



Inhalt: Franz Schubert. Grosse Messe in Es (Fortsetzung). — üebersicht neu erschienener Musik werl^e. — Cäcilien-Fest in Münster. — 
Berichte aus Wien, Hamburg und Leipzig. — Nachrichten. — Anzeiger. 



Franz Schubert. 
Grosse Messe in Es. 

Verlag vod J. Rieter-Biedermann in Leipzig und Winterthur. 

Partitur 77« Thlr. Clavier-Auszug 5 Thlr. Orchesterstimmen 

67» Thlr. Chorstimmen 2 Thlr. 

Besprochen von Carl van Bruyck. 

(Fortsetzung.) 

Gleich das »Kyrie« ist eine ungemein anmuthige, Heb- 
liche Composition von zartestem, ja etherischem Ausdruck. 
Ob jnan es freilich für ein »Kyrie«, ein »Herr erlöse uns«, 
wie es der tiefste Sinn dieser vielbedeutenden Worte ver- 
lanj^t, gelten lassen kann, diese Frage wird sich, nach dem 
zuvor Erörterten von selbst beantworten. Die Synkopen, 
wie sie in der Bassfigur (Seite 7,8 u. s. f. der Partitur) 
erscheinen, werden Manchen an das Esdur-Trio des 
Autors erinnern. 

Das »Gloria« fordert zu einer ausführlicheren Betrach- 
tung auf, um so mehr, da es sich als ein sehr reich ge- 
gliederter und ungemein (man könnte wohl sagen : über- 
mässig) ausgedehnter Satz darstellt, der allein in der Par- 
titur nahezu 50 Seiten fttllt. Der Satz beginnt mit grosser 
Energie und glänzendem Schwung, der freilich soj^leich 
das HUlfsmittel einer blendenden Modulation gebraucht: 
denn der Satz hebt (rein vocal) mit dem B dur-Dreiklang 
an und modulirt im zweiten Takt durch den Terzquart- 

accord mit erhöhter Sexte : ^ nach G-dur (als Dom. vonC- 

moll) , wo dann mit dem dritten Takt die Violinen mit einer 
in Triolen aufwärts schwirrenden Figur, die Blasinstru- 
mente aber in der Mitte desselben Taktes einfallen. *) Der 
Satz wendet sich dann durch den C moll-Dreiklang und den 



*) Musikalisch- Unschönes haben diese Modulationen sowohl, 
vi6 alle folgenden, deren ausführlich gedacht werden wird, trotz der 
Gewaltsamkeit, in welcher sie grossentbells vor sich gehen , nichts 
an sich (d. h. nlimlich im Einzelnen betrachtet, im Zusammenhange 
des Ganzen ist es freilich eine andere Sache). Man empfindet nur 
auf das Deutlichste den immer regen Trieb des Tondichters, ausge- 
tretene Pfade mföglichst zu vermeiden. 
L 



Terzquartaccord : ^ nach f, von hier nach as und bleibt 

ges 08 

dann auf dem verminderten Septimenaccord ^ (harmo- 

h 
nisch) zwei Takte lang stehen, dem der Componist wieder 
die Harmonie von as folgen iSsst, um nun erst mittels der 



Bückung: ^Tr^ =!f=z 



nach b zurückzukehren und 



im 16. Takt einen Absatz auf der Tonika zu bilden, dann 
aber sogleich im nächsten Takt wieder nach g zurück zu 
moduliren, und zwar mittels der Fagotte und Posaunen, 

Posaunen. 



die mit gehaltenen Schlägen :; 




das net 



Fagotte. 



in teiTa pax hominibus bonae voluntatisoi einleiten, welches 
von den Singstimmen,'' unter vorgedachter Begleitung der 
Posaunen und Fagotte, in einer sechstaktigcn Periode von 
einschmeichelnd melodischer Bildung vorgetragen wird. 
Im letzten Takte, der zu einer Cadenz auf f geführt hatte, 
fallen die Streichinstrumente im letzten Viertel ein und 
führen den Salz wieder nach B-dur zurück, wo dann die 
ersten sechs Takte des Anfangs wiederholt werden. Das 
wdoramus tea ahmt nun die saufte Bildung des i>et in teira 
pax<i nach. Zugleich modulirt der Satz in einer ersten 
Periode nach Des-dur und F-moll, in einer zweiten nach 
D-moU und F-dur (letztere Modulation von sehr schöner 
Wirkung). Das T>glorificamus tea hebt (in F-moll) mit einem 
viertaktigen Fugato an und führt wieder zu dem vermin- 

as 
derten Septimenaccord ^ und, wie früher, über As-dur 

h 
und den vorbezeichneten Terzquartaccord nach/* und 6. 

Mit dem Halbschluss in der Tom*ka fällt wieder jene sau- 
sende Violinfigur ein, deren im Anfang gedacht wurde. In 
dem i^laudamus, benedicimus, glori/fcamus te« erhebt sich der 

Tondichter in der Energie seines Ausdrucks bis zum Ex- 

6 



46 



Nr. 6. 



cesä : deüu er modalirl gleich wieder weiier von B-dur 
über G-moll und Es-moll nach Ces— dur, wo sich 
das stanze OrcJiesier mit den Singstimmen in brausend- 
stetn fortissimo zu einen) ausballenden Acoorde vereint. 
Sehr schnn Iäs£»t nun der Chor der Siogstimmen das H^io- 
ratnus te*k in einer larl gehaltenen vierlaktigen Periode (in 
CüS-dur) veniohmen, welche Periode das nachfolgende 
Orcheiäter wieder im fortissimo mit einem zweitaktigen 
Nüch.spiel in Ces-dur abschliesst, worauf dann in den 
nltchslen drei Takten Oboe und Posaunen (im piano) nach 
Es-dur überleiten. Nun beginnt zu den Worten i>gralias 
agimiis Hbiv ein Wechselgesang zwischen dem ganzen und 
dem getbeiUen (bios männlichen] Chor, dessen erster Theil 
in Es-dur, der zweite in C-mo!l, der dritte in B-dur (mit 
Berührung von G-molI), der vierte ganz in G-moIl (jedoch 
um Sehlusf^e nach B~dur zurückwendend) steht. Es ist, 
was man einen »süssen« Gesang zu nennen pflegt. Beson- 
ders nid cht sich duj'ch diese nSüssigkeit« auch die Beglei- 
tung bemerklich: das Violöncell durch sein: 



5^; 



-tifr 




m 



Die Violinen und Violen durch ihr harfenartiges pt;sj?ä;ato. 
Im dritten Theil (der von zwei Sopranen und Alt, imSchluss 
aber vom gans^en Chor vorgetragen wird) führen Clarinette 
und Fagott dii'se Melodie aus, welche in der vierten (im- 
mer siebeuUiktii^en) Periode, wo die vocale Partie erst 
zwei Tenoron und dem Bass, dann wieder dem ganzen 
Chor zLigeiheilt ist, wieder in das Violopcell Übergeht. 

Diese g^nze Bildung wird in den nächsten 4 4 Takten 
noch einmal gleichsam variirt, und um die Süssigkeit noch 
zu vermehren j wird der Gesang des Chors von den Violi- 
nen in zarten Guirlanden-Figuren umsponnen, wiihrend 
die Celli üin bischen pizzicato zupfen und die obige jetzt 
von Clari neuen und Oboen vorgetragene Melodie zu ver^ 
st^rktem Nachdruck in ihrer Schlussbildung sogar in die 
Posaune wandert. Wie mm dieser Gesang ausgeklungen 
hat, füllt wieder das ganze Orchester im forte und zwar in 
der Harmonie von G-dur ein. Die Violinen zischen neuer- 
dings mit der bewussten Triolenfigur von ihrem tiefsten Ton 
scbUumend empor. Aber im dritten Takt modulirt der 
Componist wieder nach Es-moll und führt so nach der 
Dominanthnrmonic von B-dur und nach B-dur, der Tonika 
selbst, in welcher dann wieder das »Gloriaa wie zu Anfang 
angeslLnuut wird und auch das ulaudamusft und r^adoramma 
nochmals, mit den ganz gleichen Bildungen, erklingen, nur 
eng ziisünimengezogen, gleichsam iin knappen Auszug. 

Man wird bei einem Rückblick leicht gewahr, welch 
einen weiten, allerdings fast verwirrten, wenn auch geist- 
voll genug ausgeführten Modulationskreis wir bereits 
durchwanderten, und dpch haben wir noch kaum den drit- 
ten Theil unserer Wanderschaft durch dieses »Gloria« zu- 
rUckgalegt^ 

Mit dem n Domine Deus, agnus Deim betreten wir eine 
vlillig veränderte liegioh. Im ersten Moment wird man 



leibliaftig an die berüchtigte Gr&bers€eBe im Mey^rb^ßr'- 
schen »Roberta ftrinnert. Die Tonart ist G-moIL Posaunen 
und Fagott stimmen einen choralartigen Gesang an. Das 
StreichquaHatt fällt immer ff im zweiten Viertel jeden 
Taktes (der Satz steht im %-Bhytbmus) mit eief m tremo- 
lando io tiefer Lage ein. Also tiefes Dunkel, iipte Nacht. 
Im 46. Takt führt dieser Satz zu einem Halbschluss auf 
der Dominante. Nun folgt mit den Worten i>miserere nobisd 
ein achttaktiger, aur ganz zart von Blasinstrumenten be- 
gleiteter Vocalsatz pp in G-moll-dur mit folgendem, an 
sich ausnehmend schönem Uebergang*] nach C-dur: 

4- 






f 



nach welchem die Streichinstrumente im unisono mittels 



der Figur : 




nach C-moll überleiten, in wel- 



cher Tonart das Domine Deus wiederkehrt, das, analog der 
früheren Stelle, mit einer Halbcadenz auf^ epdet und der 
wieder jener achtiaktige Gesang folgt, jetzt in C-dur und 
in derselben schönen Weise uachF-dur überleitend. Das 
Streichquartett fallt wieder in der vorigen Weise ein, den 
Satz nach D-moll leitend. Abermals die gleiche Bildung 
zu den Worten -nfilius patrism und nmiserere nobisa in D- 
moll und D-dur, nach G-dur überleitend. Und endlich 
setzt der Chor noch ein viertes Mal — jetzt wieder in G- 
moll — sein »Domme Deusa ein, jedoch in veränderter 
Gestalt, denn der Satz beharrt nicht in dieser Tonart, son- 
dern weicht sogleich aus und führt erst durch eine Reihe 
kühner, ja verwegener Modulationen in mächtiger Steige- 
rung wieder dahin zurück. Von diesen »Kühnheiten« sei 
nur eine als die verwegenste hier verzeichnet, nämlich de^ 
Uebergang von As-moll(nach vorhergegangenem G-moll!) 
nach (quasi] A-moll, welcher in folgender Weise voll- 
zogen wird : 




Nach solchen Prometheischen Kühnheiten ist es geradezu 
unbegreiflich, wie es der Tondichter über sich gewinnen 
konnte, aus diesem Satz, der nun beschlossen ist, nach 
dem ersten Satz und also auch nach B-dur in folgen- 
(|er trivialer , nichtssagender Weise zurückzulenken : 

An hundert andern Orten wäre dieser häußg 




genug gebrauchte Uebergang völlig erlaubt und nicht das 
Geringste dagegen zu sagen, an dieser Stelle ist er es, 
mit Hinblick auf das Vorangegangene, aus höheren, leicht 
einzusehenden ästhetischen Gründen nicht. 

Nach diesem Satz kehren dann der Anfang des »Glo- 

*) Für unser Ohr bat er etwas Erzwungeees. D. Bad. 



Nr. 6. 



47 



ria« und frühere Bildungen wieder und führen zu einer 
Cadenz auf /*, der Dominante , worauf nun zu den Wor- 
ten : »cttM sancto spiritu in ghria Dei amenu eine Fuge an- 
bebt, die sich volle 1 8 Seiten der Partitur hindurch aus- 
dehnt. 

Wer erwägt, wie wenig diese Kunstform dem Wesen 
des Schubert^scben Genius adäquat, wie wenig er auch in 
dem Stil, welchen sie verlangt, geübt war — ging doch 
der Tondichter selbst (wohl in Erkenntniss dieser seiner 
Schwäche und wahrscheinlich sogar mit Hinblick auf eben 
dieses intentionirte, hier vorliegende Werk) noch in seiner 
letzten Lebenszeit zu Sechter, dem berühmten Lehrer des 
Contrapunkts, in die Schule — der wird der Entwicklung 
dieser Fuge mit besonders gespanntem Interesse folgen 
und er wird, am Ende derselben angelangt, zwar bemerkt 
haben, dass Schubert auch in diesem Stücke seine Eigen- 
thttmlichkeit nicht verleugnet, aber doch zugleich mehr 
geleistet finden, als er erwarlet haben mochte, wie denn 
der Genius , wenn es ihm nach einer Seite hin an Zucht 
und Bildung fehlen sollte, immer doch nach einer andern 
irgendwie entschädigen wird. Die Fuge ist jedenfalls zu 
breit ausgeführt, ein Gruddgebrechen, welches sich vor- 
nehmlich daraus ergiebt, dass der Tondichter es sich nicht 
nehmen lassen wollte — in ehrgeiziger Besorgniss , dass 
man ihm Mangel an Vermögen und Geschick vorwerfen 
würde -^ ausser der gewöhnlichen Durchführung des The- 
mas auch die mancherlei (in der Schute) herkömmlichen 
Entführungen desselben anzubringen. So wird denn das 
(achttaktige) Thema nach seiner ersten Durchfolirung noch 
in mehrfacher Wiederholung in allerlei Engrührungen, in 
welchen siöh die Stimmeneintritte vorschriflmässig imtner 
enger zusammenziehen, durchgearbeitet. Zu gänzlichem 
Bcschluss darf denn dann auch der über 4 2 Takte ausge- 
breitete Orgelpunkt nicht fehlen. Dass selbst auch dieses 
Stück einen ziemlichen Modulationsreichthum entwickelt 
(insbesondere wird dieChromatikindiö thfttigäte Mitleiden- 
schaft gezogen) , braucht kaum erst bemerkt zu werden. 
Eine speciellere Analyse dieses Stücks und Aufzeigutig der 
Gebrechen, an welchen es — bei manchen geistvollen, in- 
teressanten Zügen im Einzelnea — leidet, müssen wir 
uns tnit Rücksicht auf den Reukn versagän. Als zwei be- 
sonders wunde Punkte bbzeicbn^b wir nur die Art, wie 
Seite 56 der t'artitur der Satz nach Es-dur gerückt wird 
(wir bedienen uns absichtlich dieses Ausdrucks), um auf 
dieser Stufe (der Unterdominant) das Thema eintreten zu 
lassen, und die noch seltsamere ähnliche Rückung auf 
Seite 61, welche folgende Gestalt hat: 



J-iJ ■ j J 



A - tten, 6 - meil, a* 
(Schlass folgt.) 



ITebersicht neu erschienener Musikwerke. 



(Wir eröffnen hiermit eine neue Rubrik. Da nämlich ein- 
gehende Recensiouen nicht immer sehr rasch gebracht werden 
können, es aber ebenso wohl .im Interesse unserer Leser, wie der 
Verleger und d6r Tonsetzer liegf , dass neu erscheinende Werke bald 
SU einer, wenn auch vorläufig nur kurzen, Besprechung gelangen, 
namentlich so lange in den Sorlimentshandlungen die betreffenden 
Novitäten aufliegen [was gewöhnlich nur eine verhältnissmfissig 
kurze Zeit der Fall ist, und worauf dann gewünschte Musikalien nur 
auf »Bestellung« zu haben sind], so beabsichtigen wir m Zukunft un* 
ter der obigen Rubrik alle uns zur Recension eingesendeten Musika* 
lien, sofern sie irgend welches Interesse in Anspruch nehmen kön- 
nen, in Kürze zur Anzeige zu bringen, das besonders Werthvolle 
davon für später zu gründlicherer Recension vorbehaltend. Da uns 
jedoch gegenwärtig eine gewaltige Masse von Musik, z. Th. noch aus 
dem Vorjahre, vorliegt, so wollen wir heute, bevor wir die Verthei- 
lung an unsere Herren Referenten vornehmen, unsern Lesern erst 
einmal eine Uebersicht gewähren, um dann desto freiere Hand zu 
haben. D. Red.) 

A, Instraiuental-Nnslk» 

Von Orchesterwerken liegen uns erstens drei in- 
teressante Suiten vor: eine dritte von Fr. Lach n er in F-moll, 
eine von Esser in F-dur (beide im Verlage von Schott) und 
eine von 1.0. Grimm (Suite in Canonform für Streichmusik — 
Verlag von Rieter-Biedermann) ; drei Werke, welche die Auf- 
merksamkeit gleichmSssig an sich ziehen» jedes in seiner Weise. 
Lacbner bat durch die vorhergehenden zvrei Suiten überall 
Atierkennung , hie und da sogar Enthusiasmus hervorgerufen, 
und diese dritte, neue, gab bereits in München Veranlassung 
stu lebhaften Ovationen, während sie in Leipzig (vgl. A. M.Zig. 
4 865 S. 850) weniger gefiei. Esser's Werk wurde in Wien und 
Leipzig mit grossem Beifall aufgeführt, während es in München 
und CÖln liicht so entschieden durchgeschlagen zu haben 
scheint; Grimmas Canonische Suite endlich, ausser in Münster, 
wo der Componist bis Musikdirector wirkt , auch in München 
und Wien aufgeführt, wurde daselbst mit lebhaftem Beifall be- 
grÜBSt. Alle drei Werke sind daher entschieden Gegenstand 
einer eingehenden Recension^ welche in den nächsten Wochen 
folgen soll. 

Auch W. BargieT^, in Cöln zuerst mit viel Erfolg, dann 
auch in Leipzig (vergl. Allg. Mosikal. Ztg. 1865 S. tti) nicht 
ohne Theilnahme des Publlcuros aufgeführte, kräftige, nur leider 
durch einige auffallende Reminiscenzen getrübte Gdur-Sym- 
phonie liegt jätzt in Partitur, Stimmen und vierhSndigem Gla- 
vierauszüg vor (bei Breitkopf und Härtei). Wir haben uns des 
Werkes bei jetzt erneuter Bekanntschaft wieder recht sehr er- 
freut (besonders scheint uns das Finale in seiner grossen Leben- 
digkeit trefflich gelungen) und etnpfehlen es Allen, die noch Sinn 
für einfache, verständliche» und doch nicht gedahkenleere Musik 
haben. 

Weiter liegen uns zwei »Symi^honien« Von A.W. Dreszer 
in Partitur vor (Verlag voh Matthes in Leipzig), Werke von 
entschieden »neudeutacherc oder »zukütiflliöher« Art, die wir 
nur Deneti zur Beachtung empfehlen können, die von der Mu- 
sik nicht Schönheit verlangen, sondern irgendwelche Hirn- 
gespinnste durch Töne »ausgedrückt«, wo es auf schöne »For- 
men« natüdich nicht ankommt, sondern wo der Begriff von 
Form mit »Zopft als synonym angesehen wird. Wir bemerken 
nur der Curio^itäi wegen, dass diese Symphonien nicht etwa 
drei oder vier Sätze haben, sondern einen einzigen, der in 
lauter Brocken verschiedener Taktart und Zeitmhasses zerfällt. 
Eine gewisse Thematik ist versuclit, aber im Liszt*schen Sinne. 
Das Ganze bewegt sich vielfach in jenen chromatischen Fol- 
gen , wie sie Rieh. Wagner in seinen letzten Werken liebt. 
Nochmals auf diese Productionen zurückzukommen , sind wir 
natürlich nicht gesonnen. 

Nicht unerheblich ist, was auf dem Gebiet der Kam- 
mermusik erschienen und uns zur Beurtheilung zugegangen 

6» 



48 



Nr. 6- 



ist. Wenn unsere Leser die Namen der Gomponisten ond 
die Titel der Werke erfahren, werden sie von vornherein zu- 
geben, dass es fast unmöglich ist, über dieselben in Bausch 
und Bogen zu reden. Es sind zumeist Werke für Pianoforte 
mit Streichinstrumenten: ein Quintett in F-moU Op. 34 von 
Joh. Brahms (Verlag von Rieter-Biedermann), ein Trio in 
CIs-moll von Fr. Kiel Op. .33 (Verlag von Peters), ein 
nTroisieme Grand Trio<i von H. Stiehl in G-moU Op. 50 (Ver- 
lag von Breitkopf und Härtel) , eine Sonate mit Violine in F-dur 
von Ed. Grie^ Op. 8 (Verlag von Peters), eine desgleichen 
in E-moll von Carl von Holten Op. 5 (Verlag von Fr. Schu-r 
berth), eine dritte in D-dur von E.MeumannOp.<6 (Verlag« 
von Breitkopf und Hiirtel), eine Sonate mit Violoncell in Es-dur 
von G. BeblingOp.22 (Verlag von Heinrichshofe»). Endlich 
haben wir auch ein Streichquartett anzuführen, welches 
uns aber nur in Stimmen vorliegt, daher vorläufig von uns 
noch gar nicht beurtheilt werden kann; es ist von Herr mann 
Wichmann, hat keine Opuszahl und steht in G-dur. — 
Sfimmtliche Werke, mit Ausnahme des letzten , das wir noch 
nicht kennen, gehören zu den anständigen; einige erheben 
sich über dieses Niveau zu besonders interessanten und werth- 
vollen. Brahms schlägt hier wieder einen entschieden pathe- 
tischen Ton an, wie schon die Tonart F-moll verräth. Das 
Quintett hat vier Sätze und ist, der angewendeten Technik 
nach, keinesfalls für Dilettanten zum häuslichen Genuss ge- 
schrieben, sondern für*s Concert durch den Vortrag von Kunst* 
lern, dabei in ziemlicb ausgedehnter Form gehalten ; die Gla- 
Vierpartitur enthält 67 Seiten. — KieTs neues Trio gehört 
ebenfalls dem pathetischen Genre an und hat auch vier Sätze, 
deren zweiter mit dem dritten (Andante mit Variationen) durch 
einen recitativartigen Uebergang verbunden ist. Auch dieses 
Werk dürfte sich mehr für das Concert als für das Haus eignen 
und erfordert zu seiner Ausführung durchgebildete Künstler. -« 
Das gleiche lässt sich von StiehUs Trio sagen , welches eben- 
falls vier Sätze hat. Wir haben über dasselbe seinerzeit, nach 
einer Vorführung durch den Componisten im hiesigen Consei^ 
vatoriumssaale, kurz berichtet (vergl. Allg. Musikal. Ztg. 1865 
Nr. 27) . Von den drei ebengenannten Werken zeigt das Stiehl- 
sche die glatteste Factur, das Brahms'sche die meiste Selbstän- 
digkeit ; das Kiersche bemüht sich beiden Seiten gerecht zu 
werden. *— Die drei Violinsonaten haben offenbar Anfänger 
oder doch solche zu Verfassern , die sich noch keinen festen 
Stil gebildet haben. Die Grieg'sche zeigt, neben vielem Hübschen 
Und Interessanten, auch viel Gesuchtes und Unfertiges, was bei 
Gelegenheit einer näheren Besprechung mehrerer seiner Edi- 
tionen (die weiter unten angeführt werden) naehzuweisen sein 
wird. Sie hat übrigens drei ^tze und erhebt keine allzngrossen 
Ansprüche an die Ausführenden. Künstlerisch reifer, wenn 
auch weniger selbständig und in den Motiven nicht gerade be- 
deutend, scheint uns die v. Holten'sche Sonate , welche vier 
Sätze bringt, ziemlich lang ausgedehnt ist und, wie die vorige, 
ebenfalls von Dilettanten bewältigt werden kann. Die Meu- 
mann*sche Sonate enthält vier Sätze, worunter ein »^4 la 
Mazurkas, und macht einen etwas dilettantischen Eindruck, 
der sich sowohl aus den Hauptthemen , wie aus der harmo- 
nischen Behandlung ergiebt. •— Die Rebling'sche Cello-Sonate 
endlich verräth guten Willen, etwas ernsthaft Deutsches zu 
g^en, doch scheint uns die productive Kraft von wenig In- 
tensität; das dreisätzige Werk wird den Musikfreunden von 
Anfang herein nicht uninteressant erscheinen; im Finale aber 
finden sich Geschmacklosigkeiten, ja triviale Motive, und so 
scheidet man schliesslich ziemlich enttäuscht. 
^Fortsetzung folgt.) 



Cäcilien-Fest zu Münster. 

O Der Musikverein zu Münster, seit mehreren Jahren be- 
reits unter Julius Otto Grimm's einsichtiger Leitung, ver- 
anstaltet in der Wintcrhäiflc des Jahres gewöhnlich zwölf 
ordentliche Concerte, an welche dann zwei oder drei ausser- 
ordentliche für Armen vereine etc. sich anschliessen. Ausser- 
dem findet ^am Cäcilientage (St. November) noch eine grössere 
Aufführung, mit verstärktem Chor und Orchester, *nuch wohl 
unter Mitwirkung auswärtiger Sänger von Beruf und Namen, 
statt, welche irgend ein grösseres Werk von Händel , Haydn, 
Mendelssohn etc. zu Gehör bringt. In der. Regel sind die Cä- 
cilienfeste als die Glanzpunkte des hiesigen Musiklebens zu 
betrachten , dessen eigenthümliche Tüchtigkeit , trotz mancher 
durch Ort und Lage gebotenen Beschränkung der Mittel, bei 
denselben besonders hervortritt. Es sind die wohlgeschuUen 
Chöre , besonders jene der Sopran- und Alt-Stimme, und ein 
nicht gerade sehr zahlreiches, doch rühmlichst strebendes Or- 
chester, von kundiger Hand geleitet. So verdankten wir dem 
Gäoilienfeste zum öflern bereits schöne Genüsse, und so wuchs 
und verbreitete sich sowohl unter den mitwirkenden Dilettan- 
ten, als unter dem zuhörenden Publicum mehr und mehr Sinn 
und Urtheil für das Aechte, Gute, Schöne. — Auch im Jahre 
1865 sollte auf diese Weise S. Cäcilia gefeiert werden. Eine 
Verkettung von Umständen jedoch trat dazwischen , und 
nöthigte die Direction, das Fest auf einen spätem Zeitpunkt zu 
verschieben. Dies Ist nun geschehen, während mittlerweile 
vom 28. October v. J. bis zum 13. Januar nicht weniger als 
sieben der gewöhnlichen Vereins-Concerte stattfanden. 

Als Hauptwerk war zum Cäcilien feste Robert Schumann*s 
Composition von zwei Scenen aus Goethe*8 »Faust«, zweiter Theil, 
Sonnenaufgang und Faust*s Verklärung, gewählt, an welche sich 
Beethoven*s neunte Symphonie mit Chören und Soli über Schil- 
ler*s Ode »An die Freude« scblos6. So einfach dieses Frogramra 
aussieht, so viele Bedenken und Schwierigkeiten knüpften sich 
daran. Bekanntlich hat sich Schumann's künstlerische Geltung 
im Publicum überhaupt noch nicht in dem Grade befestigt, 
dass über seine Werke nicht sehr verschiedene , oft sich ge- 
radezu widersprechende Urtheüe im Umlaufe wären. So war 
es denn auch in Münster, und der Erfolg der bei dem Cölner 
Musikfeste 1865 stattgehabten Aufführung der Schluss-Sceneo 
des »Faust« war aus verschiedenen Gründen , die seiner Zeit 
auch in der Allg. Musikal. Ztg. (1865 S. 387) richtig erwogen 
wurden, keineswegs ein unbedingt günstiger. Um so mehr Loh 
gebührt der Direction , welche sich weder durch jene Miss- 
urtheile, noch durch die anerkannten Schwierigkeiten des 
Werks in ihrer Wahl irre machen Hess. Vor Allem wurden die 
Chöre , besonders die hier so bedeutsamen Frauencböre, sorg- 
sam eingeübt, auch dem Orchester, das sowohl hier, als in 
Beethoven^s neunter Symphonie , mit riesenhaften Schwierig- 
keiten zu ringen hatte, Fleiss und Mühe gewidmet, und dann — 
zu höherer Belebung des Ganzen — für die Soli des Bass und 
Baryten der erste Meister des Gesangs, Herr Concertdireclor 
Julius Stockhausen aus Hamburg, sowie für jene des Te- 
nors Herr E. Pirk, Hofopernsänger aus Hannover, gewon- 
nen. Ihnen und der Mitwirkung recht guter Vertreter des So- 
pran und Alt aus Mün$ter selbst, sowie der Ausdauer und 
Tüchtigkeit der Chöre und des Orchesters ist der durchweg 
günstige Ausfall dieses Festes zuzuschreiben, obgleich der Vo- 
calchor nur etwa 4 60 Stimmen, das Orchester an 50 Spieler 
zählte. Dazu kann die treffliche Akustik unseres schönen Rath- 
haus-Saales , der sich für einen Chor von dieser Stärke, wie 
immer, ganz vorzüglich geeignet erwies. Die oberste Leitung 
war in den erfahrenen Händen des Hrn. Musikdirector Grimm, 
dem ausser andern wackern Männern, wie die Herren Goncert- 
meister Bargheer aus Münster, die Kanunermusiker Schor- 



Nr. 6. 



49 



mann^ Preuss, Döhnel, Deppe, Müller aus Detmold, 
vorzüglich aach Herr Domorganist Hüls aus Münster erfolg- 
reich zur Seite stand. Diesem Zusammenwirken verdankte man 
denn eine im Ganzen wohlgelungene Aufführung sowohl des 
Sohumaan*sofaen »Faustv, als der neunten Symphonie Beethovens, 
deren Andenken gewiss jenen, die mit Hingebung und Be- 
geisterung in die Tiefen jener Werke eindrangen, sobald nicht 
f^ntschwinden wird. Ohne Zweifel darf sich das diesjährige 
Cäcilienfest seinen Vorgängern mit Ehren zur Seite stellen. 

Zuerst und vor Allem hinsichtlich der Soli. Anerkannt dringt 
der Vortrag des Herrn Stockhausen als Faust in der ersten der 
hier aufgeführten Scenen aus dem zweiten Theile, dem Sonnen- 
aufgange : »Des Lebens Pulse schlagen frisch lebendig« in die 
geheimsten Tiefen der Dichtung ein und reisst Alles mit sich 
fort. So in der Schilderung des Wassersturzes und des Regen- 
bogcns, die unstreitig zu den schönsten Partien der Schumann*- 
schen Composition gehören. Wahrhaft bewunderungswürdig 
aber erschien Stockhaüsen, wie bei dem Gölner Feste, so 
auch hier als Doctor Marianus in der Schlussscene. Höheres, 
Innigeres, als sein Gebet mit Chor : »Dir, der Unberührbaren«, 
wird man so leicht nicht hören. Auch ist unbezweifelt gerade 
hier Schumann in den Kern der Goethe'schen Poesie einge- 
drungen, und zeigt sich z. B. in dem Chore : »Gerettet ist das 
edle Glied« melodisch und harmonisch den Besten gleich , die 
wir kennen. Darüber streiten selbst diejenigen nicht, die sonst 
sich theilnafamlos verhalten bei seinem Ringen nach seelischer 
Belebung des Gedankens, wenn es ihn gelegentlich auf Abwege 
führt. Doch es ist nicht unsere Aufgabe, hier Goethe's Werk 
und Schumann's Auffassung^ und Behandlung desselben zu be- 
leuchten. War doch in Münster die Aufnahme des Werkes im 
Allgemeinen gut, obgleich es an rauschendem, enthusiastischem 
Beifall fehlte. Wenigstens gab man dem siegenden Eindrucke 
des Gesanges der zarten, mächtigen Chöre, und vor Allem dem 
Zaut^ de» Vortrags von Stockhausen sich völlig hin, und 
fühlte sich angesprochen, auch bei noch unvollkommenem Ver- 
stäodniss, was bei einem Werke von solcher Erhabenheit und 
Tiefe kaum anders zu erwarten sein möchte , und wohl noch 
auf viele Jahre bei dem grössern Theile des Publicoms so blei- 
ben wird. Ist doch auch die Anerkennung des Beethoven^schen 
Riesengeistes noch nicht so alt und fest, dass nicht z. B. bei 
der neunten Symphonie, namentlich bei den höchst anstren- 
genden Schlusschören, hier und dort Zweifel und Bedenken 
sich kund gäben. Aber im Grossen und Ganzen blieb Beetho- 
ven auch heute der Sieg, selbst bei jenem Theile der Hörer, 
den Schumann nicht ansprach oder befriedigte, und so endete 
das Fest mit wahrem Jubel. Am Mittag des folgenden Tages, 
Sonntag, tS. Jan., fand noch ein Künstler-Concert statt, wel- 
ches Gelegenheit gab, sowohl die Trefflichkeit der Instrumen- 
talisten im Vortrage von Beethoven*s Septuor Op. 20, und 
einem herrlichen Adagio von Spohr (H. Barg he er), als der 
Sänger Herren Stockhausen und P i r k in Einzel vortragen 
zu bewundern. Hier ist des seelenvollen Tenors des H. Pirk 
im Vortrage der Bussarie von A. Stradella: ^Se i miei sospiria 
etc. und zweier Lieder aus der Winterreise von F. Schubert 
(Rückblick und Frühlingstraum) mit Ehren zu gedenken, und 
vor Allem wieder Stockhausen's unnachahmlicher Schmelz in 
drei Schumann'scben Liedern von Eichendorff zu rühmen. Als 
er dann zum Scbluss Beethoven's Liederkreis »An die ferne 
Geliebte« sang, riss er die Hörer zu Rührumg und Entzücken 
hin, wie es nur ihm gegeben ist. Bei einem heitern Mahle, das 
dann Künstler und Kunstfreunde gemüthlich einte, klangen die 
ernsten, wie die milden Töne des gestrigen Abends und dieses 
Morgens lieblich fort, unter dankbarem Rückblicke auf die 
edlen Urheber so hoher Genösse. 



Berichte. 



Wien. X Inder vierten Hellmesberger'schenQuar- 
tettproduction gelangte als Novität ein Streichquintett ^ von 
Johannes Hager zur Aufführung. Die Composition reiht sich, 
namentlich in den zwei Mittelsätzen, dem Bedeutendsten an, 
was in neuester Zeit für Kammermusik geschrieben wurde. 
Der erste Satz fesselt durch interessante Detailarbeit, der zweite 
durch glückliche Erfindung und lustiges Sprühfeuer; in dem 
Adagio macht s^ch die dem Componisten eigene feine Gestal- 
tungsgabe vortheUhaft bemerkbar , wogegen das Finale nicht 
auf der Höhe der vorausgegangenen Sätze steht. Das Quintett 
wurde nach Hen ersten drei Sätzen beifällig aufgenommen. — 
Auch ein Streichquartett (in E-moU) von E. F. Richter , wel- 
ches Laub in seiner vorletzten Quartettsoiree producirte, fand 
verdiente Anerkennung, und erfreuten sich namentlich die bei- 
den Mittelsätze reichlichen Beifalls.*) Laub hat seinen Quartelt- 
Cyklus und zwar in glänzender Weise geschlossen und giobt 
vor seiner Abreise nach Moskau, wo er in eine fixe Stellung 
eintreten soll , noch ein Abscbiedsconcert, dessen Programm 
das Dmoll-Concert von Spohr und einige Virtuosenstücke 
enthält. — Im vierten Philharmonischen Concert 
zog als Novität eine Ouvertüre : »Sacuntala« von dem hiesigen 
Componisten Carl Goldmark vorüber. Die Composition ist breit 
und klar angelegt, mit charakteristischem Detail stimmungsvoll 
ausgestattet , und wenn auch hie und da gewisse Vorbilder, 
unter welchen selbst R. Wagner nicht fehlt, durchschimmern, so 
bekundet doch dieses orchestrale Werk im Gegenhalt zu den frü- 
heren etwas verschwommenen und unselbständigen Composi- 
tionen Geldmarkts immerhin einen Fortschritt. Die Ouvertüre 
wurde mit entschiedenem Beifall aufgenommen. — Die Patti- 
Concerte haben endlich, nachdem im Theater an der Wien 
noch eine kleine Nachlese mit »Roger« gehalten worden war, 
ihr Ende erreicht und Herr Ullmann ist mit dem ihm noch con- 
tractlich zu Diensten stehenden Theil seiner Truppe nach dem 
Norden gezogen. 

In jüngstverflossener Zeit haben sich auch ein Paar wirk- 
liche und einige sogenannte Virtuosen hören lassen. Das Pu- 
blicum zeigt aber wenig Neigung, derlei Concerte zu besuchen. 
Tausig, dessen interessantes Concert noch in die Zeit des 
Patti-Paroxismus fiel , kehrte nach einmaligem Versuch wieder 
nach Berlin zurück ; zwei italienische Künstler kamen, spielten 
und verschwanden wieder; der Violinspieler Lotto concertirte 
vor leeren Bänken. Nur der treiflichen Pianistin Auguste 
Kolar ward das Glück zu Theil, sich vor einer zahlreichen 
Zuhörerschaft zu produciren, und das zweite Concert, welches 
sie zu geben beabsichtigt, dürfte von gleichem Erfolg gekrönt 
sein. — Ernst Pauer aus London spielte im fünften phil- 
harmonischen Concert Beethoven's Cmoll-Concert. — Fräulein 
Murska , die flüchtige, ist zu der Bühne zurückgekehrt, und 
so kann wenigstens »Dinorah« wieder gegeben werden. Die 
»Afrikanerin« soll im Februar zur Aufführung kommen. — Im 
Theater an der Wien füllt Offenbach*s »Coscoletto« allabendlich 
das Haus. Ein Duett und ein komisches Sextett üben allein diese 
Anziehungskraft. — Das Harmonietheater wird am 15. Januar 
eröffnet. — Die Singacademie hat, 60 Köpfe stark, ihre üebun- 
gen wieder aufgenommen. 



Hamburg. — e. Die diesjährige Concertsalsoil bot bis jetzt 
in der ersten Hälfte so viele Concerte , dass wir uns deshalb 
heute kurz fassen woVen. Die Saison wurde Anfang Oct4)ber 
mit zwei grossen Kirchenaufführungen (Beethoven's Missa so- 
lennis, Mendelssohn's oEHaso) unter Leitung des Herrn Otten 

*) Danach wäre also die anders lautende Notiz der vorigen 
Nummer, die wir andern Blättern entnommen hatten, unrichtig. 

D. Red. 



AO 



Nr. 6. 



eröffnet, über die in der Allg. Musikal. Zeitung bereits (1865 
Nr. 43) berichtet worden i 

Der unter Leitung des Herrn Carl Voigt stehende »Gttcillen- 
verein« brachte am 4 0. November HUndel's »iephta« in Mosel'- 
scher Bearbeitung zur Aufßihrung. Von den dabei engagirten 
Solisten : Fräul. Oarthd aus Hannover, FrSul. Hansen aus Ber- 
lin, Herr Schild aus Leipzig und Herr A. Schulze aus Hamburg, 
lasst sich nur theilweiso Erfreuliches sagen. — Fräul. Garihe 
war ihrer Aufgabe nicht gewachsen , da es ihr einestheils am 
richtigen Verst&ndniss für HSndel , sowie andererseits an der 
erforderlichen Stimmbildung und Schule mangelt; etwas bes- 
ser, doch aiich nicht genügend, war der Vortrag des Frl. Han- 
sen. Herr Schild hatte die Freundlichkeit, d\9 Partie des 
iephta, für die Herr Wolters engagirt gewesen , mit zu über- 
^ nehmen. Seine Stimme wirkte wohlthuend und verspricht der 
strebsame Künstler recht Bedeutendes. Hrn. Schulzens Ruf als 
tüchtiger Bassist hat sich wieder von Neuem bei dieser Auf- 
führung bewShrt. — Die Chüre waren mit der , Herrn Voigt 
eigenen Sorgfalt einstudirt ; an manchen Stellen hätte man frei- 
lich mehr Festigkeit und Bestimmtheit des Ausdrucks ge- 
wünscht, da Deutlichkeit und Reinheit allein nicht genügt, zu- 
mal bei grossen Chören von Händel. Sehr dankenswerth war 
es, dass Hr. Voigt von der unerquicklichen Mosel'schen Bearbei- 
tung dieses Oratoriums mit achter Künstlerhand Abänderun- 
gen traf. 

An grossen derartigen Aufführungen brachte die Saison 
fernier Händers »Judas Maccabäus« am 7.December, unter Hrn. 
Deppe*s Direction. Die ohnehin schon sehr zahlreiche Acade- 
mie des Herrn Deppe war zu dieser Aufführung noch durch 
eine grosse Anzahl von Dilettanten vermehrt, so dass ein recht 
bedeutender Chor zusammenwirkte, was gerade bei Händel 
um so erwünschter ist. Die Ausführung seitens Chors und Or- 
chesters war durchaus gelungen. Herr Deppe zeigte auch dies- 
mal wieder, durch die richtige Vortragsweise der einzelnea 
Chöre, wie richtige Wahl der Tempi , sein gründliches Ver- 
ständniss HändeFs, nur ist nicht recht einzusehen, warum, wenn 
man aus den besten Gründen ein Oratorium kürzt, weil es wirk- 
lich zu lang ist, man auf der andern Seite eine Einlage macht: 
aus Rücksicht für die vortreffliche Sopranstimme des Fräulein 
Tietjens, welche dies Concert unterstützte. Die eingelegte Arie 
D-dur mit obligater Trompete aus »Samsou« passte nicht in den 
»Judas Maccabäusff, auch waren hinlänglich Sopran-Arien vor-' 
banden, so dass dieselben nicht vermehrt zu werden brauchten. 
Die andern Solisten : Frl. Schreck aus Bonn und Adolf Schulze 
entsprachen vollkommen den gehegten Erwartungen, Herr Otto 
aus Berlin, welcher für Herrn Carl Schneider eintrat, war 
nicht genügend bei Stimme, um Eindruck tu hinterlassen. 

Die beiden bis jetzt stattgefundenen philharmonischen Con- 
certe brachten folgendes Programm : Erstes Concert : B d ur- 
Symphonie von Gade ; Ouvertüre, Scherzo und Finale von Schu- 
mann ;. Ciaviervorträge von Frau Clara Schumann und Flöten- 
Solo des Herrn de Vroya. Frau Schumann spielte das G dur- 
Concert von Beethoven nicht vollkommen befriedigend: zu 
rasches Tempo, stellenweise Unklarheit der Passagen. Die Ga- 
deuzen, von der Künstlerin selbst componirt, sind sehr inter- 
essant. Ausserdem trug Frau Schumann noch Novellette von 
Schumann und Variationen aus dem Sextett von Job. Brahms 
mit der ihr eigenen Meisterschaa vor. Herr de Vroye ist ein Flö- 
tist ersten Ranges ; ausser einer gewöhnlichen Salon-Composi- 
tion, die nur Anerkennung der dabei entwickelten Fertigkeit 
erregen konnte, trug der Künstler das asspruchslose Andante 
C-dur von Mozart Op. 86 in wahrer Vollkommenheit vor. 
Gade^s Symphonie wurde nicht in allen Theilen gleich fein aus- 
geführt und das Tempo des letzten Satzes zu rasch genommen. 
Zweites Concert: Beethoven's Ddur-Sympbonie und Weber*s 
Freischütz-Ouvertüre. Gesangsvorträge des Frl. Tietjens. Für | 



Frau Glaoss-Szarvady» die wegen Erkrankong verhindert war, 
hatte Herr Rudolph Niemann die Clavier-^Soli übernommen. Die 
Scene und Arie der Agathe, von Frl. Tietjens vorgetl-agen, be- 
geisterte mit Recht die Zuhörer, weniger die Arie aus Haydn's 
»Schöpfungt »Nun beut die Fluni, die von der Künstlerin zu 
kalt und monoton vorgetragen wurde. In diesem GoDcert wäre 
die ersterwähnte Arie aus »Samsont passender gewesen , als 
im »Judas Maccabäus«. Von den Liedern »Qreteben au Spinn- 
rade«, »die junge Nonnea von Schubert und »0 Sonnenscbeina 
von Schumann lässt sich nur das Beste sagen. Herr Niemann 
spielte das Chopin*sche Fmoll- Concert technisch gut, von 
richtigem Vortrag war aber nicht viel zu merken ; sein Canta- 
bile war nioht weich und der Ton nicht voll genug ; auch be- 
gleitete das Orchester höchst mangelhaft. Die Orchesterwerke 
gingen gut. 

Von den zahlreichen Kammermusik-Abenden und andeni 
Concerten einheimischer Künstler will loh nur die wichtigsten 
erwähnen. Quartett- Unterhaltungen der Herren Böie, Lee, 
Hohnroth und Sofamabi, fernerTrio-SoU-^e von Hm. Carl v. Hol- 
ten, Kammermusik des Herrn C. Risch etc. 

In der Oper hatten wir bis jetzt an namhafteren Gästen i 
Frl. Tietjens, Frl. Ubrich, die Herren Niemann und Dr. Gunz. 
Trotzdem der Herr Capellmeister Fischer aus Cöin sein Mög- 
lichstes thut und einzelne der engagirten Mitglieder Treffliebes 
leisten/ wird doch keine Oper gut zur Aufführung gebracht, 
da das Gesammtpersonal durch zu viele Proben und Auffüh- 
rungen zu sehr angestrengt wird. 



Leipsig. Fünfzehntes iLbonnement- Concert. 
(Drittes der historischen Serie, überschrieben : Mozart, Clieru- 
bini und Zeitgenossen . ErsterTheil: Ouvertüre zu »Joseph« 
von M ö h u 1. Arie aus » II matrimonio segreto t : » Udite , tuite 
ttdite« von Cimarosa [Herr Marchesi]. Concert für die Oboe 
von Mozart [Herr Lund, kgl. Kammermusikus aus Stockholm]. 
Zwei Lieder von J. F. Reichardt: Der König von Thule, 
Rastlose Liebe [Herr Marchesi]. Entr*act aus »Medea« von 
Cherubini. — Zweiter Theil: Serenade für Biasinstru-* 
mente [und Conirabass] von Mozart. Arie des Grafen aus 
Figaro : »Hai giä vinta la causw [Herr Marchesi]. Ouvertüre zu 
»Anacreon« von Cherubini.) 

S. B. Es scheint der Direction bei dieser »historischen« 
Concei^t-Serie mehr darum zu thun zu sein, einige ältere weniger ' 
oder gar nicht bekannte Werke unter der Firma der Geschichte j 
in's Gewandhaus einzuführen, als ein stetig fortsohreitendes I 
Bild der Entwicklung zu geben , und jeden Meister in seinen 
Spitzen darzustellen. Wäre es* nicht so, so müssten wir es ! 
tadeln, dass man nach »Zeitgenossen« rangirte uhd nicht nach 
»Schulen«. Zeitgenossen ist ein sehr unbestimmter und auf 
gesciiichtlichem Gebiet irreleitender Begriff. Obwohl z.' B. 
Gherubini f760 geboren ist, also 4 Jahre naöh Mozart (1756), 
und Möhul 1763, also 7 Jahre nach Moiart, so würden wir 
doch Anstand nehmen, diese beiden schlechthin als Zeitgenos- 
sen neben Mozart zu stellen, denn sie haben das 19. Jahrhun- 
dert gesehen (Möhul starb 1817 und Cherubint gar erst 1843) 
und gehören überdies einer andern , der französischen Schule 
an, die sich auf anderer Basis entwickelt und ein anderes Ziel 
verfolgt hat, als die Wioiner Schule. Viel passender hätten wir 
es daher gefunden, wenn Mozart und Reichardt mit Haydn ver- 
einigt worden wären, statt mit den französischen Compodisten, 
die schon in die Beethoven*sche Zeit hereinschauen. Dass man 
Mozart durch eine Serenade , ein Oboeconcert und eine Arie i 
repräsentirte , ist auch nur aus obiger Annahme zu erklä- 
ren, denn sonst hätte man wohl eine seiner grosiän Sympho- 
nien und ein ganzes Finale aus einer seiher Opern gewählt. 
Gegen das Letztere mögen wohl praktische Schwierigkeiten 
bestanden haben ; schliesslich kommt auch wieder der Stand- 



Nr. 6, 



51 



ponkt in Betracht, dass Concerte mehr zam Genuss als zar 
Belebraog gegeben werden ; eben daram vermögen aber »histo- 
rische Concerte« nur selten wirkliche Aufklärung und beson- 
deres Interesse zu bieten, es müsste ihnen denn eine grössere 
Zahl, als etwa 4 oder. 5, zugewendet werden. — Neu oder 
quasi neu w^aren in diesem Goncert das Vozart'scbe Oboecon- 
cert und die Serenade. Ueber das eratere sind wir trotz Kochet 
Dicht recht in's Klare geko(nmen. Was dieser als Anfang an- 
fülirt, passte nicht zu dem, was wir hörten ; es scheint , dass 
Jemand (Abb^ Stadler?) eine Einleitung dazu geschrieben hat; 
das Stück hat blos einen Satz und soll 4 777 componirt, aber 
nur entworfen sein. Die höbäche Serenade ist nach Köcbel 
4768 als Streichquinlett componirt, 4 780 aber in jener Form 
bearbeitet worden und hat mehr Sätze, als uns in diesem Gon- 
cert vorgeführt wurden. Wir haben gegen solche Weglassun- 
gen u. dgl. nichts einzuwenden, billigen es aber nicht, dass 
man es auf dem Programm verschweigt. Mit Jahn kann man 
wohl unbedingt einverstanden sein , wenn er das Adagio als 
die Krone des Ganzen bezeichnet, welches übrigens doch wohl 
mehr als ein Gelegenheitsstück zu betrachten ist, dem man 
nicht so hohen Werth einräumen kann, wie den grossen Sym- 
phonien und der Kammermusik des Meisters. — Die Arie von 
Cimarosa nähert sich der BufiTo-Arie, enthält aber auch schmel- 
zende und liebliche Elemente. — Die Reichardt*schen Lieder 
machten mehr Wirkung, als man ihnen zutrauen möchte ; die 
Musik des »König von Thule« erschöpft zwar musikalisch 
die Poesie des Gedichts lange nicht, lässt aber dasselbe an sich 
wirken, da der Text überall deutlich hervortreten kann; in 
»Rastlose Liebe« ist sogar freier musikalischer Zug wahrzuneh- 
men. — Der Bntr'act aus »Medea«, wo die grosse Trommel 
durch häufige und lange Wirbel eine grosse Rolle spielt, ist 
sehr interessant, kann aber ohne Kenntniss der ganzen Oper 
kaum richtig verstanden werden. — Herr Lund, uns durch 
sein , Auftreten vor drei Jahren .bereits bekannt, zeigte aber- 
mals ungewöhnlich schönen Ton und trefiTliche künstlerische 
Behandlung. Herr Marchesi fand wärmste Anerkennung sei- 
nes gediegenen Vortrags. 



Nachrichten. 

Friedrich Rück er t, der greise Dichter, dem auch die Too- 
kunst mittelbar so manche innige und begeisterte Gesänge verdankt, 
ist am 34 . Jan. auf seinem Landgute in Nenses bei Coburg gestor- 
ben. Er war in Schweinfurt am 46. Mai 4780 geboren. 

Aus Bremen. wird uns geschrieben : Ein aus Mitgliedern der 
Singacademie bestehender kleiner Chor trag im fünften Privatcon- 
cert (dem letzten bis jetzt dagewesenen) mehrere Chöre a capella 
vor, wovon »Aus der Jugendzeit« von Reinthafer und »Schweizer 
Heimweh« Volkslied von Reichardt auf das Publicum am meisten 
wirkten. Letzteres wvrde sogar da eapo verlangt. — Die Herren Graue 
(Piano) und Schiever (Violine) haben Soireen begonnen, in denen 
Kammer- und Salonmusik verschmolzen wird. Es liegt auf der Hand, 
dass die Auswahl der Salonmusik mit grosser Sorgfalt geschehen 
muss, um Contraste zu vermeiden, die störend wirken. In der ersten 
dieser Soireen war hierauf leider keine Rücksicht genommen , denn 
neben Sonaten von Bach und Beethoven erschien u. A. auch die Para- 
phrase über den Sommernachtstraum von Liszt, ein Musikstück, 
weiches durchaus der Virtuosität angehört und lediglich darauf be- 
lohnet ist, technische Errungenschaften zu zeigen. Die Ausführung 
durch Herrn Graue, welcher mit grosser Ruhe an das Werk ging, 
war technisch befriedigend. Ein mehr aus sich Herausgehen ist hier- 
l>ei jedoch unl^ingt nöthig, weil sonst diese Musik einen etüden- 
oiKssigen Anstrich erhält. Der Vortrag der H moll-Sonate von Bach 
war wohl die beste Leistung des Abends , während Bargiel's Suite 
für Pianoforte und Violine Op. 47 nicht mit dem nöthigen musika- 
lisch feinen Sinn wiedergegeben wurde und in Folge dessen nur we- 
Dtg wirkte. -- Das Quartett BOtljer brachte am 42. Dec. 4 865, wahr- 
scheinlich in Berücksichtigung der Nähe des Beethoven 'sehen Ge- 
burtstags, nur Werke von demselben : Trio für Streichinstrumente 
(C-moll) , Pianofortequartett (Es-dur) und Quintett (C-dur). Die 
Ciavierpartie im Quartett (arrangirtes Quintett) hatte Hr. Streudner 



libemommen und führte dieselbe sehr brav durch. Beim Vortrag 
der übrigen Werke, besonders des Quintetts, excellirte die erste 
Violine (Herr Böttjer) dermaassen durch Unreinheit, dass wir nicht 
umhin können, diese zu rügen ; besonders da hier nicht von einer 
augenblicklichen Indisposition die Rede ist, sondern von einem chro- 
nisch werden wollenden üebel. 

Die in Münster bisher stattgefundenen sieben Vereinsconcerte 
brachten: An Symphonien : Beetboven's 6. (Pastorale), D-dur von 
Mozart, zweite Suite (Op. I i 5) von F. Lachner, erste Symphonie (C- 
moll) von Gade, dritte (A-moll) von Mendelssohn, B-duf von Haydn, 
C-dur (Op. 84) vbn Mozart, ausserdem »Der Rose Pilgerfahrt«, Mähr- 
chen von Moritz Hörn, componirt von Roh. Schumann, »0 weint um 
sie« aus Byron's hebräischen Gesängen, lUr Sopran -Solo, Chor und 
Orchester componirt von F. Hiller, Frühlingsbotschafl von E. Gei- 
bel, componirt für Chor und Orchester von Gade; ferner eine Reihe 
glänzender Ouvertüren von Mendelssohn (Ruy-Blas, Meeresstille und 
glückliche Fahrt), Cherubini (Abenceragen), Beethoven (zweite 
Ouvertüre zu Leonore), Stemdaic- Bennett (Najaden) und andere 
mehr oder weniger ausgezeichnete Vocal^ und Instrumental- Werke, 
unter letztern namentlich die wackern Leistungen des vortreiflichen 
Violinspielers , Concertmeisters G. A. Bargheer in Münster (A moll- 
Concert von Viotti, siebentes Concert (E-moll) von L. Spohr), die 
gelungenen Vorträge der Gemahlin des Dlrectors, Frau Phil. Grimm, 
einer tüchtigen Pianistin, und jene eines auswärtigen Pianisten, des 
Dom-Organisten Ludwig Rakemann aus Bremen (Concert in A-moH 
von Robert Schumann). Hieraus wird der Kundige entnehmen, in 
weicher löblichen Art die Metropole Westphalens der edlen Ton- 
kunst huldigt. 

Das Musikinstitut in C ob lenz gab am 26. Jan. unter Leitung 
von M. Bruch zur Vorfeier von Mozart's Geburtstag sein sechstes 
Abonnement-Concert mit einem Programm, das ausschliesslich Mo- 
zart' sehe Compositionen enthielt, und zwar: Symphonie mit der 
Schlussfuge in C, Arie aus »Figaro's Hochzeit« (Herr Marchesi), Cla- 
vier-Concert in C-moll (Herr Fr. Gernsheim), Maurerische Trauer- 
musiki Arie aus Don Juan (Herr Marchesi), Ave verum, Andante unil 
Rondo aus der zweiclavierigen Sonate in D (die Herren Gemsheim 
und Bruch) , Ouvertüre zur Zauberflöte. 

Frau Cl. Schumann concertirle kürzlich wieder emmal in 
Wien zur grossen Freude aller dortigen ernsten Musikfreunde, die 
sich vollzählig um sie versammelten. — In Hellmesberger's sechster 
Quartettproduction spielte Frl. Julie von Asten mit Herrn Hellmes- 
berger eine S. Bach'sche Sonate für Ciavier und Violine. Dieselbe 
junge Künstlerin unterrichtet, .wie man hört, seit einiger Zeit den 
jungen kaiserlichen Kronprinzen Rudolph. 

M. Bruch's Frithjof-Sage kam kürzlich im COlner Gürzenich mit 
Krfolg zur Aufführung. 

Der Gesangverein »St. Paulus« zu Leipzig führt u. a. in sei- 
nem nächsten Concert Hiller's 9S. Psalm für Männerchor 
und Orchester Op. 4 4i (Verlag von J. Rieter-Biedernuinn in Leip- 
zig) auf. Bekanntlich kam derselbe vor S Jahren auf dem Nieder- 
rheinischen Musikfest unter grossem Beifall zur AufTUhrung. 

In der Augsb. A. Ztg., Beilage Nr. 48, steht ein Aufsatz, wel- 
cher ,«an Mendelssohn's Brief aus München anknüpfend (Reisebriefe 
277), mittheilt, dass die Orgel, welche Mendelssohn ihrer schönen 
Stimmen wegen so gern spielte, die von St. Peter sei, der ältesten 
Pfarrkirche in München. Die Orgel selbst sei 4806—9 von Abbe 
Vogler nach seinem Simpllficationssystem erbaut, später aber in 
Verfall gekommen, jetzt wieder einigermaassen nach Vogler*s Princip 
hergestellt. Der Artikel scheint von H. M. Schtetterer in Augsburg 
herzurühren. Wenn wir recht verstanden haben, so hätte man (an- 
statt des nicht fertigen Buches über Reichardt?) ein Leben Abb6 
Vogler's von demselben Verfasser zu erwarten. 

Todesfall. Einen viel und mit Recht verehrten Musiker, un- 
sern Freund, Herrn August Walter, Musikdirector in Basel, hat 
ein harter Schlag getroffen, indem ihm am 2. d. M. die Gattin starb. 
Dieselbe war (als Frl. Fastlinger)in München, Weimar und Leipzijj; 
als dramatische Sängerin bekannt, und erfreute sich überall, ausser 
der Anerkennung ihrer künstlerischen Leistungen , auch der Liebe 
und Achtung wegen ihres vortreiTlichen Charakters. 

Leipzig. Am2. d. Mts. hat Herr A p p u n n , Fachmusiker und 
Akustiker aus Hanau, hier vor eingeladenen Zuhörern eine Reihe 
von Vorträgen über Helmholtz' Theorie, verbunden mit Experimen- 
ten auf einem eigens dazu erbauten Instrumente ^Physharmonika 
mit verschiedenen Arten der Stimmung: reiner, temperirter, py- 
thagoräischer) eröffnet. Wir kommen nach Beendigung derselben 
auf den hochwichtigen Gegenstand zurück. 

— Am 4 0. d. M. soll hier Meyerbeer's »Afrikanerina im Stadt- 
theater in Scene gehen. 



l 



32 



Nr. 6. 



ANZEIGER. 



[32] Im Verlage von J. Rieter -Biedermaiiu in Leipzig und 
Winterlhur erschien soeben: 

3iftnf 

IMPROMPTUS 

für 

Fianoforte zu vier Häoden 

componirt von 

Ernst Naumaim. 

Op. 8. Pr. I Tblr. 

Yon demselben Coixiponislen erschien bereits in demselben 
Verlage : 

Op. 3* Fünf Lieder von J. v. Elcbendorff für eine Singstimme mit 
Begleitung des Pianoforte. 20 Ngr. 

Op. 4. Drei Fantaslestücke für Violoncell oder Viola und Piano- 
forte. i Thlr. 

Op. 5. Drei Fantaslestücke für Viola oder Violine und Piano- 
forte. 4 Thlr. ^0 Ngr. 

Op. 6. Quintett (Cdur) für 2 Violinen, 2 Viola und Violoncell. 
2 Thlr. 

'''^ Neue Musikalien 

im Verlage 
von Breitkopf und HSrtel in Leipzig. 

Thlr. Ngr. 

Bach, Joji. 8eb., 69 Choräle mit beziffertem Bass, heraus- 
gegeben von C. F. Becker. Zweite, nach dem Original- 
drucke vom Jahre 1 736 durchgesehene Ausgabe . . . — 20 

Barglei, W., Op. 30. Symphonie in C f. Orchester. Partitur 5 — 

do. do. Orcbesterstimmen 6 40 

Arrangement für das Pianoforte zu 4 Hönden vom 

Componisten 245 

Beethoven, L. v., Symphonies. Partilion de Piano par F. 

L i s z t. 

Nr. 4. Ut maj. (Cdur) 4 45 

Nr. 2. Re maj. (Ddur) 2 — 

- Quartette f. 2 Violinen, Bratsche u. Violoncell, Arrang. 
für das Pianoforte zu 4 Händen von E. Röntgen. 

Nr. 42. Quartett. Op. 427 in Es 2 5 

- 43. Op. 480inB 2 40 

8'* Symphonie (Eroica) Esdur Op. 55, arrangirt für 

Violine, Violoncell und Pianoforte zu 4 Händen von C. 
Burchard 4 45 

- Trios für Violine, Bratsche und Violoncell. Arrangement 
für das Pianoforte zu 4 Händen. 

Nr. 4. Trio. Op. 3 in Es 4 25 

- 2. — Op. 9 Nr. 4 in G 4 40 

- 8. — Op. 9Nr. 2inD 4 40 

- 4. — Op. 9 Nr. 3 in C moll 4 40 

Böhner, J. L*, Op. 3. 7 Variations pour le Piano. Nouv. 

Edition — 45 

Chopin, Fr., Second Concerto pour le Piano avec Accomp. 
de rOrchestre ou avec Quintuor. Op. 24. Arrang. pour 
deux Pianos ä 4 mains par A. Hörn (Lapartie dupremier 
Piano est identique avec la partie principale de l'originai) 2 25 

Trauer-Marsch aas der Sonate Op. 35. Arrang. für Or- 
chester. Stimmen / . 4 40 

Gernshelm, F. , Wächterlied aus der Neujahrsnacht des 
Jahres 4200 (aus Scheffers »Frau Ayentiure«) für Männer- 
chor und Orchester. Op. 7. Clav.-Ausz. u. Chorstimmen ^- 25 

Grensebaeh, E., Etüden in fortschreitender Schwierigkeit 
für das Pianoforte. Op. 7. Heft 4 und 2 ä 4 5 

Grimm, J. O«, 6 Lieder für vierstimmigen Männerchor. 
Op. 48. Partitur und Stimmen . 4 42} 

Ketterer, E«, Grande Fantaisie de Concert sur le Songe 
d'une Nuit d'Etö de F. Mendelssohn Bartboldy pour 
deux Pianos. Op. 465 4 5 



Krause, A«, Kyrie für Solostimmen, Chor und Orchester. 
Op. 46«. Partitur mit untergelegtem Clavierauszuge . . — 22| 

do. do. '^ Chorstimmen — 40 

Sanctus und Benedictus für Solostimmeo, Chor u. Or- 
chester. Op. 46V Partitur mit antergelegtem Clav.-Ausz. — 27i 

do. do. , Chorstimmeo - 40 

Liszt, Fr., .\us Wagner's Lohengrin. Arrangement für das 

Pianoforte zu 4 Händen von A. Hörn. 
Nr. 4 . Festspiel und Brautlied 4 5 

- 2. Elsa's Traum und Lohengrin's Verweis an Elsa . — 20 
Lumbye, U. C, Honneur-Marsch für das Pianoforte . . — 45 

do. do. Arrang. für das Pianoforte zu 4 Händen . . — 20 

Ufozart, W. A«, Quartette für Pianoforte, Violine, Viola u. 

Violoncell. Neue Ausgabe. Nr. 2. Esdur 2 — 

Sonaten für Pianoforte und Violine. Zum Gebrauch im 

Conservatorium der Musik und zum Vortrag im Gewand* 
hause zu Leipzig genau bezeichnet von Ferd. David. 

Nr. 8. Sonate. Cdur — 22 

- 9. Fdur — 24 

Dieselben. Arrangement für Pianoforte und Violoncell 

von Fr. Gpützmacher. 

Nr. 8. Sonate. Cdur — 22 

- 9. Fdur — 24 

Reinecke, €., Musik zu Hoffmann's Kinder märchen vom 

»Nussknacker und Mausekönig« für das Pianoforte zu vier 
Händen. Op. 46. compfet 25 

Op. 87. Cadenzen zu classischen Pianoforte-Concerten. 

Nr. 3. zu Beethoven's Concert Nr. 3. CmoU . . . . — 40 

- 4. zu J. S. Bacb's Concert. Dmoll — 7i 

äcarlattl, Dom«, Sonaten für Ciavier. Heft 1 4 40. 

do. do. Heftn 4 45 

Stiehl, U., Troisidme grand Trio pour Piano, Vioion et 

Violoncello. Op. 50 3 20 

Stücke, Lyrische, für Violoncell und Pianoforte. Zum Ge- 
brauch für Concert und Salon. 
Nr. 4. MoBart, Larghetto. Aus dem Quintett in Adur . — 45 

- 2. Pergoleee, Tre Giorni. Romanze — 40 

Thalberf;, S. , Barcarolle pour le Piano. Op. 60. Arrang. 

pour le Piano ä 4 mains par Aug. Hörn — 25 

Violin-Concerte neuerer Meister. Beethoven, Mendels- 
sohn, Ernst, lilpinski. Zum Gebrauch beim Conser- 
vatorium der Musik in Leipzig genau bezeichnet und her* 
ausgegeben von Ferd. David. Co mplet,brochirt. . . 3 — 
Wagner, R., Eine Faust-Ouverture für grosses Orchester. 
Für das Pianoforte zu 2 Hdn. übertragen von H. v. Bülow — 25 

Polonaise pour le Piano a 4 mains. Nouvelle Edition . — 40 

Reinecke, Carl, Portrait. Lithographie 4^ .... n. — 45 

[34] Soeben erschien im Verlage des Unterzeichneten : 
Zweite 

tijLT die Or^g-el 

componirt von 

Gustav Merckel 

Op. 42. Preis 1 Thlr. 

Früher erschienen von Demselben : 

Op. 31. Genre-Blldcr. Vier kleine Charakterstücke für Piano- 
forte. 20 Ngr. ' 
Einzeln: Nr. 4. 2. Kindermarsch. Fröhlicher J&gersmanD. 
7i Ngr. Nr. 3 Des Knaben Berglied. 7i Ngr. tir, 4. 
Reiterlied. 7i Ngr. 

Op. 35. Adagio im freien Styl für die Orgel zum Gebrauch beim 
Gottesdienste. 4 5 Ngr. 

J. Rieter-Biedermann 

in Leipzigr und Winterthnr. 



Verlag von J. Rieter-Biedermann in Leipzig und Winterthur. — Druck von Breitkopf und Härtet in Leipzig. 



! Di« Leipdger Allgemeine Hanka- 

liMlie Zeitonf eraoheint regelmSadg an 
I Jedem Mittwoch und i«t durch alle 
I Poetftmterund Buchhandlungen 

I zu belieben. 



Leipziger Allgemeine 



Preia: Jihrlieh 5 Thlr. 10 Nr- 

ViertelJfthrliobePrftnum. l'Rür.lONgr. 

anzeigen : Die getpaltenf Petitzeile oder 

deren Baum 2 Ngr. Briefe und Gelder 

werden üranco erbeten. 



Musikalische Zeitung. 



Verantwortlicher Redacteur: Selmar Bag^e. 



Leipzig, 14. Februar 1866. 



Nr. 7. 



I. Jahrgang. 



iDhaJi; Franz Schubert. Grosse Messe in Es (Schluss). — üebenticbt neu erschienener Musikwerke (Fortsetzung). — Miinchener Musik- 
leben. — Berichte aus Leipzig. — Nachrichten. — Miscellen. — Briefkasten. — Anzeiger. 



Franz Schubert. 
Grosse Messe in Es. 

Verlag von J. Rieter-Biedermann in Leipzig und Winterthur. 

Partitur 77a Thlr. Clavier-Auszug 5 Tblr. Orehesterslimmen 

67a Thlr. Chorstimmen 2 Thlr. 

Besprochen von Carl van Bmyck. 

(Schluss.) 

Viel einfacher, als das »Gloriaa, an dessen über- 
wncherndem Farbenschmuck selbst der liberalste Theo- 
retiker (der auch sonst den Stil des Ganzen zu acceptiren 
bereit wäre) einigen Anstoss nehmen möchte, ist das 
»Credoa gestaltet, und da es viel weniger Anlass zu be- 
sonderen Bemerkungen und Beobachtungen bietet, so ist 
auch uns um so dringender geboten , in der Betrachtung 
desselben nicht allzulange zu verweilen, als wir schon 
für das »Gloria« die Aufmerksamkeit der Leser vielleicht 
mehr als billig in Anspruch genommen haben. 

Haupttonart ist Es-dur. Der Stil der Gomposition ist 
uatürlich auch hier in Uebereinstimmung mit dem Ganzen 
jener sanft melodische [selbst gewissermaassen in den 
fugirten Sätzen*)], welcher die Wiener Schule (um von 
einer solchen zu reden) Überhaupt charakterisirt. Ein Pau- 
kenwirbel eröffnet das Stück. Das »Credoa wird erst unter 
Pizzicato -Begleitung der Bässe ganz schlicht vom Chor 
vorgetragen. Der thematische TheiJ des Hauptsatzes um- 
fasst zwei Abschnitte, deren erster (von Einleitung und 
Ritornell abgesehen) aus zwei kurzen Sätzen, der zweite 
aus einer längeren Periode gebildet ist. Der zweite Satz 
des ersten Abschnitts modulirt nach G-moll. Die harmo- 
nische Behandlung der Stelle: r>visibilium omnium et in- 
visibiliumdiin zweiten Abschnitt : 



*) Wir bemerken dies , weil es den einzelnen Stimmen dieser 
Schubert' sehen Fugen eben an wahrer Selbständigkeit gebricht, wie 
sie die Bach'schen Fagen so meister- und musterhaft zeigen und 
wie sie auch zum Ausdruck des inneren Wesens dieser Kunstform 
gefordert wird, da die einzelnen Stimmen überall, wo sie nicht das 
Thema führen, überwiegend nur als harmonische Ftillstimmen, wenn 
auch in ziemlich reicher Rhythmik erscheinen. 



I 



:JIB^ 



g 



^ 



M 



B 

vi 



ces ■ 



s\ ' bi - li - um om - ni - um 
wird dem Leser oder Hörer auffallen, ohne dass wir erst 
nöthig hatten zu bemerken, weshalb. 

Nachdem nun das Thema entwickelt ist , wird es so- 
gleich zu Imitationen benutzt und in dieiser Gestalt, wech- 
selnd mit freieren honrophonen Bildungen bis zum Ende 
des ersten Satzes, und zwar ohne alle Modulationsüber- 
schwenglichkeit, vielmehr in der durchsichtigsten Klar- 
heit durchgeführt. 

Folgräer zweite Salz in As-dur (^'/g), das nEtmcama- 
tus estdf welcher für Sopran und zwei Tenore soü ge- 
schrieben ist und zu dessen Charakterisirung es genügen 
wird , wenn wir den Anfang der, zuerst vom ViolonceH 
vorgetragenen, dann canonisch behandelten Melodie mit- 
theilen: 




i 



f 3 b 

As c Es As EsBEs B des F B F 

Et — in car-na-tus est de spi - ri - tu san - cto 

Das r>Crucifixusi< bildet einigermaassen ein Seitenstück 
zu dem nbomine Deusa. Es wird pianissimo vom ganzen 
Chor gesungen, theilweise mehr declamirt. As-dur wird 
zunächst in As-moll verwandelt. Die Rhythmik in der Be- 
gleitung des Streichquartetts verdient bemerkt zu werden : 

(Bass: as) 

Nun beginnt das Schiff auf den Wogen der Harmonie wie- 
der aurs Gewaltigste zu schwankßp. Schon im dritten 
Takte befinden wir uns — nach As-moll — in G-dur, ver- 
möge folgender Modulation : JL u. s. w. 

Und gleich der nächste Takt wieder macht einen Ueber- 

7 



54 



Nr. 7. 



gang nach Fis-moll, um im folgenden weiter nach F— moll 
Uberzuleken, in welcher Tonart sich der Satz eine Weile 
festhält und wieder nach As-dur zurückwendet, um den 
Gesang des t^et incaiyiatusa (acht Takte) wiederkehren zu 
lassen^ dem datin abermals das düstere t>Crucifixus<ü nach- 
folgt : also ein Wechsel ganz ähnlich demjenigen, wie wir 
ihn im Wommß l>eus(i beobachteten. Wie früher von As- 
moll nach G-dur, so modulirt Schubert jetzt, nicht min- 
der kühn von As-moll nach A-moU, ganz einfach so: 

und dann im zweitnächsten Takt, in- 




dem das letzte e nach f und ges aufwärts geführt wird, 
nach B-moll, in ähnlicher Weise chromatisch weiter nach 
H-moll un(l nach der Harmonie : des fes g b, um nach As- 
moll zurückzugelangen und den Satz zu beschliessen. 

Mit dem i>Et resurrexüai kehrt nun der erste Satz wieder, 
jedoch sogleich im Nachahmungsslile und entwickelt sich 
dann zu einer sehr langen Fuge, die von S. 102 bis S. 4 22 
der Partitur reicht und die wir, da sie viele fast völlig 
gleichlautende, ziemlieh überflüssige Wiederholungen der-r 
selben Bildungen enthält, bei einer etwaigen Aufführung 
des Werkes nur zu kürzen rathen künntea. Ausdrücklich 
hervorheben wollen wir aus diesem sonst nicht uninter- 
essanten Satze eine einzige Stelle, welche mit Rücksicht 
auf den Klangeffect, den sie hervorbringt, eben so sehr 
eine musikalische Perle genannt werden kann, als sie sich 
mit Rücksicht auf den ihr unterlegten Text, der sich frei- 
lich im( ti^ ein /.ige Wert y>amem besebi*äfikt, s^hr eigen- 
thUn^lich iiusnitiiiiit. Die Stelle beündet sich S. 107 der 
Pnrtilur und iuutet dergestalt : Der Bass hält immerfort 
auf der Silbe n/lu den Ton es orgelpunktartig fest, über 
v^ okliOTu Sopran, Alt und Tenor folgendes Stimmengewebe 
bilden: 



f ^^j ^ ^j^^^ gs? 



T 
I 



r 



♦ -^- 



TT- 



Dieselbe Stelle wiederholt sich dann, mit nach beiden 
Seiten hin noch gesteigerter, eklatanter Wirkung in Des- 
dur, wobei die Art des Uebcrgangs selbst, besonders das 
einfache Herabsinken des Basses von es nach des musika- 
lisch sehr schön auffällt. Ebenso werden Niemand die an- 
muthigen Verzierungen entgehen, mit welchen der Ton- 
dichter bei der Wiederholung des »Credo« im zweiten 
Theile (Seite dd) sein Thema durch die Blasinstrumente 
schmücken lässt. Auch die schöne dreimalige Steigerung 
bei den WoKen i^et üerum venturus est» (S. 96) darf nicht 
gana unerwähnt bleiben.*] 
Doch, liebster Schubert : 

Was kommt dir in die Sinnen, 

Das Sa/hi^Ms also zu beginnen : 



*) Dass der Tondichter den Textabsatz : »Et in unam sanctam et 
apostolicam ecdesiatm übergangen hat, dürfte, der Merkwürdigkeit 
wegen, hier aach anzuführen sein. 




Dies ist allerdings das Stärkste, was uns in dem ganzen 
Werke zugemuthei wird und eigentlich doch so ganz ohne 
Grund und Anlass. Denn wir wüssten nicht, was in der 
Vorstellung : Sanctus Dominus Dens Sabaoth so ungeheuer 
Aufregendes und Haarsträubendes liegt, um auch in der 
Phantasie des reizbarsten Tondichters einen so grellen 
Aufschrei hervorzurufen? Etwas gemildert wird diese 
Excenlricilät dadurch, d.iss dann die Modulation von 
H-moll in ähnlicher Weisie weiter nach G— moll, dann 
nach Es- moll führt, so dass man also den Zirkel er- 
kennt, welchen der Gomponist durchschreiten wollte: 



^^ 



Ist 



Nach dieser aehtt aktigen Ex- 



position folgt eine viertaktige Episode (nPleni sunt coelk], 
und dann jene disharmonische Explosion noch einmal, nur 
in gedröngleren Schlüssen, indem die früheren acht Takte 
zu vier zusammengezogen erscheinen, wonach dann der 
Satz schon nach wenig Takten mittels jener Bildungen, 
aus welchen die gedachte Episode gewebt wurde, zu 
Ende geht. Mit dem nOsanna in excelsiso^ wird dann ein> 
Fugato angestimmt und in interessanter, lebendiger Weise 
durchgeführt. 

Das TuBenedictusd möchten wir für den schönsten 
Satz der ganzen Composition erklären. Die reine Wirkung 
desselben wird , so viel wir wenigstens bemerken konn- 
ten, durch nichts gestört. Es ist natürlich im Geist, Hal- 
tung, Charakter ebenfalls Schubertisch. Hat ncian aber die 
relative Berechtigung dieses Tones einmal zugestanden, 
so wüssten wir nicht , wie man sich an demselben nickt 
inniglich erbauen und erfreuen sollte. Die Composition 
hält in ihrem Gmndton gerade die Mitte zwischen dem 
mehr ätherisch feinen nKyriea und denj alizuschmelzenden, 
ein wenig ilalienisirenden ^Et incamatus esi<i. Der Ge- 
sang, die Cantilene, ist in dieser Composition zwar durch- 
aus weich und zart, aber auch durchaus voll Würde und 
Adel, wie schon der Anfang der Melodie erkennen lässt: 



$ 



Ö 



ms^m 



ä 



#--P- 



P=J= 



~^^=¥' 



^ 



Ms 



^s- 



Be- ne - di-ctusqui ve-nit in no-mi-ne Do-mini 
die vom Soloquartett vorgetragen wird. Auch dieser Salz ! 
geht später in Imitationen über, welche mit melodischen ' 
Bildungen (zugleich immer alternirend zwischen Soloquar- 
tett und ganzem Chor) wechseln. Mit einer Wiederholung 
des ibOsanna in excelsisfk schliesst der Satz, der im Einzel- 
nen durch zahlreiche Schönheiten ausgezeichnet ist. 

Das "h Agnus Dein ist, wenn auch nur in kleinen Di- 
mensionen (verglichen mit den Riesenbauten eines Bach 
oder Beethoven), ein ganz gewaltiges Stück von einer 
ausserordentlichen Kraft der Stimmung und mit einer so 
schönen technischen, obwohl durchaus nicht ttbersubli- 



Nr.ir. 



55 



men, tibersieigerteD Kunst ausgeführt, dass wofal auch die 
strengen Gontrapunktisten leidlich zufrieden sein werden; 
denn der Salz ist durchaus in stilo fugato geschrieben. 
Den Charakter desselben erkennt man sogleich aus dem 
Eingang. Der Bass beginnt mit dem Thema : 



ZStEZ 



-€9^ 



^fe 



Ag - nus De - i 

welches eine gewisse melodische Verwandtschaft mit 

dem Thema jener berühmten Cismoll-Fuge im ersten 

,Theii von Sebastian Baches »wohltemperirten Ciavier«: 

nicht verkennen lässt. Im dritten 



Takt fällt der Tenor mit einem folgendermaassen gestal- 
teten Gegensatz ein : 



^^^^^^^ 



A - - - - gnus De - i 
Im fünften Takle folgt der Alt mit dem Gefährten in der 
Dominante, spater dann Sopran und Tenor in der ent- 
sprechenden Weise. Dann wird mit Benutzung des Thema 
folgendes kleine harmonische, aber schbngerathene Kunst- 
stück ausgeführt: 



ass: es des o) . P* 



u. s. w. 



r 

8va. 



Cadeoz auf der Dominante. Obiges Thema und später die 
Bassstimme überhaupt wird von der Bassposaune im* 
Unisono, die andern Stimmen von den Holzblasinstrumen- 
ten, dann auch von Alt- und Tenorposaunen und einigen 
Stimmen aus dem Chor der Streichinstrumente begleitet. 
Hörner und Trompeten aber begleiten den Satz (als dessen 
Zeitmaass Andante con moto angegeben ist) abwechselnd 
in der Weise, dass immer die ^inen, dann die andern im 
zweiten Viertel jeden Taktes mit der Quinte des Grund- 
tons (also wechselnd mit g und d) sfarzando einfallen, 
welcher Ton die übrigen zwei Viertel des Taktes hindurch 
ausgehalten wird. Der Instrumental bass aber führt, gleich 
beim Eintritt des Singbasses zu dem von diesem vorgetra- 
genen Thema, und dessen Intervallschritten folgend, einen 

nachstehend rhythmisirten Gegensatz aus : QLjyJj^j-l— 1 

welcher später zu den Violinen hinüberwandert. 

Dies sind nun die Elemente, aus welchen sich dieser 
bedeutungs-, stimmungs-, ausdrucks- und doch durchaus 
maassvolle Satz aufbaut. Der Satz rdcht bis Seite 4 62 

» oi—g 

der Partitur, wo man auch die Harmoniefolge : fls^b ge- 

c —6 
G — 

braucht findet, und zwar von schönster, angemessenster 

Wirkung begleitet. 

Es folgt dann , nach einer Cadenz auf der Dominante 

von C-moU als Schiusssatz das Wona nobis pacermi. Die 



Tonart ist Es-dur, der Vi- geht indenVt-Taktüber. Gerade 
dieser letzte Satz aber macht, gestehen wir es offen, einen 
eigenthümlich seltsamen Eindruck, denn er ist von allen 
bei weitem der stilwidrigste, wie man schon aus der Be- 
trachtung folgender thematisch -rhythmischen Gestallung 
erkennen kann : 



AndanUno, 



\ 1 



5^:^: 



:»^F*=^ 



=»: 



Jj- 



I 



^^m^ 



Do - na no - bis 



pa 



I 
cem 



noch auffallender aber aus der zweiten Periode dieser 
Bildung, von welcher wir nur das letzte Taklglied noti- 
ren, da die beiden ersten mit den obem gleichlauten: 



d--M^ 



Stei 



I 
spätere : 



Ebenso fremdartig will uns das 



m 



ii^.^fiL^Mß- 



s. 



i 



:t 



do - na do - na no - bis pa - cem 
anmuthen*. Die Violinen begleitenden, al^wechselnd von 
Soloslinamen und vom Chor vorgetragenen Satz mit wo- 
genden Achtelfiguren. Zwar kehrt das r^Agmis Deim noch 
einm^ wieder, jetzt in Es-moll, aber der Tondichter be- 
gnügt sich mit einer einmaligen Durchführung des Themas 
durch die vier Stimmen, lenkt dann nach Es-dur über 
und führt endlich sein Werk 'mit einer nochmaligen Wie- 
derholung des vDona nobis pacem^ (in gedrängter Fassung 
und mit einigen Varianten) zu gänzlichem Schlüsse. 

W^enn wir in der Analyse dieses Werks etwas aus- 
führlich verfuhren, so möge man entweder annehmen, 
dass die Breite, mit welcher Schubert seine Conipositionen 
auszuführen pflegt, auch uns, seineu Betrachter und Be- 
urtheiler angesteckt bat, oder man möge die Rücksicht 
gelten lassen, welche wir einer der letzten Arbeiten eines 
hochgenialen, in der Blüthe der Jahre abgeschiedenen 
Tondichters , welcher ja unbestrillen und allgemein als 
ein Koryphäe anerkannt, als eine Kunsispilze anzusehen 
ist, schuldig zu sein glaubten, und einer Arbeit, Vielehe 
wahrlich, so viel sich immer dagegen sagen lässt und von 
uns auch nicht verschwiegen wurde, nicht lu seinen ge- 
ringfügigsten Produclionen gehört und vom allgemein- 
musikalischen, wie vom kunsthistorischen Standpunkte 
aus zum mindesten ein sehr hohes Interesse in Anspruch 
nimmt. 

Wir haben unsern Erörterungen nichts weiter mehr 
beizufügen, als dass sich auch die äussere Ausstattung, in 
welcher das so lange verborgen gebliebene Werk nun- 
mehr in die Oeffentlichkeit tritt, durch musterhafte Cor- 
rectheit, Sauberkeit und Schönheit auszeichnet. 

Aber halt! wir haben doch noch etwas anzumer- 
ken. In der vorletzten Nummer des Jahrgangs 1829 

7* 



56 



Nr. ?• 



der Allgemeinen Musikalischen Zeitung finden wir nämlich 
eineib kurzen Bericht über eine (also erst nach dem Tode 
des Tondichters erfolgte) Aufführung dieser Messe in einer 
der Kirchen Wiens von dem damaligen Wiener Correspon- 
denien dieser Zeitschrift, welcher also beginnt: »Wenn 
wir freimüthig unser Glaubensbckenntniss ablegen sollen, 
so müssen wir offenherzig gestehen, dass uns diese Arbeit 
des verehrten Tonsetzers keineswegs befriedigte.« Nun, 
das mag man gelten lassen. Aber warum hat sie unsern 
Correspondenten von 1829 nicht befriedigt? Weil »der vor- 
herrschend düstere Stil weit eher zu einem Bequiem 
passt«! Sollte man nicht glauben, jener Correspondent 
hätte nur jene paar Sätze aus dem y>Glorim und y>Agnus 
Deifij das j>Crt4Cffixusa (welches er doch nicht C-dur % 
Py^esto wird gesetzt haben wollen?) und jenen allerdings 
unschönen Aufschrei im r>Sanctusn in der Erinnerung 
behalten und alles üebrige vergessen? oder jene Sätze 
hätten ihm doch, au eine ganz andere Art von Musik in 
den Kirchen Wiens gewöhnt, einen solchen Schauder ein- 
geflössl, dass alles Uebrige, wo sich doch von der Düster- 
heil eines Requiems weit und breit wenig verspüren lässt, 
keinen Eindruck mehr auf ihn machte? Und zum Schlüsse 
seines Referats , welches übrigens nicht mehr Baum als 
17Vt Zeilen einer Blattspalte einnimmt, macht er noch die 
Bemerkung : »In den Fugen gewahrt man den vergossenen 
Angstschweiss.a So viel ist gewiss, dass die Mühe, wel- 
che jener Correspondent an diesen Bericht wendete; ihm 
keinen Schweiss gekostet haben kann. 



TIeb€fr8icht heu erschienener Musikwerke. 

A« Instruniental-lHaBik. 

(Fortsetzung.) 

Gelangen wir zu den Publicationen für Ciavier allein, 
so haben wir auf Werke und Unternehmungen aufmerksam zu 
machen, die das höchste Interesse aller Musikfreunde in An- 
spruch zu nehmen geeignet sind. 

Die Firma Breitkopf und Härtel bringt im Verfolg ihrer voll- 
ständigen Beethoven-Ausgabe zum ersten Mal die bisher unge- 
druckt gewesenen, nur wenigen Kunstfreunden durch Ab- 
schriften bekannten Gadenzen dieses Meisters zu seinen Con- 
certen, nebst zwei ebensolchen, die er zu dem D moU-Goncerl 
von Mozart geschrieben und hinterlassen hat (Preis compiet in 
einem Hefte netto ( Thlr. 3 Ngr.). Die Gadenzen zu seinen 
eigenen Concerien sind folgende: eine unvollendete, eine kurze 
und eine l&ngere zum ersten Satze des ersten Concerts in C ; 
eine sehr ausgeführte zum ersten Salz des zweiten Goncerts in 
B, eine ebensolche zum ersten Satz des dritten 'Goncerts in G- 
moll, eine kleinere und eine grössere zum ersten Satz, und 
eine kurze (wie er selbst für jeden Fall vorschreibt] zum Rondo 
des vierten Goncerts in G. (Im Concert Nr. 5 in Es hat Beetho- 
ven bekanntlich zu den üblichen Gadenzen keine Gelegenheit 
gegeben.) Ferner enthält die Sammlung noch zwei Gaden- 
zen zum ersten und letzten Satz des von Beethoven selbst 
für Pianoforte arrangirten Violin-GonQerts in D Op. 64. — Wir 
brauchen nur an das hohe Interesse zu erinnern, welches bis- 
her angedruckte Gompositionen Beethoven*s erregen müssen, 
dann an die Verlegenheiten , in welchen sich mancher gute 



Künstler und besonders manche Künstlerin befand, wenn 
ein Beethoven*6ches Goncert zum Öffentlichen Vortrag gewählt 
wurde, und entweder die Fähigkeit oder der Muth fehlte, selbst 
eine Gadenz zu machen, oder wenn von einem guten Meister 
keine solche aufzutreiben war, — um die Veröffentlichung der 
Original-Gadenzen höchst willkommen zu heissen 

Da wir schon von Gadenzen sprechen, so sei hier auch 
noch sechs ebensolcher gedacht, welche Herr G. R ei necke 
(ebenfalls bei Breitkopf imd Härtel) zu ediren im Begriff steht. 
Sie sind zu folgenden Goncerten geschrieben : Mozart Nr 4 G- 
dur und Nr. 20 in D, Beethoven Nr. 3 in G-raoll, J. S. Bach 
in D-molI, Mozart Nr. t6 in G, und Beethoven Nr. I in G. 
Erschienen sind von denselben bis heute die ersten vier. Herr 
Reinecke versteht es trefflich im Stil fremder Gomponisten zu 
schreiben und so dürften denn diese Arbeiten vielen Pianisten 
sehr willkommen sein. 

Eine weitere und zwar höchst dankenswerthe Unterneh- 
mung der Herren Breitkopf und Hftrtel ist die eben im Druck 
begriffene Ausgabe einer Auswahl aus Domenico $carlatti*s 
(in den letzten Jahren bekanntlich ganz vergriffenen) Ciavier- 
sonaten. Wie wir hören, hat Herr G. Nottebohm in Wien 
die Auswahl besorgt, und man kann somit gewiss sein, dass 
das beste und werthvollste der Gompositionen dieses Meisters 
erhalten bleibt. Vorläufig sind 30 Nummern versprochen , die 
in 3 Heften (k Mhlr. 4 Ngr. und ( Thlr. 15 Ngr.) erschei- 
nen. Zwei dieser Hefte liegen uns bereits vor, und das Ganze 
wird demnächst vollständig sein. Wir warten daher mit einer 
eingehenderen Anzeige füglich bis zu diesem Zeitpunkte. 

Noch eine weitere Sammlung, eine Anthologie von kleine- 
ren Stücken aus Werken verschiedener Musiker, wird aus 
demselben Verlag unter dem etwas seltsamen Titel ^Perles musir- 
cales, Sammlung kleiner Glavierstücke für Goncert und Salon« 
herausgegeben . Sie zählt bis jetzt 3 5 Nummern (k 5 — i 2 */« Ngr.) 
und bringt Stücke sehr verschiedener Art von S. Bach , Men- 
delssohn, Schumann, Paradies, Reinecke, Eckert, Liszt, Klengel, 
0. Weil, Ghopin und Jadassohn. Es sind mehrere wirklich 
ächte und höchst werthvolle »Perlen« darunter. Ob aber nicht 
auch einige unächte oder Glasperlen? Wir überlassen die 
Entscheidung am liebsten den Perlenfischern und Juwelieren, 
da wir möglicherweise in diesem kostbaren oSaionc-Artikel nicht 
ganz competent sind. 

Wir gelangen zu selbständigen Editionen für Glavier zu 
zwei Händen durch ausschliesslich neuere und neueste Ton- 
dichter. Zuerst nennen wir zwei in ihrer Art sehr merkwür- 
dige Variationenbefle von J. Brahms: Zwei Reihen von Va- 
riationen über ein. und dasselbe Thema von Paganini Op. 35 
(Verlag von Rieter-Biedermann, Preis jeden Heftes 1 Thlr.). 
Dieselben führen auch noch den Titel »Studien für Pianofortec 
und stellen sich dadurch halb und halb auf instructives Gebiet. 
In der Tbat scheint der Gomponist hier sich selbst und andern, 
die ihm in technischer Ausbildung nahe kommen, die schwie- 
rigsten Aufgaben haben stellen zu wollen, die man heute stellen 
kann; es dürften sich wenige Spieler finden, die jenen Schwie- 
rigkeiten gewachsen und sie mit künstlerischer Ruhe zu über- 
winden im Stande wären. Wie hoch der Werth dieser Hefte 
als Gomposition , als Kunstwerk , zu stellen sei ,* getrauen wir 
heute uns noch nicht zu sagen , da wir sie erst einmal voll- 
kommen gut ausgeführt hören möchten. Dass sie in hohem 
Grade geistreich und interessant sind, brauchen wir den Ken- 
nern und Freunden der Brahms^scheA Muse nicht erst zu ver- 
sichern. Vielleicht ist es nur der Mangel an ruhigen und ein- 
facheren Variationen in beiden Serien (von denen jede 4 4 Va- 
riationen bringt) , der dem Ganzen einen etwas stark bravour- 
und virtuosenhaflen Gharakter giebt, der übrigens, wie wir 
glauben, ziemlich verschwinden dürfte, wenn sich an der Aus- 
führung vier Hände auf einem oder zwei Pianoforte betheiligen 



Nr. 7. 



57 



würden. Wir möchteD eine solche Bearbeitung geradezu em- 
pfehlen. — Ferner sind zu nennen : acht Pianofortestüci^e von 
Woldemar (Bargiel Opi 32 (Breitkopf und HUrtel, Preist 
I Thlr. 7 Vi Ngr.). Dieselben scheinen uns zwar nicht auf 
gleicher Hohe mit seinen »Suiten« zu stehen, enthalten aber 
mehrere sehr reizende, auch einfache und liebliche StückCi 
wegen welcher das Heft wohl angesehen zu werden ver- 
dient. Sie setzen keine allzugrosse Technik voraus und kön- 
nen von geschickten Dilettanten bewältigt werden. — Entschie- 
denes Formgeschick , interessante Combinationen, wenn auch 
nicht durchaus noble Gedanken enthält ein Heft »Drei kleine 
Concertstücke« (Die Jagd, Toccatina, Fuge) Op. 5 von dem in 
München sehr geachteten Componisten Joseph Rheinber- 
ger (Verlag von Breitkopf und Härtel, Preis 45 Ngr.). Die 
(blos zweistimmige) Fuge ist ein eigenthümliches Tonstück, das 
nicht gar leicht zu spielen ist; der Titel desselben dürfte an- 
f^efochten werden können, und wäre »fugato« richtiger gewe- 
sen, da sich die Zwischensätze sehr frei gestalten und die 
Contrapunktik nicht bedeutend ist. Im Ganzen sei das Heft aber 
der Kenntnissnahme unserer Leser empfohlen. Die Stücke sind 
frisch, auch nicht ohne Geist erfunden und durchgeführt. 
(Fortsetzung folgt.) 



Münchener Musikleben. 

5 Unsere erste Saison ist beendigt, und wir freuen 
uns Ihnen berichten zu können, dass sie uns des Schönen und 
Interessanten Viel und zwar durchgängig in recht achtens- 
wertber Ausführung brachte. Zwar haben sich, wenn wir nicht 
die allwöchentlichen Symphonieconcerte unseres Tanzmeisters 
Gungl *) als hieher gehörig verzeichnen wollen , die musika- 
Hschen Genüsse diesmal wieder so ziemlich auf die Concerte 
der musikalischen Academie und die Walter^schen Quartett- 
soireen beschränkt, neben welchen nur noch ein Concert des 
Oratorienvereins und eins des Violinisten Herrn Jos. Walter zu 
registriren ist; aber wollen wir das diesmal ganz vermisste 
Einsprechen fremder Künstler mit der tröstlichen Wahrneh- 
mung verschmerzen, dass unsere inneren musikalischen Zu- 
stände noch lange nicht so faul sind, wie sie unlängst von 
einer Autorität, welche i)is jetzt wohl zerstört, aber nichts auf- 
gebaut hat, hingestellt wurden. Vor Allem ist uns der im Ver- 
gleich mit dem vorigen Jahr auffallend starke Besuch der Abon- 
riementconcerte ein Beweis, dass jene viel zu idealen Doctrinen, 
nach welchen unser ganzes bisheriges Musiciren ein unzuläng- 
liches und verkehrtes wäre, in unsern gebildeten Kreisen kei- 
neswegs überzeugend gewirkt haben müssen. Auch war die 
Theilnahme der Zuhörerschaft ungezwungen und lebendig, man 
schied das Gute von dem Herrlichen , bewunderte dieses und 
war für jenes dankbar , und wenn auch jene Concerte nicht, 
wie von gedachter Seite eigentlich gefordert wird , acad emi- 
seben Vorlesungen nach einem infalliblen System glichen, weil 
ja nicht jeder Spieler Academiker und jeder ZuhSrer ein Kunst- 
jünger oder Künstler sein kann, — so sehen wir in ihnen doch 
die guten Früchte einer guten Saat, für deren mühevolle Be- 
stellung wir unserm Meister Lacbner hiermit dem gebührenden 
Dank sagen. 

An altbekannten und immer wieder mit neuer Bewunde- 
rung erfüllenden Werken brachten die Abonnementconcerte die 
gleich reizenden Symphonien in D-dur von Mozart und Beet- 



*) Da diesem neuen Unternehmen unverkennbar die gute Ab- 
sicht zu Grunde liegt, den Geschmack für symphonische Musik in 
weniger gehildeten Kreisen rege zu machen, wollten wir es vorlöufig 
anerkennend erwähnen. Wie es sich künstlerisch gestalten wird, 
ist abzuwarten. Leider scheint der Eifer des Publicums mit dem 
Reiz der Neabeit schon etwas abnehmen zu wollen. 



hoven, Mendelssohn's malerische Ouvertüren »Meeresstille und 
glückliche Fahrt« und zu den »Hebridena, Weber*s Arie aus 
Euryanthe »Wehen mir Lüfte Buh*« und Beethoven*s »Adelaide« \ 
(an welchen Gesängen unser von Lachner aufgefundener und 
unterrichteter Tenorist , Herr Vogl , seine schone Kraft zum 
ersten Mal im Concert mass) . Seltener vorgeführt« Schätze aus 
dem älteren Arsenal waren : ein Duett voll unnachahmlicher 
Grazie aus Mozart* s »/^ re pastoredy womit die Damen Diez und 
Deinet ihre treffliche Coloratur bewährten , ein »AUelujah« für 
Sopransolo aus »Esther« von Händel und ein paar Scfaobert- 
sche Lieder (Frau Mangstl-Hetzenecker ) . Ausserdem machten 
an ihrer Stelle eine feurige Sopranarie aus Rossini*s »Teil« 
(welche in der Oper gewöhnlich weggelassen wird) und ein 
Frauenterzelt ausSpohr*s »Zemireund Azor« eine gute Wirkung. 
An Novitäten für uns kamen von älteren Meistern : eine Gantate 
(E-dur) für Altsolo (mit Glasglocken in E und H) von S. Bach, 
eine merkwürdige Composition, deren Text vom Sterbeglöcklein 
handelt und deren naives Glocken -Accompagnement einem 
Componisten der Neuzeit vielleicht als allzu realistisch verdacht 
würde ; eine Suite in H-moll für Streichinstrumente und Flöte 
(Ouvertüre, Rondo, Sarabande, Bourree, Polonaise, Badinerie) 
von demselben Meister — in allen Sätzen , deren einer den 
andern durch Erfindung und feine Führung des Themas zu 
überbieten scheint, ein wunderbares Muster acht Bach*scher 
Architektonik und Einheitlichkeit ; Ouvertüre zu »Alfonso und 
Estrella« und Entr'acl zur Oper »Rosamunde« von Fr. Schu- 
bert ; schien uns erstere trotz ihrer Frische und Brillanz nicht 
gerade bedeutend , so bedauerten wir bei letzterem, welchem 
wir tieferen Gehalt zuerkennen müssen, unsere gänzliche Un- 
kenntniss der genannten Oper ; nMarche reHgieusem von Gheru- 
bini, ein weihevolles Tonstück, dessen Stimmung dem Priester- 
marsch der Zauberflöte nahe kommt, während es diesen an 
Interessantheit der Instrumentalcombination iloch weit über- 
bietet. Von neueren Tonsetzem hörten wir zum ersten Mal : 
Symphonie in C-moll von Qade (so viel wir wissen zwar schon 
einmal aufgeführt, aber vor so langer Zeit, dass wir sie un- 
bedenklich zu den Novitäten rechnen dürfen) , Ouvertüre, 
Scherzo und Finale von Rob. Schumann, Suite Nr. 3 (F-moU) 
in 6 Sätzen (Präludium, Intermezzo, Chaconne, Sarabande, 
Alla Gavotta, Courante) von Franz Lachner, Ouvertüre zu »Di- 
mitri Donskoi« von Rubinstein, und noch eine Gesangspi^ce 
»An die Nacht«, Phantasiestück für Altsolo und Orchester von 
Robert Volkmann. Begreiflicher Weise concentrirte sich das 
Hauptinteresse der Kenner und Musikfreunde auf jene drei 
grösseren Instrumentalwerke. Gade*s Symphonie scheint uns 
zwar nimmermehr das enthusiastische Lob zu verdienen, wel- 
ches ihm seiner Zeit von Mendelssohn und dem Leipziger Pu- 
blicum zuerkannt wurde, denn dazu dürfte es ihm an positi- 
vem Gehalt, an Prägnanz der Motive, wie auch an dem rechten 
künstlerischen Maass fehlen, gleichwohl ist sie aber durch ihre 
nordisch sagenhafte Stimmung, welche sich selbst noch in dem 
rhythmisch monotonen und sehr lärmenden Finalsatz geltend 
macht, noch immer interessant und einer guten Aufführung, 
wie wir sie hier rühmen können, werth. Einen viel tieferen 
Eindruck machte trotz seiner Anspruchslosigkeit das Werk des 
immer geistreichen Schumann, welches wahrhaft das Verlangen 
nach baldigem Wiederhören rege macht und woraus wir na- 
mentlich das Scherzo als ein wahres Cabinetsstück hervor- 
heben. Mit grosser Spannung und ebenso grossem Beifall nach 
jedem Satze wurde Lachner's dritte Suite aufgenommen. Sie 
reiht sich den beiden ersten , womit der Meister seine spä- 
tere Schafiensperiode so glücklich begonnen und allgemei- 
nes Aufsehen erregt hat, würdig an, während sich in ihr gegen 
jene vielleicht noch ein Fortschritt an Reife und Klarheit der 
Gestaltung wahrnehmen lässt. Dass unser Orchester das Werk 
unter des Componisten Leitung mit Vollendung spielte, ist kaum 



5S 



Nr. 7. 



n5tbtg 211 versichern. — Rubinstein*s Ouvertüre zu »Dimitri 
Donskoitt ist ein TotisUick, welches seinen bei guler Ausfüh- 
rung violleichl immer gesicherten Erfolg mehr seinem leben- 
digen, fast ungesLümüu Rhythmus und seiner glänzenden In- 
älrumenürung als wirklicher Erfindung verdanken dürfte. 

Ausserdem traten in diesen Concerten unser erster Violinist 
Herr Jos. Waller mit einem sehr dankenswerthen Goncerl von 
Viotti und ein Herr Carlyle Pelersilea, der einzige Zugvogel, 
deäsen Besuch jedoch ohne alles Aufsehen vorüberging, mit 
Aodaiite und Rondo cius einem Chopin'schen Concert (Op. H) 
auf. Htrr Walter sptelle , wie imhuer, vortrefflich. 
(Schluss folgt.) 



Berichte. 

Leipzig. Armen«Concert im Gewandhause. (Erster 
Theil: Ouvcrlüro zu Leonore Nr. i von Beethove^. Arie aus 
rter Scliöpfung »Auf starkem Fittiche« von Haydn [Frl.Asmiude 
Ubnch aus Hannover]. Concert für die Violine von Litolff [Hr. 
Ilreyschock]. Arie aus Semiramis von Rossini [Fräul. übrich]. 
Zweiter Thüih Clavier-Concerl in C-moll von Beethoven [Herr 
üibor nus Hanno vei]. Lieder mit PianofoHebegleitung »Ich 
hör* ein Vöglein lookenu von Mendelssohn, »Dem HerzuUerlicb- 
slens von Tauberl [Frl, übrich]. Ouvertüre zu Genoveva von 
Schumann.) 

S, B, Dieses Concert bot im Ganzen insofern mehr Inter- 
esse durch dif^ Sololelstungen, als die betreffenden älteren und 
schonen Werke bekannt sind, das einzige ziemlich unbekannte 
aber, das Xi toi ffsche Concert, nicht schön genannt werden 
kann. Von den Solisien also erregte Fräul. Übrich durch 
schöne, klangvolle^ weiche Stimme, ersichtliche tüchtige Stu- 
dien, deutliche Anssprfiche und einen edlen Vortrag besondere 
Aufmerksamkeit , die i^ich in lebhaften Beifallsspenden aus- 
sprach. Eine strenge Kritik würde noch manches auszusetzen 
haben. Die Arie von H;jydn verlangt einen musikalisch präci- 
seren unil einfacberen Vortrag, auf der andern Seite tiefere 
AufTuüSung des Textes, Als Schwächen erschienen noch der 
Triller, dann die rhythmische Behandlung und eine gewisse 
SJotiototiie der Toiifarben. Die Rossini'sche Arie zeigte, dass 
die be^'ctbto Sängerin auch viel Anlage zur Coloratur bat, 
wenngleich lelj^tere noch vollkommener gedacht werden kann. 
Mit den beiden Liedern (unter welchen das Tauberrsche uns 
!%elner etwas coqu eilen und virtuosenhaften Haltung wegen am 
wenigsten gefiel) fand Frl. übrich so viel Theilnahme, dass sie 
noch ein drllles, »0 Sonnenschein« von Schumann, zugab 
und unter allgemeinem Beifall schied. — Herr Labor, der in 
Wien seine ersten Studien gemacht hat, jetzt als Kammerpianist 
bei dem Konig von Hannover angestellt ist, und das Unglück 
i^at, seit seiner Jugend des Augenlichts beraubt zu sein, stellte 
.sich mit dem fieethoven'schen Concert als ein wahrer ächter 
Künstler dar. Erstaunlich ist unter den obwaltenden Verhält- 
nissen die Sicherheit seines Spieles; noch mehr werth aber ist 
uns der künstlerische Ernst, von dem sein Spiel durchdrungen 
ist, sein ebenso verständiger und einfacher, wie warmer und 
seelenvoller Vortrag — Eigenschaften, die ihm sofort die Sym- 
pathie des Auditoriums , selbst ohne Rücksicht auf seine Per- 
büUt verschafften. — Herr Drey schock hatte sich von vorn- 
herein durch eine unglückliche Wahl seinen Erfolg erschwert. 
Das LitolfTsche Concert, ohne musikalische Gedanken, nur 
einen Wust von chromatischen Accorden mit vielem Blechgetöse 
enthaltend, ist zugleich mit Schwierigkeiten erfüllt, denen Herr 
Drt^yschock nicht ganz gewachsen ist, und die vor Allem eine 
gewUsi' Keckheit und Kühnheit des Vortrags verlangen, die 
diesem I^Jusiker ebenfalls^ nicht eigen sind. Das Publicum übte 
indess Nachsicht und war gutmüthig genug, Hrn. Dreyschock 
zu rufen. 



Nachrichten. 

Hamburg. Im letzten philharmoDischen Concert spielte Joachim 
Spütu's E moll-Concert und Schumann's Amoll-Phantasie. Der Bei- 
fall war, wie immer, ausserordentlich. Stockhausen sang die Le- 
porello-Arie aus Mozart's »Don Juan« und Lieder von Rubinstein, 
Mendelssohn und Brahms. Von Letzteren aus Tieck's Magelone ^ar 
namenUich das erste ungemein interessant. Die Orcbesterwerke des 
Abends waren Mozart's Cdur- (Jupiter-) Symphonie und Beetho- 
ven's Coriolan- Ouvertüre. — Am 28. Januar wurde Beethoven's 
neunte Symphonie und Mendelssobn's Walpurgisnacht unter Lei- 
tung der Herren Stockhausen und Grfidener im neuen Sagebirschen 
Concerlsaal in einer Weise zu Gehör gebracht, die, was den gesang- 
lichen Theil betrifft, aufs Neue dengutenRuf derStockhausen'schen 
Singacademie bestötigte. Die Solisten waren Frl. Rosa Mand6 von 
hier, Fräul. Pressler aus Berlin , Herr Schild aus Leipzig und Herr 
Stockhausen in der Walpurgisnacht, in der Symphonie Hr. Blelzacher 
aus Hannover. — Herr C. v. Holten, unser erster hiesiger Pianist, 
«ab am 25. Jan. seine zweite Trio-Soiröe, unterstützt von den Herren 
Böie, Schmahl und Lee. Das Programm bestand aus Schumanns 
Dmoll-Trio, Beethoven's Cello-Sonate C-dur, Variationen B-dur für 
Clavier allein von ßchubert und Mozart's Esdur-Quarlett. Herr 
V. Holten verbindet mit vollendeter Technik einen wahrhaft classl- 
schen Ausdruck, jeden Meister giebt er in der, demselben vollkom- 
men gerecht werdenden Vortragsweise. Das Zusammenspiel Hess an 
manchen Stellen zu wünschen übrig, da die andern drei Künstler 
sich an diesem Abend nicht in gewohnter Weise zeigten. — Das 
zweite diesjährige Abonnement-Concert des Cäcilien-Vereins unttr 
Leitung des Hrn. Voigt fand am 96. Jan. statt und brachte ausser 
einer Reihe trefllicb ausgeführter Lieder a capella, eine Symphonie 
von Haydn (B-dur), Zigeunerleben von Schumann mit Instrumen- 
tirung von Grädener, Chöre mit Orchester von Hauptmann , Mozart 
und xMendelssohn. Der ausgezeichneten Schule, welche sich der 
Verein unter der Leitung seines vortrefflichen Dirigenten zu erfreuen 
hat, verdanken wir bei jeder Aufführung den edelsten Kunstgenuss. 
— Johannes Brahms war hier einige Tage anwesend. — Am 28. Jan. 
hielt Herr v. Dommer seinen vierten Vortrag in dieser Saison. — 
Allabendlich wird jetzt Meyerbeer's »Afrikanerin« gegeben. 

Basel. Die diesjährige Concertsaison brachte uns in ihrer ersten 
Hälfte bis Neujahr: A. Kammermusiksoireen der Herren Musikdirec- 
tor Reiter, Abel, Fischer und Kahnt. L (H. Oct.) Cherubini, Quartett 
D-moll Nr. 3. Bach, Sarabande, Menuett, Corrente aus der ersten 
Sonate für Violoncell. Schumann, Quartett Op.44 Nr. 2. U. (84.0c- 



— y. Im achten Goneerte der Eoterpe hörten wir zu- | 
nächst an Orchesterwerken Scbumann*s Genoveva-Ouvertöre 
und Schuberts Cdur- Symphonie, deren ersterer wir in der ' 
Reihe der Schumann*schen Productionen einen nicht unbedeu- 
tenden Rang anweisen , deren letztere auch diesmal — trotz 
einiger Wüstbeit des Finale — ihren eigenthömlichen Zauber 
auf tins auszuüben nicht verfehlte. Beide Werke wurden in 
höchst anerkennenswertber , zum Theil glänzender und nur 
etwa bie und da allzu greller Weise ausgeführt. Ausserdem 
spielte Frau Sara Heinze das G moll - Concert von Moscheies, 
dann ein Nocturne von Chopin (Op. i 5 Nr. J) und eine Polo- 
naise von Liszt (Nr. % in £s-dur) mit brillanter Technik und | 
unter lebhaftem verdientem Beifalle. An den Gegenständen 
ihrer Vorträge konnten wir uns indessen, einiger wirklich schö- : 
ner Partien des genannten €oncerts und einzelner geistreicher 
Züge jener kleineren Pi^en ungeachtet, nur höchst bedingt er- 
freuen. Endlich wurde uns noch durch Herrn Rebling nebst 
einer Arie aus Mozart's »Don Juan« (»Ein Band der Freundschaft 
fesselt uns Beide«) Beethoven^s Liederkreis »An die ferne Ge- 
liebte« vorgeführt. Das Auditorium hat diesen Vortrag wenig- 
stens nicht ungünstig aufgenommen, von andern Seiten hat 
man denselben sogar mit grosser Auszeichnung hervorgehoben, 
da wollen wir es denn aus Achtung für die sonstigen Verdienste 
dieses Sängers vorziehen, lieber ganz stille zu schweigen, um 
einen allzu grell hervortretenden Contrast zu vermeiden. Nur 
dass dieser mit allen Theatermanieren am unpassendsten Orte 
durchwirkte Vortrag, wie geäussert wurde, dem kürzlich 
durch Herrn Gunz gebotenen vorzuziehen gewesen sein sollte : 
dagegen allein zu protestiren, können wir uns nicht enthalten. 



Nr. 7. 



59 



iober.) Schubert, Trio in Es (Ciavier Herr Vallat aus Wiesbaden). 
Lieder mit Violoncell von Reiter (Frl. Rüttimann). Beethoven, Quar- 
tett Op. 130. III. (U.Nov.) Beethoven, Quartett Op. 18Nr. 6. Schu- 
mann, Trio in G-moll (Ciavier Herr Stockhausen). Mozart, Quintett 
in C-dur. — B. Triosolr^ der Herren Theod. Kirchner, Jean Becker 
und Hilpert. (16. Oct.) Beethoven, Trio Op. 70 Nr. 2. Violine und 
Ciavierstücke. Schumann, Trio in D-moll. (Das angekündigte Cello- 
Concert von Servals (I) blieb weg.) — C. Abonnement-Concerte der 
Concertgeselischaft unter Direction des Hrn. Musikdirector E. Reiter. 
I. (15. Oct.) .Mozart, Symphonie C-dur mit der Fuge. Haydn, Arie 
aus der Schöpfung »Auf starkem Fittich« (Frl. Rohn vom Hoftheater 
in Mannheim). Beethoven, Leonoren-Ouvertüre Nr. 1 . Herold, Arie 
aus dem Zweikampf (Frl. Kohn). Spohr, Adagio, Menuett und Finale 
aus dem Nonett Op. 81. Weber, Oberon-Ouverttire. II. (29. Octbr.) 
Mozart, Zauberflöte-Ouvertüre. Schumann, Clavier-Concert (Frau 
Wilh. Szarvady-Clauss}. Lachner, Arie aus Cath. Cornaro (Fräul. 
RHtmann). Cherubini, Medea-Ouvertüre. Gavotte variäe, Notturno 
(F-moH), La chasse von Rameau, Chopin und St. Heller (Frau Szar- 
vady). Beethoven, Symphonie F-dur Nr. 8. III. (12. Nov.) Haydn, 
Symphonie C-moU. Mozart, Briefarie aus Don Juan (Frl. M. Schrö- 
der). Mendelssohn, Melusinen-Ouvertüre. Rossini, Arie aus i>Semi- 
ramis« (Frl. Schröder) . Spohr, Adagio und Rondo des zweiten Clari- 
nett-Coucerts (Herr Andr. Lang). Zwei Lieder: Loreley von Liszt 
und »Er ist gekommen« von R. Franz (Fräul. Schröder). Boieldieu, 
Rothküppchen-Ouvertüre. (Schluss folgt.) 

In Eisenach sind nach dreyähriger Pause durch die Thatig- 
keit des Hrn. Musikdirector HermannThureau wieder »Sympho« 
oie-Concerte« zu Stande gekommen, von welchen das erste am 
S9. Novbr. V. J. , das zweite am 2. Febr. d. J. stattfand. Wer die 
Schwierigkeiten kennt, die einem solchen Unternehmen in einer Stadt* 
entgegenstehen, die kein stehendes Orchester hat, wird Hrn. Thureau 
für seinen Kunsteifer Dank wissen. Das erste Concert brachte Haydn's 
Militär-Symphonie, Mendelssohn's Ouvertüre zur »Heimkehr aus der 
Fremde« und eine Anzahl vou Solopi^cen für Gesang und Violine. — 
Im zweiten Concert, dessen Programm bereits einen bedeutenden 
Fortschritt zeigt, wurden ausser Gluck's Ouvertüre zu Iphigenie in 
Aulis, Mozart's Maurerische Trauermusik und Symphonie -in D(ohne 
Menuelt), vom Eisenacher Kirchenchor, der ebenfalls unter der Lei- 
tung des Hrn. Thureau steht und 64 Mitglieder zählt, Chöre a capella 
von Witzlav (14. Jahrb.), Paleslrina, Bortniansky und Mendelssohn 
ausgeführt. Auch ein Männergesangsconcert fand statt, in welchem 
unter andern Chöre von Reinecke und Rietz zur Aufführung gelang- 
ten. — Möchte es Hrn. lliureau gelingen, den Sinn für gute Musik 
in der kleinen aber schönen und interessanten thüringischen Stadt 
aufrecht zu erhalten und zu vermehren 1 

Die Herren Maurin, Sabatier, Mas, Val. Müller und Th. Ritter in 
Paris haben einen Cyklus von 4 »S^nces« für Instrumentalmusik 
angekündigt, welche ausdrücklich der Ausführung von Werken von 
S. Bacb, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Weber, Mendelssohn 
und Schumann gewidmet sind. Der erste Abend brachte Beethoven's 
grosses B-Quartett Op. 180, Mozart's Pdur-Quartett und Beethoven's 
Clavierconcert in C-moU, wobei etwas seitsamer Weise das Accom- 
pagneaient von doppeltem Quartett und Orgel (? Harmonium?) aus- 
geführl wurde. Warum wurde nicht lieber Kammermusik gewählt, 
ein Ciaviertrio, Quartett oder Quintett? 

Der Verein für classische Kirchenmusik in Stuttgart brachte 
am 80. Jan. Händers »Samson« zur Aufführung. Die Soli waren durch 
Stuttgarter Theaterkröae besetzt. 

Der Pianist und Componist Herr Deprossehat Frankfurt a.M. 
verlassen und ist nach Coburg übergesiedelt, um sich dem dortigen 
Conservatorium des Herrn A. Pranz als Lehrer anzuscbliessen. 

Zur Berichtigung. Rückert war nicht 1789, sondern 1788 
geboren. — Der in voriger Nummer angezogene Artikel in der Augs- 
burger A. Ztg. ist nicht von Schletterer, sondern von Prof. Schaf- 
hautl in München. 



MiBcellen. 

Paleftlrioa's Vorreden zu selneia Motetteo. In deatseher 
Ucbersetsung. 

(Vergt. die Anzeige derselben in Nr. 1 and S d. BI.) 

1. Vorrede zum ersten Bande. 

Dem Durchlauchtigsten Fürsten Hippolyt von Este, Presbyter der 

heil. röm. Kirche , Cardinal von Ferrara — zum Grusse von 

Johannes Petraloysius von Pröneste. 

Dass der Musik eine grosse Kraft beiwohne , die Gemüther der 

Menschen nicht allein zu erheitern , sondern auch zu beherrschen 

und sie, wohin man will, zu lenken , das haben schon die Weisesten 



unter den Alten sammtüch behauptet, und die Sache selbst beweist 
sich alle Tage. Um so schärferen Tadel verdienen Diejenigen, die eine 
so grosse und vortreffliche Gottesgabe nicht blos zu eitlen Dingen 
und Possen, sondern sogar als ein Reizmittel zu stärkerer Erregung 
der Lüsternheit und Schlechtigkeit missbrauchen , als ob die Men- 
schen nicht von Haus aus schon zu allem Schlimmen geneigt wUren. 
Ich nun für mehien Theil habe schon in meiner Jugend solche Un- 
sitte verabscheut und mich sorgsam in Acht genommen, dass nichts 
von mir ausginge, wodurch irgend ein Mensch schlechter und gott- 
loser werden könnte. Desto mehr versteht es sich für mich von 
selbst, dass ich jetzt, in reifen und dem Greisenalter sich nähernden 
Jahren an demselben Grundsatze festhalte und was ich irgend be- 
sitze an FUhi^keit jener Art -;- wovon ich wohl fühle, dass sie nicht 
bedeutend ist — doch, so klein sie immer sein mag, gönzlich nur auf 
wichtige , ernste und eines Christen würdige Dinge verwende. Da 
ich dies für alle Zukunft zu thun entschlossen bin, so lege ich Dir, 
Durchlauchtigster Fürst, dieses Buch gleichsam als ein Pfand dieser 
meiner Gesinnung zu Füssen, in welchem ich eine nach den Haupt- 
festen des ganzen Jahres bemessene Auswahl von Gesängen nieder«* 
gelegt habe, die in der Kirche aufgeführt zu werden pflegen. Dieser 
Sammlung werden, so Gott will und ich das Leben habe, noch an- 
dere gleicher Gattung folgen, die Dir zeigen mögen , dass die Wohl- 
thaten, die Du täglich mir erweisest, einem Menschen zufliessen, 
der, wenn er auch sonst durch nichts sich auszeichnet, doch wenig* 
stens kein nichtsnutziger Faullenzer ist. 
Rom, den 7. Mai 1569. 

2. Vorrede zum zweiten Bande. 
Dem Durchlauchtigsten Fürsten, Wilhelm, Herzog zu Mantua, zum 
Grusse von Johannes etc. (wie oben). 

Oft und viel habe ich, vortrefflichster Fürst, bei mir bedacht, 
auf welche Art ich wohl im Stande wäre, die ganze Verehrung, zu 
welcher ich Dir in hohem und ausgezeichnetem Maasse verbunden 
bin, aller Welt kund zu thun, und das mit um so grösserem Eifer 
undFleisse, weil die Woblthaten , die ich Dir verdanke, so gross 
sind, dass ich weiss, ich wäre von der schweren Schuld des Un- 
danks auf keine Weise freizusprechen, wenn ich nicht mit allen 
Kräften mich anstrengen würde, jene Absicht auszuführen und jenen 
Zweck zu erreichen. Deshalb widme ich Deinem Namen diese ge- 
ringen Gaben, in welchen Du auch die mit eingestreuten Erstlinge 
meines Bruders und meiner Kinder zu kosten nicht verschmähen 
wollest, damit Du recht deutlich erkennst, nicht ich allein, sondern 
mein ganzes Haus zolle Dir höchsten Dank. Mir wird dies zu desto 
grösserer Lust und Freude, weil ioh diese Gesänge Demjenigen 
widme, der, wie in allen andern eines Fürsten würdigen Künsten, 
so auch in dieser sich auszeichnet. Die Welt soll wissen, was diese 
Gesänge irgend für menschliche Ohren Liebliches, Anmuthiges und 
Schönes haben, das sei gänzlich von Dir ins Leben gerufen und geför- 
dert. Lebe wohl. (Ohne Datum.) 

8. Vorrede zum dritten Band. 
Dem allergnädigsten Fürsten , Alphons IL ,- Herzog von Ferrara, 
Modena und Reggio, — zum Grusse von etc. (wie oben). 

Als ich mich auf den Wunsch meiner Freunde entschlossen hatte, 
von den Gesängen, die im öffentlichen Gottesdienste gesungen wer- 
den, ein drittes Buch herauszugeben , so habe ich vor Allem Dich, 
allergnädigster Fürst, dazu ausersehen, diese Sammlung Dir zuzu- 
eignen und zu weihen. Denn nachdem ich viele Jahre lang dem 
durchlauchtigsten und hochwürdigsten Cardinal Hippolyt, seligen 
Angedenkens, alle Verehrung und Hingebung meines Herzens gewid- 
met habe, so Ist mir wohl bewusst, dass ich eine grenzenlose Ehr- 
furcht dem ruhmvollen Namen Este (überhaupt) schuldig bin. Des- 
halb hat mir auch seitdem das Herz gebrannt von dem Verlangen, 
durch irgend ein Zeugniss meine tiefste Ehrerbietung gegen Dich 
darzuthun. Und da ich dies auf einem andern Wege» nicht zu be- 
werkstelligen vermag, so ist meine Bitte, dass diese Arbeit, auf 
welche ich den höchsten Fleiss verwendet, in Deinem Namen an die 
Oeffenllichkeil gelange. An Dich geht darum meine innigste Ritte, 
Du wollest dies, mein Geschenk, so gering es auch ist, willig und 
gern entgegennehmen ; hat doch auch Artaxerxes, der grossmüthige 
König von Persien , den Trunk reinen Flusswassers , in der Hand 
eines Bauern ihm angeboten, nicht verachtet, noch zurückgewiesen. 
Leb wohl, gnädigster Fürst; Gott der Allmächtige erhalte Dich lange 
auf Erden wohl und gesund. [Ohne Datum.) 



Briefkasten der Bedaction. 

B. G. in St. ihr Aufsatz beginnt in der folgenden Nummer. — 
E. K. in G. Aufgeschoben ist nicht aufjgehoben. 



60 



Nr. 7. 



ANZEIGER 



[S51 



Gesuch. 



Man wünscht für die Bäd<>r von Niederbromi (Elsass) auf drei 
Monate, vom 10. Juni bis ^0 September, foJgende Künstler zu euga- 
giren : Sine Violine solo — einen guten Flötisten — ein Cor- 
net ä piston solo — einen Contrabaasisten — und einen 
Trombonisten* Sich franco zu wenden an Herrn Rondelet, D i- 
rector der Böder, MünsterpIatB 2 in Strassbnrg. 



[36] Im Verlage von F. E. €. Lcackart in Breslau erschien 
soeben : 

Haydn, Mozart nnd Beethoven's 

K i r c li e n m n s i li 



und ihre Gegner. 

Von 

Br. frans Lorenz. 

Elegant geheftet Freie 15 Bgr. 

Der unabhängige Standpunkt dieser Schrift, die Fülle neuer Ge- 
sichtspunkte und bisher unbekannter Thatsachen, die sie, den Gegen- 
stand von allen Seiten beleuchtend, beibringt, werden nicht verfeh- 
len das grösste Interesse zu erregen. 



In deiTiselben Verlage erschienen früher: 

Ambros, Dr. A. W., tiescliichte der Musik. Mit zahlreichen 
Notenbeispielen. Erster Band, Preis: 8Thlr. Zweiter Band, Preis: 
4 Thir. 

Brosts, 9I^^'^>« ModuUUoiistbeori« mit BpispieleB. Preis : 
10 Sgr. 

Kothe, B., Aaserlesene IJeder der knthoiisclien Kirche für 
alle Zeiten des Kirchenjahres. Nebst einem Anhange von Marien- 
liedem für die Maiandacht. Zum Gebrauch für höhere Töch- 
terschulen nnd geistl. Genossenschaften. Dreistimmig bearbeitet. 
Preis: 7+ Sgr. 

Westphal, Radolf, Geschichte der alten und initteiaiter- 
lichen Musik. Erste Abtheilung. Preis : 1 ThIr. 20 Sgr. 

Westphal, Rudolf, System der antiken Rhythmik. Preis: 
4 Thlr. 45 Sgr. 

Wolzogen^ Alfred Freiherr von, Leber die scenische Dar- 
stellung von Mozarts Don Giovanni, mit Berücksichtigung 
des ursprünglichen Textbuches von Lorenzo da Ponte. Preis : 
4 5 Sgr. 



J. H,iotoi*-13io<loiriii»iiii 

in Leipzig und Winterthur. 

THEODOR KIRCHNER. 

Op. 2. Zehn Ciavierstücke. Heft i. 27 J Ngr Heft 1. iö Ngr. 

Op. 7. Albumblötter. Nenn kleine Ciavierslücke. 25 Ngr. 

Op. 8. Scherzo für das Planofortc. 1 5 Ngr. 

Op. 9. Präludien für Ciavier. (Frau Clara Schumann gewidmet.) 
2 Hefte ä 4 Thlr. 5 Ngr. 

Op. 10. Zwei Könige. Ballade von Em. Geibel für Bariton und 
Pianoförte. (Seinem Freunde Julius Slockhausen ge- 
widmet.) 45 Ngr. 



f'®' Neue Musikalien« 

Soeben erschienen bei Fr KlStiier in L e i p z i g mit Figen- 
thumsieclit: 

Tblr. Ngr. 
Appel, Karl, Op.28. Saionclück für die Violine mit Beglei- 
lunji des Pianoforte — 20 

Op. 29. 2 Lieder : Noch sind die Tage der Hosen — 

Schlaf sanft mein Lieb ! — für vier Männerstimmen (Solo 

und Chor). Partitur und Stimmen . • — 22{ 

Brambach,C.Jo8.t Op.lO. Trost in Tönen — fUr gemisch- 
ten Chor mit Orchesterbegleitang. Partitur — 20 

Orchesterstimmen. . — 45 
Chorstimmen . . ^i — 40 
Ciavierauszug . . . — 15 

Brunner, CT., Op.446. Kleine Melodien für Anfänger des 
Clavierspiels in leichtester Weise und fortschreitender 
Stufenfolge zu vier Händen — als Beigabe zu jeder 
Ciavierschule. Heft 4— 8 ä — 15 

Davidoff, Chs., Op. 14. 2"^ Concerto pour le Violoncelle. 
avec Accompagnement d'Orchestre ou de Piano. Avec 
Orch 4 40 

Breyschook, Alex., Op. 139. Nocturne (ta jeune capttve) 
pour le Piano .• — 40 

Op. 140. Chanson sans paroles (La Bergeronnette) pour 

le Piano . . — 10 

Henrion, Paul, »A bridc Abattue«. Fantaisie-Oalop pour 
Piano — 15 

Hom, August, Op. 23. Frühlingslied — Gedicht von Bo- 
denstedt für eine Singstimme mit Begleitung des Pfte. . . — 7l 

Kuntze, C, Op. U3. Drei Quartette — Nr. 1. Liebesfrüh- 
ling von Marie Ihring — Nr. 2. Der Kuss von Th. Dro- 
bisch — Nr. 8. Wie hab' ich dich so lieb von C. W. Mül- 
ler — für Männerstimmen. Partitur und Stimmen . . . — 221 

Iiow, Jos., Op. 3. Dans la Solilude. Rdvarie pour Piano . — 40 

Op. 4. Zwei melodiöse Ciavierstücke — Nr. 1. Zuver- 
sicht — Nr. 2. Sorjziosigkeit h — 10 

Op. e. Novellette pour Piano — 40 

Iiuft, J. H«, Op. 20. Noctnrne pour l'Hautbois av. Accom- 
pagnement de Piano — 25 

Methfessel, Alb., Op. 156. W^ann o wann? Dichtung von 
Em. Geibel ~ für vierstimmigen Männergesang (Chor und 
Solo). Partitur und Stimmen — 17t 

Normann, L. , Op. 12. Drei Ciavierstücke im Scherzo- 
charakter — 25 

Pauer, ISmst, Op.60. Studie (Variationen im ernsten Styl) 
über ein Thema aus: G. F. Handers »Samson« ftir das 
Pianoforte 4 — 

Baff, Joachim, Op. U8. Valse favorite pour Piano . . . — 15 

Op. 119. Phantasie für Pianoforte . . — 15 

-• — Op. 120. Spanische Rhapsodie für Pianoforte . . . — 15 
Voss, Gh., Op. 287. Transcript ions Italiennes. Nr. 4. Scäne 

et Air d'Egberto de TOpera »Aroldo«deG. Verdi pour 
Piano — 45 

Nr. 5. Sc^ne et Duo d'Amelia e Gabriele de l'Op^ra : 

»Si mon Boccanegraa de Verdi pour Piano . . . . — 15 

Nr. 6. Sc^ne et Duo de Lina e Slankar de l'Opöra : 

»S tif fei io« de Verdi pour Piano — ^^ 

Walkerling, Op. 2. Zwei Stücke ftir das Pianoforte . . . — <S 

[39] Im Verlag von Präger & Meier in Bremen ist er- 
schienen : 

^tt ber §infegttttng$feier 

„0 keilger Geisl kehr bei ods ein'' 

feieirlicliei- M:a.i*sol& füi- das Pianoforte 

von W. Taubert. 

Op. 154. 

Ausgabe zu vier Httnden Preis 20 Ngr. 
j- zwei - - 45 - 







Di« Lelpiigar AUgemeine MubUa- 

UmIm Zeitung erMheint refelmttnig an 

Jedem Mittwoch und Ut durch aUe 

Poetimtflrund Buchhandlungen 

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Leipziger Allgemeine 



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VierteUährliohePfftnum. i Ihhr. 10 Kp. 
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deren Baum 2 Ngr. Briefe und Gelder 
en franeo« 



werden i 



»erbeten. 



Musikalische Zeitung, 



Verantwortlicher Kedacteur: Selmar Bagge. 



Leipzig, 2t Februar 1866. 



Nr. 8. 



L Jahrgang. 



Inhalt: Zweifelhafte Stellen im Manuscripl der Don Juan-Partitur. — Die moderne »grosse« Oper und die Musik im Concert. — Münchener 
Musikleben (Schluss). — Berichte aus Berlin und Leipzig. — Nachrichten. — Zeilungsschau. — Anzeiger. 



Zweifelhafte Stellen im M anuseript der 
Don Juan -Partitur. 

B. G. Die gedruckte Partitur des Don Juan lässt an ver- 
schiedenen Orten Uniichtigkeiten theils in den Noten, 
theils in der Textunterlage mit einer an Sicherheit gren- 
zenden Wahrscheinlichkeit erkennen. Das Verlangen, über 
solche Punkte in's Klare zu kommen, war für mich die 
nächste Veranlassung gewesen, Einsicht der Quelle zu 
suchen, und Madame Viardot-Garcia hatte in freundlicher 
Güte mir wahrend eines Aufenthalts in Baden-Baden zu 
Ostern v. J. gestattet, das Manuscript mit dem Druck zu 
vergleichen. Diese Vergleichung führte (abgesehen von 
den bereits durch Jahn gegebenen Berichtigungen) auf eine 
weit grössere Zahl von Fehlern als vermuthet war. Neben 
vielen falschen Noten in den Instrtimental- und Singstim- 
men finden sich auch Lücken oder Einsatzversptttungen 
der Blasinstrumente, üngenauigkeiten im Text, Ausfälle 
oder willkührliche Abänderungen von Vortragsbezeich— 
Dungen und Anderes. *) 

Indess soll hier nicht ein Druckfehlerverzeichniss mit- 
getheiit werden. Der Zweck dieses Aufsatzes ist viel- 
mehr, einige im Manuscript selbst zweideutige oder zwei- 
felhafte Stellen zu besprechen und die von Jahn angeführ- 
ten (in denDruck noch nicht übergegangenen} Kürzungen 
zur Verhandlung zu bringen. 

Behufs der Citate werden die Seitenzahlen der ge- 
druckten Partitur sowohl für die erste Ausgabe (Typen- 
druck) als für die zweite (gestochene Platten] gegeben 
werden, in der Art, dass die von Klammern [ ] umschlos- 
sene Zahl immer die ältere Ausgabe angeht. (In den 



*) Einigemal scheint die Rücksicht auf die deutsche Textüber- 
setzung zu Aenderungen an der Singstimme verleitet zu haben. Ein 
starkes Beispiel hiezu enthält die nacbcomponirte Arie der Elvira 
{Mi tradij, wo überdies auch der italienische Text geändert ist. Dort 
namhch heisst die Stelle vor der Fermate im Manuscript so: 



p= 



Tn^r\t in\-¥^ir-!u^ 



vä; pal 



pi - - tan 



do. Mi . tra- 



verschiedenen Glavierauszügon, für welche Seitenangaben 
nicht möglich sind, dürften sich die zu citirenden Stellen 
aus anderweitigen Andeutungen ohne grosse Mühe auf- 
finden lassen.) 

1) Zu Anfang der ersten Arie Anua's (»0»' «a») , S. 90 
[475], soll im Bass das erste Viertel des ersten Taktes*) 
aller Wahi'scheinlichkeit nach nicht eine Note, sondern 
eine Pause sein. Allerdings sind im Manuscript Note und 
Pause so in- oder übereinander geschrieben , dass man 
nicht sogleich entscheiden könnte, was das Ursprüngliche 
und was Gorrectur ist, wenn nicht der Bau der ganzen 
Stelle Aüfschluss gäbe ; dieser Bau aber lässt kaum be- 
zweifeln, dass die Pause gelten soll. Das versptttele Ein« 
setzen des Basses ist für die ersten sechs Takte^ charak- 
teristisch und würde sich im Anfangstakt bei Geltung der 
Note verwischen. Dass* im letzten Takt des vorausgehen- 
den Recitativs der Bass mit dem Domiuant-Accord das A 
anschlagt, dem ein D folgen soll, spricht nicht gegen die 
Pause ; der Grundton D ist durch Fagott und Uorn vorerst 
hinreichend vertreten. Auch dass mit Beginn der Arie die 
Instrumente piano einsetzen, nachdem der auf A voraus- 
gegangene Accord forte angeschlagen war , deutet auf die 
Pause weit mehr als auf die Note.**) — Bei der Wieder- 
holung der Stelle, nach der Fermate, hat die gedruckte 
Partitur S. 92 [178] auf dem ersten Viertel wirklich eine 
Pause im Bass, und dies könnte man ohne Vergleichung 
mit dem Manuscript leicht für eine Bestätigung der eben 



*) Im ersten und zweiten Takt ist die Prim- Violine falsch ge» 
druckt ; sie hat die Sextoie nicht mit d a auszuführen , sondern mit 




**) Bei genauerer Betrachtung der Manuscriptstelie glaubt man 
ihre Entstehungsgeschichte zu lesen. Die Note — sehr blass und 
mit ungemein grossem Kopfe — sieht gerade so aus , als wäre sie 
durch leichtes Auftippen mit der Fingerspitze oder mit schlechtem 
Löschpapier aus einer in gewöhnlicher Grösse frisch geschriebenen 
entstanden. Das Auftippen sollte ohne Zweifel ein Löschen sein. In 
den so erweiterten Kopf ist dann die Pause hineingeschrieben. 
(Gleich daneben ist ein Tintenfleck in ähnlicher Weise aufgetippt.) 

8 



62 



Nr. 8. 



ausgesprochenen Ansicht halten. Allein die.smal ist die 
Pause falsch ; Mozart's Bass heisst dort 



g g:lJj^gLLJ 




^^ 



Daraus fotgl jedoch keineswegs, daas auch beim ersten- 
mal die N'olr das Wahrscheinlichere sei. Die Sache liegt 
bei der Wiederholung insofern wesentlich anders, als jetzt 
der Bai^s nicht, wie am Anfang, das D in der zweiten 
B'Sihe des ThIlIs nachbringt, sondern sogleich nach H sich 
wendet, weil der zu Anfang zwischen dem A-dur und 
dem Einsatz der Singstimme liegende Takt (in D-dur} hier 
ausgefntten UX. [Ein für Mozart^sche Feinheit empfängliches 
Ohr wird sogleich finden, dass der Anfangstakt durch 
W iederhoJ ung der Pause gewinnt. Das zweimalige An- 
schlagen des Grundtons im Contrabass , wie es gedruckt 
steht) klln|4l dort etwas platt.) 

2) Aus Jahns Werk (IV, S. 396, Note) weiss mau, dass 
ttn Finale des ersten Acts zu Anfang des Menuette, S. 137 
[239], die- Noten und Worte zu Juan's i>Meco tu dei ballare, 
Zerlifia , vicfi pur quÖA in der Handschrift fehlen. Aller- 
dings stehen auch keine Pausen dort, was aber nichts be- 
weisen würde, da das Ausfüllen leerer Takte durch Pau- 
sen oft genuj^ uuiarlassen ist. Etwas Unklares behält die 
Stelle dennoch. Jene Noten finden sich schon in einer Ab- 
schnfl (auf der Musikalienbibliothek des Stuttgarter Hof- 
theaters), welche nach unzweideutigen Kennzeichen weit 
illter ist, als die gedruckte Partitur, von der sie nicht blos 
in der deuLscbeii TexttLbersetzuug abweicht. Im Prager 
Textbuch (S. S8 der neuen Veröffentlichung durch Sonn- 
teithner] kommen die Worte litneco tu dei bcUlare^i gar nicht 
vor; dagegen stehen dort die von Juan später noch zu 
singenden Worte ml tuo compagno io sono^ Zerlma, vien pur 
quäd dem Aufruf [.eporello^s »da bravi via balUUe^i voran. 
Nach dem Ganzen der Handlung kann es das Natürlichere 
scheinen, daas Juan erst dann sich näher mitZerlinen be- 
schäftigt, wenn Leporello auf seines Herrn Geheiss (»i46a(ia 
tieti Masettölif) sich an Masetto gemacht hat. Andererseits 
aber muss Juan rechtzeitig verhütep, dass sich Zerliua 
von Masetto oder einem andern Burschen zum Tanze füh- 
ren lässl, und dann hätte er gleich anfangs seine vorläu- 
fige Aufforderung an sie zu richten, was keineswegs hin- 
ter Masetto's Rücken zu geschehen brauchte. Unmöglich 
wäre es also nicht, dass Mozart selbst später jene Worte 
dem Juan zugewiesen und nur versäumt hätte, sie in sei- 
ner Partitur nachzutragen. Volle zehn Menuett-Takte blos 
mk i^slummem Spiel« und der dem Leporello anheimfallen- 
den Neuordnung des Tanzes [tuTu accoppia % bcUleriniU) aus- 
zufüllen, würde in der That gegen die Gewohnheit der 
damaligen Zeit sein, zumal in einem so durchaus belebten 
Finale. 

3) Im Finale des zweiten Acts tritt, nachdem die Ta- 
fetnmäik dw Melodie aus Figaro gebracht hat, Elvira ein, 
und e«t entwfekeli sich zwischen ihr, Juan und Leporello 
eiu Terzett. Gegen Schluss desselben, S. 263 [470] (kurz I 



vor dem Aufschrei, mit welchem sie die Bühne verläsM', 
ist ihrer Stimme im Manuscript durch zwei Takte ein«* 
zweite Form, wie zur Auswahl, heigeschrieben, nändich : 



Eli 



^ 



äM 



I 



£ 



"^^ e-sem-pio or-ri-bi - le 
Die holiereh Noten scheinen die ursprünglichen zu sein, so 
dass die tieferen (im Druck stehenden) nur eine Accomo- 
dation an djß Stimme einer Sängerin wären. (Auf eine Be- 
vorzugung der höheren Lage dürften auch die doppelten 
Hälse hindeuten ; die aufwärts gerichteten sind jedenfalls 
später zugesetzt, vielleicht um dem Missverständniss vor- 
zubeugen, als sollten die tieferen Noten eine Cor rectur sein.) 
(Fortsetzung folgt.) 



Die moderne tygroMe^' Oper und die Musik im 
Conowt. 

Meyerbeer« Wagner aod — Brahms. 

E. R. Noch nie, so weit wir in die Kunstgeschichte 
zurückschauen, ist ein Fall vorgekommen wie der heutige, 
dass zwei fast gleichzeitige Künstler, von Welchen der 
eine der erklärte Liebling des grossen Publicums iit aller 
Herren Länder ist, während der andere in Deutschland 
wenigstens in-einigen seiner » Musikdramen« vom grossen 
Publicum acceptirt und als der Prophet einer neuen Kunst- 
epoche ausposaunt wird, doch alle beide (namentlich in 
ihren späteren Productionen, die aber die natürliche Con- 
Sequenz ihrer früheren Bestrebungen sind) weder die mu- 
sikalische, noch die dramatische, noch die ethische Ana- 
lyse aushalten , und ihr ganzes Thun und Treiben , wenn 
es einmal einer ernstlichen Untersuchung unterzogen wird, 
sich nur nach der Peripherie, gleichsam durch Quantität, 
bemerklich macht, nach dem Kern zu aber vielfach inhalt- 
los und unkünstlerisch erscheint. 

Und das sind auf beiden Seiten die Früchte über- 
mässigen Ehrgeizes, der schon zu Lebzeiten die Palme der 
Unsterblichkeit erzwingen will, anstatt durch harmonische 
Ausbildung der Kräfte und harmonische Kunstleistungen 
sich dieselbe, wenn auch später, von selbst zufallen zu 
machen. Zwar gehen Beide ganz verschiedene, ja ent- 
gegengesetzte Wege ; kommen aber, und vielleicht eben 
darum, da die Welt rund ist, auf dem entgegenge- 
setzten Punkte, merkwürdig genug, wieder zusammen. 
Der eine kannte die Schwächen des ästhetisch ungebilde- 
ten Volks und benutzte sie klüglich, um seinen Thron dar- 
auf zu erbauen. Der andere umgiebt sich mit dem Schim- 
mer psychologischer Tiefe der Erfassung seiner Objecto, 
und rechnet auf die »Geistreichen«. Beide aber blieben 
taub gegen die Einwendungen des guten Geschmacks und 
verfolgten rücksichtslos ihren Weg, der allerdings vielfach 
Bewunderung erweckt, schliesslich aber in Wildnisse und 
zu Abgründen führt, von wo keine Bückkehr möglich, wo 
unvermeidlich der (künstlerische) Tod erfolgen musste. 



l 



Nr. 8. 



63 



Sollten wir uns durchaus entscheideD, fdr welchen von 
beiden wir in unserem Innern mehr Sympathie aufzubrin- 
gen vermochten, wessen Fall uns ntehr leid thäte, so würde 
uns die Wahl zwar schwer werden , weil wir bei beiden 
fast gleichviel anzuerkennen und auszusetzen haben, den- 
noch aber würden wir endlich den Namen Rieh. Wagner 
nennen. Zwar spricht für Meyerbeer der Umstand, 
dass diesem Künstler mehr wirklich musikalisches Ta- 
lent, Reichthum der Erfindung, Studium, allgemeinere, 
umfassendere Weltbildung eigen sind. Zwar spricht 
gegen Wagner jener dünkelhafte Badicalismus, der 
sich selbst einreden will, die wahre Kunst, der Stein 
der Weisen, sei erst von ihm «erfunden und gefunden. 
Dagegen scheint uns ein Princip, und w»re es auch ein 
falsches, immer noch achtungswürdiger als die vollstän- 
dige Principlosigkeit und das coquette Haschen nach dem 
Beifall Aller oder doch des grossen Haufens. Konnten wir 
von Wagner Das und Jenes völlig entfernen, was uns 
an seiner ganzen Natur und Kunst missfällt, so würden 
wir wohl nur mit grosser Achtung von ihm reden, wäh- 
i*eud das grössere musikalische Talent Meyerbeer's uns 
u'ohl künstlerisch« Wertbsch Sitzung abnöthigt, uns aber 
nicht »Achtunga abzwingt, weil Talent eine Gabe Gottes 
ist, die man erhalt, die man nicht sich giebt. 

Es ist bei Componisten von Opern oder «Musikdramen« 
nicht möglich, den rein musikalischen Maassstab aus- 
schliesslich anzulegen. Auch nicht einmal der allgemein 
künstlerische ist ausreichend ; sondern : weil die Gattung 
sich nicht an einen speciellen ausgebildeten Sinn wendet, 
vielmehr an den allgemein künstlerischen, und noch dar- 
über hinaus an die socialen und nationalen Bedürfnisse 
und Probleme, welchen sie in neuerer Zeit ihre Stoffe an- 
passt , so muss auch die Frage gestellt uAd beantwortet 
werden, in welcher Weise eine solche » Kunst a auf das 
Volk einwirkt, das Wort »Volk« im höheren und höch- 
sten Sinne genommen. Nach so gestellter Frage kann 
denn die Antwort nicht anders lauten, als : beide Künst- 
ler, obwohl der eine auf »Verfeinerung«, der andere auf 
»Vertiefung« ausgeht, arbeiten Schliesslich an der künst- 
lerischen und allgemeinen Demoralisation, sie befördern 
durch die Rohheit ihrer Mittel die Rohheit des Geschmacks 
und Urtheils, folglich, wenn nicht glücklicherweise ent^ 
gegengesetzte anderweitige Strömungen eine Stauung be- 
wirkten, die Rarbarei des Volkslebens überhaupt. Es VAssi 
sich dies sowohl aus den mit Vorliebe gewählten Stoffen, 
wie aus der künstlerischen und musikalischen Gestaltung 
beider Künstler nachweisen. 

Meyerbeer wählt seine Stoffe aus den grauenvollsten 
Momenten und Episoden der Geschichte, oder aus Fabisin 
und Erzählungen , in welchen die nichtswürdige Rosheit 
den breitesten Raum einnimmt und das Walten der Ge- 
rechtigkeit nur nebenbei, fast unverständlich und keines- 
falls mit erhebendem Nachdruck hervortritt. Wem wird 
im »Robert« oder in den »Hugenotten« oder im »Prophet« 
für die ganze lange Reihe entsetzlicher Scenen durch das 



Ausklingen einer hellen und freudigen Stimmung Ersat7, 
geleistet? Oder wer empfindet auch nur am Schluss leb- 
haft die Gerechtigkeit des dramatisch richtigen Aus- 
gangs? Und ein solcher Gegensatz ist doch um so nöthiger, 
je tiefer man vorher in die Nacht teuflischer Rosheit oder 
des wilden Fanatismus untergetaucht wurde. Von den an 
den Haaren und aus allen Welttheilen herbeigezogenen, 
dazu läppischen oder die wahre Natur des Menschen in 
Frage stellenden Stoffen der »Dinorah« und der »Afrikane- 
rin« wollen wir nicht einmal sprechen , die übrigens die 
vollständige Entartung des Kunst- und besonders drama- 
tischen Unheils im grossen Publicum herbeiführen müs- 
set), das schliesslich nur mehr in^s Theater geht um zu 
schauen: Teufelsspuk , Mord und Todtschiag , Prunk , 
lüsterne Rallettänze, Aufruhr und Rachanalien, Schlitt- 
schuhlaufen auf dem Theater, Thiere, wilde Menschen, 
schöne Gegenden, Giftbäume u. dgl. — nicht um zu b ö r en 
und dem musikalisch- künstlerischen Ausdruck wirklich 
psychologischer Entwicklungen zu lauschen, der ebenso 
sehr das Ohr entzückt, als den Menschen im Ganzen be- 
friedigt. Demgemäss handelt es sich auch in der Musik, 
Meyerbeer*s (wenn wir einige Partien des Robert und der 
Hugenotten ausnehmen) langst nicht mehr um consequen- 
ten künstlerischen Aufbau hehrer musikalischer Gebilde, 
sondern nur um die verschiedensten Lappen künstlich zu- 
gerichteter Effecte, die bunt aneinander gereiht und 
mühsam zusammengeflickt sind und deshalb nicht selten 
der Harlekinsjacke gleichen. Was für ein Kunsturtheil 
muss es aber sein, das durch beständiges Wiederholen 
solcher Producte dem Publicum octroyirt und einge- 
pflanzt wird ! 

Ganz anders Wagner. Könnte man die Kunst Meyer- 
beer's als die aristokratische bezeichnen und sie den 
Ausschreitungen Jener im politischen Leben vergleichen, 
die im Gefühl der Macht und < Mittel das Volk von oben 
herab irreführen, so ist Wagner der demokratische 
Künstler und seine Kunst der Ausfluss einer demokratisch 
erhitzten und irregeführten Anschauungsweise. Doch liegt 
dies im Ganzen mehr in seiner Musik, als in den Stoffen, 
welche letztere (wir müssen aber hier die spateren Opern, 
namentlich »Tristan und Isolde« ausnehmen) von ihm eine 
psychologische Anlage und Ausführung erhalten haben, die. 
Meyerbeer gegenüber, Achtung abnöthigt. Zwar benutzt 
auch er Sagen und Mährchen; innerhalb derselben bleibt 
er sich aber wenigstens getreu, und gestaltet die Personen 
und Situationen logisch und mit allem Ernst, so dass wir 
an ihre Wirklichkeit glauben können und die Illusion 
erhalten wird, dieses Haupterforderniss aller drama- 
tischen Kunst. Fnigen wir aber nach dem Grundgedanken, 
der in allen diesen »Dramen« sich unter verschiedenen 
Formen ausgestaltet, so ist es doch wieder ein rohes 
oder ein egoistisches und schliesslich barbarisches Mo- 
ment, welches in seiner Entfaltung auch nur verderb- 
lich auf den allgemeinen Sinn wirken kann. Im Tann- 
häuser ist es die schroffe Gegenüberstellung der AusV 

8* 



64 



Nr. 8. 



artung sinnlicher Lust des Helden einerseits, und der Kirche 
andererseits, die dafür keine Versöhnung bat. »Siehst 
du«, wird hier gleichsam dem Volke verstohlen gesagt, 
»deine Priester haben kein Erbarmen, auch für die de- 
müthigsie, reuevollste Rückkehr, wenn es sich um ein 
Vergehen handelt, das ausserhalb ihrer Verzeihungslheorie 
liegt.« Im »Lobengrin« und im »Fliegenden Holländera ist 
der Grundgedanke die Unfehlbarkeit des Mannes und die 
unbedingte Unterwerfung des W^eibes, wodurch er zum 
Gott, sie zur Sciavin wird. Dieser Grundgedanke wird 
im Drama so auf die Spilze gestellt, dass man eher zum 
Zweifel an der Richtigkeit desselben, als zur Ueber- 
zeugung gedrängt, dadurch aber auf das Aeusserste b«- 
miruhigt wird, so zwar, dass eine Einwirkung nach 
Seite der Wahrheit und Natürlichkeit der Empfindung, 
nach Seite der Gesundheit und Harmonie des Volks nicht 
die Folge sein kann, sondern nur eine romanhafte Ueber- 
spannung eintritt, also Krankheit. 

Dies Alles würde noch als ein fraglicher, ein in der 
Ethik und Aesthetik unentschiedener Punkt bezeichnet 
werden können , wenn Wagner in seiner Musik die be- 
denklichen Punkte des Stoffes nicht mit sichtlicher Vor- 
liebe in ganz materieller Weise ausmalte und behandelte. 
An dämonischer Gluth der Farben , an Reiz- und Effectr- 
mitt^ln aller Art, an betäubendem materiellem Getöse, an 
plumper und geschmackloser Hervorkehrung der sinn- 
lichen Partien seiner Stoffe (wir sprechen hier jedoch nicht 
vom dritten Acte des Lohengrin), tiberbietet er dann wo 
möglich Meyerbeer, und bewirkt durch das Imponirende, 
das seiner Musik in ihrer vorher nie gewagten Neuheit 
allerdings innewohnt, dass das grosse Publicum sich auch 
hierfür, und somit für die ganze Richtung theil weise ge- 
winnen lässt und dadurch einen weiteren Anstoss zur 
Verrohung seines Geschmacks und Urtheils erhält. 

Und so wäre denn in vollem Maasse eingetroffen, was 
die edelsten Geisler deutscher Nation, was auch die ersten 
Musiker dieses Jahrhunderts, Mendelssohn und Schumann, 
zu einer Zeit ausgesprochen haben, wo jene beiden Opern- 
componisten im Zenith ihres Schaffens standen! Die ein- 
zige Zufluchlsslätle der reinen Tonkunst ist in Folge dieser 
Sachlage der Concertsaal geworden; hier sucht der 
Musikfreund seine Genüsse. 

Nichts ist naiürlicher, als dass von Seite Jener, 
die diese Consoquenz ablehnen, allem dem Indolenz 
oder Widerstand und Spott entgegengesetzt wird, was 
Jene traurigen Erscli einungen zu paralysiren sucht. Wir 
meinen besonders tiic Erneuerung und Pflege derjenigen 
Meister, die in ihren von allem Romanticismus freien, in 
keiner Weise angekr^Jnkelten Werken den wirksamsten 
Da nun gegen das üeherfluthen entfesselter Gewalten zu 
bilden geeignet sin<L Wer hätte je beobachtet, dass die 
Opernfreunde um Jeden Preis ein sonderliches Interesse 
an der Bach- und UUndel-Ausgabe genommen, oder den 
deutschen Mu5ikfe^1len ihre theilnahmvolle Aufmerksam- 
keit in anderem als gegnerischem oder spöttischem Sinne 



gewidmet hätten? — Aber auch jene stiller wirkenden 
Kräfte der Gegenwart, an welche die specielle Mu- 
sikwelt ihre Hofluungen für die Zukunft knüpft, sind 
von jener Partei, die ihren Himmel in der Oper sucht, in 
dem Augenblickejallej] gelassen worden, als man einsah, 
dass mit denselben vorläufig ein nbruih nicht zu erzielen 
sei, und als dieselben sich nicht geneigt zeigten, ihre 
weitere Beachtung von Concessionen an die Tagesparole 
abhängig zu machen. 

Dies führt uns auf einen jüngeren hochbegabten 
Künstler, der von der retrograden Piirtei verfehmt und 
von der progressistischen über die Achsel angesehen 
wird , dem aber ein durch Intelligenz nicht unbedeu- 
tender Anhang sich bereits gebildet hat, und der fast mit 
jedem neuen Werke neuerdings grosse Hoffnungen er- 
weckt. Ohne sich an dem öffentlichen Leben anders als 
durch Kunstleistungen zu betheiligen, geht er anspruchs- 
los und still seine Wege, trachtet seine Gaben auszubilden 
und zu erhöhen, hält sich an die Meister ohne seine Sub- 
jectivität zu opfern, versucht es nicht einmal, und mit 
Becht, Gebiete zu bebauen, wo nur bedenkliche Erfolge 
zu erhaschen sind, sondern schafft reine Musikwerke, 
die weder bethören und blenden, noch äusserlich aufregen 
wollen. Sein Name wird von allen Musikern, die noch 
Begsamkeit genug besitzen, um sich in eine neue Indivi- 
dualität zu finden, und hinlängliche Freiheit von jener Eitel- 
keit, der die eigenen Erfolge wichtiger sind, als das Hö- 
here, das Andere leisten, mit Hochachtung, Liebe, ja 
Enthusiasmus genannt. Sein Name ist Johannes 
B ra h m s. Was er der Welt bisher geboten, enthält 
Schönes und Herrliches, wie es nach Schumann Keinem 
mehr gelungen ist und das viel zu wenig gewürdigt wird. 
Da ist all jenes geheimniss volle Einspinnen in merkwür- 
dige Tongestaltungen, die uns melodisch, rhythmisch und 
harmonisch gleichmässig fesseln: da ist jener deutsche 
Zug der Innerlichkeit und Herzlichkeit (wenn auch immer- 
hin mit einiger deutschen Sprödigkeit verbunden); da ist 
jene Selbständigkeit, die nicht von fremdem und gelie- 
henem Gute lebt; da ist Consequenz der Durchführung 
einmal angeschlagener Motive, Form, Noblesse, Haltung, 
contrapunktischer Beichthum — alles Eigenschaften, die 
man in ihrer Vereinigung heutzutage fast an sämrotlichen 
andern Componisten vermisst, oder die wenigstens in sol- 
cher Prägnanz bei Keinem hervortreten. 

Sehen wir uns um, wie weit der Name Brahms in 
grössere Kreise eingedrungen ist , so müssen wir bemer- 
ken, dass das Häuflein seiner Freunde, die ihn verstehen 
und lieben, noch ziemlich klein sei. In einem Punkte ist 
Brahms selbst schuld. Fragen wir, wodurch B. Schumann 
sich in weiteren Kreisen bekannt, beliebt und gesucht ge- 
macht hat, so sind es zunächst nicht seine Symphonien, 
Quartette und schwierigen Glävierstücke, sondern seine 
»Kinderscenena und ähnliche leichtere aber poesiedurch- 
tränkte Stücke. Warum schreibt Brahms nie etwas Ein- 
faches für Cia vier, das selbst Dilettanten so weit bewältigen 



Nr. 8. 



65 



köODen, um die Schönheit darin zu entdecken? ^.Wir sind 
ganz damit einverstanden, dass in ernsten Kunstprodnc- 
len die moderne Technik anzuwenden sei (bis zu wel- 
chem Grade, und ob in naiver Weise oder in bewuss- 
1er Absicht, das ist immer noch eine unbeantwortete Frage). 
So wenig sich aber Beethoven dadurch entehrte , dass er 
neben seinen grossen Sonaten, Goncerteu u. s. w. auch 
leichte Variationen, Bagatellen u. dgl. schrieb, so wenig 
es der Kunst eines Mendelssohn oder Schumann Eintrag 
that, wenn sie nicht blos f(ir das Publicum der Coucerle 
in grossen Städten , sondern auch für den bescheidenen 
Musikfreund schrieben, der nicht Zeit hat, seine Finger 
täglich zu allen Hexenkünsten zu dressiren, so wenig wird 
es einem Brahms schaden, wenn er einmal von dem hohen 
Parnass zu den in den Thälem und in der Ebene wohnen- 
den Sterblichen herabsteigt, um ihnen Gelegenheit zu 
geben, sich ihm zu nähern, ihn von seiner menschlich 
einfachen Seite kennen zu lernen. 

Wir verlangeo von Brahms nicht, dass er als kleiner 
David die Goliathe unserer Theater >> erschlage a. Aber 
wir hoffen und verlangen von seinem Talent, dass es den 
Concerten zu neuem Reiz verhelfe. Denn Neues fordert 
man auch hier mit Recht; das Neue aber soll auch wieder 
streng im Anschluss an die Meister stehen. Dieser dop- 
pelten Anforderung genügen heute nur sehr wenige, uud 
Brahms scheint unter den wenigen der höchstbegabte. 

Können die Goncerte sich erhalten und im Publi- 
cum gesteigerte Theilnahme gewinnen, dann mag, wenn 
es so sein muss, die Bühne immerhin der Schauplatz 
künstlerischer Rohheit bleiben, und die Breter, welche 
die W>lt bedeuten sollen, mögen zum Sarge für eine 
verkommene Kunst werden. Auch das Reich der Chine- 
sen ist ein tausendjähriges ! 



Mttnchener Musikleben. 

(Schluss.) 

Das alljährliche Weibnachtsconcert war diesmal interessant 
durch die Einweihung der im Odeonssaale prangenden Orgel, 
einem Werk von Herrn Orgelbauer Frosch, welches allgemein 
befriedigte. Lachner hatte zu diesem Zweck die Instrumenta- 
tion seines Psalmes für Männerchor (»Lobt Gott in seinem Hei- 
I ligthum«) für Orgel mit Streich- uq^ Blechinstrumenten umge- 
j setzt und ein Präludium vorangcscbickt , was sich sehr gut 
i ausnahm, wie überhaupt der Psalm, von vier hiesigen SUnger- 
gesellschaflen gesungen, von mächtiger Wirkung war. Hierauf 
folgte eine Bach*sche Cantate »Ich geh* und suche mit Ver- 
langena für zwei Soli, Sopran und Bass, mit Orgel und Streich- 
orchester. Dieses herrliche Werk , so voll von Schönheiten, . 
die des ächten Musikers Herz erfreuen, hatte einen harten 
' Kampf zu bestehen^ erstlich mit der Ungewohntheit an solche 
Kunslerzeugnisse, die in ihrer Innerlichkeit und einfachen 
Wahrheit nur durch sich selber sprechen, dann mit einer viel- 
leicht verzeih lieh dti Antipathie gegen den der Cantate zu Grunde 
liegenden fade pietistischen Text, endlich mit der eigenen, 
selbst für Bach oft auffallenden Schwierigkeit der Intervalle, 
welche nur von unserer trefflichen Frau Diez überwunden 
wurde und den Laien das Yerständniss «rschwerte. Es war 



daher v^nn Llichner klug berechnet, dass er, um für die auf 
diese Weise Unbefriedigten einen befriedigenden Schluss- her- 
beizuführen, einen Choral von rührender Schönheit aus einer 
andern Cantate des Altmeisters anhängte. Herr Rheinberger 
erwies sich bei dieser Gelegenheit als ausgezeichneter Organist. 
Von der das Concert beschliessenden C moll-Sympbonie von 
Beethoven haben wir nichts zu sagen, als dass sie wieder ein- 
mal zu einem enthusiastischen Beifallssturm hinriss. 

Hatten wir im vorigen Jahre über das Quartett der Herren 
Walter, Closner, Thoms und Müller fast nur Schönes zu be- 
richten, so müssen wir heuer zu unserm Lob den Mund noch 
voller nehmen und aussprechen, dass die Befriedigung, welche 
wir bisher bei dem Vortrag dieser Herren empfunden haben, 
diesmal gar oft in Entzücken übergegangen ist. Als wahre 
Grosstbat bezeichnen wir vor Allem die (freilich durch i 7 Pro- 
ben erreichte) Bewältigung des Quartetts Cis-^moll Op. 434 von 
Beethoven, wodurch dem gewählten Kreise von Zuhörern, der 
sich übrigens diesmal beträchtlich vermehrte, die Wunder die- 
ses übermächtigen Werkes so recht nahe gerückt wurden. 
Nicht minder gelang das Mozart'scbe Quintett in D-dur (wozu 
Herr Prückner, ein ebenfalls vortrefflicher Geiger, beigezogen 
war), welches durch himmlische Grazie sogar das voraus- 
gegangene durchaus geistreiche Quartett (Es-dur) von Cheru- 
bini noch todtscblug. Ausser dem Trio in G-dur Op. 9 von 
Beethoven hörten wir noch die Quartette ; in G-dur Op. 77 von 
J. Haydn, A-moU Op. 1:25 Nr. 2 von Schubert (in seinen Ideen 
reich und originell), F-dur Op. 59 Nr. 7 von Beethoven, D- 
moll Op. 4 Nr. 2 von Mozart und €r-dur Op. 64 von J. Haydn. 

Das Concert, welches Herr Walter für sich gab, brachte 
ibm reichen Beifall, wenn auch weniger pecuniSren Vortheil 
ein; die Glanznummern in demselben waren das wunder- 
schöne Cla Vierquintett Es-dur Op. 44 von Rob. Schumann und 
das meisterlich vorgetragene G dur-Concert von Spohr. 

Das Concert des Oratorienvereins brachte Schamann's »Pa- 
radies und die Peri« in einer für den Verein und dessen Diri- 
genten, Herrn Jos. Rheinberger, ehrenvollen Ausführung. 
Leider waren im Verhäitniss zu der Schwierigkeit des Werkes 
sichtlich zu wenig Proben mit dem Orchester vorangegangen, 
auch bewährte sich der Museumssaal aufs Neue als unzuläng- 
lich für derlei Aufführungen. 



Berichte. 

Berlin. B. W. Unser Musikleben ist im neuen Jahre mehr 
der Quantität als der Qualität nach reich zu nennen. Nament- 
lich sind es die männlichen und weiblichen Vertreter des Cla- 
vierspiels, die das quantitative Uebergewicht der Concerte auf 
ihre Seite ziehen. So schätzenswerth die Herren Tausig, 
Bendel und v. Bronsart als Techniker sind, so tüchtig Frau 
V. Bronsart und Frl. Falk spielten, volle geistige Befrie- 
digung vermögen die Leistungen der Genannten nicht zu ge- 
währen. Ein Glück, dass als Gegengewicht gegen das Abende 
lang währende Ciavierspiel zu dem schon bestehenden Hell- 
mich'schen Streichquartett ein zweites unter Führung des 
Herrn de Ahn a, welcher sich zu unserm tüchtigsten Geiger 
aufgeschwungen, in's Leben getreten ist. Gerade die Keusch- 
heit der Mittel des Streichquartetts un^i die unvergleichliche Li- 
teratur dieses Zweiges der Kammermusik sind recht geeignet, 
den Abirrungen des Geschmacks einen Damm entgegenzusetzen 
und ihn auf bessefre Bahnen zu leiten. Die grössten Gescbmacks- 
verderber und Begriffsverwirrer haben sich auch wohlweislich 
vom Streichquartett fern gehalten, welches ihrer musikalischen 
Unzulänglichkeit, wie ihrer Verkehrtheit keinen Deckmantel 
gewährt hätte. — Ein zweites verdienstliches Unternehmen 
sind die Liederconcerte des Kotzol tischen Gesangvereins. 



66 



Nr. 8^ 



Sie haben zum Zweck, das ein«, mehrstimmige uAd d^s Chor- 
lied in künstlerischer Weise zu cultiviren und den zmn grossen 
Tbeil nicht allgemein bekannten deutschen Liederschatz dem 
grossen Publicum zugänglich zu machen. Dass auch die alten 
Madrigale dabei Berücksichtigung finden, ist eine ebenso noth- 
wenrlii^t' s\h inleressdnle Consequenz des leitenden Princips 
dieser CoTirrrte. — Die Symphonie-Soireen der kgl. Capelle 
brachti'ii du £^e\ Abenden: Symphonie von Mozart Es-dur, 
von BeelbovfnB-dur und D-dur, von Schumann B-dur; Ouver- 
türen zu Ruy Btas^ Freischütz, Medea und Demetrius von Vin- 
ceiu Lachner, letzlere als einzige Novität. — Die Singacademie 
führte die Schöpfung auf. 

Tu der Oper gastirt, wie alljährlich, Frl. Artdt in bekann- 
ter Weise uhd in bekannten Partien, leichten französischen oder 
sriifcchreii ilalienischeii Genres. Eine sehr beachtenswerthe 
Knjfl ist dem [nstjtute in Frl. v. Edelsberg gewonnen, einer 
stimiubegahlen Sängerin, die, eine Seltenheit heutzutage, etwas 
Tticlilige^ gelernt hat und mit WUrme des Ausdrucks (? D. Bed.) 
eine ff rosige dramn tische Darstellungsfähigkeit verbindet. Ihr Or- 
pheus und ihre Fides waren hochbedeutende Leistungen, welche 
aber nicht vefLiiideiii,* ilass^sie sich auch mit Glück in Partien 
leichlerer Art, wie sAitj^clatf im schwarzen Domino und »Nancy« 
in JHürtha dem Publicum vorführt. 

Die letzten Palticoncerte endlich sind diesmal unter Mit- 
wirkung der Herren Brassin und Grützmacher über Ber- 
lin hingezcjgeL^, das mir aber schon ziemlich pattimüde vor- 
kam, fast so müde, als es sich gegenüber den wieder aufge- 
lebten CoDcerlen dar »Gesellschaft der Musikfreunde«* 
verhielt, bei welcher Gelegenheit es durch seine Abwesenheit 
glünzte. Scfaumatin's Musik zu Manfred, die in ihrer Totalität 
doch nicht genug Bedeutung für ihre Ausdehnung hat, und 
BuetLioven's Phantasie mit Chor bildeten das erste Programm. 

Noch zu erwühnen habe ich einen Cyklus von sechs Vor- 
leüungen, mit denen der hiesige Tonkünstlerverein hervorge- 
treten ist. Die erste über »Form und Inhalt des musikalischen 
Kimstwerkfi« von Herrn August Reissmann gehaltene war 
von grossem Interesse und fand bei der kleinen HÖrerschaar 
allgemeinen und verdienten Anklang. 



Leipsi^. Goncert der Pauliner. (Erster Theil: 
Psalm 93 von F. Hiller. Meeresstille und glückliche Fahrt, 
Chor von A, Rubin stein; der Gondelfahrer von Fr. Schu- 
bert [die Clavierbegleilung von C. Hausmann für Orchester 
eiugenchlet]. Drei Ciavierstücke von Chopin, Moscheies 
and St, Heller [Herr Labor]. Lieder am Ciavier: Hirtenlied 
von Mendelssohn, i?Ich muss nun einmal singen« von Tau- 
bert [Frl. A. Uhr ich]. Zwei Lieder für Männerchor, »Aus- 
/,u{$« von Weinwurm, »'s Herz« Volkslied von Silcher. »Im 
Herbsla, Text nach Armereon, für Männerchor und Orchester 
von G. Vierling. Zweiter Theil: Veleda, Cantate für 
Männerchor ^ Soli und Orchester, Preiscomposition von J. 
Branibach. Slimmlliche Männercböre zum ersten Mal vom 
Verein aufgeführt.) 

S.5, Als das bedeutendste der zahlreich vorgeführten No- 
vitäten erschien uns Brambacirs »Veleda«, welches Werk nicht 
arm im Ideen, zugleich von gesunder Bildung ist, eine treflliche 
Verwendung der aufgohotenen Mittel darlegt, und darum im 
Ganzen einen sehr angenehmen Eindruck hinterlUsst. Im 
Punkte der Charakteristik konnte Manches freilich genialer, zu- 
1 rrfferi der sein ; Anderes büsst durch hinausgezogene LSingen 
an Wirkung ein. Bis Jetzt ist das Werk noch Manuscript; 
wir wi^inschen, dass es bald gedruckt vorliegen möchte, da- 
mit wir in der Lage wären, das vielfach Gelungene darin 
nUher zu würdigen, — Von den übrigen Chor-Noviläten mach- 
kn Schuberl's Gondel fahrer, Silcher's Volkslied, Vierhng's «Im 
HerbstÄ und Weinwurm's »Auszug« sehr gute Wirkung, wäh- 



rend Hiller's Psalm und (Uibinstein's Meeresstille weniger An- 
klang fanden. Hiller's Stück ist ofifenbar für einen grösseren 
Baum und stärkere Orchesterbesetzung berechnet ; die wenigen 
Saiteninstrumente , die diesmal verwendet werden konnten^ 
machten dem starken Blech gegenüber eine zu ungünstige Wir- 
kung, als dass dem Stück ein Erfolg gesichert worden wäre, 
wie es Ihn anderwär-ts gehabt hat (vergl. übrigens unsere Be- 
cension in der A. M. Ztg. 4 864 S. 59t]. In Bubinsjtein's Chor 
wirkte der erste Absatz besser als der zweite, wo der Bhytb- 
mus in Monotonie verfällt. Schuberts Gondelfahrer mit Or- 
chester statt Ciavier zu begleiten, ist eine Impietät gegen den 
Componisten , der wohl gewusst haben wird , warum er das 
Ciavier wählte. Der angewendete Tamtamscblag(wo vom Mar- 
kusthuroii die Bede ist) erschien in seiner Veremzelung als ein 
realistischer Effect. Vierling's Chor, den Mendelssohit'schen 
AntigonechÖren verwandt, würde einen weit günstigeren Ein- 
druck gemacht haben, wenn die Instrumentirung (mit Janitscha- 
renmusik) für den Gewandhaussaal nicht zu lärmend gewesen 
wäre. Der selbst dirigirende Componist hätte dies füfalefi und 
die Instrumentirung der Localität gemäss modificiren sollen. — 
Von den in diesem Concert mitwirkenden Hannoverschen Solisten 
haben wir schon in der vorigen Nummer berichtet, und fügen 
blos bei, dass auch diesmal Labores Auftreten mit Erfolg be- 
gleitet war. Das Taubert'sche Lied erschien uns abermals so 
geschmacklos, dass wir weder dem Componisten zur Compo- 
sition , noch der Sängerin (die es übrigens keineswegs rein 
herausbrachte) zur Wahl gratuliren können. — An der Aus- 
führung der »Veleda« waren ausser Frl. übrich u.a. auch noch 
Frl. Brenner und Herr Wiedemann betbeiligt. Diese treff- 
lichen einheimischen Kräfte sollten hier In Leipzig so öftere 
Verwendung finden. 



Nachrichten. 

F. P. An den öffentUchen Unterhaltuegsortcn Londons hallt 
zu Anfang des Jahres noch die Weihnachtszeit nach. Pantomimen 
vorzugsweise suchen die Neugierde der Menge so lange wie mißlich 
zu fesseln. Nur schüchtern wagt sich hier und da ein wenig geföbr- 
licbes Concert hervor. Die .englische Oper schweigt gänzlich und 
»Alladin's Wunderlampe«, ebenfalls eine Weihnachtspantomime, 
füllt aliabendlich ihren Platz aus. Mit dem ersten ^Mofiday popular- 
concertfi endlich nimmt das öffentliche Musikleben wieder eine ern> 
stere Miene an. Dass das Verlangen nach gediegener Musik bedeu- 
tend genug ist, bewies auch. diesmal der gefüllte Saal. Es ist dies 
bereits die achte Saison dieses Concertunternehmens , das immer 
mehr zu gedeihen scheint. Es sind für diese Saison bis zum 4 8. Juni 
46 Abend- und 7 Morgenconcerte (an Samstagen! angezeigt, in der 
ersten Zeit spielte L. Straus, dann Joachim; der Cellist Piatti nimmt 
ebenfalls seinen gewohnten Platz wieder ein, ebenso der Ihätige L. 
Ries an der zweiten Violine. Das erste Concert, ein sogenannter 
»Beethoven-Abenda , brachte von dessen Compositionen Op. 74, 
Quartett in Es, Serenade Op. 6, die Sonaten Op. 42 in A und Op. 4 
Nr. 3. Sims Reeves sang den Liederkreis und Adelaide; L. Slraus 
an der ersten Violine zeigte ^ie immer den gediegenen Künstler. 
Eine besonders warme Aufnahme ward der Serenade, von der zwei 
Sätze repetirt werden mussten. Zum ersten Mal in diesen Concerten 
trat der Pianist Franklin Taylor auf und fand mit der verständigen 
und maassvollen Wiedergabe der beiden Sonaten (Op. 42 mit Mraus) 
eine sehr ehrenvolle Aufnahme. — Im zweiten Concert wurde Beet- 
hoven's Septett, ein Quartett von Haydn Op. 76 in G und ein Duo 
concerlante von Spohr aufgeführt. Letzteres, von L. Straus und Halle 
mit richtigem Verständoiss gespielt und hier zum ersten Mal gehört, . 
gefiel mit Recht sehr. Auch Haydn's reizendes Quartett erklang zum 
ersten Mal in St. James' Hall und fand in allen Sätzen ein sehr dank- 
bares Publicum. —- Die zwei Chorvereine, der ältere »Socrerf Aar- 
monic sociehj« und der jüngere »National Choral societyu rührten sich 
bereits ebenfalls. Ersterer führte Händel's »Sarason« auf, in dem be- 
sonders der gefeierte Tenor Sims Reeves sehr gefiel ; als nächste 
Production .soll Haydn's »Jahreszeiten« gegeben werden. Der zweit- 
genannie Verein gab als wiederholte Weihnachtsproduction den 
»Messias« und später Mendelssohn's »Glias« mit dem »neuena Tenor, 
wie der rtoch ganz als rohes Material sich bietende Tenor in zudring- 
licher Weise angezeigt ist. Die beiden genannten Vereine zählen jeder 



Nr. 8. 



67 



gegen 700 Mitwirkende. Zwei neue Gesangvereine gebieten el^eofalU 
über stark besetzten Chor ; der erste »Concordia choir« will sich nur 
mit Auffuhrung selten oder nie gehörter Meisterwerke befassen ; der 
zweite »Benedicts ChorcU socieiym wird bereits am 4S. Febr. mit dem 
Oratorium »Tobiasa von Gounod sein erstes dflTentlicbes Lebenszeichen 
Keben. — Die »Phäharmonic «octeCya hat für ihr erstes Concert Schu- 
mann's j>Paradies und Peri« bestimmt. 

Paris. In der grossen Oper wurde Auber's Ballet -Oper i>Le 
Dieu et la Bayaderen, wofür im Jahre 4830 Nourrit, Levasseur, Ulma 
Damoreau und Mlle. Tagiioni die Hauptrollen, mit Beifall wiederauf- 
geführt. Neben der leichten und graciösen übrigen Musik machte 
die als gross und feierlich geschilderte letzte H&ifte des zweiten Acts, 
die Brahma's Auftreten und Schlummer begleitende Musik, besonde- 
ren Eindruck. Ein neues Ballet nie roi d'Yvetotti {desselben Sujets 
mit der auf Beranger's Lied arrangirten Oper Adam's) ging wenig 
beachtet vorüber. Die Musik von Labarre, mit Walzer-Einlage vom 
Fürsten Metternich, wird als lärmend und leer bezeichnet. — Das 
Thidtre lyrique gab Flotow's »Martha«, mit der jungen Schwedin 
Nilsson in der Titelpartie, zu wiederholten Malen unter grossem Bei- 
fall. Die letzte Rose, das Spinn- und Porterlied wurden da capo ver- 
langt. Der Componist, der jetzt auch, mit Marie Gabel in der Haupt- 
partie, die bereits vor längerer Zeit geschriebene Oper »Lydia ou la 
nuUdesdupesn zur Aufführung vorbereitete, leitete persönlich die 
letzten Proben und ersten Aufführungen. Eine neue vieractige Oper 
»La Fianc^ d^Abydos«, ein durch Auber, Massö und Thomas empfoh- 
lenes Erstlingswerk von Adrian Bar the, wurde mit Theilnahme 
aufgenommen ; ein reizendes Liebesduett und ein eflfectvoller Ver- 
schwörungschor wurden da capo begehrt. Die Musik lenkt in die 
ältere, einfach melodische Richtung der französischen Schule zwi- 
schen Boieldieu und Auber zurück ; das S^jet ist auf Byron's »Braut 
von Abydosu gegründet, jedoch durch die üblichen Libretto-Ein- 
schiebsel zu einem ziemlich vulgären Opern texte auseinander gereckt. 

Hamburg. Am 4 . Febr. fand im Sagebiel'schen Concertsaale 
ein Orchester-Concert der philharmonischen Gapelle unter , Leitung 
des Herrn Stockhausen statt. Die Orchesterwerke waren : Ouvertüre 
zu König Lear von Beriioz, Ouvertüre zu Hamlet von Gade und Beet- 
hoven's 7. Symphonie, die sttmmtlich mit Feuer und Schwung aus- 
geführt wurden. Hr. Stockhausen trug ausserdem noch zwei schot- 
tische Lieder von Beethoven und Hr. Carl v. Holten Chopin's Fmoll- 
Concert vor. — Die vierte Quartett-Unterhaltung der Herren Boie, 
Lee, Schmahl und liohnroth am 2. Februar brachte: Haydn Quartelt 
D-dur, Schumann F-dur und Beethoven G-dur. Das Schumann'sche 
Quartett Hess an Feinheiten im Einzelnen zu wünschen übrig. — Die 
»Afrikanerin« wird wöchentlich fünfmal gegeben; man bewundert 
begreiflicher Weise nur die Ausstattung ; die Musik hinterlttsst keine 
nachhaltige Wirkung, die ersten Acte namentlich sind sehr lang- 
weilig, es ist überhaupt so viel gestrichen als nur irgend mög- 
lich war. 

Basel. (Schluss.) IV. (26. November.) Mendelssohn, Sympho- 
nie A-moll. Paganini, VioHnconcert (Herr A. Wilhelmj). J.S.Bach, 
Suite in D-dnr. Volkslieder : »Bei nächtlicher Weil« und »In stiller 
Nacht« für Chor von Job. Brahms. Ungarische Lieder von Ernst 
(Herr Wilhelmj). Spontini, Cortez-Ouvertüre. V. (^0. Dec.) Cheru- 
bini, Ouvertüre zum Wasserträger. Mozart, Arie der Susanna aus 
Figaro (Fräul. L. Chüden vom Stadttheater in Preiburg). Marsch 
(Op. 40 Nr. 5) für Ciavier zu vier Händen von Fr. Schubert), orche- 
strirt von F. Liszt. Lieder (»Das erste Veilchen«, »Auf Flügeln des 
Gesanges«) von Mendelssohn (Frl. Chüden). Beethoven, Symphonie 
A-dur Nr. 7. VL f47. Dec.) Mozart, Divertimento in D-dur für Quar- 
tett und Hörner (mit Weglassung des zweiten Menuett). Brahms, 
Der Jäger und Maria's Kirchgang aus den Marienliedern für Chor. 
Beriioz, »Die Flucht nach Egypten«, für Tenor-Solo , Chor und Or- 
chester. Schubert, Symphonie in C-dur. — D. Concert des Herrn 
Job. Brahms. (4 9. Nov.) Clavier-Quartetr A-dur Op. 86 von Brahms 
(Componist, Musikdirector Hegar aus Zürich, Abel und M. Kabut). 
33 Variationen Nr. 36 C-moll von Beethoven (Herr Brahms). S Ge- 
sänge für Frauenstimmen mit Harfe und Hörnern aus Op. i 7 von 
Brahms. Schumann's Phantasie in C-dur Op. 4 7 (Herr Brahms) . 
% Müllerlieder von Schubert Mit Lust thät ich au^rtiiten — Bei 
nächtlicher Weil — In stiller Nacht — aus den Volksliedern Tür Chor 
von Brahms. Zwei ungedruckte Impromptus von Schubert. Marsch 
(Op. 4 24 Nr. %,), ursprünglich 4händig von Schubert (Hr. Brahms). 
(Die angekündigte ohromal. Phantasie von Bach musste wegbleiben, 
da der erste Theil des Concerts bereits zwei volle Stunden in An- 
spruch genommen hatte.) — E. Concert zum Besten der Wiltwen-, 
Waisen- und Alters-Casse des Orchester Vereins. ('. Nov.) Raff, In- 
troductionsfuge, Adagietto und Marsch aus der Suite Op. 104. Lieder 
(Ur Mannerchor : »Sonntagslied« von Kreutzer und »Ehre sei Gott« 
von Hauptmann (von der Liedertafel gesungen). Beethoven , Sym- 
phonie in C-moll Nr. 5. 



Aufführungen und C'oncerte der letz ton Wochen. 
In Aachen HändeTs »Samson«. In Bielefeld Schumann's 
»Der Rose Pilgerfahrt«. In Cassel historische Ciaviervorträge des 
Hm. Mortier de Fontaine. In Bremen M. Bruches Fritjof- 
Sage zweimal (von der alten und von der neuen Liedertafel). In 
L andsberg(Preu8sen) HändePs »Samson« (im Wesentlichen nach 
der Originalpartitur). In Wieti drei Concerte von Fr. Schumann. 
In Weimar und LeipzigMeyerbeer's »Afrikanerin« zum ersten 
Mal und wiederholt. In Hannover durch Jaell in einem Abonne- 
mentconcert ein neues Concerlstück von F. Hiller (nach der Nie- 
derrheinischen M. Ztg. mit stürmischem Beifall aufgenommen, nach 
den Signalen mit wenig Erfolg [I]]. In Frankfurt Mozart's Oper 
»Zaide« (zur Geburtstagsfeier), im C ö 1 n e r Stadttheatcr zum ersten 
Mal »Der vierjährige Posten«, Oper von J. Seiss. In Ulm ebenso 
»Der Schneider von Ulm«, Oper von Press el. 

F6I. David folgt einer Einladung nach Petersburg, wo er, auf 
besonderen Wunsch des Kaisers, die »Wüste« und »Columhus« auf- 
führen wird. Die Oper bereitet eine neue Oper Flotow's »Naida« zur 
Aufführung vor. 

Der englische Baritonist S a n 1 1 e y gastirte in der Scale zu Mai- 
land mit grossem Erfolg ; gleich beim ersten Auftreten als Graf 
von Luna (Trovatore) nahm er das Haus im Sturm. 

Max Bruch's »Loreley« wird, mit Fräul. Tie^ens in der Titel- 
rolle, demnächst zu London in Scene gehen. 

Die Sängerin T h. Tietjens legte am 43. Jan. den Grundstein 
zu einem neuen, auf 50^000 Pfd. St. Aclien zu erbauenden Theater 
in Liverpool. 

Tb. Drobisch in Dresden hat auf den weiland so berühmten 
Capellmeister Adolf Hasse und seine Gattin Faustina einen Opern- 
text verfasst und zur Composition angeboten. 

Die von dem verstorbenen Musikverleger Dr. A r n ol d in Eiber- 
feld begonnene Sammlung mit Ciavierbegleitung versehener deutscher 
Volkslieder aus alter und neuer Zeit wird von Prof. Heinr. Beller- 
mann in Berlin fortgesetzt. 

Leipzig. Am Stadttheater fand am 4 2 d. M. die erste Auffüh- 
rung der »Afrikanerin« statt, und ist dieses nachgelassene Werk 
Meyerbeer's seitdem jeden zweiten Tag wiederholt worden. Pracht- 
volle Decorationen und künstliche Maschinerien haben natürlich 
auch bei unserm Theaterpublicum den erforderlichen Erfolg gehabt. 
Mit einem näheren Bericht haben wir uns nicht heeilen zu müssen 
geglaubt, da die Leser dieser Zeitung, in der Mehrzahl auch Leser 
der Vorgöngerin dieser Blätter, durch Berichte aus Paris und Berlin 
bereits so ziemlich au fait gesetzt sind, und ja auch aus den viel- 
fachen Berichten aller möglichen Zeitungen ein Urthoil schöpCsn 
können. Wir wollen es jedoch nicht verreden, dass wir nicht unsere 
eigenste Meinung über diesen Schlussstein des Meyerbeer'schen 
Opern-Gebäades noch einmal in Kürze darlegen. S. B, 

— Die Leipziger Liedertafel veranstaltete im Hotel de 
Pologne am 9. Februar d. J. eine Production mit folgendem Pro- 
gramm : Erster Theil : Ouvertüre und Chor (Strahl des Helios) aus 
Antigene von Mendelssohn. Ave Maria von Ed. Köllner. Morgenlied 
von Jui. Rletz. Arie von Beethoven (für Clarinette transscribirt), 
vorgetragen von Herrn Musikdirector Bendix. Das Liehesmahl der 
Apostel, eine biblische Scene für Männerstimmen und Orchester 
von Richard Wagner. — Zweiter Theil: Introductlon aus der Oper 
»Die Belagerung von Corintha von Rossini. Volkslied (»Der iichwei- 
zer«) von Sucher. Lied vom Scheiden von Speidel. Variationen für 
zwei Clarinetlen von Hoffmann, vorgetragen von den Herren Land- 
graf und Bendix. Sturmesmylhe von Fr. Lachner. 



ZeitimgsBchau. 

Die Niederrheinische Musik- Zeitung brachte in ihrer zweiten 
Nummer einen Bericht ausCöln über die erste Aufführung der »Afri- 
kanerin«. Wir hohen folgendes Curiosum lieraus : »Die »Afrikanerin« 
stellt uns den ganzen Meyerbeer eben so dar, wie wir liiu aus jenen 
Meisterwerken haben kennen und schätzen lernen ; er ist darin der- 
selbe mit allem Bewundernswerthen und Wunderlichen, allem In- 
spirirten und Rafßnirten , in Begeisterung Geschaffenen und durch 
Reflexion Erkünstelten, allem wirklich Schönen und gesucht Effect- 
voUen, allem dramatisch Wahren und auf Schein und Glanz für den 
Moment Berechneten — kurz, die »Afrikanerin« zeigt uns von Anfang 
bis Ende den Dahingeschiedenen in seiner ganzen Eigenthümlichkeit 
und erzeugt in unserm Innern eme neue Anerkennung seines Genies 
und eine mit Wehmuth gemischte Erinnerung an den grossen Mei- 
ster.« Wunderliches, Raffinirtes, durch Reflexion Erkünsteltes, ge- 
sucht Effeotvolles, auf Schein und Glaoz für den Moment Berechne- 
tes — und doch Genie und grosser Meister? I 



68 



Nr. 8. 



ANZEIGER 



'"^ Classische und moderne 

PIANOFOBTE - MUSIK. 

Bibliothek vorzüglicher Pianofortewerke 

von J. S. Bach bis auf die ueuesten Zeiten. 



Unter diesem Titel kündigen wir das Erscheinen einer 
Sammlung an, welche eine sorgfältige Auswahl der vor- 
züglichsten Werke unsres reichen Musikalien-Verlags, so 
wie neue Erwerbungen, in eleganten Bänden, denen unsrer 
Beethoven-Ausgabe ähnlich, zu billigen Preisen dar- 
bieten wird. 

Alle bedeutenden Componisten seit den Zeiten des 
grossen Bach sollen nach und nach in dieser Sammlung 
Vertretung 6nden. Jeder Band wird Werke verschiedener 
Zeiten und Autoren enthalten und, wie er sich als Theil 
in die Reihenfolge des Ganzen einfügt, so auch als ein 
Ganzes — als ein werthvolles Album — erscheinen. 

Der Umfang eines Bandes wird durchschnittlich 4 
Seiten Hoch-Musikformat betragen, sein Inhalt den 
Werth von 5 bis 6 Thalern nach den herkömmlichen Prei- 
sen der einzelnen Stücke darstellen. 

Der Preis eines Bandes ist 2 Thal er, das Dargebo- 
tene wird daher, und zwar mit Einschluss des Einbandes, 
den dritten Theil des Preises der Einzelausgaben kaum 
übersteigen. 

Bis auf Weiteres gedenken wir jährlich sechs solche 
Bände herauszugeben. Der erste Band, welcher heute 
erschienen ist, enthält folgende Werke : 

Baoh, J. 8., Phantasie. C moU. 

Scarlatti, D., Sonate. Amoll. 

Haydn, J., Sonate. Esdur. Nr. 4. 

Moaart, W. A^ Adagio. (Aus den 42 Glavterstücken, Nr. 9.) 

Gigue. (Aus derselben Reihe, Nr. U.) 

Beethoven, L. ▼., Andante in F. (Aus den kleinen Stücken 
für das Pianoforte, Nr. 10.) 

Variationen über den rassischen Tanz aus dem 

Ballet: Das VValdmädchen. 

Field» J., Reviens, Reviens. Cavatine. 

Chopin, F., Rondo. Op. 16. 

Bubinstein, A., Serenade. Op. 22. Nr. 1. 

MendelBBohn Bartholdy, F., Spinnlied aus der Heimkehr 

aus der Fremde. Op. 89. 

Nachtmusik aus demselben Werke. 

Schumann» B., Zwischenactmusik aus Manfred. 

Rufung der Alpen-Fee, aus demselben Werke. 

Thalberg, 8., Lacrymosa, tirö du Requiem de Mozart. (.4us 

l'Art du Chant appliqu^ au Piano. Op. 70. Serie 1. 

Nr. 5.) 

Duo des Noces de Figaro, Opära de Mozart. (Aus 

demselben Werke.) 

Kalkbrenner, Fr., La femme du marin. Pens6e fugitive. 

Diese Inhal ts-An/.eige wird das Obige am sichersten 
bestätigen; die folgenden Bände werden ähnliche Zusam- 
menstellungen enthalten. 

Alle Buch- und Musikalienhandlungen nehmen Sub- 
scription auf unsere Sammlung, so wie Bestellung auf 
einzelne Bände derselben an. 

Leipzig, am 15. Februar 1866. 

Breitkopf und Härtel. 



Nr. 4. 

- 2, 

- 8, 

- 4, 

- ö. 

- 6 



- 8. 

- 9, 

- 40 

- 44 

- 42, 

- 43. 

- 44 

- 46. 



46. 

47. 



[♦<] 



Neue Musikalien 

im Verlage von 

§. ^. ^nßf in ^ien. 



3 30 
2 25 

4 32 
4 20 

— 80 

4 — 
4 60 

4 — 



fl. kr. 
Bach, Otto, Op. 44. Iiieder und Oesänge für 4 Sing- 

stimme mit Pianoforte 4 30 

Goldmark, K., Op. 42. 3 Clavier-Stüoke ä 4 ms. Nr. 4 — so 

- 2 — 50 

- 3 — 70 

Op. 4 3. Ouvertüre su Sakundala in Partitur , 

für Pianoforte ä 4 mains 

— — ä 2 mains 

Graf, W., Op. 44. Husaiten-Iiied für Pianoforte . 
Holstein, Fr. von, Op. 4 7. Scherao für Pianoforte 
KObler, L., Op. 439. 100 melodische Üebungastüoke 

für Pianoforte ä 2 mains (Netto) 

Op. 439. Einzeln, Heft 4—4 ä 

Op. 444. 100 melodische Uebungsstücke f. Piano- 
forte ä 4 mains, Heft 4—43 ä 

LIszt, Franz, Qraner Fest-Messe für Pianoforte zu vier 
Händen von M. Mosonyi. . .' 5 — 

Nawratll, C, Op. 4. Variationen über ein norwegisches 
Vollcslied für Pianoforte '. 4 20 

8avenau, Ritter V. M. v., Op. 4 0. 6 Phantasie-Stücke 
für Pianoforte. Heft 4. 2 • . . . . ä 4 — 

Weidner, J., Op. 8. Allegro für Pianoforte 4 ^ 



[42] In Commissiou des Verlages der Lutie* sehen Klinik zu 
Coethen erschien soeben : 

TValdLeinsamlteit 

Gedicht von Heinrich LetUhold 

componirt von WolfgaDg Ylerthaler. 

Preis 10 Sgr. 

jr. Hieter-I3iecloniiLaiiii 

in Leipzig und Winterthur. 

Op. 93. DeuX Valses pour le Piano. Nr. 4. 2 a 22i Ngr. 

Op. 98. Improvisata für. das Pianoforte über die Romanze »Fiu- 
thenreicher Ebro« aus Robert Schumann's Spanischen 
Liedern. 4 Thlr. 

Op. 105. Drei Lieder ohne Worte für Pianoforte. %%i Ngr. 

Friere Andante pour le Piano, ä 2 mains 4 7^ Ngr. — ft 4 mains 
20 Ngr. 



[*♦] 



lanjiftüß^n 4<. 



liefert auf Bestellungen prompt und zu den hilligsten Be- 
dingungen die Buch- und Musikalienhandlung von D. H. 
Geissler in Leipzig, Königstrasse 24. 



Verlag von J. Rieter-Biederniann in Leipzig und Winterthur. — Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. 



ti**«^'.: 



Di« Leipilgmr AUfBmeixie Uurika- 

liMshe Zeitanf eneheint regolmKaslg an 

Jedem Mittwoch und ist durch all« 

FotUtttorand Bnchhandlangttn 

ra beliehen. 



Leipziger Allgemeine 



Preia: JihrUch & Thlr. 10 Kgr. 

yierteljährliehePrftnuni. 1 Thlr. 10 Ngr. 

▲Bwigen : Die fetpaltea« FftMaaU« oder 

d«ren Baum 2 Ngr. Brief« und Gelder 

werden franeo erbeten. 



Musikalische Zeitimg. 



Verantwortlicher Redacteur: Selmar Bagge. 



Leipzig, 28. Februar 1866. 



Nr. 9. 



I. Jalirgang. 



Inhalt: Zweifeihane Siellen im Manüscript der Don Juan-Partltur (Fortsetzfing). — Recensionen (Neue Werke für Orchester), — Berichte 
aus Dresden und Leipzig. — Nachricbieii. — Briefkasten. — Anzeiger. 



Zweifelhafte Stellen im Manüscript der 
Don Juan -Partitur. 

(Fortsetzung.) 
4) Jahn führt an (IV, S. 400, Note), bei Zerlina's erster 
Arie [Baiti, batti) sei im Manüscript Takt 7 und 8 vom 
Knde an gezählt gestrichen. Diese Kürzung müsste etwas 
Befremdliches haben, obwohl sie blos eine Wiederholung 
hoseitigl; denn eben durch den Wegfall dieser Wieder- 
holung lautet der Schluss der Singstimme knapp und ab- 
gebrochen. Nun hat sich zwar die Angabe als ein Versehen 
in den Zahlen des Notizenbuchs erwiesen; allein die wirk- 
liche Kürzung ist noch auffallender. Es ist nämlich (wäh- 
nnd die obenerwähnten iwei Takta verschont geblieben 
sind) eine ganze Seite des Maausciip^s (8 Takte) durch- 
.*;l riehen, wodurch ein noch nicht vorgekommener Bestand- 
iheil der Composition ausfiele. Der Strich tilgt die Stelle: 




Pace, pa-ce, o vi - ta mi - a, pace, pa-ce, o vi - ta mi-a, u. s. f. 

(wiederholt), 

so dass es heissen würde : 



fe^-epg^^^^^^ ^^^^^ 



s=^^^ 



not-te e di* vog-liam pas-sar, si, si, si, si, si etc 



IJeberschaut man den ganzen Vg-Satz , der bis dorthin in 
der Smgslimme nur zweimal eine kurze Achtelspause hat 
und mit der wiederholten Sechszehntelfigur einen gewis- 
sen Aufschwung nimmt, so fühlt man die Notbwendigkeit 
eines ruhigeren Zwischensatzes vor dem »st, su sk ; wenn 
dieser fehlt^ nimmt der Gesang dine athemlose Hast an ; 
di» ganze Architektonik des Absehnitts ist ge«tbrt. So 
kann Mozart 6 9 nicht gewolU haben. 

5) Zwei andere von Jahn {lY, S. 379, Note 84 ) ange- 
gebene KOrzungen betreffen die Geisterscene des zweiten 



Finale. Die erste streicht S. 274 und 875*) [485 und 486] 



die fünf Takte nach Juan^s erstmaligem 9^-^ 



par-la 



Was dadurch ausfällt, ist musikalisch von Bedeutung, ob- 
wohl die Worte entbehrt werden könnten. Verlofen geht 
die zweite, weit nachdrücklichere Aufforderung des Geistes 
an Juan zu achtsamem Anhören; verloren geht die Wie- 
derholung der in der Scala auf- und ablaufenden Figur, 
die (mit Jahn zu sprechen) »wie unheimliches Windes- 
sausen ein fröstelndes Grausen hervorbringt«; verloren 
geht endlich die Fortsetzung der »zähnklappemden Trio- 
lem, in denen Leporello seine Angstworte spricht, und 
damit ist der Faden zerrissen, auf welchem an diese Trio- 
len die nachher in den Violinen und Bratschen auftreten- 
den Triolen sich anreihen. 

Die zweite Kürzung nimmt die vier Takte weg, welche 
S. 277 [488] auf Leporello's Worte y>tempo non ha, scü- 
(sate)a folgen, so dass die beiden letzten Sylben {-säte) in 
den Takt übertragen sind,'Jn welchem der Geist sein »i?i- 
solvih beginnt. Dieses /?i5ofoi verliert dadurch seine eigent- 
liche Bedeutung, da Juan^s zögernde Zwischenrede (»a torto 
di viUate tacciato mai sarbn) ausfällt. Mit ihr fällt auch jene 
murmelnde Figur der zweiten Violine weg, welche sich 
bereits im 13. und ii. Takt der Ouvertüre hören Hess, 
dann in der Geisterscene selbst allerdings schon vorkam 
(12 Takte nach dem Anfang des Andante), jetzt aber in 
veränderter Färbung erscheint, indem sie aus D-moII nach 
B-moll versetzt ist und die gehaltenen Töne der getheil- 
ten Violen neben sich hat. 

Was soll den Gomponisten zu diesen beiden Kürzungen 
veranlasst haben? Bei der zweiten lässt sich ein Grund 
gar nicht denken. Bei der.ersten könnte man etwa sagen, 
der Geist habe nicht nötbig gehabt, sein j^ParlOy ascoltOA zu 
wiederholen, weil Juan schon geantwortet hat: i^arla as- 
coUando H stlxi. Allein einem solchen fast pedantischen Be- 
denken durfte Mozart doch kauoi zugänglich gewesen sein; 



*) Die in der eben citirten Note Jahn^s stehenden Seitenzahlen 
S73 und %li berahan auf einem Drackfehier. 

9 



70 



Nr. 9. 



es ist sogar wahrscheinlicher, dass er die Wiederholung 
der Worte mit bestinunler Absicht eintreten liess. Die 
erste Antwort Juan's lautet nämlich ziemWch unsicher und 
zerstreut, namentlich wenn man die Form der Begleitung 
in den Violinen und Violen mit in Betracht zieht; darauf 
erneuert der Geist sbinen Anruf mit wesentlich gesteiger- 
ter Betonung, und nun antwortet auch Juan in fester ent- 
schiedener Haltung. 

6) Eine dritte Kürzung war im Piü stretto vorbereitet, 
aber nicht ausgeführt. Nach Juan^s Worten ^di foco pien 
(TorroTfL S. 284 [496] steht im Manuscript am Ende des 
ersten vom Chor der Höllengeisler gesungenen Taktes 
oben das Zechen 0, und dasselbe Zeichen kehrt nach 
9 Takten wieder. Dies kann nur auf einen innerhalb der 
beiden Zeichen allerdings ausführbaren Strich deuten,* so 
dass (unter Wegfall der ersten Chorstelle) folgende Zu- 
sammenziehung beabsichtigt war : 

piea d^or-ror ! Che strazio, ohimd, che smania ) 



D. Giov. 
Lep. 



Basso. 



^^^^i^j^ 



J_J- 



Pr^ 



Che gri - di 1 




^=1T — ti l^ 



=iP= 



Auch hier wäre für den Strich kein anderer Grund 
ausfindig zu machen, als eben Kürzung um jeden Preis. 
Die durch di^ Striqhe ersparte Zeit (auch wenn der zu- 
letzt erwähnte zum wirklichen Vollzug gekommen wäre) 
ist aber so gering, dass man nicht glauben kann, Mozart 
habe sich deshalb zu Opfern herbeigelassen. Viel eher 
erinnern diese Kürzungen an die Liebhaberei mancher 
Schauspielregisseure, welche sich an der Entdeckung 
freuen, dass da und dort eine Zeile sich wegstreichen 
lasse, ohne dass der Zuhörer es merken werde. 

7) Der Verdacht, dass die Striche einer fremden Hand 
zur Last fallen, wird durch einige äussere Umstände ver- 
stärkt. Bei der zweiten Kürzung [scusaie) sind in dem über 
den Strich hinausreichenden Takt die von der ausgefalle- 
nen Geigenfigur her fortklingenden Homer stehen geblie- 
ben, so dass sie jetzt hier einen Einsatz bilden ; Mozart 
würde sie, wenn er wirklich jene Figur beseitigen wollte, 
wahrscheinlich in diesem Takt noch gestrichen und ihnen 
dpn Einsatz erst im folgenden Takt (mit /p) gegeben haben. 
Im nämlichen ersten Takt nach dem Strich musste statt 

der von den getheilten Violen gegriflFenen Töne i^j der Ton 

/* eingesetzt werden; dies geschah durch eine sehr derbe 
Note, deren Hals sogleich den Durchstrich für jene beiden 
Töne bildet. Dicke Noten bei Gorrecturen hat Mozart öfter; 
ungewöhnlich aber wäre bei ihm die angegebene Verwen- 
dung des Notenhalses ; er streicht sonst in bestimmterer 
Weise. Die beiden Noten, welche zu Leporello^s Stimme 
mit den Sylben v>^saten in den vorher leeren Takt neu ein- 
zuschreiben waren, haben keine Aehnlichkeit mit Mozart's 
Hand ; die Köpfe sind gross und in verticalem Sinne läng- 



lich gezogen, niehr elliptisch als rund. Die.darunterstc- 
henden Sylben {^sate) sind mit spitzer Feder sehr zierlu h 
geschrieben, anders, als Mozart Worte zu schreiben pflegt. 
Dabei muss auffallen, dass die Schrift dieser Sylben 
mit dem (im Druck weggelassenen) Worte i^Bondba über- 
einstimmt, welches über Annans Fdur-Arie (Nanmidir) 
steht (vergl. Jahn IV, S. 432, Note) und an diesem Orte 
räthselhaft ist, weil diese Bezeichnung wohl etwa auf El- 
vira's Arie Mi traSt passen würde, nicht aber auf jene Arie 
Annans ; diese ist kein Rondo, wenn man nicht annehmen 
will, Mozart habe die Benennung in einem von der ge- 
wöhnlichen Bedeutung ganz abweichenden Sinne ge- 
braucht. Auch citirt Mozart sie zuerst nicht als Bondo, 
sondern als »Ariea; er schrieb nämlich an den Schluss des 
vorausgehenden Secco-Recitativs, als Hinweis auf das be- 
gleitete Recitativ : »ÄecÄ. istromentato dt D, Anna col Arim, 
Am Schlüsse dieses begleiteten Recitativs steht dann aller- 
dings "battacca Rondba, und das erste Wort [cUtacca] ist un- 
zweifelhaftMozart'sHand, während das zweite schon etwas 
fremdartig aussieht, doch aber nicht so entschieden für 
unächt genommen werden kann, wie das nämliche Wort 
über der Arie selbst, wo insbesondere der Zug dos i? von 
Mozart^s Gewohnheit bestimmt abweicht. Es wäre sehr 
wohl möglich, dass Mozart nach dem Recitativ blos nKiUacca«^ 
(ohne vRondbü) schrieb, wie dies auch sonst ganz gewöhn- 
lich war, wenn unv^rweilter Uebergang zu einem folgen- 
den Satze anempfohlen werden sollte. 
[Fortsetzung folgt.) 



Becensionen. 
Neae Werke fir irehester. 

Fr. Lachner. Snile Nr. HI in sechs Sätzen (Präludium, 
Intermezzo, Ciaconne, Sarabande, Gavotte, Courante) 
für grosses Orchester. Op. \t%. Partitur 7 fl. <8 kr., 
Stimmen 4 3 fl. 4S kr. Mainz, Schott. > 

Heinrich Esser. Suite in fünf Sätzen (Introduzione, An- 
danle pensieroso , Scherzo , Allegretlo graziöse , Finale) 
für grosses Orchester. Op. 70. Partitur 1 ü. it kr. 
Derselbe Verlag. 

Ju I. 0. Grimm. Suite in Ganonform für Streichinstrumente 
(Orchester ohne Bläser). Op. 4 0. Partitur %%% Ngr. 
Stimmen \ Thlr. 4 Ngr. Yierhändiger Glavierauszug 
vom Componislen *\ Thlr. 5 Ngr. Leipzig und Winter- 
thur, Rieter-Biedermann. 

S. B. Man wundert sich von mancher Seite, dass viele 
unserer heutigen Componisten keine Symphonie mehr 
schreiben, sondern zu älteren Formen, als Suiten, Sere- 
naden u. dergl., zurückgreifen. Man meint wohl gar, es 
geschehe dies aus Lust am AI tertfaüm liehen, oder aus Un- 
verstand und in der irrigen seltsamen Meinung, als sei die 
Symphonie nicht an sich eine höhere und die höchste 
Kunstform. Wir sind indess gewiss, dass keiner von all 
den Componisten, die in neuerer Zeit mit Suiten u. s. w. 
hervorgetreten sind, sich eine solche absurde Ansicht zu 
Schulden kommen lässt, glauben vielmehr ihr Vorgehen 
einfach als ein bescheidenes Eingeständniss ansehen zu 



. Nr. 9. 



71 



sollen, dass sie es nicht mehr wagen, sich in die geföbr- 
h'cbe Nähe des riesigen Meisters der Sonatenform, Beet- 
hoven, zu begeben. Mendelssohn und Schumann haben 
das Wagniss noch ziemh'ch gifleklich und mit weit grösse- 
rem Erfolg bestanden als alle andern neuen Tonsetzer, 
uod wenn man auch bei Anlegung des objectiven Maass- 
slabes zu dem Resultat kommt, dass selbst ihre Sym- 
phonien neben denen Beethoven^s um ein gutes SlUck 
tiefer stehen, so ist doch der persönliche Gehalt der- 
selben und die künstlerische Vollendung bedeutend ge- 
nug, um ihnen ein festes Terrain bei den Musikfreun- 
den zu sichern. Wo jenes Wagniss aber nicht gelingen 
wollte, oder gar nicht versuchlr werden mochte, da ist es 
vollkommen zu billigen, wenn die Betreffenden, im Be- 
wusstscio doch etwas im Orchestersatz leisten zu können, 
sich der leichteren Formen bedienen , an welche man von 
vornherein keine so hohen und schwer zu befriedigenden 
Ansprüche erhebt. 

Wenn freilich Jemand fragen würde , ob diese neuen 
Suiten wirklich Suiten heisseu können, ob der Titel dieser 
Werke vollkommen ihrem Inhalte entspricht, so würde 
die Antwort zumeist eine verneinende sein; besonders 
dann nämlich, vyrenn man den Begriff der Suite durch- 
aus im altern Sinne fassen, d. h. darunter eine Folge von 
Stücken in gleicher Tonart und zwar mit den Namen und 
im Charakter von Allemanden, Sarabanden, Gavotten etc. 
verstehen wollte. In diesem Falle würden sämmtliche 
moderne Suiten keine Suiten sein, denn an die Gleich- 
heit der Tonart halten sie sich alle nicht, die Namen der 
alten TäDze aber haben sie aufgegeben, oder, wenn sie 
vorangestellt sind, so ist es eitel Gomödie, da von dem 
Charakter jener Tanze , der sich in Taktart und Haltung 
fest ausprägt (vgl.Nottebohm's vortreflniche Artikel in der 
Wiener Monatscbrift für Theater und Musik Jahrgang 1855 
und 1837), fast keine Spur mehr vorhanden.*) Nun, 
das Kind, das nun einmal nicht Symphonie heisseu soll 
und allerdings auch keine ist, muss doch einen Namen 
haben: also zieht^an einen llHeren hervor, und — das 
Rind mag zusehen, wie es sich unter dieser Firma in der 
Welt durchschlägt. Den Componisten selber wird wohl 
ant meisten daran liegen, dass ihre 9 Suiten a gefallen, 
und so wollen denn auch wir von ihrem alterthümlichen 
Namen abschen, und blos nach dem musikalischen Werth 
fragen, danach, oh ihnen Gehalt und Geist innewohnt, ob 
sie einen poetischen Eindruck machen oder langweilig und 
musikalisch unbedeutend sind. 

Die Erfolge, welche Fr. Lachner mit seinen beiden 
ersten Suiten gehabt hat^ sprechen von selbst dafür, dass 
das Publicum wenigstens sie nicht langweilig, sondern 
»schön« gefunden hat.. Ueber die dritte Suite sind die Mei- 
nungen ziemlich getheilt. Uns liegt es ob, unser Für und 

*) Lachner's Ciaconne in der obigen Suite steht im '/^-Takt, 
während der alten wirklichen Ciaconne der %-Takt eigen. Die fol- 
gende Sarabande steht im AUegretto, wtihrend der Charakter der 
alten Sarabande im Gegentheil ein pathetischer, ernster ist, und 
ein langsames Tempo fordert. 



Wider mit Gründen darzulegen ; das Publicum als solches 
denkt nicht, sondern spricht sein augenblickliches Gefallen, 
nur im äussersten Fall sein Missbehagen aus. Vom Pu- 
blicum der Leipziger Gewandhausconcerte nun wurden die 
beiden ersten Sätze der Lachner'schen dritten Suite kühl 
aufgenommen und die andern rauschend applaudirt, wäh- 
rend wir umgekehrt diese beiden ersten Sätze als die 
besten, als würdige, wahrhaft schöne und poetische Stücke 
bezeichnen, die andern aber in das Ballet verweisen müs- 
sen, den Concertsaal ihnen nicht als den Platz anweisen 
können, wo sie hingehören. ^ 

Das Präludium (F-moll 7*, Andante maestoso) ^ fast im 
Charaktereines Trauermarsches gehalten, hat etwas bleiern 
schweres im ganzen Colorit, etwas, was sich mit Worten 
Rieht beschreiben lässt, was man von einem guten Or- 
chester in einem akustisch vprtheilhaftenSaal gehört haben 
muss. Alle Elemente des Satzes, Tonart, Rhythmus, Me- 
lodie, Klangfarbe, Harmonik, stehen in seltener Ueber- 
einstimmung. Nur was die Form betrifft, wird man viel- 
leicht den Schluss sonderbar nennen können, insofern 
dieses leise Ausklingen der Sologeigen mit Sordinen zu 
den breiten und gravitätischen Formen des Satzes nicht 
recht passen zu wollen scheint. Romantisch, die Phan- 
tasie in hohem Grad anregend, wirkt der Satz gewiss. — 
Das ganze Stück geht aus folgenden gleich in den ersten 
Takt zusammengedrängten Motiven hervor: 



Andante maestoso. 




^ 



©tf 



nw=s^ 



^ 



^fe 



Denn selbst die schöne Melodie , welche im zweiten Thcil 
vor dem Wiedereintritt des Themas und vor dem Schlusts 
erscheint : 




Bass: e 



ist aus obigem Stoff gebildet. Störend erscheint uns in 
dem pathetisch gemessenen Stück das zweimalige lei- 
denschaftliche stringendo. Der gleichschwebende Rhyth- 
mus sollte nur im Falle äusserster Notbwendigkeit und 
kaum mitten im Stück gestört werden. Eine solche Notb- 
wendigkeit liegt aber hier, in einem Orchesterstück, das 
nichts der Musik Fremdes unterstützen soll, nicht vor. 
Wundervoll ist die Instrumentirung gerathen: besonders 

9* 



72 



Nr. 9. 



macht die eioitige hier verwendete Bassposaune in ihren 
wenigen, einfachen, aber wuchtigen Noten mehr Wirkung 
als anderswo drei. 

Ein ganz reizender, von einem besondem Zauber über- 
gossener Satz, der aber durch ein falsches (zu scbnoifes) 
Tempo leicht verdorben werden kann, ist Nr. 3, das In- 
termezzo (B-dur %) . Das schön eingeleitete oder vorbe- 
reitete Thema : 



•^ Bass: . « k 






b6 



l 



ist von pikanter Rhythmik , gegen welche die gehaltenen 
Accorde des übrigen Streichquartetts einen ebenso eigen^ 
thttmlichen wie schönen Gegensatz bilden. Auch in die- 
sem Satz herrscht das Thema durchaus; der Seitensatz 
macht sich dadurch ganz besonders bemerklich , dass in 
die neu auftretende Melodie der festgehaltene Rhythmus 
des Hauptthemas in Moll -Dur-Intervallen hineinspielt: 



Was der Reiz der Klangeffecte vermag, wenn anderer- 
seits das rein Musikalische , das thematisch Consequente, 
das melodisch Ausdrucksvolle festgehalten wird, das kann 
auch aus diesem Stück ersehen werden. 

Mit Nr. 3, der Ciaconi^e (D-molI 74? Andante mit Va- 
riationen), fängt unsere jSuite an theilweise bedenklich zu 
werden. Wir leugnen nicht die w^erthvolle Contrapunklik, 
welche in mehreren Variationen sich geltend macht, auch 
nicht den poetischen Ten , den uamentlich die gegen das 
Ende auftretende erste Dur- Variation aufweist, auch nicht 
die packende Gewalt des Rhythmus in einigen andern 
Variationen, Wo namentlich die Basse fest eingreifen. Was 
uns bedenklich scheint, das sind jene salon^ und vir- 
tuosenhaften Solo- Variationen, die zugleich altmodisch und 
geschmacklos genannt werden müssen. Es ist doch sehr 
billig, mit dergleichen ein dilettantisches Publicum und 
eitle Künstler zu kirren, die sich gern einmal extra hören 
lassen, um ihre Mätzchen und Männchen anzubringen ! 

Nr. 4, Sarabande (F-moU y^, AUegretto) und Nr. 5 Ga- 
votte (As-dur V,, AUegro non troppo) können als reine Bal- 
letmusik bezeichnet werden. Dass damit kein Lob aus- 
gesprochen ist, versteht sich von selbst, wenn man 
die grosse Verschiedenheit der Zwecke und Mittel in's 
Auge fasst, die bei der Ballet- und bei der Concertmusik 
besteht, welche letztere immer den symphonistischen Stil 
beibehalten muss. Jene hat den Tanz und die Pantomime 
zu begleiten und gehl hauptsächlich darauf aus, den Sin- 
nen zu schmeicheln. Diese appeilirl durch das Ohr an den 
Geist und an ein tiefer ausgebildetes Gcmüth ; sie will ein 
höheres, edleres und feineres Bedürfniss befriedigen. — 



Die Sarabande hat zum Hauptthema eine beständig in Ter- 
zen laufende, allerdings »gefällige« Melodie, die aber für 
den Geist gar nichts aussagt und zu symphonistischer Be- 
arbeitung von vornherein nicht sehr geeignet ist ; 
AUegreUo, 



^^^pi 




Ihr weich-sinnlicher Rhythmus, jhre nicht sehr noble Me- 
lodie verfolgen uns durch das ganze Stück und vejilndern 
sich begreiflich auch dann nicht, wenn sie in die B^sse 
übergehen. Die Molltonart mildert zwar den tanzhaften 
Charak'ter, ja sie giebt ihm etwas phantastisch Bestechen- 
des. Dennoch bleibt die Sache äusserst sinnlich. — Noch 
entschiedener ist das Gesagte der Fall bei der Gaifotte, 
deren tänzelnder Charakter durch den Mangel an reicher 
Harmonik noch auffallender wird. Die Haupttonart As 
kehrt so oft wieder, dass* dem Verständniss dadurch frei- 
lich keine grosse Aufgabe gestellt wird. Für ein grossea 
Publicum ist sie eben deshalb wie gemacht, und wir zwei- 
feln keinen Augenblick, dass sie bei einem nicht sehr 
kunstverständigen Auditorium allemal durchschlagen, viel- 
leicht gar zur Wiederholung verlangt werden wird. Uns 
thut es aber web, einen begabten, höchst geschickten 
Künstler auf solchen Wegen zu sehen. 

Die Courante endlich (F-moll %, AUegro vivace) hat 
eine laufende Achtelpassage der ersten Violinen zuu) 
Thema, die uns mehr für ein Violinconcert, als für ein 
Orchesterslück zu passen scheint : 



■p^ ^^^^mw'^^^m^ 




Ein Mittelsaiz in As, später in F, macht uns keinen Ein- 
druck des Noblen; wodurch? ist schwer zu sagen, ein 
fein empfindender Musiker wird es in Melodie , Rhythmik 
und Harmonie zugleich finden. — Möchte Lachner, möchte 
doch jeder Tonsetzer von solcher Begabung sich stets die 
Frage vorhalten: wie wird dies Stück auf einen ernsthaf- 
ten Musikfreund, auf einen ; der Respect vor Beethoven 
und Bach hat, wirken? Und möchten die Tonsetzer ein 
Stück, bei dem die Antwort nicht günstig ausfallen kann, 
doch lieber zu ihrer eigenen Ehre im Pull behalten, oder 
für eine passendere Gelegeubeit aufsparen ! — Die vor- 
treffliche Instrumentirung haben wir schon früher in einem 



Nr. 9. 



73 



Beriebt über das betreffende Gewandhausconcert und oben 
mehrfach hervorgehoben. Hierin ist Lachner unüberlroffe- 
ner Meister, ein grösserer als Berlioz und andere Neuere, 
die sich viel auf ihre Orchestereffeete zu gute thun; denn 
Lachner's Orchester klingt tiberall schön. 
(Fortsetzung folgt.) 



Berichte. 

Oreiden, -7- Im Begriff, den ersten Bericht für Ihr geschätz- 
tes Blatt über die erste Hätrte der diesjährigen Saison zu schrei- 
ben, wollte ich eigentlich mit einer allgemeinen Schilderung 
der hiesigen Musikverhältnisse beginnen ; doch kam ich bald 
zum Entschlüsse, zunächst mit dem Thatsächlicben anzufangen 
und erst nach Abschluss der Saison , gewissermaassen als Re- 
sultat derselben, Abrechnung mit den hiesigen Musik zuständen 
zu halten. ^ 

Meine Referate werden der Reihe nach die Goncerte ein- 
zelner Künstler, die periodisch wiederkehrenden OSncertunter- 
nehmungen, das musikalische Vereinswesen Dresdens und die 
Opernvorstelluiigen des Hoflheaters umfassen. Bei der Masse 
des Stoffes ist mir Kürze und in Folge dessen nur das Hervor- 
beben des Hauptsächlichen gestattet. 

Die Reihe der sogenannten Virtuosen - Goncerte begann 
am 20. October der ausserordentlich begabte talentvolle 13- 
jährige Pianist Georg Leitert, Sohn des hiesigen Kammermusi- 
kus Hrn. Leitert. Unter Direction des Hofcapellmeisters Dr. Rietz 
und mit Unterstützung der kgl. Gapelle trug der junge Kunst- 
iiovize Itfendelssohü's G moll-Goncert und Weber*s G dur-Polo- 
uaise, letztere leider mit Liszt's aufdringlicher Instrumentation, 
unter allseitiger Anerkennung der Fachgenossen und des grös- 
seren Publicums vor. Auch in der Sommornachtslraum-Para- 
: phrase ^on Liszt, sowie in einer Romanze von Schumann und 
I einigen Stücken von Bach (Gigue und Fuge) entwickelte der 
jugendliche Pianist Leichtigkeit und Elasticität des Anschlags^ 
rapide upd correcte Fertigkeil, und einen für sein zartes Aller 
merkwürdig frei empfundenen und musikalisch abgerundeten 
Vortrag. Möge eine taktvolle Erziehung dem talentvollen Kna- 
ben eine gleichmässige Entwicklung seiner reichen Kräfte mög- 
lich machen. , 

Unter Direction des Herrn Dr. Rietz und mit Unterstützung 
der kgL Gapelle fanden noch zwei Goncerte statt. Das erste 
gab Frl. Anna Schloss, Tochter des hiesigen Hpfopernregissei^rs 
Herrn Max Schloss , das zweite hatte Herr Adolph Blassroann 
veranstaltet. Frl. Schloss spielte Beethoven's Gdur-Goncert, . 
Rondo brillant von Hummel, eine Sonate von Scarhitti und ein 
Salonstück von Pauer. Die junge Dame bekundete in ihren 
Vorträgen eine solide Schale und musikalische Bildung über- 
haupt, ebne gerade Bedeutendes zu leisten. Am ^'enigsten 
gelang ihr das herrliche Beethoven'sche Goncert, dessen ideel- 
len Inhalt zu reproduciren freilich nur bevorzugten Geistern 
möglich ist. Herr Goncertmeister Lauterbach spielte mit künst- 
lerischer VoUehdung Andante und Rondo aus dem jüngst von 
David herausgegebenen reizenden Goncerte in D-dur von Mo- 
zart (componirt 4 775). Schmerzlich wurde von sämmllichen 
Musikfreunden das Weglassen des ersten Satzes bedauert ; eine 
Manipulation, die keinesfalls gebilligt werden kann. 

Herr Blassmann , der die letzten Jahre in Leipzig verlebt 
und sich nun zur Freude seiner vielen Verehrer wieder in 
Dresden niedergelassen hat, brachte Schumann*s hier selten 
gehörtes A moU-Concert, ein neues Goncertstöck von R. Volk- 
mann und mehrere Solostücke für Pianoforte zu Gehör. Der 
treffliche Pianist hat während seiner Abwesenheit von Dresden 
entschiedene Fortschritte gemacht und bewies eine nicht ge- 
wöhnliche Beherrschung der Technik, sowie ein phantasier 



volles, musikalisch sicheres Eindringen in den Geist sämmt- 
licher Musikstücke. Fräul. B. Wigand aus Leipzig i;nlerstützte 
das Goncert durch den gelungenen Vortrag einer Arie aus »Elias« 
und mehrerer Lieder von A. Jensen, Schumann und Schubert, 
(»Der Doppelgänger« und »Die Nonne«, instrumentirt von Liszt). 
DicSängerin errang namentlich mit der Mendelssohn*schen 
Arie und mit den SchuberVschen Liedern, trotz der unnöthi- 
gen, den freien Liedervortrag hemmenden Instrumentation der- 
selben, einen succes destime, der auch ihrem verständigen und 
maassvolien Vortrag gebührt. 

Am 4 5. und 27. November fanden Goncerte der Herren 
Tausig und Joachim, Letzterer in Verbindung mit Glara Schu- 
mann statt. Es hiesse Eulen nach Athen tragen, wollte ich 
Ihnen namentlich über die letzteren Kunstnotabilitäten das wie- 
derholen, was schon so oft geschrieben worden ist. Immer 
wird es ein Fest für alle wahren Kunstfreunde sein, Meister ^ 
Joachim und Glara Schumann zu hören, wenn auch das ge- 
wählte Programm (Kreutzersonate, Sonate von Mozart inJV-dur, 
Ghaconne von Bach u. s. w.) in den Hauptsachen hier nur ofl 
Gehörtes wiederbrachte. Tausig's erstaunliche Beherrschung 
der Glaviertechnik musste man von Neuem bewundern , ohne 
dabei warm werden zu können. Recht gelungen erschien die 
Ausführung eines Rondo von Ghopin durch die Gattin und 
Schwägerin (Frl. Vroboly) des Goncertgebers. — Fräul. Doris 
Böhme, Schülerin des Leipziger Gonservatoriums , hatte am 
7. December mit Unterstützung des Witting'schen Musikchors 
unter Direction des Herrn Strauss ein Goncert zum Besten der 
Gholerakranken in Werdau veranstaltet. Die Goncertgeberin 
spielte Ghopin's E moll-Goncert, eine Sonate mit Allegvo giocoso 
von Mendelssohn, eine Phantasie von Thalberg und mit dem 
jungen Leitert ein sehr hübsches und feines Impromptu von, 
Reinecke für zwei Flügel über ein Thema aus Schumann*s 
Manfred. FrL Böhme zeigte sich als wackere Glavierspielerin 
von tüchtiger Schule und geschmackvollem Vortrage, die jeden- 
falls unter dem gewaltigen Heere ihrer Kunstgenossinnen eine 
nicht unrühmliche Stellung einnehmen dürfte. Zum Schluss 
meines Berichts über die in dieser Saison fast epidemisch gewor- 
denen Glavierconcertemuss ich noch zwei Goncerte des hier sehr 
berüchtigt gewordenen Pianisten Hrn. Satter erwähnen, d.h. nur, 
um gegen das schwindelhafle und unanständige Auftreten dieses 
in der Schule Barnum*s gebildeten Deutsch-Amerikaners zu pro- 
testiren. Leider ist dies von der hiesigen Presse nicht gesche- 
hen, trotzdem Herr Satter seit länger als Jahresfrist alles Mögliche 
gethan hatte, die Geduld derselben zu erschöpfen. Desto takt- 
voller hat sich das Dresdener Publicum benommen, vor dessen 
Ekel und Widerwillen gegen solches Treiben Herr Satter mit 
seinen Plänen gescheitert ist. Eminente Fertigkeit als Gla- 
vierspieler ist heut zu Tage etwas so Gewöhnliches, dass da- 
mit allein noch keine Stellung in der Kunstwelt erlangt werden 
kann. Als Gomponist erscheint Herr Satter sehr unbedeutend, 
dies haben die Bruchstücke aus seiner Oper »Olanthe« bewie- 
sen, welche im ersten Goncerte am 21. October zur Auffüh- 
rung gelangten. Hannover soll so glücklich sein , Herrn Satter 
augenblicklich als kgl. Gapellmeister zu besitzen ; eine seltsame 
neue Illustration der dortigen Kunstzustände. 

Am 28. Novbr. liess sich Frau Friderici-Jakowicka, erste 
Sängerin der Oper in Warschau, auf ihrer Durchreise nach 
Paris, In einer von ihr veranstalteten Soiree hören. Leider war 
ich verhindert, der Soiree beizuwohnen, doch soll die Sängerin 
im leichten italienischen Genre nicht unrühmlicbe Erfolge er- 
rungen haben. — Die grossberzogl. Weimarische Kammer- 
sängerin Fräul. Auguste Götze erfreute in ihrem am 4 5. Dec. 
stattfindenden Goncert durch ihre künstlerisch fein gehaltenen 
Gesangsvorträge, die eine in guter Schule gebildete angenehme 
Altstimme erkennen Hessen. (Schluss folgt.) 



74 



Nr. 9. 



Leipzig. Sechszehntes Abonnement-Concert im 
Gewand hause am 15. Febr. (Erster Theil : Sympboiiie 
[A-dur] von C. Reinecke. Romanze aus »Wilhelm Telia von 
Rossini, gesungen von Frl. Asminda Ubrich, kgl. Hannover- 
schen Kammersängerin. Goncerlslück für Pianoforte von Rob. 
Volkmann, vorgetragen von Herrn A. Blassmann aus Dresden. 
Zweiter Theil: Ouvertüre zu Schllier's »Demetriusa von 
Vincenz Lachner. Arie mit obligater Violine aus der Oper »Der 
Zweikampf« von Herold, vorgetragen von Frl, übrich und Hrn. 
Goncertmeister David. Solqstücke*) für das Pianoforte, vorge- 
tragen von Hrn. Blassmann. Lieder mit Pianoforte von Rubin- 
stein und Mendelssohn, vorgetragen von Frl. Ubrich.) 

y. Der Symphonie Reinecke's Ist in der A. H. Ztg. bereits 
mehrfach gedacht worden, und zwar ausführlich, wir haben 
daher, dieselbe betreffend, nur zu constatiren, dass sie sich 
auch diesmal einer freundlichen Aufnahme zu erfreuen hatte. 
Frl. übrich erzielte im Vortrage der Rossini'schen Arie einen 
ganz ^freulichen Erfolg ; wenig Geschmack bewies sie durch 
die Wahl der völlig werthlosen Herold'schen Composition und 
zweier Lieder von Rubinstein und Mendelssohn, deren Tri- 
vialität (? D.Red.) übrigens durch den geschmacklosen Vortrag 
der Sängerin noch besonders gesteigert wurde. — Das Con- 
certslück Volkmann*s hat uns im Ganzen einen zweifelhaften 
Eindruck hinterlassen und seiner bedenklichsten Eigenschaft : 
dem Mangel an organischem Zusammenhang und an ver- 
mittelnden Uebergängen wurde durch den Vortragenden, der 
übrigens durch Hervorruf ausgezeichnet wurde, auch nicht 
nachgeholfen.**) — Die oben gedachte Ouvertüre von Vincenz 
Lachner^vurde an dieser Stätte zum ersten Male aufgeführt. 
Es mag sein, da^s sie einige gute Eigenschaften, vielleicht so- 
gar besondere Vorzüge besitzt, durch welche man sie cha- 
rakterisiren könnte, wir haben sie dann vielleicht nur in der 
Geschwindigkeit noch nicht entdecken können und suspen- 
diren daher unser näheres Urtheil darüber bis zu genauerer 
Bekanntschaft. Es scheint dem Publicum ebenso ergangen zu 
sein, denn es verhielt sich vollkommen stillschweigend. 

— Siebzehntes Abonnemcnt-Concert (drittes der 
historischen Reihe). Beethoven und Zeitgenossen. (Erster 
Theil: Kyrie aus der Es-Messe von Fr. Schubert [zum 
ersten Jtfah]. Ouvertüre, Introduction und Duett aus Jessonda 
von Spohr [die Soli gesungen von Frl. Suvanny, Frau Mar- 
chesi, Herrn Rebliug und Herrn Marchesi]. Ouvertüre, Ariette 
[Frau Marchesi] und Quartett aus »Oberen« von C. M. v. We- 
ber. Ouvertüre zu Alfons und Estrella von Fr. Schubert 
[zum ersten Mal]. Zweiler Theil : Ouvertüre zu Coriolan 
von Beethoven. Quartett »Mir ist so wunderbar« aus Fidelio, 
Phantasie für Ciavier [Fräul. Hauffe], Chor und Orchester von 
Beethoven.) 

S. j5.***) Von den Nummern dieses Programms sind alle, bis 
auf die Schubert'schen Stücke, sehr bekannt. Wir wenden uns 
daher sogleich zu diesen. Die Schubert'sche Messe ist in diesen 
Blättern bereits ausführlich besprochen und es bleibt uns nur 
übrig zu berichten, das das aufgeführte Kyrie einen bedeuten- 
den Eindruck zu machen schien und daher bedauern liess, 
dass man blos das einzige Stück vorführte (wir wenigstens hat- 
ten gern ein Stück Spohr dafür gegeben, wenn zum mindesten 

*) Von Sab. Bach und Rubinstein. 
♦♦) Was die Solostücke von Seh. Bach und Rubinstein anlangt, 
durch doreo Ausführung sich Herr Blassmann noch ausserdem um 
dieses Concert verdient zu machen suchte, so waren sie wohl geeig- 
net, seine technische Geschicklichkeit in ein helles Licht zu setzen, 
aber keineswegs den Genius Bach's zu illustriren, welches letztere 
indessen- insofern fast erwünscht sein konnte, als sich sonst die 
Barcarole von Rubinstein noch fataler ausgenommen haben würde. 
***) Wir bitten unsere geneigten Abonnenten, im Bericht der 
vorigen Nummer, am Schluss, das Würtchen »so«, das sich dahin 
verirrt hatte, zu streichen. 



noch das Gloria gebracht worden wäre) ; es klingt durchaus 
würdig und schon ; es ist nichts Unkirchliches darin , höch- 
stens ein paar grelle Accorde, die aber nur darch gleichzeitig 
grelle Instrumentirung eine so scharfe Beleuchtung erbalten. 
'Sonst waltet ein gehaltener ernster Ton vor, dem zugleich ein 
gewinnnendes liebliches Element innewohnt. Wir hoffen, dass 
der Erfolg dieses Salzes Veranlassung geben wird , die Messe 
einmal ganz vorzuführen. — • In der Ouvertüre ist besonders 
der origiucU rhylhmisirte Seilensatz auffallend, während das 
Hauptthema nicht sehr prägnant hervortritt. Jenem aber ver- 
dankt das Stück eine herzliche Aufnahme. — Ueber die Aus- 
führung der Orchester- und Chorstücke könnten wir fast nur 
Gutes sagen, obgleich wir die Corlolan-Ouvertüre schon besser 
und schv^mnghafler gehört haben, und manche Tempi etwae: 
schleppend erschienen. Von den Gesangstücken, namentlich 
den Quartetten war man nicht sonderlich befriedigt. Fräulein 
Hauffe, die man im Gewandhaase längere Zeit nicht gehört 
hat, wurde bei ihrem Auftreten mit Acciamation begrüsst. Sic 
löste ihre schwierige Aufgabe mit der ihr eigenen Wärme und 
nicht ohne^jlück. Weniger Pedalgebrauch in der Einleitung 
wäre für spätere Fälle zu empfehlen. 

Ueber zwei »historische Concerte« des Marchesi*schen Ehe- 
paares können wir wegen Mangel an Raum erst in der folgen- 
den Nummer berichten. 



Nachrichten. 

London. F. P. Noch coocentrirt sich das musikalische In- 
teresse vorzugsweise auf die Monday-popular Concerte , von denen 
bereits das fünfte stattgef\jinden. Auf L. S tra us , der hier stets mit 
Vergnügen an der Spitze des Quartetts gesehen wurde , folgt nun 
J oach i Hl. Unter den aufgeführten Werken waren Beetboven's Sep- 
tett, Quinlott von Mendelssohn Op. 4S, Sonaten mit Violine Op. 30 
und 24 von Beethoven , Quartette von Schubert (D-moll) und von 
Haydn (Es, Op. 83) ; Sonate in 6, mit Violine von Dusseck, am 
Piano Mad. Goddard, welche auch »les Adieux ä Gementut von Das- 
seck spielte und endlich noch Divertimento in Es für Violine, Viola 
und Cello von Mozart (Kochet 563). Letzteres, zum ersten Mal auf- 
geführt, gefiel ausserordentlich. Dasselbe besteht aus 6 Sätzen und 
ist im Sept. 4 788 componirt. Demselben kna[)p voran schrieb Mo- 
zart seine drei grössten Symphonien in Es, G-molI und C mit der 
Fuge. Welche Ueberfülle an Gedanken und welche Gedanken ! »Jeder 
der Sätze dieses Trio«, schreibt 0. Jahn iV. 93, »ist breit angelegt 
und mit der grdssten Liebe und Sorgfalt ausgerühil;, so dass dieses 
Trio, welches ohne Frage zu den bewunderungswürdigsten Arbeilen 
Mozart's gehört , ein wahres Cabinetsstück der Kammermusik ist. 
M^n kann sich nichts anmuthig Reizenderes denken , als das erste i 
Trio des zweiten 'Minuettes ; wie eine hell aus dem Grün hervor- 
schimmernde Blume bezaubert es durch Zartheit und Feinheit.« — 
Das Programm bei Joachim's erstem Wiederauftreten bringt Mozart's 
Quintett in G-molI, Quartett in D-moll von Haydn und Sonate Op. 96 
von Beethoven (mit Mad. Goddard). — Die seitherigen Gry stall- 
palast - Concerte brachten die Symphonien Nr. 8 von Beethoven, 
Nr. 4 von Schumann und Scherzo aus dessen dritter Symphonie; 
die Ouvertüren Melusine von Mendelssohn und die Najaden von S. 
B»;nnett; L. Straus spielte das achte Concert von Spohr, Blagrove 
eine eigene Phantasie. Mendelssohn's Opernbruchstücke »Loreley«, 
mit Frau Rudersdorff, Hiller's Cantate »LoreJey«, Silcher*s Volkslied 
gleichen Namens, Lied, Scene, Romanze und Ouvertüre aus der 
Öper »Lurline« von W. V. Wallace waren alle in einem Concerte zu- 
samniengestelll. Mit Interesse steht man hier der baldigen Auffüh- 
rung einer nahezu voUendeleu Symphonie von Suliivan entgegen. 

Paris. C. B. Die Wiederholung von »Gott und Bajadere« in der 
Oper hat nicht den ErTolg gehabt, den man sich versprochen hatte. 
Seit 1830, seit 36 Jahren, hat sich der musilcalische Gesehmack der 
Pariser ein wenig verändert, und sie finden, ich kann nur sagen 
glücklicherweise, die wenig bedeutende Musik Auber's voll- 
ständig veraltet. Das Beste in der unendlich leichten Musik sind ver- 
haltnissmässig noch die Balieis, das Unerträglichste dagegen die 
wiederholten Fermaten in den Gesangpartien , die man heutzutage 
geradezu lächerlich findet. — Wie es heisst, wird der Strike un- 
ter dem Orchester der grossen Oper wieder ausbrechen. Die Musi- 
ker, die keine Gehaltszulage bekommen, wollen wieder das unglück- 
liche Publicum durch ein ununterbrochenes säuselndes pianissimo 



ii«ff»'ii;at*^iiiv 



Nr. 9. 



.75 



zur Verzweiflung bringen. — Das Quartett der Gebrüder Müller im 
Saale Pleyel hat einen allseitigen wohlverdienten Beifall gefunden. 
Die Mitglieder der besten Pariser Quartettgesellschaften waren voll- 
zfihlig in ihrer Sbiräe versammelt, um über die Leistungen dieser 
fremden Künstler zu urtheilen, denen ein so ausgezeichneter Ruf 
vorausging. Der Erfolg der Letzteren wurde noch durch die Mitwir* 
kung der Frau Szarvady (Clauss) erhöht, deren hervorragendes Ta- 
lent stets eine besondere Anziehungskraft für das Publicum besitzt. 
Das Beethoven'sche B-Trio wurde wahrhaft bewundernswürdig aus- 
geführt. — Die Pasdeloup'schen Concerte haben als Neuigkeit die 
Ouvertüre zum Römischen Carneval von Berlioz gebracht. Wie Sie 
wissen , sind die Meinungen über Berlioz hier sehr getheilt ; man 
spielt selten etwas von ihm, und es ist deshalb jedesmal interessant, 
den Eindruck eines seiner Werke auf das Publicum zu beobachten. 
Die Ouvertüre beginnt mit wunderlich grellen Accordfolgen , und 
kurzen gleichsam hervorgeschossenen musikalischen Phrasen, die 
das Geschrei der Menge darstellen sollen, in unregelmässigen Zwi- 
schenrönmcn von wuchtigen Windstössen unterbrochen. Dann folgt 
ein Adagio, wie ein Gebet. Die Melodie ist einfach und entwickelt 
sich, allen Gewohnheiten des Componisten zuwider, natürlich und 
anmuthig. Aber bald beginnt wieder das wüste Geschrei und das 
Ganze endigt im vollsten Wirrwarr. Liebhaber von malender Pro- 
grammmusik mögen das Alles schön und interessant finden, ich 
kann nicht leugnen, dass es auf mich einen höchst unangenehmen 
Eindruck gemacht hat. (Diese Ouvertüre, in Deutschland längst be- 
kannt, gehört übrigens zu den verhöltnissmässig geniessbarsten 
Stücken Berlioz's. D. Red.) 

Im Münchener Odeons- Saale fand zum Besten des abge- 
brannten Partenkirchen ein Concert statt, welches der dortige Com- 
ponist Herr Mai Z enger veranstaltet hatte, und wobei die Münch- 
ner Sängergenossenschaft , der Oratorienverein, die Hofmusik und 
eine Sängerin Frl. Bertha Ehnn mitwirkten. Das Concert, von Hrn. 
Max Zenger dirigirt, brachte Folgendes: Ouvertüre zu Ruy Blas von 
Mendelssohn; »0 Isis und Osiris«, Chor von Mozart; Morgenlied, 
Chor von Rietz; 2 Gesänge aus Goethe's Faust von M. Zenger; Slur- 
niesmytho von Fr. Lachner; Schlummerlied, Chor von Cherubini; 
Zigeunerloben von H. Schumann, instrumentirt von M. Zenger ; zwei 
Lieder von Schubert und Mendelssohn; »Aber mit seinem Volke«, 
Chor aus Israel von Händel. Die Sängerin Fräul.B. Ehnn wird uns 
brieflich als ein ausgezeichnetes Talent geschildert, der Beifall ^ den 
sie mitden gewählten Liedern erzielte, sei ausserordentlich gewesen. 

In Magdeburg fanden Aufführungen von Händors »Sau!« 
(durch den Ritter'schcn Gesangverein) und Schumann's »Manfred« 
(durch den Rebling'schen Gesangverein) statt. 

In Paris sollen ein Dutzend bisher unbekannter Arien und 
Tänze von P ergo lese aufgefunden worden sein. 

C. H. Bitter, der Verfasser einer Biographie S. Baoh's, hat 
eine neue Uebersetzung der Texte von »Don Juann und »Iphigenie in 
Tauris« herausgegeben. 

Der Violinvirtuose Vieu xtemps soll eine Cantate geschrieben 
haben, deren Text die Entwicklung Belgiens seit 4833 behandelt I 

Die Socidtd de Sainte^Cäcile in Bordeaux hat auf eine Sym- 
phonie in vier Sätzen für grosses Orchester einen Preis (goldene Me- 
daille im Werth von 300 Fr.) ausgeschrieben. Die Partituren sind 
bis 30. September 4866 an den General-Secretär der Gesellschaft, 
Hrn. Paul Gautier daselbst (Rue Blanc-Dutrouilh, 18) franco einzu- 



senden, und müssen ein Motto haben, das, mit dem Namen des 
Autors, auch in einem versiegelten Couvert anzugeben ist. 

Unser Mitarbeiter und bisherige Londoner Correspondent Herr 
Ferdinand Pohl verlässt in diesen Tagen London und siedelt 
nach Wien über, wo er die von Nottebohm niedergelegte Stelle 
eines Bibliothekars der Gesellschaft der Musikfreunde überneh- 
men wird. 

Frau Clara Schumann hat es in Wien bereits bis zu fünf 
Concerten gebracht, ein ausserordentlicher Erfolg, zu dem wir der 
Künstlerin ehenso herzlich gratuliren dürfen wie den Wiener Musik- 
kreisen , da diese Künstlerin ausschliesslich gute und interessante 
Musik vorführt. — Das sechste philharmonische Concert brachte 
eine neue Orchester-Suite in A-moIl von H. Esser, die grossen Bei- 
fall fand. Der dritte Satz, welcher wiederholt werden musste, wird 
übrigens von Wiener Kritikern gerade als weniger bedeutend ge- 
schildert. — Am Hofoperntheater ist ein vierter Capeliraeister in 
Person des Herrn C. M. RittervonSavenau angestellt worden. 
— Die auch von d. Bl. (nach den »Signalena} gebrachte Nachricht, 
die Wiener Pianistin Frl. J. von Asten sei Lehrerin des k. Kronprin- 
zen Rudolph geworden, ist brieflichen Mittheilungen zufolge falsch. 
Vielmehr soll ein Herr Richter der Glückliche sein, dem die verant- 
wortliche Aufgabe zugefallen ist, das künftige Oberhaupt eines 
grossen Staates in den Geist der Tonkunst einzuführen. v 

Das diesjährige Niederrheinische Musikfest wird in Düssel- 
dorf und zwar in der neuerbauten städtischen Tonhalle abgehalten 
werden. Unter den Mitwirkenden werden Frau Jenny Lind-Gold- 
schmidt, Herr Goldschmidt (als Dirigent?) , dann die Herren Stock«- 
hausen und Gunz genannt. Ueber das Programm verlautet noch 
nichts. 

W. F. G. Nicola i's Musik über Schiller's »Glockea kam am 
43. Febr. im Haag mit Beifall zur Aufführung. 

Auf Befehl des Königs von Bayern war für den 24. d Mts. in 
München eine Aufführung von Fr. L i s z t ' s Oratorium »Die heilige 
Elisabeth« angekündigt. 

Leipzig. Die »Afrikanerina, für deren Rollen Meyerbeer immer 
keine genügenden Repräsentanten finden konnte, ist in Leipzig z. Tb. 
doppelt besetzt, so dass die Hauptrollen (Ines und Selika) abwechselnd 
von verschiedenen Sängerinnen dargestellt werden. — Die Striche, die 
man gemacht hat, um die Dauer der Oper auf 8'/, Stunden herab- 
zumindern, erscheinen fast barbarisch, und Meyerbeer möchte über 
solche Zustutzung sich wohl im Grabe umdrehen, wenn er davon 
wüsste. Die fünfte Vorstellung, in der wir das Werk zum ersten 
Mal hörten, war ziemlich schwach besucht (die Preise sind um das 
Doppelte erhöht). 

— Unser Mitarbeiter Herr van Bruyck, welcher nCchrere 
Monate hier weilte, ist vor einigen Tagen nach Wien zurückgekehrt. 

— Uebermorgen (als am Busstag) Nachmittag veranstaltet der 
Riedersche Verein in der Thomaskirche eine Aufführung der grossen 
D-Messe von Beethoven. 



Briefkasten der Bedaetion. 

H. S.\n W. Wir müssen erst Einsicht genommen hahen, bevor 
wir Antwort geben können. 



ANZEIGER. 



'"'Conserratoriiun der Insik zn Leipzig. 

Mit Ostern d. J. beginnt im Conservatorium der Musik ein neuer 
Dnterrichtscursus und Donnerstag, den 5. April d. J., findet die 
regelmässige halbjährige Prüfung und Aufnahme neuer Schülerinnen 
and Schüler statt. Diejenigen , welche in das Conservatorium der 
Musik eintreten wollen , haben sich bis dahin schriftlich oder per- 
sönlich bei dem unterzeichneten Directorium anzumelden und am 
vorgedachten Tage Vormittags 4 Uhr vor der Prüfungscommission 
im Conservatorium einzufinden. 

Zur Aufnahme sind erforderlich: musikalisches Talent und eine 
wenigstens die Anfangsgründe überschreitende musikalische Vor- 
bildung» 

Das Conservatorium bezweckt eine möglichst allgemeine, gründ- 
liche Ausbildung in der Musik und den nächsten Hülfswissenschaf- 
ten. Der Unterricht erstreckt sich theoretisch und praktisch über 
alle Zweige der Musik als Kunst und Wissenschaft (Harmonie- und 
Compositionslehre ; Pianoforte, Orgel, Violine, Violoncell u. s. w. in 



Solo-, Ensemble-, Quartett-, Orchester- und Partitur-Spiel ; Direc- 
tioiis-Uebung, Solo- uml Chorgesang, verbunden mit Uebungen im 
öffentlichen Vortrage ; Geschichte und Aesthetik der Musik ; ita- 
lienische Sprache und Declamation) und wird ertheilt von den Herren 
Musikdirector Dr. Hauptmann, Musikdirector und Organist Rich- 
ter, Capellmeister C. Reinecke, Dr. R. Papperitz, Professor 
MoRclieies, Tlieodor Coccios, E. F. Weusel, Concertmeister 
F.David. Concertmeister R. Dreyscliock, F. Hermann, E. 
Rüulf^en, Professor OOtse und Dr. F. Brendel. 

Das Honorar für den gesammten Unterricht beträgt jährlich 
80 Thaler, zahlbar pränumerando in yjährlichen Terminen ä 20 Tha- 
ler zu Ostern, Johannis, Michaelis und Weihnachten j. J. 

Die ausrührliche gedruckte Darstellung der Innern Einrichtung 
des Instituts u. s. w. wird von dem Directorium unentgeltlich aus- 
gegeben, kann auch durch alle Buch- und Musikalienhandlungen des 
In- und Auslandes bezogen werden.; 

Leipzig, im Februar 4 866. 

Das Diieotorinm am Gonservatorium der Musik. 



76 Nr. 9. 



f*«l Verlag von Breitkopf und HSrtei in Leipzig. 

Durcih alle Buch- und .Musikalienhandlungen zu beziehen: 

BEETHOVENS 

Sonaten für das Fianoforte. 

Gorreote soheiie und billige Aasgabe. 



Nr. 4. 


Op.«. Nr.4, inFm, 


— 42 


Nr. 49. 


- 8. 


- «. - 8. - A. . 


— 48 


- 20. 


- 8. 


- 2. - 3. - C. . 


- 48 


- 24. 


- 4. 


- 7. in Es. . , . 


— 48 


- 22. 


- 5. 


- 40. Nr. 4. in Cm. 


— 42 


- 23. 


- 6. 


- 40. - 2. - F. . 


— 42 


- 24. 


- 7. 


- 40. - 3. - D. . 


— 45 


- 25. 


- 8. 


- 43. in Cm. (pa- 




- 26. 


- 9. 


Ihötique.) . . . 
- 44. Nr. 4. in E. ; 


- 45 

— 4ä 


- 27. 

- 28. 


- 40. 


- 44. - 2. - G. . 


— 45 


-• 29. 


-44. 


- 22. in B. . . . 


— 24 




- 4J. 


- 26. - As. . . . 


-45 


- 30. 


-43. 


- 27. Nr. 4. in Es. 




- 34. 


-44. 


(quasi fantasia.). . 
- 27. Nr.2.inCisin 


-42 

■ 


- 32. 

- 33. 


- 45. 


(quasi fantasia.). . 
- 28. in D. . . . 


42 
— 45 


- 34. 

- 35. 


- 46. 


- 34. Nr. 4. inG. . 


— 24 


- 36. 


- 47. 


- 81, - 2. - Dm. 


— 48 


- 37. 


- 48. 


- 84. - 8. - Es. . 


— 48 


- 88. 


Complet in 3 brochirlen Bäi 
— in 3 eleganten Sars 


iden 
enet-Bä 



Op. 49. Nr.4.inGm.— 9 

- 49. - 2. - G. . -— 9 

- 58. in C. , . — 24 

- 54. - F. . . — 42 

- 57. - Fm. . . — 24 

- 78. - Fis. . . — 9 

- 79. - G. . . — 9 

- 84«.- Es. . . — 45 

- 96. - Em. . . — 42 

- 404. - A.. . . - 45 

- 4 06. - B. (Ham- 
merklavier.) 



4 09. in £. 

- 440, - As. 

- 444. - Gm. 
in Es. . . . 

- Fm, . . 

- D. . . . 

- C. . . . 

- G. . . . 

- F. . . . 
. . 45 Thlr. 

-Bänden 46 Thlr. 45 Ngr. 



4 3 

— 45 

— ♦5 

— 48 
-. 9 
^ 9 

— 42 

— 6 

— 3 

— 6 



[47] In meinem Verlage erschien soeben : 

Ferd. Bücbler. 

für 

mit theilweiser wülkärlioher Begleitung eines zweiten 
Violoncellß, 

Eingeführt an dem Con.servalorium zu Wien. 

% Uefte k I Thlr. 10 Ngr. 

J. Bieter- Biedermann in Leipzig und Winterthur. 



[48] 



Neue Musikalien 



im Verlage 



von Breitkopf und HSrtel in Leipzig. 

Thlr. Ngr. 
Bach, Job. Seb., 6 Sonaten für das Violoncell , zum Vor- 
trag bezeichnet von J. J. F. Dotzauer. Neue Ausgabe . 
Beethoven, L. v., Symphonies. Partilion de Piano par F. 
Liszt. 
Nr. 8. Mi b^mol maj. (Esdur.) Eroica 

- 4. Si bömol maj. (Bdur) 

- 6. üt min. (Cmoll) 

Behr, F., Phantasiestücke Tür das Pianoforte. Op. 84. Heft 

4 — 4 ä 

Loin de la patrie. Mazoorka pour Piano. Op. 82 . . 

2*°' Czärdas de Concert pour Piano. Op. 84 ... . 

Marche fun^bre pour Piano. Op. 87 

Rdve des fleurs. Valse brillante pour Piano. Op. 89 . 

ChopiD, F., Trauer-Marsch aus der Sonate Op. 35. Arran- 
gement für Orchester. Partitur 

Fink, Chr., Der 95. Psalm. Kommet herzu, lasset uns dem 
Herrn frohlocken ; fiir Mönnerchor, Blechinstrumente und 
Pauken. Op. 28. Partitur mit untergelegtem Klavleraus- 
zuge und Chorstimmen 4 5 



4 — 



2 45 
2 — 
2 — 



20 

— 45 

— 20 

— 42i 

— 20 

— 45 



Orenseba€h,E., Etüden in fortschreitender Schwierigkeit, 
für das Pianoforte. Op. 8. Heft 4— 2 ä 4 5 

Toccata für das Pianoforte. Op. 9 . . . . * . . . — 4 71 

Henselt, A., 40 Etüden aus Op. 8. Arrangement für das 
Pianoforte zu 4 Hönden. Nr. 4. Eroica — 45 

Jnnkelmann, Alb., La iille du meunier. Morccau pour 
Piano. Op. 48 — 45 

Rondeau brillant pour Piano. Op. 49 — 20 

Liederkreis. Sammlung vorzüglicher Lieder und Gesänge 

für eine Stimme mit Begleitung des Pianoforte. 
Nr. 423. Haydn, Job., Stets barg die Liebe sie; aus den 

Oeuvres compl^tes Cah. VllL Nr. 44 . . — 5 

- 424. Schäferlied; aus den Oeuvres compl^tes 

Cah. IX. Nr. 20 — Vj 

Beide neuerdings hier mit grösstem Beifall in den Gewand- 

haus-Concerten gesungen. 
LisEt, F., Concerto pathötique pour deux Pianos .... 4 20 

Les Pr^ludes. Po^me symphonique pour grand Or- 

chcstre. Partition de Piano par K. Klauser .... 4 42) 

Meomann, E., Sonate pour Piano et Violon ou Vloloncelle. 

Op. 46. Edition pour Piano et Violoocelle 2 45 

iMosart, W. A., Sonaten für Pianoforte und Violine. Zum 

Gebrauch imConservatorium der Musik und zum Vortrage 

im Gewandhause zu Leipzig genau bezeichnet von Ferd. 

David. 
Nr. 40. Sonate. Bdur — 28 

- 4 4. Sonate. Gdur — 48 

Dieselben. Arrangement für Pianoforte und Violoncell 

von Fr. Grützmacher. 

Nr. 40. Sonate. Bdur — 28 

- 44. Sonate. Gdur — 48 

Neamann, F., Une fleur. Impromplu ^16gant p. le Piano. 

Op. 4» - 46 

Pianoforte-M osik , Classische und moderne. Sammlung 

vorzüglicher Pianoforte-Werke von J. S. Bach bis auf die 

neuesten Zeiten. Erster Band (elegant gebunden) . . n. 2 — 
Reineeke, Carl, Cadenzen zu classischen Pianoforte-Gon- 

certen. Op. 87. 
Nr. 5. Cadenz zu Mozart's Concert Nr. 4 6. Gdur . . — 40 

- 6. zu Beethoven's Concert Nr. 4. Cdur . . — 7i 

Reiter, E., Ostermorgen. Gedicht für vier Männerstimmen 

(Solo und Chor), üp. 45. Partitur und Stimmen . . . 4 — 
Schobert, Franz, Andante con meto aus der Cdur- 
Symphonie — 45 

[49] In meinem Verlag erschien soeben : 

M. BSBSSOH. 

Ooncert »ymplioiiiqiie 

pour le Piano 
avec Accompagnement d'Orchestre. 

Op. 62. 

Arrangement pour Piano seul par P Antenr 

Preis 1 Thlr. 25 Ngr. 
Partitur und Stimmen sind in Abschrift zu beziehen. 

Von demselben Componisten erschienen ferner : 

Op. 46. Marehe des Vivandieres. Caprice de Genre pour le 
V Piano. 45 Ngr. 

Op. 61. Ii6 Tatamaquo. Danse havanwao pour le Piano. 45 Ngr. 

Op. 60. lies Caractdriatiques. Etudes de Style et de Perfeclion- 
nement pour le Piano. (Approuvees par le Conserva^ 
toire Imperial de Paris. AdopL^s par les Conserva- 
toires de Berlin et Gen6ve.) — Cah. 4. La Naive. La 
Polatre. La Passionöe. La Sensitive. 4 Thlr. — Gab. 8. 
L'Impötueuse. LaS^rieuse. Pour la mMO gauche seule. 
25 Ngr. 

Op. 61. Jadis et AtOourdliui. Deux Morceavx caract^ristiques 
pour le Piano. (Jadis ; Menuet. Aujourd'hui ; M<^ita- 
tion.) 20 Ngr. 

J. Rieter-Biedermaim 

in Leipzig und Wiatert hnr. _ 
thur. — Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. 



Verlag von J. Bieter-Biedermann in Leipzig und Winter 



j 



Die Leipnger Allgvmeiiie Mnaika- 

ÜMh« Zeitung erscheint regelm&wiff an 

jedem Mittwoeh und ist durch alle 

Poettmierund Buchhandlung an 

in belieben. 



Leipziger Allgemeine 



Prell : 
VierteUfthrUebePrinum. IThlr.: 



JihrUch S tUr. 10 Kgr. 

10 Nr. 
Anleihen : 0le getpaltene Fetkaefle oder 



deren Aaum 2 
werden 



Brief« und Gelder 
neo erbeten» 



Musikalische Zeitung. 



Verantwortlicher Redacteur: Selmar Bagge. 



Leipzig, 7. März 1866. 



Nr. 10. 



I. Jahrgang. 



[nha] t: Zweifelhafte Stellen imManascript der Don Juan-Partitur (Fortsetzung). — Hecensionen (Neue Werke für Orchester) [Fortsetauog]. — 
Uebersicht neu erschienener Musikwerke (Fortsetzung), -r Berichte aus Dresden (Schluss) und Leipzig. — - Nachrichten. — - Brief- 
kasten. — Berichtigung. — Anzeiger. 



Zweifelhafte Stellen im Manuscript der 
Don Juan -Partitur. 

(Fortsetzung.) 
8) Eine freaide streichende Hand lässt sich fast mit 
Bestimmtheit nachweisen an einer andern Stelle des zwei-* 
len Finale. Wie Jahn (IV, S. 379) schon berichtet hat, 
sind S. S72 und 273 [484] im Bass die zu Leporello's Wor- 
ten i>la ierzana Xavere mi sembrau etc. gehörigen Triolen 
durchstrichen und je das erste und dritte Viertel des Takts 
durch die entsprechende Note gegeben. Das Streichen 
dieser Triolen n^uss erst spät, nachdem schon Abschrift- 
ten von der Partitur genommen waren, erfolgt sein, weil 
sowohl im Druck als in der früher erwähnten alten Ab-- 
Schrift die Triolen noch »iehen. Die Viertelnoten aber, 
welche der Contrabass statt der Triolen erhielt, sind nicht 
späteren Ursprungs, sondern gleichzeitig mit dem Ein- 
tragen der Geigenstimmen in die Partitur entstanden. Der 
Beweis dafür liegt für mich in dem unscheinbaren Um«- 
stand, dass zu dem Takte , mit welchem die Triolen be- 
ginnen, die Violastimme *) so geschneiten ist : 



Violoncell aber sie beliess. In der That würde die Be- 
gleitung, wenn die Violoncelle ebenfalls blos Viertel an- 
geben sollten, einen Anstrich von Trockenheit haben, der 
gegen die vorausgegangene Erregung des Orchesters all- 
zusehr abstäche, und es ist gegen alle Wahrscheinlichkeit^ 
dass Mozart gerade hier, wo das deutliche Singen nicht 
leicht ist, dem Sänger jede Instrumentalunterstützung ent- 
zogen haben sollte. Obige Schreibweise ist späterhin von 
irgend Jemandem miss verstanden worden, und das Miss- 
verständniss hat zum Durchstreichen der Triolen ver- 
leitet. *) 

9) Bald nac^ dieser Stelle steJ»t in der gedruckten 
Partitur S. 879 [494] beim Piu stretto am Bass i^tremölm. 
Im Manuscript stand das. nämliche Wort mich bei den 
Violinstimmen, ist aber nicht bles dort , sondern auch 
im Bass wieder gestrichen. Desgleichen sind die unter 
und über der Sparte dem Worte angehängten Schlangen- 
linien gestrichen, von denen die untere (wie im Druck) bis 
an das Pointe reichte , die obere bis nahe dahin. Ein tre- 



fiiicol Basso.n: 



Bekanntlich hat Mozart den Bass immer vor den übrigen 
Orchesterstimmen geschrieben. Er hatte hier ihm anfäng- 
lich Triolen zugetheilt, aber bald, ehe noch die Viola- 
stimme nachgetragen war, sich zu den Vierteln ent- 
schlossen , die er dann anmerkte, ohne die Triolen zu 
streichen. Es hat also geheissen : 



^^ 



n. s. f. 



■i r i 

und dies kann nicht anders verstanden werden , als dass 
Mozart zwar dem Contrabass die Triolen nahm, dem 

*) Dass hier in der gedruckten Partitur die Viola nicht in Ord- 
nung Ist, erglebt sich von selbst. Wären die Triolen dem Contra- 
bass geblieben , so hätte wohl auch die Viola (wenn Mozart über- 
haupt an ihre Betheiligung bei den Triolen dachte^ was aus mehre- 
ren Gründen bezweifelt werden kann) dieselben sogleich, nicht 
erst einen Takt später, aufnehmen müssen. 
I. 



*) Die Notenhälse der Triolen gehen schon von der zweiten 
Hälfte des drillen Takts an abwärts, womit bewiesen ist, dass 
zuerst alle Bässe Triolen haben sollten. Die neuen Contrabassnoten 
sind dann gross daneben geschrieben und zwar immer abwärts 
gestrichen : 



r 



i 



04lS!Z^ 



,i 



r^n 



m 



Wäre ein völliges Beseitigen der Triolen beabsichtigt gewesen , so 
würde Mozart nach sonstigem Brauch gieich die erste Triolnote als 
Correcturnote benutzt haben. 

Wer obiger Argumentation gegenüber dennoch an der Meinung 
festhalten wollte, Mozart selbst habe- die Triolen weggestrichen, der 
müsste annehmen, der Componist habe sich nach Jahren abermals 
zu der Stelle zurückgewendet, um seine erste Modification durch 
eine dritte Form zu ersetzen , welche entschieden schwäeher «ad 
kühler ist als die zweite. Eine solche Annahme wäre höchst ge- 
sucht und unwahrscheinlich; ein genialer, thätiger Autor nimmt 
nicht ein abgeschlossenes Werk immer wieder and naoh langen Zeit- 
räumen zur Hand , um in kleinlichen Dingen noch zu ändern, 
sondern greift zu einer neuen Arbeit. (Die Annahme würde ganz un- 
möglich sein, wenn vorausgesetzt werden dürfte, dass für den errt 
nach Mozart's.Tpde erfolgten Druck der Partitur die dabei benutzte 
Abschrift genau mit dem Originalmanuscript verglichen worden sei. 
Dies scheint aber nicht der Fall gewesen za sein.) 

40 



78 



Nr. 10. 



moh sämmtlieher Streich -Instrumente würde hier, wo 
■luan die tiargebotene Hand des Geistes ergreift und von 
der Kälte derselben durchscbaudert wird (i>Chegelo ^ questo 
maih]^ ganz der Situation enUjprechen. Warum sollte es 
den Componisten wieder gereut haben? Sehr bedenklich 
ist, dass im Bass nach Durchstrich des tremolo und seiner 
Schlangenlinie die ganzen Noten nicht auch in Sechszehn- 
tel [tlbereinstimmend mit den Violinen und Bratschen)^ 
aufgelöst worden sind. Der Bass sollte schwerlich auf 
diesen ganzen Noten ruhig liegen bleiben. Hätte Mozart 
blos vergessen, über ihnen die Sechszehntelstriche anzu- 
bringen? Es dranj;;! sich auch hier die Vermuthung einer 
fremden Hand auf. Das tremolo soll wohl in allen Stim- 
men nur so lange dauern, als die Schlangenlinie anzeigt, 
nämlich bis zum Eintritt des Forte. Da ^ber von hier ab 
die Violinen und Violen noch volle 22 Takte ihre Töne in 

Sechszehntelzerlegung ^ geben, während der Bass neben 
Scalenpassagen langgebaltene Noten hat, scheint Jemand, 
der das tremoio auch auf jene 22 Takte bezog, gemeint zu 
haben, des Tremolirons sei doch zu viel und man thue 
besser, es ganz zu beseitigen. (Das Tilgen des Worts in 
den verschiedenen Stimmen ist mit einer bei Mozart sonst 
unbekannten Gründlichkeit geschehen, welche sich nicht 
mit einfachem Durchstrich begnügte, sondern noch meh- 
rere schräge Querstriche verwendete.) 

Ist einmal der Verdacht rege geworden, ein Anderer 
habe nach Mozart's Tode da und dort in sein Manuscript 
eingegrilTen, so wird man misstrauisch und lässt sich von 
Zweifeln auch an solchen Stellen beschleichen , welche 
ausserdem vielleicht nicht aufgefallen wären. Drei Fälle 
dieser Art sind zu erwähnen. 

10) Im letzten Satx des zweiten Finale [Presto] haben 
Anna und Elvira durchaus emerlei Stimme und deshalb 
auch nur eine gemeinsame Notenlinie. Bios im 4 6. und 
17, Takt sind nachträglich der Elvira eigene Noten (in 
sehr plumper Schrift) beigeschrieben, indem sie dort, wie 
auch Jahn (IV j S. 448) angiebt, auf i> Questo d ü fina eine 
Terz tiefer als Anna singen soll. Bios dreistimmig ist acht 
Takte vorher das erste nQuesto ^ üfim. Wenn jetzt Vier- 
stimmigkeit gewählt wurde, konnte der Grund nur darin 
liegen, dass, wenn Elvira bei Annans Stimme bleibt, in 
den SJDgstimmen der Secundaccord nicht vollständig 
hervortritt, vielmehr wie ein Quartsextaccord aussieht. 
Allein das ia den Singstimmen fehlende e liegt in der 
zweiten Oboe und im ersten Hörn, so dass das Ohr den 
Secundenaccord sehr bestimmt empfängt. Das nachge- 
brachte Einfügen des e in die Singstimmen hat einen etwas 
pedantischen Anstrich. Dass es von Mozart herrühre , ist 
nicht unmöglich, aber auch nicht wahrscheinlich. Mehr 
Wahrscheinlichkeit dtlrfte die Ansicht haben, dass Mozart 
die Dreistimmigkeit mit Absicht nahm, um das sogleich 
folgende Einsetzen der vierten (Bass-) Stimme mit dem 
Thema um so merklicher hervortreten zu lassen. (Grosse, 
derbe Noten sehreibt Mozart öfter, wenn er sie an die 



Stelle anderer zu setzen bat, nicht aber, wenn er sie 
als neue Zuthat einschaltet.) 

(Fortsetzung folgt.) 



Becensionen. 
Neie Werke fir Orckeiter. 

2) Heinrich Esser. Suite in fünf Sätzen (hitrodazione» An- 

dante pensieroso , Scherzo , Allegretto grazioso , Finale) 
für grosses Orchester. Op. 70. Partitur 7 11. t J kr. 
Mainz, Schott. 

3) Jul. 0. Grimm. Suite in Canonform für Streichinstrumente 

(Orchester ((bne Bläser). Op. 10. Partitur 22% Ngr. 
Stimmen 1 Tblr. 10 Ngr. Vierbändiger Ciavierauszug 
vom Componisten 1 Thlr. 5 Ngr. Leipzig und Winter- 
tbur, Rieter-Bledermann. 

(Fortsetzung.) 

In Betreff der beiden andern Suiten von Esser und 
Grimm befinden wir uns leider nicht auf demselben 
sichern Boden der Beurtheilung , welchen uns bei der 
La ebne raschen die doppelte Bekanntschaft aus der Par- 
titur und einer guten Aufftihrung gewährte"^) : wir sind 
hier auf das beschränkt , was die Partitur uns erkennen 
lässt. Zwar getrauen wir uns danach ein Urlheil über 
Werth oder Unwerth im Allgemeinen zu fällen, doch ist 
es von allen Musikern anerkannt, dass die Wirkung eines 
Stücks oft von unscheinbaren Dingen abhängt , so zwar, 
dass manche recht bedeutend aussehende Partitur doch 
nicht recht wirken will, während eine andere, der man es 
kaum ansieht, sich in der Ausführung ganz vortrefflich 
macht. Dazu kommt auch noch die Akustik des betref- 
fenden Saales in Betracht^ aus -welcher es manchmal fast 
allein zu erklären ist, wenn ein lebhaft empfängliches Pu- 
blicum für dasselbe Werk an dem einen Orte sogleich ein- 
genommen ist, während ein anderes nicht minder em- 
pfängliches an einem andern Ort kühl bleibt. 

Wenn wir nun trotz dieses Uebelstandes dodi einen 
Vergleich der Es§er*schen Suite mit der Lachner'schen 
dritten wagen sollten, so würden wir sagen, die Lachner - 
sehe sei mehr im französischen , die Esser'sche mehr im 
süddeutschen Stil geschrieben. Zwar der erste Satz der 
letzteren (Introduzione, F-dur Ti, Allegro moderato) nähert 
sich etwas der Bach-Händerschen Weise, da sein Tbemu 
so recht in altdeutsch-handfester Weise auftritt : . 



^z^ fi^Liq jUJlUrjri^i^ 



und auch so durchgeftthrt wird. Doch wie man Mozart, 
wenn er mit Absicht »im Stile HändePs« schreibt, doch 
den Mozart anmerkt, so verleugnet auch Esser seine Na- 
tur nicht. Der Meister des modernen Orchesters, als 
welcher sich Esser in mehreren Compositionen und Be- 
arbeitungen rühmlichst bewährt hat, verschmäht natürlich 

*) Der Aufführung der Esser'scben Suite im Gewandhause (ver- 
gleiche A. M. Ztg. 1865 Nr. 50) konnten wir leider Unwohlseins hal- 
ber nicht beiwohnen. 



Nr. 10. 



79 



die neuere Orchestertechnik nicht. Und das ist das eine, 
was sogleich den neueren Ursprung des Werkes verräth ; 
das andere ist eine gewisse Geschmeidigkeit der modu- 
latorischen Gestaltung, die sich namentlich im Gebrauch 
der Ghromatik ausspricht; aber auch Anlage und Form 
des Stücks stehen auf modernem Boden. Man sehe z. B. 
den Orgelpunkt auf der Dominante im zweiten Theil, vor 
Eintritt des Themas. Hier scheint das »Moderne« sogar 
ein wenig altmodisch, indem man seit Beethoven, Men- 
delssohn und Schumann wieder mehr gewohnt ist, sich 
durch den Eintritt der Haupttonart überraschen zu 
lassen. Die Lebendigkeit der Figuren, die durchaus cou- 
trapunktisch- polyphone Behandlung geben dem Stück 
aber eine interessante Seite, die bei guter Ausführung die 
Wirkung sichern dürfte. 

Nr. 2 (Andante pensieroso ^ D-moll %) klingt entschie- 
dener an die neuere Zeit, und zwar etwas an Mendels- 
sohn'sche Weise an. Das Liedhafte überwiegt, die vier- 
taktigen Gruppen des Rhythmus erscheinen uns sogar 
etwas einförmig. Wir haben den Eindruck, als sollte we- 
nigstens einmal in diesem Stück ein etwas freieres Her- 
ausgehen die Phantasie beschäftigen und irgendwo ein 
breiterer Rhythmus uns desto lieber zu der einfachen, 
übrigens äusserst hübschen Liedmeiodie : 
Viola in 8va ,^ 




Cello : 



zurückkehren lassen. 

im dritten Satz, Scherzo (D-moll, Allegro Vg), wo ein 
lebhaftes, stakkirtes Motiv von 4 Takten 
Streichquartett 4 stimmig. 



^^m^^ 



zum achttaktigen Theil ausgebaut ist, von allen Stimmen 
in paralleler Bewegung begleitet wird , und nach Art des 
Scherzos der Beethoven'schen neunten Symphonie vom p 
sich nach und nach zum /f erhebt, ist es besonders auf 
den Wechsel rhythmischer Gruppen von 4, 3 und 2 Tak- 
ten abgesehen. Dadurch erhält das Stück viel Lebendig- 
keit und Mannigfaltigkeit. Auch die Uebergänge in den 
Tonarten, dann die Varianten der Hauptmelodie durch 
Sechszebntel und später Sechszehnteltriolen tragen dazu 
viel bei. Im Trio in B-dur herrschen die deutlichen und 
sich beständig aneinanderreihenden 4taktigen Gruppen 
wieder etwas bedenklich vor, und die oft, wenn auch in 
verschiedenen Tonarten, wiederholte melodische Phrase : 



L ^^giTTM 



iM?±^ 



giebt diesem Theil etwas Lässiges und Uninteressantes. 
Einem frei ausfahrenden, die allzu eng gezogenen Schran- 
ken des Staktigen Baues durchbrechenden Wogenschlage 
begegnen wir auch hier nicht. 



Das Thema des vierten Satzes [AUegreüo grazioso, A - 
dur y«) hat fUr uns etwas Süssliches und nähert sich viel- 
leicht am meisten dem süddeutschen Wesen : 



»3 



^ 



?=t 



^^ 



^m 



Q. s.w. 



Bass: a k d eis fU e a dT a gis a 
Hauptsächlich ist es die Sechszehntelfigur des dritten Tak- 
tes, die etwas nach Phrase aussieht und dem ganzen 
Stück jenen Charakter giebt. Einige jotanrntmo- Stellen 
mit spannenden Uebergängen und reizender Lösung, dann 
die durchweg contrapuuktische Hallung entschädigen 
einigermaassen für das nicht sehr gehaltvolle Thema. 

Das Finale Nr. 5 besteht aus einem Tempo dt MenrAetto 
(F-dur Yi) von massiger Dauer, das in ein Allegro vivace 
(F-dur 74) übergeht, um schliesslich wieder in sich selbst 
zurückzukehren, und im Menuett-Tempo das Ganze ab- 
zuschliessen. Das musikalisch Besondere daran ist, dass 
die Themate beider Sätze (der Menuett und das Allegro) 
aus denselben Noten gebildet sind, wie aus folgender 
Gegenüberstellung des Anfangs ersichtlich : 
Menuetto. 



^^ 



-#i- 



^ 



S 



5c=t: 



1n=t 



3£ 



Allegro vivace. 



frp^fff^ ^^^.. 



Die vielen Sprünge dieses Themas geben dem Allegro 
einen etwas burlesken Charakter. Wenn wir auch nicht 
sagen können, dass der Fortgang ebenso humoristisch sei, 
wie Vater Haydn solche Themas auszuführen wusste, so 
ist doch eine gewisse Frische darin, die uns anmuthet. 
Besonders kräftig wirkt der wiederholte Cdur-Satz (Seite 
458 der Partitur), und sehr zu loben scheint uns, dass der 
Autor der Versuchung glücklich widerstanden hat, aus 
dieser Dominante gleich wieder in sein Thema zu fallen. 
Statt diesem folgt nämlich ein in den Tonarten tüchtig 
ausgreifender Durchführungssatz, der zwar einige Schritte 
des Hauptthemas zum Stoff hat, doch ohne allzudeutlich 
daran zu erinnern. Dasselbe kommt übrigens auch als 
Ganzes aber in der Vergrösserung darin vor und wird erst 
später von den Bässen in der richtigen Bewegung wieder 
eingeführt. Nach grosser dynamischer Steigerung fol<:t 
der oben hervorgehobene Cdur-Satz nochmals in F. lai 
wirbelnden Tanze kommt auch das Thema im ff wieder 
zum Vorschein, bis auf dem Septimen -Accord e g bd 
plötzlich Alles erstarrt, und die Menuett sich wieder gra- 
vitätisch vernehmen lässt. Diese Anordnung scheint uns 
für ein Finale sehr hübsch und sichert der Suite eine leb- 
haft-freundliche Aufnahme Überall dort, wo' man sich dem 
Hübschen unbefangen hingiebt, heisse nun der Autor wie 
er wolle, und wo man nicht von jeder Composition für 
Orchester den Eindruck des Grossartigen erwartet. 
(Schluss folgt.) 



iO* 



80 



Nr. 10. 



üebenicht neu enehienener Musikwerke. 
A. iBfitromealal-lllasIk« 

(Fortsetzung,) 

Im weiteren Verfolg unserer Durchsiebt neuer Musilcalien 
für Ciavier alleiii\ haben sich uns einige Beobachtungen 
allgemeinerer Art aufgedrungen , die wir hier um so lieber in 
Worte fassen mögen, als das Beleuchten der einzelnen Compo- 
sitionen im Detail nicht in der Absicht dieser Rubrik unserer 
Zeitung liegt. 

Die eine Wahrnehmung ist die, dass der Glavierstil unserer 
jüngeren ComfM)nisten sich mehr und mehr dem. Schumann - 
sehen zu nähern und sich in gleichem Haasse von dem Men- 
delssohn*schen zu entfernen scheint. Wer noch vor \0 Jahren, 
eine grössere Anzahl von Clavierslöcken durchsah , der fand 
überall Mendelssohn'schen Ernfluss; es war freilich nur Ab- 
klatsch einer schwächeren Seite dieses hochschatzenswerlhen, 
ja genialen Gomponisten, aber man bemerkte eben, wie gerade 
diese Seite vorerst am lebhaftesten erfasst und ausgebeutet 
wurde. Darauf folgte eine Zeit, wo im Gegensatz zum Vorigen 
das »neudeutsche« Wesen sich vielfach breit machte. Die 
»Deutsche Musikzeitung« hatte viel davon zu erzählen, ihre 
Spalten wiesen vielfache Exempel dieser unerquicklichen Kunst- 
richtung nach. Auch diese scheint jet^t überwunden; wir sehen 
mit Freude und nicht ohne einige Genugtbuung, dass die jünge- 
ren Componisten allmälig von selbst dahin gekommen sind, wo 
wir sie seit Beginn unserer kritischen Thätigkeit hingewiesen 
hatten: auf den Schumann*schen Stil, als gesundesten Reprä- 
sentanten der modernen Polyphonie und Harmonik — womit 
wir keineswegs die Schattenseiten der Schumann^schen Muse, 
ihr Jean-Paulisiren in poetischer und ihre verschwommene 
Rhythmik in musikalischer Beziehung zur Fortsetzung und 
Nachahmung empfohlen haben wollien. 

Die vorliegenden Stücke, auf welche sich obige »Wahrneh- 
mung« gründet, sind folgende: eine 4sätzige Suite von C. 
Bürget Op. 6, Serenade oder 8 Canons von S. Jadassohn 
Dp. 35, Scherzo von L. Brassin Op. 34, Walzer von C. G. 
Witte Op. f', Waldbilder, drei Charakterstücke von C. Haine 
Op. 4 8, Bilder aus dem Tonleben, Phantasien von B. Wolff 
Op. 4 (alle sechs Hefte im Verlage von Breitkopf und Härtel], 
Humoresken von E. Grleg Op. 6 (Peters), »Wanderungen« 
von E. Flügel Op. 4 (Dörffel), Sechs Ciavierstücke von B. 
Härtel Op. % (Mendel), Goncert-Variationen über ein Origi- 
nalthema von W. Schauseil Op. 5 (Bayrhoflfer), Zw^i Stücke 
in Walzer- Art von C. Richter Op. H (Weinholtz) , Allegro 
von J. Weidner Op. 3, Sechs Phantasiestücke von C. M. 
vonSavenau Op. 4 0, Variationen über ein Norwegisches 
Volkslied von G. Nawratil Op. 4 (alle drei im Verlag von 
Dunkl). 

Freilich macht sich der oben bezeichnete Fortschritt nicht 
bei allen der angeführten Stücke in gleich ausgeprägter Weise 
bemerklich ; am meisten aber gerade bei den begabtesten un- 
ter den Genannten, bei Btirgel, Brassin, Grieg, Flü- 
gel und Witte. Bei einigen ist^ die Nachahmung Schumann's 
noch gar zu auffallend, z. B. bei Brassin, wo die Novellet- 
ten jenes Meisters, sein Nachahmungsstil u. s. w. sofort in das 
Gedächtniss gerufen werden; dann bei Flügel, wo man gleich 
an die »Kinderscenen« und an das »Album für die Jugend« 
denken- muss, wenn man nur die lieber Schriften (Auf dem 
Wasser, In der Fremde, Erholung, Zu Zweien, Tanz, Traum- 
bild , Das alle Lied) liest , geschweige wenn man die Stücke 
spielt. Der Ueberschriflen-Gnltus macht sich auch noch bei 
Savenau und einigen andern allzuviel bemerklich. — Am 
freiesten und selbständigsten scheint uns der Schumann'sche 
Stil bereits ausgebildet bei Bürget (Schüler von Fr. Kiel in 
Berlin), dann bei Grieg (zuletzt in Kopenhagen unter Gade 
gebildet), endlich bei Witte und tbeilweise bei Jadassohn. 



Eine zweite Bemerkung, die sich ans vielfach aufdrängte, 
war die, dass die Gesetze der musikalischen Logik , ja' selbst 
die der i;nu8»kalischen Orthographie noch lange nicht Gemein- 
gut unserer Musiker geworden zu sein scheinen. Es wäre ge- 
wiss unbillig, von Jedem, der ein Gedicht macht, zu ver- 
langen, dass ein solches Gedicht an Grösse und Tiefe des Ge- 
dankens, an Schönheit des Ausdrucks einem Goethe*schen 
ebenbüriig sei, aber Logik der Gedanken und Rechtschreibung 
der Worte verlangt man doch unbedingt. Ist nun freilich all 
dergleichen in der Musik noch nicht so fest begrüitdet und zur 
allgemeinen Norm geworden, wie in einer Sprache von mehr 
als tausendjähriger Entwicklung, so liegen doch in den Meistern 
für alles Wesentliche, was in der Musik vorkommen kann, 
Analoga vor, die dem Musiker, der ihre Werke studirt bat, zum 
Leitfaden dienen müssen. Es scheint aber fast, als glaube man 
ihnen nicht mehr recht, als halte man sich für klüger als sie. 
Herrn Flügel zwar wollen wir sein Op. eins zu Gut hal- 
ten ; sein Ohr wird sich noch bilden , so dass er künfUg ua- 
verständliche Modulationen und Melodiesprünge veitneidet, die 
keinen Sinn geben und dem Ohr als »Härten« erscheinen 
(vergl. Nr. «, System i, 2, 6 , Nr. 3, System 7, 8, Nr. 4, 
System 4). Herr Härtel schreibt unorthographisch, wenn in 
seinem Stück (2. Seite letztes System) ein f sieht statt eis in 
einem Salz in H-dur, wo /gar nicht hingehört. Kleine, nicht 
ganz logische Gänge und Härten finden sich auch im Trio von 
Nr. 3, System i und 5, dann in Nr. 5/ System 2 und 3, wo 
man von B~dur allzu rasch .nach C-dur geworfen wird. Im 
Festmarsch System 2 muss statt doppel b : a stehen, das zu P 
Beziehung hat, während es bei bb nicht der Fall ist. — Bei 
Grieg ist entweder das Bestreben originell zu sein, oder ein 
wirklich anders gebildetes Ohr die Ursache mancher eigeo- 
thümlichen Partien seiner »Humoreskena , in welchen offenbar 
nordische Melodtev^eisen nachgebildet oder geradezu benutzt 
sind. Manches lassen wir uns gern als Besonderheit gefallen, 
manches andere erscheint mehr alsr witzige Nachahipaog ud- 
behilflicher Volksmusik, denn als schön. Man sehe z. B. in 
der sonst sehr hübschen Menuett (Nr. H) den Anfang des zwei- 
ten Theils, und das Thema von Nr. 4 , wo in G-moll immer 
der Bdur-Accord einschneidet. 

Am beachtenswerthesten scheint uns unter Allem die Suite 
von Bürge 1, deren Menuett wirklich sehr hübsch und sin- 
nig erfunden, während die Fuge wegen zu tiefer Lage nicht 
durchaus wohlklingend ist, und das Pedal daselbst in einem 
Umfang angewendet wird, den wir nicht mehr musikalisch 
nennen können — und Grieg's Humoreske. Jadassohn's 
Serenade zeigt, dass dieser Componist die canonische Form in 
leichter und gewandter Welse zu benutzen versteht. Seine 
Erfindung ist aber nicht frei von Trivialität, auf die er sich 
jedoch förmlich etwas zu gut zu thun scheint, da er die aller- 
trivialste seiner diesmaligen Melodien am Schluss des Ganzen 
noch einmal wiederholt. Man urtheile selbst : 



ÄUegro, 




amabile (/) 

Brassin*8 Scherzo ist, bis auf eine uns unbegreifliche Mo- 
dulation im Mittelsatz, recht hübsch und keineswegs uninler- 
essanf. Witte's fein barmonislrter, dabei thematisch behan- 
delter »Walzer« erinnert an Chopin, verräth aber als Op. I ®'° 
nicht geringes Talent , das wir schon bei Gelegenheit seiner 
vierhändigen Stücke Op. 2 gewürdigt haben. — Die übrigen 
Stücke lassen wir auf sich beruhen, sie bieten nichts besonders 
bemerkenswerthes. (Fortsetzung folgt) 



Nr. 10. 



84 



Berichte. 

Drasdan. (Schluss.) In erster Reihe der periodisch wie- 
derkehrenden Goncerie stehen ohne Zweifel dio Aboonement- 
Concerte der kgl. säcbs. musikalischen Gapelle, in welchen 
unter abwechselnder Dfrection der Herren Gapellmeister Kreba 
und Dr. Rietz in sorgsam vorbereiteter trefflicher Ausführang 
das Neueste und Beste geboten wird, was der Instrumental- 
musik älterer und neuerer Zeit entsprossen ist. Neu waren 
hier die Ouvertüren zum Alchymist von Spohr und »Michel 
Angelo« von Gade, sowie eine Suite von Raff. Dieses ist ein 
wirkungsreich geschickt gearbeitetes Musikstück, welches jedoch 
von Lachner's Suiten übertroffen wird. Am bedeutendsten er- 
wiesen sich das Scherzo und Adagietto. Der Schlussmar&ch 
tritt anspruchsvoll mit grossem Au/wand von Mitteln auf, ohne 
durch geistigen Inhalt dazu berechtigt zu sein. Gade's Ouver- 
türe entfaltet ebenfalls viel , allerdings glänzend und reizend 
verwendete Mittel, ohne eigentlich bedeutend im Inhalt zu sein, 
doch ist die Grundstimmung bei ihm immer eine edle, männ- 
liche. Warum er seine Ouvertüre freilich »Michel Angelo« ge- 
tauft, bleibt räthselhaft. Im zweiten Abonnement-Goncert spielte 
Herr Goncertmeister Lauterbach das herrliche A moll-Goncert 
für Violine von Bach ausserordentlich gelungen in Haltung und 
Tonförbung, und bereitete dadurch dem dankbaren Publicum 
einen wahren Hochgenuss. Ueberhaupt darf Dresden stolz auf 
diesen trefflichen Geiger sein , ebenso bedeutend als Künstler, 
wie anspruchlos als Mensch. Die von ihm im Verein mit den 
Herren Kammermusikern Hüll weck (zweite Geige), Gt)ring 
(Bratsche) und Grützmacher (Gello) veranstalteten Soireen für 
Kammermusik zählen zu den genussreichsten Musikabenden 
der Residenz. Bis jetzt fanden drei derselben statt, in welchen 
folgende Musikstücke zur Aufführung kamen : 4 ) Quartette von 
Franz Lacbner (A-moIl), Haydn (G-dur Nr. 40) und Beethoven 
(Op. 59 Nr. 4). S) Quartette von Mozart (G-dur) , Schumann 
(Op. 4< Nr, 3) und Beethoven (Op. 4 8 Nr. 1). 3) Quartette 
Yon Haydn (Nr. 63) und von Beethoven (Op. 4 30). 4) Sextett 
in D-dar yon Mozart mit zwei Hörnern (Herren Kammermusiker 
Hübler und Lorenz). Namentlich sind es die Meisterwerke^ 
Haydn's und Mozart's , sowie die Quartetten aus Beethoven*s 
früherer Periode, welche Herr Lauterbach In trefflichster Weise 
zu Gehör bringt. Hierin kann er den ganzen Reiz seines schö- 
nen Tons und maassvollen, geistig belebten Vortrags entf9lten. 
Für die letzten Quartettschöpfungen Beethoven*s, so fleissig 
und sorgsam deren Ausführung vorbereitet ist, fehlt ihm höch- 
stes Pathos und Leidenschaftlichkeit. Die Mittelstimmen seines 
Quartetts sind in trefflichen Händen und können nicht besser 
besetzt sein, ebenso bewältigt Grützmacher die Gellostimme 
mit ausserordentlich wohlthaender musikalischer Sicherheit und 
Gewandtheit. Noch wäre ihm mitunter mehr plastische Ruhe 
nnd Tonschönheit zu wünschen , doch hat der ausgezeichnete 
Künstler auch hierin entschiedene Fortschritte gemacht. 

Als sehr verdienstlich und gelungen in den Ausführungen 
dürfen die Trio-Soir^en des Herrn B. RoUfuss (Pianist) und 
der Herren Kammermusiker Seelmann (Violine) und Bürchel 
(Cello) bezeichnet werden, um so mehr, da genannte Herren 
auch neuere Gompositionen in ihre Programme aufnehmen. 
Bis jetzt fanden zwei solche Abende statt: 4) Trio von Gade 
(Op. 42), Sonate -für Pianoforte und Gello (A-dur)von Beetho- 
ven, Trio von Haydn (G-dur). %) Trio von R. Volkmann (B- 
moll) , Sonate für Pianoforte und Violine (A-dur) von Mozart, 
Quintett für Pianoforte und Streichinstrumente von Schumann. 
Herr Hofopernsänger Scharfe unterstützt die Trio- Soireen in 
der Regel durch recht gelungene Liedervorträge. Namentlich 
interessirten in der zweiten Soiröe einige der schottischen Lieder 
von Beethoven mit Begleitung von Pianoforte , Violine und 
Yioloncell. 



Indem ich zum musikalischen Vereinswesen übergehe, 
muss ich in jeder Beziehung den Tonkünstlerverein an die 
Spitze desselben stellen. Nähere Angaben über diesen inter- 
essanten Verein behalte ich mir vor. Für jetzt begnüge ich 
mich, Ihnen einige der neuern und unbekannteren Musikstücken 
zu nennen, die bis jetzt in den Vereinsversamimlungen zur Auf- 
führung gekommen sind : J. S. Bach's Glavierconcert in D-moll, 
Sonate (G-dur) für Pianoforte und Gambe. Händers Concerto 
grosso (Duo) für Streich- und Blasinstrumente. F« Kiel's Trio 
Op. 33. Mozart's Serenade für Streich- und Blasinstrumente 
(Manuscript), Köchel 4 85. Divertimento für Streichinstromente, 
4 Flöte, 4 Oboe, 4 Fagott und 4 Hörner (Manuscript) , Köchel 
4 34. G. Muffat's Concerto gro'sso, Raff*s Quintelt für Piano- 
forte und Streichinstrumente. Rubinstein's Trio Op. 52. Täg- 
licbsbeck's Quintett für Glarinette und Streichinstrumente. E. 
TUimann's Sonate für Pianoforte und Violine. Ausserdem kamen 
Werke von Beethoven (6), Haydn (5), Mendelssohn, Schubert 
und Schumann zu Gehör. 

Von den beiden hiesigen grösseren gemischten Gesang- 
vereinen , Dreyssig'sche und Dresdener Singacademie , hat bis 
jetzt nur der erstere eine Aufführung veranstaltet, in welcher 
unter Leitung des Vereinsdirigenten, Herrn Adolph Reichet, 
HändeFs »Israel in Egyptena zu Gehör kam. Die Liedertafel, 
unter Direction ihres Liedmeisters Hrn. Friedrich Reichel, gab 
ein Goocert, in welchem ausser des Letzteren Begrüssungs- 
gesang vom ersten deutschen Sängerbundesfeste her, eine 
Gomposition (Handwerkerleben) von H. Mohr, einem der Preis- 
componisten des Sängerfestes, zur Aufführung kam. — Der 
Orchesterverein, zum grössten Theil aus Dilettanten bestehend, 
hat bis jetzt zwei Abend Unterhaltungen unter Leitung des Hrn. 
Otto Kummer, kgl. sächs. Kammermusikus a. D*, veranstaltet. 
Das Emporblühen solcher Vereine ist ein erfreuliches Zeichen ; 
(dieselben bilden den Geschmack des ernst strebenden Dilet- 
tanten für gute Musik immer mehr aus und bieten vor Allem 
der epidemieartigen Pianoforle-Krankheit ein erfreuliches Pa- 
roli. In der ersten Soiree des Orchestervereins spielte der 
talentvolle 4 4jährige Sohn des Vereinsdirigenten , Alexander 
Kummer, mit erfreulichem Erfolge ein Violinconcert von Mo- 
zart (comp. 4 775). 

Schliesslich habe ich Ihnen nun noch über die Thätigkeit 
der kgl. Oper zu berichten. Leider kann ich in dieser Bezie- 
hung nicht viel Neues referiren. Die Lücke, welche der Tod 
des unvergesslichen Schnorr von Garolsfeld \n unserm Personal 
hervorgebracht, ist noch immer nicht ausgefüllt. Schon vor 
seinem Hinscheiden musste man übrigens bedacht sein , einen 
lyrischen Tenor für die Bühne zu gewinnen , der schon seit 
Jahren fehlt. Die vielfachsten Versuche durch Gastrollen mit 
den Herren Borchers, Lukes, Müller, Brunner, Bachmann, 
Koloman Schmid, Garso, Himmer, Richard und Anderen haben 
zu keinem Resultate geführt. Letzterer ist zwar auf einige Mo- 
nate engagirt, hat sich bis jetzt aber in keiner Beziehung als 
brauchbar bewiesen. Dem Vernehmen nach ist von Ostern 4 866 
an Herr Schild von Leipzig engagirt, der nicht ohne Erfolg als 
Lyonel in Martha gastirt hat. Nächst der Tenornoth tritt noch 
die Frage wogen Ersatz der Frau Bürde-Ney immer näher an 
die Generaldirection heran, da die trefiliche Sängerin trotz aller 
Vorzüge doch für das jugendliche Fach und mithin für viele 
Rollen unmöglich wird. Man hat deshalb Gastspiele mit den 
Damen Santer von Berlin (Fidelio, Donna Anna und Gipfln in 
Figaro's Hochzeit) und Licbtmay von Paris (Jüdin, Leonore im 
Troubadour und Valentine) entrirt, doch haben auch diese bis 
jetzt zu keinem Engagement geführt. Das sind grosse Schwie- 
rigkeiten, welche die Amtsführung des Herrn v. Kömieritz recht 
sehr erschweren und das Seltenwerden von Novitäten einiger- 
maassen erklärlich machen. Dem unerachtet könnte selbst mit 
den vorhandenen Kräften mehr geleistet werden, namentlich 



83 



Nr. 10. 



bleibe es zu beklagen, dass die Opern neuerer lebender Com- 
ponisten fast ganz vom Repertoir ausgeschlossen sind. Wenn 
die Hoflheater in dieser Beziehung kein Opfer bringen wollen, 
von wülcbcn Biiliricn können dieselben dann erwartet werden? 
Dafür /u sorgen, wäre Pdicht der herren Capellmeister. 

WliKrend dieser Saison erlangte der neu einstudirte Was- 
serlräf:;Dr von Chenibinl (<2.Novbr. ) einen grossen Erfolg, 
welcher zunürhst der sorgsamen künstlerischen Leitung des 
Herrn l>r. Rielz und der vorzüglichen Ausführung der Titel- 
rolle durch Herrn Mitlerwurzer zuzuschreiben war. Mindern 
SuoreK hatle sich das reizende Rotbkäppchen von Doleldieu zu 
erfreuen, woran hauptsUchlich die raisslungene Darstellung des 
HiUer Robert dureh Herrn Richard Schuld war; doch genügte 
auch Frliulein llMoisrh in der Titelrolle nicht. Es fehlt ihr dazu 
InneHicbkeU uutf Naiv etat. — Am Schlass meines Berichtes 
kann ich Ihnen noch rotttheilen, dass Frl. Sanier für die hie- 
sige Bülinc SL^wonnen ist. 



Leipsig. y. An den Abenden des 16. und 18. Februar 
hiiUen Herr um! Frau Harchesi (geb. Graumann) das musi- 
kalische Publicum Leipzigs zu zwei historischen Concerten ein- 
seladün, deren PrOfjramm in einer sehr schicklichen, chrono- 
lopisrh geordneten Folge die Entwicklung der Arie und des 
Duells in der Periode von 1600 — 1820 und im Umkreise der 
iliilien Ischen Schule darstellten. Das erste dieser beiden Con- 
cerlo hat uns, wir bekennen es unverBohlen, sehr grossen Ge- 
nuss gewUhrt und unser Interesse reichlich in Anspruch ge- 
nommen, denn dns Programm desselben war In ganz vorzüg- 
licher, vom besten Geschmacke geleiteter Weise gewählt, so 
dass sich unter den M (Gesang-) Nummern, welche dasselbe 
nmfnssle, kaum eine einzige befand — als solche könnten wir 
etwa die zuerst vorpeiragene, ein wenig steife, trockene Arie 
aus uEurydice« von Peri nennen — die nicht ausser dem histo- 
rischen auch den reinsten künstlerischen Antheil erweckt hätte. 
Zugleich waren die Leistungen des, besonders in intellectueller 
Hinsicht sehr schHtzenswertben Sängerpaares , wenn nicht in 
allen Stücken , so doch in den bei weitem meisten derselben 
von der Art, das^s sie als die trefflichste Illustration des Gebo- 
tenen auf das Lebhafteste erfreuen konnten. Dies gilt ganz 
Insbesondere von dem Vortrage der Duette, im ersten Concerte 
einem Duett von Scarlatti und e'mem Buffo-Duell von Pergolese, 
zwei ganz kostbaren Stücken, in welchen unser Apollinisches 
Ehepaar eine seltene, namentlich auch von prägnantester dra- 
matischer AccentnirUn^ unterstützte Meisterschaft entwickelte 
und dann von fast allen Vorträgen des Herrn Marchesl, ins- 
besondere denen von leidenschaftlicher und humoristischer 
FUrbung, wührend der ruhige, getragene Gesang schon der 
Niitu^ seines mehr auf Rraftentfaltung und Charakteristik ange- 
wiesenen Organs minder zusagend erscheint. Frau Marchesi 
{gegenüber haben wir nur zu bedauern, dass ihre stimmlichen 
Milte! nicht immer ausreichen, um ihre meist vortrefflichen In- 
tentionen stets zur völlig entsprechenden Darstellung zu brin- 
f^en. *) Der Vortrag eines Wiegenliedes aus der Oper »Orontea« 
von Cesti war vom schönsten Ausdrucke begleitet. — Ausser 
den bereits genannten Componisten waren im ersten Concerte 
vertreten : Caccini, Arcangelo del Leuto, Carissimi, Luigi und 
Abbale F. Bossi (diese beiden mit zwei ganz vortrefflichen und 
von Herrn Marchesi glänzend vorgetragenen Stücken), Buenon- 
cini, Porpora, Jomelli» Piccini, Sacchini, Mozart (ein deutscher 
Ni^me unter lauter ilaiienischen!), Cimarosa, Fioravanti, Pae- 
siello und Rossini. 

Das zweite Coucerl, noch zahlreicher besucht als das erste 
und durch Beifall noch ausgezeichneter, der sogar einige (zum 

•) Dazu kam eine unverkennbare Indisposition, welche die 
.San gm m 7.11 Anfuug dieses Concerts drückte, die sich aber im Ver- 
lauf dt'sselheu imiuer UJehr hob. 



Theil unpassende) Wiederholungen herbeiführte, konnte für 
uns gleichwohl dem ersten an Interesse nicht ganz gleichkom- 
men, während wir dieses zu den interessantesten, genuss voll- 
sten zählen, welche uns diese Saison überhaupt geboten hat. 
Aus diesem zweiten Concert heben wir nur noch spcciell ein 
Duett aus der Oper » Olympiade a von Sacchini, eine Arie aus 
der »Hochzeit des Figaro« und ein Duo buffo von Cimarosa we- 
gen des ganz vorzüglich gelungenen Vortrags hervor. Dagegen 
hätten wir für dieses Concert wohl allenfalls eine andere 
Schlussnummer wünschen mögen, als diejenige, mit welcher 
»der Schwan von Pesaroa vertreten war, einem Buffo -Duett 
nämlich aus der Oper »L'Italiana in Algeri«, denn diese ziem- 
lich trivialen Lazzi, in welchen sich hier, wie so häufig unser 
theurer Schwan gefällt, klingen für uns heute doch schon gar 
zu abgedroschen. ^) Als eine sogar entschiedene Taktlosigkeit 
aber, welche uns an dem Künstlerpaare, das uns sonst so viele 
Proben guten Geschmacks gegeben, ein wenig auffallend war, 
müssen wir es sogar rügen, dass dieses Lazzi-Duett unmittel- 
bar nach einer, der höchsten und zartest geistigen Region an- 
gehörenden Clavier-Sonate von Beethoven (Op. H in As) ge- 
sungeu wurde, welche letztere überhaupt wenig in das En- 
semble dieses Concerts passte und an deren Stelle , sollte es 
überhaupt eine Sonate von Beethoven sein , weit schicklicher 
eine seiner früheren, »kleinejrona Schöpfungen gestanden hätte. 
— Der Genuss des ersten Concerts wurde auch noch überdies 
sehr beträchtlich durch die anderweitigen von den Herren Ca- 
pellmeister Reinecke und Concertmeister David geleisteten 
künstlerischen Beiträge erhöht. Letzterer spielte eine Violin- 
Sonate von Leclair (gewissermaassen eine Programm-Sonate, 
denn sie trägt die Ueberschrift »Le tomheaw), deren zweiter und 
dritter Satz uns sehr interessant waren; dann im Verein mit 
Herrn Reinecke eine der schönsten Sonaten von Seh. Bach 
(die in A mit dem wahrhaft himmlischen Andante) und end- 
lich hörten wir von diesem noch drei kleine Stücke Von 
Padre Martini, Fran^ois Couperin und Kirnberger, von welchen 
die beiden letzteren als ganz köstliche Cabinetsstückchen her- 
vorzuheben sind. Der ausgezeichnetste, vollendetste Vortrag 
musste das Interesse an diesen Compositionen nur um so hö- 
her erheben. — In dem zweiten Concerte waren die »Zwi- 
schen vorträgea von Herrn Petterson (aus Stockholm) und Frau 
Sara Heinze übernommen worden. Ersterer spielte die zum 
Modestück gewordene »Ciacconea von Bach und ein Adagio von 
Spohr, beide Stücke in mehrfach anerkennenswerther, wenn 
auch nicht künstlerisch hervorragender Weise; Letztere end- 
lich trug-, ausser der schon gedachten Beethoven 'sehen Sonate, 
noch Präludium und Fuge in Cis aus dem ersten Theile des 
»wohltemperirten Claviersa und die durch Fr. Schumann en 
vogue gekommene Gavotte in D-moll vor und entfaltete auch 
in diesen Vorträgen die sehr schätzenswerthen Eigenschaften 
ihres Spieles, die nur nicht immer zu der Höhe der Aufgaben 
hinanreichten, welche sie sich diesmal gestellt hatte. 



Nachrichten. 

London. F. P. Mit grossem Beifall wurden Haydn's aJabres- 
zeiten« von der Sacred harmonic society aufgeführt; der Jagdebor 
musste wiederholt werden. Im DÖchsten Oratorium »Elias« wird 
Mad. Parepa zum ersten Mal wieder mitwirken. — Der ßenedict'scbe 
Chorverein hat mit vielem Fleiss sich zu der Aufführung des neuen 
Werkes von Gounod, einer Cantate »Tobias« vorbereitet. In unpas- 
sender Weise machte die grosse Glocke daraus ein Oratorium, wäh- 
rend das Ganze doch nur 9 Nummern enthält. Andere Compositiooen 
von Gounod füllen den Abend, darunter (eine Symphonie in D, ein 
Ave verum, ein Psalm für Chor etc. Die Aufführung findet zum Besten 
des University College HospiUU statt. — Herr Otto Goidschmidt arbei- 

*) Vielleicht hätte sich doch auch aus der Zeit um 1820 herum 
etwas Dergleichen finden lassen , vielleicht sogar von dem manch- 
mal in der That nicht so übel singenden Schwan selber ? 



Nr.- 10. 



83 



tet an einem Oratorium. Er und seine Frau (Jenny Lind) befinden 
sich in Cannes in Frankreich. — Frau Clara Sqhumann wird hier 
erwartet. 

Hamburg. Die Orchesterwerke des vier ten philharmonischen 
Concerts dieser Saison, Freitag, den 4 6. Februar, waren : Genoveva- 
Ouvertüre von Schumann und Mendelssohn's Amol! -Symphonie. 
Ausserdem spielte Herr Julius Steffens aus Petersburg ein Cello- 
Concert eigener Composition und einAudante von Romberg mit zwar 
dünnem aber gesangreichem Ton und höchst anerkennenswerther 
Fertigkeit. Der Beifall hatte eine Zugabe: Nocturne von Chopin für 
Cello eingerichtet, zur Folge. Der Gesang war durch die königlich 
preussische Hofopernsängerin FrL Philippine v. Edelsberg in sehr 
unerfreulicher Weise vertreten, da die Dame in der Cosi fan tutle- 
Arie, wie in einigen Liedern allerdings bedeutende Stimm mittel ent- 
wickelte, aber Schule und Verständniss gönzlich vermissen Hess. — 
Am 23. Februar gab die junge talentvolle Amalie Glückselig, eine 
Schülerin des kürzlich verstorbenen Herrn Cossel, ihr erstes öffenf- 
liches Concert. Das Programm bestand ausser Soloslücken, aus 
Beethoven's Trio Dp. 4 4 und dem Forellen-Quintett von Schubert. 
Die gut angebahnte musikalische Ausbildung der jungen Dame las- 
sen eine gründliche Fortsetzung derselben unter Leitung eines be- 
deutenden Lehrers erwünschen. -^ Die fünfte Quartett-Unterhaltung 
der Herren Boie und Lee am M. Februar brachte das Doppel-Quar- 
tett von Spohr E-moIl, Cdur-Quintelt von Schubert und eine Novi- 
tät: Octett für Streichinstrumente von Gr&dener. Einzelne geist- 
reiche Züge, wie vollkommene Beherrschung der Formen, Unklar- 
heit wie Sonderbares in der Harmonie, Mangel an Erfindung sind 
auch in dieser Grädener'schen Composition unverkennbar. —Stock- 
hausen ist nach Petersburg zu Concerten gereist. — Herrn v. Dom- 
mer's letzter Vortrag war der Symphonie gewidmet. — Im April 
wird Frl. Tietjens wieder in Judas Maccabäus mitwirken, der vom 
Deppe'schen Verein wiederholt wird. 

Dresden. Seit Anfang Januar hat die Concertfiutb etwas ab- 
genommen. In den Abonnement-Concerten der königl. Capelle am 
40. Januar und 4. Februar waren neu: Symphonie (C-molt) von 
Norbert Bur^mliUer un0 »Columbus« (musikalisches Gemälde) von 
J. J. Abcrt. Beide Werke , schon wiederholt besprochen , fanden 
freundliche Aufnahme. — Im zweiten Productionsabende des Ton- 
künstlervereins am 26. Jan. entzückte ein reizendes, nur im Manu- 
script vorhandenes Divertimento von Mozart für Streichquartett, 
4 Flöte, 4 Oboe, 4 Fagott und 4 Waldhörner (Köchel Nr. 434). Der 
Meister wendet in diesem 4772 zu Salzburg componirien Stücke die 
4 Hörner in so eigenthümlich selbständiger Art unter Benutzung 
der gestopften Töne an , wie er dies nie wieder in seinen spötern 
bekannteren Compositionen gethan hat. — Am 4. und S.Jan, hatten 
wir 3 Patti-Concerte in der bekannten Weise. Im ersten errang un- 
ter den Instrumentalvirtuosen Herr Kammermusikus Grützmacher 
den Preis des Abends durch Vortrag des ersten Satzes aus Molique's 
Celloconcert. — Fräulein A. Mehlig aus Stuttgart bewährte In einer 
von ihr veranstalteten Soiree ihren Ruf als ausgezeichnete Pianistin, 
namentüch in technischer Beziehung ; geistige Auffassung und künst- 
lerische Gestaltung Hessen, namentlich im Bdur-Trio von Beetho- 
ven, zu wünschen übrig. — Zwei Concerte des Posaunenvirtuosen 
Herrn Nabich und der Sängerin Frl. Baraldi deir Ära gingen spur- 
los vorüber. Letztere documentirte sich als höchst mittelmässige 
Altistin. — Am 27. Jan. hatte das unter Leitung des Hrn. Dr. Rietz 
and F. Pudor stehende Conservatorium für Musik zur Feier seines 
4 0jährigen Bestehens ein Concert veranstaltet, in welchem dasselbe 
recht wesentliche Beweise seines Strebens darlegte. Namentlich er- 
freuten die Orchesterleistungen und ein Clarinettsolo von Reissiger, 
geblasen von Herrn Demetz, jetzt Mitglied der kgl. Capelle. Ein Vor- 
zug zeichnet das hiesige Conservatorium vor vielen andern derartigen 
Instituten aus. Wir meinen* damit die Pflege des Unterrichts auf 
säromtlichen Orchesterinstrumenten ; thells durch Gewinnung tüch- 
tiger Lehrkräfte , tbeils durch Gewährung von Freistellen an unbe- 
mittelte Schüler. Die Zeit ist nicht mehr fern, wo Bläser ersten 
Ranges ganz fehlen werden , wenn die deutschen musikalischen Un- 
terrichtsanstalten nicht bei Zeiten daran denken, diesem Uebel- 
stande abzuhelfen. 

Frankfurt a. M. Die Herren Heermann und Genossen haben 
nan an der Stelle des immer noch kranken Brinkmann als Violon- 
cellisten Hr. Siedentopf engagirt. Die dritte und vierte Soiröe der- 
selben brachte ausser Quartetten und Quintetten unserer drei Grossen 
auch das Ciaviertrio von Hummel in Es Op. 42 und das von Beetho- 
ven Op. 97. — Im zweiten Concerte des philharmonisctien Vereins 
wurde eine Symphonie unseres zweiten Capellmeisters G. Golter- 
mann aufgeführt ; auch sang Herr Bodo Borchers den ganzen Cy- 
klus: »An die ferne Geliebte« von Beethoven. — An Mozart's Ge- 
burtstag, 27. Jan., wurde dessen hinlerlassene Oper »Zaide« aufge- 
führt und bald darauf wiederholt. Statt der von A. Andrä dazu 
componirten Ouvertüre spielte man diejenige zur Entführung. 



Hans v. Bülow gab zu Stuttgart zwei sehr zahlreich be- 
suchte Soiräen, worin er, um die Erinnerung an seinen Schwieger- 
vater vollständiger zu machen , mehrere Stücke von Liszt vortrug, 
u. A. »Waldweben« und »Gnomenreigen«, welches letztere Stück da 
capo verlangt wurde. W^eiter spielte er u. A. Chopin's G dur-Noc- 
turne und mit Pruckner Schumann's Variationen für zwei Pianos, 
dann in einer Schüler - Production des Conservatoriums Liszt's 
BACH-Fuge und »Ricordanza«. Ebendaselbst gewann der jugendliche 
Kraftgeiger Wilhelm! aus Wiesbaden durch enorme Technik, wie 
durch Wärme und Schwung des Vortrags grossen Beifall. Ein neues 
Quartett von L. Sta r k , für Ciavier und Streich-Trio, gefiel in den 
drei ersten Sätzen durch gesunde Erfindung, wogegen der letzte Satz 
zu polyphon complicirt erschien. 

Der academische Verein »Germania« zu Mün st er brachte am 
8. Februar Mendelssohn's Chöre zu Antigene des Sophokles zu ge- 
lungener Aufführung. Von Musikdirector J. 0. Grimm begleitet, er- 
zielten besonders der dritte Chor: »Ihr Seligen, deren Geschick nie 
kostet Unheil« und der sechste: »Vielnamiger, Wonn' und Stolz« eine 
zauberische Wirkung. 

Concertmeister Bargheer aus Detmold spielte in derMusikal. 
Gesellschaft zu Co In Beethoven's Concert und Tartini's Teufels- 
sonate liSlt ausserordentlichem Beifall. Sein schöner, reinster Ton 
und eminente Technik fanden die allgemeinste, von Kennern und 
Kritikern getheilte bewundernde Anerkennung. 

Zu Rom, wo zur Zelt Martha und Prophet en vogue^ ist die 
Afrikanerin mit Hinweglassung derMeyerbeer'schen Musik als Drama 
in Scene gegangen. Jedenfalls eine gründUche Kürzung 1 

Am Theater zu Prag gewann die neue dreiactige Oper »Die 
Brandenburger in Bi^hmen« von Fried r. Smetana reichen Beifall. 

Prof. Gonne's Bild Schnorr von Carolsfeld's, den verstor- 
benen Sänger als Lohengrin darstellend, ist auf der Ausstellung zu 
München vom König von Bayern angekauft. 

Die Schlesinger'sche Verlagshandlung in Berlin hat eine sorgfäl- 
tig revidirte Pracht-Ausgabe der Euryanthe- Partitur zum Sub- 
scriptionspreise von 4 0. Thlrn. angekündigt. Der spätere Ladenpreis«, 
wird 4 4 Thlr. betragen. 

v. Kreissle's SchuJ^ert-Biographie erschien , erheblich abge- 
kürzt, in englischer Üebersetzung von Ed w. Wilberforce. 

Das Wiener Conservatorium für Musik (gegründet 4846) begeht 
heuer sein SOjähriges Jubiläum. 

Aus Magdeburg wird uns gemeldet: Hr. Siegfrid Meyer, 
erster Violoncellist am Stadttbeater zu Magdeburg, ist am 4 0. Jan. 
d. J. im Alter von 46 Jahren der Lungenschwindsucht erlegen. Er 
war der Bruder von dem Componisten Ludwig Meyer und hat auch 
manches WerthvoUe geschrieben. 

Leipzig. Wegen Mangel an Raum können wir heute nur kurz 
erwähnen, dass die letzte Woche sehr reich an Concerten gewesen 
ist, von welchen besonders ein von der »Eulerpe« und der »Singaca- 
demie« gemeinschaftlich gegebenes, dann eine Aufführung der grossen 
Messe von Beethoven durch den Riedel'schen Verein hervorzuheben 
sind. Ein Gewandhaus-Concert fand des Busstags we^en in dieser 
Woche nicht statt, dagegen eine Abendunterhaltung für Kammer- 
musik. — Am letzten Sonnlag wurden in dem Saale einer hiesigen 
kunstsinnigen Dame (Frau Dr. Seeburg) unter den Anspielen des 
Redacteurs dieser Blätter .S. Bach 's Trauer- Ode und die Cantate 
»Phöbus und Pan« zur Aufführung gebracht — seitBach's Zeiten wohl 
in Leipzig zum ersten Mal. Wir kommen auf dieselben zurück. 



Briefkasten der Bedaction. 

T. in X. Für den^Aufsatz kann Rath werden, wenn Sie noch 
etwas Geduld haben wollen. Die übrigen Mittbeilungen klingen uns 
zu patriotisch-parteiisch und besonders ist Ihr Urlheil über B. uns 
nach Einsicht der Symphonie vollständig klar geworden. — Holland: 
sehr willkommen ; Sie müssen sich aber noch einige Wochen ge- 
dulden. Näheres brieflich. 



Berichtigimg. 

in dem Artikel »Zweifelhafte Stellen im Manuscript der Don 
Juan -Partitur« Nr. 8 Seite 62 Spalte 4 Zeile 45 ist statt »Wieder- 
holung der Pausea : Wiederherstellung der Pause zu lesen. 
Ferner auf derselben Spalte Zeile 24 von unten statt »nach dem 
Ganzen der Handlung«: nach dem Gange u. s. w. 



84 



Nr. 10. 



ANZEIGEB. 



[M] 



Neue Musikalien 



im Verlage 
von Breitkopf und HSrtel in Leipzig. 



B€elhav€Q ^ L. v. ^ Symphonies. Partition de Piano par 
F, Lis2t. 
Nr. 6. Fa maj. (1^'dur.J Pastorale 2 

- 7. La maj. {A dur.) 1 

Hetse-Hotenbiir^, Hl. v. , 6 Lieder für eine Singstimme 

mit Beizleitunf^ des Pianoforte. Op. 8 

Lconhitrd^ J. E., Johannes der Täufer. Oratorinm. Op. 95. 

Partitur n. 

JüayTeld, M. v.« Ennuerungen an R. Wagner's Tristan und 
Isolde für dai^ Pianoforte. 

Nr. 4. Auf dem Schiffe .— 

* i. Jn KüDig Marke's Burg ~ 

- a. Vor Tristan's Burg — 

Moxart, W. A., Concarl Nr. 46, Cdur, für das Pianoforte 

mit Begleitung des Orchesters. Neue Ausgabe, revidirt von 
CarlHei necke 8 

Trio für Pianoforte , Violine und Violoncell. Arrange- 
ment Tür das Pianoforte zu vier Händen. Neue Ausgabe. 
Nr. I. Gdur, Nr. S. Bdur, Nr. 8. Edur, Nr. 4. Cdur, 
Nr. 5. Gdur, Nr 6. Bdur, Nr. 7. Es dur .- . . . ä 4 

Perles miisjcales. Sammlung kleiner Klavierstücke für 
CoQC€rt und 8aton. 
Nr. 86. Bach, J. S.> Fantasia. CmoU — 

- 87, Pield^J.^ 4« Notturno. A dur — 

- 38. - — 5* Notturno. Bdur — 

- 3ö. Sehumann, B., Chopin. As dur, aus Op. 9 . — 

- 40. Clementi, M.» Adagio sostenuto, Fdur, aus 

dem Gradus ad parnassum, Bd. I. Nr. 4 4 . 
% 



Thlr. Ngr. 



40 
40 



— 20 



48 — 



S8i 

35 

25 



45 



- n 

— 40 

— 5 

— 5 

— 74 



Nr. 44. Heller, St.» Präludium. Adur, aus Op. 84. 

Heft 4. Nr. 7 — 5 

- 48. Präludium. Des dur, aus Op. 84. Heft 8. 

Nr. 45 — 5 

- 48. Giemy, C.» Andacht (Dävotion), Hdur, aus den 

84 Etüden. Op. 698. Nr. 4 8 — 5 

Wagner, R., Vorspiel zu Tristan und Isolde. Orchester- 
stimmen 4 80 

[54] Im Verlage des Unterzeichneten erschien: 

DIVERTISSEMENTS 

für 

2 Violinen, Viola, Bass und 2 Hörner 

compoDirt von 

Für naixofoirte zu. 2 Händen 

bearbeitet 
von 

H. M. Schletterer. 

Nr. t in D. Nr. 2 in F. Nr. 3 in B k I Tlilr. 

J. Rieter-Biedermann 

in Leipzig und Winterthnr. 



[BS] 



von J. Rieter-Biedermann in Leipzig and Wlntertbur. 



8. 



3. 



0|i* 79. ChrlstitAcht. Cantate von Aug. v. Platen für Solostim- 
men und Chor mit Begleitung des Pianoforte. Für Orchester in- 
strumentirt von Eugen Petiold. Partitur 8 Thlr. 45 Ngr. Cla*- 
vier- Auszug 1 Thlr. 481 Ngr. Orchesterstimmen 8 Thlr. 4 5 Ngr. 
Sülo-SingsiirameN 7i Ngr. Chorstimmen 4 Thlr. 
Op. $5p Vier Gesänge für eine SingsAmme mit Begleitung des 
Pianoforle. (Herrn C. Niemann gewidmet.) 4 Thlr. 
Nr. 4. Abenrisegen : »0 lichte Gluth I o goldner Strahl« ! von H. 
SUinheuer. 
Liebcheius Bild : »Mag da draussen Schnee sich thürmen«, 

von B. Hffine, 
DoLce far n^nte: »Tiefe Ruhe in den Bfiumen«, von H, 
Sleinheuer, 

- 4. »Wenn der Frühling kommt«, von Sybel. 

Op. d4p Acht Gesftnge für drei weibliche Stimmen mit Ciavier- 
bepleituDg. [Den Sängerinnen auf JlSontebello in Dankbarkeit zu- 
^eeiguet.) Partitur und Stimmen. Heft I. II. ä 4 Thlr. 80 Ngr. 
SL/mmen einzeln k 5 Ngr. 

Heft I. 
Nr 4. Sonnlags-Abead: »Die Erde, von der Fülle des Frühlings 
ganz beschneit«, von L. Dreves, 

- 8 . Elma : »Lieb Elma war zur Herbsteszeit das schönste Mäd- 

chen am See«, von L. Dreves. 

- 3. Vigilie: üWie sacht, o Nacht, brichst du herein«, von I. 

Dre^*eT. 



Nr. 4. Frühlingswerden: »Welch' ein Frühlingsrufen geht 
durch's ganze Land«, von Dilia Helena. 

Heft II. 
Nr. 5. Nachtlied : »Nun» da mild der Tag geschieden«, von Wiih. 
Fischer. 

- 6. »Lüftchen, das den Hain umsäuselt«, von IHUa Helena. 
" 7. »Viel tausend Blümlein auf der Au«, von A. Niematm. 

- 8. Volkslied : »Wenn ich ein kleines Waldvöglein war'«. 

Op. 102. Palmsonntagmorgen. Gedicht von E. Geibel, für 
eine Sopranstimme und weiblichen Chor mit Orchesterbegleitung. 
(Dem Dichter zugeeignet.) Partitur 4 Thlr. 80 Ngr. Clavier-Aus- 
zug und Singstimmen 4 Thlr. 481 Ngr. Orchesterstimmen 8 Thlr. 
Chorstimmen einzeln ä 8| Ngr. 

Op. 106. Operette ohne Text fUr Pianoforte zu vier Hündeo. 
(Ihrer königlichen Hoheit der Frau Erbprinzessin zu H9hentollen 
zugeeignet ) 4 Thlr. 

Op. 112. Der M. Psalm (Der Herr ist König und herrlich ge- 
schmückt) für Männerchor und Orchester. Clavier-Ausz. 8 Thlr. 
Chorstimmen einzeln ä 40 Ngr. 

(NB. Partitur und Orchesterstimmen sind in Abschrift zu he- 
ziehen.) 

Op. 117. Hiller-Albam. Leichte Lieder und^änze für das Piano- 
forte componirt und der musikalischen Jugend gewidmet 8iTbtr. 



Verla« von J. Rieter-Biedermann in Leipzig und Winterlhur. — Druck von Breitkopf und Häriel In Leipzig. 



Di« Lehnigvr Allgemeine Mtwika- 

lifche Zeitang erscheint regelm&asig an 

Jedem Mittwoeh and ist durch alle 

Poetlmternnd Boehhandlungen 

m beziehen. , 



Leipziger Allgemeine 



Freie: Jfthrlich S TUr. 10 Ngr. 

VierteUKbrilchePriLnum. 1 Thlr.10 Ngr. 

Anseig«n: Die ge^iialtena Peiitaeile oder 

deren Aanm 2 Ngr. Briefe und Gelder 

werden franco esbeten. 



Musikalische Zeitung. 



Verantwortlicher Kedactenr: SeUnar Bagge. 



Leipzig, 14 März 1866. 



Nr. 11. 



L Jahrgang. 



Inhall: Die Afrikanerin. I. — Recensionen (Neue Werke für Orchester) [Schluss]. — Berichte aus Wien, Bremen, Stuttgart und Leipzig. — 
Nachrichten. — Zeitungsschau. — Briefkasten. — Anzeiger. 



Die AMkanerin. 

(Oper in fünf icten von E. Scribe, Musik von G. Meyerbeer. Berlin, 

Bote und Bock.) 

I. 

S. B. Es ist wahrlich weit gekommen mit unsrer mo- 
dernen Btthner Man weiss nicht, worüber man mehr er- 
staunen soll: über einen reich begabten Künstler, der 
die Frucht einer (wie man sagt:) zwanzigjährigen Arbeit, 
der peinlichsten Selbstkritik, in Gestalt eines Werkes wie 
die »Afrikanerin«, der Welt gleichsam als Vermächtniss, 
und in der Meinung zu hinterlassen vermochte, es sei dies 
seine vollkommenste Oper; oder über ein an Shakespeare, 
Schiller, Goethe, an Gluck, Mozart und Beethoven erzoge- 
nes (oder vielmehr, wie Figura zeigt, nicht erzogenes) 
Publicum, das solch ein Werk in dem Sinne, wie es ge- 
geben ist, hinnimmt, und nicht laut gegen die Zumuthung 
protestirt, an dergleichen Absurditäten sich erfreuen zu 
sollen. Freilich sollte man sich über das Publicum we- 
niger wundem als über die Kritik, diesen Wächter sei- 
ner Ehre, diesen Repräsentanten seines Kopfes und Her- 
zens, der sich zum Theil hergiebt, ein solches Werk 
göttlich zu finden, zum Theil sich scheut, mit offenem Be- 
kenntniss hervorzutreten, zum Theil wohl selbst die Be- 
dingungen des Kunstwerks vergessen hat. 

Genug von diesem bedenklichen Gegenstand und zii 
dem Object dieses Aufsatzes. Die »Afrikanerin« ist nach 
unserer innersleti «eberceugung nichts als ein weiterer 
Beleg für den künstlerischen Bankerott Meyerbeer'^an 
Kunstverstand und Kunstmitteln, der im »Propheten« vor- 
auszusehen war, und schon in Wnorah und Nordstern 
(Feldlager in Schlesien) offen ra Tage liegt. AnKunst- 
verstand — denn es kam dem Tonsetz«r entweder gar 
nicht mehr darauf an, ein Werk zu schaffen, das vom Stand- 
punkte der Kunst und des Dramas*) sich rechtfertigen 
lassen möchte, oder er hatte die ersten und wichtigsten 
Kunsiprincipien vergessen. An Kunstmilieln, denn die 

*) Wir halten in jed^m Falle den Tondichter auch für das U- 
orello verantwortlich, denn ei- ist nicht gezwungen, ein solches zu 
componiren, und durch ihn wird es auch erst lebendig. 



I ihm ursprünglich eigene musikalische Erfindung ist er- 
schöpft; statt Gedanken erhalten wir grösstentheiis nur 
banale Phrasen und, bei theilweisem Aufgeben der Schön* 
heitsprincipien, vielfach widerwärtige, ja unmögliche, im 
höchsten Grade bizarre Tonverbindungen, die sogar an 
Berltoz, und nicht selten auch an Wagner erinnern. 

Der Text der Afrikanerin muss als eine dramatische 
Erbärmlichkeit bezeichnet werden. Die gewählte Hand- 
lung taucht uns nicht in das Reich des Uebersinnlichen, 
sie führt uns nicht in das der Kunst mit Recht vorbehal- 
tene Gebiet der Fabel, des Mährchens, überhaupt der 
Wunder; sondern es ist die realste Wirklichkeit, in die 
wir versetzt werden sollen ; es sind Menschen^ die wirklich 
gelebt haben oder die wenigstens gelebt haben könnten, 
Länder oder Gegenden, die wirklich existiren, Ereig- 
nisse, die der Hauptsache nach wirklich stattgefunden 
haben. Um so schlimmer , wenn man unter dieser Firma 
von uns verlangt, das Unmögliche und Unsinnige als 
möglich hinzunehmen und eine Wirkung davon mitzu- 
nehmen. 

Wer ist diese »Afrikanerin«? Eine Königin von bräun- 
licher Farbe, von der es zuerst heisst, sie stamme aus 
einer Insel hinter Afrika, während sie zuletzt als Köni- 
gin von Rindostan sich entpuppt. Diese Königin von 
Hindostan also war vor Beginn der Handlang ganz allein 
mit Nelusco in einem Boot vom Sturm überrascht und 
nach Afrika verschlagen, dort auf emen Sciavenmarkt 
gebracht und von Vasco da Gama auf einer eben voll- 
brachten und verunglückten See- und Entdeckungsreise 
zum Gap der guten Hoffnung sammt ihrem Diener gekauft 
worden. Vasco bringt sie im ersten Act der Oper als Be- 
weis einer bisher unbekannten Völkerschaft vor den por- 
tugiesischen hohen Rath. Um ihr Geburtsland befragt, ant- 
worten beide in der Sprache der Pragenden und es wird 
vom Zuschauer verlangt, dass er dies ohne Weiteres na- 
türlich finden soll. Dodr die^ möchte als eine auf derfitthne 
bereits eingebürgerte Freiheit noch hingenommen werden. 
Nun wird uns aber zugemutbet zu glauben, dass die braune 
Königin Selika, jetzt Sciavin, ihren weissen Herrn, der sie 



86 



Nr. 11. 



nur verachleL, liebt, und nicht allein lieht mit jener süd- 
lichen Gluth siimlicber Leidenschaft, die aUenfalls als mög- 
lich anzunehmen wäre, sondern mit vollständiger Resigna- 
ibnf dienur das Product eineshohen Charakters undbeson- 
tlorcrAchtung vor dem Gegenstande der Liebe sein kann.*) 
Sf e retlet ihn im Gefängniss vor dem Dolch ihres Dieners 
Nelusko in dem Augenblick, wo er (Vasco) laut von 
Ines, seiner Geliebten, träumt. Sie verzeiht ihm, dass 
er sie der Ines geschenkt, nachdem sie kurz vorher seine 
Liebe erworben zu haben glaubte. Sie erklärt ihn zum 
Gemahl , als die Indier ihn ermorden wollen. Sie lässt 
ihn f^leichwohl mit Ines ziehen, obwohl er kurzvorher f(lr 
sie wirklich in Liebe gerathen und mit ihr vermählt wor- 
den war^ und tüdtet sich endlich durch den Athem des 
Giftbaums! 

Und nun dieser »Held« Vasco I Wie wir erfahren, hat er 
diese Sclavln^ weil sie weinte, gekauft, und zwar nicht 
allein für Gold, sondern er bat seine Waffen für sie hin- 
gegeben ! Aber ein tüchtiger Schnellsegler ist er ohne 
Zvveifell In der letzten Gefängniss-Scene erfahren wir, 
dass in einigen Stunden Don Pedro mit einem be- 
reits ausgerüsteten Geschwader nach dem Cap absegelt; 
kaum (im dritten Act) befinden wir uns mit Don Pedro^s 
SchifT in der Gegend des Cap, so ist auch schon unser 
Vasqo mit einem Schiflf da, das er doch vorher vom König 
nicht hat erlangen können, und natürlich jetzt noch we- 
niger, da der König den Don Pedro mit einem Ge- 
schwader ausgeschickt hat! Ist es nicht wunderbar, wie 
Vasco als Deiis ex viachina auf seines schrecklichen Geg- 
ners SchifT erscheint, und zwar allein, um demselben 
gute Lebren zu geben — dafür aber von Don Pedro zu- 
erst zum Tod, dann zur Gefangenschaft verurtheilt zu wer- 
dend Wunderbare Grossmuth eines Entdeckers, der sei- 
nen Feind von gefährlicher Bahn abhält und sich selbst 
in Geführ begiebl, sein besser erkanntes Ziel zu verlie- 
ren! — Nefusko, der Gegend sehr kundig (obwohl nur 
vom Sturm früher dahin verschlagen) und voll Bachgier, 
steuert nach Norden in Klippen und Sturm, und überlie- 
fert das SchilT wilden Indianerhorden, die aber bereits zu 
Hindostan gebüren müssen, denn die ^Afrikanerin« (!) 
wird sofort als ihre Königin erkannt! 

Alle diese und noch viele andere nicht minder sinn- 
lose Combinationen wurden natürlich nur ersonnen , um 
in einem dramatischen Werke wo möglich die ganze 
Erde, mit Allem, was darauf ist , anzubringen, dadurch 
die Neugier des grossen Haufens zu erwecken, und mög- 
lichst bizarre raffmirte Musik dazu ersinnen zu Jassen. Man 
denke: wir haben eine grosse portugiesische Bathsver- 
sammlung mit Senatoren, Inquisitoren etc. ; wir haben ein 
schauriges Gefängniss daselbst, dann ein Schiff auf offe- 
nem Meer in tropischer Gegend; dann Sturm und wilde 

*] Es ist dies auch wieder ein Zug jener französischen, baupt> 
sücblich von Paris ausgehenden, hässlicheo revolutionären An- 
schauung, wouacti AlJcs'was bestellt und ein Anrecht auf sittlichen 
Bestand j^^cttond macht, als miserabel, und die wahre Empflndung 
aJg tmr in IJiopifln vurhanden dargestellt wird. 



IndianerschfTaren, die das Schiff erstürmen und Alles (bis 
auf die Menschen, die in der Oper noch femer nöthig sind !j 
niederhauen; endlich das Stranden des Schiffs mit einem 
furcht orlichen Krach und seinen Untergang in Wasser und 
Feuer; wir haben dann wieder indische Tempel, Auf* 
Züge, Lustbarkeiten etc., endlich den fraglichen Giftbaum, 
von dem man nicht recht wissen soll , ob er \(^irklich in 
Hindostan wächst. Schade, dass Don Pedro nicht noch 
einen Abstecher in^s, südliche Eismeer gemacht; welch' 
prächtige Gelegenheit wurde hier versäumt, Eisborge, 
Kämpfe mit Bären, Seehunden etc. zu zeigen! 

Wir fürchten keinen Widerspruch über die Gewagl- 
heit und stellenweise Unsinnigkeit des Libretto. Aber, 
wird man uns entgegnen, man setzt sich darüber, der 
hübschen Musik, der interessanten Schaustücke etc. we- 
gen, gern hinweg; es giebt ja auch in der ZauberflöCe 
Ungereimtheiten, ja ganz Unverständliches; warum soll 
Meyerbeer nicht erlaubt sein, was Mozart nachgesehen 
wird? 

Nun, wir wären vielleicht im Stande, sogar den 
Scribe'schen Text zur Afrikanerin in Geduld hinzuneh- 
men, wenn die Musik wirklich schön und bedeutend wäre. 
Wer dies al>er zu behaupten vermag, dessen Musik- 
geschmack muss wahrlich von primitivster Art sein. Eini* 
ges Hübsche wollen wir nicht in Abi*ede stellen, und es 
wäre ja doch auch mehr als sonderbar, wenn in einer 
Oper, an der ein Couiponisl von den Kenntnissen Meyer- 
beer's lange Jahre gearbeitet hat, nicht hie und da Par- 
tien zu finden wären, die an sich artig klingen , allenfalls 
interessant oder geistreich genxinnt we,rden Jiönnen, ja 
selbst, Spqren von wirklicher augenblicklicher Empfin- 
dung an sich tragen. Allein von einer Oper, die viele 
Stunden fortwährender Aufmerksamkeit in Anspruch 
nimmt, verlangen wir, besonders wenn sie von einem so 
gefeierten Namen getragen wird, nicht blos solche verein- 
zelte. Momente, sondern Schönheit, Charakteristik über- 
all, im Ganzen und Einzelnen. Wie es damit steht, soll 
in einem zweiten Artikel gezeigt werden. 



Becensionen. 
Nene Werke für OrcJieJitev. 

♦ (Schluss.) 

3) Jul. 0. Grimm. Suite in Canon form für Streichinstrumente 
(Orchester ohne Bläser). Op. <0. Partitur tt% Ngr, 
Stimmen I Thlr. 4 Ngr. Vierhändtger Ginvierauszug 
vom Componisten 4 ThU-. 5 Ngr. Leipzig und Winler- 
ihur, Rieter-Biedermann. 

Grimm hat sich in Allem, was wir bisher von ihm 
kennen zu lernen Gelegenheit hatten , als ein acht deut- 
scher Künstler gezeigt, der es vollkommen verschmäht, 
durch äussere Mittel zu wirken, die ja oft billig genug 
sind. Bei ihm gebt alles von Grund aus; was er macht, 
zeigt nirgend Bequemlichkeit und sinnliche. Lässigkeit, 



Nr. <1, 



87 



sondern selbständiges Wesen, das, wie die ganze Schule, 
der er angehört, bis zur Herbigkeil geht, dafür aber auch 
zu denken giebt, und durch und durch interessant er- 
scheint. Seine Muse ist wie ein dcht deutsches Mädchen, 
das unscheinbar auf den ersten Blick , eine Welt von Ge- 
inüth und Verstand in sich birgt, die den, der dergleichen 
zu sc;|iätzen weiss, hoch zu beglücken vermag, und frei- 
lich nichts davon kennt und kennen mag, was man an- 
derwärts thut, um sich bemerklich ijnd glänzend zu ma- 
chon. In unserer Zeit ist dergleichen besonders sel- 
ten geworden. Man denke daran, wie das Orchester in 
seiner neueren Gestalt den meisten Musikern nicht mehr 
genügt: Harfe, Bassciarinetlen, wo möglich Saxhörner, 
Tuben und OphikleYden, vielfach getheille Saiteninstru- 
mente und wer weiss wie viele Holzbläser müssen her- 
bei, um die »Intentionen a der Tonsetzer würdig auszu- 
führen. Grimm bietet uns eine Suite ohne alle Blasinstru- 
mente, und obendrein ist das Werk von Anfang bis zu 
Ende ein Canon ! Welche Selbstbeschrünkung, welch' auf- 
erlegtesr Hemmniss für freie Entwicklung, welcher Verzicht 
auf alle d malende a Tonkunst! — Aber die Consequenz, 
die Kraft, die Sicherheit, mit welchen der Componist die 
selbst gestellte Aufgabe durchfuhrt, nöthigt uns desto 
grössere Hochachtung ab; und dafür, dass diese Hoch- 
achtung nicht blos eine » kalte a bleibe, sorgt er wieder 
durch prächtigen melodischen Stoff, liebenswürdige Form 
und äusserste Sauberkeit des Satzes. 

Die canonische Schreibart (Sstimmig in der Octave 
mit freiem contrapunktischem oder harmonischem Zu- 
satz), welche Grtmm durch das ganze Stück verwendet, 
ist vermählt mit den Bedingungen der Sonatenform. Die 
Stücke haben nämlich ihre Seilen- und Mittelsätze in 
den verwandten Tonarten, auch ihre dem entsprechende 
Dynamik u.s. w. Diesen Bedingungen das canonische We- 
sen anzupassen, hat Grimm ungefähr in der Weise ge- 
strebt, wie R. Schumann in seinen »Studien für den Pe- 
dalflügel«, und wer einen Begriff davon hat, welche Bieg- 
samkeit des Satzes hierzu nöthig ist, der wird gestehen, 
dass die Aufgabe hier vollständig oorrecl gelöst ist. Dies 
allein würde uns aber weder fesseln noch befriedigen, 
wo nicht der Gehalt der Themen u. s. w. zugleich no- 
bel und würdig ist. Gerade dies aber unterscheidet we- 
sentlich Grimmas Arbeit von ähnlichen der jüngsten Zeit. 

Unsere Suite hat vier Sätze : ein Allegro con brio C-dur 
y* , ein Andante lento G-dur 74 für vier Soloinstrumente, 
ein Tempo dt Minuetto E-moll 74 , und ein Allegro risoluto 
G-dur 74. Im ersten Salz ist der Canon durchgängig in 
der Weise gesetzt, da;>s die nachahmende Stimme um 
zwei Viertel später eintritt. Da nun das Stück im 74-Takt 
steht, so ergieht sich für den ersten Augenblick eine Un- 
bestimmtheit der rhythmischen Gestallyng, da das Ohr, 
wenn es nicht durch die sichtbaren Zeichen des Takt- 
stockes gleich anfangs in die richtige Bahn geleitet wird, 
entschieden 74-Takt hören wird. Wir setzen die ersten 
Takte ohne Taktstriche her, um dies deutlicher zu machen : 






^£j^-£3a— 1 



Finden wir eine solche Gestaltung für den Anfang nicht 
unbedenklich und hätten deshalb gewUnschl, dass dvr 
Tonsetzer einige Takle (Accordschläge z, B*) vorausge- 
geben hätte, die das Ohr entschieden in den ^/^-TuW 
stimmten, so ist andererseits zu betonen, dass bei näherer 
Bekanntschaft der 74-Takt ganz klar hervorlritt, weil der 
Perlodenbau des Anfangs von 8, 8 und 4 Takten dtis 
schwankende Taktgefühl unterstützt. MitdemEintrilt def» 
hübschen Seitensatzes in G-dur : *' 




wo der Bass vom Canon zurücktritt (denselben der ersten 
Violine und dem Cello überlassend} und die gulen Takl- 
theile markirt, wird die Sache ohnehin gcinK klar. Dioser 
Seitensatz ist, wie man sieht, sehr lieblich melodisch; er 
befriedigt das nach dem Vorhergegangenen wach gewor- 
dene Bedürfniss nach einfacher Melodik, und inächt eben 
deshalb einen um so reizenderen Eindruck. Der ersU^ 
Theil schliesst nach einer kleinen Coda in G-dur und wird 
wiederholt. Den Durchführungssatz iLut Grimm klügHeh 
mit blos 24 Takten ab, da das canonische Wesen ohnehin 
schon die Aufmerksamkeit des Ilörers stark in Änsprudi 
nimmt. Das Hauptthoma und der Seitensatz erscheinen 
sodann in C-dur, und der knapp gefassle Satz geht rascb 
zu Ende. 

Das Andante ist ein zwbitheiliger Licdsalz (diesmal 
ohne Miltelsatz oder Trio) ; jeder Theil wird wioderhoH, 
und eine kui*ze Coda beschliesst das Slück. Im ersLen 
Theil wird die einfache anmuthige Weise : 

tr ete. 




%7 3 

g — ^ g -c 

von Violine und Viola canonisch (die Enlfemung betrügt 
einen Takt) vorgetragen, wozu das Violoncell eine arpeg— 
girte Begleitung ausführt und der Bass einfache Grund- 
noten pizzicato hinzufügt. Im zweiten Theil geht zuerst 

das Violoncell mit der nun in D-dur stehenden Melodie 

11 • 



88 



Nr. 11, 



voran und die Violine folgt ; später kehrt die erste Form 
(in höherer Oclave) wieder. Das Stück giebt sich äusserst 
anmathig und sinnig, wir meinen aber, ein Mittelsatz würde 
dem Hauptsatz zu noch grosserer Wirkung verhoifcn haben. 
Die folgende Menuett hat einen Hauptsatz mit zwei ro- 
petirten Theilen, worauf ein Trio in E-dur, ebenfalls, in 
zwei Theilen, dann der Hauptsalz und am Schluss ein Or- 
gelpunkt in E-dur mit den Motiven des Trios folgt. Die 
Themen sind von grosser Lieblichkeit, wie die Noten so- 
gleich zeigen : 



i 



i^^ 



^ 



V u. s. w. 

(Im Bass eine selbsUndige Achtelbegleitunf;.) 



jh^v#,fff^f.£ i^ 



f4=^^ 



=k:4 



£ 



Der Canon liegt in der ersten und zweiten Violine (später 
Viola) um einen Takt auseinander. Im Trio herrscht eine 
wiegende Figur : 



^:^f=^^ ^ 



die Wirkung im Orchester muss eine äusserst reizende sein. 
Das abermals knapp gefasste Finale endlich besteht 
aus einem Hauptsatz in zwei Theilen, dann einem ruhigen 
Mitlelsatz in As (oder Des). Im Hauptsatz herrscht eine 
energisch rhytbmisirte Figur : 



^Tr^rrYTfT ^F^P^ 



u. s. w. 

der Canon (zwischen erster Violine und Viola) steht in 
einem Takt Entfernung. Im Trio dagegen bringt das Vio- 
loncell (zuletzt die Viola) die Melodie der ersten Geige 
um acht Takte später, — eine Form, die vielleicht öfter 
anzuwenden gewesen wäre, da sie dem Ohr weniger An- 
strengung zumuthet. — Das Ganze wird cadenzartig und 
dann markig tonisch beschlossen* 

Es wird heute viel von »Gesundheit« gesprochen, und 
im Gegensatze zu manchen T^roductionen der Gegenwart, 
denen man mit Recht oder Unrecht »KrankhaftigkeiUt vor- 
wirft, wird als gesund bezeichnet, was möglichst einfache 
und klare Verhältnisse aufweist. *) Nun, obige Suiten sind 
in dieser Beziehung alle drei »gesunda ; inneres Mark und 
Kraft enthält die letzte jedoch am meisten. 

Der vierhändige Glavierauszug wird Denen willkom- 
men sein, welche das Werk vom Orchester gehört haben, 
ist aber mit Vorsicht zu benutzen, wo dies nicht der Fall 

war; denn derartige contrapunktische Sätze büssen auf 

■ .■ ■ — — • 

*) Es giebt in der Kunst auch eine Sorte bäuerischer Gesund- 
heit, die an Triviaiitöt grenzt oder mit solcher identisch ist. Vor 
solcher Gesundheit bewahre uns Apoll ebenso, wie vor der offen- 
baren Kraakhdt der Zukunftsmasilc. 



dem Glavier viel an Wohlklang ein und scheinen leicht 
steifer, als sie im Orchester und Chor wirklich sind. 



Berichte, 

Wien. X Nach kurzer Faschingspause haben die »Philhar- 
monikera und der »Mnsikverein« ihre Thätigkeit wieder aufge- 
nommen. Von den Novitäten, welche Erstere vorführteft, er- 
freute sich Reinecke's Symphonie in A-dur (Dp. 79) einer 
freundlichen , Heinrich Esser's neue viersStztge Seite in 
A-moU aber einer sehr giinstigeUi theiiweise glänzenden Auf- 
nahme von Seite des Publicams. Namentlich gefielen die bei- 
den Mittelsätze der Suite , und der dritte, mit Variationen rei- 
zend geschmückte Satz musste auf stürmischen Zuruf hin wie- 
derholt werden. — Im liierten tfGesellschaftsconcert« gelangte 
abermals eine neue Suite und zwar unter des Gomponisten, 
Franz Lachner, persönlicher Leitung zur Aufführung. Auf 
dem Programm der zwei »ausserordentliohen Musikvereioscon- 
certea stehen Beethoven's neunte Symphonie und die Jo- 
hannis-Passion von S. Bach, welch* letztere am Chardieostag 
zum zweiten Mal vorgeführt werden wird. — Hellmesber- 
ger schloss seine Quartettproductionen , bald nach Laub, in 
glänzender Weise. Ein Streichquartett von Preyer (als neu 
angekündigt, richtiger aber die Umarbeitung eines bereite pro- 
ducirten älteren Quartetts) fand in einer der letzten dieser 
Quartettsoireen beifällige Aufhahme, ohne nachhaltige Wirkung 
zu erzielen. Es ist eben mit einer gewissen Routine gemacht, 
bewegt sich aber durchaus in bereits abgenützten Geleisen. -- 
Ernst Pauer hat Wien nach kurzem Aufenthalt wieder ver- 
lassen. Er spielte in einem philharmonischen Concert Beet- 
hoven*s Cmoll-Concert und bei Hellmesberger das »Geister- 
trio«, vermochte aber weder durch den Vortrag des einen, noch 
des andern über das gewöhnliche Maass hinaus zu erwärmen. 
Die wenn auch sehr correcte, iifimerhin aber englisch -kohle 
Spielweise des Herrn Pauer sagt nius einmal dem hiesigen (xe- 
schmack nicht zu. — Frau Clara Schumann hatte hier mit- 
ten in der Carnevalszeit einen Cyklos von Concert en begon- 
nen, deren Erfolg ein in der Jetztzeit beispielloser ^u nennen 
ist. Der Musikvereinssaal war bei jedem der sechs Concerte aus- 
verkauft, und der Empfang, welcher der Künstlerin allenthal- 
ben zu Theil wurde, war ein ungemein herzlicher und auszeich- 
nender. Die Programme enthielten vorzugsweise Schumann und 
Beethoven, nebst diesen : S. Bach, Chopin, Mendelssohn, Brabms 
und Kirchner. Am meisten befriedigte Clara's Vortrag der Com- 
positionen von Schumann, S. Bach und Chopin. Die Zwischen- 
pausen füllten Gesangsvortrfige der Frau Dustmann, des Fr&ul. 
Bettelbeim, des Herrn Walter und Declamationen des Hof- 
schauspielers Lewinski. Die Elite der Wiener Gesellschaft gab 
sich formlich Rendezvous in den Musiksoir^en der Frau Schu- 
mann. Welche Wandelung gegen das Jahr i846, in welchem 
Robert Schumann seine B-Symphonie vor einem gar kleinen 
HSuflein stiller Verehrer prodociren musste ! — Das Zöglings- 
concert brachte in gelungener Weise Schumann's Ouvertüre, 
Spherzo und Finale; Beetboven*s C moll-Symphonie und Liszl's 
erstes Clavierconcert (der Ciavierpart von einem sehr jungen 
Zögling, J. Rubinstein, tüchtig gespielt) zur Aufführung. — 
Der Männergesangverein beging diesmal seine Stiftungsfeier 
mit dem Requiem (für MSnnerchor und Orchester) von Cheni- 
bini, welches, nach zehi\jähriger Pause, am S2. Februar in 
der Augustinerkirche abermals zu Gehör gebracht wurde. In 
musikalischen Kreisen erregte diese Aufführung das lebhaf- 
teste Interesse. 

Bremen, r^ Max Bruch's »Frithjofsagecr wurde hier in kur- 
zer Zeit nicht weniger als dreimal vollständig und einmal theil- 



Nr. n. 



89 



weise aafgefübrt. Die letzte Auffübrang fand in der neuen 
Börse unter der Leitung des Gomponisten statt, wobei demsel- 
ben alle nur mögiicben Ehrenbezeugungen entgegengebracht 
wurden. Der Grund zu diesen mehrfachen Wiederholungen 
ist theiis darin zu suchen , dass diese Musik in hohem Grade 
wirkungsvoll ist, theiis in dem Umstände, dass wir zwei Lie* 
üertafeln haben, welche beide die Gelegenheit, etwas Inter- 
essantes, Neues zu bringen, nicht unbenutzt vorübergehen 
lassen wollten. Unter der Leitung des Gomponisten sangen übri- 
gens beide Liedertafeln vereinigt. Die Partie der Ingeborg 
wurde von Frau Mayr-OIbrich (vom Theater) aufs Beste aus- 
geführt, während Fritbjof von einem Mitgliede der Bremer Lie- 
dertafel (jetzt die alte genannt) repräsentirt wurde und zwar 
in vorzüglicher Weise, Die Chöre wurden ebenfalls sehr gut 
gesungen. 

Die Privatconcerte brachten in der letzten Zeit mehr Neues 
und Wenigergehörtes als im Anfang des Winters. Hero und 
Leander für Chor, Solostimmen und Orchester von Georg Vier^ 
(log (neu unter Leitung des Gomponisten) möchte vor allen 
Dingen zu nennen sein. Die Aufnahme des Werks von Seiten 
des Publicums war ausserordentlich günstig ; es lässt sich auch 
nicht leugnen, dass recht viel Schönes darin enthalten ist. Die 
Tonmalerei in der Sturmscene möchten wir jedoch hiervon 
ausnehmen. Die Ausführung der Chöre durch die Singacademie 
war lobenswertb. Frl. Ida Dannemann aus Düsseldorf brachte 
die Partie der üero, abgesehen von den hochdramatischen' 
Stellen, wozu das Organ derselben nicht ausreichte; recht gut 
zur Geltung. Die übrigen Solopartien waren durch Hitglieder 
der Singacademie besetzt. Eine Symphonie von Ludwig Deppe 
(F-dur [neu], Manuscript , unter Leitung des Gomponisten) 
wurde ebenfalls sehr beifällig aufgenommen. Es bringt dieselbe 
freundliche idyllische Klänge, weniger Grossartiges und Frap- 
pantes. Die zweite Suite in £-moll von Franz Lachner (vor- 
treßlid» ausgeführt) , die vierte Symphonie von R. Schumann 
(Es-dur) und Reigen seliger Geister und Furientanz aus Or- 
pheus von Gluck waren ebenfalls auf den letzten Programmen. 
Frau Uermine Rudersdorff aus London , welche in letzter Zelt 
mehrfach in Deutschland sich hören liess, Herr Ad. Schulze 
aus Haaiburg, welcher im Besitz einer sehr schönen Stimme 
ist, jedoch mehr aus sich herausgehen könnte , und Frl. Mur- 
jahn aus Bremen, welche recht brav sang, waren für den Solo- 
gesang gewonnen. — Hr, Goncertmeister Lauterbach aus Dres- 
den (als vorzüglicher Geiger schon bekannt) spielte : Goncert 
von Beethoven und Andante und Rondo (aus dem Ddur-Gon- 
certe) von Mozart. Die Wahl dieser Musikstücke giebt Zeug- 
oiss von einer Seht künstlerischen Gesinnung. Das Publicum 
belohnte Herrn Lauterbacb durch reichen Beifall und Hervor- 
Hof. FrL Charlotte Deckner aus Pesth trug den ersten Satz eines 
Violinconcerts von Viotti (Nr. 17. D-moll) wenig befriedigend 
vor ; ausserdem : Aeolsharfe von Krohne und Ungarische Volks- 
lieder von R^möny, zwei Stücke, die auf den Programmen der 
Privatconcerte jedenfalls nicht zu finden sein sollten. Die Cla- 
vierspielerin Frl. Constanze Skiwa aus Wien spielte : Goncert 
von Beethoven (G-<lur) , zwei Canons aus Op. 35 von Jadas* 
söhn und Valse de Concert von J. Wieniawski und erwarb sich, 
besonders durch den Vortrag der letzteren Stücke, lebhaften 
Beifall. 

Stuttgart, s Aus dem Reigen der im neuen Jahre an uns 
vorbeigezogenen Opern sind durch treffliche Aufführungen bis 
jetzt bemerkenswerth gewesen : Oberen , Weisse Frau , Zau- 
berflöte , Iphigenie auf taurts , Joseph und seine Brüder , Die 
Jüdin ; zum ersten Male auf die hiesige Bühne gelangte La Trc^ 
viata von Verdi. Wir selbst waren verhindert, den beiden Auf- 
führungen dieser Oper beizuwohnen, aus CQmpetcnten Quellen 
haben wir aber die Versicherung bekommen, dass Rigoletto 



und Troubadour hoch über besagtem Werke dieses Gompo- 
nisten stehe ; nun dann wäre dieser armen »Verirrten« besser, 
sie wäre nie geboren. Wenn einige altgewordenen ersten Sing- 
krUfte unserer Oper durch junge Rr'äfle ersetzt sein werden, 
was nachgerade eine brennende Nothweudigkeit, so wird un- 
sere Oper im Stande sein , das Beste zu leisten. Ein Schau- 
spiel von Calderon »Der wunderthätige Magus«, mit Musik 
von Carl Doppler, dem seit einem halben Jahre an der Hof- 
capelle angestellten Musikdirector, ging in voriger Woche über 
die Breter. Das Stück frappirte das hiesige Publicum durch 
seine scheinbare Aehnlichkeit mit Faust. Lowes, der Biograj^h 
Goethe's, hat sich viele Mühe gegeben, die vielfach aufgestellte 
Behauptung, Goethe habe die leitenden Gedanken seines Faust*s 
aus diesem Stück entlehnt, zu widerlegen. Er hätte sich diese 
Mühe ersparen können. Goethe, der wie bekannt im Jahre 
1804 den ersten Theil seines Faust vollendete, schreibt im 
Jahre 1802 (siehe seioe Tages- und Jahreshefte) : »Auch ist zu 
bemerken, dass in diesem Jahre Calderon, den wir (Schiller und 
er) dem Namen nach Zeit unsres Lebens kanoten, sich zu 
nähern anüng und uns gleich bei den ersten Musterstücken in 
Erstaunen setzte.« Goethe brachte auch im Jahre I84S den 
Magus in Weimar zur Aufführung. Was die Musik betrifill, so 
lernten wir in Herrn Doppler einen gewandten Gomponisten 
kennen. Die Ouvertüre ist ein kräftiges, mitunter freilich stark 
an Weber erinnerndes Musikstück ; besonders gelungen dünkte 
uns ein Enlr'act und das Melodram im 3. Acte, wo in Justina 
durch den Dämon (Mephisto) sinnliche Begierden nach Gyprianus 
(Faust) erregt worden, die sie in ihrer jungfräulichen Unschuld 
nicht zu deuten weiss. (! Sonderbar, dass gerade derglei- 
chen den Gomponisten unserer Zeit oft am besten gelingt. 
D. Red.) 

In dem sechsten und siebenten Abonnementconcert sprach 
uns durch würdevolle Execution besonders an: Die Ddur-Suite 
von S. Bach (neu), eine zum ersten Male ausgeführte Sympbo^ 
nie von Haydn in Es-dur , die bekannte B dur-Symphonie von 
Schumann und Mendelssohn*5 Walpurgisnacht, Neu und mit 
grossem Beifall aufgenommen war der Brautchor mit Einleitung 
aus Lobengrin, welche Im Stile der romantischen Schule ge- 
schriebene Nummer ihre Wirkung nirgends verfehlen wird. 
Herr Speidel hatte sich in dem Gdur-Concert von Beethoven 
(mit Bülow'schen Cadonzen) eine schwierige Aufgabe gestellt. 
Er löste sie würdig ; ebenso Herr Goltermann in einem Volk«» 
mann'schen Goncerte. Noch sei eines jungen Violinspielers, 
des Herrn Ad. Küchler, Mitglied der k. Hofcapelle, erwähnt, 
derselbe verspricht seinem jetzigen Lehrer, dem Herrn Gon- 
certmeister Singer einstens Ehre zu machen. Er trug das Gis-* 
moll-Concert von Vieuxtemps vor. 

Das Programm der fünften Kammersoiree bestand aus fol- 
genden Nummern: Gdur^Quartett von Mozart, Serenade für 
Violine, Viola und Violoncell von Beethoven, Glavierquartett 
von Stark , Quartett von Gherubini in Es-dur Nr. 4 . Die rei- 
zende Serenade von Beethoven wurde von den Herren Singer, 
Benuewitz und Goltermann in reiner Vollendung zum ersten 
Male hier zur Aufführung gebracht. Nachdem aber die Stark'sche 
Muse in Gewitterstürmen uns erschienen war, alle Stilarten der 
classischen und modernen Perioden vor u^is auskramend (wo* 
bei nur zu bedauern war, dass Herr Pruckner, der seine 
sohwierige Stimme mit künstlerischer Vollendung bezwang, 
von den Herren Singer, Debuys^e und Goltermann in nichts 
weniger als brillanter Weise unterstützt wurde) , da war es uns 
und mit uns einem grossen Theil des Publicums unmöglieh, 
dem geistvollen Quartett Gherubini's , gespielt von den Herren 
Singer , Barnbeck , Debuys^re und Krumbholz , die verdiente 
Aufmerksamkeit zu schenken. 

Besonderes Interesse erregten in letzter Zeit die zwei Gon- 
certe des Herrn Hans v. Bülow. Wir machten in ihm die Be- 



90 



Nr. M. 



kanntschaft eines Giavierspielers von ausserordentlicher Be- 
gabung ; sein Spiel war hinreissend , die Beherrschung seines 
Stoffes vollkommen. Am meisten entzückte uns Seine Wieder- 
gabe der Bach'schen und HUndel'schen Fugen. Schade, dass 
wir seiner ästhettsch-musikah'scben Uichtung , diesem Jacobi- 
nismus in der Musik, uns nun und niemals anschliessen können. 
Händefs »Samson« wurde vom classischen Verein für Kir- 
chenmusik am 30. Januar unter Herrn Dr. Faisst's Direction, 
diesem bewährten Kenner derartiger Musik , unter Mitwirkung 
der k. Hofcapelle und durch Beiziehung der Frau Bennewitz- 
Mick, Fräul. Schötky, der Herren A. Jäger und Schütky zur 
Aufführung gebracbt. Die Chöre waren sehr präcis einstudirt, 
die Sologesänge zum Theil ohne Tadel. Fräul. Schütky konnte 
wohl äusserlich ihrer Aufgabe gerecht werden , innerlich aber 
war sie derselben lange nicht gewachsen. Es dünkte uns, der 
gewaltige Genius Händel's, der nicht lange vorher den oMessias« 
geschaffen, sei von dieser geistigen Gebort einziger Art noch 
erschöpft gewesen, als er der Welt den »Samson« gab ; wir 
vermisslen im ersten und zweiten Tlieile die Wucht jener 
Chöre, wie sie im Messias, Israel in Egypten, Judas Maccab'aus 
uns bis in's innerste Mark erschüttern und erfrischen. Der 
dritte und unstreitig der schönste Theil des Oratoriums erinnerte 
uns wieder lebhaft an das Wort eines deutschen Schriftstellers, 
der über Händel sagt: 

Das ist ein Mann! er gleicht den alten Eichen, 

In deren Wipfel Gottes Stürme hausen, 

Und ihre Urwcltsnielodien sausen — 

Von deutscher Kraft em unvergänglicb Zeichen. 



Leipzig. S,B, Singacademie und E n t e r p e gaben ein 
schönes Beispiel der Vereinigung zu gemeinschaniichera künst- 
lerischem Zwecke, indem sie am 20. Febr. zusammen ein 
Concert veranstalteten. Diese Vereinigung hatte freilich inso- 
fern verhältnissmässlg geringere Schwierigkeiten, als die mu- 
sikalische Direction beider in ein und derselben Hand, der des 
Hrn. vonBernuth, liegt. Man hatte zu dieser Aufführung 
den für Goncerte selten benutzten grossen Saal der Central halle 
gewählt. Die Akustik desselben erwies sich am vorthctlhariesten 
für Chorwirkung, während sie für Orchester und Solo- 
sänger minder günstig schien. Die Chore klangen aber so herr- 
lich und voll, dass wir die Benutzung des Saales für kleine 
Musikfeste mit Händerschen Oratorien, überhaupt mit Werken, 
deren Schwerpunkt in die Chöre fällt, auf das lebhafteste be- 
vor werten möchten. Die diesmal gewählten Programmnum- 
mern konnten nicht vollkommen befriedigend wirken; am 
besten noch Gade's Frühlingsbotschafl für Chor und Orche- 
ster, während die Schlussscenen des dritten Acts der Gluck - 
sehen Armide zwar ihrer Seltenheit wegen höchlich interessir- 
ten, musikalisch aber doch für ein Concert wenig Reiz bieten, 
und Rossini 's Stahat mater zwar ebenfalls Jenen interessant 
gewesen sein mag, die dieses seltsame Product italienischer 
Kirchenmusik noch nicht gehört hatten , des klaffenden Risses 
zwischen Text und Musik wegen aber in Deutschland unge- 
achtet einiger wirklich schonen Partien unmöglich Boden ge- 
winnen kann. — Au der Ausführung der Solopartien bethei- 
ligten sich Fräul. Santer aus Berlin (in sehr befriedigender 
Weise), die Fräul. Wilde und Pögner vom hiesigen Stadt- 
theater (die durch Uebernahme der betreffenden Partien in 
letzter Stunde ein Anrecht auf Nachsicht hatten), dann Herr 
G u n z aus Hannover (im Stabat mater vorzüglich , ^minder in 
der Bildnissarie aus der Zauberflöte) und Herr Freny vom 
Stadttheater. 

Nach längerer Unterbrechung hatte am 25. Februar auch 
eine Abendunterhaltung für Kammermusik im Ge- 
wandhause stattgefunden, wobei Herr Drey schock die erste 
Violine spielte, und MozarVs C dur-Quartett, nebst Beethoven's 



C- Quintett zur Aufführung kamen. Zwischen beiden spielte 
Herr Jadassohn seine canonische Serepade (vgl. »Uebersicht 
neu erschienener Musikwerke« in voriger Nummer) und fand 
damit Beifall. 

Durch die abermalige Aufführung der grossen Messe von 
Beethoven*) (aro Busstag den f. März in der Thoma»- 
kirche) hat sich Herr Musikdirector Riedel ein grosses Ver- 
dienst erworben , und unser Dank gebührt ihm um so mehr, 
als diese Aufführung in Betracht der ausserordentlichen Schwie- 
rigkelten des Werks eine sehr gelungene genannt werden 
muss. Der gut besetzte Chor griff wacker zu und sang im Gan- 
zen recht rein (ein mehrmaliges zu tief werden bei dem häufig 
vorkommenden, und sogar länger auszuhaltenden hohen V der 
Soprane muss entschuldigt werden — Beethoven muthet hier 
dem Chorsänger mehr zu als billig). Die Soli waren ausge- 
zeichnet besetzt: Sopran Frau Jauner-Krall, AU Frau 
Krebs-Michalesi (beide vom Dresdner Hoflheater) , Tenor 
Hr. Schild vom hiesigen Stadttheater und Bass Hr. Schulze 
aus Hamburg. Das Orchester war ebenfalls gut besetzt, das 
Violinsolo im Benedictus wurde von Herrn David gespielt. 
Auf die Mitwirkung der Orgel musste, unzutreffender Stimmung 
wegen, verzichtet werden. — Wir haben hier im protestanti- 
schen Norden vor dem katholischen Süden die Möglichkeit vor- 
aus, solche Werke in der Kirche hören zu können, da diese 
Messe und andere grosse Kirchenwerke sich durch ihre Länge 
vom Gottesdienste ausschliessen , bei uns aber die Kirche für 
geistliche Concerte geöffnet wird, was in katholischen Städten 
nicht der Fall ist. Dagegen ist freilich bei neueren katholischen 
Kirchenwerken die Einfachheit der protestantischen Kirche kein 
übereinstimmendes Moment — bei der grossen Messe von 
Beethoven gehört eigentlich die phantastische Pracht des Tem- 
pels, der Weihrauchdampf und der mystische Gottesdienst 
dazu, um in allen Theilen verstanden zu werden. In Abwe- 
senheit dieser Aeusserlichkeiten muss für das protestantische 
Gefühl sogar Manches unkirchlich erscheinen ; man wird durch 
die Musik zu sehr daran erinnert, dass die Aeusserlichkeiten 
des katholischen Ritus mehr auf die Sinne, als auf das Gemüth 
wirken, und man fühlt den Unterschied der beiderseitigen 
Standpunkte allzu lebhaft. — Es ist hier nicht der Ort, das 
Beethoven'sche Werk, das ja auch bereits so ziemlich überall 
belcannt und vielfach besprochen worden ist, nochmals zu be- 
urtheilen. Nur so viel können wir hier als unsere Ueberzeu- 
gung aussprechen , dass ihm neben dem vielen wunderbar 
Herrlichen, Tiefen und Grossartigen, das es aufweist, nicht 
selten jene Einfachheit und grosse Würde gebricht, welche die 
Werke der alten Italiener, dann des grossen S. Bach auszeich- 
nen. Das Gloria besonders hat uns auch diesmal wieder den 
Eindruck des Exaltirten, ja Fanatischen gemacht, das, bei einer 
gewissen Zerrissenheit der musikalischen Form, dem pro4e- 
stantisch-religiösen Gefühle nicht ganz zusagen kann. 

Achtzehntes Abonnement -Concert. Viertes der 
historischen Reihe mit der üeberschrifl : Mendelssohn, Meyer- 
beer, Schumann und Zeitgenossen. (Erster Theil: Ouver- 
türe zu »Der Vampyr« von H. Marschner. »Mag auch die Liebe 
weinena, vierstimmiger Männerchor von Fr. Schneider. »Früh- 
lingsnahen«, vierstimmiger Männerchor von Conr. Kreutzer. 
Romanze und Rondo aus dem Pianoforto-Concerl in E-moll von 
Chopin [Herr C. Pelersilea]. Ouvertüre zu »Struensee« von G. 
Meyerbeer. Introduction und Chöre aus »Antigonea von Men- 
delssohn. — Zweiter Theil: Symphonie in £$-dur Nr. i 
von R. Schumann.) . 

Dass das obige Programm unsern vollen Beifall nicht haben 
kann, werden unsere gebildeten Leser selbst voraussetzen. Es 



*) Es war dies die vierte Aufführung dieses Werks in Leipzig 
durch den Riedersciten Verein. Die letzte hatte liii November t86< 
slaltgofunden. 



Nr. iL 



91 



Irligl ganz jenen nichtssagenden, begeiislerungslosen, schwach- 
mülhigeu Charakter, welchem unsere Gewandhaus-Concerte in 
der letzten Zeit immer mehr verfallen , und welcher allein 
schuld ist, dass wir und viele andere Gutgesinnte dieses Insli- 
liil nicht mit Wärme gegenüber verschiedenen Angriffen ver- 
Ihoidigen können. Welcher Musiker, der für die Kunst Herz 
und warme Liebe hat, möchte wohl eine ganze Serie »histori- 
scher Concerte« in der Weise durchführen , dass die bedeu- 
tendsten Componlsten immer mit ihrCb schwächeren Compo- 
sitionon vertreten sind, und dadurch mit den mi!telm3ssigen 
Geislern auf gleiche Höhe gestellt werden? Dies war aber der 
vorwiegende Gharakterzug unserer vier »historischen Concertea, 
lind so auch dieses letzten. Mendelssohn zu vertreten durch 
die Antigone-Musik , die er selbst mit Widerstreben und nur 
auf »königlichen Wunsch« geschrieben , Schumann durch die 
entschieden schwächste seiner Symphonien, Chopin durch ein 
Conccrt, in dem er gar nicht er selber ist, daneben Meyerbecr 
mit seiner künstlich aufgeputzten, Marschner mit seiner ge- 
dankenlosen Capellmeister-^Ouvertüre, dazu ein paar Chöre, die 
durch ihre schlichte Herzlichkeit schwache Werke der ersten 
Meister in Schatten zu stellen vermögen, — wenn das heisst : 
ein » historisches « Concert-Programm machen , dann möcliten 
wir für die Zukunft auf solche Concerte lieber verzichten. — 
Ausgeführt wurde Alles befriedigend. Herrn Pelersilea's Erfolg 
war das Instrument, auf dem er spielte, ungünstig. Der Pau- 
liner-Verein sang mit gewohnter Frische; Reinheit und Zartheit. 

Dritte Abendunterhaltung für Ramracrrousik im 
Gewandhnuseam 10. März. (Claviertrio inG-durvon J. Haydn. 
Sonate [Le tombeau] für Violine von Leciair. Sonnte für Cia- 
vier und Violoncell [neu, Manuscript] von C. Rein ecke. 
Grosses Trio in B Op. 97 von Beethoven. Mitwirkende: 
Herren Rein ecke [Ciavier], David und Grützmacher.) 

Diese Production gipfelte in dem schön und schwungvoll 
vorgetragenen Beethoven'schen Trio, das, seit mehreren Jahren 
Öffentlich nicht gespielt, auf die Ausführenden wie auf das Pu- 
blicum elektrisch zu wirken schien. Ein Haydn'sches Trio in 
den modernen Concertsaal zu verpflanzen, schien fast gewagt, 
doch war der Erfolg entschieden glücklich. Die Wiederholunjf 
des letzten Satzes, die von den vorlauten Galerien gefordert, 
und auch geleistet wurde, war eine Geschmacklosigkeit, denn 
Haydn überschreitet hier die Grenze des in der Rammermusik, 
Erlaubten entschieden und bringt eine nahe an das Wirthshaus 
streifende nationale Lustigkeit an. Reinecke's neue Sonate zeigte 
abermals den gewandten Componisten von leichter und glätte- 
ster Factur, sowie den bekannten Mangel an eigenen und kern- 
baflen Ideen, fand indessen ziemlichen Beifall. Die Sonate von 
Leclair(von Herrn David wiederholt gespielt) ist bereits in dem 
Bericht der vorigen Nummer besprochen. 



«Nachrichten. 

London, im Februar. Die lange voraus angekündigte Cantate 
»Tobias« von Gounod wurde am Paschiugsdienstag zuui ersten Mal 
aufgefiibri und entsprach durchaus dem Sprächwort »viel Geschrei 
und wenig Wolle«. Das Textbuch ist unbedeutend genug. Das Ganze 
dreht sich um die Heimkehr des jungen Tobias ; (|ieser verrichtet 
(las bekannte Wunder, und der blinde Vater wird wieder sehend. 
Die Musik erbebt sich nirgends zu etwas Bedeutenderem. Geradezu 
störend, als in einer geistlichen Cantate, sind die häufigen Anklänge 
an Faust und Mireille. Lobenswerth dagegen ist zu erwähnen, dass 
sich Gouriod auch hier wieder in den Grenzen des Wohllauts bölt 
und für die Sohsten und besonders auch für den Chor sehr dankbar 
schreibt; auch die Behandlung des Orchesters ist discret. Dies neue 
Werk hat neun Nummern , unter denen wohl einige etwas hervor- 
mgen^zu cinen\ eigentlichen Durchgreifen kommt es jedoch nirgends. 
Die Aufführung unter J. Benedict war sehr sorgfUitig und die Soli 
vortrefflich mit den Damen Lemmens-Sherrington, Rudersdorffund 
den Herren Sims Reeves, Cummings und Patey besetzt. Letzterer ist 
ein junger, strebsamer Künstler, der bald öfter genannt werden 



dürfte. Die Aufnahme des Tobias war flau, dennoch soll das Werk 
im März wiederholt werden ; eine grössere Weiterverhreitung dürfte 
es kaum erleben. Auch die andern an diesem Abend aufgeführten 
Compositionen waren von Gounod: eine Symphonie (D-d ur], die sich 
in altera Geleise bewegt ; ein Ave verum für Chor, das zu den bessern 
gehört; »Bethlehem«, ein Wcihnacbtslied,das mehr wie billig an die 
Oper Mireille erinnert, aber einfach und effectvoll ist und auch re- 
petirt werden mussie; ferner ein »0 solutaris hosttaaj eine kurze Te- 
norarie, von S. Reeves flau gesungen und auch flau aufgenommen , 
endlich noch der 4 37. Psalm »An den Flüssen Babels«, ein Solo mit 
Chor. Dies war die beste Nummer, die auch von kröftigerem Aus- 
druck ist und von Vereinen gern gesungen werden dürfte. Störend 
darin ist ein Anklang an die Waffenweihe in den Hugenotten und 
das unbegreifliche zweimalige Anbringen von Brummstimmen 
(bouche ferm^e) f wohl nur zwei Takte, aber um so widerlicher. 
Gounod ist nun der Mann des Tages; übertriebener Enthusiasmus 
und Speculation schwindeln ihn auf eine Höhe, der er nicht gewach- 
sen ist. Was wirklich von ihm gut ist, wird unbarmherzig zu Tode 
gehetzt — eine Tortur, der auqh das besste Werk erliegen müssle. 

Ausserordentliche Anerkennung wurde in Wien dem Contra- 
bassisten Bottesiri zu Theil, der In dem neuen Harmonietheatersich 
mehrere Male auf seinem Instrumente producirte und durch seine 
Leistungen gerechte Bewunderung erregte. Sein Auftreten in dem 
erwähnten Theater kam dem neuen Unternehmen sehr zu statten^ 
da weder die Operette des Capellmeisters Carlo Barbieri : »Ein Aben- 
teuer auf Vorposten«, und in noch weit geringerem Grad eine gänz- 
lich verunglückte Oper des zweiten Capellmeisters Bachrich, die un- 
ter dem Titel : »Des Heerdes und der Liebe Flammen« ein paar Mal 
gegeben wurde, die ohnehin bescheidenen Erwartungen , welche 
man an das neue Theater knüpfte, zu befriedigen vermochten. Und 
doch gebietet die Unternehmung über einige recht hübsche Kräfte, 
die nur einer bessern Verwendung gewärtig sind , um Erfreuliches 
zu leisten. Derzeit scheint man durch die Aufführung von Auber's 
Tanzoper »Der Gott und die Bajadere«, in welcher allerdings die Tän- 
zerin Conti die hervorragendste Rolle spielt, den richtigen Weg ge- 
troffen zu haben, auf welchem das Unternehmen einzig und allein 
gedeihen kann (I). Der gemaassregelte Buffo-Sänger Hölzl soll für 
diese Bühne gewonnen sein und demnächst nach Wien zurückkeh- 
ren. Roger wird in dem Harmonietheater selbstverstöndtich sein 
Paradepferd : den Georg Brown in der »Weissen Frau« vorführen. — 
,lm Theater an der Wien herrscht fast ausschliesslich die leichtge- 
schürzte Muse des Herrn Jacques Offenbach. Auf die schöne Helena 
folgten »Die Schäfer«, eine aus drei Abtheilungen (Idylle in der Göt- 
terzeit, Renaissance und Heutzutage) bestehende Operette, deren 
Musik sich in den verschiedenen Stilarten dreier Zeitperioden be- 
wegt. Die Operette geföllt und ist Zugstück des Theaters geworden. 

Dresden, im Hoftheater geflel Auber's neu einstudirte Oper 
»Des Teufels Antbeil«, insbesondere durch die treffliche Darstellung 
des Carlo Broschi durch Frau Jauner-Krall. Am 30. Januar fand bei 
Gelegenheit der 400. Vorstellung des an diesem Tage vor 16 Jahren 
zum ersten Male gegebenen »Propheten« von Meyerbeer eine Erinne- 
rungsfeier an den verstorbenen Maöstro statt. Hr. Hofrath Dr. Pabst 
hatte zu dem Behufe ein Vorspiet gedichtet, betitelt: »Die Trauer 
und der Nachruhm« , weiches in einfacher aber effectvoller sceni- 
scher Erfindung und mit poetischem Schwung den Tod des Meisters 
mit dem Gedächtniss an sein rühmliches Schaffen verbindet. D^e 
Damen Langenhann (die Trauer) und Ulrich (der Nachruhm) spra- 
chen mit schwungvoller Wärme. Dcmunerachtet konnte die Feier 
nicht erwärmen, da sie zu spät nach Mcyerbeer's Tode erfolgte und 
einer Oper vorherging, die bereits die abnehmende Productionskraft 
des Meisters bezeichnet. Wo Schlittschuhe und elektrische Sonne 
so viel zum Erfolg beigetragen haben, bleibt der Nachruhm doch 
nicht ganz ungetrübt. 

Fr. Liszt's »Oratorium« »Die heilige Elisabeth«, welches auf 
Befehl des Königs von Bayern in München unter Direction von 
H. v. Bülow aufgeführt wurde, hat in einem Bericht der Augsb. A. 
Ztg. eine sehr günstige Bcurtheilung erfahren. Man wird sich daltei 
zu erinnern haben, dass diese Zeitung in musikalischen Dingen nichts 
weniger als eine Autorität ist, dann dass überhaupt die bayerischen 
Blätter in diesem Falle nicht ganz frei sind. Wir wollen gern glau- 
ben, dass Liszt in seiner Composilionsweise einfacher geworden ; 
allein das Positive, was das Kunstwerk macht und was Liszt'nie 
besessen hat : musikaKsch-reiche, kräftige selbständige Erfindung, — 
sollte dieses plötzlich sich eingestellt haben? 

Den Wienern wollte im philharmonischen Concert am 4. März 
Händel's »Wassermusik« nicht recht munden, was man ihnen nicht 
gerade sehr verübeln kann ; nur die Menuett in G-moll sprach sehr 
an und musste sogar wiederholt werden. — Am 25. Febiniar hat 
Fr. Lachne r im Gesellschaftsconcert eine neue (4.) Suite in Es-dujr 
persönlich zur Aufführung gebracht und war mit vielem Beifall em- 



92 



Nr. H. 



pfangeD ood entlassen forden. Dr. Hanslick spricht sich nicht ganz 
befriedigt von der neuen Suite aus. 

Leipzig. Herr Appunn aus Hanau hat nach der von uns in 
Nr. 6 erwähnten, vor eingeladenen Zuhörern abgehaltenen Vor- 
lesung, im Saale des Conservatoriums noch zwei öffentliche Vor- 
trage gehalten, in welchen er die Phänomene der Ober- und Combi- 
nationstöne, dann auf seinem Instrumente die Unterschiede der rei- 
nen, temperirten und pythagoräi sehen Stimmung hören Hess, ferner 
den Grundsatz aussprach und durchführte, dass das Ohr des Men- 
schen reine Harmonien verlange und in Gesang und Spiel herzu- 
stellen bemüht sei , enÜIich mehrere Musikstücke zum Beweis vor- 
führte, dass bei gewissen Accordfolgen die Gefahr vorhanden ist, aus 
der ursprünglichen Tonhöhe einer Tonart in eine abweichende zu 
gerathen. Alle diese Darstellungen waren begreiflich von grossem 
Interesse und würden bei grösserer Präcision des Vortragenden noch 
erheblich gewonnen haben. Auf die dadurch neuerdings angeregten 
Streitfragen Über die musikalische Theorie kommen wir nächstens 
ausführlich zurück. — Herr Appunn beherrscht jedenfalls den mathe- 
matischen Theil der musikalischen Theorie, den er bis in die kleinsten 
Verhältnisse in Zahlen inne bat, vollkommen. So hat er auch ein In- 
8U*nment verfertigt, durch dessen Gebrauch die Stimmung eines zu 
temperirenden Instruments eine vollkommen gletchmässige werden 
muss. Im Faclie destnstrumenten-Bauesist überhaupt viel von sei- 
nen eindringenden Kenntnissen zu erwarten. 



ZeitnngsBcIiati. 

Herr Professor Bisch off nimmt in der Cölnischen Zeitung 
vom 35. Februar, (auch abgedruckt in der Niederrheinischen Musik- 



Zeitung Nr. 8) bei Gelegenheit der Besprechung des achten Gürze- 
nich-Concerts und einer darin aufgeführten Ouvertüre von Gold- 
mark, Veranlassung, an uns Revanche zu nehmen für die Auf- 
nahme der Correspondenz »vom Hheiner in Nr. 8 , wo nicht sein r - 
theil über Brahms — denn als solches konnten seine Auslassungen 
gar nicht gelten r- sondern der Ton derselben eine Zurechtweisung 
erfuhr. Auf eine sachliche Entgegnung lässt er sich dabei gar nicht 
ein, sondern theilt den Lesern der Cölnischen Zeitung über unsere 
wahrscheinliche Stellung zu Goldmark (als ob Goldmark und Brahms 
ungefähr in eine Linie^zu stehen kämen) , dann Über unsere »litera- 
rischen Kinder* Dinge nSft, von denen er gar nichts Genaues wis- 
sen kann. Herr Prof. Bischoff mag sich vorsehen, dass diese seiner 
Meinung, nach auf so schwachem Boden stehenden »Kinder« ihm 
nicht noch einmal gefährlich werden. Denri gerade in den musika- 
lischen Kreisen des Niederrheins, Westphalens u. s. w. haben die- 
selben bereits einen nicht unbedeutenden Anhang gefunden, den 
Hr^ Prof. Bischoff selbst, durch seine Art die Kritik zu handhaben» 
nur vermehren kann. Was übrigens Brah ms betrifft, so sieht man 
der in Rede stehenden Auslassung des Herrn Professor deutlich ge- 
nug an, dass er sich bewusst ist, damals zu weit gegangen zu sein. 

Die Redaction. 



Briefkasten der Bedaction. i 

B. G. in S. Der Paragraph 42, welcher einer zusammenhängen- | 
den Wiedergabe bedarf, wofür wir diesmal den Raum nicht gewin- 
nen konnten, nöthigte uns, die Fortsetzung auf die nächste Nummer 
zu vertagen. Auf die Mittheilung des Notenbeispiels werden wir 
wohl verzichten müssen. — J. B. in D. Wir können das Werkcheii 
augenblicklich nicht auffinden. 



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• zur gleichen Qebung der Hände. Heft 4. 90 Ngr. Heft 2. 4'/, Thlr 

Op. 64. Salon-Wals«r für Pianoforte ohne Octaven Spannung für 

angehende Spieler zum Vorspieldebut. 42i Ngr. 
Op. 91. Drei Tanz-Rondinos. Leichte instructive Ciavierstücke 

ohne Octavenspannung. (Walzer, Mazurka, Polka.) 4 7i Ngr. 
Op. 7t. DasOraicel, Gedicht von August Stobbe. Concert- 

Lied für Sopran und Pianoforte« 20 Ngr. 
Op. 73. Tief drangen y Gedicht von Job. Nep. Vogl. Concert- 

Lied für Bass oder Contraalt und Pianoforte. 20 Ngr. 
Op. 74. Darch den Waid, Gedicht von R. fteiniqk. Concert- 

Lied für Tenor und Pianoforte. 42i Ngr. 
Op. 75. Naclits am Meere, Gedicht von H. Heine. Concert-Lied 

für Bariton oder tiefen Tenor und Pianoforte. 4 2t Ngr. 
Op. 81. LAndiiche Lietfer. Vier Charakterstücke für Pianoforte. 

(Unter der Linde. Unter der Veranda. Spiel und Reigen im Grünen. 

Bauernmarsch zum festlichen Aufzug.) 25 Ngr. 
Op. 94. Secl» meledtaclie Salon-Etodea f. Pianoforte. Heft 4. 

2. h 22i Ngr. 
Op. 129. Beliebte Vollcaweiseii in Arabesken für Pianoforte. 
Nr. 4. So viel Stern' am Himmel stehen. Pr. 4 7) Ngr. 

- 2. Handwerksburschen V^anderlied. Pr. 42| Ngr. 

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deren iLaam 2 Ngr. Briefe und Oeider 

werden firanco erbeten. 



Musitalische Zeitung, 



Verantwortlicher Redacteur: Selmair Bagge. 



Leipzig, 21. März 1866. 



Nr. 12. 



I. Jahrgang. 



Inhal t: Zweifelhafte Stellen im Manuscript der Don Juan-Partitur (Fortsetzung und Schluss). -- Pariser Briefe. Tl. — Berichte aus Berlin 
und Leipzig. — Nachrichten. — Zeitungsschau. — Anzeiger. 



Zweifelhafte Stellen im Manuscript der 
Don Juan - PartituT. 

(Fortsetzung und Schluss.) 

41} Zu Anfang der nachcomponirtea Arie £lyira's »ifi 
tradkS. 312 [536] waren dje Violinen und Violen zuerst 
so geschrieben, wie sie gedruckt sind. Eine spätere Aende- 
rung hat im dritten und vierten Takt die Stimmen der 
zweiten Violine und der Viola vertauscht. Während der 
drei ersten Takte hatte die Viola die nämlichen Noten wie 
der Bass, was bekanntlich am häufigsten vorkommt. Zum 
Tausch könnte nur der Wunsch veranlasst haben , das im 
dritten Takt als Septime erscheinende as schon vorberei- 
tet zu sehen. Da aber diesem eis eine Viertelpause voran- 
geht, so ist eine Vorbereitung nicht eben nüthig und die 
zweite Violine konnte mit der Septime ganz wohl frei ein- 
setzen. Die Aenderung schmeckt wieder etwas nach Pe- 
danterie, von welcher Mozart sonst gänzlich frei ist. (Ge- 
schrieben ist die Gorrectur sehr unreinlich.) 

Am Schluss dieser Arie gehen im Druck die beiden 
Violinen während der drei letzten Takte ganz zusammen, 
und so steht es auch im Manuscript* Daneben sind aber 
iu grossen, rohen Noten die beiden letzten Accorde der 
ersten Violine durch folgende ersetzt: 



i 






4=^ 



ohne dass jedoch die alten Doppelgriffe wirklich durch- 
strichen wären. Dagegen ist dem vorausgehenden Doppel- 
griff der ersten Violine unten das g weggestrichen , was 
auffällt, da dieses g von dem as des voranstehenden Takts 
gefordert wird. Es mag dahingestellt bleiben, ob diese 
Beigabe auf Mozart^s Rechnung geschrieben werden soll 
oder nicht. Nur wäre im erstem Fall das Unterlassen des 
Äusstreicbens eben so befremdlich wie die Tilgung des g. 
12) Wichtiger als alles bisher Besprochene ist eine im 
letzten Abschnitt des zweiten Finale ausgeführte, sehr ra- 
dicale Kürzung, welche auch dann stutzig machen müsste, 
wenn man bis dahin noch keinerlei Verdacht gefasst hat. 



Wie Jahn (iV, S. 313) mittheilt, ist in der nach Juan's 
Versinken noch folgenden Scene ein Sprung angezeigt, der 
das Larghetto bis auf die letzteh 6 Takte beseitigt. Die 
letzten 23 Takle des Allegro assai (nach Masetto's i^Ah certoa 
S. 293 [508]) fallen weg; an ihre Stelle treten 6 andere 
Takte, welche das Allegro nach B-dur führen und schlies- 
sen, worauf 4 Takte Andante (zu den Worten i^Resti dun- 
quea etc.) folgen^ überleitend in den wieder geltenden 
Takt, in welchem die Singslimmen S.297 [517] mit »e iiot 
tiittiA fortfahren. Diese zehn neuen Takte, die auf einem 
Beiblatt eingelegt sind, hat Jahn als sechste Notenbeiiage 
zu seinem vierten Band gegeben. *) 

Zunächst ist befremdlich, dass Mozart das Larghetto 
ausgeschieden haben sollte, während es zum umsikalischen 
Gesammtbau des Schlussabschnitts wesentlich gehört. 
Fehlt es, so liegen zwischen dem Allegro assai und dem 
Presto nur wenige Takte Andante; das Ganze erhält den 
Charakter unruhiger Eile, eines ungeduldigen Drängens 
zum Ende. Ferner muss man sich an der Factur jener 
zehn Uebergangslakte slossen , welche den Sprung ver- 
mitteln. Endlich wird die Sache doppelt bedenklich durch 
das bestimmte Ausstreichen der wegzulassenden Theiie. 
Es wäre noch zu begreifen , dass Mozart in eine Kürzung 
für die Wiener Aufführung gewilligt habe, damit diese 
nach den durch dortige Sängerinnen veranlassten nach- 
componirten Einlagestücken nicht gar zu lange dauere, — 
undenkbar dagegen, dass er die Kürzung als eine defini- 
tive gemeint und für alle Zukunft jeder andern Bühne 
vorgeschrieben hätte. Letzteres aber müsste aus den 
durch viele Seiten laufenden Vertilgungsstrichen**) ge- 
schlossen werden, denn für eine vorübergehende Acco- 
modation hätte es ihrer nicht bedurft; der Dirigent hätte 



*) Da wir mit Grund annehmen können, dass diejenigen unserer 
Leser, an welche sich obiger Aufsatz vorzugsweise wendet, Jahn's 
Mozart besitzen oder doch sich denselben verschaffen können , so 
glaubten wir von der vom Hrn. Verfasser gewünschten Mittheilung der 
betreffenden Stelle aus Raumrücksichten absehen zu dürfen. D. Red. 
**) Sie sind im Manuscript mit einer an's Komische streifenden 
Gründlichkeit ausgeführt, so dass manche Seiten oder einzelne Stel- 
len derselben wie übergattert aussehen, während Mozart im Grossen 
i^ iel einfacher zu streichen pflegt. 

42 



94 



Nr. 12. 



das gewöhnliche Mittel zu raschem Ueberschlagen (Zu- 
sammenheften oder Einfalzen der ausgelassenen Blätter) 
doch in Anwendung bringen müssen, und dieses Mittel 
würde die Striche entbehrlich gemacht haben. 

Diesen Scrupeln steht nun die Thalsache gegenüber, 
dass das eingelegte Beiblatt die Handschrift Mozart's auf- 
weist. Dadurch wird der Fall höchst merkwürdig. Wir 
stehen vor dem Dilemma : entweder hat Mozart in einem 
fast unglaublichen Grade sich selbst verleugnet, aus üb- 
begreiflichen Gründen eine förmliche Parodie seiner eige- 
nen Arbeit geliefert; oder das Beib]att ist, trotz der Aehn- 
lichkeit der Schrift, nicht von Mozart. Dass der Aus^ 
druck »Parodie« picht zu stark ist, soll nachgewiesen wer- 
den. Zuerst verweilen wir bei der Handschrift. 

Auf die Nötenschrift würde sich ein Beweis für 
die Aechtheit des Blattes nicht gründen lassen. Die No- 
ten — mit harter Feder und sehr schwarzer Tinte ge- 
schrieben '^ erinnern zum Theil allerdings sehr an Mo- 
zart^s Formen (am meisten die Halbnoten] ; andere aber 
sehen steifer aus als sonst in der Partitur, namentlich die 
der ersten Violine ; die Hälse, welche Mozart in der Regel 
ziemlich gekrümmt schreibt, sind dort ganz geradlinig und 
in ungewöhnlich schräger Richtung gezogen. *) Viel be- 
stimmter deutet die Wortschrift auf Mozart, obwohl sie 
sehr flüchtig hingeworfen ist; ja an einigen Worten (im 
Text und in einer Tempobezeichnungj ist die Aehnlichkeit 
so frappant, dass man specifisch Mozart^sche Züge mit 
Sicherheit zu erkennen glaubt. Angesichts solcher äussern 
Zeichen können Zweifel nur dann aufrecht erhalten wer- 
den, wenn die gegen die Aechtheit sprechenden innern 
Gründe sehr erheblich sind. 

Wer den Inhalt des Beiblatts bei Jahn näher prüft und 
mit dem Uebrigen vergleicht, wird das Gewicht der Gegen- 
gründe nicht verkennen. Diese Accordfolge in den AJIegro- 
Takten ist wahrhaft trivial, war schon zu Mozart's Zeit ein 
Gemeinplalz. Die Trivialität triffl uns uro so stärker nach 
den acht vorausgehenden Takten (von Elvira's i^Ah certo^ 
an), welche mit acht Mozart'scher Kraft gearbeitet sind; 
der plötzliche Abfall wirkt wie ein Begiessen mit kaltem 
Wasser. Auch spürt das Ohr gleich im ersten Augenblick 
die Anschiftung; denn wahrend ursprünglich die Musik 
in schön erregtem Flusse fortläuft, bringen jetzt die nah- 
verwandten Accorde an der Uebergangss teile : 



*) Die Noten sind unverkennbar von der nämiichen Hand, wel- 
che in Masetto's Arie (Hö capito) einen Theil der Instrumentation 
nachgetragen hat. Diese Arieiittmlich ist mit oiTeiiharer Eile nieder- 
gesebriebeu ; von»sehrflüchtiger«fund»etwasanderer« Schrift spricht 
auch Jahn (IV, S.898, Note). Das Nähere ist Folgendes: SingsUmme 
und Bass zeigen durchaus die gewöhnliche Handschrift Mozart's, 
ebenso die ersten 39 Taicte (bis an die Steilen, wo Masetto sich mit 
den Worten »vengo, vengofi zu Leporello wendet) in allen Stimmen, 
desgleichen die 8 letzten, das Ritornell bildenden Takte. Zwischen- 
binein aber sind die Blasinstrumente , welche theils frühere Steilen 
nur zu wiederholen haben , theils den durch die Saiteninstrumente 
gegebenen Andeutungen folgen, anders geschrieben, sowie auch die 
Geigen in Unisono-Stellen. Dass man hier sp fitere Einträge vor sich 
hat, ist klar. Die Vermuthung, Biozart habe mit diesen Ausfüllungen 
irgend Jemanden beauftragt, wäre gewiss keine gewagte. 



(Mas.) iy^ r- 



^^ 



inst 



Ah cer-to h l'om-bra 

den Eindruck eines Stockens hervor. Die Pflhrung der 
ersten Violine sieht aus wie eine ungeschickte Nachah- 
mung der ursprünglichen Figur. Diese scheue Figur steht 
in engem Zusammenhang mit der in abgebrochene Syiben 
sich aufidsenden Sprache der Sänger; die Nachahmung 
hat eine solche Beziehung zu den Singstimmen nicht mehr, 
wenn diese den Ausdruck des Schauders aufgeben und 
dafür in breite Alltagsaccorde verfallen ; die Figur in ihrer 
Umbildung und über den neuen Accorden nimmt sogar 
einen geradezu entgegengesetzten Charakter an, den eines 
neckischen Tändeins. Nach den acht voransteheoden Tak- 
ten (bei denen im dritten und vierten die schneidende 
Dissonanz noch eindringlicher wirkt, wenn in Elvira's 
Stimme die cw-Noten restituirt werden, welche in der ge- 
^hiiekten Partitur fälschlich durch Pausen ersetzt sind] 
kann Niemand einen so behaglich muntern Ausgang er- 
warten, der dem Sinne der Worte Hohn zu sprechen 
scheint und den schärfsten Gontrast gegen die ursprüng- 
liche, bis zur schliesslichen Fermate ganz vom Text ein- 
gegebene Fortsetzung bildet. — Im ersten Takt der An- 
schiftung muss auffallen, dass zu dem Quintsext-Accord^ 
auf Es (der in den Streich-Instrumenten nicht einmal voll- 
ständig ist, vielleicht aber durch die im Manuscript feh- 
lenden Blas -Instrumente vervollständigt werden sollte] 
Elvira's 6 ganz unvorbereitet eintritt, und dass die zweite 
Violine mit der melodieführenden Singstimme eine Octave 
tiefer geht. Ein sonst von Mozart verschmähter oder nur 
aus triftigem Grunde benutzter Knalleflect liegt in der 
langen Reihe dreisaitiger Accorde, welche im Andante den 
Violinen angewiesen sind ; die zugehörigen Worte geben 
(trotz Pluto und Proserpina) keinen hinreichenden Anlass 
zu solchem RraHaufwand, und das ursprüngliche Unisono 
ist weit schöner, wie denn überhaupt dieses Andante von 
Trivialität ebensowenig freizusprechen ist wie das AUegro. 
— Die Homer, welche zum Allegro assai in G stehen und 
während das Larghetto nach D umzustimmen hatten, wür- 
den jetzt kaum Zeit zu diesem Umstimmen behalten haben, 
da sie ohne Zweifel gleich mit Eintritt des Andante im Forte 
mitwirken sollten und zuvor bis an den Anschiftungs- 
moment beschäftigt waren. — Die HarmoniefUhrung, durcb 
welche der Sprung verdeckt werden soll , isi nicht bios 
gan'^ unmozartiscb, sondern völlig unbedacht und unbe- 
hülflich. Man braucht kein Gomponist zu sein, uro die Auf- 
gabe besser zu lösen. Wie nahe wäre es gelegen, die sechs 
Takte nach Masetto^s ^Ah oerte^ unverändert beizubehal- 
ten und auf den folgenden Ddur-Accord eme Fermate zu 
legen I Das AUegro hätte dann in ähnlicher Weise geendet 
wie ursprünglich'; die nur einen Takt füllende Stelle tResti 
dunque quel hirbom S. S97 [546] wäre aus D-moIl nach 
6~moll zu versetzen gewesen und mit der Fortsetzung ^(» 
Proserpmat^ etc. könnte ganz die nrsprüagUohe Form 



Nr. 12. 



9& 



Tonart wieder in Geltung treten. Es ist wunderlich, das« 
der lange Allegro^SaX^, der von seiner Grundtonart 6-dur 
aus nur in die näcbstverwandten Tonarten modulirt hat 
und in der ersten Gestalt auch nach Berührung des C-nH>ll 
alsbald wieder in den Dominant -Accord zu G einlenkt, 
jetzt auf einmal seinen definitiven Abschluss in B-dur er- 
hält, und noch mehr muss.uns dies befremden, da der nun 
folgende neue Satz blos einen einzigen Takt lang Gebrauch 
von dieser Tonart macht, aus welcher er sofort wieder 
durch G-moll und D-n)oll nach A-dur geht, um darin zu 
verweilen und zu schliessen. In der ursprünglichen Fas- 
sung wird B-dur zu den Worten »con Proserpmm etc. nur 
wie im Vorbeigehen angeschlagen, noch weit flüchtiger zu 
Anfang der nachher abgeänderten Stelle vor demlar^AeWo, 
während in der neuen Fassung auf diese Tonart ein Ge- 
wicht fallt, welches wir nicht begreifen, weil die Erwar- 
tung, sie werde zur Grundlage des Andante gemacht wer- 
den, unerfüllt bleibt. Aber selbst wenn mit dem Alkgro^ 
Schluss durchaus nach jenem B-dur gesteuert werden 
sollte, konnte dies einfacher und hübscher geschehen. 
Blieben die vier ersten Takte (nach Masetto^s -nAh certooi) 
wie sie ursprünglich geschrieben waren , so hätten zwei 
fernere Takte 



IL 



g pTTM g 



auf die ungezwungenste Art zu B-dur geführt und von der 
ersten, schöneren Form der Stelle wäre ein Stück noch 
gerettet gewesen. 

Betrachten wir das Beiblatt noch in seinem Zusam- 
menhang mit dem stehengebliebenen Rest des LargheUo, 
so haben wir ein zehntaktiges Andante-Säizchen vor uns, 
welches aus zwei sehr ungleichartigen Hälften besteht, 
musikalisch genommen keinen Halt in sich hat, und 
sein Dasein einzig der zufälligen Nennung unterweltlicher 
Majestäten zu verdanken scheint. Die erste Hälfte nimmt 
einen gewaltigen, heroischen Anlauf; die zweite bringt 
eine äusserst zahme, unbedeutende Phrase. Ursprünglich 
ist Alles ganz anders. Dort ist die Phrase nur der Nach- 
hall einer sehr charakteristisch geformten, in welcher 
nach einander Elvira, Zerlina mit Masetto, zuletzt Leporello 
sich ausgesprochen haben ; sie behält von jener kräftigeren 
den Rhythmus bei, dämpft aber im üebrigen die Färbe, 
um das LargheUo ruhig ausgehen zu lassen. Zwischen die 
ausdrucksvollere und die abgeschwächte Gestaltung der 
Phrase schiebt sich die kurze Unisono-Stelle ein, welche 
zwar eine energische Sprache führt, aber weit entfernt 
ist von der Prälension der in*s Bombastische übertriebe- 
nen, auf dem Beiblatt an die Spitze des Andante gestellten 
Nachbildung. 

Bringt man sich den auf den Bühnen meist weggelas- 
*senen Schlussabschnitt des Finale in der besprochenen 
Yerstümmelimg zu Gehör, so macht die rasche Aufeinan- 
derfolge des Allegro as$ai und des PresU) neben der unge- 
lenken Verknüpfung beider einen wahrhaft peinlichen Ein- 



druck sowohl auf das dramatische als auf das musika- 
lische Gefühl ; man möchte lieber den Abschnitt ganz 
missen, als ihn in solcher Behandlung hören.*) Jahn, 
obwohl er eine Kürzung an sich billigt, hat die Schwächen 
ihrer Ausführung auf dem Beiblatt gewiss nicht übersehen, 
aber der Handschrift zu unbedingt vertraut. Gleichwohl 
enthält sein classisches Werk selbst den Schlüssel des 
Räthseis. 

Täuschende Aehnlichkeit zweier Handschriften beruht 
selten auf einem Zufall ; sie kommt aber häufig vor bei 
Vater und Sohn, Lehrer und Schüler, wenn ein hochver- 
ehrtes Vorbild auch in Aeusserlichkeiten copirt wird. 
Steht einmal die moralische Ueberzcugung fest, nicht Mo- 
zart habe das Beiblatt geschrieben, so kann es nur von 
einem in engeren Verkehr mit dem Meister gezogenen 
Schüler geschrieben sein, und auf Süssmayr müsste die 
erste Vermuthung selbst dann fallen, wenn die Geschichte 
des Requiems noch nicht bekannt wäre. Nachdem diese 
aber (namentlich durch Jahn^s lichtvolle Zusammenstel- 
lung und Ergänzung der Thatsacben) völlig aufgeklärt ist, 
weiss man, dass in der an den Grafen Walsegg gelangten 
Partitur des Requiems die Handschriften Mozart^s und 
Süssmayr's längere Zeit nicht als verschiedene erkannt 
wurden, und dass die bis zum Verwechseln gehende Aehn- 
lichkeit nicht etwa von Süssmayr blos für diesen speciel- 
len Fall künstlich hergestellt war, sondern auch in seinen 
andern Manuscripten sich findet, (Jahn IV, S. 694 — 696.) 

Für mich steht es ausser Zweifel, dass das Beiblatt 
(sowie die Ausfüllung in Masetto's Arie) von Süssmayr 
herrührt, obgleich ich ein selbständiges Manuscript von 
ihm noch nicht zu Gesicht bekommen habe. Er muss das 
Blatt in flüchtigster Eile entworfen haben, denn er konnte 
sonst weit Besseres leisten. Höchstwahrscheinlich ist es 
erst nach Mozart's Tode entstanden , nachdem Süssmayr 
(4798] Hoftheatercapellmeister in Wien geworden war 
(Jahn IV, S. 734). Bei den ersten Wiener Aufführungen 
des Don Juan hatte man (schwerlich unter Mozart's Billi- 
gung) den ganzen Schlussabschnitt weggelassen, wie aus 
Sonnleithner's Text-Publication bekannt ist.**) Vielleicht 



*) Es versteht sich, dass damit nicht etwa dem ungerechtfcr- 
tigten BUhnenbrauch das Wort gerodet sein soll , welcher die Oper 
gewissepmaassen mit einem musikalischen Fragezeichen schliessen 
lässt. Ueber diesen Punkt kann auf den ersten Abschnitt eines Auf- 
satzes »Zur Oper Don Juan« im Morgenblatt vom vorigen 
Jahr (Nr. 8S — 34) verwiesen werden. 

**) Das durch Sonnlei Ihner herausgegebene Libretto, soweit es 
sich auf die Wiener Aufführung bezieht, hat (S. 50) bei Juan'« 
Versinken die Anmerkung : »In diesem Momente treten die üebrigen 
auf, sehen es, stossen einen lauten Schrei aus und fliehen ; der Vor- 
hang föltt.« Dieser Schrei findet sich wirklich im Manuscript. Ueber 
Leporello's letztem Ausruf {»Äh.'u) S. 889 [504] ist nömlich nachträg- 
lich der Accord (natürlich in andern Schlüsseln) eingeschrieben ; 

Anna 
Blv. 
Zerl. 
Qct. 



— 2^— 

Ahl 



Mozart hatte ihn in derEile in den vorhergehenden Takt gesetzt nnd 
dann durch eine Klammer an seinen richtigen Ort verwiesen. Der 
Eintrag ist aber wieder durchstrichen , woraus geschlossen werden 



96 



Nr. 42. 



war in späterer Zeit ein Versuch zu gekürzter Aufnahme 
des Abschnitts vorgeschlagen worden, dein sich dann 
SUssmayr unterzogen hat; von wirklicher Ausführung auf 
der Bühne weiss man nichts. Das Blatt mit dem Versuch 
kam spüler zur Partitur zu liegen ; die betrefiFenden Durch- 
striche in dieser aber können nicht von SUssmayr sein ; 
von einem so entschiedenen , gewaltthatigen Einschreiten 
müsste ihn (falls überhaupt die Gelegenheil ihm offen ge- 
wesen wäre) die Pietät abgehalten haben, wie denn auch 
seine Autorschaft bezüglich des Beiblatts uns durchaus 
noch nicht berechtigt, die übrigen Eingriffe in das IManu- 
script ihm zur Last zu legen. Will man in ihm den Urhe- 
ber der andern Kürzungen und einiger verdächtigen Aen- 
derungcn vermuthen (was allerdings durch seine Stellung 
als Theatercapellmeister nahe gelegt scheinen kann) , so 
ist zu beachten, dass nach Mozarfs Tod keinesfalls aus 
dem der Wittwe gehörigen Original-Manuscripl, sondern 
aus einer Abschrift dirigirt worden ist, m welcher für 
speci eilen Gebrauch zu kürzen ein Capellmeisler 
sich eher erlauben mochte ; es müsste alsdann das in die 
Abschrift gekommene Fremdartige aus Missverstand oder 
Unverstand hinterher in das Original übertragen wor- 
den sein. 

Man sieht, es bliebe in der Geschichte der Partitur 
noch mancher Punkt aufzuklären. Könnte Jemand nähere 
Nachrichten beibringen über das Schicksal des Manu- 
scripts bald nach dem Tode Mozart's, so würde dies höchst 
dankenswerth sein. 

Bei Joh. Andr^ ist 4835 ein von Jul. Andr6 besorgter 
€Iavierauszug des Don Juan erschienen, welcher in einem 
kurzen Vorwort die Bemerkung enthält, er sei getreu 
nach der Original-Handschrift bearbeitet. In 
der Thal ist dort Vieles berichtigt, was in der gedruckten 
Partitur falsch steht; doch sind auch manche Fehler aus 
dieser stehen geblieben (z. B.die Verballhornung der Stelle 
in. der nachcomponirten Aria Elvira's, auf welche ich zu 
Anfang dieses Aufsatzes in einer Anmerkung hingewiesen 
habe), und es sind sogar willkührliche Zulhaten und Aen- 
derungen hinzugekommen, am häufigsten im italienischen 
Text, ein paarmal auch in der Musik. (So ist z. B. im ersten 
Finale die Stelle j^Vwa la libertän, einschliesslich des von 
Leporcllo vorauszusingeoden Takts, den Solostimmen ab- 
genommen und einem Chor gegeben, wahrscheinlich aus 
Nachgiebigkeit gegen einen längst an den Bühnen einge- 
rissenen Missbrauch.) Als in allen Einzelheiten verlässig 
darf dcn)nach dieser Ciavierauszug nicht gelten. Doch ist 
er bei ßeurtheilung der von mir zur Sprache gebrachten 
Fr.'igen jedenTalls zu beachten. 

Die eine doppelte Lesart zulassende Stelle des Manu- 
scripts sind im Ciavierauszug nicht besonders als solche 

könnte, dass man später doch auch mit diesem Schluss nicht ganz 
zufrieden war. 

(An die hier erwähnte Debereilung Mozart's mag gedacht werden 
l)ei Beurtheilnng der auf 0)si fan tuUs bezüglichen Fragen, welche in 
Nr. 4 dieser Zeitschrift verhandelt worden ist.) 



bezeichnet und bald im Sinne der gedruckten Partitur, 
bald im abweichenden Sinne gegeben. Zu Anfang der so- 
genannten Bache-Arie [Or satj ist im Bass nicht die Pause, 
sondern die (nach meiner Vermuthung unrichtige) Note 
gesetzt. Im zweiten Finale sind zu Leporello's Triolen {r>La 
terzana cPaverea etc.} die begleitenden Triolen in den Cla- 
vierbass aufgenommen, was mit meiner Auffassung stimmt. 
Von den im Manuscript angezeigten Kürzungen hat der 
Glavierauszug nur zwei berücksichtigt: den Strich in 
der Arie Zerlina's (^BaUw) und den ersten im zweiten Fi- 
nale (bei riparlaa) ; doch ist das Durchstrichene nicht weg- 
gelassen, sondern nur durdi Klammem eingegrenzt, deren 
Bedeutung in einer Anmerkung erklärt wird. Da die zweite 
Kürzung im Finale (bei nscusatea) und die weitgreifende, 
das Larghetto aasstossende Zusammenziehung am Schlüsse 
ganz ignorirt sind, scheinen die Herren Gebrüder Andrö, 
welche durch den langjährigen Besitz Mozart'scher Manu- 
scripte ein compelenles Urtheil über Aechtheit der Hand- 
schrift haben mussten, die an diesen beiden Stellen zu 
prüfenden neuen Noten und Worte nicht für Mazartisch 
anerkannt zu haben. Bernhard v. Gugler. 



Pariser Briefe 

von Charles Beauquier. 
II. 
Die deutsche Musik gewinnt hier täglich mehr Boden und 
wenn das so fortgeht, so werden Mfir in kurzer Zeit keine Note 
französischer Musik mehr hören. So lange die gallische Muse 
sich darauf beschränkt, Melodien zu erfinden, die eigentlich 
mebk* für Demoiselle Therese, als für gebildete Musiker passen, 
bin ich gewiss der letzte, der sich über eine solche Richtung 
zu beklagen hat. Aber dennoch sollten die Verehrer der deut- 
schen Tonkunst eine etwas vorsichtigere Wahl der Werke 
treffen, welche sie hier einbürgern wollen. So lange man uns 
Beethoven, Haydn und Mozart vorführt, kann man unserer vol- 
len Zustimmung gewiss sein, aber wenn man von diesen Mei- 
stern ohne jede Verknittiung zu Wagner übergeht, können wir 
uns der lebhaftesten Einsprache nicht enthalten. — Pasdeloup, 
der Director der Volksconcerte, setzte zuerst ganz schüchtern 
die Ouvertüre und dann den Marsch des Tannhäuser auf sein 
Programm. Dieser Versuch lief gut ab. Seit langer Zeit haben 
beide Stücke das Bürgerrecht in Paris und nie den geringsten 
Widerspruch gefunden. Durch diesen Erfolg kühn gemacht, 
entschloss sich Pasdeloup das Vorspiel zum Lohengrin vorzu- 
führen. Aber dieser neue Versuch erwies sich als verfrüht und 
verunglückte total. Ich fiir meine Person finde dieses Schick* 
sal wohlverdient. Es ist in dem Stücke durchaus keitfe be- 
stimmte Form bemerkbar, an der das Ohr einen Anhaltspunkt 
hätte : eine ungeheure Wüste ohne Oase. Zuerst erscheint das 
Ganze wie eine Reihe unbestimmter Modulationen, wie sie allen- 
falls ein Organist zu einem Präludium verwenden würde, und 
erst nach und nach erkennt man bei der gespanntesten Auf- 
merksamkeit eine fortlaufende ununterbrochene musikalische 
Phrase, welche erst mit dem Stücke selbst ihr Ende erreicht. 
Dieser unermesslich lange ununterbrochene musikalische Salz 
erinnert an eine jener ungeheuren Perioden, wie sie besonders 
die deutschen Gelehrten gern anwenden, voll von Neben- und 
Zwischen-Sätzen, Beiwörtern und ähnlichen Zuthaten, wo das 
Verbum erst ganz am Schluss erscheint , wenn man den An- 
fang längst vergessen hat. Aber, werfen die Anhänger Wagner s 



Nr. 12. 



97 



ein, und es giebt solche auch in Paris , man muss die Inten- 
tionen des Gomponfsten berücksichtigen. Wagner hat gerade 
diese Unbestimmtheit bezweckt, gerade durch sie führt er den 
Zuhörer am besten in die magische Welt der Wunder ein , in 
der seine Opern sich bewegen. Ich antworte darauf: Was 
frag* ich nach den Intentionen des Gomponisten?! Wenn ich 
im Louvre die grossen allegorischen Gemälde des Rubens be- 
trachte, so bewundere ich den Farbenreichthnm, die herrliche 
Zeichnung und die kunstreiche Gruppirung der Figuren , ohne 
mich im geringsten um die mehr oder minder tiefen Ideen des 
Künstlers zu kümmern, und wenn ich erst lange über den 
Sinn der Compositionen nachdenken soll , geht der schönste 
Genuss verloren. Die Kunst ist eben keine Sphinx, die dem 
Publicum als zugehörigem Oedypus Räthsel aufgeben soll, und 
wenn das Vorspiel zürn Lohen^rin nichts als ein musikalisches 
Räthsel ist, so hat es mit der Kunst als solcher eben nichts 
mehr zu thun* Im Vergleich hiermit steht denn doch der Tann- 
häuser-Mardch mit den Chören unendlich höher. Ich hörte ihn 
noch gestern in einem schönen Goncert im Saal Herz , wel- 
dies Lamoureux dirigirte. Es wurde eine Blüthenlese aus ver- 
schiedenen Gomponisten geboten; Beethoven war durch seine 
reizende Symphonie in G-dor, Meyerbeer durch »die Schwerter- 
weihea, Auber durch die Ouvertüre zur »Stummen von Portioi« 
vertreten. Und neben all diesen Wer,ken, neben d^m berühmten 
Ghor aus den »Hugenotten«, behauptete das Wagner'sche Werk 
durch Reichthum der Harmonie und grossartige Effecte sehr 
wohl seinen Platz. Ich bewimdere, wie Sie sehen, die wahren 
Vorzüge Wagner's aufrichtig, und wenn er jemals eine Oper 
schreibt, die den beiden genannten Stücken gleichkommt, so 
bin ich bereit, sie für ein Meisterwerk zu erklären. Und doch 
hatte man ein Recht, den Tannhäuser auszupfei- 
fen. Denselben Vorwurf, den ich oben Wa&ner machte, muss 
ich auch gegen manche Werke von Schumann erheben/ ich 
meine die Unbestimmtheit in der Form. Indessen erkenne ich 
mit Freuden an, dass Schumann weit mehr Aussicht auf Erfolg 
in Frankreich hat als Wagner. Nur sollte man eine passende 
Auswahl seiner Werke treffen, um das Publicum an ihn zu ge- 
wöhnen. Sein Quartett In A-dur (Op. i\ Nr. 3), welches die 
Gebrüder Müller in ihrem zweiten Goncert vortrugen , schien 
mir eben nicht sehr gut gewählt.- Das Andante espressivo und 
das Allegro moderato zeichnen sich durch grosse Zartheit und 
eine durchaas nicht zu weit getriebene Originalität aus, das 
Thema des Assai agitato, welches mich etwas an »Des Mäd- 
chens Klage« von Schubert erinnerte, errang ungetheilten 
Beifall, das Adagio molto dagegen fand man durchweg lang- 
weilig, und das Allegro molto vivace machten auf den grössten 
Theil des Publicums einen geradezu abstossenden Eindruck. 
Ich hörte um mich herum rufen : »Bravo für die Künstler, aber 
nicht für Schumann«. Und in der Tbat zeigt das Finale bei 
einem ziemlich gewöhnlichen Thema ein Haschen nach Origi- 
nalität in den melodischen wie harmonischen Gestaltungen» 
welches zuweilen geradezu iii*s Bizarre ausartet und für den 
Hörer eine wahre Marter ist. Ich sehe voraus, dass die un- 
bedingten Verehrer Schumann's über dieses Urtheil in Ent- 
setzen gerathen werden , aber ich glaube , dass Ihren Lesern 
vor allem daran gelegen ist, die wahren Gesinnungen des fran- 
zösischen Publicums in Betreff dieses Meisters kennen zu ler- 
nen.*) — Was das Quartett der Gebrüder Müller angeht, so 
muss ich gestehen, dass es doch nicht ganz die Erwartungen 

*) Das war eben unsere Absicht, als wir Hrn. Beauquier für die 
Pariser Correspondenz erwählten. Wir in Deutschland aber, die wir 
seit vielleicht mehr als 90 Jahren mit Schumann'scher und seit viel- 
leicht i Jahren mit Waguer'scher Musik bekannt sind , werden die 
französische Ansicht, die erst sich zu bilden anfängt, nicht zu unter- 
schreiben brauchen, und zum Beispiel nicht nöthig haben, von der 
Tannhäaser- Ouvertüre so viel und von den beiden letzten Sätzen 
des Quartetts in A-dur so wenig zu halten. D. Red. 



erfüllt hat, die man sieb von ihnen als deutschen Künstlern in ' 
dem Vortrage deutscher Musik gemacht hatte. Ich weiss nicht, 
ob wir noch nicht genug MusUier sind , aber wir wenden in 
Frankreich noch immer den bekannten culinarischen Grund- 
satz : »Die Sauce ist's, welche den Fisch macht« , auch auf die 
Musik an. Nun entbehren wir bei den Gebrüdem Müller ge- 
rade diese Sauce , und ohne Zuthaten ist die Kost ^für unseren 
schwachen musikalischen Hunger noch nicht schmackhaft ge- 
nug. Man muss sehen, mit welcher fast an Koquetterie gren- 
zenden Feinheit die Pariser Quartette auch classische Musik zu 
Gehör bringen. Vielleicht gehen sie etwas zu weit, indem jedes 
einzelne Instrument seine Virtuosität in das möglichst günstige 
Licht zu stellen sucht, wodurch denn nur zu oft das Ensemble 
sowohl wie auch die Intentionen des Gomponisten beeinträch- 
tigt werden. Auch dominirt die erste Geige zu unbeschränkt. 
In dem Quartett Maurin z. B. spielt Herr Maurin selbst mit 
einem an Affeetation grenzenden Pathos, während die übrigen 
Instrumente, um die erste Geige durchaus nicht zu beeinträch- 
tigen, durch wiederum übertriebene Zartheit zu glänzen suchen. 
Beim Quartett Armingaud 'tritt dieser Fehler wenig hervor; da- 
gegen könnte' man ihm Mangel an Schwung vorwerfen , der 
du^ch zu grosse auf. die Details verwendele Sorgfalt verursacht 
wird. Den Gebrüdern Müller muss man es zum Ruhme nach- 
sagen, dass sie mehr an das Werk des Gomponisten, als an 
ihre eigene Virtuosität denken. Aber für uns Pariser ist doch 
ihr Spiel etwas zu einfach. Wenn sie auf der Höhe der Frau 
Szarvady gestanden hätten, so hätte man den Genuss einen 
vollkommenen nennen können. In ihr vereinigt sich die glän- 
zendste Virtuosität mit der treuesten Befolgung aller Inten- 
tionen des Gomponisten. In dem Bdur-Trio von Beethoven 
errang sie einen kaum dagewesenen Erfolg. 

Wenn man hier von musikalischen Novitäten redet , han- 
dele es sich fast immer um ein deutsches Werk. Pasdeloup 
führte uns jüngst die Gomposition eines bis dabin in Paris ganz 
unbekannten Meisters, Nlcolai's Ouvertüre zu »Die lustigen 
Weiber von Windsor« vor. Dieselbe, welche der besseren fran- 
zösischen Musik sich in manchen Punkten nähert, vorzüglich 
was Klarheit und Grazie der Rhythmik und Melodik angeht, 
hat sehr gefallen und wird sich gewiss auf dem Programm der 
Volksconcerte halten. 

Ein sehr geistreicher und angesehener hiesiger Musik- 
Schriftsteller, Herr Azevedo, hat eine sehr ausführliche Biogra- 
phie von Rossini veröffentlicht. Man hat das wechselreiche 
Leben des grossen italienischen Tonsetzers schon oft erzählt, 
aber noch niemals mit solcher Gewissenhaftigkeit und einer 
solchen Fülle von interessanten, grossentheils bisher unbe- 
kannten Details. Rossini scheint seinem neuen Biographen gegen- 
über sein beständiges Schweigen über seine Schicksale einiger- 
maassen gebrochen zu haben. Jedoch hat er nicht Alles erzählt, 
und bei der Erklärung z. B. seiner tiefen Entmuthigung , die 
ihn mitten in seiner Glanzperiode nach der Aufführung des Teil 
ergriff und die ihn dazu brachte, seine Feder ganz niederzu- 
legen, hat er vermieden zu sagen, dass Meyerbeer es war, der 
eben nach Paris gekommen, die grosse Oper mit seinen unge- 
heuren Reichthümern eroberte und den von derselben mit Ros-- 
sini geschlossenen Vertrag rückgängig machte. Ich rathe Ihnen 
dringend da« Buch zu lesen , Sie finden darin die interessan- 
testen Angaben über die Art, wie Rossini eine Oper in weni- 
gen Tagen zu Stande brachte. Schade , dass er durch leidige 
Nahrungssorgen gezwungen war, seine ausgezeichnete Be- 
gabung blos zum Zwecke des Gelderwerbs auszubeuten. 

Berichte« 

Berlin. /?. W, Das Reperloire der kgl. Oper bot im Monat 
Februar leider nichts dar, was einem Berichterstatter für eine 
musikaHsche Zeitung irgendwelchen Stoff bieten könnte, es 



98 



Nr. 18. 



müssLe denn überhaupt die Zusammenstellung desselben sein, 
welche vom künstlerischen Standpunkte aus nur gemissbil- 
Ligt werden kann. Den Löwenantheil nahm die »Afrikanerin« 
für sich In Anspruch, leichte französische und italienische Waare 
verschlang fast den Rest, dem die Classiker, bis auf Mozart und 
Beethoven mll je einer Don Juan-, Figaro- und Fidelio-Vorstel- 
luiig, fern blieben. Ich wende mich daher zu den Concerten, 
in denen manches würdige ältere Werk, ebenso auch viel Neues 
zur Aufführung kam. Unter dem letzteren war J e n s e n * s Gan- 
Mg j»Jephta's Tochter«, durch den Stern*schen Verein ge- 
geben, von besonderem Interesse. Ich könnte nicht sagen, dass 
Irgend eine Nummer dieser Gomposition mir Befriedigung ge- 
währt hätte, dennoch aber erkannte ich überall ein bedeut- 
sames Talent. Freilich ein Talent, das auf falschem Wege 
wandelt, allein selbst in seinen Verirrungen Theilnahme er- 
weckt. Von vornherein ist die Wahl des Textes zu beanstanden, 
der alles Dramatische des alltestamentarischen Stoffes aus- 
schiiosst. Abgesehen aber von diesem Missgriffe, der den Com- 
ponisten zu einem fUnf Nummern langen Klageliede veran- 
lasste, hätte hei Beobachtung der musikalischen Form und Ver- 
meidung des krampfhaften Strebens nach falscher Originalität, 
d.h. nach Absonderlichem, Niedagewesenem, ein künstlerisch 
bedeutsameres Ganze geschaffen werden können. So wie das 
Werk ist, kann ich mich nur an einzelnen kleinen Bruchstücken 
erfreuen und den Irrthüm des Componislen beklagen, der trotz 
seiner unleugbaren Befähigung das eine Auge liebäugelnd den 
Zükunniem zugewendet hat, mit dem andern auf Schumann*s 
letzte, subjectivstem Schaffen entsprungenen Werke, blickt, 
den Schünbeitsgesetzen der Classiker aber den Rücken kehrt. 
Ein neu ausgegrabenes > Rondo a mit Orchester von Beetho- 
ven hat meiner Ansicht nach nur das historische Interesse, 
dass der grosse Meister auch einstmals ebenso geschrieben hat, 
wie der kleine, noch unfertige Haydn. In gleicher Weise ver- 
dient ein durch den Hol län der 'sehen Gesangverein vorge- 
führtes uEyrle« von Mozart nur die Aufmerksamkeit des Anti- 
quars. Geist und Können des göttlichen Mozart haben keinen^ 
Theil an dieser in jeder Beziehung schwachen Arbeit. Gade's 
^Heilige Nachta für Chor und Solo ist das Unbedeutendste, was 
ich von diesem Componisten kenne. Es ist mehr ein harmoni- 
sches Klingen , a]& eine sich klar und deutlich darthuende Mu- 
sik. Die Seraphim singen wie die Hirten, die Soli sind decla- 
matorisch gehalten, und eine prägnante thematische Idee sucht 
man vergeblich. Bei weitem charaktervoller ist Schumann's 
pNeujahrstleda, wenngleich ich auch darin die eminente, schaf- 
fende Kraft vermisse, die aus vielen seiner Werke mit Flam- 
menschnfl hervorleuchtet. Eine Ouvertüre von Robert Ra- 
de c k e ist ein würdiges , gut und wirkungsvoll gearbeitetes 
Musikstück , welchem die Achtung der Musiker nicht fehlen 
wi rd . — Die S i n g a c a d e m i e gab den »Judas Maccabäus« mit 
der alten HUnd ersehen Instrumentirung, aber ohne Orgel. — 
Das erste Gustav- Adolf- Concert brachte Weber*s »Preciosa« 
am Clav i er zu Gehör, das zweite den gesanglichen Theü von 
Mendelssobo's üLobgesang« und Richard Wüerst's lyrische 
Cantate »Der Wasserneck«, beides mit Orchester. — Sympho- 
nie-Soireen und Domchor haben geschwiegen. — Reich war 
der Monal an Violoncellconcerten. Drei treffliche Virtuosen: 
Herr Julius Steffens, Herr Stahlknecht und Herr Zürn 
machten sich die Palme streitig und gewannen jeder eine 
grössere oder geringere Anzahl von Blättern derselben. Auch 
Beelhoven's Trlpelconcert und G dur-Messe kamen durch den 
Caeilien verein unter Rudolf Radecke's Leitung zur Auf- 
führung und gaben von 'dem Streben, wie von dem Fortschrei- 
ten des Vereins rühmliches Zeugniss. — Der Tonkünstlerverein 
hat öffentliche Vorlesungen veranstaltet, unter denen sich die 
von A. Reissmann »über Inhalt und Form« gehaltene vor- 
thejlbaft auszeichnete. 



Iitipjtig. Neunzehntes Abonnement-Goncert. 
(Erster Theü: Ouvertüre zu Gabrielle d'Estrees von M^hul 
[zum ersten Male]. Recitativ und Arie aus »Iphigenie in Tau- 
ris« von Gluck, gesungen von Frl. Erna Borchard. Con- 
cert für die Violine von Beethoven, vorgetragen von Herrn 
Hofcapellmeister Carl Bargheer aus Detmold* Lieder mit 
Pianoforte [»Erster Verlust« von Mendelssohn,» Ogni Sa- 
6ato« von Gordigiani], gesungen von FrSul. Borchard. 
Zweiter Theil: Symphonie in C-moll von Beethoven.) 

8. B, In der Ouvertüre von M^hul lernten wir ein recht 
hübsches und frisches Musikstück dieses alten Meisters kennen. 
— Fräulein Borchard glauben wir in unseren Leipziger 
Concerten schon mehrere Male begegnet zu sein. Ihre Alt- 
stimme klang diesmal voll und sonor, die Intonation war rein, 
der Vortrag jedoch noch nicht ganz frei von Manier. Die ohne- 
dies stark melancholische, auch etwas steife Arie von Gluck 
sang sie mit zu larmoyantem Ausdruck, als dass damit ein be- 
sonderer Erfolg hätte erzielt werden können. Die beiden Lieder 
des Programms, welchen die Sängerin, ohne dazu wirklich 
aufgefordert zu sein , noch das (Shakespeare'sche) Ständchen 
von Schubert zugab,*) waren zu ungleicher Art, als dass 
sie neben einander hätten gestellt werden sollen. Gegen den 
Vortrag möchten wir nur einwenden, dass das Ständchen zu 
schwerfällig wiedergegeben wurde. — Herrn Barghber ging 
ein bedeutender Ruf voraus, den er auch nach mehreren Seiten 
bewährte. Etwas gewagt schien es immerhin, gleich mit dem 
Beelhoven'schen Concert im Gewandhause aufzutreten, wo es 
von Joachim so oft gespielt worden ist. Der erste Satz litt 
unter offenbarer Befangenheit, die beiden andern sicherteo 
jedoch dem Künstler einen ehrenvollen Erfolg. Zu wünschen 
wäre ihm ein besseres Instrument; das, worauf erspielte, klang 
besonders auf G und D recht unangenehm. 

Der Musikverein Euterpe beschloss am 13. März seine 
diesjährigen Concerte auf sehr würdige Weise, durch gewähl- 
tes Programm, und durch Mitwirkung vorzüglicher Künstler. 
Die Medea-Ouvertüre von Cherub ini eröffnete, die heroische 
Symphonie von Beethoven beschloss das Concert , dessen 
Mittelnummern durch Gesangs- Vorträge der Frau J. Flinscb 
und Violinpi^cen des Herrn Hofcapellmeister J. Bott aus Han- 
nover vertreten waren, lieber Frau Flinscb möchten wir 
lieber einmal eine kleine Monographie bringen, als kurze und 
unmöglich erschöpfende Bemerkungen über ihre jedesmaligen 
Leistungen, deren vielseitige Vollendung die ungetheilte Be- 
wunderung mit Recht hervorruft. Sie sang die erste der bei 
Breitkopf und Härtel erschienenen Concert-Arien von Mozart 
(nach A transponirt und mit zweckmässigen Veränderungen 
der Virtuosenhaften Passagen) , später Lieder : »Die Liebende 
schreibt« von Mendelssohn, das Veilchen von Mozart und 
(zugebend) B e e t b o v e n's »Kennst du das Land«. Möchten doch 
bei solchen Gelegenheiten alle Sänger und Sängerinnen un- 
serer Stadt sich einfinden, um sich zeigen zu lassen, was 
»singen« heissti Ein besseres Musler als der Gesang der Frau 
Flinsch ist kaum denkbar. — In Herrn J. Bott lernten wir zu 
unserer Ueberraschung einen ganz eminenten Geiger kennen, 
der grosse Reinheit der Intonation mit einer gewissen wohl- 
thuenden Frische und Keckheit des Vortrags, schönem Ton und 
seltener Fertigkeit verbindet. Er spielte zuerst Spohr'sE- 
moll-Concert (Nr, 7), ein Stück, das wir freilich von Joachim 
anders aufgefasst zu hören gewohnt sind. Das Bestreben Bott's, 
diesem Concert eine lebendige und frische Färbung zu geben, 
schien uns fast zu weit zu gehen : es ging theilweise jäner Adel 
verloren, den wir von Spohr unzertrennlich halten, und der 

*) Wir möchten als Regel aufstellen, dass die Künstler nicht 
eher etwas »zugehen« sollen, als bis das Publicum durch mindesteos 
zweimaligen Hervorruf den Wunsch nach Fortsetzung ausgespro- 
chen hat. 



I 



Nr. 4 3. 



90 



gerade in Joachiin*s Spiel so sehr in den Vordergrand tritt. Ein 
Andante und Capriccio, ebenfalls mit Orchesterbegleitung, von 
Hrn. Bott selbst componirt, erschien uns als ein sehr anständiges 
Musikstück und besser geeignet, dem Temperament des Spie-^ 
lers zur Grundlage zu dienen als Spohr (dessen Schüler Herr 
Bott übrigens gewesen). — Möge die Euterpe in demselben 
Geiste nächstes Jahr fortfahren, wie sie das gegenwärtige ge> 
schlössen. 



Nachrichten. 

Wien. X Clara Schumann hat in ihrem sechsten, ebenfalls 
TOD beispiellosem Erfolge gekrönten Concerte von dem Wiener Pu- 
blicum, welches ihr enthusiastisch entgegenkam, herzlichen Ab- 
schied genommen. Die hochgefeierte Künstlerin weilt aber noch in 
unserer Mitte und hat in einem Concert des Frl. Julie v. Asten 
mitgewirkt. Das nächste Ziel der Frau Schumann ist Pesth. — Die 
beiden »ausserordentlichen Concerte«, welche der Musikverein seit 
Jahren zu geben pflegt, befinden sich in der Schwebe. — In dem Con- 
cert des Schubertbundes fand eine neue grössere Composition des 
hiesigen Componisten Maier, »Die Auswanderer« betitelt (für Soli, 
Chor und Orchester), beifällige Aufnahme. — Im Harmonie-Theater 
gefällt das Tanzpoem »Die Libelle« , zu welchem Flotow eine ganz 
oiediiche Musik geschrieben hat. Die Hauptrolle giebt die Tänzerin 
Rachele Conti aus Mailand mit grossem Erfolg. Roger hat ebenda 
als George Brown debutirt. — I)ie Sängerin Marie Wtl t, dem hie- 
sigen Publicum aus Concerten bekannt, ist fUr Berlin und London 
zu einem Gastspiel engagirt worden und bereits nach Berlin abge- 
reist. -^ Als Aspirantin für die Bühne macht sich derzeit die Altistin 
Wilbelmiiie Ritter, eine Schttierin der Frau Bockholz-Falconi durch 
Gesangvorträge in Conoerten vortheilhaft bemerkbar. — Das Mit- 
glied des Operntheater-Orchesiers Hr. K ä s m a i e r hat eine komische 
Oper : »Das Landhaus«, Text von Mosenlhal, componirt und dieselbe 
der Direction zur Aufführung überreicht. 

Im H aag fand am 43. Februar ein von der Maatschappy ver^ 
anstaltetes Concert ^statt, in welchem Herr W. F. G. Nicolai seine 
neue Composition über Schiller's Glocke imter vielem Beifall zur 
ÄufführuDg brachte. Als Solisten wirkten mit: Frau Offermans- 
van Hove , Frau CoUin-Tobisch, Herr C. Schneider und Hr. C. Hill. 
Die Aufführung der »Glocke« nahm 2 Stunden in Anspruch ; ausser- 
dem wurden noch verschiedene Arien von Stradella , G. Heinze und 
Mendelssohn, dann Schubert's »Mirjam*s Siegesgesang« aufgeführt. 

Aus Offenbach a. M. wird uns gemeldet: Kürzlich fand das 
mit Spann ung erwartete Concert des hiesigen Oratorien-Vereins 
(unter Direction des Herrn E. Friese [aus Leipzig]) in der deulsch- 
katholiscben Kirche statt. Den ersten Theil bildete die Ouvertüre 
zu »Egmont» von Beethoven , zwei Gesangspi^cen von Fräul. B ur-<- 
henne aus Cassel, ein Andante aus dem Concert für Violine von 
Mendelssohn, gespielt von Herrn Director E. Friese, und den Schluss 
machte eine Arie aus »Panlus«, vorgetragen von Herrn Ossenbach 
aus Frankfurt a. M. Wir haben nächst dem künstlerisch durchgebil- 
deten Spiel des Herrn B. Friese noch besonders die Weihe und 
Wärme des Vortrags des Hrn. Ossenbach hervorzuheben. Den zwei- 
ten Theil bildete »Der Rose Pilgerfahrt« von R. Schumann (in einer 
Kirche ! 1 D. Red.). Die Solopartien waren in den Händen der Frl. 
Zirndörfer (Rose), Burhenne (Alt), Herrn Brofft (Tenor) und 
Herrn Ossenbach (Todtengräber). Für den Vortrag der Solopar- 
tien haben wir nur Worte der Anerkennung, gleichfalls trefflich waren 
die Chöre einstudirt, die Einsätze präcis, der Waldeschor besonders 
ausdrucksvoll. Die GesammtauffUhrung war durchaus eine abgerun- 
dete, und wir können dem Jungen Director, der die Vortrage statt 
der Orchesterbegleitung auf dem Flügel accompagnirte, von Herzen 
Glück und fernerhin solche Anerkennung seines regen Strebens 
wünschen, und wenn wir noch einen Wunsch aussprechen, so ist 
es der, dass bald eine Wiederholung stattfinden möge. 

A. V. Do mm er sagt bei Gelegenheit seiner Besprechung der 
Aufführung der neunten Symphonie in Hamburg über die Con- 
Irabass-Recitative; »Die Auffassung dieser Contra bass-Reci- 
lative ist ein streitiger Punkt oder wenigstens durch Mendeissohn's 
Tradition zu einem solchen geworden. Diesem zufolge trägt man sie 
im Leipziger Gewandhause weich, sehnsüchtig und im Tempo be- 
deutend gemässigt vor, ungeach'tet nicht nur die Partitur das rasche 
Tempo des Ritornells auch für das Recitativ (wiewohl mit seinem 
Charakter entsprechendem freiem Vortrage) fordert, sondern auch 
in der Sache selbst liegt, dass es schnell und sehr energisch, mit 
feurig grossem rhetorischem Schwung, wie beseelt von einem 
festen Entschluss, in dem das Ringen nach Deutlichkeit des Verständ- 
nisses zur höchsten Kraftanstrengung anwächst, vorgetragen wer- 



den müsse. Herr Stockhausen fassteesin diesem Sinne 
aufund erreichte damit auch grosse Wirkung.« 

Das achte Gttrzenich-Concert in Cöln brachte eine Sympho- 
nie von Haydn , Arie aus »Hans Helling« (Frl. Fr. Grün), Violin-Con- 
cert in D-moll von Spohr (Herr L. Auer) , Kyrie und Gloria aus der 
Es-Messe von Schubert, Ouvertüre zu Sakontela von C. Goldmark, 
Arie aus »Carlo Broschi« von Auber (Frl. Grün), »Trost In Tönen« für 
48timmigen Chor von Brambach und Ouvertüre zu Leonore Nr. 3 von 
Beethoven. 

Ferd. Hiller*s Oratorium »Die Zerstörung Jerusalems« wurde 
am S4. Febr. durch den Cäcillen-Verein zu Frankfurt a. M. zur 
Aufführung gebracht. Auch diesmal erwies sich, dass das Beste des 
Werkes in den frischen Chören und wirkungsvoller Instrumentation 
liegt. ' 

Auch die hannoveranische Herrlichkeit des Herrn Dr. G. Satter 
hat nach einer Aufführung verschiedener Compositionen desselben 
ihr Ende erreicht ! Das Publicum scheute sich nicht, selbst in Gegen- 
wart des Königs den aufgedrungenen Capellmeister zurückzuwei- 
sen, dem in Folge davon sein Titel wieder genommen wurde, und der 
bald darauf Hannover veriiess. 

In L ü b e c k soll im Juni ein grosses »Norddeutsches Musikfest« 
stattfinden. (Wenn es nur nicht statt dessen ein trauriges Kanonen- 
Concert giebt 1 D. Red.) 

In Wien wurde kürzlich em Miniatur-PortraitBeethoven's auf- 
gefunden, das den Meister in einem Alter von etwa 20 Jahren darstellt. 

Leipzig. Am 44. d. M. fand die 84. Aufführung des Dilettan- 
ten-Orchester-Vereins mit folgendem Programm statt : Ouvertüre 
zu den »Lustigen Weibern« von Nicolai ; Recitativ und Arie aus Fi- 
garo's Hochzeit von Mozart; Serenade für Ciavier von Jadassohn; 
Lieder von Schumann und Mendelssohn ; Symphonie in Es von. Mo- 
zart. — Am 47. d. M. beendigte das Gewandhaus seine Abendunter- 
haltungen für Kammermusik. 



ZeitnngsBcIiaii. 

Die »Neue Zeitschrift für Musik«, welche unserer Zeitung ver- 
schiedentlich ihr Missfallen geäussert hat (was wir, aufrichtig ge* * 
sagt, auch kaum anders erwarten), verschmäht es doch nicht, das 
von uns Gebrachte, wo es ihr gelegen ist, zu ihrem Nutzen zu ver- 
wenden. In Nr. 9 bringt sie (S. 70) eine Besprechung des Reiss- 
mann 'sehen Buches über Schumann; wir verglichen sie mit der 
Recension desselben in Nr* 50 und 64 des letzten Jahrgangs der A. 
M. Ztg. und fanden nicht blos dieselbe Grundansicht, nicht blos die- 
selben Urtheile und ihre Begründungen, sondern vielfach eine Wie- 
derholung derselben dort gebrauchten Worte. Hier der Beweis : 



Nene Keitsclirlfl. 

— »Man nimmt nämlich die von 
Andern mühsam erforsch tenThat- 
sachen, eignet sich dieselben leich- 
ten Kaufes an, indem man sie ent- 
weder mit einem oberflächlichen 
Aufgusse geistreicher Ergiessun- 
gen . . versetzte, — 



»Wasielewsky's Werk ist stellen- 
weise wörtlich ab-, der ganze 
erste Abschnitt ohne alle Kritik 
demselben nachgeschrieben; nicht 
einmal die von Schumann selbst 
im 8. Bande dieser Ztschr. S. 4 . . 
und in seinen ges. Sehr. II. 425 
gemachten charakterist. Mitlhei- 
lungen sind herangezogen, son- 
dern höchstens störende Betrach- 
tungen dazwischen gesetzt.« 
— »alle Erlebnisse und Lebens- 
verhältnisse eines Künstlers . . 
sind bei der immerwährenden 
Wechselwirkung zwischen inne- 
rer und äusserer Entwickelung 
von wesentlichem Einflüsse auf 
die erstere.« 

»So sieht z. B. Reissmann in Schu- 
mann's Scherzen mit Namen wie 



AUg. Masikal. Zeltmig. 

»diesem wlss.Dileltantismus, wel- 
cher es nicht verschmäht, sich 
die von Andern mühsam erforsch- 
ten Thatsachen leichten Kaufes 
anzueignen und mit einem Auf- 
guss von Betrachtungen und 
Apercus versehen als eigne Arbeit 
wieder von sich zu geben, hat 
sich« etc. — 

»die Erzählung folgt genau, stel- 
lenweise wörtlich, der Wasie- 
lewsky' sehen Darstellung ... die 
er nur zuweilen durch Reflexionen 
unterbricht, welche . . . mehr 
stören als erläutern ; [es folgt die 
Citirung der beiden Scbumann'- 
schen Aeusserungen über sich] — 
der ganze erste Abschnitt . . ist 
völlig und ohne jede Kritik Wa- 
sielewsky nachgeschrieben.« 
. . »dass die äussere und in» 
nere Entwicklung eines Künstlers 
in immerwährender lebendiger 
Wechselbeziehung stehen ; abge- 
sehen von den Studien . . . üben 
Erlebnisse und Verhältnisse . . . 
eine nachhaltige Wirkung auch 
auf die innere Entwickiung. 
»dass diese hübschen Spiele für 
Reissmann als Anhaltspunkt für 



100 



Nr. 12. 



Bach [u. 8. w.] wesentliche Cha- 
rakterzüge . .« 

»WitlkUhiiicb sind ferner Annah- 
men wie: Schumann's Krankheit 
habe ihn auf contrapunk tische 
Studien geführt, oder: schon von 
4 848 höre seine Blüthezeit in Folge 
von Kraflzersplitterung auf. Als 
gradezu unwahr aber crgiebt sich 
die Behauptung, dass Schumann 
erst durch die Liedcompositiou 
4 840 die Bedeutung der Form ken- 
nen jgelernt habe . .« 



einen wesentlichen Charakterzug 
dienen, ist keine Empfehlung. . .« 
»Auf die nun folgende contrapunk- 
tischen Studien soll seine Krank- 
heit ihn geführt haben.eine durch- 
aus willkührliche Annahme, . . •; 
wir werden sie für durchaus will- 
kührlich halten müssen, wenn 
die Blüthezeit bis 4 848 angesetzt, 
und von da die »zersplitterte 
Kraft« begonnen wird« 
— »mit dem Gedanken , erst die 
Liedercomposition habe Schu- 
mann die Bedeutung der Form 
kennen gelehrt, was sicherlich so 
unwahr wie möglich ist.« 



»Dafür wttre es z. B. nöthiger ge- — »grade hier [bei der Faust- 
wesen, bei grösseren Werken, be- musik] konnte durch Mittheilun- 
sonders bei der Faustmusik, He- gen über die Entstehung der ein- 
her genügendere Mittheilungen zelnen Nummern und Eingehen 
über die Entstehung der einzelnen auf die Behandlung der Dichtung 
Partien -zu geben und auf die Be- Verdieustliches geleistet werden.« 
handlung der Dichtung ausführ- 
lich einzugehen.« 

Wir haben nur Beispiele angeführt ; man wird bei einer Ver- 
gleichung die Uebereinstimmung noch weiter verfolgen können, bis 
gegen den Schluss, wo der individuelle Standpunkt der N. Ztschrft. 
ein wenig bemerkbar wird. Wir können nichts dagegen haben, wenn 
unsere Ansichten auch auf diesem Wege weiter verbreitet werden; 
es wäre dann nur einfacher, unsere Artikel lieber unvei^ndert abzu- 
drucken, und unter allen Umständen geniiler, die Quelle der eigenen 
Einsicht seinen Lesern nicht zu verschweigen. 



ANZEIGER 



[57] 



Bekanntmacliang. 

Ori^anistenstelle an 



Die Cantor- und Ori^anistenstelle an der St. Marien- 
Kirche hieselbst, mit welcher ein Jabres-Einkommen von 
circa 500 Thlm. verbunden ist, ist erledigt. Qualificirte 
Bewerber werden aufgefordert, ihre Meldungen, unter 
Beifügung der Zeugnisse, binnen 4 Wochen bei uns ein- 
zureichen. Zu Nebeneinahmen durch Erlheilung von Un- 
terricht in der Musik bietet sich günstige Gelegenheit dar. 

Goeslin, den 8. März 4866. 

Der Magistrat. 



[58] 



Neue Musikalien 

aus dem Verlage von 



J. Bieter -Biedermann in Leipzig und Winterthur. 

Attinger, li., Op. 3. 3 Lieder f. Sopr., Alt, Tenor u. Bass. Part. n. 

Stimmen. 15 Ngr. 
Banmgartaer, W. , Op. 25. Am dem Schenieabache von E. Geibel. 

3 Lieder f. eine tiefe Stimme m. Pftebegl. 45 Ngr. 
Bergsoii, Michel, Op. 61. Jadisj Menaett. AqJeord'bBij Medftatten. 

2 Morceaux caract^ristiques p. Piano. 20 Ngr. 

Op. 62. Coocert Sjuiphonlque p. Piano av. Accomp. d'Orchestre. 

Arrangement p. Piano seul p. I'Auteur. 1 Thlr. 25 Ngr. 

NB. Partitur und Orchesterstimmen sind in correcten Abschrif- 
ten zu beziehen. 
Billeier, Ag., Op. 12. Saionstfick f. das Pfle. 12i Ngr. 
Braiims, Job., Op. 34. Quiotett f.d. Pfte., 2 Yiol., Viola u. Yiolon- 
cell. Part. u. Stimmen. 5 Thlr. 

Op. 35. Stadien f. d. Planeforte. Variationen üb. ein Thema von 

Paganini. Heft 1. 2. ä 1 Thlr. 

Op. 37. 3 geistliche Ch«re f. Frauenstimmen ohne Begl. Part. u. 

Stimmen. 22i Ngr. 

Bttchler, Ferd., 24 Studien f. Violoncell m. theilweis willkürl. Be- 
gleilung eines zweiten Vclls. Heft 1. 2. ä 1 Thlr. 10 Ngr. 

Delloux, Ch., Fragmente a. d. Inslrumentalwerken v. Beetho- 
ven, Boccherini, Haydn u. Mozart f. Pfle. übertr. Heft 1. 
2. a 25 Ngr. 

Dietrich, Alb., Op. 16. 6 Lieder f. eine Singst. m.Paebegl. 1 Thlr. 

Egghard, Jol., Op. 82; Sonate p. Piano et Violcelle. Arrangement 
p. le Violon par E. Röntgen. 2 Thlr. 

Escbmann, J. Carl, Op. 55. 10 englische, scliottlsehe aid Irlindiscbe 
Yolksinelodlen f. Pfte. zu 4 Hdn. bearb. Hefl 1. 2. ä 20 Ngr. 



Grimm, Jul. O., Op. 10. Saite in Qaaonform f. 2 Viol., Viola, Vio- 
loncell und Contrabass (Orchester). Partitur 22i Ngr. Stimmen 
1 Thlr. 10 Ngr. Vierhändig. Clav.-Ausz. vom Comp. 1 Thlr. 5 Ngr. 

Hiller, Ferd., Op. 117. Hiller^AUo«. Leichte Tänze und Lieder für 
Pfte. 3 Thlr. 15 Ngr. 

Kaptze, €., Op. 103. Panlinielle, Romanze v. Müller v. d. Werra f. 
MännersUmmen. Part. u. Stirn» 4 Thlr. Für eine Singstimme mit 
Pftebegl. 12iNgr. 

Merkel, Gustav, Op. 42. Zweite Senate f. die Orgel.. 1 Thlr. 

MethfesHel, £., Op. 14. An Wlna. Ged. v. J. P. Fr. Richter f. eine 
Singst, m. Pftebegl. FUr hohe Stimme 12i Ngr. Für tiefe Stimme 
12i Ngr. 

]lloxart,W. A., 3Dlreriissenien(s f. 2 Viol., Viola, Bass u. 2 Hörner. 
Für Pfte. zu 2 Händen bearb. v. H. M. Seh letterer. Nr. 1 inD. 
Nr. 2 in F. Nr. 3 in B. ä 1 Thlr. 

Nanmann, E., Op. 8. 5 Impremptus f. Pfte. zu 4 Händen. 1 Thlr. 

Pflusbaapt,Rob,,Op. 20. Am Spinnrad. Genrebild f. Pfte. 22iNgr. 

Peinbcbe Tolkslieder ans Oberscblesien. Verdeutscht von HofTmann von 
Faliersleben , harmonisirt u. mit Clavierhegl. versehen v. H. M. 
Schletterer. 1 Thlr. 7i Ngr. 

Raff, Joach., Op. 112. Zweites grosses Tri« f. Pfte., Viel. u. Violcell. 
4 Thlr. 

Scholz, Bernb., Op. 21. Im Freien. Concertstück in Form einer 
Ouvertüre für Orchester. Partitur 1 Thlr. 
NB. Stimmen sind in Abschrift zu beziehen. 

Schabert, Franz, f&rosse Messe (in Es) f. Chor u. Orchester. Par- 
titur 7 Thlr. 20 Ngr. Ciavier-Auszug 5 Thlr. Orohesterstimmen 
cpl. 6 Thlr. 10 Ngr. Singstimmen 2 Thlr. i 

Wehn, Jaliiis, Op. 5. 2 Lieder f. eine Singst, m. Pftebegl. 15 Ngr. 



Classisciie Clavier-Compositioneu aus JUterer Zeit 

gesammelt von H. M. Schletterer. Deutsche Schule. Heft I. 
Gettlieb ffloffat. 1 Thr. 3 Ngr. 
Einzeln: Nr. 1. Suite in D. 12 Ngr. Nr. 2. Suite in B. 4Bi Ngr. 
Nr. 8. Ciaconna 9 Ngr. 

Deutsche Schule. Heft H. Carl Pbliipp Emanuel Bacb. 1 Thlr. 

Einzeln: Nr. 1. Sonate in Cdur 7i Ngr. Nr. 2. Sonate in Bdur 
9 Ngr. Nr. 8. Sonate in FmoU 7i Ngr. Nr. 4. Sonate in Edur 
7i Ngr. Nr. 5. Arioso coD Variazioni 4i Ngr. Nr. 6. Fuge 
41 Ngr.. 

Deutsche Schule. Heft HI. J. Fr. Reiebardi 21 Ngr. 

Einzeln: Nr. 1. Sonate in Fdur 6 Ngr. Nr. 2. Sonate in Esdur 
6 Ngr. Nr. 8. Sonate in Gdur 6 Ngr. Nr. 4. Rondo, Naiver 
Scherz und Andantino 6 Ngr. 
— — Französische Schule. Heft I. Fnuifols €§ aperin » dit: le Grand. 
Zwölfstücke. 18 Ngr. 



An die geehrten Abonnenten. 



Mit nächster Nummer schKesst das erste Quartal der Leipziger Allgemeinen 
Musikalischen Zeitung. Ich ersuche die geehrten Abonnenten, die nicht schon auf den 
ganzen Jahrgang abonnirt haben, ihre Bestellungen auf das zweite Quartal schleu- 
nigst aufgeben zu wollen. J. Rieter-Biedermann. 



Verlag von J. Rieter-Biedermann in Leipzig und Winterthur. — Druck von Breitkopf und Htfrtel in Leipzig. 



Di« Leipilfer Allgemeine Mnsika- 

liMhe Zeltunf enoheiat regelmlnig an 

Jfdem Mittwooh nnd Ut durch all« 

Poffttmterund Buchhandlungen 

snbeiiehai. 



Leipziger Allgemeine 



Preis: Jihrlieh S Thlr* 10 Ngr. 

Yierte^&hrliehe Prftnum. 1 Thlr. 10 Kgr. 

Anseigen : Die gespaltene PetitssUe oder 

deren Aanm 2 Ngr. Briefe und Gelder 

werden ftanco «rbetan. 



Mnsikalische Zeitung, 



Verantwortlichex Bedacteur: Selmar Bagge. 



Leipzig, 28. März 1866. 



Nr. 13. 



I. Jalirgang. 



Inhalt: Die Afrikanerin. II, — Recensionen (Symphonie in C von Woldemar Bargiel). — Uebersicbt neu erschienener Bücher und Bro- 
schüren über Musik. — Berichte aus Wien und Leipzig. — Nachrichten. — Anseiger. 



Die Afrikanerin, 

(Oper in fünf Acten von S. Scribe, Musik tob G. Heyerbeer. Berlin, 
Bote und Bock.) 

n. 

Das wahrhaft bedeutende oiusikaliscbe Kunstwerk 
en*egt von Anfang an Interesse, fesselt in der Mitte, und 
steigert das Gefallen gegen den iScbluss bis zum Enthu- 
siasmus. Es Übt diese Wirkung durch die Vollkommenheit 
und Schönheit der einzelnen Theile, durch weise Oeko- 
noDUe d?r Mittel , dinrch gleichmässige Befriedigung von 
Vernunft und Gefühl. Wenn wir nun »die Afrikanerina an 
Uns Yortlberzieben lassen und uns fragen, ob sie eine so 
geartete Wirkung auf uns geübt habe, so müssen wir das 
a^oh ms musikalischen Gründen verneinen; vielmehr 
qiü^tQn wir sagen, dass wir uns vou Anfang abgeschreckt 
ußd verstimmt ßnden, in der Mitte wohl an manchem 
Eioz^lnQn Gefallen babeja könnten, wenn wir nicht schon 
verstimmt wären, eioe fiefiriedigung oder gar einen Enthu^ 
siasmus am Schluss aber am allerwenigsten zu eonstatiren 
vero^ögen. 

Sollten wir lemand Bath geben , auf welche Weise er 
die neu» Oper am vortheilhaftesten kennen lernen könnte, 
so virttrden wir vorschLagen, beim vierten Ad, der mit 
einem grossen Ballet anfängt, in's Theater zu treien. Das 
ist wirklieh schöne und interessante Musik , bei der man 
sogar den Luxus der Bühne, die indische Pracht, die Auf- 
züge und verschiedenen charaktefistiscben Tänze ent- 
behren kann , um sich daran zu erfreuen , die aber auch 
zu den angeführten sichtbaren Bttlmen-Evolutionen im 
besten Verhältniss steht. — Wer dagegen, vor der Ouver- 
türe richtig auf seinem Platze ist und der musikalischen 
Dinge harrt, die da kommen sollen, dem möchte es, fialls 
er kuostgebildete Obren hat , wie uns ergehen , dass er 
nämlich, bald verlet&t, auch das wirklich Schöne oder 
Hübsche , das besonders die beiden letzten Acte enthal- 
ten , nichjb mehr za gemessen im Stande ist, vielleicht 
gar vor dem Scfaluss das Weite sucht. 

Obiger Vorschlag ist gewiss christlich. Die Kriükaber 
l. 



hat ein Werk zu nehmen , wie es sich in der Zeil entrollt 
und in der Aufeinanderfolge seiner Thelle wirkt. 

Die sogenannte »Ouvertüre a, aus dem Abschiedslied 
und einem andern Gesang der Ines brockenweise zusam- 
mengesetzt, ist trotz Einheit der Tonart (H-moll und durj 
ein formloses Stück, das uns nicht allem nicht gefüllt, 
sondern uns theilweise sogar höchlich missf^üi. Schon 
Takt 8, 9 und 10 klingen bizarr und häs&lich; nichts aber 
kann widriger sein, als die vier Quartsextaccorde, die, 
immer einen Ton höher hinaufführend, dem ÄndmttinQ vor- 
ausgehen. Meyerbeer gebraucht diese in neuer Tonart 
einschneidenden J-Accorde auch wahrend der Oper noch 
vielfach und bereitet damit dem feineren Gehürsizm eben- 
so viele Schmerzen. Liszt und Wagner stehen ihm liieritt 
an Hässlichkeit keinen Schritt voran. — Die nun folgenden 
Partien der Ines, einer dramatischen Persönlichkeit, die 
durch den Ausdruck wahrer und resignirender Li^be zn 
Vasco, ungeachtet ihres fast blos leidenden Verhaltens, 
unser Interesse wecken könnte, sind vcm jener opern- 
haften Charakterlosigkeit und Unwahrheit, wie sie Tust 
allen Frauengestalten Meyerbeer's eigen. Statt herzlicher, 
einfacher und ergreifender Klänge, wie sie hier geba^ 
ten wären, tönen uns verschrobene gnckermie Figureri 
entgegen, die für ein Pensionats-Fräulein passen wür- 
den. Unangenehm muss einen reinen Gesebmack das Ab- 
schiedslied berühren, das Ines Vasco nachsingt f und das 
zum Theil lächerlich, zum Theil gemein zu nennen ist« 
Ein solches Abschiedslied soll der Entdecker und Held 
Vasco de Game seiner Geliebten beim Abschied gesungen 
haben! Siehe besonders die ellenlange Caden?, die am 
Schlüsse noch angehängt ist. Kurz, man vermisst hier so- 
gleich wahre Empfindung, menschliche wie künstlerische. 
In dem folgenden Teri^eitino will die Musik nach den ver- 
schiedenen mehr recitirten Stellen wieder feste Geatali 
annehmen; dies geschieht in einem jener leidigen unge- 
sangsmässigen Meycrbeer'schen Bhythmen, die musika- 
lisch und declama torisch gleich fatal sind und deren Er- 
folg beim Publicum einen hohen Grad van Ungeschmack 
voraussetzt : 



102 



Nr. 13. 




wCP'C 



Im weitern Verlauf dieses Terzettinos finden sich übri- 
gens Modulationen (von Des nach D und zurück], dann 
Yerdi^sche Schrei-Unisonos , die eines Componisten von 
Meyerbeer's Bildung entschieden unwürdig sind. — Nun 
folgt die Sitzung des Staatsrathes , des Gross -Inqui- 
sitors, der Bischöfe. Dieselben bitten Gott »um Frieden 
für ihre Seelen«; ihr Unisono -Gesang würde sich aber 
viel besser für eine Versammlung von Raubrittern eignen, 
die eben im Begriff stehen, eine nahende friedliche Kara- 
wane zu überfallen; oder für einen revolutionären Volks- 
haufen, der soeben losschlagen will. Man kann sich 
Herausfordernderes kaum denken, als dieses in weitem 
Bogen gespannte Es dur- Motiv, mit seinen trotzigen 
langen und seinen rhythmisch polternden kurzen No- 
ten, seinem Unisono und seinem hässlichen wiartelAi bei 
den Gadenzen. Die Würde der dem Auge gegenüber ste- 
henden Versammlung, und diese Musik bilden in der Thal 
für den feinfühlenden Menschen einen bitteren Contrast. 
Vielleicht beabsichtigte Meyerbeer durch die Wahl einer 
solchen Melodie die ganze Raths Versammlung zu parodi- 
ren. Dann hätte er seinen Helden Vasco mit desto grösse- 
rem Glänze, mit Würde und Hoheit umgeben müssen. 
Vasoa's Auftreten ist aber von einem marschartigen Vor- 
spiel (welches er später auch singt) begleitet, das auch für 
diese Persönlichkeit durchaus kein Interesse erwecken 
kann. Was Vasco ausserdem noch singt, ist allerdings 
eines Menschen würdig, der vor Allem an den »Handel«, 
nicht an grosse Thaten denkt; man sehe die höchst be- 
zeichnende Stelle i>Du commerce et des mers^i (»ihr be- 
herrschet ganz allein den Handel«) . Kurz, wenn das d ra- 
ma tische Interesse, das man (nach unserem vorigen 
ersten Artikel; an diesem Vasco nehmen kann, schon auf 
dem Gefrierpunkt steht, so thut die Musik das Uebrige, 
um uns vollends erstarren zu machen. — Nicht minder 
uncfaarakteristisch als bei dem Auftreten Vasco^s scheint 
uns die Musik bei dem der beiden Sciaven. Weder die 
gross fühlende Selica, noch der von Patriotismus und Frei- 
heitssebnsucht erglühende Nelusco sind hier gezeichnet 
und getroffen *) ; Hexen und Meerkatzen, wie in der Goethe'- 
schen Hexenküche, würden zu dieser Musik besser pas- 
sen, die übrigens in ihrer aphoristischen Form höchstens 
Lachen oder Verwunderung erweckt. Ein weiter folgender 
Zwiegesang zwischen Vasco und Selica, der einen wirk- 
lichen Anflug von Wärme und Empfindung aufweist, wird 
durch eine sehr grelle Modulation (von P nach As und zu- 
rück) verdorben und zeigt deutlich, dass Meyerbeer es 
nicht lassen konnte, einen ursprünglich ganz schönen Ge- 



*) Zur Ehrenrettung des grossen Steuermanns Nelusco müssen 
<wir hier bemerken, dass wir in Hinsicht des dritten Acts die Stelle 
des Textbuchs Bder gefahrvolle Ort, uns ist er nicht fremd mehr, die 
Böte unserer Insel fuhren oft hieher> übersehen hatten. Hiermit cor- 
rigirt sich unser Misstrauen in die nautische Zuverlässigkeit Nelusco's, 
dem wir leider im vorigen Artikel Ausdruck gegeben. 



danken oder Einfall aus Effectsucht zu verunstalten. — 
Nelusco's Antwort an den Rath, wo er sich — nicht sehr 
poetisch — mit einem Stier vergleicht und daran einen 
gewagten Schluss knüpft, entbehrt aller Würde, die doch 
nOthig wSre, diesen' Sciaven nicht als rohen Wilden, son- 
dern als fühlenden Menschen unserer Tbeilnahme zu em- 
pfehlen, Interesse für ihn hervorzurufen. Ebenso sind der 
Gesang des Grossinquisitors, wenn er spater mit der Chor- 
melodie der Rathsversammlung allein (in P-dur) sich ver- 
nehmen lasst,' und der Walzerrhythmus des folgenden 
Chores »Welch ein Lärm« mit der Situation unverträglich. 
Wir haben hier musikalische Formen vor uns, wie sie aus 
den neuitalysnischen Opern zur Genüge bekannt sind, und 
deren jeder feiner Empßndende langst übersatt ist. Eine 
Melodie in E-dur, welche Vasco später singt, und welche 
von den übrigen Personen abgenommen wird , könnte an 
sich als hübsch gelten, wenn ihre Lustigkeit (siehe be- 
sonders immer den 3. und 4. Takt jedes Abschnitts) nicht 
hart gegen die Worte und Situation abstäche. Alle aufge- 
wendeten Mittel der Massenwirkung und der Modulationen, 
unter welchen besonders die Rückung von As nach G und 
Fis (Seite 98 des Ciavierauszugs) hervorzuheben ist, ver- 
mögen für uns nicht den inneren Mangel zu verdecken, 
der diese Schlussscene des ersten Acts, die sich drama- 
tisch immerhin recht grossartig hätte gestalten lassen, 
kennzeichnet, und zwar durch den Mangel aller Würde 
kenns^eichnet. •— Der erste Act entlasst uns somit unbe- 
friedigt, ja verstimmt. 

- Im zweiten Act ist es zuerst die Schlummer-Arie, die 
wir musikalisch zu beurtheilen haben. (Dramatisch ist die 
ganze Scene unhaltbar; schon das musste dem Denkenden 
auffallen , dass man einen Schlafenden nicht durch einen 
zum Theil laut aufschreienden Gesang im Schlummer zu 
erhalten sucht.) Diese Arie kann ihrem Motiy nach als 
recht originell bezeichnet werden. Wäre nur der darin an- 
geschlagene Ton festgehalten , artete er nicht in läppische 
Theater-Gadenzen und Paradestückchen aus. Vergebens 
aber würde man in der ganzen Scene etwas suchen, was 
uns Selica's Inneres musikalisch offenbarte ; hier wäre 
doch für sie der Ort gewesen^ den Widerspruch in ihrem 
Innern, den Schmerz um verlorne Heimath und verlornes 
Glück, und die Leidenschaft für Vasco, dem ZuhOrer zum 
Verständniss und Gefühl zu bringen. Dergleichen lag aber, 
wie es scheint, gar nicht in Meyerbeer's Absicht, es galt 
ihm blos, dem herrschenden Theatergeschmack durch 
allerhand Effecte neue Nahrung zu geben. Eine einzige 
kleine Stelle in der folgenden Scene mit Nelusco ist hübsch 
und rührend; es ist die Erzählung Selica^s, wie Vasco 
sie kaufte (As-dur mit Cebergang nachG-moll). So wol- 
len wir auch gern anerkennen, dass Nelusco^s Melodie in 
D-dur (»Ariea) in ihrer Einfachheit etwas Ansprechendes 
hat ; schade nur, dass auch dieser Ton nicht festgehalten, 
sondern alle Augenblicke durch Concessionen an die 
Theater-Manier unterbrochen wird. Bei der vielfach hohen 
Lage dieser Arie ist es überdies kaum zu vermeiden^ dass 



Nr. 43. 



ioa 



der Sänger ins Schreien verfällt, und das Ganze wirkt 
wegen der Zerrissenheit seines musikalischen Baues, trotz 
der hübschen Motive, musikalisch nicht, oder tlbel. — Der 
folgende Z wiegesang von Vasco und Selica ist gut ange- 
legt. Das C moll-Thema des ersten, abwechselnd mit dem 
Cdur-Satz der anderen zeigt wenigstens den Versuch einer 
inneren Charakteristik, obwohl die Melodien freilich wenig 
genug sagen. Das ganze Duett, von welchem sich auch die 
Asdur-Melodie der Selica als eine der besseren Partien 
des Werks anführen Hesse, endigt leider mit einem jener 
Schrei-Effecte (beide Sänger in Octaven), die einem fei- 
ner organisirten Ohr unerträglich sind. Im Finale ist es 
wieder Ines, deren verfehlter musikalischer Charakter 
uns verwundert. Ihre erste (Asdur-) Melodie soll zwar 
das gebrochene Herz bezeichnen, Ines singt in lauter Ab- 
sätzen und stösst immer nur einige Worte hervor. Das 
wäre gut und richtig ; aber Harmonie und Melodie sind so 
ruhig und gleichgültig wie möglich, und so bleibt die ver- 
suchte Charakteristik ganz im Aeusserlichen hangen, man 
ist weit davon entfernt, der Ines und ihrer Empfindung 
bei dieser Scene Glauben zu schenken. Das dann folgende 
Septett dagegen ist wenigstens in seinem ersten Absatz 
(B-moll) stimmungsgemäss ; störte nur am Schluss eine 
uDhegreiflich grelle Modulation (von B-moll nach E-dur 
und zurück) nicht die Einheit und verletzte nicht das Ohr. Das 
Uebrige bis zum Schluss des Acts besteht aus Opernphra- 
sen, die durch Unisono-Behandlung aufgeschwellt, eine 
gewisse pathologische Wirkung machen, deren künst- 
lerische Hohlheit aber nur dem entgehen kann, der, selbst 
innerlich hohl oder von der Kunst immer nur äusserlich 
berührt, ein Urtheil nicht zu fällen vermag, und beson- 
ders nicht die Wirkung äusserer Mittel von der Wirkung 
des innerlich Empfundenen und künstlerisch Gestalteten 
unterscheiden kann. (Schlnss folgt.) 



Becensionen. 



Woldemar Bargiel, Symphonie in C für Orchester. 
Op. 30. Leipzig, Breitkopf und HSrtel. Partitur 5Thlr., 
Arrangement für das Pianoforte zu 4 Händen vom Com- 
ponisten 2 Thlr. i 5 Ngr. 

v.Br. Je seltener sich grössere symphonische Werke, 
insbesondere programmlose, in unseren Tagen überhaupt 
noch hervorwagen und je weit seltener noch man im Stande 
ist, denselben, insbesondere den programm-prunkenden, 
wenn auch nur bedingte/ relative Anerkennung zu zollen, 
um so mehr ist man erfreut, wenn dieser Fall einmal ein- 
tritt, zunächst natürlich um des heiter-ernsten Genusses 
willen, den man selbst empfangen und zu welchem man 
auch andere einladen kann. Der vorliegende Fall aber ist 
ein solcher. Wenn ein Künstler so ächter Art, wie Bar- 
^iel, eine Symphonie schreibt und veröffentlicht, so kann 
man zwar von vornherein so ziemlich gewiss sagen , dass 
er etwas zu sagen haben wird, zuweilen indessen werden 
auch solche Erwartungen getäuscht ; diesmal aber nicht. 



Es ist kein im eminenten Sinne »grossesa Werk, welches 
man vor sich hat, wie denn das in diesem Sinne »Grosse«, 
welches man zuweilen auch das »Monumentale« nennt, 
in unseren Tagen im Gebiete der Kunst überhaupt schwer 
zu finden sein möchte, und wie Bargiel selbst sich bisher 
weit mehr als Meister des Feinen, Zarten, Reizenden ge- 
zeigt hat, hierin aber auch, ohne doch im Geringsten in's 
Unmännliche, Weichliche zu fallen, iso ziemlich alle seine 
Mitstrebenden übertreffend; denn Liebenswürdige- 
res und zugleich durchaus vom Hauche ächter Kunst Be- 
rührtes, als einige Gebilde dieses Tondichters, ist uns 
auf dem Gebiete neuester Tonkunst Weniges bekannt. 

In dem vorliegenden Werke ' nun unternimmt der 
Künstler einen Flug in höhere Regionen, als in denen wir 
ihm bisher begegnet. Und seine Schwingen, die er gleich 
zu Anfang mit stolzer, muthiger Zuversicht entfaltet, tra- 
gen ihn zu recht erfreulichen Höhen und laiisen ihn die 
Ziele, die er anstrebt, meist in glücklichster Weise errei- 
chen. Vor allem ist das Werk ei;i achtes Kunstwerk, acht 
musikalisch gedacht und empfunden, mit feinem, heiterem 
Geiste entworfen und ausgeführt, vor allem auch reich an 
eigenthümlicher Erfindung, deren Mangel bekanntlich nur 
zu häufig als die eigentliche partie faible neuerer Compo- 
sitionen erscheint. — Durch eben diesen Cardinal-Vorzug 
zeichnet sich insbesondere gleich der erste Satz aus , ein 
Allegro energico im %- Rhythmus. Die specielle Eigen- 
thümlichkeit BargieKs, welche seinen Productionen^meist 
einen so unverkennbaren Stempel aufdrückt, tritt hier ins- 
besondere in einigen Mittel- und Neben-Motiven hervor, 
wie den folgenden : 



gitf^r^-n^^^^ üf 



und vor allem : 



Sva bassa 
Viola 







Gerade die reiche und eigenlhümliche Erfindung in den 
melodiösen Mittel- und Neben-Motiven ist die glänzendste 
Seite dieses Satzes ; nicht ganz so glücklich ist der Künst- 
ler in der Durchführung des Hauptmotivs im zweiten 
Theile, als welches das folgende anzuführen ist : 

48* 



iOi 



Nr. 13. 



I 



Streichquartett unisono. 



bis 



• • • • 

das im Verlauf dor gedachton Durchführung jedoch eine 
sehr entschiedene und , es ISsst sich nicht leugnen , sogar 
ein wenig bedenkliche , fatale , weil sich sogar, zumal in 
rhythmischer Beziehung, aufdringlich bemerkbar machende 
Aehnlichkeit mit einem Hauptmotiv der Egmontr-Ouver- 
tOre hervortreten lässt, nämlich von der Stelle an : 






Seite ii Takt 4 der Partitur bis Seite 33 , wo nach der 
vorhergehenden stürmischen Bewegung recht anmuthig 
und geistreich das oben zuerst verzeichnete Motiv wieder 
in d^r Oboe, aber in Cis~moll und auf ruhenden Bässen 
zum Vorschein kommt und dann auch wieder von S. 39 
bis 42 zu einer wahrhaft genialen Durchführung in der 
Tonika auf einem 20taktigen, von einem ununterbrochenen 
Paukenwirbel getragenen Orgelpunkte , und zugleich zur 
Ruckleitung in den Beginn des Satzes benutzt wird. — 
Sieht man einzig und allein von der bemerkten, ein wenig 
fatalen Reminiscenz ab , so kann man ausserdem dem so 
geist- und lebensvoll entworfenen und ausgeführten Satze, 
der in seiner künstlerischen Einheit doch die reichste 
Mannigfaltigkeit, die schönsten und genialsten Details in 
sich birgt, die lebhafteste Anerkennung nicht versagen. 

Das Andante [con moto V«) steht in A-moIl und entfaltet 
zuerst in breiter VTeise einpn romanzenartigen elegischen 
Gesang, leitet dann nach F~dur über, in welcher Tonart 
eine zweite sehr hübsch erfundene, von den Blasern vor- 
getragene und von den Streichinstramenten altemirend 
mit Achteltriolen begleitete Cantilene auftritt, um dann 
natürlich der ersten Bildung wieder zu weichen. Haltung 
und Färbung des ganzen Satzes, erinnert sehr lebhaft an 
CoDipositionen Gade's , insbesondere auch die aushallende 
Art des Schlusses. 

Als dritter Satz erscheint ein MenueltO' mit folgendem 
sehr glücklich erfundenen Thema : 

3. Violioe und 4 . Violine im Unisono der höheren Octave. 



wm.!7mi:±Sim . 



-ny 



u 



^ 



^ 



Cello, Viola und Fagott. 



^^^^^M 



^ 



m 



T 



m 



Nun wird der Satz vom zweiten Takte an in der Umkeh- 
rung fortgeführt und schliesst mit einer, ein wenig an das 
Scherzo der Beethoven'schen Cdur-Symphonie erinnern- 
den Figip*.: i~^^- 



P^ 



:, welche auch (in, der Tonika) 



den völligen Sobloss des anilnithig und kunstreich durch- 



geführten Satzes bildet. Die dem Schlüsse vorhergehende 
codaartige , auch nach der dem Trio folgenden Wieder- 
holung in einer wirklichen angehängten Coda weiter durch- 
geführte Stelle : 
Flöte. 






e£ 



Clarinette (und Fagott eine Octave tiefer) 



r^^^&^S' 



m 



erinnert fast unwiderstohlich an die naive Manier Haydn's. 
Auch das durch folgenden melodischen Gang der Hör— 
ner eingeleitete Trio : 
Hörner in F. 




zeichnet sich im Ganzen durch Lieblichkeit und im Ein- 
zelnen durch manchen interessanten Zug, wie z. B. den 
kühn gebildeten Vorhalt im i. und 6. Takte von Seite 
116 aus. 

Vfir haben schon bemerkt, dass die stärkste Seite un- 
seres Künstlers gerade diejenige sei, welche in neueren 
Compositionen gemeiniglich als die schwächere erscheint, 
nämlich die Erfindung. Dies finden wir in dem so geist- 
reichen und reiz vol len Thema des Finale neuerlich bestätigt : 
Aüsffro moUo. 



I 



3fc 



^ 



esm 



U44ii tP i | I I 



^ 



^^trfl'\n^r:f \lt^^: 



(Von der ersten Violine vorgetragen , von der zweiten und der Viola 
I tremolando, vom 5. Takte an auch von einem Haltetone der Oboe 
c, dann d begleitet.) 

I Der ganze Satz entfaltet sich in reichstem Glänze und 
•; hat durchaus acht symphonisches Gepräge ; die rein mu- 
1 sikalisch'contrapunktisohe Arbeit darin ist höchst aner- 
; kennenswerth. Das Motiv des Mittelsatzes, in A-moll ge- 
stellt, erinnert wieder ein wenig, wie einzelne Partien des 
ganzen Werkes überhaupt, an Sohubert's C dur-Synipho- 
nie. Besonders schön gedacht ist der Eintritt des Haupt- 
;motivs in Flöten und Glarinetten in Des-dur (S. 165 der 
Partitur) , die ganze Art der Behandlung dieser Stelle und 
wie sie zur R()okfähning des Hauptsatzes benutzt wird. 

Emige Längen könnten vielleicht , wenn man am Ein- 
zelnen mäkeln wollte, im Andante und Finale in den 
DurchfÜhrungstheilen bemerkt werden. Aber sonst bleibt 
es im Ganzen, wie im Einzelnen ein durchaus erfreuliches, 
höchst anerkennnngawerthes Werk, welches auch seine 
' theilweise treffliche Wirkung bereits z.B. gelegentlieh einer 
Aufführung in einem der Gewandhaus-Goncerte (unter der 
eigenen Leitung des Componisten) bewährt hat. 

Das Werk füllt in der (zwar nur lithographirten, aber 
ddich sehr sauber ausgestatteton] Partitur 189 Seiten; ist 
aber den Kunstfreunden aurh in einem vom Componisten 



Nr. 43. 



.405 



sefbst verfertigten vierhändigen Clavierauszuge zugäng- 
lich und Joseph Joachim zugeeignet. 



V^bertslbht n6u erschienöner Bücher uild 
Broschüren über Musik. 

S. B. Das wichtigste and ^erthvoUste Buch unter den uns 
vorliegenden Arbeiten auf verschiedenen Gebieten der musi- 
kalischen Literatur scheint uns eine gelehrte Abhandlung, die 
in der Librairie A. Franek in Paris in prachtvoller Ausstattung 
erschtetien ist undsich betitelt : »Etudes sur ta musique grecque, 
le plaifh-chaM el'laionalite moderne«, par Alive Tiron, Wir 
iheikto hier vorHIafig.das InbaHsverzeichniss mit: 

Etüde I. — Einleitung. Von der Musik bei den Griechen; von ihrem 
Vorrang unter den Wissenschaften und Kü&sten ; von ihrem 
moralischen und politischen Einflass ; von den Schwierigkei- 
ten, welche ihr Studium bietet. 

Etüde II. — Von den' wesentlichen ^Grundelementen der griechi- 
schen Musik, und, im Besonderen, von dem Intervall der 
Quarte , von der Leyer in ihrer ursprünglichen Gestalt und 
ihren aUmttligeo Veränderungen ; vom Tetrachord und seinen 
melodischen Theilungen ; von den ersten Systemen und ihrer 
aHmfifigen Ausdehnung ; von den diatohischen, chromatischen 
und enharmonischen Geschlechtem. 

Einde 111. — Von den verbundenen , getrennten und unwandel- 
baren Systemen ; von den fundamentalen Tropen und ihren 
Piagalen. 

Etüde IV. — Von den sieben Tropen "der alten Griechen ; von ver- 
schiedenen anderen Tropen und vorzüglich dem mlxoly- 
dischen ; von der Anwendung auf die Fundamental-Tropen 
der chromatischen und enharmonischen Geschlechter. 

Etüde V. — Aufstellung einer neuen Theorie Über die Aehnlichkeit 
der Töne mit den prismatischen Farben ; von den fünftönigen 
Tonarten. 

EtMeVt. — Von den Unregelmässigkeiten des musikalischen 
Systems der Griechen , abgeleitet von der Aehnlichkeit der 
Töne mit den Farben ; von den Schlussnoten und Cadenzen ; 
von der Theorie des Aristoxenus im Gegensatz zu der der 
Pythagortf er ; von den melodischen Licenzen [tol^rance] und der 
chromatischen Annäherung. 

Etüde VII. -^ VonI Organ der Stimme; vom Ursprung der Poesie 
und des Gesanges; vom Rhythmus und Metrum; von den 
physischen und moralischen Wirkungen des Rhythmus und 
der Melodie ; vom musikalischen Unterricht ; von der Nota- 
tion ; von der Melopoö; von den Metabolen ; von der Musik im 
Theater, von den InsVrutnenten und der Instrumentalmusik ; 
von den muimeSK im Allgemeinen ; von den verschiedenen Cha- 
rakteren der Geschlechter igenires) und Tropen. 

Etüde VUI. — Von der Musik im christlichen Cultus ; vom Ambro- 
sianischen Gesang ; von den authenUschen und plagahschen 
Tonarten des Chorals ; von ihren Beziehungen zu dem musi- 
kalisi^hen System der Griechen ; von der Belehrung, welche 
man aus der alten Musik und dem Choral zu Gunsten der 
modernen Tonalitat ziehen kann; von der chromatischen 
phrygischen Tonleiter. Schluss. Ergänzende Anmerkungen. 

ZünSchst nennen wir dann eine Broschüre vorwiegend po- 
lemischen Charakters : »Haydn , Mozart und Beethoven's Kir- 
chenmusik und ihre katholischen und protestantischen Gegnera 
▼on Dr. Fr. Lorenz. Der Verfasser, Arzl in Wiener-Neusladt, 
in Mosikkretsen als Mozart-Enthusiast bekannt, von Jahn und 
Köchel mehrfach ehrenvoll erwähnt , auch den Lesern unserer 
»Deutschen Musikzeitungc durch mehrere Mozart betreffende 
Aafeitze vielleicht noch in Erinnerung, ist unter den Eindrücken 
der specifisch Österreichischen Kirchenmusik aufgewachsen, und 
hat sich in dieselbe so eingelebt, dass jede andere Anschauung 
über das Wesen der Kirchenmusik und des von den Meistern 
auf diesem Gebiet Geschaffenen ihm unbegreiflich und lediglich 
als Attsfluss einer unberechtigten Opposition erscheint. Seine 
vorliegende Schrift, die sich hauptsächlich gegen den Pfarrer 
Weber in Cöln, dann gegen Thibaut richtet, unter der Hand 
aber auch verschiedene Schläge (ins Wasser?) an Andere aus- 
theiH, ist, mtnn man den Standpunkt des Verfassers berück- 
sichtigt, mit ziemlicher Ruhe und möglichst gutem Willen eine 



Verständigung anzubahnen, geschrieben, und verdient jadeii- 
falls gelesen zu werden. Eine Entscheidung in den ob- 
schwebenden Fragen herbeizuführen, scheint sie uns deshalb 
nicht geeignet, weil der Verfasser merklich mit jener Musik zu 
wenig oder gar nicht vertraut ist, deren Bekanntwerden eben 
die vorhandene, seiner Meinung nach verkehrte Opposition 
gegen die Wiener Kirchenmusik im Allgemeinen hervorgerufen 
hat. Auch scheint er nicht gesonnen , neben den praktischen 
und pietätischen Gesichtspunkten einen kritischen, den der wis- 
senschaftlichen Betrachtung und freien Meinungsäusserung gel- 
ten zu lassen. Näher auf die jedenfalls interessante, recht 
lebendig geschriebene Apologie einzugehen, muss einer andern 
Rubrik unserer Zeitung vorbehalten werden. 

Wir knüpfen hieran die Erwähnung einer kleinen, soeben 
bei Lissner in Leipzig erschienenen Schrift: »Die Zauberflöte. 
Text-Erläuterungen für alle Verehrer Mozart's« (nebst dem voll- 
ständigen Text der Zauberflöte. Der Reinertrag ist zur Her- 
stellung einer Büste Mozarfs für das neue Schauspielhaus in , 
Leipzig bestimmt). Der ungenannte Verfasser bekennt sich als 
Freimaurer, und sucht das immer noch stark verbreitete Vor- 
urtheil zu entkräften, nach welchem der Text der Zauberflöte 
abgeschmackt und sinnlos wäre. Die Schrift schildert zuerst 
W. A. Mozart in seiner Eigenschaft als Freimaurer, und geht 
dann in drei Capileln auf die Zauberflöte ein , indem Text und 
Personen in entschiedenen Bezug zu den Gebräuchen und 
Tendenzen der Freimaurer, dann in besondere Verbindung mit 
damals lebenden grossen Persönlichkeiten gebracht werden. 
So will der Verfasser unter der Königin der Nacht die Kaiserin 
Maria Theresia, unter Tamino den Kaiser Joseph U., unter der 
Pamina das österreichische Volk, unter Sarastro den Maurer 
Born, unter Monostatds die päbstliche Klerisei und das Mönch- 
thum verstanden wissen. (Schluss folgt.) 



Berichte. 

Wien. X "Esser's zweite Orchestersuite (in A-moll) gelangte 
als Novität in dem sechsten philharmonischen Concerte zur 
Aufführung und erfreute sich einer glänzenden Aufnahme. 
Namentlich waren es die beiden Mittelsätze: ein reizendes 
Allegretto und ein Andante, auf sinnreiche Weise variirt, welche 
stürmischen Beifall hervorriefen und die Wiederholung des 
letztgenannten Salzes zur Folge hatten. Der erste Satz impo- 
nirt durch seinen kräftigen, schön gegliederten Bau, der letzte, 
ein feuriges Allegro, fällt gegen die übrigen Sätze etwas ab. 
Der Totaleindruck, welchen diese bedeutende Composition her- 
vorbrachte, gestaltete sich zu einem überaus günstigen, und es 
war vorauszusehen, dass Meister Franz Lachner, der seine 
neue ebenfalls viersätzige Suite (in Es-dur) acht Tage später 
in dem vierten GesellschafUconcerte vorführte, Angesichts des 
von seinem Schüler Esser errungenen Erfolges, einen ziemlich 
harten Stande haben werde. Die Lachner'sche Suite hat auch 
in der That kaum mehr als einen Ehrenerfolg errungen, wäh- 
rend ihre Vorgängerinnen (in D-molI und E-moll) entschiedei? 
durchgegriffen hatten. Letztere wirkten durch Frische und 
Originalität, wogegen in der neuesten Suite dje unleugbar 
kunstvolle Arbeit und namentlich auch die Meisterschaft in der 
Instrumentirung über eine gewisse Trockenheit des Stils nicht 
hinauszuhclfen vermögen. Dass die Suite viel des Schönen 
enthält, versteht sich bei Lachner wohl von selbst, und die 
Variationen über das Thema des zweiten Satzes (Andante, As- 
dur %), sowie die prächtig sich aufbauende Fuge des Finale 
(Gigue überschrieben) zählen wohl zu dem Bedeutendsten, was 
in neuester Zeit auf dem Gebiet der grossen Iiiistrumentalmusik 
geschaffen worden ist. Die Rüstigkeit, mit welcher der Alt- 
meistei' nicht nur selbem Dirrgentenamte vorsteht, sondern 



106 



Nr. 13. 



fortaix noch schöpferisoh wirkt (eine Suite in F-moIl, der Reihe 
nach äie dritte, ist hier noch unbekannt) , verdient jedenfalls 
aufrichtige Bewunderung. In dem besagten philharmonischen 
Concert sang Herr Gunz (von Hannover) Beethoven*s Lieder- 
kreis, ohne das Publicum damit zu erwärmen. Die GmbH- 
Symphonie von Mozart, nach langer Pause wieder zu Gehör 
gebracht, fand, obgleich nichts weniger als fein ausgeführt, 
doch eine dankbare Zuhörerschaft. — Das vierte Gesellschafts- 
concert brach te, nebst Lachner's Suite, die Ouvertüre zu »Se- 
miramis« von Gate), den 43. Psalm von Mendelssohn, der, so- 
wie auch Schumann's »Schön Rohtraut « wiederholt werden 
musste, und den Chor: »Der Traum« ebenfalls von Schumann. 
— In dem siebenten philharmonischen Concert fanden die bei- 
den Entr'acte zu »Rosamunde« von Fr. Schubert abermals die 
wärmste Aufnahme ; Händefs »Wassermusik« (als neu aufge- 
führt) erweckte mehr ein historisches Interesse ; erst die vor- 
letzte Nummer (die Menuett) brach etwas das Eis und wurde 
zur Wiederholung verlangt. Den Schluss bildete Schumann*s 
B dur-Symphonie. 

Fräul. Auguste Rolär aus Prag trug in dem Orchester- 
vereinsconcert Schumann's A moll-Concert vor und erntete für 
ihre treffliche Leistung ungetheilten Beifall. Das Fräulein scheint 
sich in Wien als Lehrerin niederlassen zu wollen. — Ein paar 
sogenannte »Yirtuosenconcertea gingen unbeachtet vorüber. — 
Die Aufführung des Requiems für Männerchor von Clierubini 
durch den »Männergesangverein« in der Auguslinerkirche war 
eine höchst gelungene und erregte allgemeines Interesse. Meh- 
rere Stücke daraus zieren das Programm des demnächst statt- 
findenden Männergesangverein-Conoerts , in welchem diesmal 
auch alte geistliche Gesänge von Orlando Lasso, Melchior 
Frank u.s. w. zu Gehör gebracht werden. — Der academische 
Gesangverein beging in diesen Tagen eine musikalisch-decla- 
matorische Rückertfeier, an welcher sich auch die wiederer- 
standene »Singacademie« mit Beethoven's »Elegischer Gesang« 
betheiligte. Männerchöre von Schumann, Mendelssohn, Schu- 
bert, Silcher u. s. w. , durchgehends auf Texte von Rückert 
componirt, füllten den grössten Theil des Abends. 

Die »Afrikanerina hat wieder neues Leben in das Hofopern- 
theater gebracht. Die Oper ist in allen Rollen vortrefflich be- 
setzt und reich ausgestattet ; kein Wunder , dass das Haus für 
lange Zeit hinaus ein »ausverkauftes« ist. Das Urtheil des intel- 
ligenteren Theiles des Publicums ist übrigens schon nach der 
Generalprobe dahin ausgefallen , dass diese Oper hinter »Ro- 
bert«, »Prophet« und »Hugenotten« entschieden zurückstehe und 
im Ganzen genommen ein an Erfindung armes, alterschwaches 
Werk sei. Unter den Solisten ragen besonders Frl. Bettellieim 
(Selica) und Beck (Nelusco) hervor: Letzterer dürfte in dieser 
Partie kaum einen Rivalen haben. Die Partitur ist schon nach 
der zweiten Vorstellung um ein Erkleckliches gekürzt worden. 
In den folgenden zwei Monate« soll die Afrikanerin abwech- 
selnd mit italienischer Oper gegeben werden. 



Leipzig. Vierte und letzte Abend Unterhaltung für Kammer- 
musik im Gewandhause. (Quintett für Streichinstrumente und 
Clarinette von Mozart. Sonate für Pianoforte und Hörn von 
Beethoven. »Octett« für Streichinstrumente, Clarinette, Hörn 
und Fagott von Schubert.) 

S. B. Wenn man nicht die seltsamen, beinahe amüsanten 
Umstände kennte, welche das obige Programm veranlassten, 
so wäre man versucht^ an die veranstaltenden Musiker eine 
ernsthafte Frage zu richten, und zwar die, ob es der Kunst und 
eines Kunstinstituts wie das »Gewandhaus« würdig sei, den 
Schluss einer Saison mit drei Werken zu machen, die von ihren 
Verfassern gelegentlich, ohne Innern Antrieb, sondern auf 
äussere Veranlassung hin in kürzester Frist hingeschrieben 



wurden.*) Die drei Meister haben es allerdings verstanden, 
»in kürzester Frist« sehr hübsche und sogar ausgedehnte Werke 
zu schreiben ; dass aber in solchen ein besonders bedeutsamer 
Gehalt nicht ausgesprochen sei, geben selbst ihre eDthusiasti- 
schen Biographen zu. Bei Gelegenheiten, wie die obige, dürfte 
denn doch die Forderung gestellt werden, jeden Meister durch 
ein Werk zu vertreten, das ihn von einer bedeutenden Seite 
zeigt. Am meisten war dies noch bei Schubert der Fall, dessen 
Octett abermals (worüber wir schon in der »Deutschen Mosik- 
zeitung« 1862 S. 5 und 4 63 klagten), nach den gestochenen 
Stimmen gespielt wurde, also unvollständig (»grosse Eile« soll 
das Hinderniss gewesen sein, die fehlenden Stöcke herbeizu- 
schaffen). Die Ausführung der Stücke durch die Herren Rei- 
necke, David, Röntgen, Hermann, Lübeck, Backhaus (Contra- 
bass), Landgraf (Clarinette), Gumpert (Hörn) und Weissenbom 
(Fagott) war im Ganzen trefflich, und das Publicum unterhielt 
sich königlich. Häufigere naive Productionen dieser Art müss- 
ten aber das Publicum zu einer nicht unbedenklichen Naivetät 
des Kunststandpunkts und endlich zur Unfähigkeit führen» ern- 
stere, schwerer zu fassende Kunstwerke zu würdigen und zu 
gemessen. Hoffen wir, dass der nächste Winter die Möglich- 
keit biete, wieder einen höheren Ton anzustimmen und durch- 
zuführen. 

Entschieden würdig schlössen dagegen die grossen Abon- 
nement-Concerte die Saison mit folgendem Programm : 
Erster Theil: Symphonie in B (Nr. it der Breitkopf und 
Härterschen Ausgabe) von Jos. Haydn. Loreley-Finale von 
Mendelssohn. Zweiter Theil: Neunte Symphonie von 
Beethoven. — Da wir dieses Concert nicht selbst besucht 
haben, so begnügen wir uns mit der Mittheilung , dass es uns 
als vorzüglich gelungen gerühmt wurde. Das Sopran-Solo im 
Mendelssohn'schen Werke wurde von Frau Schlegel-Köster 
aus Weimar mit schöner Stimme, grosser Kraft und Kunst zur 
Geltung gebracht ; ebenso in der Neunten Symphonie, wo noch 
Frau Pögner, dann die Herren Schild und Sabbat an den 
Solos betheiligt waren. Was diese Symphonie betrifft, so ver- 
weisen wir auf unsere früheren Berichte über die Leipziger 
Aufführungen derselben ; es hat sich daran nichts geändert. 



Nachrichten. 

London. Joachim . der herrliche Künstler von achtem Schrot 
und Korn fuhr fort, in den monday poptdar-Concer^n zu entzücken. 
Athemlos lauschte der vollgedrängte Saal seinem meisterhaften Spiel, 
das in solcher Vollendung unvergleichlich zu nennen ist. Wie er 
sich den. verschiedenartigsten Compositionen anzuschmiegen ver- 
steht, bewies er wieder im achten dieser Concerte. Mit der ent- 
sprechenden Auffassung And der gleichen Liebe tdnte sein Zauber- 
bogen in Beetboven's Quartett Op. 435, dessen wunderbares Lento 
assai repetirt werden musste ; im Prelude, Loure, Menuett und Ga- 
votte (E-dur) von Bach und m dem reizenden , hier zum ersten Mal 
aufgeführten Trio für Pianoforte, Violine und Cello von Haydn. Wie 
es zu erwarten war, steht die Wiederholung des herrlichen Mozart'- 
schen Divertimento (Es-dur) bevor, diesmal von dem Ktinstlerklee- 
blalt Joachim, Straus und Piatti aufgeführt. Straus übernahm seit 
dem Tode des vi ei bedauerten H. Webb die Viola ; dafür gab nun 
auch im nächsten Haydn'schen Quartett (Op. 77 Nr. 2) Joachim die 
erste Violine an Straus ab und übernahm selbst die Viola , die zwei 
andern im Bande waren der thtftige L. Ries und der stets will- 
kommene Piatli. — Die englische Oper in Covent-Garden -Theater 
wurde unerwartet am 4 7. Februar geschlossen. Seit Weihnachten 
schleppte sich »die Opera mit einer Pantomime fort; doch die Ge- 
schäfte gingen immer flauer und das untere Personal fühlte keinen 
Beruf, ohne Bezahlung weiter zu dienen. Drury-lane-Theater will 



*) Mozart componirte (nach Jahn) das Quintett am 29. Septbr. 
4 789 für den »ClarinettisteU und leichtsinnigen Freund« Ant. Stadler; 
Beethoven die Horn-Sonate (laut Ries) für den Hornisten Punto am 
4 7. und 48. April 4800, zu dessen Concert, das am 48. April statt- 
fand. Schubert das Octett (laut Kreissie) auf Bestellung des Grafen 
F. Troyer (der die Clarinette blies) im Februar 4834 »und war am 
ersten März damit fertig«. 



Nr. 13. 



107 



nun unter Benedict im April anfangen , ebenfalls d^n gef^hriichen 
Eisgang zu wagen und zum so und so vielsten Mal den Anlauf zu einer 
eoglischen Oper zu nehmen. — Im Crystali-Palast wird Gounod's 
»Irene« repetirt und ehestens eine neue Symphonie von Arthur S. 
Sullivan erwartet. Die Musical Society kimdigt für ihr erstes Concert 
am 7. März die Ouvertüren »König Lear« von Berlioz, »Vampyr« von 
Marschner, BSommernacbtstraum« von Mendelssohn an ; ferimr ein 
Concertsolo für Clarinette und Orchester von Silas und die fünfte 
Symphonie von Beethoven. 

Paris. C. B. Wir werden nun bald hier unsere drei Don Juans 
haben. Das Th^Atre italim hat den seinigen mit der Patti als Zerline 
und delle Sedie in der Titelrolle gegeben. Die grosse Oper bestimmte 
für dieselben Rollen die Gueymard und den unübertrefflichen Faore ; 
auch das Thäätre lyrique setzte das herrliche Mozart' sehe Werk wie- 
derum auf sein Repertoire. Bei dieser Gelegenheit cilirte man das 
Urtheil des ersten Napoleon über den Don Juan, welcher die Oper 
in Wien gehört hatte und darüber entzückt war. Ein grosses Glück 
für Mozart! Unter uns gesagt, glaube ich, dass der dritte Napoleon 
an der Offenbach'schen Muse, von Mademoiselle Therese zu schwei- 
gen, weit mehr Gefallen findet. — Die Italiener wiederholen eine 
ziemlich unbedeutende Oper des Prinzen Poniatowski : den Don De- 
siderio. Auf dem Thddtre lyriqw werden bald »Die lustigen Weiber 
von Windsor« von Nicolai mit dem Don Juan abwechseln. Bis jetzt 
ist hier nur die Ouvertüre bekannt, jedoch glaube ich dem Werke 
den besten Erfolg versprechen zu können. Um den Triumph der 
deutschen Musik zu vollenden, geht jetzt in der komischen Oper 
die »Zilda« von Flotow in Scene, so dass auf diese Weise alle un- 
sere bedeutenden Theater sich von deutschem Ueberflusse nähren. 
Um doch die französischen Componisten nicht ganz zu übergehen, 
sagt man, werde die grosse Oper den »Hamlet« von Ambroise Tho- 
mas zur Aufführung bringen , doch ist das bis jetzt noch ein ganz 
unverbürgtes Gerücht. 

Frankfurt a. M. Das siebente bis zehnte Concert des Mu- 
seums brachte an Symphonien : Haydn G-dur*/«; Mozart D-dur ohne 
Menuett; Beethoven Nr. 8 F-dur und Burgmüller D-dur; an Ouver- 
türen : Valerie von Aloys Schmitt, Faust von Spohr und Abenceragen 
von Cherubini ; ferner zwei Zwischenacte zu Schubert's Rosamundo 
und Mozart's Musik zu König Thamos. Das Ciavierspiel war durch 
Frl. Mehlig aus Stuttgart und, Herrn Wallenstein von hier, das Vio- 
ÜDSpiel durch die Herren Hugo Wehrle aus Donaueschingen und Carl 
Bargbeer aus Detmold, das Violoncell durch Hrn. Louis Lübeck aus 
Leipzig vertreten. Fräul. Garthe aus Hannover und Waldmann aus 
Wiesbaden, sowie Herr Carl Hill von hier hatten die Gesänge über- 
nommen. — Herr Ernst Pauer gab zum Besten der Mozartstiftung 
ein historisches Concert, in welchem er Ciavierstücke von D. Scar- 
latti bis Liszt vortrug ; Herr C. Hill und der Liederkranz unterstütz- 
ten ihn durch Gesänge von A. Scarlatti bis Schubert und Mendels- 
sohn. — Auch Herrund Frau Marchesi gaben ein recht interessantes 
zweites historisches Concert, dessen Programm die schon bekannten 
Nummern von Porpora bis zu »Italiana in Algieri« brachte. Die Herren 
Heermann und Buhl hatten das Violin- und Ciavierspiel übernommen. 

Ueber die in Hannover kürzlich aufgeführten Compositionen 
von G. Satter schreibt der »Hannoversche Courier« u. A. : Sowohl 
das Clavier-Concert wie die Symphonie sind Werke ohne jede Ori- 
ginalität, ohne jede Empfindung, ohne eine Spur irgend weicher mu- 
sikalischen Schönheit, sie erscheinen als ein ganz talentlos zusam- 



mengewürfeltes Conglomerat von allerlei Reminiscenzen, oberfläch- 
lichen musikalischen Phrasen und erschreckenden Trivialitäten, wel- 
ches noch obendrein mit einer anspruchsvollen Breitspurigkeit 
auftritt, die bei der traurigen Oede des Inhalts um so abstossender 
wirkt. 

Liszt's »Graner- Messe« wurde in P a r i s unter der Leitung ihres 
Autors in der Kirche Saint-Eustache aufgeführt und zwar zum Besten 
der Schulen des zweiten Arrondissements, \^ eichen diese Aufführung 
50,000 Frcs. einbrachte. Die Pariser Musiker scheinen von der Com- 
position nicht eben erbaut gewesen zu sein. 

Eine Lebensbeschreibung des Componisten Dr. C. Löwe in 
Stettin, von seiner Tochter geschrieben, steht in Aussicht. 

Der Amerikaner U 1 1 m a n n , nicht zufrieden in Deutschland das 
Virtuosenthum in grossem Maassstabe wieder einzufuhren, wollte 
auch der Zukunftsmusik seine Dienste weihen und hatte Berliöz ein- 
geladen, in Wien Monstre-Concerte zu dirigiren, die er zu veranstal- 
ten beabsichtigte. Berlioz ist aber nicht darauf eingegangen, angeb- 
lich, weil das Orchester, das ihm Ullmann stellen wollte, nicht für 
seine Effecte hinreiche. 

Der erste Band von »Beethoven's Leben« von A. W. Thayer 
befindet sich (in deutscher Uebersetzung) bereits unter der Presse 
und wird in Berlin erscheinen. 

Fe rd. Hill er hat in Cöln kürzlich musikgeschichtliche Vor- 
lesungen gehalten. 

Nach dem »Menestrel« sind verschiedene bisher unbekannte 
Cantaten von A. Stradella aufgefunden worden. 

Job. Gottfried Audi ng, Cantor und Musikdirector in Lüne- 
burg, starb am H.Febr. 4866 in seinem 77. Lebensjahre. Er war in 
Ober-Scbönau bei Schmalkalden in Thüringen geboren am 4. Sept. 
4 789 und als Schüler auch vom Organisten Vierling ward er zuerst 
als Lehrer in Schmalkalden angestellt, kam aber bald nach Carls- 
haven, wo er sich auch verheirathete. Von da erhielt er die Cantor- 
und Gymnasiallehrerstelle (Clas^nlehrer von Sexta) in Clausthal auf 
dem Harze, und im Jahre 4824 ward er als Cantor und Musikdirec- 
tor und als Lehrer des Gymnasii in Lüneburg berufen, wo auch im 
Jahre 4855 am 24. Juni sein 50jähriges und im Jahre 4865 sein 60- 
jähriges Dienstjubiläum unter Zeichen vieler allgemeiner Liebe und 
Verehrung gefeiert wurde. Bei Cranz im Hamburg sind von ihm 
einige Compositionen für Pianoforte und für gemischten Sängerchor 
erschienen; ausserdem erschien eine Anleitung zum Singen nach 
Ziffern und ein Choral-Melodienbuch, zunöchst zum Gebrauch für die 
Kirchen und Schulen Lüneburgs, in Lüneburg im Druck. 

Leipzig. Der Pianist Herr Carl Petersilea aus Boston, 
früherer Schüler des hiesigen Conservatoriums, veranstaltete am 
24. März im Conservatoriumssaale eine »Soiree« unter Mitwirkung; 
einiger Zöglinge, in welchem er Beethoven's C moU-Sonate mit Vio- 
line, S. Bach's A moü-Orgel-Fuge, Richter's Cismoll-Sonate, Schu- 
mann's Cdur-Phantasie und Chopin's Asdur^olooaise zum Besten 
gab. Das Spiel des Herrn Petersilea ist für jetzt in Kürze dahin zu 
charakterisiren , dass es eine bedeutende technische Ausbildung, 
guten Anschlag und ungewöhnliche Kraft verräth. Das eigentlich 
Musilcaiisch-Poelische ist vorläufig bei Herrn Petersilea noch sehr 
wenig entwickelt und reicht sein Spiel nach dieser Richtung an Werke, 
wie z. B. die Schumann'sche Phantasie, noch lange nicht hinan. Am 
besten gelang verhältnissmässig die Ricbter'sche Sonate. 



AN ZEIGE R 
Conservatorium für Musik in Stuttgart. 



[59] 



Mit dem Anfang des Sommersemesters, den 16. April d. J., können in diese, für vollständige Ausbildung sowohl von Künstlern, 
als auch insbesondere von Lehrern und Lehrerinnen bestimmte Anstalt, welche aus Staatsmitteln subventionirt ist, neue Schüler und 
Schülerinnen eintreten. 

Der Unterricht erstreckt sich auf Elementar-, Chor- und Sologesang, Ciavier-, Orgel-, Vioiin- und Violoncellspiel, Tonsatzlehre 
(Harmonielehre, Contrapunkt, Formenlehre, Vocal- und Instrnmentalcomposition, nebst Partiturspiel), Geschichte der Musik, Methodik des 
Gesang- und Ciavierunterrichts, Orgelkunde, Declamation und italienische Sprache, und wird ertheilt von den Herren Stark, Kammersänger 
BanBOher» Lebert, Hofpianist Prackner» Speidel, Iievl, Professor Faisst, Hofmusiker Debuysöre, Hofmusiker Keller» Concertmeister 
Singer» Hofmusiker Boch» Concertmeister (^Itermaim, sowie von den Herren Alwens» Tod» Attdnger, Häuser» Beron» Hofschauspieler 
Arndt und Secretär Bunsler. Für das Ensemblespiel sind regelmässige Lectionen eingerichtet. Zur Uebung im öffentlichen Vortrag und im 
Orchesterspiel ist den dafür beOihigten Schülern ebenfalls Gelegenheit gegeben. 

Das jährliche Honorar für die gewöhnliche Zahl von Unterrichtsfächern beträgt für Schülerinnen 400 Gulden rhein. (57% Thlr., 
245 Frcs.), für Schüler 420 fl. (68% Thir., S57 Frcs.). Anmeldungen wollen vor der am 11. April stattfindenden Aufnahmeprüfung an die 
untei<zeichnete Stelle gerichtet werden, von welcher auch das ausführliche Programm der Anstalt unentgeldlich zu beziehen ist. 

Stuttgart im März 4866. 

Die Directlon des Conseryatoriums für Mnslk. 
Professor Dr. Fadsst. 



408 



Nr. <3. 



'''' Neue Musikalien 

im Verlage 
von Breitkopf und HSrtel in Leipzig. 

TUT. Ngr. 
Beethoven, L. van. Die Ruinen von Athen. Op. U9. Cla- 

vierauszog mit Text von P. Brissler 2 45 

Sonaten für Pianoforte und Yioloncel]. Arrangement 

für das Pianoforte zu 4 Händen. 

Nr. 4. Sonate. Op. 5. Nr. 4. in Fdur 4 20 

- 2. — Op. 5. Nr. 3. inGmolI 4 25 

- «. — Op. 69. in Adur 4 20 

- 4. — Op. 402. Nr. 4. in Cdur 4 — 

- • 5. — Op. 402. Nr. 2. iu Ddur 4 — 

Symphonies. Partition de Piano par F. Liszi. 

Nr. 8. Fa maj. (Fdur) ' 4 20 

- 9. Remin. (Drooli) S 40 

Chopin, F., 8 Mazurkas für Gesang eingerichtet von Pau- 

iine Viardot. 
Nr. 4. Tanzweise — 42i 

- 2. Des Kriegers Braut — 42i 

- 8. Der Geliebten Wiederkehr — 42i 

Gernsheim, F., Wächterlied aus der Neujahrsnacht des 

Jahres 4200. (Aus Scheffers »Frau Aventiure«.) Für Männer- 
chor und Orchester. Op. 7. Partitur — 25 

Grätzmaeher , Fr. , 8 Grandes Marches pour le Piano ä 
quatre mains. Op. 89. Nr. 4 — 20 

Lanibye, H. €•, Tänze. Arrangement für Pfte. und Flöte. 

Nr. 4. Eine Sommernacht in Dänemark. Galopp . . — 42i 

- 2. KroJl's BaUklänge. Walzer — 4 7| 

Tänze. Arrangement für Pianoforte und Violine. 

Nr. 4. Eine Sommernacht in Dänemark. Galopp . . — 42i 

- 2. Kroirs Ballklänge. Walzer — 474 

Mozart, W. A.« Sonaten für Pianoforte und Violine. Zum 

Gebrauch imConservatorium der Musik und zum Vortrag 
im Gewandhause zu Leipzig genau bezeichnet von F e r d. 
David. 
Nr. 42. Sonate in Es dur : . — «6 

- 43. — in Adur — 44 

- 44. — in Bdur — 28 

- 45. — in Bdur 4 2 

Dieselben. Arrangement für Pianoforte und Violonceil 

von Fr. Grützm acher. 
Nr. 42. Sonate in Esdur —26 

- 43. — in Adur — 44 

- 44. — in Bdur — 28 

- 45. — in Bdur 4 2 

Qeineck^ C, 3 Scaatinen f. das Pianoforte. Arrangement 

für das Pianoforte zu 4 Händen von R. Kleinmichel. 

Op. 47. Nr. 4—3 ä — 22i 

Scarlatti, Opm., Sonaten für Ciavier. Heft 3 4 45 

Sehainann, Bob., Adventlied von Fr. Rück er t für So- 
pran-Solo u. Chor mit Begleitung des Orchesters. Op. 74 . 
Partitur 3 45 

Manfred. Dramatisches Gedicht in drei Abtheilungen. 

Op. 4 45. Arrangement für das Pianoforte zu 4 Händen, 

von Aug. Hörn 4 45 



TV^olilfeil^te Pra.clita.ixsg'Al'^ von 

' Hajdn's 83 daartette. 

Verlag von A, ■• Payne. Leipzig, Dresden, Wien u. Berlin, 
Zu beziehen durch alle hiesigen Buch- und Musik ha ndlungen. 



[62] Von G. Köhler*« Buchhandlung (EmU MüUer) in Görlitz 

ist durch alle Buch- und Musikalienhandlungen zu beziehen : 

Irgang, W-, ^\ i^ und 3' Musikalischer Stundenplan für 
die technische Fingerbildung des Pianofortespielers. 
Preis ä 4 Thlr. 



[68] 



Mt Jltottergefongtimtee! 



In der Musikalienhandlung von Gebrüder Hng in Zürich ist 
soeben iarschienen : 

IJLedLejrliefite 

fQr einfachen und voiksmässigen Männergesang 

herausgegeben 

von Carl Ecker. 

Erstes Heft enthalt 5S Original- Volkslieder. 

Preis 10 8gr. 

W Verlag von Breitkopf und HSrtel in Leipzig. 

Symphonies de Beethoyen. 

Partition de Piano 



Nr. 4. Cdur . 

- 2. Ddur. 

- 8. Esdur 

- 4. Bdur . 


JH\ 


par 

T j i s z t* 

4 45 Nr. 5. Cmoll . . . 
2 -. - 6. Fdur. . . . 
a 45 - 7. Adur. . . . 
2 — _ fi FHiir ... - 


] 2 40 
. % 40 

4 30 


Nr. 9. 


D moU . 




. . 8 Thlr. 40 Ngr. 





[65] 



T 

Musika;lien-Nova Nr. 9, 



VerJlag Ton Praeger & Heier in Bremeii. 

Abt, F., Op. 806. Drei Lieder für Sopran oder Tenor. 7i — 4 Sgr. 
Dieselben für Alt oder Baryten. 7i— 40 Sgr. 

Blamental, J. Kleine Potpourris für Violina mit Pianoforte. Stra- 
della. Trovatore. Teil, ä 4 5 Sgr. 

Casorti, A., Op. 39. ä'B'Air vari^sur leViolonavecPiano. SSiSgr. 

Ueinrichseo , L. Frühlingspolka und PoljLa*Maiurka für Piano- 
forte. 7i Sgr. 

Hennes, A«, Op. 74. »Lenzfeier«, Salonstück für Pianoforte. a. Auf- 
lage. 4 7i Sgr. 

Hoffmann , F. Die Liebe Icauft man nicht. Lied mit Pianoforte. 
8. Auflage. 5 Sgr. 

Jansen, F., Op. 6. Sechs Gesänge für Sstimmigen Chor, für den 
Gebrauch in Schulen. Heft L Part. u. St. 22 1 Sgr. Heft IL 80 Sgr. 

LammerSi J., Op. 46. Neues Leben. Lied mit Pianoforte. Ausgabe 
für Alt oder Baryton. 48i Sgr. 

Rair,Joach.,Op.4a6. Drei Ciavierstücke. Nr. 4 . Menneit. iftiSgr. 
Nr. 2. Romanze. 4 2^ Sgr. Nr. 8. Qapriccietto. 45 Sgr. 

Ritter, K. A. Romanze für Cello und Pianoforte. 20 Sgr. 

Schubert, F. L., Op. 64. »Krholungsstunden«, 400 bekannte Opern- 
und Volksmelodien für den allerersten Anfang im Pianoforte4>iel 
mit Fingersatz und progressiv geordnet. Heft 8, 4 ä 45 Sgr. 

Weidt,B., Op. 79. Vier Lieder für eine Basssiimme mit Pianj^forte. 
^7iSgr. •■ '■" * 

SKb^'SSV'iS-Ä' '^ } — A„.g.be ä .i sgr. 
Hanseatisches Volkslied mit Pianoforte. 5 Sgr. 



[66] Im Verlage des Unterzeichneten erschien : 

Grosse Messe (in Es) 

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Chorstimmen i Tlilr. 

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Verlag von J. Rieter-Biedermanp in Leipzig und Winterthnr. — Druck von Breitkopf und Härte! in Leipzig. 



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Ilfohe Zeitung encheint regoimtMlg an 

Jedem Mittwoch und ist durch alle 

PcNtlatCTund Buchhandlungen 

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Leipziger Allgemeine 



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7ierteU«hrliohePrftnum. 1 Thlr. 10 Ngr. 

Anieigen : Die geapaltene Petitxeile oder 

deren Raum 2 Ngr. Briefe und Gelder 

werden franco erbeten. 



Mnsitalische Zeitung. 



Verantwortliclier Bedacteur: Selmar Bagge. 



Leipzig, 4. April 1866. 



Nr. 14. 



I. Jahrgang. 



Inhalt: Die Afrikanerin. IL (Schluss). — Recensionen (Gesangsmasik). — Uebersicht neu erschienener Bücher und Broschüren über 
Musik (Schluss) . — Berichte aus Holland und Leipzig. — Nachrichten. — Zeitungsschau. — Anzeiger. 



Die Afrikanerin. 

(Oper in «nf Acten von B. Scribe, Musik von G. Meyerbeer. Berlin, 
Bote nnd Bock.) 

II. 

(Schluss.) 
Der Anfang des dritten Acts ist uns, wie so man- 
ches Andere, was mit mebr oder weniger Recht der strei- 
chenden Hand des Gapellmeisters verfiel, grösstentheils 
nur aus dem Clavier-Auszug bekannt. Die Musik scheint 
anzudeuten, dass auf dem Schiff noch Alles in Schlummer 
rubt. Ines (oder Vasco^s) Abschiedslied, dann eine weiche 
H dur-Melodie , endlich ein Frauenchor in As-moll er- 
klingen, "^j Dieser Frauenchor, canoniscfa gehaUen und von 
einem Trio in As-dur gefolgt, hat ganz poetische Motive 
und würde uns gefallen, wenn nicht in den weichen Ton 
einige modulatorische, hier auch gar nicht motivirte Ge- 
waltsamkeiten störend eingriffen. Das Es-dur im fünften 
Takt ist als Gegensatz zu schroff; Es-moll wäre weit an- 
gemessener gewesen. Dies war aber Meyerbeer noch nicht 
genug ; es folgt gleich darauf ein in hohem Grade gezwunge- 

b? Ö7 b? B? 
ner und peinlicher Accordwechsel : if # . Hätte 



nicht diese Form : 



b7 



tl7 
b4 



b? H? 
3 b4 



Es E Es B 
dieselben Dienste ge- 



iban? Auch in dem folgenden hübschen Trio in As-dur 
genügt dem Gomponisten die Modulation nach C-moll 
nicht, er muss C-dur wählen, wodurch abermals ein 
harter Ruck entsteht. Nicht umhin können wir, bei dieser 
Gelegenheit auch einer declamatorisch unschönen Manier 
Meyerbeer's zu gedenken, wie er dergleichen leider so oft 
anwendet: im Trio Ifisst er die unteren Stimmen des 
Prauenchors zu der Melodie Folgendes singen : 

et dou -ce - merU etc. 
die fri-sche Luft (!) 

*) Diese Scene dürfte auf dem französischen Theater eine Aus- 
steilung reizender Morgentoiletten in der Damencajttte bezweckt 
haben. Denkt man sich dazu die Meereslandschaft, , rosige Beleuch- 
tung etc., so ist gewiss für die Schaulusteines modernen Publicums 
gesorgt. 
L 



no - tre vaisseau ra -pi - de-fnent. 
Der Morgen kommt, er kommt herauf. 



Ist das schön, ist das gesangsmässig? Konnte die Triolen- 
figur nicht im Orchester spielen, und der Gesang gleich- 
massig fortfliessen? — Von diesen Ausstellungen abge- 
sehen, bedauern wir indess das Wegbleiben dieses Stücks 
(wenigstens bei unserer Leipziger Aufführung) ebenso, 
wie das des folgenden Männerchors (Nr. 9), der als Con- 
trast zum vorigen recht frisch und gut klingt, wenn er 
auch nicht bedeutend ist. Bei weitem weniger gefallt uns 
das «Sankt Dominika. Dem Motiv scheint eine katholische 
Kirchen-Antiphonie zu Grunde zu liegen, was für uns 
eben so widrig, als in den Hugenotten der Choral: »Ein' 
feste Burg«. Unseliger Rationalismus der neueren Kunst, 
der, wenn auf der Bühne schon ein Gebet vorkommen 
muss, gleich in das Heiligthum der Kirche eingreift 1 Doch 
auch diesen modernen Belsazar's dürfte ihr Meue Thekel 
bereits geschrieben seini — Als ganz abscheulich müssen 
wir das unvorbereitete Einschneiden der Wiederho- 
lung dieses Fmoll-Satzes in den Frauengesang bezeich- 
nen : der Gegensatz hätte wenigstens rhythmisch und har- 
monisch anständig eingeführt werden müssen. Aecht 
Meyerbeer'sch frech klingt auch der Walzerrhythnius 
(F-dur), der sich unmittelbar an die Kirchenmelodie an- 
schliesst. Alles folgende ist entweder trivial oder barock 
und lässt eine poetische Stimmung nicht aufkommen, bis 
zur Ballade an Adamastor des Nelusco, in welcher das 
dämonische Element, das Meyerbeor's Muse innewohnt, 
sich entfalten kann. Dieselbe darf als ein Seitenstück zu 
einigen Partien in früheren Opern Meyerbeer's angesehen 
werden und würde uns ganz gut gefallen, wenn nicht das 
Maass in dem teuflischen Hohngeläcbter der V4Takt-Stelle 
durch Rhythmus und Instrumentation bedeutend über- 
schritten würde. Nelusco ist dadurch dasjenige genom- 
men, was uns an ihm menschlich noch gefallen kann und 
was seine Handlungsweise einigermaassen entschuldigt; 
er ist durch die Musik reiner Cannibale und Teufel ge- 
worden. 

In der folgenden Scene Nr. 12 tritt Vasco wieder mu- 
sikalisch wie ein lustiger Abehteurer auf. Ist das derselbe 

Vasco, der aus Besorgniss für Don Pedro (oder InesI) 

ik 



\ 



j 



110 



Nr. U. 



das Schiff seines Gegners betritt? — Weit besser und auch 
musikalisch interessanter ist Don Pedro^s finsterer GroU im 
folgenden C moil-Satze gezeichnet, dessen punktirtes Mo- 
tiv sogar einigermaassen durchgefOhrt wird. Eine Stelle 
in dieser Partie, das Unisono Don Pedro's mit dem Orche- 
ster, ist unseren Obren unfasslich, und eine weitere Me- 
lodie desselben Don Pedro in B-dur muss als uncharakte- 
ristische Theater-Phrase bezeichnet werden. — Wir über- 
gehen das Weitere als musikalisch nicht von Bedeutung, 
wenn auch vielleicht dramatisch wirksam (die ganze Scene 
der Selica, das Septett und ein gutes SlUck des Finale 
kennen wir nur aus dem Glavierauszug) und erwähnen 
nur noch, dass der Chor der Indianer (der jedoch bei uns 
auch gestrichen ist) Cannibalen vollkommen charakteri- 
sirt, in dieser realistischen Ausdrucksweise aber keine 
künstlerische Berechtigung mehr hdt. 

Endlich im vierton Acte also wird uns Musik gebor- 
ten, zwar nur Ball elmusik, aber doüh Musik, wo sie, 
nicht auf die dramatische Folterbank gespannt, durch ihre 
eigensten Formen wirken kann. Bea)»quier's Ausspruch, 
das Ballet stehe überhaupt musikalisch höber als die 
Oper, erfährt hier eine unerwartete, aber freilich nicht 
allgemein gültige Bestätigung. In dieser BaUetnuisik ist 
zwar zuerst ein burleskes Element vorwaltend ; die Fest- 
lichkeit zur glücklichen Wiederkehr der Königin Se- 
Itea, die lustigen Sprünge der Indianer, der Gaukler etc. 
rechtfertigen eine solche Hallung ; bald aber mischen sich 
darein Töne von wirklieh bezaubernder Anniuth ; so na-* 
mentlich der von sanfter Blechharmonie getragene D dur-- 
Satz beim jeweiligen Auftreten der Priesterinnen. Sobald 
die Musik wieder durch den Gesaug eingreift, ßnden wir 
uns auch wieder unerquicklich berl^hrt. Besonders jam^ 
mervoll ist für uns Nr. 20 , wo Vasco seinen Eindrücken 
über das unbekannte Land Luft macht. Wir mussten in 
Gedanken vor Schumann niederfallen, indem uns seine so 
einfachen Töne aus Paradies und Pen in's Gedäcbtniss 
kamen: »O süsses Land, o Götterprachta; hier ist doch 
auch Gesang, zugleich aber die zutreffendste Charakte-- 
ristik, die man denken kann. Für uns ein Beweis, dass 
die glücklichste Verbindung der Musik mit Worte» und 
deren tiefinnerstem Sinn für das Genie keine wirkliche 
Schwierigkeit bildet, wie es von heutigen Aesthetikern, 
derenSchlussfolgerungen auf mittelmässigen oder schlech- 
ten Prodnclen beruhen, behauptet worden ist. Selbst aus 
Meyerbeer, der den rechten poetischen Ausdruck so oft 
nicht triffl, .könnten Beweise herbeigeschafft werden, 
dass jene Verbindung sich sehr bedeutsam gestalten kann. 
Wir wollen hier nur das kleine Sätzchen der Selica an- 
fuhren : «Sei still , gestatte mir auch dich zu retten jetzU 
^sollte wohl heissen: auch jetzt zu retten dichl)^ wo in 
der Modulation von P-*dur nach £-moll das Melancholische 
der Situation trefflich ausgedrückt ist. Solche Stellen, 
wenn sich deren viele fänden, und wenn sie musikalisch 
mehr ausgebeutet wäl*en, könnten auch den strengsten Mu- 
siker mitMeyerbeer vers&hnen. Dagegen bringt er ebenso 
I 



oft, oder weit öfter, Dinge, die ein feines Ohr beleidigen 
müssen, und wo der angeblich charakteristische Zweck 
nicht als Ausrede dienen darf, da dieser Zweck auch ohne 
solche Ausschreitungen erreicht werden koonte. Eine 
solche ist z.B. die entsetzliche Fanfare (in Nr. S8), die d\v 
Anrufung Brahmas durch die indischen Priester begleitet: 
eine Folge von Dreiklängen mit vollkommen offenen Quin- 
ten und Octaven, durch das gesammte Blech noch recht 
in die Ohren gellend. Meyerbeer muss diese »Erfindung«, 
die besser für die Höllengeister im Bobert gepasst hätte, 
aber auch da unmusikalisch geblieben wäre, besonders 
wohl gefallen haben, denn er wiederholt sie unzählige 
Male ohne alle Modification. Ferner jene schon erwähnten 
Folgen von Quartsextaccorden , die sich auch in dem Ge~ 
sang Vasoo's an Selica (Seite 409 des Clavier^Auszugs) 

d du e eis 
finden : b h ca. — Eine starke Wirkung dürfte auf viele 

ffif ff ^ . 
Hörer, welchen der haut-goüt der italienischen Maöslri 

noch nicht zuwider geworden ist, die bald folgende Fis- 
dur-Melodie Vasco's hervorbringen ; besonders amSchluss, 
\Y0 sie von beiden (Vasco und Selica) in Octaven heraus- 
geschmettert wird. Wir gesteben, an einfachere Kost 
gewöhnt, dadurch nicht afflcirt au werden, obwohl wir 
nicht leugnen, (lass aus dieser, awar etwas italienisireD- 
don Melodie, bei interessanter Benutzung und bei Wegfall 
so ordinärer Hülfsmittel wie das Ootavensingen , etwas 
wirklieh Schönes hätte werden können; auch den enhar- 
monischen Uebergang zum Thema von B-dur nach Fis 
können wir einen glücklich getroffenen nennen, ferner 
die Geschlossenheit dieses Musiksttleks anerkennen und 
den Scl^luss als poetisch empfunden bezeichnen. — Bine 
bald folgende Partie möehten wir nicht übergeben^ dn 
sie, harmonisch äusserst seltsam und gewagt , uns wahr- 
haft verblOffik bat. Es ist der unerwartete Gesang der 
Ines, der aus der Ferne an Vasco*s Ohr tönt. Vom Domi- 
nant-Septimen-Aceord Es bleibt die Septime disx, iftof 
verwandelt, stehen, und darauf, ohne weitere harmo- 
nische Basis, liegt die Melodie der Ines in A-dur. Die 
Stimme der Sängerin hängt hier in der Tbat wie in der 
Luft. Es mag dies auch eine poetische oder geniale »In- 
tention« heissen; in dieser Weise ausgeführt, klingt die 
Stelle aber überaus hässlich und verdirbit übeitUes die to- 
nische Wirkung des gleich folgenden Act-Scblusses^ der, 
wenn er schon gleichsam als ein Fragezeichen oder als ein 
paar Gedankenstriche nach unvollendetem Salne gelten 
sollte, dann nicht mit /or/ts^tmo-Accorden in Es-^dur, 
welche eine vorhergegangene musikalische Lllge zur Wahr- 
heit stempeln wollen, hätte erfolgen mitssen. So endigt 
denn der so schön beginnende Act in musikalisch höchst 
unbefWedigender Weise. 

Gegen die ersten Nummern des fünften A cts hätten 
wir im Ganzen nichts auszusetzen ; sie sind musikalisch, 
und stimmungsreich. Merkwtlrdige Ironie das Schicksals, 
dass gerade diese Stücke den unbarinberzigen Strichen 
der Capellmeister grossentheils zum Opfer fallen, so dass 



Nr. 14. 



iM 



schlieäslich fast nur jene Momente der Oper stehen blei- 
ben, wo es etwas Besonderes zu schauen und zu erleben 
giebt -* Partien, die ihren Reiz auf das grosse rublicum 
bald verlieren werden. — In Nr. S6^ (Selica und Nelusco) 
findet sich eine Modulation von E-moII nach A~dur, die 
ihrer schlechten Wirkung wegen hier anzuführen ist. — 
Es folgt die ^Grandeschie du Mancenüliei% (I) ; das h 6 Takte 
lange Unisono zu Anfang soll zu Paris erstaunlichen Beifall 
gefunden haben ; wahrscheinlich soll es musikalisch den 
Blick in das weite und monotone Meer ausdrücken, das 
sich auch dem Auge hier aufthut, und wir wollen nicht in 
Abrede steilen, dass etwas dergleichen hier ganz am 
Platze war. Bein musikalisch betrachtet ist die fragliche 
Melodie aber weder sonderlich originell, noch eigentlich 
künstlerisch gestaltet. Eine edlere Wirkung wäre erzielt 
v^orden, wenn der €oroponist eine concisere Fassung, eine 
weniger phrasenhafte Melodie gefunden und etwas weiter 
ausgeführt hätte. Der Mangel föllt um so mehr auf, als das 
Ohr hei dem Fehlen einer harmonischen Begleitung ohne- 
hin einigermaassen nach Anhaltspunkten umherirrt. Warum 
gleich darauf in aller Schnelligkeit von C nach Es und E- 
dur modulirt werden muss , können wir um so weniger 
beantworten, als in den Textesworten (der Selica) an den 
Anblick des Meer angeknüpft, und nur eine Klage, aber 
keinerlei Aufregung in denselben ausgesprochen wird. 
Die folgende Musik zum Zauber des Giftbauros 6ndcn wir 
gar nicht bezaubernd, wenn auch die Brummstimmen (!) 
hin.er den Coultssen» dann die Harfenklänge etc. ein selt- 
sames Ensemble bilden. Die Hauptsache, der Gesang der 
Selica, ist doch zu unbedeutend, um die Scene interessant 
zu michen. Einmal (Seite 474/75) fällt Meyerbeer gar in 
eine Valzerphrase, die einen musikalischen Deutschen um 
alle Ilhsion bringt, wahrend freilich der Plebs in solchen 
Motivefi die höchste Glückseligkeit ausgedrückt finden 
mag. Jener Melodie entspricht ganz das, was der Chor 
noch in C zu singen hat : über die Maassen trivial I Tonisch 
ist übrigens der hier erfolgende Schluss der Oper derart 
unbestimnt (und durch Streichung noch unverständlicher), 
dass man darüber, wie man denn auf einmal nach C~dur 
gekommen, noch stundenlang nachdenken könnte, ohne 
freilich einen andern Eindruck erhalten zu haben, als den 
der äussersten musikalischen Verstimmung, 

Wir glauben unsere hier mitgetheilten Eindrücke über 
die Hauptmomente der Oper hinreichend motivirt zu haben, 
um dem Vorwurfe zu entgehen, dass es uns blos um Ne- 
gation zu thun sei. Wir haben sogar das Einzelne, an sich 
betracbtet wirklich Hübsche und Schöne nachdrücklich 
hervorgehoben. Dass das Ganze, sowohl wie es Meyer- 
beer der Welt hinterlassen hat, als wie es der Kürzung 
wegen zugerichtet wird , einen dramatisch und musika- 
lisch gebildeten Sinn nicht befriedigen kann, dafür glau- 
ben wir hinlänglich Gründe dargebracht zu haben. Von 
einer Erörterung der Principienfragen durften wir hier 
wohl um so mehr absehen, als das Verhältniss Meyer- 
beer's zur classisdien Oper allgemein bekannt ist, und in 



der Afrikanerin eine neue Evolution seines Opernprincips 
nicht vorliegt. 

Es erübrigt nur, einige wenige Worte über die Leip- 
ziger Aufftlhrungen beizufügen, Dass ein Sladttheater für 
solche Aufgaben, wie si« hier gestellt sind, nicht eine Lö- 
sung bieten kann, wie reich dotirte Hofthcaier, dürfte von 
vornherein als selbstverständlich hingenommen werden. 
Doch hat es die Direction an möglichst brillanter Ausstat- 
tung nicht fehlen lassen. Die Hauptrollen waren Anfangs 
zum Theil doppelt besetzt, so dass Selica abwechselnd 
von Frau Deez und Fräul. Karg, Ines von Fräul. Kropp 
und Fräul. Suvanny dargestellt wurden; einige Zeit lang 
ist. Fräul. Karg im ausschliesslichen Besitz der Bolle ge- 
wesen, nicht zum Vortheil der Bolle und zu ihrem eigenen. 
Als Ines sahen wir Frl. Kropp, welche aus ihrer undank- 
baren Partie nicht viel zu machen wusste. Vasco ist durch 
Hm. Gross, Nelusco durch Hrn. Thelon, Alvar durch Hrn. 
Bebling besetzt. In Bezug auf diese drei Herren haben 
wir nichts Vortheilhaftes zu sagen ; besonders Herr The- 
len beleidigt das Ohr durch unerträgliches Tremoliren, das 
den Ton gar nicht mehr erkennen lässt, Orchester und 
Chor lassen an Beiuheit der Ausführung stellenweise zu 
wünschen übrig und tragen nicht eben viel dazu bei, die 
Ungeniessbarkeit der Composition erträglicher zu machen. 
Man merkt an Allem , dass eine sonderliche Vorliebe für 
die Oper unter diesem Thcil des beschäftigten Personals 
nicht vorhanden ist. 



Recensioxren. 

fiesaagsmuik. 

M. V. Asantschewsky, Op.7. Lenz und Liebe, «0 Lie- 
der von Ad. Böllger. Leipzig, Breilkopf und Härtel. 
« Thir. 6 Ngr. 

LouisEhlert, Op. 28. 5 Lieder für gemischten Chor. 
Nr. \ . Berlin, Trautwein. Partitur und Stimmen 1% Sgr. 

A. Deprosse, Op. 42. 4 volksthümliche Lieder. Hamburg, 
Fritz Schuherlh. 12% Sgr.* 

E, K. Asantschewsky bat in einigen originell me- 
lodischen Instrumenlalsätzcn bewiesen, dass ihm wohl 
bildnerischer Sinn innewohne ; ganz richtig hielt aber der 
Kritiker in der Alig. Musikal. Zeitung i863 Nr. 28 das 
Endurtheil zurück -7- nicht aus schwächlicher Vorsicht, 
vielmehr damit ein unmässiges Lob nicht schade. Aufrich- 
tig thut uns leid, dass die schöne Kraft nun schon auf Ab- 
wege geräth : nicht als wären diese iO Lieder ohne Geist 
und Interesse, aber es ist ein Missgriff, diese romantisch 
instrumentale Natur auf die schmale Bahn des Vocalen 
hinzustrecken, und seine Kraft zu überschätzen. — Die 
Lieder sind ipsgesammt Cla vierstücke mit vocaler 
Begleitung,*] wovon unter andern zeugen die ganz 
selbständig durchgeführten Nachklänge in den Bitornellen 



*) Worüber einst Riehl in der Vorrede seiner sogianannten 
Hausmusik ein Klagelied erhob, bei den Liedern selbst aber Erkleck- 
liebes darin leistete. 



l 



I 

r 



I 



112 



Nr. 14. 



V., 



zu Nr. 5, 7 und 9, ja fast in allen, welche den Gesang 
^If^ichsüm nus dem Gedächtniss löschen und alle Gedanken 
vom IJcncen zum Hirn drängen. Das sogenannt Drama- 
lis che, wjis hindurch spukt, isl keine Entschädigung für 
die mjtiicherlei ütinatur, die der Stimme zugemuthet wird 
an rrnfHnf;, schwiprigen Intervallen und wunderlicher De- 
clHiöatiun. Da^u kommt die Wahl der Texte, welche gros- 
seniboilB wHzig oder epigrammatisch sind, von sehr 
schwcichem Munior und an sich wenig singbar; derglei- 
chen ins Reich der Schönheit zu heben, ist Schubert zu- 
weilen und seihst Schumann nur selten gelungen. 

Nr. 1 wHinimstt ist instrumenta) interessant; der Ein- 
satz der StiiTinic auf dem Secuml-Nonen-Accord des Cla- 

9 

viers ( %) ^-^ Anfang und Schluss verletzend, der übrige 

Gesang mit hallonden Tönen gegen die arpeggirten und 
filä^uriricn Accorde mehr declamatorisch als melodisch. — 
Nr. 3 kündet schon im Titel »Trotzdem« was Witziges an, 
was denn auch das Ciavier ausführt in dem thematischen 
Melisma: 




Baas : Dm 



dessen 
Worten 



Oberstimme zugleich Sangthema wird zu den 



Es blüht und duftet doch der Strauch, 

und wenn auch nicht die Sonne scheint — 

Und weQdest du das Köpfchen auch, 

$o Lst's doch böse nicht gemeint — (Trotzdem !) 

Nr, 3 »Im Garlenä ist sangreicher, das Ciavier bescheide- 
ner, ein Anflug von warmer Innigkeit. — S. 8, 1, 1 würden 
wir in der Oberstimme orthographisch deutlicher finden 
ces fitall h. — Nr. 4 »0 sprich ein Wort« — dem Text nach 
heimliche Liebe, die sich offenbaren mochte, modulirt 
zwischen G-moU und D-dur, C-moll und C-dur schein- 
bar nahe liegend j aber durch viel schauerliche Nonen und 
Mindersepllmen herum gleitend — peinliches Flehen I — 
Nr. 5 An der Einsamkeit« ist, rein musik^ilisch genommen, 
das bedeuiendsle. Wiederum wird unruhiges Liebeswer- 
ben mit heftigen Farben, doch diesmal mehr heroisch ab- 
gemalt, und es fst Schönheit in den breiten Clavier-Phra- 
sen: der Stimmenumfang jedoch: e*— a* ist gewagt, die 
Declamation drohend, fast wüthend S. 12, 4 : 
(Denk ich dich vür fremden) 

Küs - » en be -dek - - ket.E 




ritenulo^ 



und die folgende Phrase »Wird die Welt, mir zu enge — 
alle Gedanken sind im Gedränge« voll Heroismus, marsch- 
ühnhch, instrumental sehr ansprechend. — Nr. 6 zeichnet | 



erfüllte Liebe — »Der seligsten Unruh bei&ubendes Glück« 
— wiederum mehr in der Agitation des Aocordwesens — 
aber Seligkeit? Gesang? — Nr. 7: ein versteckter Lieb- 
haber, mitten in lauter Gesellschaft am Blick der Gelieb- 
ten hangend und schlürfend, wird in einer räthselh>ifi 
springenden Figur, die an Schumann^s Witzspiele anklii)|^t, 
mehr im Ciavier als in der Stimme abgespiegelt. Nr. 7 ist 
ein humoristisches Ciavierstück zu den albernen Worten, 
die gern Humor heissen möchten : 

Wie hat diese Nacht doch der Wind geweht, 
Geknickt alle Blumen im grünen Beet, 

Er lUrbte vor Neide sie gelber. 
Er Hess nur die schönste der Blumen mir, 
Mein Liebchen zum Küssen und Kosen mir — 

Ich glaube, verliebt ist er selber. 

Nr. 8 u. 9 sind ähnlich gestaltet wie Nr. 2 ; — Nr. 9 schliessl 
der Gesang schlusslos (S. 21, 3, 1), worauf das Ciavier 
ritomellend das Ende aussagt, mit einer ganz neudeut- 
schen Phrase morendo abziehend : 




^^^^^W 



deren Sinn Graf L., der Zweitgekrönte, wissenschaftLch 
beweisen könnte. — Nr. 4 »In der Kirche« beginnt md 
schliesst mit der Nonen-Figur : 




in welche die Singstimme ebenfalls nonenhaft eintritt, 
gleichwie in Nr. 1 ii\ medias res führend : eine Wendung, 
die in äusserster dramatischer Spannung etwa denkbar 
wäre, letzthin aber viel missbraucht ist , um was Neues 
zu sagen, was eben damit schon alt geworden. Diese Ein- 
leitung führt zu dem Text »Die Morgenglocken hallen . . . 
fromme Beter wallen . . . zum Hochaltar — Ave Marie». 
Text und Ton klingen, als spräche H. Heine, dem die Kirche 
eine rührende Antiquität war. 

Wir hätten über dieses Werk nicht so eingehend ge- 
sprochen, wenn wir nicht brüderlich theilnühmen an dem 
Gedeihen eines wackeren Talents, dessen vTragweitea uns 
erst dann entschieden scheint, wenn er seine Gaben sicher 
handhaben lernt — freilich ist das die hi^chste Kunst des 
Genius, mit Bewusstsein zu thun, was er will, 
d. h. Vernünftiges schön gestalten. Vielleicht wäre es ihm 
eine Prüfung der Kraft, wenn er versuchte einmal rein- 
vocal a capella, am liebsten canonisch zu schreiben. 
Doch hüten wir uns Rath zu geben ! 

L. Eh 1 e r t Op. 28 bringt zu EichendorflPs schönem Na- 
turblld »Frische Fahrtaeine nicht überall wortgemässe, aber 



I 






Nr. U. 



113 



sangbare Melodie, deren Mittelstimmea jedoch sehr unge- 
lenk klingen, was durch den mehr bedeutsamen Bass ver- 
hüllt, aber nicht vergütet wird. Gesellig auf heilerer Schiff— 
fahrt gesungen, wird es gute Wirkung thun. 

A. Deprosse Op. 4SI hat seine Lieder volksthüm- 
lich genannt, was sie schon des vielredenden Claviers 
halber nicht sind. Die Textworte, entweder mit humo- 
ristischen Schmelzfarben angetüncht oder sentimental 
wimmernd — sind nicht ausnehmend ergiebig für guten 
Gesang; desto mehr ist anzuerkennen, was sich denn doch 
Melodisches findet zwischen dem Gedränge der Wort- und 
Glavier- Phrasen. Die melodische Kraft ist nicht gross, 
aber der Stimme gemäss, und wird, einmal gesungen, 
Theilnabme erregen, namentlich beim ersten Liede, wo 
der Trompeter die Nebenhauptrolle spielt. 



üebersiclit neu erschienener Bücher und 
Broschtkren über Musik. 

(Scbluss.) 

Herr Aug. Reissmann schickt ein Buch nach dem an- 
dern in die Welt, ohne sich viel darum zu kümmern, was die 
undankbare Kritik zu diesem seinem Fleisse sagt. Diesmal ist 
es wieder ein Lehrbuch der musikalischen Compo- 
sition (Berlin, Gutentag), durch welches wohl einem »längst 
und stark gefühlten Bedürfniss« abgeholfen werden soll, und 
das auf drei B'ände berechnet ist. Der erste liegt vor and entr- 
hält zwei Bücher, deren erstes die »Melodisch-rhythmische Ge- 
staltung«, deren zweites »die Harmonika überschrieben ist. Der 
zweite Band soll die angewandte Formenlehre, der dritte die 
Instrumentation behandeln. Das Vorwort wird Jeden, der darin 
des Autors Absicht sucht, darüber belehren, was Herr Reiss- 
mann will. Ob das, was er giebt, Anspruch auf wirkliche 
Neuheit erheben kann, müsste in einer Recension untersucht 
werden. Wenn aber der Verfasser als sein Endziel »dem Schü« 
1er die unumschränkte Herrschaft über das gesammte 
Darstellungsmaterial zu gewähren« bezeichnet, und also ein sol- 
ches Resultat gleichsam verspricht, so wird es erlaubt sein zu 
bemerken, dass die Ueberlieferung einer solchen Herrschaft 
wohl nur von Einem vorausgesetzt werden kann, der diese 
Herrschaft selbst besitzt. Wir kennen von Herrn Reissmann 
keine Composition, die uns hierüber Aufschluss gäbe. 

Soeben kommt uns noch (aus dem Verlage von G. H. Beck 
in Nördlingen) eine »Uebersichtlicbe Darstellung der 
Geschichte der kirchlichen Dichtung und geist- 
lichen Musik« von H. M. Schlelterer zu (Octav, VI, 3«2). 
Der Inhalt ist, von Vorwort und Einleitung abgesehen , in f 6 
Capiteln dargestellt, und zwar mit folgender Eintheilung: 
I . Kirchenlied und Kirchengesang in den ersten Jahrhunderten 
des Chrlstenthums. 2. Kirchenlied und Kirchengesang zur Zeit 
des h. Ambrosius. 3. Kirchenlied und Kirchengesang in der 
Periode Gregors des Grossen. 4. Von Notker dem Aeltern bis 
Luther. 5. Geistliche Liederdichlung der -Deutschen vor der 
Reformation. 6. Der Kirchengesang im Mittelalter. 7. Das 
Kirchenlied im Zeitalter der Reformation. 8. Der Kirchengesang 
im Zeitalter der Reformation. 9. Das Kirchenlied in der zwei- 
ten Hälfte des 16. Jahrhunderts. 4 0. Der Kirchengesang zwi- 
schen den Jahren 4 550—164 8. 14. Das deutsche Kirchenlied 
im 47. Jahrhundert seit dem Beginne des 30jährigen Krieges. 
4S. Die kirchliche Tonkunst im 4 7. Jahrhundert. 4 3. Die kirch- 
liche Liederdichtung im 4 8. Jahrhundert. 14. Der Kirchen- 
gesang im 18. Jahrhundert 15. Das Kirchenlied im 19. Jahr- 



hundert. 16. Der Kirchengesang im 19. Jahrhundert. Nach- 
träge und Verbesserungen. — Der Verfasser sagt im Vorwort: 
»Meine Absicht bei Bearbeitung des vorliegenden Werkcfaens 
ging dahin , von litorar-histprischem Standpunkte aus — also 
nioht von theologischem aus — eine übersichtliche Darstellung 
der Entwicklung kirchlicher Liederdichtung und geistlicher 
Tonkunst zu geben. Das Buch soll Geistlichen und Lehrern 
ein Handbüchlein , Laien , die diesem hochwichtigen Gegen- 
stand ihre Aufmerksamkeit zu schenken geneigt sind, eine an- 
regende und belehrende Leetüre sein. Auf sehr massigen Raum 
beschränkt , konnte ich nicht mit der Ausführlichkeit verfah- 
ren, die ich gern in Anwendung gebracht hätte. Eine er- 
schöpfende Darstellung dieses Gegenstands ist nur dann mög- 
lich, wenn man den Umfang mehrerer Bände dafür zur Ver- 
fügung hat. Eine solche nach allen Seiten hin gründliche und 
ausführliche Bearbeitung der Geschichte geistlicher 
Dichtung und Musik versuchte ich in einem in nächster 
Zeit erscheinenden grösseren Werke zu liefern (Hannover, 
Rümpler), das dem für die Sache sich eingehender loteressi- 
reoden wohl genügende Befriedigung bieten dürfte.« — Wir 
überlassen die Beurtheilung dieser Sammler-Arbeit einem un- 
serer Referenten. 

Schliesslich haben wir noch zu erwähnen, dass Dr. Faust 
Pachler*s, zuerst in der »Neuen Berliner Musikzeitung« ab- 
gedruckte Aufsatz: DBeethoven und Marie Pachler- 
Koschak. Beiträge und Berichtigungen« nunmehr 
als Broschüre vor uns liegt (Berlin, B. Behr). Es handelt sich 
darin hauptsächlich um die Frage, ob jene von den Biographen 
Beethoven's erwähnte Marie Pachler-Koschak wirklich, wie 
jene behaupteten, Gegenstand einer tieferen Herzensneigung des 
Meisters gewesen sei. Um hierin einige Gewissheit zu schaf- 
fen, sucht der eigene Sohn (gegenwärtig Gustos an der k. k. 
Hofbibliothek in Wien) nach Mittheilungen, die er von frühester 
Jugend an aus dem Munde seiner Mutter empfangen, und ge- 
stützt auf genaue historische Angaben, zu beweisen, dass diese 
seine Mutter zwar durch ihr meisterhaftes Ciavierspiel und 
überhaupt ihre künstlerischen Anlagen, wobei sich ja ein m u- 
sikalisches Verhältniss von selbst entwickeln musste, Beetr- 
hoven Interesse und Freundschaft eingeflösst habe , dass aber 
an ein anders geartetes Verhältniss nicht wohl zu /denken sei. 
Die trefflich geschriebene Broschüre (Octav, 34 S.) schliesst mit 
den Worten: »Aus* dieser Darstellung mag erhellen, dass, wenn 
Marie Pachler-Koschak auch nicht der Gegenstand von Beetho- 
ven*s Liebe war, sie doch es zu sein würdig gewesen wäre.« 



Berichte. 

Aus Holland. Y. Die verehrte Redaction dieses Blattes 
wünscht über die musikalischen Vorgänge speciell in den Haupt- 
städten Hollands einige periodische Mittheilungen zu erhalten, 
und da dieses Verlangen nicht nur im Interesse ihrer geschätz- 
ten Zeitung, sondern ebensosehr für Holland selbst, dessen reges 
musikalisches Leben im Auslande noch immer viel weniger be- 
kannt und geschätzt wird, als es verdient, ganz gerechtfertigt 
erscheint, so sind wir sehr geneigt, diesem Wunsche so viel wie 
möglich entgegen zu kommen. Somit sei denn für jetzt der 
Anfang gemacht mit einigen Mittheilungen über den niederlän- 
dischen Verein (Maatschappy ) zur Beförderung der 
Tonkunst, über dessen Einrichtung und Thätigkeit, so viel 
uns bekannt, In dieser und andern dortigen musikalischen Zei- 
tungen bis jetzt nur vorübergehend berichtet wurde. Dieser 
Verein Ist auf dem Gebiete der Tonkunst jedenfalls der bedeu- 
tendste Hollands zu nennen, weil er seine Wirksamkeit seit 
nahe an 40 Jahren über das ganze Land ausgebreitet und durch 
Stiftung von Chor- und Choralvereinen, Musikschulen, Bibliothe- 



114 



Nr. U. 



ken und einem Fonds für hülfsbedürftige Künstler, sowie darch 
Ansammlang von historisch bedeutenden holländischen Wer- 
ken, Preisausschreibungen und Stipendien für Gomponisten 
und junge Musiker, und yor Allem durch grössere und klei- 
nere Musikfeste und Aufführungen den Werib, die Würde und 
die Wirkung der Kunst, die hier früher im Allgemeinen (leider 
auch noch jetzt von zu Vielen) als ein frivoles — sogar sündi- 
ges — Unterhaltungsmittel (Amüsement) betrachtet wurde, in 
Holland zuerst und am bedeutendsten gehoben hat. Diese 
Maatschappy wurde 4 827 in Rotterdam vom Herrn A. G. G. 
Vermeulen, Präceptor am Gymnasium daselbst, gestiftet und 
feierte 1854 ihr SSjShriges Bestehen durch ein grossartiges 
dreitägiges Musikfest in Rotterdam, wo, unter Direction von 
Verhulst (damals Musikdirector daselbst) , durch 900 Mitwir- 
kende im Chor und Orchester und mit Frau OQermans vanUove 
(eine talentvolle, geschulte und noch immer hochgeschSitzte 
holländische S'ängerin), Jenny Bürde-Ney, Miss Dolby, Roger, 
Pischeck und C. Formes als Solisten, H'ändel's Israel, Haydn's 
Jahreszeiten, Beethoven^s Neunte Symphonie, nebst. zwei Gom- 
positionen von Holländern: Psalm 4 45 von Verhulst und eine 
Festouvertüre von W. Hutschenmyter (damals Orchester-Direc- 
tor in Rotterdam) aufgeführt wurde, in einem eigens zu die- 
sem Feste gebauten, 4000 Zuhörer fassenden Local. Aus dem 
letzten Bericht über den Zustand und die Thätigkeit des 
Vereins, 186^ — 4 865, ergiebt sich, dass er in den verschie- 
denen holländischen Städten 4 5 Abtheilongen mit 4 832 bei- 
tragenden Mitgliedern (unter diesen 4 09 Künstler), 4 24 Ehren- 
mitglieder, 37 correspondirende und 39 Verdienst-Mitglieder 
(unter den beiden letztgenannten Kategorien viele der namhaf- 
testen in- und ausländischen Künstler) und ein ausserordent- 
liches Mitglied (S. Maj. den König), zusammen 2030 Mitglieder 
zählt. In den 4 864 — 4 866 von neun verschiedenen Abthei- 
lungen abgehaltenen 23 Aufführungen, fast alle mit Ort;hester 
und Chor, wurden von folgenden Gomponisten Werke zu Ge- 
hör gebracht: von Beethoven (7), *Franz Goenen, *Joh. M. 
Coenen, NielsGade(3), *Geul, Goltermann, Händel, Haydn(3), 
Hiller, *Rich. Hol (2), Fr. Lachner, *Lübeck (der in diesem Jahre 
gestorbene verdienstvolle Musikdirector im Haag) (2), Marsch- 
ner (2) , Mendelssohn (4 4), Mozart (3), *Nicolai, Neuko'mm, 
Reinecke (2), Rinck, A. Romberg, Rossini (2), Schubert, 
Schumann (2), Stradella, VIotti, Vieuxtemps und G. M. v. We- 
ber (4). (Die mit * vorgezeichnelen sind holländische oder in 
Holland ansässige Gomponisten). Von diesen Musikfesten und 
Aufführungen sind besonders folgende hervorzuheben : In 
Amsterdam, mit einem Gesangverein von 270 Mitgliedern, un- 
ter Direction von Verhulst: Elias und Walpurgisnacht von Men- 
delssohn, Neunte Symphonie von Beethoven, dritter Theil von 
Haydn's Schöpfung, und überdies drei Volksconcerte daselbst. 
Solisten dabei waren die Damen Offermans und Collin-Tobisch 
(eine stiomibegabte und gewandte Altsängerin und Gesangs- 
lehrerin in Amsterdam), die Herren E. Schneider, Stägemann, 
Behr, Bietzachen etc. In Rotterdam wurde Schumann's Neu- 
jahrslied, Psalm von J. H. Lübeck, Belsazar von Reiiiecke und 
Elias von Mendelssohn aufgeführt, letztere unter Mitwirkung von 
Stockhausen und einem Chor und Orchester von 2 50 Personen ; 
unter Direction von W. F. G. Nicolai. Im Haag hörte man, 
unter derselben Leitung, Haydn's Jahreszeiten, Schumann's 
»Der Rose Pilgerfahrt«, Reinecke's Geistliches Abendlied, Hil- 
ier*8 «0 weint um sie«, J. H. Lübcck's Psalm, Mendelssohn's 
Loreley und Lobgesang. In Amsterdam wurde Mendclssohirs 
Elias gegeben , und in den kleineren Abtheilungen , deren fast 
jede auch ihren eigenen Gesangverein hat , wurden meistens 
Werke von geringerem Umfang, mit verhältnissmässigen Kräf- 
ten aufgeführt. 

Von den durch die Maatschappy gegründeten Musikschu- 
len steht die in Rotterdam, mit nahe an 400 Schülern, obenan. 



Director dieser Schule und ebenfalls des Gesangvereins, ist 
jetzt, seitdem W. F. G. Nicolai letztere Stelle, seiner Ernen- 
nung zum Director der königlichen Musikschule im Haag zu- 
folge , aufgegeben' hat , der allbekannte ausgezeichnete Com- 
ponist und Künstler Woldemar Bargiel, dessen Einfluss für 
die Rotterdamer Kunstverhältnisse immer schönere, reichere 
Früchte zu tragen verspricht. In Amsterdam besteht seit kürze- 
rer Zeit, unter Direction des in Ihrer Zeitschrift als talentvoller 
Gomponist schon mehrmals erwähnten Herrn G. A. Heinze 
auch eine Musikschule des Vereins, die sich günstig zu entfal- 
ten scheint, sowie auch eine in Utrecht, unter Leitung von R. 
Hol, mehr oder weniger unter dem Einfluss des Vereins ge* 
gründet ist und sich eines raschen Aufschwungs zu erfreuen 
hat. In der letzten Generalversammlung des Vereins ist be- 
schlossen, jedesmal, wenn in einer Abtheilung ein grosses Vo- 
cal- oder Instrumental werk eines lebenden Gomponisten aus- 
geführt wird, demselben, er sei Niederländer oder Ausländer, 
mindestens einen Ducaten Ehrensold anzubieten. Uebrigens 
geht noch aus dem Jahresbericht hervor, dass der Reservefond 
50,300 fl. , der Künstlerpensionsfond 27,300 fl. und der Mu- 
sikfestfond 4 9,300 fl. (in Staatsefiecten , ad 2 7a pro Cent) 
besitzt. (Schluss folgt.) 

Leipzig. S. B. Am Gharfreitag fand in der Thomaskirche 
wie gewöhnlich eine Aufführung der Matthäuspassion von 
S. Bach statt und zwar in derselben Weise, wie sie von uns 
schon mehrmals geschildert worden ist, wodurch das Leipziger 
Musikleben abermals als dem Stabilitäts-System unterworfen 
sich darstellte. Nur die Soli waren zum Theil anders besetzt : 
Sopran Fräul. Scheuerleiu, eine junge Sängerin, welche 
einer solchen Aufgabe noch nicht gewachsen ; Bass Herr G. Hill 
aus Frankfurt (Jesus), dessen würdige und schöne Auffassung 
allgemein befriedigte und ansprach, und Herr Richter (Pila- 
tus, Hohepriester u. s. w.) , dessen Organ und Methode noch 
nicht zur rechten Ausbildung gelangt schienen. Die vortreff- 
liche Ausführung des Evangelisten und der Tenor-Arie in G- 
moli durch Herrn Schild, sowie die genügende Wiedergabe 
der Altpartie durch Frau Pögn^rsind vom vorigen Jahr her 
bekannt und nach Verdienst gewürdigt. — Die Kirche war 
auch diesmal von Andächtigen geföUt, die bis zu Ende voll- 
ständig ausharrten. 



Nachrichten. 

Pnris. C. B. Die Musiker der grossen Oper haben endlich, 
uacbdcm schon alle Vorbereitungen zur JErneuerung des Strikes ge* 
troffen waren, iliren Zweck wenigstens tbeilweise erreicht, ihre 
jährliche Gage ist um je 200—300 Pres, erhöht worden, was für das 
gesammte Orchester eine Mehrausgabe von ungefähr iO,000 Pres, 
ausmacht; sie hatten 60,000 Pres, verlangt. Ob sie sich mit der 
ihnen gemachten Offorte befriedigen werden, weiss ich nicht. Ich 
möchte es um so lieber glauben , als man ihnen andererseits den 
Vorschlag gemacht hat, in den Concerten, welche mit den AufTüh- 
rungen der grossen Oper abwechseln sollen, mitzuwirken. Diese 
Concerte werden \n einem grossen Saale stattfinden , welchen man 
eigens zu diesem Zwecke in der Rue Scrihe erbauen lässt. Es wird 
dieses der erste eigentliche Concert- Saal in Paris werden. Meh- 
rere hiesige Banquiers haben gemeinschaftlich die nöthigen Capitale • 
vorgeschossen. Das Unternehmen wird für die Verbreitung des mu- j 
sikaUschen Geschmacks gewiss von den wohithätigsten Folgen sein. < 
— (Soeben gegen den Schluss des Blattes erhalten wir noch folgende 
Nachricht über diese Angelegenheit :) Der Streit zwischen dem Or* 
ehester, der Oper und der Administration hat zu einem kleinen 
Staatsstreich geführt : Die Regierung gab die directe Verwaltung un- 
serer ersten lyrischen Bühne auf, und dem Director die Preiheit su- 
rück, der nun auf seine Gefahr und Kosten die Oper fortTübren wird ; 
eine sehr schwer zu tragende Preiheit, da die Bilanz der Oper jedes 
Jahr ein Deficit von einer Million aufweist. Wer #ird wohl der Toll- 
kühne sein, der als neuer Curtius sich zuerst in diesen Abgrund zu 
stürzen Lust bat? Die Herrschaft der TenOre, welche so colossale 
Summen verschlingen, ist aber vieUeieht durch diese Wenduag be- 



.:^:i 



Nr. U. 



115 



endet. — Es steht auf dieser Bühne die erste Aufführung des Don Juan 
nahe bevor. — Einer unserer fruchtbarsten und anmutbigstenCom- 
pooisten, Herr Clapisson vom kaiserlichen Institute der Künste und 
i'rofessor am Conservatorium, ist gestorben. Er hat eine grosse An- 
aahl komischer Opera geschrieben, unter welchen »La promise«i 
»Pbnchonette«, »Gibby la Cornemuse«, die besten ; aber er ist haupt- 
!)ftch)ich als Verfasser von Liedern und RomanzeUj deren er reizende 
(«cschaffen hat, populär geworden. — Im letzten Concert des Con- 
•»ervatoriums wurde zum ersten Mai (I) Mendels so hn's langst ge- 
ilruckte Roy -»Blas «Ouvertüre gespieU. Frau Ssarvady spielte 
ui>enda zum ersten Mal Beetbovenr's Gdur-Concert unter grossem 
Beiftill. (Man scheint in Paris Frau Szarvady für die erste ciassische 
PianistiD zu halten ; es giebt aber denn doch auch noch eine Frau 
St'liumannI D. Red.) ^ Die junge ungarische VioIoncellisUn Rosa 
Sxu k hal sich im Saal Erard hören lassen und bei dieser Gelegen- 
heit auch Mendelssohn's Ddur-Sonate gespielt. — Der neue Goncort- 
^al in der Rue Scribe wird, wie man sagt, bald eingeweiht werden. 
Das Orchester der dort zu gebenden Concertewird das der Oper sein 
und von Hrn G. Hainl dirigirt werden. 

Hamburg. Die letzte Quartett-Unterhaltung der Herren Boie, 
Lee, Sefamahl und Hohnroth in dieser Saison Freitag, den 9. Mars, 
brachte : Quartett D-moll von Haydn, F-dur von Beethoven und Mo- 
iart*5 Bsdur-Streicbtrio (Divertimento). Die Ausführung war 
durchgehends gelangen. — Die unter Leitung des Herrn Armbrust 
stehende Baeh^esellsehaft gab ihr diesjähriges Concert am 48. März 
in (ler Felri*-Kircho. Das Programm war folgendes : Cantate »Gottes 
Zeit« und Arie aus der Matthttus-Passion mit Violine von S. Bach ; 
Sieben Worte von H. Schütz und Slab(Um(U$r von Aslorga. Fräulein 
Manitl voiv hier, Frau Haoseu aus Berlin und die Herren Koch aus 
Cöln und Ad. Scbultze von hier hatten die Soli übernommen, Herr 
Degeubardt die Orgelbegleitung und Herr J. Boie das Violin-Solo. — 
Im fünften philharmonischen Concert am 46. März spielte Wilhelmi 
mit meisterlicher Technik Paganini's D dur-Concert , Rdverie von 
Vieuxtemps und Arie aus Bacb's Ddor-Suite, letzteres jedoch mit 
durchaus falscher Auffassung. Stockhausen sang Beethoven's Lie- 
derkreis »An die ferne Geüebte« ; die Orehesterwerke waren : die ab- 
geschmackte Belagerungs-Ouvertüre von Rossini, Suite in canoni- 
scher Form von Grimm und Symphonie in D von Haydn. — Die 
Suite von Grimm hat viel Intereasantes, doch wirkte der Canon auf 
die Länge ermüdend ; der letzte Setz schien der schwächste. — Die 
BAfrikanerinv ist bis jetzt schon 8Sma^ gegeben, doch wird hoffent- 
lich bald damit aufgebort werden» da das Theater leer ist. — Dr. Gunz 
hat hier in jüngster Zeit zweimal gaslirt. — Im Mai werden hier 
mehrere grössere Concert-Aufiuhrungen stattfinden. 

Der Oratorien-Verein in Esslingen brachte am 4. März nebst 
S. Bacb's Ddur-Suite, einer Bassarie von Marcello und dem Quintett 
auis dem 4S. Psalm von Mendelssohn, Schumann 's »Paradies und 
Perl« zur Aufführung. 

Magdeburg. Im zweiten Orohesierpensionsfeidcooeerte am 
U. März, unter Leitung des königl. Musikdirectors H. Rebling, kam 
»Meeresstille und glückliche Fahrt« von Mendelssohn, eine Cantate 
von C. F. Ehrlich, das Pianoforteconcert in G von Beethoven, »Mee- 
resstille und glückliche Fahrt« von demselbea und die Symphonie 
»Columbus« von Abert zur Aufführung. 

Der »evangelische Chorv^eio« in W i en hat seit einiger Zeit für 
alte Sonntage den Chorgesang in der lutherischen Stadtkircbe über- 
nommen« Zu solchem Behufa theiit er sich In vier Sectionen zu etwa 
16 Personen, so dass jede Section jeden Monat einmal zu singen hat. 
Der alle Kirchenchor ist verdrängt. Nächstens soll Graun's »Tod 
Jesu« aufgeführt werden. 

Aus Eisen ach wjrd uns gemeldet: Am 20. März fand unser 
drittes Sympbonie-Concart mtl folgendem Programm statt: Concert- 

t Ouvertüre von Thureau, Arie aus dem »Barbier« von Rossini (Fräui. 

: Lossnitzer), Clavierconcert In C-dur von Beethoven (Herr Thureau), 
drei Lieder von Schubert und Schumann (Frl. Lossnitzer)» Sympho- 
nie in C-moU von Beethoven. Namentlich elektrisirte die C moU- 
Sympbooie das zahlreiche Pubhcmm. Frl. Lossnitzer ernte la reichen 
Beifall und Hervorruf, sie hat das Lied von Schumann »Widmung« 
wirklich unübertrefflich gesungen. Das Clavierconcert hatte na- 
mentlich im Adagio und Finale grossen Erfolg. — Am 23. kam im 
»Musikverein« Gade's »Erlkönigs Tochter« zur Aufführung. Ende Mai 
soll Mendelssohn's »Paulos« zu Gehtfr gebracht werden. 

Im TheaAer Carcano zu Mailand wurde »Don Juan« aufgeführt. 
Die Titelrolle wurde von GustavGarcIa, Sohn der Frau Eugenie 
Garcia nntfElikei das bvrübnIJBii Düngers Garcia, welcher die Rolle in 
Paris zuerst san^, gegeben. 

InKönigsberg wird in der nächsten Zeitdas achte Preussi- 
sche sangerfest stattfinden, wobei u..P. Hiller's 98. Psalm zur 
Aufführung gebracht werden soiL 



Dr. Ed. Hanslick hat in Frankfurt, vom dortigen Museums- 
Vorstande dazu eingeladen , über die Geschichte der Oper gelesen. 

Man errichtet Grätry in Li^ge ein Denkmal, welches im Juli 
enthüllt werden soll. 

Eine »Musikgeschichte der Stadt Regensburg« hat Dr. Dom. 
Mettenleiter geschrieben und bei Bössenecker in Regensburg her- 



Unsern Quartettspielern wird die Mittbeilung von Interesse sein, 
dass die von der Firma Payne in Leipzig vor 2 Jahren veranstal- 
tete Pracht-Ausgabe von Haydn's 83 Quartetten nunmehr vollendet 
vorliegt und dass in Folge des ausserordentlichen Ank Fangs, den die- 
selbe gefunden hat, die Verlagshandlung bereits die zweite Auflage 
(in 44 Lieferungen ä 7*/, Ngr.) vorbereitet. 

In Wien herrschte in den letzten Tagen ein »Sulzer-Schwindel«. 
Dem Vorsänger im jüdischen Tempel, Herrn Sulzer, wurden bei Ge- 
legenheit seines Amts - Jubiläums Ovationen bereitet^ die kaum 
zu erklaren sind. Merkwürdig contrastirte gegen diesen Humbug 
die Kalte, mit welcher in Wien die »Rückerlfeier« aufgenommen 
wurde. Dieselbe hat den Unternehmern einige hundert Gulden Scha- 
den gebracht. 

üngilaubliches aber Wahres über dca Zustand der 
heutigen grossstädtischen Kritik: 

Eine widerliche Gerichtsverhandlung machte in London 'viel 
von sich reden. Einedortige Musikzeitung nThe Oreh^troM, war näm- 
lich einem Recensenten zu Leibe gegangen, der regelmässig jährlich 
die Künstler zu einem zu seinem VortheÜ arrangirten Concerte 
presste. Das Bioslegen dieses Treibens durch die erwähnte Zeitung 
brachte beide Theile vor Gericht, zu dem auch die KiiDstter Weiss, 
Benedict, Harrison, Mad. Sainton Dolby etc. geladen waren, die 
sämmtlich auf Befragen vorgaben, nur aus »F>eundsehaft« für den 
Kläger in dessen Concerlen mitgewirkt zu haben. Obgleich der Rich- 
ter selbst das ganze Verfahren brandmarkte , so lagen doch keine 
eigentlichen Beweise einer Bestechung vor und die verklagte Zeitung 
wurde zu 250 Pfd. Strig. Strafgeld nir verleumdete Ehre verurtheilt. 
Es kam bei dieser Gelegenheit auch zur Sprache , daes der so fein- 
fühlende Recensent einmal in einer Zeitung eine Oper. besprach, deren 
Aufführung gar nicht stattfand. Dies schmutzige Gebahrea störte 
übrigens ein zweites Individuum nicht, zu gleicher Zeit sein ge- 
wohntes* deraniges Concert wie alljährlich abzuhalten, an dem auch 
alle kamen und »aus Freundschaft« sangen , spielten und diriglrten. 
— Soweit die saubere Londoner Geschichte. Welche Art von Ach- 
tung kann man wohl vor Kcrnstlern haben , die »ans Freundschaft« 
(oder Dummheit!) zur Erniedrigung und Verschlechterung der Kri- 
tik beitragen, die ihr Palladium sein sollte? Dass es in grossen 
deutschen Städten nicht vief besser aussieht, ist bekannt genug. Als 
Seitenslück mag Folgendes dienen, das uns soeben aus einer Ecke 
unseres theuren Vaterlands als zuverlässig mitgetheüt wird : 

Es wird Ihnen wohl bekannt sein, dass auf dem Herrn X. in X. 
der Verdacht der Bestechlichkeit liegt, und dass man ihn z« denjeni- 
gen Recensenten zählt, welche Ihr ürtheil von handgreiflieben Mit- 
teln abhängig sein lassen. Da ist mir nun aus vertracrter Quelle foN 
gende Geschichte zugeflossen. Bei emem Theil der ausübenden Mit- 
glieder des dortigen Theaters ist es Gebrauch , durch eipe von Zeit 
zu Zeit abzutragende bestimmte Geldsumme sich ai4t jenem Herrn 
in ein sicheres und ruhiges E'mver nehmen* zu setzen. Neu angewor- 
bene Sänger und Gäste werden mit diesem Gebrauch bekannt ge- 
macht. Ein Neuling nun, dem vielleicht sein Geld Heb war, der den 
Rath nicht beachtete und darob eine auffallende Herabsetzung seiner 
Leistungen in den Kritiken des bewussten Herrn zu erleiden hatte, 
wählte einen andern Weg. Er fasste und beanbeitete beim ersten 
Zusammentreffen die Person* seines Kritikers in so fühlbarer Weise, 
dass dieser die kräftige Faust und die körperliche Ueberlegenheit 
seines Gegners anerkennen musste. Es wird versichert, daas dies 
Mittel eben dieselbe Wirkung gethau habe, als wenn er ihm eine »Gra- 
tification« verabreicht hätte. 



Bibliographie. 

Bitter, C. H., Mozart's Don Juan und Gluck's Iphigenia in Tauris. 
Ein Versuch neuer üebersetzungen. Berlin, F. Schneider, gr. 8. 
2Thir. 

Brendel, Fr., Die Organisation des Musikwesens durch den Staat. 
Leipzig, Kahnt. 8.-40 Ngr. 

Lorenz, Dr. Franz, Haydn, Mozart und Beethoven's Kirchen- 
musik und ihre Gegner. Breslau, Leuckart. 8. 45 Ngr. 

Mettenleiter, Dr. Dom., Musikalisches Taschenbuch auf das 
Jahr 4866. Regensburg, Bössenecker. 6 Ngr. 

Wilberforce, Edward, Franz Schubert, a musical biography 
(rom the German of H. v, Kreissie, London, Allen and Co. 



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116 



Nr. 14. 



Zeitungsschau. 



In Nr. 40 der » Greozboten «i hat L. Nohl über seine »Briefe 
Beethoven'sa eine ebenso gründliche wie treffende Zurechtweisung 
erfahren. Der sehr lesenswerthe Artikel schliesst mit den Worten : 
»Fahrt, Herr Professor Nohl fort, in dieser leichten Manier auch fer- 
nerhin Bücher zu machen, so mag er Kindern und unwissenden da- 
mit imponiren : eine wissenschaftliche Kritik wird weiter keine No- 
tiz yon ihm nehmen können.« 

A. V. Dommer machte kürzlich in einem Bericht über' ein 
»Volksconcert« des Hm. Stockhausen in Hamburg folgende sehr 
richtige Bemerkung: »Den Wanderer (von Schubert) sang Hr. Stock- 
hausen, beiläufig noch erwähnt, nicht am Ciavier, sondern mit einer 
von Hiller arrangirten Orcheslerbegieitung, womit nicht Jedermann 
sich einverstanden erklären wird. Ein Lied fordert und duldet sei- 
nem Wesen nach zur Begleitung nur Soloinstrumente, welche auch 



den feinsten Bewegungen der Hauptstimn^e durchaus nachzugebea 
vermögen, was ein Orchester schwerlich im Stande ist und auch in 
diesem Falle nicht fertig gebracht wurde. Ueberdles greift der volle 
Instrumenlenchor mit seinen mannigfaltig charakteristischen und 
individuell geförbten Klangorganen über das Lied hinaus, dem gerade 
das Ciavier, unter der Hand eines geschickten Begleiters^ am so bes- 
ser entspricht, als es in seiner farblosen Allgemeinheit um so mehr 
geeignet ist, dem Charakter eines jeden Liedes völlig frei sich zu 
accommodiren und den Ausdruck der Melodie durch entsprechende 
Tonbewegungen zu vervollständigen , ohne ihr über den Kopf za 
wachsen. In der dramatischen Arie ist es eine ganz andere Sache. 
Für gewöhnlich haben solche Instrumentationen, wie auch in diesem 
Falle die Hillersche, durchaus keine andere als subjective Geiluag; 
Schubert würde übrigens das Aussetzen seiner Liederbegleitangen 
für Orchester ja wohl selbst verstanden haben, wenn er es eben für 
passend befunden hätte. 



ANZEIGER. 



Henri Hi^ Pierson's Gesänge 

[67> aus dem Verlage von 

J. H^ieter-löiodLemiaiiii 

in Iieipzig und Winterfhur. 
Op. 60. Zwei Gesänge für eine mittlere Singstimme mit Beglei- 
tung des Pianoforte. (Mistress Durham gewidmet.) 4 7iNgr. 
Nr. 4. oRastlos Herz will Ruhm erjagen«, Deutsche Uebersetung 
von Friedr. Seebach, — »Letwho will, go mad for glory«, 
by Barry Comwall. • 

Nr. 3. Sängers Vorüberziehen : sich schlief am Blüthenhügel«, 
von L. UtUand. — The Minstrel : »Amid the flow'rs I 
slumber'd«, English version by Irving Hill, 
Op. 61. Der Friedhof : »lieber fremde Gräber, und Leichensteine« 
von Fr. Dingelstedt, Arie für Bass oder Bariton mit Begleitung des 
Pianoforte. (Herrn Dr. Corfe» Domorganist zu Oxford gewidmet.) — 
The Churchyard: »When the shades of eve o'er the churchyard 
* fall«, English version by Irving Hill, 42i Ngr. 
Op. 62. Das Hifthorn : »Der Burgwall glänzt, \qm Licht um- 
kränzt« Romanze für eine Singstimme mit Begleitung des Piano- 
forte. Deutsche üebersetzung von Ludwig Satter. (Seinem lieben 
Bruder Oarl gewidmet.) — The Bügle : »The splenduor falls on 
Castle walis« by A. Tennyson. — L'Echo de TAme : »ün soleil d'or 
eciaire encor« Paroles francaises de RenU Dumont. 4 > Ngr. 
Op. 63. Drei Gediehte von W. Shakespeare für eine tiefe Stimme 
mit Begleitung des Pianoforte. (Zur dritten Säkularfeier von Shake- 
speares Geburt, S3. April 4864. Den Manen des grossen Dichters 
gewidmet.) 4 Thlr. 
Nr. 4. Romanze aus: Der Kaufmann von Venedig. »Sagt, wo- 
her stammt Liebeslust«, — Fancy's Kneil : »Teil me 
where is Fancy bred«, — Le Glas d'Amour: »Dis-moi, 
oü siege Tamour»? 
Nr. t. Ständchen aus : Die beiden Veroneser. »Wer ist Silvia ?« 

— Serenade : »Who is Silvia?« -7- S6renade : »Belle est 
Silvie I« 

Nr. 8. Elegie aus: Cymbeline. »Fürchte nicht mehr Sonnen- 
gluth«, — Dirge in Cymbeline: »Fear no more the heat 
of the sun«, — Sur la Mort de Fidöle.: »Ne crains plus 
les ardeurs du soleil«. 
Op. 64. O do meiu Alles auf der Weit! Gedicht von Friedrich 
Oser für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte. (Dem 
Dichter freundschaftlich zugeeignet.) — To Lenore in absence : 
»My only love, my heart's adoreU, English version by Irving Hill. 
<2iNgr. 
Op. 65. Zwei religiöse Gesäuge für eine mittlere Singstimmc 
mit Begleitung des Pianoforte. (Herrn Christiaii Sohucker, 
Königl. Württembergischen Hofsänger, gewidmet.) 45 Ngr. 
Nr. 4. Gebet: »Birg mich unter deinen Flügeln«, von Fr. Oser. 

— Prayer: »Let thy sheitring arm protect me«. 
English Version by Irving Hill. — Priöro: »Couvre moi 
de ton egide« Paroles francaises do HerrU Dumont. 

Nr. 2. Der Himmel bringt die Ruhe nur : »Die Welt ist air«ein 
flüchtig Scheinen«, Deutsche Üebersetzung von Fr. Frei- 
ligrcüh. — Rest in Heaven : »We chase thro' life an 
empty phantom«, by Th. Moore. — Le bien unique: 
»Le monde est une Image vide«, Paroles francaises de 
Remi Dumont. 



Op. 66. Cooeert-Arie : »Mein Herz ist schwer um Einen« für eine 
tiefe Stimme mit Begleitung von kleinem Orchester. Deutsche 
üebersetzung von F. Kohlhauer, (Fräulein Caroline Bettelheim, 
K. K. Oesterreichischer Hofopernsängerin, gewidmet.) — Love's 
vigil : »As lone I gaze upon (he night«, — Les larmes du coeur : 
»Dis-moi, mon coeur, roon pauvre coeur«, Parole» fran^ises de 
Remi Dumont. Ciavierauszug 4Si Ngr. 
Partitur und Stimmen in Abschrift. 

[68] Im Verlage des Unterzeichneten ist erschienen: 

„Ptt 6lfl wk eine l^finne" 

Iiied von Heine 
für Sopran oder Tenor mit Begleitung des Pianoforte 

componirt von 

L. de Jadovsky. 

Preis 7% Ngr. 

D. H. OeiBBler in Leipzig. 

[69] Im Verlage von J. Rieter -Biedermann in Leipzig und 
Winterthur sind erschienen : 

Fritz Spindler, Op. 136. Sechs Sonaten far 
Pianoforte zu 4 Händen. 

Nr. 4. Sonatine mit russischem Volkslied. 4 7^ Ngr. 

- 2. Sonatine mit Serenade. 47i Ngr. 

- S. Sonatine mit Jagdstück. 7i Ngr. 

- 4. Sonatine mit Sicilianischem Tanz. 4 7i Ngr. 

- 5. Passions-Sonatine. 23i Ngr. 

- 6. Zigeuner-Sonatine. 22i Ngr. 

[70] In meinem Verlag ist erschienen und durch jede Buch-, Kuast- 
und Musikalienhandlung zu beziehen : 

I^ortrait 

von 

Nach der Photographie von Fr. Hanfstttngl, lithographirt von 
demselben. 

Preis netto 22% Igr. 

(Pendant zu Rob. Schuij^ann's Portrait im Verlage von B. Senff.) 

J. BieteivBiedermaim 

' in Leipzig und WinterJhnr. 



Hierzn eine Beilage von J. 6. Bossenecker in Begensbnrg. 



Verlag von J. Rieter-Biedermann in Leipzig und Winterthur. — Druck von Breitkopf und Httrtel in Leipzig. 



./ 



Dm Leipdgvr Allftmehie Mnsika- 

IlMlie Zatanf «ncheini regelm&saig an 

jed«m Mittwooh und irt durch alle 

Poettmtarond Baehhandluiig«n 

sabatkihen. 



Leipziger Allgemeine 



Preii: JUurlioh 5 Thlr. 10 Ngr. 

YierteUähriichePriLnam. IThlr.lONgr. 

▲aielgeii : Die getpaltea» PeÜtaeila oder 

deren Baum 2 Ngr. Briefe und Gelder 

werden franoo erttoten* 



Musikalische Zeitimg. 



Verautwortliclier Redacteur: Selmar Bagge. 



Leipzig, ü. April 1866. 



Nr. 15. 



L Jahrgang. 



Inhal t: Ueber Herrn Appuno's Vorlegungen in Leipzig. Ein theoretischer Excurs von S. Bagge. — Recensionen (Werke für die Orgd). — 
Pariser Briefe. UI. — Bericht aas Holland (Schluss). ^ Nachrichten. — MisceUen.— Berichtigung. — Briefkastea. — Anzeiger. 



Veber Herrn Appuxm's Vorlesungen in Leipzig. 

Ein theoretischer Excurs 
von S. Bag^e. 

Den Vorlesungen des Herrn Appunn aus Hanau bat 
es ausser dem wissenschaftlichen Interesse , das sich an 
sie knüpfte, nicht an humoristischen Seiten gefehlt, na- 
mentlich für den, welcher in Sachen und Personen etwas 
liefere Einblicke thun konnte. Bie grossen Complimente, 
welche Herr Appunn unserem Dr. M. Hauptmann, der an- 
wesend war, sich aber als stiller Zuhörer verhielt, über 
sein Buch machte, indem er allerdings für einige Satze 
desselben auf experimenUlem Weg Beweise beibraehte, 
gleichzeitig aber an einigen wesentlichen Fundamen- 
ten desselben rüttelte; die Schwierigkeiten und Be- 
denken, welche von anderer Seite laut ausgesprochen 
wurden und längere Unterbrechungen des Vortrags ver- 
ursachten, — alles das gab in den fraglichen Vorlesungen 
Stoff genug zum Lachen, und die Theilnehmer werden, 
wenn ihnen unter dar Vef hüliung durch Phrasen und Lob- 
reden die innere K!uft nicht ganz verdeckt blieb , nicht 
ohne einigen Spass sich an diese Stunden zurückerinnern. 

Thatsache ist , dass in unserer »harmonischena Kunst 
sich gar manches Unbarmonische findet. Dass die gute 
Mutler Natur selbst daran schuld sei, da wir innerhalb der 
einfachsten Tonart reine und unreine Verhältnisse haben 
(die zu Differenzen unter den »Gelehrten« führen müssen, 
über welche aber die Kunst, leichtgeschürzt wie die 
Muse selber, hinweghüpft), darf man nicht behaupten 
wollen. Denn nur das menschliche Bedürfniss, sich zeit- 
weise in kleinerem Raum »abzuschliessem, führte dazu. 

Um unsere Leser m medias res zu setzen, wollen wir 
die sehsamen Erts-Aepfel unserer 9 Harmonie« sogleich 
bezeichnen. Es sind, nach Hauptmannes Ausdruck , zwei 
Aecorde des verwendeten Systems , die Grenzverhin- 
dungs-Accorde : 



P-a-C-e-G-h-D 
in Worten deuUicher ausgesprochen : die Verbindung des 



Ünterdominant-Accords Fa C mit D, dem jenseitigen 
Grenzpunkt des Systems von C-dur, und die Verbindung 
des Oberdominant-Accords G-A D mit jP, abermals dem 
Jenseitigen Grenzpunkte ; also die Septimen-Accorde der 
5. und S. Stufe (oder wenn man will schon die darin ent- 
haltenen Dreiklänge der 7. und St. Stufe). Herr Appunn 
stellte den Grundsatz au{^ dass das Ohr überall voll- 
kommen reine Verhältnisse haben wolle, und bewies aller- 
dings ad oculos oder richtiger ad aures, dass dem Septi- 
menaccord G Ä D F ein etwas tieferes fals das JF des ün- 
terdominant-Grundtons gemäss, uad ebenso, dass dem 
Septimenaccord D F aC eitk tieferes d als das D der Ober- 
doHiinant-Quint zuträglich sei. Hier Hegt ein Fall vor, wo 
das Ohr momentan zustimmen wird und wo Hauptmannes 
Theorie etwas in's Gedränge kommt. Wir können uns aber 
dennoch nur auf Seite Hauptmannes stellen« Denn wenn 
wir auch gern zugeben , dass der Oberdominant- Accord 
in freier Intonation ein tieferes /", und der Septimen-Ac- 
cord der zweiten Stufe ein tiefere» d vertrage, — das 
erstere in dem Falle, wenn der Dominant-Septimen-Accord 

zwischen zwei Accorden der Tonika steht : 

das letztere, wenn der Septimen -Accord der zweite« 
Stufe den C-Accord nach sich zieht: 





,so sind in unserer Kunst nun docb dcnnal durch ihre erste« 
Meister auch andere Accord Verbindungen einheimisch ge- 
macht, die weder die Physiologie noch die Akustik als 
unbrauchbar wird ausweisen wollen und können: solche 
nämlich, wo F Sept und wo D Quillt wird 




Wie ist es nun , wenn der Sänger F oder D in beiderlei 
Bedeutungen nacheinander zu singen hat? soll er dann 
denselben Ton in verschiedener Tonhöhe intoniren? Und 
wie kann er vorher wissen, in welcher Eigenschaft der 
betreffende Ton auftreten wird? Mussihm nicht aus dieser 
Unsicherheit grosse Schwierigkeit bestimmter Intonation 
evst erwachsen? 

15 



118 



Nr. 15. 



Wir huldigen dem Princip des Herrn Appunn in Bezug 
auf reine Intonation, aber nur soweit, als es den Unter- 
schied der reinen von der temperirten Stimmung be- 
trifll. Darüberhinaus, bis zu einer principiellen Verschie- 
denheit der Tonhöhe einer und derselben Tonstufe, können 
wir mit ihm nicht gehen und müssen sogar den entgegen- 
gesetzten Standpunkt vertreten, den nämlich, dass die 
vorhandene unvollkommene Reinheit der betreffenden 
Accorde aufrecht zu erhalten sei, zu Gunsten der 
Sicherheit und Reinheit des ganzen Systems. 
Das Bemühen rein zu singen zugegeben , hat ja doch der 
Sänger von schärfstem Gehör nicht blos das Bedürfniss, 
einen einzelnen üebergangsaccord zu vollkommener Rein- 
heit gedeihen zu lassen; sondern er hat das höhere Be- 
dürfniss , seine Tonstufen so zu intoniren , dass er sicher 
überall hin, und vor Allem zum richtigen Ausgangspunkte 
zurückkommen kann. Dies würde aber unmöglich wer- 
den, wenn er einzelnen Accorden zu Liebe von dem fest 
bestimmten Verhältniss der Tonstufen abgehen wollte. 

Herr Appunn suchle die Richtigkeit seines Princips 
und die Gefahr, durch den Septimen-Accord der zweiten 
Stufe aus der ursprünglichen Tonhöhe herausgebracht zu 
werden, durch Ausführung von Gesängen zu beweisen, 
die er aber auf seinem Instrument begleitete, wo er jede 
Stufe in verschiedener Tonhöhe bringen kann und wo- 
durch er den Chor leitete. Es lag daher in jenen Chor- 
und Lieder-Ausführungen für diesen Punkt Beweisen- 
des nichts; denn sichere Sänger würden ohne Instru- 
ment vielleicht die Tonhöhe trotz der gefährlichen Accorde 
behauptet haben: während die reine Intonation der ge- 
fährlichen Accorde gerade aus der richtigen Tonhöhe her- 
ausführen mui^ste. 

Für viele Besucher der Vorlesungen dürfte es ferner 
interessant gewesen sein, das Phänomen der Ober- und 
Combinationstöne mit leiblichen Ohren deutlich zu 
vernehmen. Das Mitklingen der Partial- (Ober-) Töne ist 
freilich eine so bekannte Erscheinung, dass die Scenen 
äusserst komisch waren, wo manche Zuhörer, selbst mit 
Resonatoren bewafifnet, dennoch eine Ungläubigkeit an den 
Tag legten, die dem alten Thomas nicht zur Unehre ge- 
reicht haben würde. Minder bekannt und noch von We- 
nigen deutlich vernommen (wir selbst hatten zum ersten 
Mal durch Herrn Appunn das Vergnügen, die Bekannt- 
schaft desselben zu machen), ist das Phänomen des Gom- 
binationstons : eines durch einen Zusammenklang mehrerer 
höheren Töne in der Luft frei erzeugten tiefen Tones, 
der wohl sehr schwach , aber doch vernehmlich genug 
klingt. (Merkwürdig, dass ein Dur-Accord in jeder Lage 
seinen wirklichen Fundamenlal-Ton, ein Moll-Accord aber 
einen ganz fremden Ton erzeugt!). Akustisch und phy- 
siologisch höchst interessant, können jedoch diese Phäno- 
mene eine musikalische Theorie, eine Lehre der Ac- 
cordfolge nicht begründen. Einzelne Accorde 
können wohl auf Grund obiger Erscheinungen beurtheilt, 
der Grad ihres Wohlklangs kann danach bemessen wer- 



den; aber die AccorcBfolge ist ein Product der mensch- 
lichen Erfindung, nichteine Entdeckung. Wäre die 
Musik ein Naturproduct, etwa wie eine Krystallisation oder 
dergl., nicht eine Kunst, so würde nach d^m Naturgesetz 
gefragt werden müssen, welches das Product so und nicht 
anders erzeugen Hess. So wenig aber dem Sinn und Wohl- 
klang eines Goethe^schen Verses durch die Naturwissen- 
schaft beizukommen ist, so wenig wird die Musik in ihren 
kunstvollen Verbindungen, ja nicht einmal ein System der 
Tonart, von jener Wissenschaft aus zu begründen sein. 

Mau hat es längst versucht, aus der Theilung der Saite 
die musikalischen Verhältnisse abzuleiten, hat aber damit 
nie weiter kommen können, und sehr einfach deshalb 
nicht, weil aus den Partial -Schwingungen der Saite 
kein Tonart-System herzustellen ist, dessen Grundton 
oder Tonika identisch wäre mit dem Grundton der Saite. 
Die Partialtöne der Saite C ergeben niemals vollständig 
jene Stufen , die wir in C-dur gebrauchen, noch weniger 
die von C-moll; sie weisen vielmehr vermöge VV auf eine 
Tonart hin, die ganz ausserhalb liegt: auf F, als dessen 
Dominante jenes C mit seiner Descendenz gelten könnte. 
Die »Natura sagt uns aber von einer Tonika und Dominante 
nichts , es hat noch kein Akustiker nachgewiesen, dass der 
Septimen-Accord CeG b e\n F als Combinationston hören 
lasse. Daraus geht u. A. hervor, dass das menschliche 
Ohr, von allen Nebentönen absehend, den einzelnen Ton 
(ausser Zusammenhang mit andern) als absolute Einheit 
hinnimmt. Würden wir eine melodische Folge vom Stand- 
punkte der Akustik genau betrachten, so würde daraus 
nichts hervorgehen, was uns dieselbe harmonisch ver- 
ständlich mächte; vielmehr würden wir nur eine Aufein- 
anderfolge von ganz selbständigen Tönen vor uns haben, 
deren jeder sein Gefolge von Obertönen mit sich führt: 



Vt b 
V. 6 
% ff 



c d c b 
fis gi$ fis e 
a h a g 



-Ä>- 



In diesem Sinne fasst aber das geistige Ohr die 
Folge nicht auf, sondern in dem von Hauptmann dar- 
gestellten Sinne (siehe sein noch viel zu wenig gele- 
senes Buch »Harmonik und Metrika), indem der Geist des 
Menschen die Dinge in eine Beziehung auf einander zu 
bringen sucht, von der die todte, willenlose und unbe- 
wegliche Natur nichts weiss. 

Die Accorde von Dur und Moll Hessen, wie schon 
bemerkt, vielleicht eine begrenzte Untersuchung und Er- 
klärung durch ihre Ober töne zu, wobei sogar in Bezug 
auf den Moll-Accord eine merkwürdige Bestätigung der 
Hauptmann'schen Theorie sich ergeben würde, nach wel- 
cher er von seiner Quinte »abhängt«. *) Aber das Alles 

*) Das demC— Cr eingerügte £5-Geschlecht erzengt als V«, Vio®^- 
g ; das C-Geschlecbt selbst erzeugt g als */fi % u. s. w. ; das G-Ge- 
schlecht, an und für sich durch seinen Grundtoi? das Drittel von C 
verstärkend , enthält diesen Ton noch als Vg, % '/• ^' ^* ^- ^^^^^" 



Nr. 15. 



149 



kommt nicht über den einzelnen Accord hinaus (daher 
auch Helmholtz, sobald er auf ein Gesetz der Harmonie- 
folge eingehen will, seine ursprüngliche Basis verlässt 
und sogar die so vielfach angefochtene Hauptmann'sche 
Äusdrucksweise annehmen muss). 

Kehren wir nochmals zu Herrn Appunn zurück, so 
sind wir sehr gern bereit, sein Verdienst anzuerkennen, 
dass er es durch das von ihm erfundene und gebaute In- 
strument möglich gemacht hat , feinere Unterschiede der 
Stimmung und Accord Verhältnisse hörbar und deutlich zu 
machen. Dass die Te mp er a tu r ein nothv^ndiges Uebel 
sei, und jene feineren Unterschiede unfühlbar mache — 
bald zum Vortheil, bald zum Nachtheil der Wirkung — 
gesteht Herr Appunn zu. Das Resultat von Allem aber 
scheint dieses^ dass reine Intonation und Temperatur, 
reioe Verhältnisse und unreine, wie bisher auch ferner 
in der Praxis fortbestehen werden. Darüber, dass auf 
die Temperatur, als ein nothwendiges Uebel, keine 
Theorie zu gründen sei, wie es seiner Zeit Weitzmann ver- 
suchte, sind wir längst mit Hrn. Appunn einig und haben 
uns an andern Orten (in der »Deutschen Musikzeitunga) 
eingehend darüber ausgesprochen. Wir müssen aber, 
einigen von ihm gewählten Gesängen gegenüber, die er 
als Beweise fü/seine Principien vorführte, bemerklich 
machen, dass es ein grosser Unterschied ist , ob ein Ge- 
sang von einem temperirten Instrument begleitet wer- 
den soll , oder ohne alle Unterstützung (a capella] auszu- 
führen ist. Wenn Herr Appunn an einem Mendelssohn'- 
schen vierstimmigen Liede (»Ruhethal«] nachwies, dass 
am Schluss die Säuger in Gefahr sind zu fallen, so war 
das interessant und nicht anzufechten. Wenn er aber an 
Beethoven's Lied mit Ciavierbegleitung »Die Himmel er- 
zählen« gleichsam einen Fehler der Composition aufdecken 
wollte, da die Modulation nicht zum richtigen C zurück- 
führt, so musste man daran Anstoss nehmen, weil dieses 
Lied am temperirten Glavier zu singen ist, und Beethoven 
wohl gewusst haben wird, dass er hier sich um solche 
Unterschiede nicht zu kümmern brauchte. Wollte man in all 
und jeder Composition die Unterschiede von C und c, von 
P und f u. s. w. berücksichtigen, so dürften wir nie C- 
dur mit C-moU vertauschen, oder von C-dur nach F-moU 
übergehen, denn das C-moll, das mit Es-dur verwandt 
ist, ist nicht C, sondern (ein tieferes) c , und das F-moll, 
das mit As-dur verwandt ist, ist ebenfalls nicht gross F, 
sondern klein f. Welcher Componist hat wohl Lust , sich 
dieser und änderet Modulationen zu enthalten , blos des- 
wegen, weil hier für den Theoretiker eine kleine Differenz 



hat G im C moH-Accord weilaa^ das üebergewicht. — Wie würde 
es wohl mit dem Dur-Accorde bestellt sein, wenn man ihn auf 
diese Weise untersuchen wollte ? C enthalt ausser c, e, g und der 
UDeadUchen Reihe von un vernehmbaren Obertönen auch ein schwa- 
ches b (%). G setzt diesem b ein stärkeres h ('/4) entgegen und bringt 
Doch d, fVL, s. w. dazu. E, die Terz, fUhrt abermals h im Gefolge 
(Vi)> das schwächere; gis (%) wird durch das stark vertretene g (aus 
C und G) verdrängt, während das schwache d (*/,) nicht sehr in Be- 
tracht kommt. Wo bleibt da aber die absolute Einheit und Con- 
sonanz des Dur-Aecords? 



vorhanden ist? — Im Gesang ohne Begleitung ist diese 
Sache freilich weit wichtiger, und wird daher hier von allen 
gewiegten Theoretikern vor enharmonischen Uebergüngen 
gewarnt (zu welchen unstreitig auch die Verwechselung 
grosser und kleiner Töne gehört). Wir möchten aber noch 
zu bedenken geben, dass das Verlassen der richtigen Ton- 
höhe beim a capella -Gesang nicht immer die Folge 
mathematischer Verhältnisse sein muss. Ermüdung oder 
Schwäche des Organs, zu hohe Lage des Satzes für die 
Singstimmen u. dgl. können bei den richtigsten Verhält- 
nissen der Composition zum Sinken führen. 

Indem wir schliesslich Herrn^ppunn den herzlichsten 
Dank für seinen anregenden Besuch abstatten , sprechen 
wir noch die Hoffnung aus, dass er, unbeirrt durch Aus- 
stellungen im Einzelnen, seine wissenschaftlichen For- 
schungen eifrig fortsetzen werde. 



Becensionen. 
Für die ^rgel 

liegen uns Compositionen vor von Brosig und Thiele, jene 
mehr dem Geistlichen anklingend, diese ganz von welt- 
licher Virtuosität erfüllt. 

M. Brosig, Op. 4. 3 Präludien und Fügen. 2. Auflage. 
Breslau, Leuckart. 20 Ngr. 

Op. 6. Christ ist erstanden, Phantasie. 2. Auflage. 

Ebendaselbst. 4 2% Ngr. 

Op. H. 3 Präljidien und 2 Volkslieder. Ebendaselbst. 

» 15 Ngr. 

L. Thiele, Thema mit Variationen, As-dur. Berlin, Schle- 
singer. 4 Thlr. 

Goncertsatz, C-moU, — Goncertsatz, Es-moU. k 25 Ngr. 

Ebendaselbst. 

E. K, Brosig's Tonsätze zeigen künstlerische Bega- 
bung und ernste Arbeit , den besseren der heutlebenden 
Organisten gleichstehend, nicht den höchsten Forderungen 
der Kirche entsprechend, aber auch nirgend unwahr oder 
überstiegen. Zu geistlicher Erbauung eignen sich nicht 
alle auf gleiche Weise ; tiefer Wirkung sind sie nicht, doch 
machen sie den Eindruck der Ehrlichkeit, was heutzutage 
etwas^agen will, und enthalten sich aus demselben Grunde 
der falschen Modulationen, jedoch nicht immer der vir- 
tuosen Nebenkünste. 

Das Präludium von Op. 4 ist anmuthe'nd und regel- 
mässig, durch einfache Imitirung entwickelt aus demsang- 
mässigei^ Thema : 



^Ms 



^ 



Das Fugenthema : 



T 



^^Ijmj^Jl-^mrr 



ist ausgiebig, nicht bedeutend, etwas lustiger , als wir an 
der Kirchenorgel gewohnt sind, doch bei gemässigtem 



46* 



120 



Nr. 15. 



Vortrag wohl ansprechend. In alter löblicher Weise ist 
die diatonische Constmction — Andere sagen lieber To- 
nali tat — zu Grunde gelegt, doch freilich auch des Guten 
zu viel gethan; eine harmonische Disposition, die — nur 
mit kurzem Intermezzo (S. 5 Z.2) — die Folge d. c. d. c.*) 
dreimal auf gleicher Tonhohe bringt, das ist mehr, als 
man gutwillig erträgt, und nicht blos die Bachianer wer- 
den das monoton nennen, trotz der sonst anmuthig va- 
riirten Figurirung und der schönen Augmentation am 
Schlüsse. — Die bequeme Spielbnrkeit, die zwar üebung, 
aber nicht ungewöhnliche Kräfte erfordert, wird diesem 
Werke die Ehre der z^^iten Ausgabe erworben haben. 
Es wäre gut, wenn das öfter auf dem Titel bemerkt würde, 
aber — wohlgemerkt ! nicht ohne Jahreszahl. 

Das zweite Präludium ist weniger geistlich als das erste, 
aber wohlklingend und mit klangvollen Orgeleffeclen. Un- 
angenehm sind die zahlreichen Octavengänge, die nun 
einmal bei neueren Organisten beliebt geworden, aber 
trotz Hessens Vorgang (vgl. Deutsche M.-Ztg. 186i Nr. 44 
S. 323) doch orgelwidrig sind und bleiben ; es ist ein rein 
blavierhaftes Gerassel , das wohl das Getöse mehrt , aber 
nicht den Sinn nährt. Die Altmeister meinten, dergleichen 
lasse sich durch Registriren erreichen, und so meinen 
wir auch. Zumal wenn bei vollem Werke, z.B. S. 6, Mix- 
turen gebraucht werden, so wirken die 2-, 3- oder 4- 
stimmig durch Hände und Füsse gespielten Octaven recht 
widrig, mindestens kalt und fremdartig. Uebrigens ist 
das Thema des zweiten Präludiums rhythmisch klar durch- 
geführt; nicht y) das Fugenthema, dessen dritter Stimm- 
Einsatz stockend klingt (S. 6 Z. 5) : man möchte den Ein- 
satz beim 8. statt 9. Takte hören, mit gelinder Aenderung 
der übrigen Stimmen. Die Construction der Harmonie ist 
in sonderbarer , fast unlogischer Folge der Tonarten so 
disponirt: I. V. I. V. || I. VI. VI. IV. (S. 7, 3, 3 mit der 
unangenehmen Wendung zum Tritonus in der Melodie) 
III. II V.l. L V. II, Schlu3S unisono mit Händeh und Füssen 



t>^^J^^-rpTf 



etc. 



Sehr lieblich und geistvoll ist das dritte Präludium 
Adagio l Fis-moll ; das Fugenthema : 



^ \ ^}ti \ i>ni 



ist gut behandelt, trotz der chromatischen Moll-Anlage 
nicht ausschweifend in der Modulation, klar und klangvoll, 
mit zierlichen Engführungen, Terzengängen, Umkehrungen 
geschmückt, voll milder Zärtlichkeit des Gesangs. Gegen 
die ächte Fugenpraxis ist der freie Eintritt der fünften und 
sechsten Stimme neben die Vierstimmigkeit S. 43; doch 
da es nicht gewaltthätig geschieht, sondern in natürlicher 
Steigerung zu vollstimmigem Schlüsse, der hier auch 
rhythmisch gesättigter erscheint, als bei den meisten 



*) d. €. as dux, comes = FUhrefi Geehrte. 



Neueren, so mag man diesä Abweichung dem modernen 
Geiste zu gute halten. 

Die Phantasie Op.6 über »Christ ist erstanden« zeigt 
ebenfalls schöne Gaben, doch hat das Phantastische über 
die Einheitlichkeit den Sieg davongetragen. Der erste 
Satz beginnt sinngemäss in dunkler Tiefe, hält sich an S. 
Scheidt's und S. Bach*s Muster der Zeilen-Fugirung, be- 
wegt sich theilweis in altkirchlichen Tongängen, übrigens 
zwanglos in moderne Ghromatik hinübergleitend. Wir be- 
dauern, dass nicht die älteste Form der Melodie durchge- 
halten, sondetTi die zweite Strophenhälfte nach heutiger 
Art gesungen ist, was der ersten Hälfte gewissermaassen 
entgegen stimmt; «ausserdem vermissen wir die antike 
Klarheit des Fortschritts, welche Bach streng innehält 
durch jedesmal einstimmigen Ansatz der neuen Zeile, 
womit das Fugenhafte an Helligkeit gewinnt. Dennoch 
wirkt dieser erste Satz ernst und feierlich; er ist der beste 
der vier Sätze und scheint uns der kirchlichste von Bro- 
sig's Orgelsätzen überhaupt. — Das zweite sehr beweg- 
liche Stück, Fuge in G-moll, ist ein Zwischenspiel ohne 
allen Anklang an das gewaltige Hauptthema des Ganzen; 
dazu kommt, dass wiederum mit plumpen Octaven sogar 
in ganzen Accordschichten herum clavieret wird, z. B. S. 6 
Z. 3 — 4, worauf dann der tänzerliche Schluss S.7, 4 nicht 
mehr überrascht. — Mit dem dritten Stück,*Ghoral sanft 
manualiter vorgetragen, kehren wir zum Grundthema und 
Grundton zurück ; es ist kräftigen Ausdrucks, ungeachtet 
des sanften' Spiel Vortrags, und könnte wohl vollere Stim- 
men ertragen. — Das Finale, in freien Nachahmungs- 
figuren gehalten, aus dem Thema der Schlussworte »Alle- 
luja, des sollen wir alle froh sein, Kyrie eleis« entwickelt, 
hat wiederum sehr bewegliche Stimmung, zvrischen welche 
die Sangmelodie in vierfach vergrösserten Noten hinein 
tönt; ob hier der mit Worten übergeschriebene wirk- 
liche Gesang in das bunte Instrumental verflochten so 
herrlich wirken werde , wie in Baches ähnlichen Sätzen, 
möchten wir bezweifeln. 

Die Prä- und Postludien Op. 11 sind Etüden für 
Anfänger und Geübtere. Das erste, sehr modern senti- 
mental, enthält singbare Themen, einige Octaven nebst 
anderen Spielkünsten, wenig Erbauung; das zweite, 
milder und einfacher, in klarer Stimmführung, wird Theil- 
nahme erregen; das dritte ist kunstvoller angelegt, be- 
deutsamer, doch nicht kirchenmässiger als die übrigen. — 
Recht widerwärtig tönen die Octaven am Schlüsse von 
Nr. 4, welches sonst musikalisch nicht werthlos ist. Höhe- 
ren Flug nimmt Nr. 5 , ein Parade-Prachtstück in Ritter's 
und Töpfer's Stil, aber weit inhaltreicher und belebender 
als diese. (Schluss folgt.) 

Pariser Briefe 

von Charles Beauquier. 

ni. 

Da man schon aus der Liszt'schen Messe ein musikalisches 
Breigniss gemacht hat , so muss ich Ihnen doch etwas weit- 
läufiger darüber schreiben. Jedes Jahr wird von den vereinig- 



Ik^. 



Nr. 15. 



<21 



leD Schülern in St. Bustacbe eine Messe aafgeföhrt, bei wel- 
cher Gelegenheit meistens Werke moderner französischer Com- 
ponislen, wie Ambroise Thomas, Goanod, Camille Schubert, 
Mass^ Torgefährt werden. Der Ertrag dieser Aufführungen 
fliesst in die Hülfscasse und ist gewöhnlich ziemlich unbedeu- 
tend, aber doch genügend. Die Anwesenheit Liszt*s in Paris 
bat den Unternehmern dieser musikalischen Feierlichkeit die 
Idee eingegeben, den Ruf und das Ansehen, die der berühmte 
Pianist in der Pariser Welt geniesst, zu benutzen, um in die- 
sem lahr eine starke Anziehungskraft daraus zu g*ewinnen, 
uQd man hat demnach den Gomponisten.um Erlaubniss gebe- 
ten, die von ihm zur Einweihung der Graner Domkirche com- 
poDirte Messe aufführen zu dürfen. Liszt, der die Gelübde der 
Zurückgezogenheit und Demuth auf seine eigene Art auslegt, 
der sich seit seiner Ankunft in Paris in den weiblichen Zirkeln 
wie ein Abbe des 18. Jahrhundert umhertreibt, und unter 
dessen Kutte die Spitze des ungarischen Säbels hervorlugt, 
butete steh wohl , diesen Antrag abzulehnen , und so konnten 
wir mit der apokalyptischen Musik dieses Autors Bekanntschaft 
machen. 

Liszt ist ein merkwürdiger Virtuose, den seine glänzenden 
Erfolge berauscht haben. Welchen Geschmack und welche 
Achtung vor den allgemeinen Principien der Kunst kann man 
von einem Musiker erwarten, der im 9. Jahre improvisirte und 
eine Oper schrieb, später als mystischer Davenport Europa 
durchzog, den die Frauen vergötterten wie eine Incarnation 
von Dante, und der auch auf den friedlichen Wegen der Kunst 
mit seinem Säbel klappert. Liszt gehört zu der grossen Fami- 
lie der Barnum , und wie er früher seine Hände in Gyps ab- 
giessen Hess , so möchte er jetzt gern seinen Kopf abformen 
lassen, aus dem die Graner Messe und das Oratorium »Die hei- 
lige Elisabeth« entsprungen sind. 

Wie es scheint, glaubte Liszt, dass, um eine Messe schön 
in Musik ztt setzen, es hinreiche, von einem starken religiösen 
Gefühl belebt zu sein, und da er schon seit längerer Zeit An- 
fällen von Mysticismus unterworfen war, hielt er sich in der 
Döthigen geistigen Verfassung, um an*s Werk zu gehen. Es ist 
dies ein häufig vorkommender Irrthum , dem viele Menschen 
und unglücLlicher Weis^ eine gewisse Glasse von Künstlern 
unterworfen sind. Ich habe mich immer gefragt, was der 
Glaabenseifer , die lebendige Erkenntniss der Eitelkeiten die- 
ser Welt und die Sehnsucht nach dem ruhigen reinen Leben 
der Seligen mit den musikalischen Formen, den Tonver- 
bindangen und Klangwirkungen zu thun haben. Wer darf 
ernsthaft behaupten, dass der geistliche Mysticismus, das Dogma, 
die religiöse Grundlehre in der Musik ausgedrückt werden kön- 
nen, dass man z. B. ein Credo componiren könne, welches 
Jeder für ein Credo nehmen müsse , auch wenn die Worte 
wegfielen? und doch hat Abbö Liszt eine solche Sisyphus- 
arbeit unternommen, und die ganze Schule von Berlioz, Wag- 
tier und Liszt lässt sich auf so unmögUche Wege unbeirrt ein, 
wohin ihr die Masse des Volks freilich nicht folgen kann. Die 
Schule vermochte daher auch nur dann und dort zu einer ge- 
wissen Popularität zu gelangen, wenn und wo sie sich von 
ihren absurden Theorien entfernte. Die Graner Messe kann 
als ein neuer Beweis für die Ohnmacht der malenden Pro- 
grammmusik angesehen werden. Man wird nie irgend ein 
Motiv zu musikalischer Befriedigung ausgeführt und entwickelt 
finden, auch giebt es hier keine eigentlichen Themas, höchstens 
hört man einige unbestimmte nebelhafte Phrasen , welche der 
Tonsetzer in der sonderbarsten Weise zu bearbeiten sich an- 
strengt und mit Harmonie zudeckt, so dass die melodischen 
Elemente unter dem Ueberfluss der Nebendinge verschwin- 
den. Niemals findet sich ein architektonischer Bau, inmier 
nur sind es kleine Phrasen , die , verstümmelt unter einander 
gehackt, wie ein Haufen unförmlicher, aus einem Topf geschüt- 



teter Reste erscheinen. tUnd wie könnte es anders sein, wenn 
der Componist sich vornimmt, so genau wie möglich den ver- 
schiedenen Wendungen der liturgischen Worte zu folgen? Wie 
kann z. B. im Credo, wo so viele verschiedene Dinge, durch 
Worte ausgedruckt sind, wenn man jedem Einzelnen einen be- 
sonderen Ausdruck geben will , etwas anderes entstehen , als 
ein ungeheuerliches und unverständliches Chaos? und das ist 
es, was unserem ungarischen Componisten gerade begegnete : 
Sein Credo kann gewiss als das übelste Stück seiner Messe be- 
zeichnet werden. Wer jedes Wort des Textes verfolgt, wird 
wohl finden, dass Liszt die Musik immer dem Sinn der Worte 
anpasst, dass er traurig, trüb, verzweifelt, begeistert scheint 
je nach den verschiedenen Gedanken, dass der Schlag des 
Tamtam im Crucifixus etwas Bedeutsames habe ; aber er wird 
eingestehen, dass dies Alles mit dem musikalischen Genuss 
nichts gemein hat, und dass alle diese kalten Allegorien nur 
Ermüdung und Langweile nach sich ziehen. Diese ganze phi- 
losophische Musik ist, wie man es vom Weg zur Hölle sagt, mit 
guten Vorsätzen gepflastert. 

Ich möchte kein definitives Urtheil über ein Werk von sol- 
cher Ausdehnung fällen, das ich nur einmal gehört habe und 
das von Chorknaben ziemlich armselig ausgeführt wurde , die 
im Allgemeinen wenig von Musik verstehen und für welche 
diese Messe wie eine chinesische Fabel gewesen sein mag, 
die man von einem Jungen von i Jahren hersagen liess. Das 
Kyrie schien mir noch am bedeutendsten, wenigstens in ein- 
zelnen Stellen; auch das Agnus Dei, soviel ich mich dessen 
erinnere, war menschlicher und musikalischer als das Uebrige. 
Zuweilen habe ich grossartige Orchester-Effecte vernommen, 
manche Ideen, von denen ich nur bedauern musste, dass sie un- 
terbrochen wurden, wie um das Ohr zu foppen ; aber das ist 
auch so ziemlich Alles, was ich trotz meiner Anstrengungen von 
Eindrücken über diese Messe behalten habe. Ich gestehe, dass 
mich am meisten die Improvisationen auf der Orgel anzogen, 
nicht als ob ich sagen wollte, dass sie sehr bedeutend gewe- 
sen wären, aber wenigstens war es mögliche Musik ; sie mach- 
ten mir den Eindruck eines erfrischenden Getränks nach stark 
gepfefferten Gerichten. Die Nationalgardö, welche unter Waffen 
der Auffuhrung beiwohnte, schien meiner Meinung gewesen zu 
sein; denn bei der Wandlung, während der schönsten Musik, 
schlugen ihre Tambours einen fürchterlichen Wirbel, der mich 
unwillkührlich an das berüchtigte Trommeln Santerre's erinnerte, 
mit welchem er die Stimme Ludwig'sXVI. auf dem Schaffet zu- 
decken liess. Weiin ich freilich bedenke, dass durch diese 
Messe 45000 Pres, in die Hülfscasse der Schulen einflössen, 
so fühle ich nicht den Muth, sie weiter zu^kritisiren. 

In den Salons, die oft_ eben so wenig unterrichtet sind 
wie die Massen, fährt der ungarische Abb6 fort, der Löwe des 
Tages zu sein. Er improvisirl am Ciavier Legenden der Hei- 
ligen, die er halb spricht, halb spielt. Liszt geht z. B. an*^s Cia- 
vier und sagt: »Legende des heiligen Franciscus. Der Heir 
llge ist in einem Schiff auf dem Meer von seinen Jüngern um- 
ringt.« Dann spielt Liszt etwas, was das Meer vorstellen soll. 
Aber wo bleibt die Beschreibung des Schiffs und der Jünger? 
— Dann kommt das unvermeidliche Gewitter, und die ebenso 
unvermeidliche Aufheiterung des Wetters, gefolgt von dem 
obligaten Dankgebet zu Gott dafür, dass er die Wellen be- 
schwichtigt hat. Sofort ist die kurzsichtige Aristokratie der Vor- 
stadt St. Germain vollkommen überzeugt, dass die Musik Alles 
auszudrücken vermag 1 



Berichte. 

Aus Holland. ( Schluss. ) Seitdem der letzte Jahres- 
bericht erschienen ist, haben die Abtheilungen ihre Wirksam- 
keit in gewohnter lebhafter Weise für diesen Winter fortge- 



122 



Nr. 15. 



setzt und einige Aufführungen vorbereitet oder gegeben, die 
Uieilweise auch sehon in dieser Zeitung in kurzen Berichten 
erwähnt worden sind und über die wir schliesslich noch Eini- 
ges anführen wollen. Amsterdam , wo die Abtheilung leider, 
ungenügender Theilnahme wegen , die Volksconcerte vorläufig 
hat aufgeben müssen, gab im Decemberv.J. Händel's Messias, 
unter Mitwirkung der oben schon erwähnten Damen OOermans 
und CoUin, des Tenors Wolters aus Braunschweig und des 
Bassisten Behr, früher an der Oper in Rotterdam, jetzt in GÖln. 
Das Ensemble war , im Ganzen genommen , diesmal nicht so 
gelungen, als man es unter Verhulst*s trefflicher Leitung sonst 
gewohnt ist, was aber mehr den für das grossartige Werk un- 
genügenden zu schwachen Chorkräflen zuzuschreiben war. 
Diese Abtheilung bereitet sich indessen zu einer zweiten Win- 
ter-Aufführung vor, der umsomehr mit Interesse entgegen ge- 
sehen wird, weil man u. A. (zum ersten Mal in Holland) eini- 
ges aus Schumann*s Faust-Musik zu Gehör bringen will. Dem 
Vernehmen nach soll auch Rotterdam die Absicht haben, Letz- 
tere aufzuführen, wir hoffen aber nicht theilweise, sondern 
im Ganzen, da man durch fragmentarische Vorführung das be- 
deutende Werk nicht im gehörigen Zusammenhang kennen 
und schätzen lernen kann. Die in diesen Blättern bereits er- 
wähnte Aufführung der 6ach*schen Suite (D-dur) und vom 
HändeFschen Alexanderfest in Rotterdam war im Ganzen aus- 
gezeichnet und hat W. Bargi el , der früher hier nur als Orche- 
ster-Dirigent aufgetreten war, als fester, gewandter und ener- 
gischer Director einer grossen Masse, in vortheilliafter Weise dem 
Publicum sich vorgeführt. Frl. Weyringer, eine sehr liebens- 
würdige und vor Allem acht musikalische Sängerin, eine jetzige 
Hauptstütze unserer deutschen Oper, und die Herren Schneider 
und Bietzacher erfüllten ihre Aufgabe als Solisten in würdiger 
Weise. Das frische melodiöse Stück von Bach verfehlte theil- 
weise seinen Eindruck durch die nicht ganz genügende Aus- 
führung — oder eigentlich Besetzung — der Trompeten ; die 
Bach'schen Instrumente sind aber jedenfalls schwer zu ersetzen. 
(Eine nach Mendelssohn'scher Einrichtung von Herrn Concertr- 
meister F. David erst kürzlich herausgegebene Bearbeitung dieser 
Suite [Leipzig, B. Senfi] ist vollkommen geeignet, jene Schwie- 
rigkeiten zu beseitigen. D. Red.) Wir bedauern es, wenn diese 
so schöne Composition nicht so durchschlägt, wie sie es sonst 
kann und muss. Wenn in einem früheren Bericht gesagt wurde, 
dass das Alexanderfest Manchem eine ganz andere als die bis- 
herige Meinung von HUndel beigebracht habe, so ist das inso- 
fern richtig, als man den Gomponisten diesmal in einem an- 
deren, weniger streng- ernsten Genre hat kennen lernen; 
übrigens war Händal hier schon durch frühere Aufführungen 
von verschiedenen seiner grossartigsten Schöpfungen : Israel, 
Messias, Josua, Samson, Athalia, mehr bekannt und bewun- 
dert, als in manchen andern Städten Hollands , wo man noch 
immer, selbst bei den musikalisch GebiideUten, gegen Bach 
und Händel nicht frei von Vorurtheilen ist. Es ist gewiss eine 
erste Pflicht des Vereins und seiner Vorsteher, diesem Vor- 
urtheil in kräftigster Weise entgegen zu arbeiten. Was Bach 
betrifift, hat man noch immer viel, ja fast alles nachzuholen. 
Welche holländische Stadt wird die erste sein, die den Muth 
hat, die Matthäus-Passion aufzuführen , die hier noch ein ver- 
schlossenes Heiligthum ist? Man versuche, aber in würdiger 
Weise, es aufzuscbliessen, und wir sind überzeugt, dass^man 
auch in Holland, wo der Sinn für alles Grossartige, Erhabene 
in der Kunst in reichem Maasse vorhanden ist, dafür Empfäng- 
lichkeit und Bewunderung zeigen wird. Schliesslich erwähnen 
wir die durch die Abtheilung des Vereins im Haag am 13. Fe- 
bruar d. J. gegebene erste und interessante AufTührung. Das 
Hauptstück dieses Abends war eine neue Composition für Chor, 
Soli und Orchester, auf Schiller*s Lied »Von der Glocke« , von 
dem Dirigenten W. P. G. Nicolai. Wir erlauben uns nach ein- 



maligem Anhören eines so umfassenden, ausfuhrlichen Werkes 
natürlich kein Urtheil, geben aber blos einige Bemerkungen 
nach dem Eindruck dieser mit Aufmerksamkeit verfolgten Auf- 
führung. Es gehörte unzweifelbar ein anssergewöhnlicher Mutb 
dazu, gerade dieses Gedicht zur musikalischen Bearbeitung zu 
wählen, weil es neben grossen Vorzügen in dieser Hinsicht auch 
bedeutende Schwierigkeiten bietet. Die Goncurrenz mit andern 
Gomponisten desselben Gedichts hat Herr Nicolai wohl we- 
niger zu befürchten ; Romberg's Werk ist aus der Mode g«- 
konunen und andere Compositionen auf die Glocke sind hier 
nicht bekannt. Aber der Umfang der Dichtung brachte andere 
Schwierigkeiten und gerade diesen hat Nicolai mehr oder we- 
niger unterliegen müssen. Hätte er, besonders in den Solo- 
stücken, mehr die Recitativform benutzt, er würde manche 
Länge umgangen haben ; jedenfalls wird der Effect seiner Com- 
position, deren Ausführung dreiviertel eines gewöhnlichen 
Concertabends (mehr wie zwei Stunden) in Anspruch nimmt, 
durch einige Kürzungen gewinnen, die er um so leichter an- 
bringen kann , als das Stück noch nicht gedruckt ist. Seine 
Arbeit ist übrigens die eines gediegenen, gewandten Musikers, 
sie hat sehr hübsche, tief gefühlte und schön klingende Num- 
mern , besonders im letzten'Theil. Die Chöre sind durchgängig 
sehr schwierig, was stellenweise bemerkbar war, obgleich sie 
mit Fleiss einstudirt waren und in gleicher Weise gesungen 
wurden ; auch die Orchestrirung hat hübsche Züge und ist mit 
Gewandtheit behandelt. Die Königin, der Erbprinz nebst an- 
dern Mitgliedern der königl. Familie waren bei der Aufführung 
zugegen, und der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. 
Die Damen Offermans und Gollin und die Herren Schneider 
und Carl Hill, welche die Soli gesungen hatten, traten im 
zweiten Theil des Concerts mit einigen Solostücken (Arien 
von Stradella, Heinze und Mendelssohn) auf; zum Schluss 
hörte man die frische Composition : »Mirjams Siegesgesang« für 
Sopran- Solo, Chor und Orchester von . Franz Schubert, mit 
Instrumentirung von J. A. van Eyken in Elberfeld. — Nun 
will ich meinen schon zu ausführlichen Maidenspeech in 
Ihrem Blatte beschliessen. Später etwas mehr Locales über 
Concerte, Kammermusik und Oper. 



Nachrichten. 

¥r. Schuberts Es-Messe, am Charsamstag in einem Concert des 
Stern'scben Gesang- Vereins in Berlin (nebst Cherubini's Requiem) 
zur Aufführung gebracht, wird von der dortigen Kritik übereinstim- 
mend dahin beurtbeilt, dass sie ein Werk voll grosser musikalischer 
Schönheiten sei, wenn sie auch als eine Kirchenmusik im stren- 
gem Sinne nicht betrachtet werden dürfe. — Ebendaselbst wurde in 
einer Symphonie-Soiräe der königl. Capelle R. Wagner's Vorspiel zu 
Tristan und Isolde aufgeführt und vom Publicum mit Entschieden- 
heit zurückgewiesen. 

Folgende ausgezeichnete Musikwerke wurden in der Allerheiligen- 
Hofcapelle zu München (Director Herr Fr. Wüllner) zu den feier- 
lichen Fest-Gottesdiensten zu Weihnachten und Ostern aufgeführt : 
Missa »Aetema Christi muneroM von Palestrina, Graduale ^Frope est 
Dominusu von Ett, OOertorium »Ave Maria» von Arcadelt. Messe für 
Solostimmen und Chor von Fr. Wüllner, Graduale nExuUandi tem- 
pus estn (Sstinimig) von Sale, OlTertorium »Abdte Christus natus esU 
(doppelchörig) von Palestrina, Missa »AssunUa est Maria • (a 6) von 
Palestrina, Graduale »SederurU principes« von Aiblinger, Offertorium 
•LapidabatU Stephanum» (a 5) von Palestrina, Missa von Gosswinus 
(4576), Te Daum fürSChörevonAUegri, Missa »Ftdt jp^ciofam« 6stim- 
mig von Vitloria, Graduale »Super flumina« 4stimmig von Orlando 
di Lasso, Passio mit Responsorien von G. A. Bernabei , Offertorium 
^Stabat mater« Schörig von Palestrina, Matutin mit Responsorien von 
Palestrina, Benedictus von F. Laohner, Graduale »Christus (actus est* 
4stimmig von Palestrina, Offertorium »Fratres ego enim» 2chörig von 
Palestrina, Malutin mit Responsorien von Palestrina, Benedictus 
von Jac. Händl (Gallus), Miserere für 2 Chöre von Leonardo Leo, 
Passio mit Responsorien von G. A. Bernabel, Popule meus von Vitto- 
ria, Adoramus 4stimmig von Rosselli, Vexilla regis von Ett, Bene- 
dictus von F. Lachner, Stabat mater für Chor, Soli und Orchester von 



Nr. 15. 



423 



Astorga, Kyrie (Choral), Gloria, Sanctus und Beoedictus von Stuntz, 
Laadate Dominum und Magnificat von Aiblinger, Auferstehungs- 
Frocession mit Fange Hngua von EU, Missa' für Chor und Soli von 
Hauptmann, Graduale »Haec dies« Sstimmig von Nanini, Offertorium 
»Terra IremuU» Schörig von P. Cannicciari, Missa »Hodie Christu»i 
ichörig von Palestrina. 

London. Die Popular-Concerte haben ihre Saison geschlos- 
sen. Im vorletzten Concert spielte Joachim Mozart's Divertimento 
für Streichguartett und zwei Hörner, und mit Arabella Goddard 
iwelche auch omusikalische Skizzen« von St. Bennett vortrug) Men- 
deissohn's Fmoll-Quartett. Im letzten Concert, das auch der Prinz 
und die Prinzessin von Wales besuchten, traten Joachim, Hallä und 
Saiilley mit erlesenen früheren Stücken auf. — In der Charwoche 
gab die National Choral Society drei ganze grosse oratorische Werke 
iii Exeter Hall : am Montag »Messias«, am Dienstag »Elias« und am 
Donnerstag die »Schöpfung«. — St. Bennett hat die Einladung ange- 
nommen, für das nächstjährige Birminghamer Musikfest ein neues 
grösseres Werk zu schreiben. 

üeber ein Concert ClaraSchumann'sinLinz schreibt man 
der Augsb. Allg. Ztg. u. A. : Wenn ihr Spiel das schönste Maass hfilt, 
nie über das Menschliche hinausstrebt, um in das Dämonische zu 
verfallen, keine verzückten Faxen ausfuhrt, nicht in zuckersüssen 
Brei zerfliesst, nie sentimentaler wird als das Gefühl, so hat man 
sich auch der natürlichen anspruchslosen Haltung der Künstlerin zu 
erfreuen, die nach all dem Modegeschnatter und weltschmerztichen 
Virtuosenthum einen Eindruck macht , als wenn Iphigenie »hinaus 
in des Haines rege Wipfel trete«. Der Saal war gedrängt voll, stiller 
Genuss auf allen Gesichtern. Sie spielte kein einziges sogenanntes 
Concertstück : die D moll-Sonate von Beethoven , mehrere kleine 
Sachen von Schumann, Hiller, Mendelssohn, lauter Stücke, die man 
früher gehört hat, und die, von ihrer Hand gespielt, wie verklärt 
und doch bekannt durch das Ohr in das Herz drangen. 

Carlsruher Musikaufführungen: Am 28. Febr. zweites 
Abonnementconcert der grossherzogl. Hof^Kirchenmusik mit folgen- 
dem Programm : Präludium und Fuge in D-dur für die Orgel von S. 
Bach (Herr Hoforganist Barner) ; zwei Chöre a capella von Pitoni und 
Gallus; Sopran-Arie von J. B. Martini; 6stimmiges Crucifixüs von 
Lotti; 4händige Phantasie für Orgel von Mozart (die Herren Barner 
und Giehne) ; Misericordias Domini für Doppelchor von F. Durante ; 
Passionsmotette von F. Kücken; Duett auf den 42. Psalm von Mar- 
cello; Reffina coeU von Gakiara; der 28. Psalm für weibliche Stim- 
men von F. Schubert; Choral-Vorspiel von S. Bach (Herr Barner) ; 
der 43. Psalm für Sstimmigen Chor von Mendelssohn. — Am 7. März 
drittes Concert des Cäcilien- Vereins mit folgendem Programm : Li- 
tanei voq Mozart ; Arie aus »Elias« von Mendelssohn (Frau Braunho- 
fer) ; Alt-Arie aus dem »Messias« (Frl. Bürcklin) ; »Comala« von Gade. 

S. Bach's Matthäus-Passion kam am 4. März in Gi essen zur 
Aufführung. 

In Meissen wurde am Charfreitag Händel's »Jephta«, in 
Zwickau an demselben TageMozart's Requiem, in Freiberg am 
Chardienstag Mendelssohn's »Athalia« aufgeführt. 

F61. David's Oper »Herkulanum« ist in St. Petersburg mit 
durchgreifendem Erfolg gegeben worden. — Der Kaiser von Russ- 
land hat dem Componisten der russischen Oper »Rogueda« Seroff 
eine lebenslängliche Pension von 4200 und ein Geschenk von 2000 
Rubeln anweisen lassen. 

Frl. S t e h 1 e gab zu Mannheim, unter Zuzug vieler Fremden 
Itis von Karlsruhe herab, vier Gastdarstellungen (Glöcklein des Ere- 
miten, Afrikanerin, Tannhäuser, Gounod's Faust — - sie 1) und erregte 
durch genial lebendige Verbindung von Spiel und Gesang em uner- 
hörtes Furore. 

Fried r. Schneider's Oratorium »Das Weltgericht« kam am 
33. März in Main z durch die vereinigten »Liedertafel« und »Damen- 
desangverein« unter Leitung von Friedr. Lux zu sehr gelungener 
Aufführung. 

In der Augsb. Aligemeineu Zeitung wurde in einem Augsburger 
Musikberichte ein angedruckter »Lobgesang des Zacharias« von J. 
M.Keller (4800 — 4865) als ein sehr bedeutendes Kirchenstück im 
» capella-Stil hervorgehoben und der Wunsch ausgesprochen, dass 
sich ein Verleger für dasselbe finden möchte. 

In Italien ist ein neuer Tenorist Viturini aufgetaucht, der in 
Bologna, Florenz etc. Sensation erregte und den Sommer für Neapel 
pugagirt ist. 

Aus dem Nachlasse von A. Ulibische ff sollen, nach einer Mit- 
theilung in Nr. 9 des »Magazin für die Lit. d. Ausl.« demnächst Briefe 
und interessante kleinere Schriften veröfiTentlicht werden. Das ge- 
nannte Blatt bringt als Probestück eine poetisch begeisterte Schil- 
derung der Beethöven'scben Cis moll- vulgo Mondschein-Sonate. 



Das Modell des Schubert-Monuments, welches der Wiener Män- 
nergesang- Verein im Wiener Stadtparke errichten lässt, wird soeben 
von dem dortigen Bildhauer Viocenz Pilz gefertigt. Schubert wird 
in demselben in idealer Auffassung und antiker Gewandung darge- 
stellt, das Piedestal ist von einer Sängergruppe umgeben, welchen 
eine ideale Frauengestalt Siegeskränze darreicht. 

Das Münchener Conservatorium, das R. Wagner vor nun fast 
Jahresfrist eingerissen, um an dessen Stätte eine Opernschule nach 
seinen Principien zu errichten, hat Hoffnung, unter H. v. Bülow re- 
organisirt zu werden. So berichtet ein Wagner-Freund mit länge- 
rem Plaidoyer in der Augsb. A. Ztg. 

Molique gedenkt England für immer zu verlassen, um in der 
Nähe Münchens seine Tage zu beschliessen. 

Beethoven'sBriefe, nach den Sammlungen von Nohl und 
Köchel, erschienen in englischer Uebersetzung (2 Bände mit Portrait) 
von der Wittwe des Componisten Wallace. Hoffentlich wird die 
Dame solch grobe Schnitzer vermieden haben, wie sie in ihrer 
Uebersetzung der Mendelssohn'schen Briefe zahlreich unterliefen. 

Die Schlesinger'sche Musikhandlung in Berlin hat eine »neue 
kritisch revidirte Pracht-Ausgabe« der Euryanthe- Partitur veran- 
staltet und bietet dieselbe bis zum 4. Mai zum Subscriptionspreise 
von 40 Thim. an. Nach diesem Termine tritt der Ladenpreis von 
45 Thlrn. ein. 

Angelika Schlüter geb. R o m berg , einzige Schwester des be- 
rühmten Cellisten Bernhard Romberg und Base des Componisten der 
Schiller'schen Glocke Andreas Romberg, bis gegen Ende ihrer 50er 
Jahre geschätzte Sängerin der Domcapelle, starb zu Münster am 
46. März, 94 Jahre alt. 

Leipzig. Die hiesige Musik-Gesellschaft »Klapperkasten« 
veranstaltete am 4. April ein Concert »zum Abschied des Vereins- 
mitgliedes Herrn Louis Lübeck«, dessen Programm folgende Musik- 
stücke enthielt : Ouvertüre zu Ruy Blas von Mendelssohn, erster 
Satz des Violoncell-Concerts von Molique (Herr Lübeck), Arie aus 
der Schöpfung (Herr Rebling), Concert für drei Cla viere von S. Bach, 
Lieder von Schubert und Schumann (Herr Schild) , Adagio aus dem 
Clarinett-Concert von Mozart (Herr Landgraf), Lied aus »Prinz Eugen« 
von G. Schmidt (Herr Schild) , zwei Stücke für Violoncell von Per- 
golese und S. Bach (Herr Lübeck), Ouvertüre zu »Wilhelm Teil« von 
Rossini. 

— Der Gesangverein Orpheus brachte am 4. April für die 
Angehörigen seiner Mitglieder eine Aufführung (am Ciavier) von 
Spohr's Oratorium »Der Fall Babylons«. * 

— Am Stadttheater gastirte in diesen Tagen der Tenorist 
Herr Wachtel, der das Publicum durch seine herrlichen Stimm- 
mittel wie schönen Vortrag über die Maassen entzückte. 



Bibliographie. 

Merkel, Dr. C. L., Physiologie der menschlichen Sprache. Mit ein- 
gedruckten Hohcschnitten, lithographirten Tafeln, Noten und 
Sprachlauttabellen. Leipzig, 0. Wigand. 

Seh letterer, H. M. , Uebersichtliche Darstellung der Geschichte 
der kirchlichen Dichtung und geistlichen Musik. Nördlingen , C. 
H. Beck. 

Zauberflöte, Die. Tezt-Erläuterungen für alle Verehrer Mozart's. 
Nebst dem vollständigen Text der Zauberflöte. Leipzig, Th. Liss- 
ner. gr. 8. 4 Ngr. 

R. Wagner als König. Schonungslose Enthüllung der geheimen 
Verschwörung zur Ausführung seines unglaublich verwegenen 
Planes. Augsburg, Jänicke. gr. 8. 4 Ngr. 



Miscellen. 

MeDdelssohn-ParalipomenoD. 

Das »Magazin für die Lit. des Ausl.« veröffentlicht in Nr. 4 d. J. 
einen bisher ungedruckten Brief Felix Mendelssohn's an seinen Oheim 
Joseph (ältesten Sohn des Philosophen Moses Mendelssohn), anläss- 
lich einer von diesem gewünschten Uebersetzung einiger italieni* 
sehen Gedichte von und über Dante. Mendelssohn schreibt in die- 
sem, Leipzig, den 20. Februar 4840 datirten, Briefe u.A. : »Ich hatte 
früher einen Versuch gemacht, die bewussten Sonette zu über- 
setzen, aber eine solche Menge Haare darin gefunden , dass ich mit 
dem ersten nicht einmal zu Stande kam, und von einer Uebersetzung 
in Prosa konnte natürlich nicht die Rede sein , da Du sie in einer 
halben Stunde hättest machen und zehnmal besser machen können, 
als ich. So hatte ich eine ordentliche Scheu, die Papiere wieder vor- 
zunehmen, bis ich in den vorig:en Wochen, wo ich so entsetzlich viel 
öffentlich zu spielen, zu dirigiren und zu probiren hatte, dass ich zu 
Hause keine Musik machen konnte und mochte, mich wieder daran 



124 



Nr. 45. 



be^ab, und mi-r vorn ahm, ich -wollte ein Sonett machen lernen, and 
wör's auch noch so »chwer. So habe ich denn wirklich am Ende 
gedeh^n, daas es keine Hexerei iM, und dass auch darin, wie in den 
andern DJngoa, die «igentUcbe Schwierigkeit nicht in dem Machen, 
w^s man mit der Zeit Kernen könnte, sondern in dem Gutmacben 
\ic^\, da» über nicht lü übän und nicht zu lernen ist.« 

Die beiperiiglcn üeberseizun^en (ein Sonett und ein Epigramm 
voti Pantej drei ^oneUe Boccaccio's an den Geist Dante's und zwei 
andere Gerichte) ^eben in ihrer correcten, anmuthig glatten Form 
einen weiteren Bele^ Tür die wunderbare geistige Beweglichkeit des 
Manni'ä, der schon al^ Junghni^ * wie zum Zeugniss der cum laude 
»bsolvirten Lateinstutlien — die Andria des Terenz metrisch ver- 
deutschte und als» «übersetzt von F...x« durch seinen Lehrer Heyse 
(Herlju IS26J herausgeben Mesa. So bieten auch obige Sonette einen 
neuen Oeitraf^ zur Sehälzung jenes Hebenswürdigen Geistes, der — 
in Jof^endspiel und Krholang dem Gelehrten nacheifernd — sich 
überaU, und wären c<; noch so entlegene Zeiten und Länder, mit 
edlem I^Ienscbenlhurn innerlich verwandt und dort heimisch fühlte. 



Berichtiguiig. 

In Betreff der letzten Aufführung der PassionsmoAik von Bach 
in der Thomaskirche haben wir zu berichtigen, dasa aicht Herr 
Richter, sondern Herr Gitt die kleineren Bass-Seli geAungen bat. 



Briefkasten der Btedaction. 

S. in C. Wir haben aus L. keine Mittheilungen mehr zu erwar- 
ten. Ihre übrigen Beiträge werden jetzt, wo die dringenden Berichte 
allmälig aufhören , bald an die Reihe kommen. Uebrfgens wird es 
uns überhaupt schwer, die zahlreichen Beitröge zu bewältigen und 
alle Herren Mitarbeiter müssen sich daher in Geduld fassen. — N. 
in W. Die Briefe gehen an Sie ab. — W. in M. Ihre freundliche An- 
frage können wir nur mit einem »vielleicht« beantworten. — 5 inif. 
Sehr bedauerlich für unsl Nächstens brieflich mehr. — v. Br. in P. 
Erhalten ; nöchstens mehr. 



ANZEIGER 



|74] Tm Verlage des Unterzeichneten sind soeben erschienen : 

Glaviercompositionen 

aus Siterer Zeit 

gesiuimelt von 



Deutsche Schule. Heft 4. 
OottUeb MvLffbtt Zwei Suiten und Ciaconna. 4 Thlr. 3 Ngr. 
Einzeln : 
Nr. i. Suite in D. ** Ngr. 
* a. Suite in B. 13|Ngr. 

- s. Ciaconna. 9 Ngr. 
Deutsche Schule, tieft S. 

CpFli>£<Bach, Vier Sonateu, Arioso conVariazioni u. Fuge. 4 Thlr. 
EinxeLn : 
Nr. U Sonate in C dur. 7i Ngr. 

- a. Sontile in Bdur. 9 Ngr. 

- 3. Sonate in KmoU. 7i Ngr. 

- 4, Sonatcia Ktliir. 7i Ngr. 

- 5. Arioso con Variazoni. 4i Ngr. 

- e. Fuge, 4| Ngr. 
Deulschc Schule, lieft 3. 

J. Pr. Reißtiapdt, Drei Soiiateo, Rondo, Naiver Scherz und An- 
dantino, %i Ngr. 

Einzeln : 
Nr. 1, Sonate in Fdur. 6 Ngr. 

- a. Sö»ale in Es dur. 6 Ngr. 

- I* Sonate in G dur. 6 Ngr. 

- 4. Rondo, Naiver Scherz und Andantino. 6 Ngr. 

Prattzüsiscbe Schule. Heft 4. 
Fran^oia Couperin* dit : Le Grand, 42 Stücke. 48 Ngr. 

Der Herausgeber sagt in der Vorrede dieses Werks u. A. : 
»Eine eingehendere Kenn tniss der Slteren Cla Vierliteratur be- 
absichtigt man weiteren Kreisen durch vorliegende Sammlung 
zu vermitteln. In einer Reihe von für sich selbstäudigen Heften, die 
nach und nach erscheinen wordon und deren Anzahl sich im Voraus 
nicht beslinimen Iue^sL, soll eine Geschichte des Ciavierspiels 
in prakirschen BeisipieLen gegeben werden. Die Absicht des 
Herausgebers geht dabin, die Wtjrke der frühesten Meister bis zu C. 
Ph. Em. Bach und seinen Schülern in geeigneter Auswahl zu brin- 
gen, die mit J H a y d n beginnende moderne Zeit, die ohnehin Jeder- 
mann s^gängUch ist, jedoch vollständig auszuschliessen. Man wird 
zunächst nur dasjenige berücksichtigen, was in Formund Inhalt 
einem gr^ssern Pubbcum fasslieh und zugänglich erscheint und zu- 
dem in andern neueren Ausgaben noch nicht gegeben ist.« 

j>Die Sammlung claüsischer Glaviercompositionen wird übrigens 
eine retrograde Bewegung einschlagen, d. h. man wird mit der Her- 



ausgabe der Werke späterer Componisten beginnen , von da aus zu 
denen der älteren Zeiten zurückgehen und so durch das Näherlie- 
gende die Bekanntschaft mit dem Entfernteren zu vermitteln suchen. 
Die alten Lesarten upd namentlich die Vortragsbezeichnungen, Ver- 
zierungen, ja selbst die Fingersetzuog sollen, so weit es irgend thua- 
lich erscheint, beibehalten werden. In wie ferne für den modernen 
Vortrag die originalen Melismen Berücksichtigung find^i können, 
bleibe dem Spieler überlassen, für den selbstverständlicJbL auch die 
Fingersätze nur antiquarische Bedeutung haben, nicht aber zur Dar- 
nachrichtung dienen solleo.« 

»Die Geschichte des CInvierspiels hat drei Schulen zu unterschei- 
den : die italienische, französische und deutsche. Die crstere cnloii- 
nirt in Domenico Sca rlatti, die zweite in Fran^ois C oupe- 
r in und die dritte in Carl Philipp Emanuel Bach. Nicht nur 
Werke dieser Meister, sondern die aller ihrer bedeutenden Vorgänger, 
Schüler und Zeitgenossen, wird die vorliegende Sammlung um- 
fassen.« 

»Es ist wohl zu behaupten, dass ein ähnliches Unternehmen sol- 
chen Umrangs in Deutschland bisher nicht einmal versucht wurde 
und man glaubt deshalb auf eine allgemeine Theilnahme rechnen zu 
dürfen, die den Verleger in den Stand setzt , demselben die mög- 
Hchsi erschöpfendste und umfassendste Ausdehnung zu geben.« 



Die nächstfolgenden Hefte, welche bereits unter der Presse und 
binnen Kurzem erscheinen werden, sind : 
Italienische Schule. Heft 4 . Domenieo Soarlafiti. Hefll 

Francesco Diirante, 
Französische Schule. Heft 8. Jean Philippe Bamean. 

Indem ich obiges Werk allen Ciavierspielern und Lehr-lnstitu- 
ten angelegentlichst empfehle, bemerke ich noch, dass der billige 
Preis (pro Bogen 8 Ngr.) die Anschaffung des Ganzen, wie der einzel- 
nen Nummern, gewiss sehr erleichtem wird. 

J. Bieter -BiedermAllll in Leipzig und Winlerthur. 

[72] Bei J. N. DühU in Wien ist erschienen : 

Goldmark, Op. 13. Ouvertüre zu MSakuntala*«, in Partitur S n. 

Op. 13. Dieselbe für Pianoforte ä 4 mains 8 f1. 25 kr. 

Op. 13. Dieselbe für Pianoforte ä 2 mains 4 fl. 31 kr. 

Aufgeführt in Wien, Stuttgart und Co In in den philharmo- 
nischen Concerten. 

[78] Im Verlage des Unterzeichneten sind erschienen : 

WOLDEMAR BARGIEL. 

Op. 17. Suite (Allemaode, SicUienne, Burleske, Memiett, Marsch) 

für Pianoforte und Violine. Pr.,4 Thlr. 45 Ngr. 
Op. 23. Sonate (in Gdur) für Pianoforte zo vier Hunden. Preis 

4 Thlr. 40 Ngr. 
Op. 24. Prei Tänze (Ländler, Menuett, Springtanz) für Pianoforte 

zu vier Händen. Pr. 4 Thlr. 

l. Bieter-Bied«rMftBi 

in Leipzig und Winterthur. 



Verlag von J. Rieter-Biedermann in Leipzig und Winterthur. — Druck von Breitkopf und Hürtel in Leipzig 



Die Lftipiifar Allgemeine Muiika- 

lisohe Zeitang enoheint regelmäwig an 

Jedem Mittwoch and ist durch alle 

Poetimterund Buchhandlungen 

n& besieben. 



Leipziger Allgemeine 



Preii : Jihrlieh & Thlr. 10 Ngr. 

Vierte^ihrlichePränum. IThlr.lONffr. 

Arteigen : Die g^gpaKene Petltrefle odei' 

deren Aaum 2 Ngr. Briefe und Gelder 

werden franco erbeten. 



Musikalische Zeitung. 



Verantwortlicher Bedacteur: Selmar Bagge. 



Leipzig, 18. April 18G6. 



Nr. 16. 



I. Jahrgang. 



Inhalt: Künstlerconcerte in früherer Zeit. Von Dr. Ed. Hansliclt. I. — Recensionoo (Werke für die Orgel) [Schiuss]. — Uebersicht neu 
erschienener Musikwerlce (Fortsetzung). — S. Bach und die Bach-Ausgabe betreffend. — Berichte aus Berh'n und Dresden. — 
Nachrichten. — Zeituogsscbau. -- Miscellen. — Anzeiger. 



Kflnstlerconcerte in frttlierer Zeit. 

Von Dr. Ed. Hanslick. 
I. 

Die Stellung der Virtuosen im vorigen Jahrhundert 
hatte in künstlerischer wie in socialer Beziehung vieles 
Ergenlhümliche und von den gegenwartigen Zuständen 
sehr Verschiedene. 

Der wichtigste Unterschied ist, dass die reisenden 
Virtuosen von ehedem keine organisirte OeflFentlichkeit, 
kein Publicum in unserem Sinne vorfanden, welches 
fUr die Instrumentalmusik ein tieferes Interesse gehegt und 
in klihgender Münze bethätigt hatte. Der Mangel an einem 
)>grossen Publicum« , auf welches der Künstler zählen und 
das hinreichen konnte, seine Leistungen zu lohnen, fiel 
natürlich scharf zusammen mit der ungemeinen Wichtig- 
keit der Höfe und der Aristokratie für den Virtuosen. 
Es lag im Charakter jener patriarchalischen Zeit der Mu- 
sik, dass die Fürsten und Edelleute für die Tonkünstler 
sorgen mussten; waren letztere doch vornehmlich für das 
Amüsement der ersteren vorhanden. Dieser feudale Kunst- 
zustand hielt nicht nur die bei einem Magnaten engagirten 
Musiker und Componisten , sondern auch die »reisenden 
Künstler« in einem gewissen unterthänigen Lehensver- 
band mit den Grossen. Wenn ein Virtuose sich auf die 
Heise machte , so strebte er vor allem darnach , sich bei 
den Höfe0 produciren zu dürfen ; nur von da erwartete er 
Ehre und Geld. Hatte er dies Glück erreicht, so verliess 
er haußg die Stadt, ohne weiter an ein öffentliches Con- 
cert zu denken. Verfolgen wir z. B. die ersten Kunstrei- 
sen Mozart's, so sehen wir, wie er, oder vielmehr sein 
weltkundiger Vater überall ambitionirt, vor DSerenissimo« 
spielen zu dürfen. *) War Serenissimus glücklich ausge- 
nützt oder nicht zugänglich, so lenkte der Virtuose seine 
ßlickd auf die Aristokratie. Es galt für ehrenvoller und 
einträglicher, mit seiner Kunst dem Grafen N. oder der 



^) So spielte der junge Mozart auf seiner Kunstreise im Jahre 
4768 In Schwetzingen, Ludwigsburg, Nymphenburg 
(uichf in München !) , C o b le n z und wo sonst ein grosser oder klei- 
nerem bcg^Yit Hofstaat hielt. Auch die Reise nach Paris war vor- 
nehmlich auf den französischen Hof gemünzt. (Vgl. Jahn I. S. 42 ff.) 



Fürstin NN. »aufzuwarten«, als seinen Erfolg von d&f ffeien 
Theilnahme der Bevölkerung abhängig zu machen. So 
thöricht es wäre, derlei in der Zeit begründete Verhält- 
nisse den Künstlern zum Vorwurf zu machen , so schwer 
wird uns doch heutzutage, jenes unterthänige ümhermusi- 
ciren von einem unangenehm bettelhaften Beischmack zu 
trennen. Man erinnere sich nur der Reise-Erzählungen 
Fr. Reichhardt^s, Gyrowetz', Dittersdorf's u.A. 

Später noch, als die musikalische Glorie und Frei- 
gebigkeit der Fürstenhöfe und Grafenpaläst« stark abge- 
nommen und die Instrumentalmusik in den Hauaconcerten 
des gebildeten Mittelstandes ein Asyl gefunden hatte, war 
es die Unterstützung einzelner reicher Privatleute, an 
welche der Virtuos sich zunächst wandte. Wir meinen 
die Sitte des Subscribirens und Billetabnehn>ens aus Ge- 
fälligkeit. Kam der reisende Künstler in eine grosse Stadt, 
so Hess er sich zuerst in den Häusern der wohlhabendste^ 
Musikliebhaber aufführen, spielte z. B. — um Wiener Na- 
men zu nennen — heute beim Banquier Würth, morgen 
bei Professor Zizius, übermorgen bei Herrn t. Henik- 
stein u. s. f. Diese Gratisproductionen waren der Felo, 
auf den er dann seine eigene Kirche baute, d. h. sein 
öffentliches Concert gab, zu welchem Banquier Würth 20, 
Prof. Zizius 15 und Hr. v. Henikstein 30 Billete nehmen 
und bei seinen Bekannten anbringen musste.*) 

So schätzbare Musikfreunde hatte in wünschenswer- 
ther Anzahl freilich nur eine Grossstadt aufzuweisen, und 
nicht überall gab es einen van Swieten, der zu Dit- 



*) Quanz, der berühmte Flötenspieler, erzählt in seiner Selbst- 
biographie, Händel habe ihm gerathen in England zu bleiben, und 
Lady Pembrock habe, um ihm noch mehr Lust zu machen, ein 
Benefiz für ihn veranstalten wollen. Dazu macht Quanz folgende 
erklärende Bemerkung: »Ein Benefiz in England ist ein öffent- 
liches Concert, welches gemeihiglich auf Veranstaltung ehier Person 
von vornehmem Stande in einem eigentlich dazu bestimmten Hause, 
einem Virtuosen, der sich darin hören lösst, zum Besten angestellt 
wird. Der Veranstalter lässt gegen baare Bezahlung Billete zur Er- 
laubniss des Eintritts austheilen und seine und des Musikus, der 
sich hören lassen soll. Freunde, bemühen sich um die Wette, deren 
so viel als möglich unterzubringen. Alles was einkommt ist für den, 
dem zu Gefallen es angdstellt wird, dagegen er aber auch die Kosten 
trägt.« (MÄrpurg's Histor. kfit. Bey träge L Bahd [v. J. 4754] 
S. S43.) 

46 



126 



Nr. 16. 



tersdorf's Academie im Augarten (1 786) hundert Billete 
nahm, 

]a miuJeren und kleinen Studien trat das »Liebha- 
bereoncerttides Orts als idealer Repräsentant sämmt- 
licher musikliebender Familien an die Stelle jener Pri- 
vatiers.*) 

Mit der GrUijdung stabiler Dilettanten -Concerte in 
Deutschland haltasich ein tieferes Interesse an Instrumen- 
talmusik^ also auch an Virtuosenleistungen entfaltet und 
die AnfUnge eines Pubücums begannen sich zu kristal- 
lisiren. Das Liebhaber-Concert einer Stadt bildete eine 
Art natürlichen Consulales, bei welchem die reisenden 
Virtuosen sich meldeten und von dem sie musikalische 
Hilfeleistung holTen durften/**) Die Sitte war, dass der 
Fremde zuerst in dem Duellant enconcert — gratis oder 
gegen ein sehr geringes Honorar— sich producirenmusste. 
Dafür stellten ihm für sein eigenes Concert die Dilettanten 
ihren Saal und ihr Orchester {d. h. sich selbst) zur Ver- 
fügung. Beides war dem fahrenden Schüler Apoilo's in 
den meisten Fällen unentbehrlich. Denn einen eigenen 
Concertsaal fand man (mit AusnahEne der grössten Städte) 
ebensowenig, als ein zweites ausreichendes Orchester, und 
ohne Orchester zu concertiren war ehedem und bis in die 
dreissiger Jahre ein ganz unzuUissiger, unerhörter Ge- 
danke. Sich in diesen zwei wichtigsten Punkten versorgt 
zu wissen, war der grosse Vorthoil, der dem reisenden 
Künstler aus seiner Association mit den Dilettanten vereinen 
erwuchs. Die Schallenseite liingegen war jenes musika- 
lische Jus primae Jioctis der ^Liebhaber«, das für die Gasse 
des zeitweilig Leibeigenen meist betrübende Folgen hatter 
Nachdem nämlich die Mitglieder des Liebhaberconcerts, 
d. h. sämnUliche Musikfreunde und Musikfreundinnen 
der Stadt den Virtuosen in ihrem Abonnementsconcert 
gratis gehört, gingen sie nichl gern hinein, wenn derselbe 
sich später fUr Geld hören Jiess. Die älteren Musikzei- 
tungen enthalten manchen ergi^lz liehen Charakter-Zug in 
dieser Richtung.***) 



I *) In Itatien wurdendieConcerte {academie) meistens von 
einer geschlossenen Geholt schaTt oder durch ein öffentliches 
Institut ßegßben : g& wurde kein EintrJtt!^geld für den Abend bezahlt, 
und der Künstler konnte uuf keine Hinnahme rechnen, als etwa 
ein vun den Vnternebmcrn ihm gozahites Honorar, das nicht gross 
ausrallen konnte. (Jahn L 5. ISO Anmerkung; bei Mozart's italieni- 
scher KunsIrcLse 1770.) 

•*) So rühmt noch S p oh r geleg;entlich seiner Schweizer Kunst- 
retse {iSiS}-, ■Dlesie Musikvereine in den Schweizer Städten sind 
eJne grosse WohiUiat für den reisenden KünsUer, denn sie überneh- 
men sehr wiLircfhrig dus Arrangement Meines Concerls.a (Selbstbio- 
graphie I. S. SSI n.) 

***) Das Liebhaberconcert Jn Stettin (eines der geachtetsten 
in Deutschland] publicirte im J^hre \1^H folgende Anzeige: »Die Er- 
fahrung, dn«s reisende Virtuosen füst immer bei ihren hiesigen Con- 
certen Sehaden litten (was jedoch unserm Publice nicht ganz zur 
Last gelegt werden kann, da es oft durch Stümper oder Charlatane 
hintergan^en und misslrauisch gemacbt ist), hat uns zu einer neuen 
Einrichtung gebracht. Der fremde Virtuose erhält ein douceur von 
wenigstens 33 bis 34 Thtitern. Dat>ey macht er freilich kein grosses 
Glück , hat aber doch Bi Thaler reinen und sichern Gewinn und 
nicht die geringsten Kosten und kann auf das beste Accompagnement 
rechneD , was hier zu haben i^l.a Docb wird ganz ausgezeich- 
nete Geschicklichkeit erwartet, »weil unser Publicum sein 
Geld aicht gern unnütz weggiebt und wären's auch nur einige Gro- 



Wollte der Virtuose das Dilettantenconcert umgehen, 
so musste er (wo es anging) seine Zuflucht zum Theater 
nehmen. Wir sehen in grösseren Städten zu jener Zeil 
als häufigste, mitunter regelmässige Form des Concertirens 
das Spielen im Theater, zwischen den Acten des Schau- 
spiels (in vielen Provinzialstttdten ist sie es theilweise 
noch heutzutage). Der Grund dafür liegt einestheils in dem 
zu Gunsten der Theaterdirectionen allenthalben bestan- 
denen (oder noch bestehenden) Verbote aller selbstän- 
digen Abendconcerte, andererseits in dem Mangel eines 
hinlänglich zahlreichen Publicums. Es währte lange, ehe 
der Stand des musikliebenden Publicums eine Höhe er- 
reichte, welche Concerte zur Mittagsstunde ermög- 
licht hat, und noch viel länger währte es, bis das Verbot 
jeder dem Theater Concurrenz machenden Production Gel 
und Abendconcerte allgemein bewilligt wurden. In Wien 
trat diese liberale Phase erst in Folge des Jahres 4848 ein. 

Auch Wien bot im vorigen Jahrhundert dem Virtuosen 
sehr wenig brauchbare Goncertlocalitäten. Einen eigenen, 
speciell für Musik bestimmten Goncertsaal besass Wien 
nicht vor dem Jahr 4830 (Musikvereinssaal). Noch zu An- 
fang dieses Jahrhunderts war das gesuchteste Asyl des 
Virtuosen das Theater. Das Burgtheater oder Opern- 
haus an einem theaterfreien (»Normaa-) Abend zu erhal- 
ten, war für jeden Virtuosen ein Gegenstand heissester 
Sehnsucht. Er war schwer zu erreichen. Für alle Norma- 
Abende waren die Hoftheater in der Regel im voraus 
zu Wohlthätigkeitsacademien vergeben, was übrig blieb, 
war nur durch bedeutende Protection zu erlangen.*) 
Selbst im »Theater an der Wien« hatte es Schwierigkei- 
ten, weil an Normatagen die Direction selbst Academien 
zu geben pflegte. Später grifien die Virtuosen auch in 
Wien zu dem Auskunftsmittel, sich in den Zwischenacten 
des Schauspiels zu produciren. 

Zu Mozart^ s Zeit und bis in^s 4 9. Jahrhundert hinein 
hatte der Virtuose also nur die unangenehme Wahl zwi- 
schen dem Local zur »Mehlgrube« oder jenem des Hof- 
traiteurs Jan in der Himmelpfortgasse, beides beschei- 
dene Gasthaussäle. Der Universitätssaal (Aula) und die 
Redoutensäle, zuletzt der landständische Saal kernen für 
Concertzwecke erst später in Gebrauch und waren nie- 
mals gegen Bezahlung, sondern nur durch besondere 
Begünstigung und grösstentheils für wohlthätige Zwecke 
zu erlangen. Noch konnte sich schliesslich der Virtuose 
einer der bestehenden. Concertgesellschaften anschlies- 
sen, also der »Tonkünstlersocietät«, welche dem Künst- 
ler nur moralisch, nicht pecuniär Vortheil bot, oder dem 
Dilettantenconcert in der Mehlgrube und im Augarten. 



sehen.« Fremde, noch nicht berühmte Künstler mussten sich daher 
früher vor dem »Musikclub« hören lassen , der über ihre Zulassung 
balloUrte. (Berliner Allg. Mus. Ztg. Nr. 51 v. J. 4793.) 

*) »Zufallige Academien von reisenden KünsUern giebt es ver- 
hältnissmässig wenig, weil die Theaterdirection selten, ohne grosse 
Verwendung, das Theater herleiht, auch ist nicht eben viel dabei 
zu gewinnen. In der Stadt ist bei Jan der Ort, wenn die Virtuosen 
das Theater nicht bekommen.« (Wiener Correspondenz in der A. M 
Ztg. von 1800.) 



Nr. 16. 



427 



Die Mitwirkung berühmter fremder Künstler in den 
beiden letztgenannten war sehr selten; wenn sie slaft- 
fand, geschah es wahrscheinlich nicht sowohl gegen Ho- 
norar, als gegen die Anwartschaft auf freundlichen Billet- 
absatz für ein eigenes Concert des Virtuosen. »Herr N. N. 
wird ein Concert zu seinem Vortheil geben« ist der 
stehende Ausdruck in Annoncen und Zeitungen, ein Be- 
weis, dass lange Zeit hindurch die selbständigen Vir- 
tuoseuconcetle keineswegs häufig waren. Was die Tages- 
zeit betrifft, so wurden in W^ien die Virtuosen auf die Mit- 
tagsstunden beschränkt, da zur Theaterzeit keine an- 
dere Kunstproduction gestattet und die Nachmittagsstunden 
von 4 bis 6 sich zu diesem Zweck nicht empfahlen. So 
konnte ein Wiener Correspondent der Leipziger Allg. M.- 
Ztg. (vom 41. Mai 1803) noch mit Grund klagen: »Die 
Künstler haben hier wegen Zeit und Ort einen äusserst 
bittern Kampf zu bestehen. Oft hilft ein Theil des kunst- 
liebenden Publicuuis und das Wohlwollen einiger Fürsten 
dem Bedrängten durch Subscription aus der Klemme.« 
Die älteren Musikzeitungen nöthigen fast zu der An- 
nahme, dass im vorigen Jahrhundert die Virtuosen im 
Allgemeinen nicht beliebt waren. Es wird von den »rei- 
senden Künstlema gewöhnlich in einem Ton von Gering- 
scbsitzung gesprochen, der wie ein Nachhall aus der Zeit 
der )> Jongleurs« und d fahrenden Spielleutea klingt. Es 
halte einigen Grund, und zwar künstlerischen wie mora- 
lischen. Fürs Ersle gab es bis gegen den Ausgang des 
18. Jahrhunderts wirklich nur wenige ganz ausgezeich- 
nete Virtuosen, und diese fühlten bei der grossen Schwie- 
rigkeit des Reisens sich selten versucht, andere als die 
grössten, reichsten Städte aufzusuchen. Die grosse Mehr- 
zahl bestand aus mittelmässigen, manchmal sogar stüm- 
perhaften Spielern, welche auf die Neugierde des Pnbli- 
cums zu einer Zeit noch speculiren konnten, wo der Ver- 
kehr und das Zeitungswesen in der Kindheit lagen. Von 
zwei bis drei solchen falschen Prinzen getäuscht, wurden 
die Bürger unseres soliden Deutschlands alsbald sehr 
misstrauisch gegen alle nachfolgenden. 
(Schlass folgfc.) 



Becensionen. 
Werke fir die trgeL 

(Schluss.) 

L. Thiele, Thema mit Variationen, As-dur. Berlin, Schle- 
singer. 1 Thir. 

Goncertsatz, G-moU, — Concertsatz, Es-moll. k 25Ngr. 

Ebendaselbst. 

Louis Thiele behandelt die Orgel vollkommen als 
Coneert-Glavier ; das zu thun, steht in Jedermanns Belie- 
ben, sobald die Orgel eine Hausorgei ist oder etwa im 
Gürzenich, in der Tonhalle oder sonstwo steht; für Kir- 
cbenorgeln eignet sich dergleichen nicht, mindestens für 
christliche nicht, wo öffentlicher Applaus nicht stattfin- 



det, weil man noch einige Achtung hat vor dem geweihe^- 
ten Orte ; auch haben ächte Kirchenorgeln es an der Art, 
den Spieler unsichtbar zu halten — und was wäre ein 
Liszt^scher Wolkenbruch von Octaven , ohne dem Meister 
auf die Finger zu gucken? Wird doch deshalb allein in un- 
sern Concerten der Spieler in die schiefe Stellung ge- 
bracht, dem Publicum nur die Halbseite seines Daseins zu 
gewähren — welche Schiefheit von Bach bis Mozart un- 
bekannt war. — In den vorliegenden drei Stücken von 
Thiele ist nun die unkirchliche Weise des Orgelspiels auf 
eine Höhe gebracht, die schwerlich zu überschreiten ist. 

Das Variationen-Thema ist ein wohlklingendes, mild 
volksthümliches von slavischer Färbung; die Oberstimme 
würde sich zu einer Chopin'schen etttde odernoctume wohl 
eignen, die Harmonie ist gewählt, die Stimmführung in- 
teressant ; die Variationen halten sich meist strenge an die 
erstgegebene harmonische Disposition, um desto mannig- 
faltiger in Stimmwechsel und Figurirung sich zu ergehen. 
Sehr lieblich ist Variation 1 ; in muntern Ciavierfiguren 
mit Cantus firmus in der Mitte bewegt sich Variation 2 ; 
Variation 3 hat schon die unvermeidlichen Triolen in der 
Begleitung, dazu eine fein ersonnene Registrirung der 
drei Claviere ; Variation 4 steht auf der Höhe der Zeit, in 
brillanten Arpeggien mit C. /*. im Pedalbass: sie schliesst 
stockend, wahrscheinlich um desto unmittelbarer hinüber 
zu treiben zu Variation 5, w^elches ein wenig ausruht, in 
sanften heiseren Tönen 4 und 8 f. canonisch geführt, ein 
wenig affectirt, doch nicht verletzend. — Alle Geschosse 
werden losgelassen im Finale Nr. 6, welches sich ganz 
zum fanatischen Applaus eignet; chromatische Accord- 
gänge in Sexten und Octaven mit Gegenbewegung chro- 
matischer Pedalscaleu, zuckende Modulationssprünge, 
z. B. das wüste Gewirre S. 42, um von As-dur plötzlich 
in Fis— moll hineinzuhauen, dann eben so plötzlich von A- 
dur nach Des-dur S. 12, 3 ; hierauf die scharfen Tanzfigu- 
ren S. 13 — endlich frei Feld für die unmässig wogende . 
Cadenz S. 14 — 15 — es fehlt nichts, um in Paris salon- 
fähig zu sein ; aber leid thut uns die deutsche Orgel, deren 
Pedal zu solchen Sprüngen missbraucht wird ; im Cos tum 
aber ist's, denn es ist Franz Li szt gewidmet. 

Der Concertsatz in C-moll bewahrt besser die Würde 
der Orgel und würde selbst an gewissen Stellen kirchen- 
fähig klingen, so weit es die freieren pathetischen Orgel- 
sätze von Bach thun, wenn nicht in der zweiten Hälfte die 
Octaven und andere Effectstückchen überwögen. Derganze 
Satz ist aber einheitlicher und zeigt nicht blos den Ueber- 
mulh, sondern das Talent des Tonsetzers. — Aehnlich der 
Concertsatz in £ s - m o 1 1 mit allen Vorzügen und Schwächen 
des vorigen ; soll's aber einmal Effect gelten, so ist der am 
Schlüsse dieses Es-moll mit den Terz- und Quart-Tril- 
lern über ruhig schreitenden Grundbässen bewunderns- 
werth,an sich klangvoll und in wohlerwogenem Rhythmus 
austönend. — Ist Thiele , wie wir aus der Titelinschrift 
3>in Auftrag der Familie herausgegeben a schliessen dür- 
fen, nicht mehr unter den Lebenden, so sagen wir: de 

46* 



i28 



Nr. i&. 



morttäs nü tmi vere — und bedauern , dass ein begabtes 
Talent nicht zur letzten Ausbildung gelangt ist; fortlebend 
würde er erkannt haben, ob seine Hauptkraft zum Lehren 
und UrLheiLcn^ oder zu freier Schöpfung bestimmt gewe- 
sen sei. 

ITeberfiicbt neu erschienener Musikwerke. 

A, Instrumental -Musik. 

(Fortsetzung.) 
Bearbeitungen und Arrangements. 

Am meiäten Stoff für Arrangements bietet immer noch 
B e e l Vi o V e II , von dessen Werken uns seit unserer vorletzten 
Umschau auf diesem Zweig musikalischer Thätigkeit (A. M. 
Ztg. 1S65 Nr, ii) abermals ein bedeutender Stoss in ver- 
schiedenen Beiirheitungen (alle in Breitkopf und Härterschem 
Verlag) vorliegt. Wir nennen zuerst eine vollständige Ausgabe 
aller n e u n S y m p h o n i e n für zwei Hände {aPartiiion dePianoa) 
von Liszt. Derselbe hatte schon früher einige Symphonien 
in dieser Weise herausgegeben, und damit Vielen einen Finger- 
zeig über die Art und Weise geboten , wie man Orchestersätze 
mit merkwürdiger Vollständigkeit und daher ähnlicher Wirkung 
auf dem Gl a vier wiedergeben kann. Durch eine vollständige 
Ausgabe aller Symphonien hat daher er sowohl wie die Ver- 
lagshandlung sicberlich allen Jenen eine Freude gemacht, die 
mit zwei statt vier Händen Beethoven*sche Symphonien spielen 
wollen. Dass dies weniger die Dilettanten als sehr ferUge und 
gewandte Clavierspieler sein werden, lässt sich bei der bekann- 
ten Art der LiS7,rschen Schreibweise unbedenklich erwarten, 
und zwar um so mehr, je complicirter und schwieriger die 
Symphonien selbst werden, was in der Neunten den Gipfel- 
punkt erreicht. Ziemlich gespannt waren wir , was Liszt mit 
dem Finale derselben Symphonie werde angefangen haben, 
dessen Cböre schlechterdings nicht gleichzeitig mit dem Or- 
chester-Accompagnement auf einem Glavier gegeben werden 
können. Lis^t bat sich damit geholfen (und diese Methode auch 
in den andern Symphonien stellenweise angewendet) , dass er 
das Unsplelbare nuf Nebensystemen wenigstens den Augen be- 
merklieb machte, übrigens aber das zu Spielende doch auch so 
vollsUmmig gestallele, dass man so ziemlich Alles durchhört. 
Liszf s irefflicbc Weise zu transscribiren , die hier natürlioh 
alles fremden Beiwerks sich begiebt, ist übrigens so bekannt^ 
dass wir nichts weiter beizufügen brauchen. 

Eine weitere vollständige Ausgabe der Beethoven*schen 
Streichquartette in vierhändiger Form, hauptsächlich von 
B. H einigen [ausserdem in einzelnen Quartetten je von J. P. 
Schmidt, Ernst Naumann und Beethoven selbst — 
noch fraglich — )i ist uun bis incl. Nr. \ 3, dem grossen B-Quarlett 
gediehen. Dieselbe zeichnet sich durch besondere Genauigkeit 
und fdnes VersLiindniss der Stimmführung aus, und ist den Mu- 
sikfreunden und Clavterspielem ganz besonders zu empfehlen. 
Die genaueste Bekanntschaft mit diesen auch im Original über- 
aus schwierig zu spielenden, daher nur von ganz bedeutenden 
Quarteltvereinen technisch und geistig vollkommen zu bewäl- 
tigenden Werken ist nun durch diese Arrangements so bedeu- 
tend erleichtert, dass man keinerlei Ausrede bei irgend fähigen 
Dilettanten mehr gelten lassen kann, wenn, wie dies noch im- 
mer so oft geschieht, der Mangel derselben vorgeschützt wird, 
um sich wegen sNIcht verstehen könnens« zu entschuldigen. 
Freilich bieten sich in den letzten Quartetten Seiten dar, wo 
Keiner sich eines absoluten Verständnisses rühmen darf, und 
wo die Belheuerung eines solchen (wie bei Goethe's zweitem 
^l^eil des ^Fausi) als SelbsUäuschung oder Superklugheit er- 



scheinen kann. Keinesfalls ist die Sache aber so schlimm, als 
man durchschnitthch meint. Uns sind eigentlich, wenn wir 
selbst aufrichtig reden sollen , die allerletzten Quartette (mit 
Ausnahme der grossen Fuge in B] verständlicher geworden 
und mehr in Fleisch und Blut übergegangen , als die beiden 
Uebergangsquartette, welche zwischen dem sogenannjten Uar- 
fenquartett in Es und den drei grossen Op. 4 30, 134 und 132 
liegen: die in F-moU Op. 95 und in Es-dur Op. 4 27. Beetho- 
ven, der früheren Formen — deren er ja ganz Meister war — 
überdrüssig, suchte offenbar für neuen Jnhalt neue Formen, 
ohne aber damit ganz in's Klare zu kommen, und so haben 
diese beiden Quartette für uns mehr Nebelhaftes, Unklares als 
jene spätere Trias , wo der Meister ganz colossale Ideen wie- 
der mit vollkommenster Herrschaft ausführt, und, wenn auch 
da und dort rhapsodisch erscheinend, doch im Ganzen Alles 
mit der grössten Gonsequenz und mit hinreichender Durch- 
sichtigkeit ausbaut. 

Weiterliegen die S tr eich tri os in neuer vierhändiger, 
der Beethoven -Ausgabe conformer Ausgabe vor. Mit Aus- 
nahme der noch nicht erschienenen Serenade Op. 8 sind die- 
selben von Gleichauf arrangirt und ganz angenehm zu spie- 
len, bis auf wenige Stellen, wo dem Original zu pedantisch 
nachgeschrieben, und ^ie Natur des Gtavieranschlags nicht ge- 
hörig berücksichtigt ist. Vergleiche besonders das Finale des 
Gdur- Trios am Schluss. Leider haben sich in diese sonst so 
schöne neue Ausgabe mehrere Druckfehler eingeschlichen, un- 
ter denen der ärgste den ersten Takt des Andante im D-Trio 
betroffen. (Wir haben bereits in der Verlagshandlung auf Be- 
seitigung dieser Fehler in den Platten für künftige Abzüge hin- 
gewirkt.) 

Zum ersten Mal vollständig liegen ferner die fünf Gello- 
Sonaten vierhändig vor. Nr. 4, 2, 4 und B sind von S. 
Bagge arrangirt, Nr. 3 A-dur, die schon früher in vierhändi- 
ger Form existirte, von demselben mit der neuen Beethoven- 
Ausgabe verglichen und in einigen Stellen verbessert. Da Re- 
ferent hier von sich selber spricht, so kann er nicht umhin, ein 
Bekenntniss abzulegen, und zwar dieses, dass er an einer 
Stelle der Ddur-Sonate Op. 4 02 der neuen Ausgabe zu folgen 
sich nicht hat entschhessen können. Er erlaubt sich hier 
die Sache den Musikern in Kürze vorzulegen: Das überaus 
wunderbare, cboralartig gehaltene Adagio ist im 3. und i.Takt 
dreistimmig geführt. Nun bringt die neue (Partitur-) Ausgabe 
im vierten Takt Folgendes : 

NB. 




während die ältere Ausgabe im zweiten Achtel blos ^ aufwies. 

a 

a 
Der oben in Noten gegebene Accord schien nun dem Bearbei- 
ter auf irgend einem Missverständuiss des Autographs (etwa 
einem notena^hnlichen Tinlenkleks) zu beruhen ; seine Ohren 
sträubten sich dagegen, Beethoven an dieser Stelle einen so 
unerträglichen Accord zuzutrauen ; er hat daher die ältere Les- 
art beibehalten und erwartet darüber die Meinung gediegener 
Musiker zu hören. 

Weiter mag erwähnt werden, dass das Gdur- Quintett 
Op. 29, arrangirt von J. P. Schmifit, in neuer, durchgesehe- 
ner und vielfach veränderter Ausgabe erschienen ist. Des- 
gleichen die weniger bekannte, auch nicht eben bedeu- 
tende Gratulations- Menuett , Allegretto für Orchester, 
in doppeltem Arrangement zu zwei und zu vier Händen von 
Louis Röhr. — Wir wollen bei dieser Gelegenheit auoh 



Nr. 46. 



m 



eioer scl),oi;i etwas frühor cjrscbieaeipen B.e^be^i^Qg des dritten 
Cla.viÄrcouc.er.t$ ii;i C-moll Op^ 37 für zwei Piwioforte 
durch ^eaxi ProDOiber^er gedenken, upd auf das Besondere 
derselben hinweisen. Gewöhnlich werden Concerte in der 
Weise für zwei Flügel arrang^-t, dass auf dem einen die Solo- 
partie, auf de^i andern das Orchester vorgetragen wird. Prom- 
berger hat in Erwägung, dass eine solche Behandlung für beide 
Spieler iheils gezwungen und uninteressant ist, theils in der 
Ausführung unnöthige Schwier^keiten bereitet, eine andere 
Methode angenommen ; er lässt den zweiten Flügel an den So- 
los participiren , vertheilt ebenso das Orchester auf beide Flü- 
gel und gestaltet in dieser Weise das Stück für beide Theile 
concerlirend und gleicUmässig interessant. Der erste Satz entr- 
bält übrigens eine Cadenz von Vo 11 weile r, die jetzt, wo 
des Meisters Original- Cacjenzen gedruckt sind, wohl lieber 
durch die entsprechende verdrängt worden wäre. Wir em- 
pfehlen den Freunden zweiclavierigen Spiels diese Bearbei- 
tung, die sehr geschickt und wohlklingend gesetzt ist, ganz 
besonders. 

Endlich , obwohl nur zum Ttieil zur Rubrik »Instrumen- 
talfflusika gehörend, aber um mit Beethoven für heute zu Ende 
zu kommen, gedenken wir noch der Ciavierauszüge mit Text 
der Schwester- Werke »Die Ruinen von Athena und »Kö- 
nig Stephan«, der erste von F. Brissler, der andere vop 
C. R e i n.e c,k e bearbeitet und zum ersten Mal in der OeiTent- 
licbkeit erscheinend. Für Gesangvereine und Concertanstalten 
sind diese Ciavierauszüge ebenso wichtig, wie für das grössere 
Publicum, welches derartige Werke zunächst durch solche ge- 
nauer kennen zu lernen pflegt. Die Namen der Bearbeiter ge- 
nügen, um die Tüchtigkeit und künstlerische Gestaltung dieser 
Auszüge über allen Zweifel zu erheben. Die Ouvertüren sind 
in beiden Werken zw.el händig gesetzt. 

Ausser dieser grossen Anzahl Beetboven*scher Composi- 
tionen liegen uns von andern classischen Meistern in vierhän- 
digen Arrangements noch folgende vor : Zunächst eine Sym- 
phonie in G-dur von J. Haydn, die 48. und drittletzte der 
bei Heinricbshofen in Magdeburg herausgegebenen Sammlung. 
Es hiesse Eulen nach Athen tragen, wollten wir mehr beifügen, 
als die dringende Empfehlung sich auch mit dieser, in Goncer- 
ten nie vorkommenden köstlich-launigen und gut arrangirten 
Symphonie des unerschöpflichen bekannt zu machen. — Von 
Mozart sind es erstens die sieben Glaviertrios, welche in einer 
neuen vierhändigen Gesammt- Ausgabe (Breitkopf und Härtel) 
vor uns liegen. Dieselbe ist nach früheren Ausgaben von 
Brunner, Gleichauf u. A. von Brissler sorgfältig revidirt und 
verbessert, und Jenen zu empfehlen, die zum Trio-Spiel keine 
Gelegenheit haben und doch sich auch an diesen, in keiner 
Form ungeniessbaren Werken ergötzen wollen. An dem treff- 
lichen Arrangement hätten wir nur gewünscht, dass die linke 
Hand des linken Spielers weniger eng liegende Accorde in der 
grossen Octave zu spielen hätte, wo ganz gut der rechten Hand 
Accordantheile übergeben werden konnten. Der heutige dickere 
Clavierbass verbietet weit strenger als der frühere solche tief 
Hegende Accorde, und die neuere Spielart gestattet ja diesem 
Üebelstande überall auszuweichen. — Die bereits früher er- 
wähnte Ausgabe der Mozart'schen Violinsonaten für 
Vi Ion cell von Grützmacher ist bis Nr. 1B vorgeschritten. 
Wir verweisen bezüglich derselben auf unsere damaligen Be- 
merkungen (A. M. Ztg. «865 Nr. 52) und finden vielleicht, 
wenn die Sammlung fertig sein wird, Veranlassung auf die 
eine oder andere derselben zurückzukoounen. 
(Fortsetzung folgt.) 



S. Bach und die Padb-Ausgabe betreffend. 

(Wir werden um die Aufnahme der folgenden Zeilen ersucht :) 

Die Bach-Gesellschaft in Leipzig hat bei dem unlängst von 
ihr ausgegebenen Bande der Ciavierwerke, welcher sechs grosse 
und sechs kleine Suiten enthält, von dem bei alten ihren bis- 
herigen Publicationen gepflogenen Gebrauch , in einem Vor- 
wort über die bei der Redaction benutzten Vorlagen und über 
die dabei geübte Kritik Bericht zu erstatten , eine Ausnahme 
gemacht. Ich kann mir nicht erklären, warum eine solche Mitr- 
theliung unterblieben- ist ; abgesehen von den nun fehlenden 
historischen und andern wünsch enswerthen Notizen ist der 
Abgang eines eingehenden Berichts deshalb zu bedauern , da 
die neue Ausgabe der Bach-Gesellschaft bei manchen Stellen 
von andern im Musikhandel erschienenen Ausgaben so sehr 
abweicht, dass die Vermuthung Raum gewinnt , es seien un- 
genügende Vorlagen benutzt worden, oder es haben sich Feh- 
ler eingeschlichen. Als Stellen,* die zweifelhaft und unrichtig 
erscheinen oder, sagen wir lieber, die den Nachweis ihrer Aecht- 
heit wünschenswerth machen, bezeichne ich u. a. folgende : 
Seile 30, Takt 9, die Achtelnote c; bei C. F. Peters steht 6. 

Takt \ I und 1 5, die Achtelnoten b und es ; bei Pe- 

ters : a und d. 

Seite 31, Takt 7, die zweite Sechszehntelnote a; statt 6. 

Seite 32, Takt 25, die letzte Sechszehntelnote a; bei Pe- 
I6rs : g» 

Seite 37, Takt t\, die vierte SechszehnteUiote c in dem Sy- 
stem der linken Hand ; bei Peters : as, 

Takt 24, die Halbe- (statt Viertel-) Note g im Sy- 

stem der rechten Hand. 
Seite 60, Takt 6, die zehnte Note e im System der linken 

Hand ; bei Peters : g. 
Seite 62, Takt \ 0, im System der linken Hand die sechste 

Note d; bei Peters : dis. 
Seite 70, Takt 4, die U. und 15. Scchszehntelnote a h; 

bei Peters : h c, 

Takt 1 7, die erste Sechszehntelnote c ; bei Peters : a, 

Seite 71, Takt 17, die Sechszehntelnote b im System der 

rechten Hand ; bei Peters : h, 
Seite 100, Takt 5, einige Noten auf dem zweiten und dritten 

Viertel u. s. w. 
Man erfährt ferner nicht, worauf sich die Zusammenstellung 
der Suiten gründet. Die sogenannte französische Suite in D- 
moll z. B. ist in mehreren alten Handschriften als »Suite Jla 
bezeichnet; in der Bach -Ausgabe ist sie die erste von den 
französischen. Die anfangs ausgesprochenen Zweifel sind um 
so mehr aufrecht zu halten, da in ^er neuen Ausgabe ein auf- 
fallender Fehler stehen geblieben ist , der sich zwar in allen 
andern Ausgaben auch vorfindet, bei genauer Revision und 
Vergleichung mit einem zugänglichen Autograph sich aber wohl 
hätte beseitigen lassen. In der sogenannten französischen Suite 
in G-dur ist die Bourröe in allen Ausgaben und auch in der 
Ausgabe der Baoh-Gesellschafl (Seite 1 1 6) als »Bourree I.v und 
das darauf folgende Stück im J-Takt als »Bourree II. cc bezeich- 
net. Wer eine Bourräe kennt, muss beim ersten Blick sehen, 
dass das letzterwähnte Stück keine Bourröe sein kann. Was 
es ist, darüber lässt das in der königl. Bibliothek zu Berlin be- 
findliche »Ciavier Büchlein Vor Anna Magdalena Bachin Anno 
I7S2« nicht im Zweifel. Das Stück ist hier von Bach über- 
schrieben »Lourea; das vorhergehende Stück heisst einfach 
»Bourree«; nicht Bourree I. 

Ein Mitglied der Bach-Gesellschaft. 



130 



Nr. 16. 



Berichte. 

Berlin. R, W. Mein diesmaligerBerichtmuss sich wiederum 
ausschliesslich mit den in Concerten gebotenen Erscheinungen 
beschäftigen^ da die Oper ganz bracti liegt, und die mit Fräul. 
Art6t neu einstudirten und zweimal gegebenen »Rrondiaman- 
ten« von Auber zu eingehender Beurlheilung keine Veranlas- 
sung bieten. Manches Neue tauchte dagegen in den Concerl- 
s'älen auf. Von besonderem Interesse war mir die Aufführung 
der grossen Schuber tischen Messe durch den Stern*schen 
Gesangverein. Vermag ich auch nicht das Entzücken mancher 
Beurtheiler durchaus nachzuempfinden , so finde ich doch viel 
Schönes in diesem, bisher hier noch nicht gehörten Werke. 
Kirchlich im Bach'schen oder Palesfrina'schen Sinne ist es na- 
türlich nicht und es spielt namentlich die Polyphonie darin 
eine sehr untergeordnete Rolle. Dennoch enthält es Einzelhei- 
len von grosser Schönheit, so namentlich das »Benedictus«*). 
Dasselbe Concert bot als zweites Stück Cherubini's hier oft 
gehörtes kühnes und geistvolles Requiem für gemischten Chor 
und Orchester. — In der letzten Aufführung der Gesell- 
schaft der Musikfreunde wurde uns Berlinern auch der 
Genuss zu Theil, Liszt's symphonische Dichtung »Orpheus« 
kennen zu lernen. Sie hat jedenfalls vor andern ähnlichen 
Werken des genannten Componisten den unbestreitbaren Vor- 
zug der Kürze. Im üebrigen ist sie ohne Programm ebenso 
unverständlich, als die anderen, leidet ebenso an Ungeheuer- 
lichkeiten und üeberschwenglichkeiten, als diese und theilt ihr 
Geschick, an den Stellen, welche am schauerlichsten und ernste- 
sten sein sollen, komisch zu wirken. Herr von Bronsart 
verleugnete seine zukünftlerische Apostschafl mit seinem Cla- 
vierconcert fast gänzlich. Bietet auch der erste Satz manches 
Gesuchte und an die ncudeulsche Schule entfernt Erinnernde 
dar, so ist er doch ordentlich und verständig abgefasst, wenn- 
gleich wenig bedeutsam und eigenartig in thematischer Bezie- 
hung. Das Adagio jedoch und die Finaltarantella sind durch- 
aus erfreulich und zeugen ebensowohl von erfindendem Talent, 
wie von Kenntniss und gebildetem Geschmack. Das Ciavier ist 
eigentlich nicht als Soloinslrument, sondern als primus inter 
pares behandelt. Dadurch gewinnt die Composition sympho- 
nischen Charakter und fesselt das künstlerische Interesse nur 
um so mehr. — Die Abonnenten der Symphoniesoir^en wur- 
den in der sechsten Versammlung durch Wagner's Vorspiel 
zu »Tristan und Isolde« in Schrecken gesetzt; wenigstens habe 
ich nie in diesen Concerten eine so allgemeine Entrüstung sich 
aussprechen hören und sehen. Die vorzügliche Ausführung 
dieser Composition machte es möglich , auch bei einmaligem 
Hören die Intentionen des Tondichters vollkommen zu erken- 
nen. Die vom Lohengrin bekannte, aus crescendo und de- 
crescendo bestehende Schablone ist auch hier angelegt. Ein 
kleines Motivchen trippelt vom Beginn an ängstlich hin und 
her, als könnt' es nicht zur Welt kommen. Die Elemente wer- 
den entfesselt, die Berge kreisen und schliesslich kommt doch 
nichts weiter als das Motivchen , mit etwas Harfensalbe be- 
strichen, als ridiculus mus zum Vorschein. Wenn ich einen 
Opernabend lang solche Musik mitanhören müsste , würde ich 
verrückt. 



*) Die »Neue Berliner Musik-Zeitung n sagt am Schlüsse ihres 
diissfallsigen Berichtes in Nr. \ 4 Folgendes : »Wenn nun in einem 
Werke so unendlich viel Schönes geboten wird, wenn in demselben 
so viel Adel der Empfindung vorherrscht, wenn in demselben 
überall der göttliche Quell der unmittelbaren Eingebung sprudelt, 
nirgends Triviales oder gar Gekünsteltes, mühsam Erdachtes, Excen- 
trisches, subjecliv-ErklügeHes, grandios -sein -Sollendes die An- 
regung der schönsten Gefühle stört, ist es da nicht besser, sich 
alles dessen zu erfreuen, in der Erinnerung zu goniessen, als die kri- 
tische Lupe hervorzusuchen und sich in gelehrten Deductionen über 
Harmonieofolgeo oder über Instrumentationslehre zu ergehen?« 



Unter den Virtuosen, welche in letzter Zeit hier concertir- 
ten, zeichnet sich die Pianistin Fräul. Elise Harff durch So- 
lidität ihres Spiels , wie durch innerliche Belebung ihres Vor- 
trags auFs Vortheilhafteste aus. 

Im Üebrigen hal^e ich drei Aufführungen des Graun^scheu 
»Tod Jesu« zu nolificiren, von denen sich die in der Singaca- 
demie durch eine unglaublich geschmacklose üeberschnörke- 
lung der bereits genugsam verschnörkelten Sopranarien aus- 
zeichnete. Auch die Matthäuspassion kam zu Gehör, so dass 
wir, wenigstens quantitativ, au Ostermusiken nicht arm waren. 



Dresden. -r-*) Am 22. Febr. gab Frl. Mary Krebs, welche 
inzwischen zur königl. Kammervirtuosin ernannt worden Ist, 
ein ausserordentlich zahlreich besuchtes Concert. Die hier sehr 
beliebte junge Pianistin erfreute sich mit Becht abermals ge- 
rechter Anerkennung. Am besten gelang ihr die Ausführung 
des virtuosen Theils ihres Programms: Variatiohen für die 
linke Hand allein von W. Co6nen, Lucia-Paraphrase von Liszt 
u. s. w. Ein Trio von Spohr (Op. H9) konnte nicht erwär- 
men ; im Vortrag der Sonata appassionata ward trotz manchem 
Gelungenen doch geistige Beherrschung des Stücks vermisst. 
Bei dem aussergewöhnlichen Talente der \ 4jährigen Künstle- 
rin wird dieselbe sicher mit den Jahren auch hierin entschie- 
dene Fortschritte machen. — Am 3. März hatte Hr. J. v. Wa- 
sielewski in Verbindung mit den Herren Reinecke aus Leipzig 
und Grützmacher von hier eine Soiree musicale veranstaltet, 
in welcher ausser einer interessanten Violinsonate von J. M. 
Veracini, dem Rivalen Tartini's, eine Sonate von Mozart für 
Pianoforte und Violine, das grosse Bdur-Trio von Beethoven 
und Variationen über ein Händel'sches Thema für Pianoforte 
von Reinecke zu Gehör kamen. Letzterer spielte zum ersten 
Male in Dresden und gefiel ausserordentlich. Der Concertgeber 
bekundete ernstes Streben und Wollen, ohne hierin jedoch 
mit dem »Könnena gleichen Schritt zu halten. Die technischen 
Uülfsmittel, über die er gebietet, reichen nicht aus, um 
seinen musikalisch -künstlerischen Intentionen sichern Aus- 
druck verleihen zu können. — In der Quartett-Academie der 
Herren Lauterbach, Hüllweck, Göring und Grützmacher am 
10. Februar überraschte ein interessantes Quartett (Op. 47) 
von A. Rubinstein, welches, allerdings mit einigen Aenderun- 
gen, sehr gut ausgeführt wurde und vielen Beifall erhielt. — 
In der letzten Triosoiree der Herren Rollfuss, Seelmann und 
Bürchel erschien als Novität in trefflicher Wiedergabe das 
zweite Trio (Op. H2) von J. Raflf. Der sehr productive ta- 
lentvolle Componist scheint sich in neuerer Zeit etwas zu ver- 
flachen ; auch das in Rede stehende Trio trägt einen salonmässi- 
gen Charakter und enthält viel Aeusserliches. — Die beiden 
letzten Productionsabende des Tonkünstlervereins brachten in 
sorgsamster Ausführung folgende Musikstücke zu Gehör: 
\) Trio für zwei Violinen und Violoncell von Händel. Piano- 
forte-Phantasie (Op. Kl) von Schumann. Symphonie in D-dur 
(hier unbekannt) für kleines Orchester von Haydn. 2) Con- 
certo a chiesa für Streichinstrumente von Pergolese. Quin- 
tett (Op. 107) für Pianoforte und Stretchinstrumente von J. 
Raff. Serenade für Blasinstrumente und Contrabass von A. Rei- 
chet. Letzteres Stück, dessen Componist hier als Musiklehrer 
und Director der Dreyssig'schen Singacademie lebt, erhielt mit 
Recht allgemeinen Beifall. — Im letzten Abonnementconcert 
der königl. Capelle (Genoveva- und Hebridenouvertüre, Sym- 



*) Unser Correspondent bittet uns folgende in semen früheren 
Mittheilungen vorgekommenen Druckfehler zu berichtigen : In Nr. 4 
S. 84 Sp. 2 Z. 9 von oben ist zu lesen statt (Duo) — (D-dur) und 
Z. 4 6 von oben statt Tillmann's — Zillmann's, S. 83 Sp. 4 Z. 24 
von unten statt Demetz — Demnitz. S. 84 Sp. 4 Z. 34 von unten 
hat die Zahl 4) wegzufallen. 



Nr. 16. 



131 



phonie von Mozart, D-dur ohne Menuett, und Beethoved G-motl) 
feierte dies trefilicbe Institut einen wahren Triumph, an wel- 
chem die ausgezeichnete Leitung des Herrn Dr. Rietz nicht den 
geringsten Antheill hatte. In den beiden Concerten zum Besten 
der Wittwen und Waisen der königl. Capelle am Aschermitt- 
woch- und Palmsonntagconcert kamen die Jahreszeiten von 
Haydn, das Oratorium Samson von Händel und die Sinfonia 
eroica von Beethoven zur Aufführung. An beiden Abenden 
war das Hoftheater überfüllt. — Die Thätigkeit des letztern In- 
stituts bis Ostern reducirt sich in Betreff der Novitäten auf die 
Wiedereinstudirung der »Jagd« von Hiller. Die Aufführung der 
Oper j>Wandaa von F. Doppler musste wegen fortdauernder Hei- 
serkeit des Herrn Richard bis zur Wiederkehr der beurlaubten 
Frau Jauner-Krall im Juni vertagt werden. — Schliesslich noch 
die Mittheilung, dass am 28. März in der Kreuzkirche durch 
die Dresdner Singacademie (Chorgesangverein) die Passions- 
cantate d Der Tod Jesu a von Graun in gelungener Weise zur 
Aufführung kam. 

Nackrichten. 

Hamburg. Bach's Johannes-Passion wurde von der Singaca- 
demie des Herrn Stockhausen unter Leitung des Herrn Grädener am 
Dienstag der Charwocbe in der Michaeliskirche zur Aufführung ge- 
bracht. Die Solisten waren: Sopran Fröul. RosaMandl, Alt eine 
Dilettantin, Tenor Herr Walter und Bass Herr Stockhausen. Die Aus- 
führung war im Ganzen höchst anerkennungswerth. — Am 5. April 
wiederholte der Singverein des Herrn Deppe Händel's Judas Macca- 
bäus unter Mitwirkung des Fräul. Tietjens, der Herren Schild und 
Schulze. Die Altsoli waren durch Fräul. Auguste Krebs aus London 
vertreten, ein^r Anfängerin, die noch zu lernen hat. Chor und Orche- 
ster zeigten sich, einzelne Kleinigkeiten abgerechnet, gelungen. Un- 
yerzeihlich ist die Kürzung eines Oratoriums , wenn man aus einem 
andern etwas einlegt, wie diesmal wieder mit der Sopran-Arie aus 
Samson, die nicht in Judas gehört ; einige andere , gerade schöne 
Arien des Judas mussten dieser weichen. — Fräul. Tietjens gastirte 
im Stadttheater als Valentine, Fidelio und Norma mit dem Erfolge, 
deo sie als eine der ersten Bühnensängerinnen verdient. Albert Nie- 
mann eröffnete am 8. April sein Gastspiel als Tannhäuser. — Jenny 
Lind-GoIdschMnidt wird im Mai bei einem grossen hier zu veranstal- 
tenden Musikfest im Messias die Sopranpartie übernehmen. 

Frankfurt a. M. Das Museum hat seine Abende beschlossen. 
Der vorletzte brachte als Hauptnummern die Ouvertüre zu iphige- 
nic in Aulis, Mendelssohn's Finale zur Loreley und Beethoven's 
neunte Symphonie. Der letzte Abend bot uns die hier neue Ouver- 
türe zu Fierabras von Schubert, ein Concert von Spohr, gespielt 
von Herrn Walter aus München und die Sinfonia pastorale. — Ein 
jedenfalls interessantes Concert veranstaltete der hiesige Gesang- 
lehrer Herr Mul der in der St. Katharinenkirche ; er Hess von seinen 
Schülern, mit Hinzuziehung anderer Kräfte , das Stabat mater von 
Pergolese und dasjenige von Rossini aufführen , beide hier noch 
Dicht gehört. Das Werk von Pergolese enthalt manches Ergreifende, 
und hält sich ziemlich kirchlich, natürlich immer italienisch ! Das 
Rossinische, theil weise genialer, ist die reinste Opernmusik. Unter 
den Ausführenden glänzte Frl. Perl mit einer Altstimme, welcher 
bei voller Kraft zwei Octaven, von klein es bis es*, bequem zu Ge- 
bote stehen. Zwischen beiden Hauptwerken wurden noch ,einige 
kleinere Gesönge, und durch Herrn Oppel eine Orgelfuge von Bach 
ausgeführt. — Am Cbarfreitage hörten wir die Matthäus- Passion 
vom Cäcilienvereine. 

Das 10. Gürzenicfa-Concert in Co In am Palmsonntag brachte 
S. Bach's Matthäus-Passion. 

Palestrina's Messe vPapae Marcellin kam am 48. März in der 
St. Michaelskirche in Wien zur Aufführung. 

In einem zu Znai m (Möhren) am 5. April stattgefundenen Mu- 
sikvereins-Concert wurde Beethoven's Adur-Symphonic und Schu- 
mann's »Der Rose Pilgerfahrta aufgeführt. * 

Wie es mit dem Geschmack und dem künstlerischen Urtheil des 
Publicums der Pariser Conservatoire-Concerto und deren Leiter 
bestellt ist, darüber gab ein Concert Spirituel, das am letzten C h ar- 
freitag daselbst gegeben wurde, einen etwas seltsamen Aufschiuss. 
Man gab in demselben unter der Direction des Herrn G. Hainl nebst 
Stücken von Cherubini, J. Haydn und Marcello auch die Ouvertüre 
2u Pardon de Ploörmel (Dinorah) von Meyerbeer! Dasselbe Pro- 
gramm wurde mit einigen Veränderungen, aber nicht ohne die 
Ouvertüre, am Ostersonntag wiederholt. — Ausserdem wurde in der 



heiligen Woche mehrfach Rossini's Stabat mater aufgeführt und zwar 
in den Kirchen und im Theätre italieti. — Liszt's Credo aus der 
Graner Messe, von Pasdeloup zur Aufführung gebracht, hatte einen 
Misserfolg und ein ähnliches Geschick wie seiner Zeit die »Prome- 
theus-Musik« in Wien : es musste M o za r t zu desto grösseren! Erfolg 
verhelfen, indem auch diesmal ein darauf folgendes Stück von die- 
sem Meister mit ungeheurem Jubel begrüsst wurde. — In der grossen 
Oper wurde Don Juan mit solchem Pomp und solch übertriebener 
Ausstattung gegeben, dass unser Berichterstatter »seinena Don Juan 
kaum wiedererkannt haben will. — Pasdeloup's Concerte erhallen 
einen geßihrlichen Nebenbuhler Inder ^Socidt^ philhamwnique de Pa- 
ris«, welche durch Choraufführungen neben Instrumentalmusik eine 
noch grössere Anziehungskraft ausüben wird. 

Der soeben erschienene Jahresbericht der Frankfurter Mu- 
sikschule bringt einen Nekrolog ihres früheren Vorstehers Her- 
mann Hilliger, dann Schulnachrichten, unter welchen hervor- 
zuheben ist, dass der Frankfurter Senat der Schule eine Subvention auf 
drei Jahre bewilligt hat, ferner dass die Anstalt im letzten Semester 
von hi Zöglingen besucht worden ist; endlich Einladung und Pro- 
gramm zu den am 27. März stattgefundenen Prüfungs-Productionen. 

Die Verlagshandlung von Gustav Heinze in Leipzig vollendet 
dieser Tage 'den Stich eines Werkes, welches in der musikalischen 
Welt mit vielem Dank begrüsst werden wird. Es betrifft dies näm- 
lich die Herausgabe einer einheitlichen Partitur zu Gluck's 
Orpheus dergestalt, dass das primitive Element der italieni- 
schen Originalpartitur unter Berücksichtigung aller Umarbeitungen 
und Erweiterungen der französischen Onginalpartitur wieder 
vollkommen und correct hergestellt wird. Ferner enthält diese neue 
Ausgabe (die, beiläuhg gesagt, jetzt die einzige wird, da die alten 
Partituren längst schon nicht mehr zu haben sind), den Text in drei 
verschiedenen Sprachen, der französischen, italienischen 
und deutschen, und dürfte ausserdem hinsichtlich des Aufwands von 
Fleiss und Ausstattung den höchsten Anforderungen entsprechen. 

Der jüngst erschienene 4. Band von Genast's »Aus dem Leben 
eines alten Schauspielersa bringt u. A. auch persönliche Mittheilungen 
über die Sängerinnen Jenny Lutzer (die Gattin Dingelstedt's) und 
Henr. Sontag. 

Ein »Notine« genannter Apparat zum Umwenden der Notenblät- 
ter, vor- und rückwärts, vermittelst des Fusses, erfunden von Bohn- 
stedt, wird vom Hof-Mechanikus Ausfeld in Gotha angefertigt. 



Zeitlingsschau. 

In der illustrirten Wochenschrift » Daheim a Nr. 26 giebt J. 
Schubring, der dem Componisten bekanntlich als Beirath oder, 
wie er selbst sagt, Handlanger an den Texten zum Paulus und Elias 
diente, »Erinnerungen an F". Mendelssohn«. Schubring verkehrte 
während seiner Universitätsjahre, 48n5»80, viel in Mendelssohn's 
elterlichem Hause ( dem jetzigen preussischen Herrenhause ). Er 
erzählt von Mendelssohn's häuslicher Erziehung, die ihm, fern vom 
Treiben der Schule, mit den Schwestern gemeinsam war. Mit der 
älteren Schwester Fanny spielte er — wie L. Berger einmal ausrief 
»ganz famos« — Partituren vierhändig, mit der jüngeren, Rebecca, 
trieb er Griechisch bis in den Aeschylus hinein. Zu männlicher 
Freude übte er sich wacker im Turnen, Schwimmen, Reiten ; Zeich- 
nen oder Schach füllten bei schlechter Witterung die Mussestunden. 
Eine Uebersetzung der Andria des Terenz zeugte von seiner sprach- 
lichen Fertigkeit, aber was ins mathematische Fach schlug, wollte 
ihm nicht in den Sinn. Wenn Mendelssohn componirte, schrieb er, 
ohne Vor- und Zurücksehen, ruhig und sicher die Systeme von oben 
herunter gleich mit allen Noten und Pausen aus, ein Zeichen, wie 
klar er jedes einzelne Moment im Zusammenhang und Fluss des 
Ganzen dachte. Fr. Schneider (u. A. I) pflegte über der bezifferten 
Bassslimme immer noch Manches zu späterer Ausfüllung leer zu 
lassen. Von häuslichen Musik- Aufführungen erwähnt Schubring der 
Matthäus-Passion, welche Mendelssohn mit Ed. Devrient und Frau, 
den Schwestern u. A. durch einen Chor von 4 6 Stimmen zu jener 
denkwürdigen ersten Berliner Aufführung vorbereitete, wobei De- 
vrient den Christus sang. Bei hauslichen Orchester-Aufführungen, 
z. B. einer Haydn'schen Symphonie, pflegte Mendelssohn das Tempo 
zu massigen und besonders auf Zartheit und Nuancirung zu achten. 
— Bei der Composition des Paulus habe Mendelssohn vielfach mit 
ihm als Mitarbeiter am Texte über Zulässigkeit des Chorals, das 
erzahlende Recilaliv etc. verhandelt, desgleichen über die Oratorien 
Petrus und Johannes der Täufer. Schubring bemerkt noch, dass die 
abfällige Hindeutung auf einen nicht genannten Musiker im Briefe 
an ihn vom 6. August 4834 nicht auf Schumann gehe, Mendels- 
sohn habe diesen recht wohl gewürdigt und keinerlei Rivalität gegen 
ihn erkennen lassen. 



132 



Nr. 16. 



Olscellen. 

Prof. A. Trendelenburgin Berlin widmete dem jüngst seine 
fOnzig academischen Lehrjahre feiernden Archäologen Ed. Gerhard 
zum Festgruss eine kleine Schrift, darin er, nach den Ideen Plato's, 
die tiefgreifende Bedeutung des Ebenmaasses (der Symmetrie) 
in der griechischen Kunst nachweist. Wir wählen daraus einige be- 
zeichnende Sätze, deren Mitbeziehung auf die Musik nahe liegt. 
Alles Gule und Tüchtige im Leben beruht auf dem Zusammenwirken 
von Wahrheit und Ebenmaass, daä sich im Kunstwerke durch Har- 
monie des Ganzen und der Theile als Schönheit manifestirt. In die- 
ser Trias — Wahrheit , Ebenmaass , Schönheit — ist die Wahrheit 
der tief inwendige Grund; aber ihre Betrachtung liegt in einer Tiefe, 
aus der wir schwer schöpfen ; und was Schönheit ist, fragen wir 
nicht, denn die Antwort lautet bei den Alten : es ist die.Prage eines 
Blinden. Das Ebenmaass steht in der Mitte ; hervorgegangen aus 
der Wahrheit einer innern Bestimmung bringt es seines Theits die 
Schönheit hervor. Diese an^ Wahrheit' und Ebenmaass geborene 
Schönheit ist das unterscheidende Kriterium und Grundgesetz der 



griechischen Kunst : ohne Maass and Wahrfaeili teine SchönhMt. — 
Das Ebenmaass hatte in der griechischen Kunst seinen lautersten 
Ausdruck. Der griechische Tempel, die Säulenhalle, die einzelne 
Säule, wie die ganze griechische Plastik offenbaren in ihrer Scböa- 
heit die Macht der Symmetrie, des retnen Maasses in edler Einfalt 
und Anmuth. Das allem dufcb die bildende Kaust dargestellten 
Werke vorschwebende ideale, göttliche Urbild ist das plastische Er- 
zeugniss des philosophischen Geistes, wie die Zahl und Harmonie, 
in welcher die Pythagoräer das Wesen der Dinge finden, ein Erzeug- 
niss der musikalischen Empfindung. Der künstlerische Geist der 
Griechen spricht aus beiden. Wo das Ebenmaass m die Bewegung 
des Leibes eintritt, da entsteht jener anmuthigeFluss der Bewegung, 
jene Eurhythmie,, welche Plato im Tanz der Gymnastik erstrebt. 
Harmonie und Ebenmaass, welche in dem Einklang der Musik für 
das Ohr und in der Symmetrie der Plastik und Architektonik für das 
Auge, auf dnrchgefiihrte ZableDverhältnisse zurückgehen, wecken 
das Wohlgefallen auf verwandte Weise. Und von der Lust an der 
Symmetrie lässt sich dasselbe sagen, was Leibnitz von der Lust an 
der Harmonie aussagte : sie ist ein Entzücken der Seele , die nicht 
weiss, dass sie zählt [voluptas nescientis se numerare animi]. 



I 



ANZEIGER 



[74] 



Werke von 



Hector 



im Verlage von 
J. H;ieter-]BiodLormaiiii 

in Leipzig und Winterthur. 

(Les Nutts d'616.) 

^eeli^ <Sre»ILii$^e 

von Th. Gautier ins Deutsche übertragen von P. Cornelius 
für 

eine Singsliflime mit Begleitang yoq kleioem Orchester oder Pianoforle. 

Op. 7. 
Preis Partitur 8% Thlr. Ciavierauszug i% Thlr. 



Rameo et Juliette. 

S i hJTo nie di*a.iiia.tiqi].e 

avec Choeurs, Solos de Chant et Profogue an Recitatif Choral 

compos^e d'apr^s ia tragedie de Shakespeare. 

0|». 17. 

Preis Partition de Piano par Th. Ritter 4% Thlr. netto. 



du 

C ö r s a 1 r e. 

Op. »1. 

Arrangement pour Piano i deux mains 

par 

H. O. de Bülow. 

Preis 80 Ngr. 



[75] Soeben erschien im Verfarge det^ Unterzeichneten : 

Aus dem Schenkenbuche 

von Kmanvel Cleibel. 
I>rei I^iedler 

für eine tiefe Stimme mit Begleitung des Fiano- 
forte von 

W. BAUMGARIWEA. 

Op. 26. Preis 15 Ngr. 

Früher erschienen von Demselben : 

Op. 7. Variationen über ein Tyroler Volkslied für Pianororle. 
17t Ngr. 

Op. 9. Wa32er-Capriee für Pianoforle. iH Ngr. 

Op. 14. Salon-Walzer and Gkdopp für Pianoforte. Nr. i Walzer 
15 Ngr. Nr. 2 Galopp iU Ngr. 

Op. 20. Zehn Iiieder für eine Singstiomie mit Begleitung des 
Pianoforte. Heft 4 . 2 ä »2i Ngr. 

Abendlied von N. Lenau für gemischten Chor. Partitur und Stim- 
men. 4 Ngr. 

Nachtlied von Goethe für gemischten Chor. Partitur und Stimmen 
4 Ngr. 

i. Rieter-BiederMaiB 

in Leipzig und Winterthur. 

[76] Im Verlage von J. Rieter- Blederinano in Leipzig und 
W i n t e r t h u r ist erschieuen : 

SUITE 

in Canonform 

für zwei Violinen, Viola, Violoncell und Contrabass 

. (Ordiesler) 

componirt von 

Julius O. Orüum. 

Partitur 82i Ngr. Stimmen 4 Thlr. 40 Ngr. Vierhöndiger Ciavier- 
Auszug vom Componisten 4 Thlr. $ Ngr. 



Verlag von J. Rieter-Biedermann in Leipzig und Wintertbür. — Druck von Breitkopf und Hütiei in Löfp2ig. 



liicbe ZAtang ericboint ref plmtwie »n 

j*tdmi Mittwoch und Ut durch «Ue 

Pü«ajst«r und Eurhhaufüung«q 



Leipziger Allgemeine 



Ptth r JihrlLch b Thir. 10 N|rr. 

VtmcljäbrliehtPrJliJiim. 1 Thir. lü X^, 

Ani«igi*ii r Die geiptltene Petit i eile oder 

läCTen Kaum 2 |*p. Brirfft und Gelder 

werden ft^juie« erbaten* 



Musikalische Zeitung, 



Leipzig, 25. April 1866. 



Verantwortlicher Redacteur : Selmar Bagge. 

Nr. 17. 



I. Jabrgang. 



Inhatt- Künatlerconcerte la frtihertir Zeit. Von Dr, Ed* Haosiiek, L (Scliiuss). — Recensionen f^JuinleU von Johannes Brahma). — 
Die Leipziger Coucerlsaison 186fl/66. — Eim Ansicht über M. Hörn 's und Hob. Schuoianrrs ^^Der Rose KilgcrfabrU. — Nöch- 
ricbtcn, -^ Anzeiger. 



EünsUerconcerte in firüherer Zeit. 

Von Dr. Ed. HansEick, 
L 

(SchiussO 

f orkel, der im AM gern einen den Concerten eine 
grosse kUnsllerische GuHurmission zugesiebt, niiuiot nur 
jene der i^rei senden Musik era aus und dcfinirt sie 
als jene Conoerie, »die blos zum Gelderwerb gegeben 
werdena, ijHier ist der Künstler ^vie eiu Kaufmaun zu be- 
trachten, der solche Waaren xeigt, wonuch am meisten 
gefragt wird. Ehedem, da diese Coucerte nur von wirk- 
lich geschickten Musikern gegeben wurden, waren sie ein 
beijuemes Mitlei, die Musikfreunde mit dem verschiedeneu 
Geschmack und Vortrag aus mehreren Gegendeu be- 
kannt zu machen; jetzt, aber, da Jeder Stümper und 
sogar Kiud er sich ihrer als Mittel bedienen, in der hal- 
ben Welt gleiQhsam haustren zu gehen, ist ihnen auch 
dieser Werth benommen. a (Genauere lieslimmung einiger 
mnslkaLisühen Begrill'e: in Grameres Msgcizin vom Jahre 

Noch weit derber drückt sich ein ^Musikalische 
Zugvögeln überschriebener Aufsatz der BeriinerMu- 
sikaL Zeitung vom Jahre 1793 (Nr. 4ti) aus, dem wir 
folgende Probe entnehmen r ^Musikalische Zugvögel, zu 
sagen herumstreifende, virtuosirende Geiger und Pfeifer 
bekommt man im heil. rtim. Beich fast aller Orten zu 
sehen. Es ist, als wenn die Charlatans von Norden und 
Süden sich das Wort gegeben hMten, die ehrlichen deut- 
schen Pfahlbürger zum Besten zu haben und sich von 
ihnen für Narrenspossen , die sie für unerht^rte Runst- 
stücke ausgeben, bezahlen zu lassen. Selten ist unter sol- 
chen Beisenden ein wahrer Künstler, weit häufiger kora- 
eien die Sudler und Marktschreier daher, die wahrlich, 
statt dass sie mit rothen Hosen und abgesilberten seidenen 
Westen vor den Pulten im Ausland manövrirtcn, besser 
ihiUen, sie blieben zu Hause und pflanzten Kohl und 
Hüben*« 

Ceberdies genossen die reisenden Künstler in sitt-- 
lieber Hinsicht nicht den besten Buf. Auch bierin yer- 



mitlelten sie noch einen letzten schwachen Zusammenhang 
mit den fahrenden Spielleuten des Mittelalters, welche 
das Gesetz für unehrlich erklärt hat. Es ist kein Zweifel, 
dass unter den reisenden Virtuosen von dazumal viel 
lockere, unverschämte Bursche warben. Bedenkt man, 
welch freches Auftreten mitunter selbst grosse Reputa- 
tionen wie D, Sleibelt sich erlaubten, so wird man sich 
über die Ghadatanerien musikalischer Branntweingenies 
wie Scheller oder frecher Hanswurste wie Bohdano- 
wicz nicht wundem, noch es sonderbar hnden, wenn 
irgend einem Virtuosen gern das ausdrückliche Lob er- 
theill w ird, er sei «auch seinem Charakter nach ein soli- 
der und moralischer Meuscba. Mitunter wurde sogar der 
Vorschlag laut, es solle die Staatsgewalt dafür sorgen, 
i»dass der gute Künstler eine sichere Belohnung erhalle^ 
hingegen kein AfterkUnstler das Publicum hintergehe*. In 
allen grossen Städten sollte eine dafür eingesetzte Kunst- 
jury vonobrigkeitswegen ihr Amt handeln, und »auch die 
Sittlichkeit oder wenigstens die Gesittetheit der 
reisenden Künstler sich zum Äugenmerk machen.«*) 

Durchblättert man die Musikzeitungen des vorigen 
Jahrhunderts, so möchte man glauben, Deutschland sei 
von Concertgebern fortwährend überschwemmt gewesen» 
Die Klagen über die vielen »reisenden Künstler«, die drin- 
genden Mahnrufe verschiedener Städte, es mögen Musik- 
reisende ja ferne bleiben, weil sie nichts einnehmen, 
sondern rettungslos ihr Geld zusetzen würden, — sie wie- 
derholen sich überall. Und dennoch wäre es Täuschung, 
wollten wir — Söhne des Liszt-Thalberg'schen Zeitalters 
— annehmen, dass die Zahl der Virtuosen vor 70 bis 100 
Jabren eine grosse war. Nur einer noch in den Anfängen 
des Concertwesens steckenden Zeit konnte sie so bedeu- 
tend, ja übermässig erscheinen. Mitunter, wo uns regel- 



'J Auch in diesem, den Gegonstand sehr ernsthaft und gründ- 
lich beUanJcIndeu Aufsatz [^Leipse,] Altg. U. Ztg. Nr. KS vom Jahre 
1803) wird über die Siltenlosigkeit der reisenden KünstJer geklagt. 
»Die unmoralischen EiijenscUafien, durch welche so viele Virtuosen 
sieb und ihre Kunst um die Ächtung bringen, sind: 1) Mangei an Be- 
scheide riheit.unv erachäiüte ZudriöglichJtcit, ajEigensinnige Launen. 
I) Hang zu sinnlichen Ausschweifungen. c 



I 

i 



134 



Nr. 17. 



massige Berichte vorliegen, können -v^ir sogar naoh^ 
rechnen. *) Wie selten zu jener Zeil das Erscheinen eines 
Virtuosen war, beweist schon der Umstand, dass die Mu- 
sikzeitungen manchmal plötzlich ein- oder zweimal im 
Jahr Correspondenzen (mitunter aus ganz ansehnlichen 
Städten} bringen , die nichts als die wichtige Nachricht 
enthalten : Iferr X. oder Y. habe dort ein Concert ge- 
geben. Dafür taucht heutzutage kein Berichterstatter auch 
nur die Feder ein. Die Klagen unserer Urgros^väter über 
die zahllosen Virtuosen machen uns jetzt ungefähr den- 
selben Eindruck, als wenn wir in einer kleinen billigen 
Stadt über die »enorme Theuerunga jammern hören. Hät- 
ten die reisenden Künstler von ehedem im Allgemeinen 
die Bedeutung gehabt und die Ächtung genossen, wie 
ihre Nachfolger in unserm Jahrhundert, so wäre auch ihre 
Anzahl unsem Voreltern nicht soübermUssig vorgekommen. 



ReoeiiBioiieii. 



JohannesBrahms, Quintett für Pianoforle, zwei Violi- 
nen, Viola und Violoncell. Op. 34. Leipzig und Winter- 
thur, RJeter-Biedermann. Preis 5 Thlr. 

H, Z). Ein neues Werk von Brahms drängt bei uns, 
wie man erwarten kann, jedes andere musikalische Inter- 
esse für den Augenblick zurück. Indem wir dieses aus- 
sprechen, sind wir schon darauf gefasst^ von subjectiver 
Kritik, blindem Partei-Enthusiasmus und dergl. reden zu 
hören. Da wir uns bewusst sind, bei früheren Bespre- 
chungen Brahms'scber Werke uns niemals von blossem 
Enthusiasmus leiten gelassen zu haben, sondern durch 
genaues Studium uns ein Urtheil gebildet, dasselbe in 
Begleitung einer detaillirten Beschreibung ausgesprochen 
und so unsere Meinung nirgendwo ohne Begründung ge- 
lassen zu haben, wobei gar nicht selten Ausstellung und 
Tadel mit unterlief: so können uns dergleichen Ausrufe 
hicht berühren. Wir wissen, dass wir vor jenen, die uns 
in Beurtheilung Brahms' der Subjectivität zeihen , wenig- 



*) Dies ist z. B. der Fall mit Leipzig, dessen Coocertstatistik 
die Allg. Musikai. Ztg. mit grosser Genauigkeit verzeichnete. Dieser 
Zeitung zufolge (I. Band S. 424) haben nwöhrend des Winterhalb-^ 
jal^rs« (October 4 798 bis Ende Mfirz 4 709) folgende »durchreisende 
Virtuosen« in Leipzig Concert gegeben : Die Altistin C h a 1 d a r i n i , 
die Flötisten Dimmler und Du Ion, der Fagottist Kummer. Also 
vier Virtuosen l Ein Nachtrag zu diesem Artikel (vom 29. Mai 4 799] 
sagt: Die Concurrenz der fremden Virtuosen war gegen das 
Ende der Ostermesse sehr beträchtlich. Diese Virtuosen waren 
4) der Basssänger Hübsch, 2J der Ciavierspieler Wölfl, 3) die 
gemeinschaftlich reisenden, äusserst mittel massigen Mandoline- und 
Violaspieler Giordani, Folchiniund Frerardi, 4) Musikdireo* 
torSchwenke mit dem jungen Geiger Hartmann (gaben kein 
öffentliches Conceri, sondern spielten nur in einigen Privathäu- 
sern), 5) die Violinspielerin Gand ini. Diese enorme, nur durch die 
Leipziger Messzeit erklärliche »Concurrenz« reducirt sich also auf 
vier Virtuosenconcerte ! — Vom 4. Januar Ms Mitte Mai 4800 con- 
certirten in Leipzig nur der Polychordspieler H i 1 m e r und die Kna- 
ben Pixis, die es sogar zu zwei Concerten brachten. Hierauf 
wird wieder von einer »ungemeinen Concurrenz« fremder Virtuosen 
während der Ostermesse 4800 gesprochen, sie bestand aus netto 
7 Virtuosen, woranter 8 Sängerinnen.— (AIIg.M.Ztg. U.Bd. S. eSS.) 



steos das eine voraus haben: die Werke desselben ordent- 
lich zu kennen. Aber auch für die allmälige AnerkenDung 
des Talents und der Tüchtigkeit der Brahros^schen Com- 
positionen machen uns jene Vorwürfe nicht besorgt; denn 
dergleichen ist zu allen Zeiten da gewesen. Mozart's 
Quartette erschienen den Kritikern seiner Zeil zu stark 
gewürzt. Beethoven erhielt nach seinen ersten Sonaten 
von einem wohlmeinenden Recensenten in der A. M. Ztg. 
dem R^th , sich mehr an die Natur zu halten. Als seine 
herrlichen Trios Op. 70 erschienen waren , setzten sich 
drei vorzügliche Musiker, unter ihnen des Meisters Schü- 
ler F.Ries (wir wissen dies aus zuverlässiger Mittheilung) 
zusammen, um dieselben zu spielen, und was war das 
Resultat dieser ersten Kenntnissnahme? — Beethoven 
müsse -wahnsinnig geworden sein. Nicht viel gelinder lau- 
teten die Urtheile üb^r seine letzten Quartette, deren 
Verständnis noch jetzt kein «Ugemeioeß isL Die Zahl 
derer endlich, welche auß entschiedenen Gegnern Robert 
Schumann's seine Verehrer und Freunde geworden sind, 
dürfte heute schon nach Hunderlen zu berechnen sein. — 
Man verstehe uns. Wir* haben mit all dem Gesagten k^ine 
Vergleichungen anstellen wollen; es ateht weder uns zu, 
noch ist es überhaupt an der Zeit, über die Stellung von 
Brahms zu den Künstlern der Vergangenheit und Gegen- 
wart eine endgültige Meinung abzugeben; wir wollten 
nur zeigen, wie wenig bei der Würdigung des wahren 
Werthes desselben auf den Geschmack des Publioums, auf 
die Auslassungen der keineswegs imro<3r gewissenhaften 
Kritik, auf das Urtheil der keineswegs immer ▼onirtheils- 
freien, zur Erfassung fremder Individualitfit sofort tehigeo 
Kunstgenossen unbedingter Werth zu legen sei und dass 
es hier wie überall der Zukunft überlassen bleiben müsse, 
zu entscheiden , was bleibend und acht war. Unterdes- 
sen wollen wir wie bisher versuchen, durch detaillirte 
Betrachtung des Gebotenen über den Inhak und die Ab- 
sicht des vorliegenden Werks zu bestimmterer AnsohauDDg 
zu gelangen. 

Das neue Quintett geht aus F-moU, einer Tonart, in 
welcher wir gewohnt sind, den Ausdruck pathatisch^tra- 
giscber, düsterer und trüber Seelenstinunungen zu er- 
blicken. Den Charakter des Pathetischen athnoket gleich 
das Ilauptthema des ersten Satzes (F-moll Vt Aüegro non 
troppo), welches in breitem Unisono anhebt und im vier- 
ten Takte auf dem Dominantaoeorde schliesst : 



Pfte. 



ö 



»fc^ 



x-iMn 



i 



rr^\iir^ 



ri tun 



Viol. I 
VCeUo, 




Pfte. 



Nr. 17. 



135 



J I Tempo I.' 



g^^^p af#4"^^ 



riteo. 

Auf diesen kräftigen Eingang lässt das Ciavier in dreimal 
wiederhol tein Ansätze eine harmonische Sechszehntelfigur 
folgen, welche aus dem vorigen Achtelraotiv hervor- 
geht, und worauf die Instrumente mit mächtigen Accord- 
schlägcn antw^orten; beim dritten Male spinnt sich die- 
selbe etwas weiter aus, schliesst noch einmal mit aller 
Kraft auf der Dominante, worauf das Thema von neuem 
in den Instrumenten unisono auftritt, mit kräftigen harmo- 
nisch begleitenden Achtelgängen des Claviers. Zu den 
Forlsetzungen derselben im Ciavier erklingen die Sechs- 
zehntelfiguren in den Instrumenten; kühne Modulationen 
führen zum Abschluss in F-moll. Nun folgt in der Violine 
ein Gegenthema von contrastirendem Charakter, welches 
sowohl durch den Rhythmus selbst, als durch die Harmonie, 
worin wir namentlich den Ton des als kleine Nene fort- 
während durchkfingen hOren, eine unruhig, ungeduldig 
klagende Empfindung ausspricht : 




Nach einer kurzen Wiederholung desselben dureh die 
Bratsche nimmt es die Violine auf, erhebt sich damit in 
schneller, kräftiger Steigerung und führt in kühner, un- 
erwarteter Modulation nach Cis-moU, worin, nach kur- 
zer Vorbereitung durch eine unruhige Triolenbewegung 
ira Bass, ein zweites Thema von ganz eigenthümlichem 
Charakter einsetzt: 



Pfte.; 



\ «- J ^ « 

^^^m 




Pfle. 







» #^ ^ 



i£iit-ZZ^ 




Es liegt etwas wild -phantastisches in den springenden 
Figuren und ausgespannten Gängen ; durch ein folgendes 
Motiv der Bratsche , während dessen die Triolenfigur im 
Ciavier weitergeht, und durch das sich anschliessende 
Moduiiren nach Cis-dur und D-dur (pp) wird unser Sinn 
in träumender Erwartung festgehalten, bis das Thema in 
den Instrumenten wieder auftritt, durch den letzten Gang 
desselben sich Fortsetzungen anschliessen und der Ab- 
schluss vorbereitet wird, der lange zwischen Dur und 
Moll schwankt, bis lang gezogene ausdrucksvolle Figuren 
der ersten Violine zur Sechszehntelbewegung des Claviers 
nacli Des- (Cis-) dur führen. In den Figuren glaubten wir 
einige Verwandtschaft mit entsprechenden Partien des 
Beethoven'schen Fmoll-Quartetts (Op. 95) zu erkennen; 
auch findet sich eine Analogie mit demselben in der Folge 
der Tonarten, indem der Abschluss des ersten Theiles 
nicht in der Paralleltonart, sondern in der Unterdominante 
derselben, erfolgt. Aber abgesehen von einzelnen Aehn- 
lichkeiten sind wir mehrfach sowohl in diesem wie an- 
dern Werken Brahms an die eigenthüHiHcb-tnaige Weise 
der späteren Beethoven'schen Werke t^rinnert worden, 
und glauben, dass darin mehr wie IleuiiiU&ct^nzeji und 
Anklänge, dass vielmehr ein innerer, verwandlscbaftlicher 
Zug darin erkannt werden darf, der, weuü wir uns in die- 
ser Beobachtung nicht täuschen, Brahms* Talent schon 
darum als vielseitiger und tiefer als das der meisten 
seiner Zeitgenossen erscheinen lässt, well in ihm sich 
neben vollständiger Beherrschung des modern-romanli- 
schen Stils der Geist der grossen Verganü;eüoo lebendig 
erweist, während wir bei der grossen Mehrzahl der Le- 
benden nur einseitige Nachahmung Mendeli>sohn'scbcr und 
Schumann'scher Weise finden. ^ 

Doch wir kehren zu unserm ensten Satze zurück. Noch 
ist der Schluss des ersten Theils nicht erreicht; sondern 
wie, um frohe Erhebung nach erreichtem Ziele auszu- 
drücken, setzt noch ein Schlussthema in Des ein: 



i^^s^^W 




'T-rzTf r 




Pfte. 




i^i^^^^^^ 



17* 



136 



Nr. 17. 




^^^^si 



-j-nr-- 




Pfle. 



welches in anderer Form wiederholt wird und wobei die 
punktirtc ßewegting sich zu Achteln abschwächt. Der 
8chluäs erhatt durch die fortwährende Betonung der 
schwächeren Takttheile etwas unsicheres, zweifelndes 
und bildet dadurch eine, wie man fühlt, innerlich wohl 
inotivirte Vermitliung z^^schen dem letzten Thema und 
der Wiederhokuig des Anfangs, Die unsichere, zaghafte 
Bewegung geht im Anfange des zweiten Theiles noch lange 
fort, man hörl zwischen den leise, gegen den Takt ange- 
schlagenen Accorden der Instrumente eine gebundene Fi- 
gur des CJaviers, zweimal erscheint auch die Bewegung 
des ersten Themas , aber nicht mit der früheren patheti- 
schen Kraft, sondern ebenfalls zweifelnd und ängstlich; 
und die oft und Überraschend wechselnde Modulation in 
diesem Abschnitte vollendet den Charakter des Zaghaf- 
ten, fast Uoheinilrchen. Nach einem Abschlüsse auf B- 
moU weicht dasselbe einem unruhigen, aus gebrochenen 
Figuren zusammengesetzten Thema, welches in eiliger Be- 
wegung einem kräftigen Schlüsse auf der Dominante von 
B-moü zuführt, worin dann das zweite Thema (früher 
Cis-moll] wieder einseUt; in verschiedener Lage, mit 
manchen Veränderungen, namentlich in den Anhängen, 
wird dasselbe durchgeführt, bis es noch einmal in voller 
Kraft in C-moll einsetzt und darin ausklingt. Jeder wird 
sich aus vielen Werken Beethoven's, namentlich der 
grösseren Sympbonien (Eroica, C-moll) erinnern, dass in 
der DurchfUhrungspartie des zweiten Theiles einmal eine 
Stelle eintritt, in welcher der Ausdruck des ganzen Stücks 
gleichsam seinen Höhepunkt erreicht, an welchem der 
Ausdruck sich gleichsam concentrirt und zur höchsten 
Kraft und Fülle steigert. Auch in den Brahms'schen Com- 
positionen ist es leicht, diesen Gipfelpunkt, zu welchem 
alles Vorhergehende hinleitet, zu finden, und er weiss, 
denselben mit grossem Geschick vorzubereiten. Doch 
kann derselbe auch zur Klippe werden. Es kommt näm- 
lich darauf an, nicht nur dass derselbe sich organisch aus 
den thematischen Grundelementen und dem Charakter des 
Stücks entwickele, sondern dass dieselben auch in ihm 
selbst fortwährend erkennbar und fühlbar bleiben, dass 
namentlich das Aufbieten aller Kraft nicht zu Gewaltsam- 
keiten, zum Verlassen der musikalischen Schönheit führe, 
und dass wir uns an solchen Stellen nicht ganz von dem 
Grundtypus des Stücks entfernt fühlen. Wir glauben — 
und müssen das aufrichtig aussprechen — dass Brahms in 
einigen seiner früheren Werke an dieser Stelle zu weit 
gegangen ist, und auch wenn wir die Stelle betrachten, 
welche in unserm Quintett den oben angeführten starken 



Eintritt auf G-moll vorbereitet, die Iniitation mit dem Mo- 
tive des zweiten Themas und die darauf folgenden punk- 
tirten Figuren, so glauben wir im Allgemeinen ausspre- 
chen zu dürfen, dass hier die Stello ist, wo Brabms zu 
jenen früher erwähnten Herbigkeiten und Gewaltsamkei- 
ten, welche zum Theii in einem Vorwiegen der Reflexion 
vor dem ununterbrochenen Strome des Empfindens am 
meisten hinneigt, und wo daher besondere Vorsicht Noth 
thut, dass nicht vor einer beabsichtigten grossen Wirkuof; 
die Schönheit zurücktrete. — ^Nach diesem /f beginnt nun, 
schnell und unerwartet, der Rückgang zum ersten Thema, 
dessen gleichsam verdeckter Wiedereintritt zu den ab- 
steigenden Accorden des Claviers und dem C der Bässe, 
einmal sogar zwischen Dur und Moll sich gleichsam be- 
sinnend, uns noch einmal an jenes Zweifeln und Zagen 
zu Anfang des zweiten Theiles zurückerinnert , bis das 
Glavier mit jener uns bekannten Sechszehntel figur durch- 
bricht und mit denselben Modulationen, wie ganz zu An- 
fang, zu der kräftigen Wiederholung des Hauptthemas 
fuhrt. Nun wiederholt sich im Ganzen der frtibere Ver- 
lauf; der nothwendige Wechsel der Tonart wird kurz da- 
durch herbeigeführt , dass das Gegenthema vom Violon- 
cell sofort statt in F-moU , in B-moIl eingeführt wird, so 
dass nun der Einsatz des zweiten Themas in Fis-moll er- 
folgt. Aus den Fortsetzungen desselben bildet sich ein 
rascher Uebergangi nach F-moll, worin das Thema wie- 
derholt wird — aber nur harmonisch übereinstimmend, 
während die springenden, abgebrochenen Figuren in eine 
zusammenhängende ruhige Achtelbewegung übergegangen 
sind — das Phantastische, W^ilde hat einer schwermttthi- 
gen Resignation Platz gemacht. Die früheren Scblusswen- 
dungen treten nun in F-moll auf und führen nach langem 
Zuge noch einmal zu F-dur, worin das dritte Thema , in 
veränderter Vertheilung (warum?) auftritt. In schönen 
harmonischen Gängen über dem tiefen F als Orgelpunkt 
werden wir zu einer Coda (770C0 sostenuto) hingeführt, in 
welcher zu dem noch immer festgehaltenen tiefen P des 
Claviers die Instrumente im Wechsel Achtelfiguren, die 
sich aus dem Thema entwickeln , mannigfaltig sich ver- 
schlingend anstimmen , nach B-dur führen und (während 
das Ciavier verstummt] in syncopirten Accorden ganz leise 
hinauf- und wieder hinabsteigen; das Cello deutet in der 
schon früher gehörten zweifelnden Weise das Thema wie- 
der an, und als dasselbe immer deutlicher erklingt, fällt 
auch das Ciavier wieder ein, eine mächtige Steigerung an 
Kraft und Schnelligkeit führt zu F-moll zurück , und mit 
der Sechszehntelbewegung und den begleitenden Accor- 
den, zuletzt mit dem Motiv des Hauptthemas wird der 
Schluss in wahrhaft grandioser Weise herbeigeführt. — 
Sagten wir oben, dass die Durchführungspartie, nament- 
lich der Höhepunkt derselben, eine Klippe sei, an wel- 
cher Brahms' Neigung zu herben Modulationen und zu 
v.erstandesmässiger Durcharbeitung mitunter zu scheitern 
Gefahr laufe : so dürfen wir im Gegensatz hierzu die 
Schlusspartien durchweg als Glanzpunkte seiner Sätze be- 



Nr. 17. 



137 



zeichnen. Man beobachte die meisten seiner früheren 
Werke, um zu erkennen , mit vs'^Icher Feinheit er hier die 
Hauptmotive noch einmal zu unerwarteten^ ganz wunder- 
baren Wirkungen zu verwenden versteht. — Wenn wir 
auf den ganzen ersten Satz zurückblicken, auf den Reich- 
thum selbständiger, ausdrucksvoller, dem Ausdruck nach 
vollkommen von einander verschiedener Themata, auf die 
geschickte , ganz ihrem Charakter entsprechende Vorbe- 
reitung und Entwicklung derselben, auf die Sicherheit 
thematischer, harmonischer und überhaupt formeller Be- 
handlung, so müssen wir ihn als der Anlage wie der Aus- 
führung, dem Gehalt wie der Form nach bedeutend be- 
zeichnen. Auch der äusserliche Punkt der Instrumentirung 
zeigt einen Fortschritt gegen früher : die Instrumente tre- 
ten in mehr geschlossener Weise dem Ciavier gegenüber, 
die einzelnen sind einfacher und mehr ihrer Natur gemäss 
behandelt, nur selten finden sich auch wieder Figuren 
denselben zugetheilt, die wir als claviefmässig bezeich- 
nen dürfen. Und auch der tiefere poetische Gehalt muss 
bei tieferem Eindringen ergreifen: wir glauben einen 
Kampf mit einem unerbittlichen Geschick zu vernehmen, 
weiches uns, indem wir mancherlei Wünsche verfolgen 
und frei hinausstreben möchtcB , vor dem Eingreifen des 
scheinbar Erreichten scheu zurückschrecken ISsst. 
(Schluss folgt.) 



Die Leipziger Concertsäison 1865/66. 

S. B, In derfolgenden statistischen Zusammenstellung geben 
wir vorerst ein Bild der Th'ätigkeit der hiesigen Öffentlichen 
und wichtigeren Musikinstitute, und knöpfen dann einige all- 
gemeine und specielle Bemerkungen an dasselbe an. 

I. Gewandhaus. 
M Ab^neMeit-foncerte Bebst Pensi^iisfMd»- ud Amen- 
feiicert. Symphonien: Em. Bach, D. J. Haydn, D, Mili- 
tär-, Fis-moli (Abschieds-) und B. Mozart, Es. Beethoven, 
Nr. 3, 4, 5, 7, 8, 9. Schubert, C. Schumann, D-moll, B, C, 
Es. Reinecke, A. — Ouvertüren: Mozart, Zauberflöte. M6- 
hul, «Joseph« und DGabrielle d*Estr6esa (zum \ . Mal) . Vogler, 
Samori. Beethoven, Leonore Nr. 4 und 3, Goriolan, Weihe 
des Hauses Op. 4 24. Gherubini, Anacreon, Abenceragen. We- 
ber, Euryanthe, Oberen. Schubert, Alfons und Estrella (zum 
f. Mal). Righini, Tigranes. Spohr, Jessonda. Marschner, Yam« 
pyr. Mendelssohn, Meeresstille und glückliche Fahrt. Schu- 
mann, Genoveva. Gade, Hochland. Y, Lachner, Demetrius 
I (zum 1. Mal). Meyerbeer, Struensee. Grützmacher, Goncert- 
I (neu) ; h Raff, Fest- (neu) . Yiertiog, Hermannsschlacht (neu) . 
— Andere Orchesterwerke: Gluck, Balletstücke aus 
Orpheus, desgleichen aus Helena und Paris. Bach, Goncerl in 
(t. Mozart, Serenade für Blasinstrumente. Beethoven, Egmont- 
Musik. Gherubini, Entr'act aus Medea. Schubert, Entr*acts zu 
Rosamunde (zum 4. Mal). Schumann, Ouvertüre, Scherzo und 
Pinale. Fr. Lachner, Suite Nr. 3 F-moll (neu) . Esser, Suite F-dur 
(nea). Gouvy, Allegro, Sicilienne, Menuett und Epilog (aeuk.:^^ 
Werke für Ghor und Orchester: S. Bach, »Nun*.u.*uas 
HeilaGantate. Händel, Plagenchöre aus »Israel«. Schubert, Kyrie 
aus der Es-Messe. Spohr, Fragmente aus »Jessonda«. Beetho- 
ven, Chor-Phantasie. Mendelssohn, Lobgesang, Fragment aus 
Antigene, Finale aus »Loreleya. Schumann, Maüfred. Hiller, 



Pfingsten. -«AndereChöre von L. Schröter, Mozart, Cheru- 
bini, Fr. Schneider, G. Kreutzer, Beinecke (neu). — Arien und 
Ensemblestücke von J. Gh. Bach, HUndel, Mozart^ Haydn, 
Glack, Beethoven, Spohr, Weber, Mendelssohn, Cimarosa, 
Pergolese, Hasse, Graun, Gherubini, Herold, Rossini, Glinka. — 
Lieder von Reichardt, Schubert, Mendelssohn, Schumann, 
Franz, Taubert, Rubinstein, Gordigiani, Alabieff. — Goncerte 
und Gon'certstücke; Pianoforte:. Beethoven, G-moll, 
Es, Ghorphantasie. Mendelssohn, G^moll. Yolkmann (zum 
i. Mal), Sainfr-Sagns (neu). Chopin, E-moll. Yioline: Beet- 
hoven, p. Spohr, Gesangsscene, D-moll. David, D-molI. 
Joachim, Ungarisches. Litolff. Yioloncell: Molique, Ser- 
vais. Pianoforte, Yioline und Yioloncell: Beethoven. 
Oboe: Mozart (zumi.Mal). — Glavier-Solostücke von 
S. Bach, J. Chr. Bach, Friedemann Bach, Galuppi, J. L. Krebs, 
Händel, Schumann, Liszt, Reinecke (neu), Rubinstein. — 
Yiolinstücke von Tartini, Ernst und Yieuxtemps. — Yio- 
loncellstücke von de Swert. — Harfenstücke von Pa- 
rish-Alvars und Pönitz. 

8 Abeadinterhaltuigeii für Kannemurik, Streichtrio: 
Beethoven, Serenade Op. 8. — Streichquartette: Haydn, 
D, G. Mozart, G. Beethoven, G Op. 59, B Op. 4 30, Gis-moll 
Op. 434. Spohr, E-moU. Mendelssohn, Es Op. 44. Schumann, 
F-dur. — Streichquintette: Mozart, G-moll. Beethoven, 
C-dur. — Sonaten; Glavier und Yioline: Hiller. Glavier und 
Yioloncell: Beethoven, G-moll. Reinecke (neu). — Glavier und 
Yiola da Gamba (Yioloncell) : S.Bach. — G lavier tri os : 
Haydn, G-dur. Beethoven, gr. B. Schubert, B. Mendelssohn, 
D-moll. — Yiolin-Sonate von Leclair. — Für Streich- und 
Blasinstrumente: Mozart, Divertimento, B. — Glavier-Solo- 
stücke von Hiller und Jadassohn. 

Als S^listeB Hessen sich im Gewandhause hören: *) Gla- 
vier: Frl. AT Zimmermann, Herr Saint-SaSns, Herr Reinecke, 
Herr Pauer, Herr Labor, Herr Blassmann, Fräul. Skiva, Fräul. 
Hauffe, Herr Petersilea, Frl. Krebs. Yioline: Die Herren Da- 
vid, Petterson, Grün, Auer, Dreyschock, Bargheer. Yiolon- 
cell: Die Herren Lübeck, Grützmacher und de Swert. Oboe: 
Herr Lund. Harfe: Herr Pönitz. — Gesang: Frau von Ko- 
tschetoff, Frau J. Flinsch, Frl. Scheuerlein, Herr Schild, Frl. 
Suvanny, Herr und Frau Marchesi , Frl. Rothenberger, Frau 
Pögner, Herr Scharfe, Frau Rudersdorff, Fräul. übrich, Herr 
Rebling, Frl. Borchard, Frau Schlegel-Köster, Herr Sabbath. 

II. Musikverein Euterpe. 

1 (8) Irckester-Coiicerte. Symphonien : Beethoven, Nr. 3 
und 9. Schubert, G-dur. Schumann, B-dur. Yolkmann, D- 
moll. Jadassohn, G-dur. — Ouvertüren: Gherubini, Ana- 
creon und Medea. Spontini, Olympia. Weber, Jubel-. Schu- 
mann, Genoveva. — Andere Orchesterstücke: Händel, 
Goncert D-moll. Wagner, Yorspiel zu Tristan und Isolde. 
Dreszer, Yorspiel aus Yalmoda. — Werke für Ghor, Soli 
und Orchester: Gluck, Orpheus ( siehe noch weiter unten 
»Euterpe und Singacad^mie vereinigta). — Goncerte und 
Concertstücke, Pianoforte: Beethoven, G-moll. Mo- 
scheles, G-moll. Yioline: Beethoven, D. Spohr, Nr. 6 u. 7. 
Bott , Andante und Capriccio. Yioloncell: Goltermann . — 
Glavier-Solostücke, Pianoforte: Bach, Schumann, 
Chopin, Henselt, Liszt. Yioline: Tartini, Spohr. Flöte: 
Mozart, Demerssemann. — Arien von Mozart. — Lieder 
von Mozart, Beethoven, Mendelssohn. 

2 Soireen für Kammermusik: Streichquartette: kei- 
nes. Quartett mit Flöte: Mozart. Streichquintett: 
Mozart, G-moll. Septett: Beethoven. Glavier-Trio: We- 
ber, G-moll. Glavierquintett: Schumann. — Yerschie- 



*) Das Yerzeichoiss macht keinen Anspruch auf Yollständigkeit, 
namentlich in Hinsicht der Ksunmermasik-Unterhaltungen. 



138 



Nr. 17, 



den es: Scbomann, M&hrchen-Erzähkmgen für Ciavier, G)at 
rinette und Bratsohe« S. Bach , Sarabande und SiciltenQe für 
Flöte und Ciavier. 

Als Selislen liessen sich in den 9 Concerten der Euierpe 
hören: C lavier Frl. A. Mehlig, Herr v. Bernuth, Frau Heinze. 
Violine die Herren De Ahna, Jakobsohn, J. Bott, Boltandt 
Violoi&cell di« Herren Lübeck und Grabau. Gctsang Frl. 
Baraldi dell Ära, Frau Flinseb, Frl. Baer, Frl. Suvanny, Herr 
Rebling. Flöte Herr De Yr<yye. 

IIT. Siügacadernie. 
Chöi'e, von J. Christoph fiach, »Ich lasse dich nicht«. Ros- 
sini , aus dem Stabat mater. Mozart , Ave verum. Schumann, 
Zigeunerleben. Hauptmann. Meinardus, Roland's Schwanen- 
Red. Jensen, firautlied. — Lieder von Schumann. — In- 
strumentale Zwischenstücke von Beethoven und Yolk- 
mann. 

lY. Euterpe und Singacademie vereinigt. 

Chöre mit Soli und Orchester: Gacte, Frühlingsbote 

Schafte Gluok, Schlusesoenen des S.Acts der Armide. Rossini, 

SlabatmcUer, — Arie von Mozart. — Solisten, Gesang: 

Frl. Santer, FrL Wilde, Frau Pögner, Herr Gunz, Herr Freny, 

V* RiedeTscher Verein. 
Chöre: Ü, Schütz, sieben Worte. Eccard, 5stimmiges 
Festlied. Prätorius, Weihnachtslied. Grossere Werke für 
Chor, Soli und Orchester: Astbrga, Stabat mater. S. Bach, 
Johannispassion. Beethoven, Grosse D-Messe. — Gesangs- 
Solisten: Frau Jauner-Krall , Frau fteclam, Frau Krebs-Mi- 
chalesi, Frau Pögner, Herr SchUd, Herr Schulze. 

VI. Einzelne Goncerte. 

PamlIifer«C«ilcert< Werke für Mäanercbor nhd Or- 
chester: F. Hiller, Psalm 93. G. Yierling, »Im Herbst«. J. 
Brambach, Yeleda . Kleinere Chöre von Schubert, Sticher, 
Weinwarm und Rubfnsteih (sätnmtlicbe Werke mm I . Mal] . — 
C lavlers tu ckjd von Chopin, Mosdieles und St. Heller. Lie- 
der von Mendelssohn und Taubert. Solisten, Gesang: 
Frl. übricb, Frl. Brenner, Herr Wiedemann. Clavier Herr 
Labor. 

Zwei historische Concerte des Ehepaars Mar- 
chesi* 

Zwei Of gelcöncerte, derlehrerversamtnlung und des 
Hrn.^^Ilöpner. 

Char freitags- Aufführung. Matthäus -Passion von 
S. Bach. Solosänger: Frl. Scheuerlein, Prau Pögner, die 
Herren Schild, C. Hill, Gilt. 

(Scbluss folgt.) 



3Siii6 Ansicht über M. Hornig und B. Sohiunann's 
f fUer Böse FUgerfahrt' ' « 

(Aus Mainz war uns vor einiger Zeit ein bereits verspäteter 
Bericht zugökommefi , den ^ir überdies aus Mangel an Raum bis 
heute llegeil* lassen in ussten. Wir gebeb daher nur das aus jenem 
Bericht, was ims nodh heute von Interesse zu sein acheint. O. Red.) 

S. Das vorjährige mit Judas Maccabäus gefeierte Musik- 
fest hatte ein so freundliches Andenken in uns hinterlassen, 
dass wii* gern die Gelegenheit wahrnahmen , das am H . Dec. 
im Sladttheater unter Friedr. Lux* Leitung sfaltgehabte Con- 
cert der vereinigten »Liedertafel« und »Damen-Gesang- Vereine 
zu besuchen. Die Hauptnummern des Abends waren Spohr's 
C moU-Symphonie und Schumann's Cantate »Der Rose Pilger- 
fahrta Erfi'eullch war Uns die in allen Theilen durch- 
dachte, feste und runde Aufführung der schönen Spohr^schen 
Symphonie. Wir können zwar nicht dem auffliegenden Enthu- 



stasmüd A.' Kahlert's folgen , der (BlStter aus der Brieftasche 
eines Musikers S. 207 ff.) auf die Symphonie ein ganzes Mähr- 
chen von der verlornen und wiedererkämpften GeUebten dich- 
tete und auf jeden Fall viel zu hoch gegriffen hat , wenn er 
Spohr*s weiches Larghetto alles Ernstes mit dem Allegretto der 
Beethoven'schen A-dur- Symphonie vergleichen wollte. Eber 
noch möchte der erste Satz hie and da an die Pastorale an- 
klingen, wogegen das Ganze in seiner glatten Factur von dem 
kräftigen Pathos eines Beethoven gewiss weit genug entfernt 
ist. Späteren Symphonien gegenüber bleibt diese Spohr'sche 
immer ein hohes and edles Werk, voll Zug und Schwung und 
seligem Wohllaut und frei von atl den prfckelRden and schU- 
genden Effecten, womit manche Andere bei der Menge Glück 
zu machen suchten. 

Besondere Theilnahme fand dann Schumann^s liebliche 
Cantate ; ohne gerade in lauten Beifall auszubrechen, schien 
das Publicum durch die so reizend vom Idyllischen in's Ele- 
gische spielende Musik vielfach erw&rmt atid angeregt 

Nach den gar nüchtern und schnöde abweisenden Bemerkun- 
gen A. Reissmann's (Rob. Schumann S. 4 86 f.) möchten wir 
hier einige Worte über die Composition selbst anknüpfen. 

Dass die zu Grund liegende Dichtung M. Horn's für sich 
genommen recht herzlich schwach und unbedeutend, ja iß 
ihrer ganzen Anscfaauungs^ und Darstellungsweise stark ver- 
blichen und gealtert ist, steht wohl ausser Frage. sSie rührt 
auch nicht entfernt an die schöne Idee , die sie auslegen und 
verklären möchte: die Verherrlichung der Liebe als des höch- 
sten Erdenglücks, darnach selbst die seligen Geister aus ihrer 
leidenschaftslosen Höhe sich hernieder sehnen. Wie ernst und 
grossartig fasste dagegen der starke Dichtergeist Byron's densel- 
ben Gedanken in seinem Mysterium »Himmel und Erdea 1 Moritz 
Hörn gab uns ein leichtestes Probestückchen jener versgeringelten 
Mährchen-Komantik, die mit ihrer bis zur Blumensprache suhli- 
mirten Senttmentalität eine Zeit lang bei unseren Damen Mode 
war. Auf solchen Text eine Musik zu setzen, konnte nur einem 
Schumann bei fallen, dessen zart empfindendes Gemüthsleben 
mit der weiblichen Natur so manche Berührungspunkte zeigt. 
Hier aber , wo vom Weibe nicht weiter vonnötben , haben — 
gegen R. Wagner's Doctrin — Dichter und Componist die Rol- 
len gewechseil: die Dichtung ist durchaus receptives Element 
geworden, die Musik die wirkende und eöhaffend« Kraft, Mo- 
ritz Hörn das Weib, Schumann der Mann. Lese doch» wem 
es möglich ist, den blossen, Text, diese Wörtlein von Rösleio 
und Schwesterlein, und höre er dann die Musik, die geradezu 
allein den Text flott gehalten und den wörtlichen Ausdruck 
über sich selbst gehoben und hinausgeführt. 

Freilich' darf man hier, wie fast durchweg bei Schumaua, 
nicht das zu »beliebten Motiven tf herhaltende Tonstück ver- 
langen, solch feste herzhafte Melodie, die man, den Text in der 
Tasche, »getrost nach Hause tragen« und stracks als Lied ohne 
Worte vom Instrumente spielen kann. Selbst jenes gerübiste 
Waldlied darf man so wenig wie die Elfenchöre , an sinnlich 
melodischem Reiz neben Weber und Mendelssohn stellen, üud 
gar jene Schilderung der Hochzeitsfeier , im zweiten Theil der 
Rose, mag wohl neben der ungebundenen derben Lust eines 
Haydn'schen Herbstchores matt und schwächlich erscheinen; 
man meint, die Leute suchten sich ihre Freude erst einzuredeo 
und anzusingen. Allein Umgebung und Ton des Ganzen ver- 
trugen da keine stärkeren Striche und Farben: wo zwei iO 
zarte Seelen Ewig mein und dein sagen, dürfen sie draussen 
nicht zu laut sein. Die fest Im Leben stehenden, lAcht in un- 
mittelbaren Herzensantheil und Mitleidenschaft gezogenen Pef* 
sonen, Todtengräber und Müller, sind ohne ausgeprägte indi- 
viduelle Züge, fast abstracto Figuren, und das fühlte auch der 
ehrliche Mainzer Bass, der immer mit seinen Singversen hinter 
dem Flügel hervortrat und dann eiligst versohwand. 



Nr. 17, 



U9 



Der Wertbuntorschied der beiden Tbeile unserer Cantate 
ist erheblicb and an sich bemerkenswertb. Fast der ganze 
erste Theil fällt als blosse Exposition und Vorbereitung des 
kleinen Dramas in unrettbare Monotonie : Declamation zu or- 
chestraler Malerei. Ein charakteristisches Decorationsstück- 
chen darin ist die Begräbnissscene, wie die Hochzeit im zweiten 
Theil. Von der lebendig gefühlten Introduction (»Die ersten 
Blumen tanchena) und einigen recht hübschen Tonspielchen 
(»Ein dufldurchfriscbter Morgenwind wirft Aepfelblüthen ihr 
ins Haar« etc.) abgesehen, zählen wir das Andere zu den ro- 
mantischen Subtilitäten , die uns starkem Geschlechte doch 
nicht mehr in den Sinn wollen. 

Erst mit dem zweiten Theil , wo der trübselige Todtengrä- 
ber aus dem Spiel und der den Context recitirende Tenor we- 
niger zu Worte kommt, da bringt die im jungen Mädchen«^ 
herzen keimende, wadisende, in Btiithe brechende Liebe Leben 
und Interaese in die Fabel , und auch die Musik gewinnt in 
steigender Bewegung an Form und Fluss. Da haben wir dann 
die schönen Duette »Zwischen grünen Bäumen« und »Ei Mühle» 
liebe Mühlea, den prächtigen Männerchor, das Liebesduett mit 
dem in den bellen Herzensjubel stimmenden Chor, weiter den 
Hochzeits- und zum Schluss den selig aufsteigenden Engel- 
chor. Keissmann will gleichwohl nur im Duett »Ich weiss 
ein Röslein prangen« seelischen Zug zuni Ausdruck gebracht, 
im Uebrigen vorwiegend »decorative Bedeutung« finden. Schu- 
mann habe eben »ohne weitere innere Anregung« (1) zu Wor- 
ten Musik gemacht, mit geläufiger Technik Worten Noten an- 
gepasst. Da fragen wir denn doch für die ebengenannten 
Nummern des zweiten, für die kindlich heiteren Frühlings« 
ges'ange, den so munter spielenden zweiten Elfenchor des ersten 
Theils : haben sie nicht wirklich inneren Gehalt , nicht Seele 
und Ausdruck, strebenden Zug, ein eigenes Leben? Gewiss 
wird jede nur einigermaassen gelungene Aufführung darauf 
genügende Antwort geben , und wir danken der Mainzer ins- 
besondere, dass sie diesem unserm Glauben volle Bürgschaft 
geboten. 

Nachricliteii« 

München. (Da unser Münchener Correspondent längere Zeit 
durch Unwohlsein vom Concertbesuch abgehalten ^ar, so können 
wir den Lesern statt eines Berichts diesmal nur die Programme der 
slattgefandenen Copc^rt^ mittb^iljan. D. B^d.) jEr9te;5 Abonn e- 
ment-Concert im königlichen Odeon: Beethoven's 8. Sym- 
phonie, Duett aus »Euryanthe«, Elegie für Violoncell von Rom- 
berg, Gebet (Quartett für vier SolostiromenO von F. Schubert, »Im 
Freien«, Concertstück in Form einer Ouvertüre von Beruh. Scholz 
!oeu). — Zweites Abonnement-Coucert: Suite von Raff 
(qeu, gefiel nur tbeilweise) , Orgelsonate in F-moll von Rheinberger 
(neu, fand Beifall), Trauermarsch von Fr. Schubert, orchestcirt von 
Fr. Liszl (zum i. Mal), Fest- Ouvertüre von Beethoven Op. jl24. — 
Erste Quartett-Soiree der Herren Walter, Closner, 'Thoms 
uud Müller : Quartette in F von Mozart, in C-moll von Beethoven, in 
Es von Uaydn. — Zwei Abende für ältere und neuere Claviermusik 
von H. von Bülow, in welcher S. Bach noit i , Beethoven mit 2, 
Schumann, J. Raff, Rheinberger, Bülow mit je 4, Liszt aber mit vier 
Compositionen vertreten war, unter letztern »Zwei kirchliche Le- 
genden, 4) Die Vogelpredigt des heil. Franciscus von Assisi, 2) Der 
heil. Franciscus von Paulla auf den Wogen schreitend« (I). — In 
einem Concert des Violoncellisten Hrn. Franz Bennat, kgl. Hof- 
muslker, wurde u. A. ein Ciavier-Xrio von J. Rheinberger gesBielt, 
welchem unser Referent, der es Höher zu kennen scheint, ErduAung, 
brilianten Ciaviersatz, schöne thematische Arbeit und Geist nach- 
rahmt. -^ Zweites Conct rt des Oratoriea-Verieins: Siabat ma- 
ter von J. Haydn, »Die Flucht der heil. Familie a von M. Bruch, 
Hymne für vier Frauenstimmen und Harfe von J. Rheinberger, Mlr- 
jam's Siegesgesang von F. -Schubert. — Das letzte Abonnement-Con- 
oert endlich brachte Haydn's Symphonie in B , Abert's »Columbusa 
(wiederholt) und Schumann's Clavier-Concert (4. Satz), gespielt von 
dem blinden Pianisten Carl v. d. Tann, 

Grössere Aufführungen der letzten Zeit fanden statt: In G arls- 
f uhe, am Palmsonntag Beethoven's Neunte Symphonie, am Char- 
freitag Bach's Matthäus-Passion. In Aachen am as.ltfllrz Bach's 



Hatihlust-PassioQ. In Ba rmen am 97. März Händel's Messias und 
Mozari's Requiem. In Stuttgart am 30. März durch den Verein 
für classiscbe Kirchenmusik E. Astorga's Stabat maier (4 . Theil] und 
zwölf Nummern aus Bach's Johannes-Passion (Stückwerk !). In B o- 
zen am Charfreitag durch den Musikverein und Pfarrchor Spohr's 
Oratorium »Die letzten Dinge« (